I. Cäsar
Von einer Buchveröffentlichung der Tragödie Julius Cäsar bei Shakespeares Lebzeiten wissen wir nichts; der erste Druck, den wir kennen, geschah in der Folioausgabe von 1623. Wir wissen aber, daß das Stück 1601 bekannt war; aus diesem Jahr stammt ein Gedicht von Weever (Märtyrerspiegel), in dem die hintereinander folgenden Ansprachen von Brutus und Marc Anton ans römische Volk erwähnt werden, so wie sie durchaus Shakespeares Erfindung sind. Vermutlich gehörte das Stück damals zum Neuesten; wir haben keinen Grund, die Abfassung höher hinauf zu rücken.
Shakespeares Quelle für dieses Stück ist in allem Wesentlichen Plutarch, und zwar die drei Biographien Cäsars, Brutus’ und Marc Antons. Plutarchs Lebensbeschreibungen waren 1579 englisch in der recht guten Übersetzung von Thomas North erschienen. In Plutarch hatte Shakespeare einen nicht unwürdigen Vorarbeiter. Ist es auch eine arge Übertreibung, wenn Jean Paul ihn den biographischen Shakespeare der Weltgeschichte nennt, so ist doch richtig, daß er nicht Ereignisse mitteilt, sondern Gestalten darstellt; daß er die Geschehnisse um eine tragende Gestalt aufbaut; daß es ihm nicht um diese äußeren Taten, sondern um das Ethos und die Seelenverfassung seiner Helden geht. Er wählt, wie Emerson, representative men und will sie in ihrem inneren Wesen zeigen. Damit hat er in Zeiten der Vorbereitung und rebellischen Gärung starken Einfluß geübt; man fand in den Männern der Antike, so wie er sie darstellte, große Männer der Reinheit, Einfachheit, Heldenhaftigkeit und Aufopferung; und mancher Jüngling empfand in der Zeit, die der französischen Revolution voranging, wie Karl Moor, wenn er ausruft: „Mir ekelt vor diesem tintenklecksenden Säculum, wenn ich in meinem Plutarch lese von großen Menschen.“ Dabei ist aber nicht zu leugnen, daß seine Gestaltungskraft gering und seine Psychologie kindlich ist und daß er die Anekdoten, die er zusammenlas, recht wahllos und unorganisch vor uns ausschüttet.
Die Situation, in die wir bei Beginn des Dramas hineinkommen und die Shakespeares gebildetem Publikum, für das die Antike ein wichtiges Element des gesellschaftlichen, politischen, wissenschaftlichen und künstlerischen Lebens und überdies höchste Mode war, noch vertrauter war als uns, ist folgende: Rom ist schon lange nicht mehr bloß Rom oder Italien, ist nicht einmal mehr bloß das große Mittelmeerreich; es ist ein Weltreich; Cäsar selbst ist nach Germanien und Britannien gegangen. Ist es so nach außen auf Macht gestellt, so konnte sich auch der bürgerliche Republikanismus in Einrichtungen, Sitten, Gesinnungen nicht rein erhalten; das Reich stützt sich auf den Soldaten; einzelne Männer rivalisieren um die Herrschaft; die Imperatoren, die militärischen Befehlshaber, begehren auch den Staat in die Hand zu bekommen. So hat es seit langem Bürgerkrieg gegeben. Julius Cäsar, der große General, hat Pompejus, hat auch des Pompejus Söhne besiegt; deren Anhänger sind teils willig, teils unwillig in sein Lager übergegangen. Die Formen und der Apparat der Republik sind noch da; aber mit Benutzung eben dieser Einrichtungen, auf die Legionen und die Volksgunst gestützt, ist Cäsar Selbstherrscher. Die Gefahr aber ist, daß die Macht der Legionen vorwiegend in den Provinzen und auf den Schlachtfeldern wirksam ist; Cäsars Stellung und, es zeigt sich, sein Leben, ist von der Stimmung und den Zuständen der Hauptstadt, ihren Parteien, Bürgern, Beamten und der großen Volksmenge abhängig.
Wenn das Stück einsetzt, scheint Cäsar die Frucht gerade für reif, sein Unternehmen für genügend vorbereitet, seine Stellung für ganz überlegen zu halten; oder er ist immer noch so, wie er früher war, ein Mann, der durch Verwegenheit einschüchtert und siegt: er ist im Begriff, sich zum König ausrufen zu lassen und damit seiner tatsächlichen Macht die äußere Form, der Republik den letzten Stoß zu geben und eine neue Ära der römischen Geschichte zu beginnen.
Ein Teil des Volks, der den berufenen Volksvertretern, den beiden Tribunen Flavius und Marullus anhängt, ist gegen diese grundstürzende Änderung; wir gewahren, wie Casca, der dann einer der Verschworenen ist, seine Hand mit im Spiele hat.
Erst soll so eine Art Generalprobe abgehalten werden, die nun keineswegs nach Wunsch verläuft. Das Instrument soll gestimmt werden; der Versuch fällt aber recht unglücklich aus. Beim Luperkalienfest bietet Antonius Cäsar die Krone an; Cäsar weist sie zurück, und das Volk bestürmt ihn nicht, sie doch zu nehmen, sondern jauchzt über seine republikanische Haltung. „Bei jedem Zurückschieben jauchzten meine ehrlichen alten Freunde“, sagt Casca bei seinem Bericht über den Vorfall; und gerade daraus ist zu schließen, daß das Volk — ein Teil des Volks, der bestimmend wirkte — parteimäßig bearbeitet war. Nun kompromittiert sich Cäsar bedenklich; er hatte ja selbst die Krone zurückgewiesen; bei dem Jauchzen des Volks aber kam die Wut über ihn und mit der Wut ein Anfall seines Leidens; er gerät in die krankhafte Ekstase, reißt „das Wams auf“, um dem Volk Brust und Hals anzubieten, wenn es etwa von seiner opferwilligen Großmut noch nicht zufriedengestellt sein sollte, und fällt in Krämpfen nieder. Daß das bei dieser Gelegenheit geschah, ist nicht überliefert; es ist Shakespeares Erfindung.
Ein paar Tage nachher erst, in der Senatssitzung an den Iden des März, am 15., soll die wirkliche Übertragung der Krone erfolgen. Da aber wird er vorher getötet.
Ein gebietender Staatsmann also wird unmittelbar vor einer entscheidenden Wendung seiner Laufbahn, die er selbst mit Hilfe seiner Partei zustande bringen will, durch politischen Mord getötet. Da erhebt sich die Frage: König werden ist eine große Sache; und das Wort allein besagt schon viel; aber es sagt doch nicht alles; was war sein Ziel? Hatte er eins oder war er nur vom Machtwillen besessen? Was wollte er aus Rom machen? Wie hätte sein ferneres Wirken seine bisherige Laufbahn, seine Vergangenheit und Gegenwart beleuchtet?
Der Dramatiker weiß immer genau so viel, als er will. Es ist sehr wichtig und man muß gut darauf achten, in welche Ecke sich der Dichter mit seiner Lampe stellt, wohin er das Licht fallen läßt, und was er im Dunkeln läßt. Diesmal entschloß sich Shakespeare, nichts zu wissen. Cäsar steht vor uns in dem Licht und Schimmer dieser Unbestimmtheit. Wir sehen eine unsichere, reiche, fruchtbare oder gefährliche Möglichkeit. Wir sehen nicht, was er plante; wohl aber, was die Verschwörer argwöhnten. Das Bild, das dann, nach der Ermordung, Antonius entwirft, ist nicht eigentlich dazu bestimmt, daß wir es für treu nehmen, das Volk soll daran glauben; es geht aus einer wundersamen Mischung von echtem Schmerz und wohlberechnender Demagogie hervor; es stellt nicht den Cäsar vor, wie er zweckhaft bei seinem Leben und Wirken war, sondern wie er jetzt als Mittel benutzt wird.
Solange er uns lebendig vor Augen steht, sehen wir ihn pomphaft, gebieterisch, launisch, willkürlich. Sein Privatestes macht er zu einer öffentlichen Angelegenheit; er will es so, will es wenigstens nicht lassen; er bietet ganz das Bild eines Mannes, der mit ungemeiner Kraft des Geistes und Willens von unten nach höchst oben gekommen ist und nun dabei ist, das Maß zu verlieren.
Gleich sein erstes Auftreten — es gehört zum Erstaunlichsten in der ganzen dramatischen Literatur. So tritt Cäsar auf: ein festlicher Zug kommt; Musik wird gespielt, Fanfaren ertönen; nun naht sich Cäsar mit seinen Angehörigen und Freunden, darunter seine Frau Calpurnia, in deren Gesellschaft sich unter andern — ohne daß sie etwas zu reden hat — Portia, die Frau von Cäsars Freund Brutus, befindet. In diesem Zug geben sie Marc Anton das Geleite, der halb nackt ist. Es ist Luperkalienfest. Plutarch berichtet: „Viele junge Patrizier und selbst hohe Würdenträger laufen dabei nackend durch die Stadt und schlagen zum Scherz und Lachen nach denen, die ihnen in den Weg kommen, mit rauhen Fellen. Die vornehmsten Frauen gehen ihnen dann absichtlich entgegen und halten wie in einer Schule die Hände den Schlägen hin, weil sie glauben, daß dadurch bei Schwangeren die Geburt erleichtert, bei Unfruchtbaren aber die Fruchtbarkeit befördert werde.“ Das mit den rauhen Fellen ist so eine eigene Sache; Plutarch hat entweder den alten Brauch nicht mehr verstanden oder — er hat auch sonst Schulmeistereigenschaften — er war zu zimperlich, um ihn in den rechten Zusammenhang zu bringen. Hier geht uns das aber weiter nichts an; es ist nur zu sagen, daß Shakespeare an diese allgemeine Aufklärung Plutarchs seine besondere Erfindung anknüpft. Mitten in die Fanfaren hinein ruft Cäsar laut: „Calpurnia!“ Casca, mit einem gewissen innern Grimm über Cäsars asiatische Despotenmanieren, vielleicht auch um die Anwesenden auf diese Manieren recht aufmerksam zu machen, heißt die Musik schweigen: „Still da! Cäsar spricht!“ Und nun fordert Julius Cäsar vor versammeltem Volk seine Frau auf, sich beim Wettlauf dem dahinrennenden Antonius in den Weg zu stellen, damit etwa der Fluch der Unfruchtbarkeit von ihr genommen werden könne; Calpurnia gebietet er’s ganz kurz; gegen Antonius ist er höflicher, und zu ihm gewandt fügt er auch diese Begründung bei. Von Antonius bekommen wir eine völlig unterwürfige Antwort zu hören, aus der zugleich Verehrung und unbedingte Gefolgschaft herausklingen soll:
Wenn Cäsar sagt: Tu das, so ist’s vollbracht.
Diesem Auftritt entnehmen wir nun zunächst, daß dem Cäsar überaus viel an Nachkommenschaft liegt; gewiß an dem männlichen Erben; an dem Tag, wo er seinen Staatsstreich inszenieren wollte, mußte ihm der Gedanke an die Dynastie besonders im Kopfe herumgehen. Und hier kann uns zum ersten, nicht zum letzten Mal auffallen, daß dieser Julius Cäsar Shakespeares auch in charakteristischen Einzelzügen eine ganz unleugbare Ähnlichkeit mit Napoleon hat; das kommt gewiß daher, daß Napoleon eine cäsarische Natur hatte; kommt erst recht daher, daß Julius Cäsar das Vorbild des Korsen war, dem dieser nacheiferte und das er geradezu kopierte; mit Plutarch war er überaus vertraut und ebenso mit Voltaires Mort de César, auf welche Tragödie Shakespeares Stück einigen Einfluß übte. Aber die Ähnlichkeit mit gewissen Einzelzügen, die ganz und gar Shakespeares Eigentum sind, spricht doch vor allem auch für Shakespeares Divination, mit der er den Typus des cäsarischen Menschen hinstellte.
So gute Gründe nun also Cäsar zu seinem Wunsch hat, noch einen Leibeserben zu bekommen — einstweilen ist sein junger Neffe Octavius von ihm adoptiert worden —, so wirkt doch der Auftritt, den er da unmittelbar vor einer großen Entscheidung öffentlich in einer sehr intimen Sache hervorruft, vor allem als Hybris, als Übermut; irgend etwas in ihm nötigt ihn, die Grenzen des bürgerlich Üblichen im Stil des unumschränkten Gebieters zu überschreiten. Diesen Eindruck macht die Szene besonders im Zusammenhang mit der Parallelszene, die nun folgt. Die Trompeten blasen wieder, und wiederum ist ein Ruf zu hören; diesmal ist es aber nicht Cäsar, sondern im Gegenteil, aus der Menge ruft jemand Cäsar mit Namen an. Cäsar gebietet nun persönlich Schweigen. „Cäsar neigt sein Ohr.“ Und aus der Menge heraus kommt der Ruf, den wir so kurz und scharf im Deutschen nicht nachbilden können:
Beware the Ides of March!
Auf Cäsars Frage, wer der Mann sei, gibt Brutus — das ist das erste Wort, das wir von ihm hören — die Erklärung:
„Ein Wahrsager warnt dich: hüte dich vor dem 15. März.“
Cäsar läßt ihn vortreten, fragt ihn, was er gesagt habe, und von den Lippen des Mannes kommt noch einmal, als wisse er nur diese Worte:
Hüte dich vor den Iden des März!
Cäsar fragt nicht weiter, will nichts mehr hören:
Er ist ein Träumer; laßt ihn stehen. Vorwärts!
Wir könnten sagen: der Mann, Julius Cäsar, ist zwar abergläubisch, der erste Vorfall hat es gezeigt; aber er ist doch noch mehr stolz. Aber wir brauchen gar nicht anzunehmen, daß er die Warnung lediglich für die Worte eines Träumers, Traumdeuters oder Propheten der Art nimmt. Er weiß ja, was er an den Iden des März vorhat. Er will rasch abbrechen und die Warnung verächtlich nehmen, weil der Warner, gleichviel, was er weiß, von Dingen spricht, von denen durchaus nicht die Rede sein darf, zumal jetzt, unmittelbar vor der Generalprobe! Wohl möglich auch, daß Cäsar in Brutus’ Worten eine besondere Betonung gehört hat.
So ziehen sie weiter, und im Hintergrund, so daß wir nur Volksrufe und Musik hören können, während bei uns sich Brutus und Cassius zum ersten Mal aussprechen, ereignet sich jetzt der Vorgang, daß Antonius Cäsar die Krone anbietet. Was da indessen vorgeht, wissen wir noch nicht. In dem Augenblick aber, wo zu Cäsars Zorn — wie wir bald erfahren — das Volk jubelt — wir hören’s —, weil Cäsar die Krone zurückschiebt, spricht Brutus die Befürchtung aus, das Volk wähle ihn zum König. Was also für diesen Zeitpunkt auf der Tagesordnung steht, weiß Brutus ganz wohl; aber die Volksstimmung, die Verteilung des Einflusses, ist schwankend und ungewiß. Cassius, der Brutus mit bestimmten Absichten zurückgehalten hat, geht, da er sich in dem Freund seit einiger Zeit nicht mehr recht auskennt, da er überdies von Natur und als Politiker zu Mißtrauen neigt, behutsam, allmählich, vorbereitend, im Reden horchend und mit Blicken forschend auf sein Ziel los; von den kleinen Menschlichkeiten Cäsars spricht er, von Zügen, die Brutus gewiß alle gut kennt, die ihm aber in diesem Augenblick in die Überlegung rufen sollen: Was für eine gesunkene Zeit! sollen wir mitsinken? sollen wir sie sinken lassen? So ein Menschlein! Gibt’s keine Männer mehr? Brauchen wir den zum König? Brauchen wir einen König?
Darüber kommt Cäsar zurück; noch voller Grimm; und wie er sich musternd, herrisch, mißtrauisch in der Runde umsieht, fällt sein Blick auf den hageren Cassius:
Laßt wohlbeleibte Männer um mich sein,
Mit glatten Haaren, und die nachts gut schlafen.
Der Cassius dort hat einen hohlen Blick.
Er denkt zu viel: die Leute sind gefährlich.
Wir sind für einen Moment in Shakespeares Werkstatt, wenn wir darauf acht haben, daß Cäsar bei Plutarch eine so ähnliche Bemerkung über Cassius und Brutus macht. Obwohl er in diesem Augenblick Cassius und Brutus beisammen stehen läßt, hat der Dichter das klug geändert; denn gerade zu Brutus hat Cäsar allergrößtes Vertrauen, hat ein liebevoll freundschaftliches Verhältnis zu ihm; wir aber, auch wenn wir gar nichts von Plutarch wüßten, dürfen dabei denken: Einiges, was Cäsar hier und im weiteren sagt, trifft auch auf Brutus zu, auf den es keineswegs gemünzt ist: bald sollen wir ihn kennen lernen als einen, der kaum mehr Schlaf kennt, der viel liest. Andres aber wieder, was Cäsar zur Kennzeichnung gefährlicher Unzufriedener sagt, trifft in der Tat auf Brutus nicht zu, und daran kann Cäsars fortlebender Geist dann seine Rache anschließen: Brutus ist kein „großer Prüfer“, er „durchschaut das Tun der Menschen“ nicht; und ganz gewiß liebt er die Musik und kann gut lächeln.
Nun sehen wir Cäsar lange nicht mehr; die fürchterliche Nacht vom 14. auf den 15. verbringen wir mit den Verschwörern, zumal mit Cassius und Brutus. Das ist ein ungeheuerlicher Märzsturm; ein Gewitter mit furchtbaren Entladungen; es ist, als wolle eine Welt versinken; und Casca, der trotzdem in dieser Entscheidungsnacht auf die Straße muß, meint zu Cicero entsetzt und bedeutsam:
Entweder ist im Himmel inn’rer Krieg,
Wo nicht, so reizt die Welt durch Übermut
Die Götter, um Zerstörung herzusenden.
Es geschehen Zeichen; man muß Vorbedeutungen annehmen. Die Toten stehen auf, solche Erscheinungen wenigstens haben die Menschen in dieser Nacht; sie sehen die Toten mit feurigen Leibern in den Straßen gehen und in den Wolken kämpfen. Dinge der Art sind bei Plutarch zu finden; aber das Rechte hat erst Shakespeare aus seinem Farbentopf dazu gegeben; bei Plutarch ist alles in kindlicher Verwunderung und Kopfschütteln und pädagogischem Fingerdrohen stecken geblieben; erst Shakespeare bringt in diese Wunderzeichen die Magie, das Grauen hinein: es ist eine Weltwende; in dieser Nacht walten dämonische Mächte zwischen Himmel und Erde, zwischen den Gedanken der Menschen auch und ihren Entschlüssen zur Tat.
Das dürfen wir nie aus dem Sinn verlieren: Cäsar wie seine Gegner, die sich in dieser Schreckensnacht erst fest zum Bund zusammenfinden, sind in diesen Stunden, wo noch alles in ihren Willen gestellt ist, in gleicher Lage: dem, der die Krone will, wie denen, die sein Leben wollen, fließt jetzt eben die Entscheidung von innen nach außen, aus Hirn und Herzen in die Unwiderruflichkeit dessen hinein, was die Hände, was die Taten tun. Cäsar hat das Datum für seinen Staatsstreich und damit für seinen Tod selbst festgesetzt; und jetzt zittern die Verschworenen, die innen und außen gerüstet sind, er könne das Programm noch ändern wollen.
Cäsar sehen wir am frühen Morgen nach dieser Nacht. Noch im Nachtgewand tritt er auf. Calpurnia hat schwer geträumt und deutet den Traum auf Cäsars Tod.
Unmittelbar vor diesem Gespräch Cäsars mit seiner Gattin hatten wir zwischen Nacht und Tag die erhabene Szene des Römerehepaars Brutus und Portia. Hier ist es ganz anders: Cäsar ist launisch, willkürlich. Sie beschwört ihn, heut nicht auszugehn. Er antwortet hart, hochmütig, in der Pose, die er in der Öffentlichkeit braucht und die er nun auch zu Hause nicht abzulegen scheint:
Cäsar geht aus.
Wir hören es nicht bloß hier, er redet gern in der dritten Person von sich. Das tun diese Römer wohl auch sonst; aber ist das nicht gerade das Kennzeichen dieses Mannes, daß er die harte, rauhe, soldatische Art römisch-republikanischen Wesens in eine andere Tonart gesetzt hat? Hier darf man sagen, daß der Ton die Musik macht, und sein Ton ist selbstherrlich. Das ist auch die echte Römersprache, wie wir sie von den andern her kennen, wenn er sagt, er begreife gar nicht, wie man sich fürchten könne:
Von allen Wundern, die ich je gehört,
Scheint mir das größte, daß sich Menschen fürchten,
Da sie doch sehn, der Tod, das Schicksal aller,
Kommt, wenn er kommen soll.
Das ist die Sprache der Vergangenheit; nicht nur der Vergangenheit Roms, auch seiner eigenen. So furchtlos war der große General in seinen Kriegszügen gewesen, trotz allen Anwandlungen des schwächlichen, zur Krankheit geneigten Leibes, an die jetzt, wo er hassen will, Cassius sich erinnert; so rauh ergeben in alles, was kommen kann, war der Mann, den Brutus liebt.
Daß er jetzt nicht mehr derselbe, nicht mehr der Mann seiner Römerworte ist, sehen wir gleich mit eigenen Augen. Es wird nun berichtet, die Auguren hätten im Opfertier kein Herz gefunden. Ein ganz schlechtes Zeichen. Innerlich schwankt er schon; aber er will’s nicht zeigen.
Cäsar wird doch ausgehn.
Es geht ja nicht bloß um eine Senatssitzung; es geht um seinen großen Entschluß, zu dem alle Vorbereitungen getroffen sind. Soll er ihn aufschieben? Oder gar noch einmal bedenken? Der Mann jüngst, der ihn beim Luperkalienfest warnte — diese entsetzliche Nacht — Calpurnias Träume — das Ergebnis der Opferschlachtung — — Da verfällt die verängstigte Frau auf den Ausweg, auf den auch die Schulkinder kommen, wenn sie Angst vor der Schule haben: er soll sagen lassen, er sei heute nicht wohl; der zuverlässige Marc Anton soll’s bestellen. Plötzlich, unvermittelt gibt er nach; als festen Entschluß eines Mannes, der tun kann, was er will, bestimmt er:
Ja, Marc Anton soll sagen, ich sei unpaß,
und fügt, betonend, daß seine Nachgiebigkeit sein eigener Wille sei, daß er aber gar nicht selber an Furcht denke, daß er nur ihr und ihrer ganz grundlosen Anwandlung zu Willen sei, hinzu:
Du hast die Laune und ich will nun bleiben.
So sagt er bei Shakespeare wirklich, und dieses beides ist in dem Satz und muß in schwebendem Widerspruch betont werden: ihre Weiberlaune und sein Cäsarenwillen, der ohne Rücksichten selbstherrlich entscheidet: Du Weib hast die Laune; ich will, — was du begehrst.
Die Verschworenen aber haben in ihrer nächtlichen Beratung den Fall schon vorgesehen. Sie kennen ihn und wissen, wie der nüchterne Mann sich nun verwandelt hat; und im voraus haben sie bedacht, die ungeheuerlichen Erscheinungen der Nacht könnten ihn vom Kapitol fernhalten:
Denn kürzlich ist er abergläubisch worden,
Ganz dem entgegen, wie er sonst gedacht
Von Träumen, Einbildung und heil’gen Bräuchen.
Und wirklich haben wir neulich beim Luperkalienfest gehört, wie er ausdrücklich verordnete:
Laßt nichts von den Gebräuchen aus, —
und konnten dabei an Napoleon auf dem Gipfel seiner Macht denken und an seine Stellung zum katholischen Kultus und zu allerlei Privataberglauben.
So kommt denn gerade im rechten Augenblick einer der Verschworenen zu Cäsar ins Haus, Decius Brutus, der sich schon darauf vorbereitet hat, wie er im Notfall Cäsar auf die rechte Art aufs Kapitol bringen wird: durch Schmeichelei nämlich. Cäsar bringt’s doch nicht über sich, sich mit Krankheit zu entschuldigen; wie’s drauf ankommt, verwehrt ihm der Stolz die Ausrede: ganz einfach, er wolle nicht kommen. Dann rückt er aber doch, indem er vertraulich zu dem wichtigen Römer spricht, mit Calpurnias Traum heraus. Den deutet ihm Decius nun aufs schmeichelhafteste: Rom saugt belebendes Blut aus ihm; das ist die Sprache, die Cäsar wohltut wie ein warmes Bad; und dazu fügt er noch die Nachricht, gerade heute wolle der Senat Cäsar die Krone verleihen. Man darf nun zwar annehmen, daß das für Cäsar keineswegs eine Neuigkeit war; neu war nur der Umstand, daß die große Überraschung, die auch wie eine Überraschung für Cäsar aussehen sollte, in den Kreisen der Politiker schon bekannt war und, wie es aus Decius’ Worten hervorzugehen schien, sehr freundlich aufgenommen wurde. Wenn er nun nicht käme!
Wenn Cäsar sich versteckt, wird man nicht flüstern:
Schaut, Cäsar fürchtet sich?
Cäsar wird ganz heiter, und wie nun noch andre angesehene Römer ihn abholen kommen — die meisten sind in der Verschwörung —, wie er gar den untadeligen Ehrenmann, den Unbestechlichen, den als Anhänger zu haben so viel wert ist, Marcus Brutus, so früh morgens schon bei sich sieht, um ihm das Ehrengeleite zu geben, da gelten keine Träume und Weissagungen mehr, da gilt nur die Politik. So ziehen sie aufs Kapitol.
In der Szene, die den Einzug aufs Kapitol und sofort daran anschließend die Senatssitzung bringt, ist die Bühne zweistöckig. Oben sitzt in feierlicher Haltung der Senat; unten naht Cäsar mit seinem großen Ehrengeleite; viel Volks ist auf dem Weg. In der Menge gewahrt Cäsars scharfer Blick den Wahrsager von jüngst und ruft ihm, stolz aufgerichtet, ohne sich auf seinem Gang aufhalten zu lassen, spöttisch überlegen zu:
Des Märzen Iden sind nun da,
um die Antwort nachgerufen zu erhalten, die mehr unser Ohr trifft, die wir alles wissen und für Cäsar fürchten, als seines:
Ja, Cäsar,
Doch nicht vorbei.
In diesem Augenblick will ihm der Sophist Artemidorus, dem die Sache zugetragen worden ist, die ganze Verschwörung in einer Bittschrift entdecken. Eine Bittschrift! Nun zittern wir für die Verschworenen, wie wir sonst für Cäsar zittern; die Gefahr liegt so nahe, daß der Mann mit den monarchischen Allüren die Bittschrift gnädig aufnimmt und sofort überfliegt. Aber auch die Verschworenen haben ein Bittgesuch bei der Hand, und in einer dunklen Ahnung faßt sich Decius Brutus, der Gewandte, schnell und übergibt es Cäsar jetzt schon auf der Straße mit den raffinierten Worten:
Trebonius bittet Euch, bei guter Weile
Dies untertänige Gesuch zu lesen.
Wohltuend devote Sprache und dazu der Wink: ein Monarch macht sich nicht auf der Straße gemein, er läßt sich Zeit. Wie nun gar der Sophist drängt, sein Gesuch gehe Cäsar persönlich an und sei überaus wichtig und eilig, ist die Gefahr vorbei; in der großartigen Haltung des Herrschers, der vor allem als Diener des Staats auftritt, entscheidet Cäsar:
Was uns betrifft, sei auf zuletzt verspart.
Nun schreiten sie alle, Cäsar an der Spitze, feierlich hinauf. Der Senat erhebt sich von den Sitzen. Es folgt die wohlvorbereitete Szene; Cäsar bereitet keine Überraschung; die Verschworenen haben ihn richtig beurteilt; ihr Programm wird durch nichts gestört. Sie überreichen ein Bittgesuch um Rückberufung eines politisch Verbannten. Cäsar weist es in der hochmütigsten, herrischsten Haltung ab. Sie werden dringender, sie werden flehender, sie knien; er spricht verächtlich von hündischem Bücken und Schmeicheln; aber wie er der Schmeichelei zugänglich sein kann, haben wir noch wie zuckersüßen Geschmack in der Erinnerung. Standhaft nennt er sich wie den Polarstern; aber wir haben seine Laune und sein Hin- und Herschwanken erlebt. Jetzt aber klingt es: wer ihn umstimmen will, könnte ebenso gut den Olymp, den ewigen Thron der Götter versetzen wollen. Da kommt, im Schein und in der Wahrheit, die Verzweiflung über die Verschworenen; sie drängen näher, sie knien alle, selbst Brutus, selbst Cassius, — sie brauchen die eigene Scham, sie brauchen die Abweisung, um aus dem Augenblick heraus, wie in einer Affekthandlung, tun zu können, was der Verstand beschlossen hat: sie dringen auf ihn ein; der Mord geschieht. Alle stechen sie nach ihm mit ihren Dolchen und Schwertern.
Brutus, auch du? - So falle, Cäsar!
In Shakespeares Original aber stehen die sprichwörtlichen Worte lateinisch:
Et tu, Brute!
Ein kleiner, uns unerträglicher Rest der damals grassierenden Mode, unaufhörlich lateinische Brocken in die Dramen zu bringen.
Hier sei gesagt: Keine Gestalt war den Gebildeten der Zeit, die Shakespeare als sein Publikum voraussetzte, und sogar dem Volk, diesem politischen Volk vertrauter als die Julius Cäsars. Er war als der Kaiser, von dem alle andern den Namen genommen hatten, als der Mann, der von unten auf zum höchsten Rang emporgestiegen war und im Augenblick seiner letzten Erhöhung fallen mußte, wie von einem Nimbus umgeben. So sah ihn, wenn er irgendwo das Beispiel der Größe brauchte, auch Shakespeare. Um so wundervoller erweist sich seine Individualisierungskunst und seine Unabhängigkeit, daß er, wo er Cäsar in die Mitte eines Dramas stellte, ihn nicht als repräsentative Gestalt betrachtete, sondern als lebendige Person in einem kritischen Punkt ihrer Entwicklung. Der Mann und der Fürst, den Rom, dieses Rom, wie es jetzt geworden war, brauchte, der repräsentativ, führend und zusammenhaltend für dieses Reich war, über welchem der Geist der Republik nicht mehr waltete, wird Julius Cäsar aber sofort mit seinem Tode. Denn das ist das Thema dieses Stückes, das mit Fug für seine Gesamtheit, für alle fünf Akte Julius Cäsar heißt: Der geborene Herrscher eines Reichs, den dieses Staatswesen so, wie es war, brauchte, wird ermordet; sein weiterlebender Geist wendet das Schwert, bis seine Mörder es sich selbst in die Brust stoßen. Dies ist Schicksal; so, unentrinnbar, ist sein Weg. Shakespeare aber läßt das Schicksal wirken, indem — nirgends tragischer als hier — die Charaktere aus ihrer Freiheit heraus handeln. Irgendwie, auf verschiedenen Wegen, auf verschiedenen Stufen der Reinheit zum Äußersten gebrachte römische Männer unternehmen es, die Republik wieder herzustellen: es ist der letzte Versuch; die nach Geist und Charakter die Führung haben, sind die letzten Römer. So waltet in diesem Drama die tragische Ironie nicht so sehr im einzelnen, wie im ganzen.