König Lear
Im Jahre 1603 erschien ein Buch eines gewissen Harsnet „Entdeckung und Erklärung hervorragender papistischer Betrügereien“; darin findet sich ein großer Teil der seltsamen Teufelsnamen, die Edgar Gloster in seinem vorgegebenen Wahnsinn im Munde führt. Es ist also wahrscheinlich, daß Shakespeare das Werk für diese Einzelheit benutzt hat, woraus sich ergibt, daß der König Lear, wofür auch gar nichts spräche, nicht vor 1603 verfaßt sein wird. Im Jahre 1605 erschien ein Schauspiel, „Die echte Chronikenhistorie von König Leir und seinen drei Töchtern“. Dieses Stück hat, vom Rohen der Handlung abgesehen, so gut wie keine Ähnlichkeit mit Shakespeares Stück und weist von seinem Geist so wenig wie von seiner Komposition und Sprache etwas auf. Da nichts sicherer ist, als daß dieses Stück nichts mit Shakespeare zu tun hat — außer Tieck, der bei all seinem beinahe tiefen Verstand eine wahre Sucht nach dem Verkehrten hatte, hat es, glaube ich, nur Simrock für möglich gehalten, der vom Volkstümlichen im allgemeinen wie von Shakespeares Volksart im besondern einen falschen Begriff hatte —, so kann man annehmen, daß hier ein älteres Stück rasch gedruckt und als das echte bezeichnet wurde, weil damals gerade Shakespeares Stück neu, noch nicht gedruckt, aber begehrt war. Sicher wissen wir, daß Shakespeares König Lear 1607 mit der Bemerkung ins Buchhändlerregister eingetragen wurde, das Stück sei Weihnachten 1606 aufgeführt worden; diese Aufführung, die vor dem König in Whitehall stattfand, braucht aber nicht die erste gewesen zu sein. 1608 erschienen dann tatsächlich zwei von einander abweichende Quartausgaben des Stückes. Der Text, den die Gesamtausgabe von 1623 bringt, ist in vielem einzelnen bedeutend besser; dafür fehlen ihm aber wichtigste Szenen, so vor allem die, wo Lear in Wahnsinnswut seine Töchter aus der Luft zusammenballt und vor die Richter stellt. Da diese Nachlaßausgabe trotz allem redlichen Willen der Herausgeber Liederlichkeiten genug begeht, da ihr Text nicht im entferntesten kanonische Geltung hat, da er so wenig von Shakespeare endgültig festgesetzt worden ist wie der, den die bei seinen Lebzeiten erschienenen Raubausgaben bringen, da man auf alle möglichen Gründe zur Erklärung der Auslassung raten kann, haben wir dem Schicksal lediglich dankbar zu sein, daß wir diese prachtvolle Hauptszene haben; sie aus dem Text wegzulassen und in den kritischen Apparat zu verbannen, blieb dem Tieck redivivus unserer Tage Gundolf vorbehalten.
Die Geschichte vom König Lear war offenbar sehr bekannt und beliebt; ich nenne hier, ohne auf einzelnes einzugehen, die Quellen, die Shakespeare sicher bekannt waren: Mitte des 12. Jahrhunderts verfaßte der Bischof Galfried von Monmouth nach Überlieferungen in seiner Heimat Wales die „Geschichte der britischen Könige“, die 1508 in Paris lateinisch gedruckt erschien; darin berichtet er auch von Lear und seinen drei Töchtern. In allem Wesentlichen stützte sich Shakespeare aber wieder auf Holinsheds Chronik, deren zweite Ausgabe aus dem Jahr 1587 stammt. Dichterische Bearbeitungen fand er in dem Lehrgedicht „Spiegel der Obrigkeiten“ von 1575 und in Spensers „Feenkönigin“ von 1590. Das erwähnte Chronikendrama wird er doch wohl gekannt haben; eine der hölzernen Gestalten, die sich in Shakespeare zu seinem wundervollen Kent verwandelt haben kann, der in der sonstigen Überlieferung kein Vorbild hat, unterstützt die allgemeinen Erwägungen, die dafür sprechen. In allem übrigen aber hat er das biedere Ding, das so ungefähr auf dem Niveau von Hans Sachs steht, so gar nicht benutzt, daß keinerlei wirklicher Beweis dafür da ist, daß er es gekannt hat.
Nun ist aber in der ganzen Überlieferung von den Vorfällen im Haus Gloster mit keinem Wort die Rede. Shakespeare flocht diese Tragödie kunstvoll in die Lear-Tragödie ein, indem er eine ganz andere Fabel, die Geschichte vom paphlagonischen König, die er in Sidneys „Arcadia“ vom Jahr 1590 fand, benutzte.
All diese Texte, die Shakespeare vorlagen, sind im Original und in guter deutscher Übersetzung in einem sehr hübschen und lehrreichen Büchlein zu finden, dem ersten Band einer Sammlung von „Shakespeares Quellen“, die Alois Brandl im Auftrag der Deutschen Shakespeare-Gesellschaft herausgibt.
Seien nun zunächst die Grundelemente der überlieferten äußern Handlung und Shakespeares Abweichungen von den groben Zügen dieser Fabel zusammengestellt.
Die Regierung des Britenkönigs Lear, der in noch älterer Gestalt der Sage ein keltischer Gott gewesen zu sein scheint, wird in eine fabelhafte Vorzeit verlegt; wir haben die Wahl, ob wir das Jahr 600 oder gar 800 vor Christus nennen wollen. Immer ist er bei Beginn der merkwürdigen Geschehnisse sehr alt. Er hat drei Töchter, deren jüngste sich durch Schönheit und Klugheit auszeichnet und von ihm besonders geliebt wird; die beiden andern sind, wie wir im Märchen so häufig hören, böse und neidisch. Nun will er das Reich teilen und zugleich die Töchter verheiraten. Damit in Verbindung stellt er ihnen die Frage, welche von ihnen ihn am liebsten habe. Die bösen Töchter antworten schwülstig schmeichlerisch; Cordelia — die Überlieferung ist in der Deutung dieses schwierigen Charakters nicht ganz einig — spricht sich bald trocken, bald trotzig, bald keusch zurückhaltend aus; immer aber für ihn sehr unbefriedigend und überraschend. Sie wird enterbt; aber der König von Frankreich nimmt sie auch so, als armes Mädchen, zur Frau. Lear wird dann durch Goneril und Regan schlecht behandelt, sein Rittergefolge, das er sich ausbedungen hatte, immer mehr verkleinert. Zuletzt geht es ihm bei diesen vorgezogenen Töchtern so schlecht, daß er nach Frankreich flieht. Dort findet er am Hof die liebevollste Aufnahme. Es kommt zum Krieg; Frankreich siegt; Lear wird wieder König und lebt noch ein paar Jahre. Nach seinem Tod besteigt Cordelia den Thron. Etliche Jahre später aber erheben sich die Söhne ihrer Schwestern gegen die Herrschaft der Tante und erlangen den Sieg; sie wird gefangen gesetzt und erhängt sich im Gefängnis.
Hier nun können wir Shakespeare sehr schön bei der Arbeit beobachten; wir sehen, wie er aus kompositorischen und inneren Gründen zusammengezogen und geändert hat, wie er aber dabei von den Elementen der Tradition in irgend einer Umgestaltung noch nimmt, was er irgend brauchen kann. Frankreich und Cordelia siegen in der Überlieferung; Lear wird wieder König; etliche Jahre später wird Cordelia in einem neuen Krieg besiegt. Diese Dehnung am Schluß konnte der Dichter nicht brauchen; ein Sieg Frankreichs über die Briten paßte also nicht zu seinem Schluß; er wird auch sonst keine Lust gehabt haben, ihn ohne Not auf die Bühne zu bringen. Aber daß Lear wieder König wird, entsteht, wenngleich nicht für Jahre, so doch für Augenblicke irgendwie vor unsrer Vorstellung: er wird wieder groß, königlich, gebieterisch, ehe er stirbt. Cordelia in der Überlieferung erhängt sich im Gefängnis nach ihrer Niederlage; bei Shakespeare wird sie gleich das erste Mal besiegt und von Edmund verräterisch ermordet; aber die Tat geschieht ebenfalls im Gefängnis und durch den Strick.
Aber was hat Shakespeare sonst noch der dürren Fabel gegeben! Seine wichtigste Zutat ist Lears Wahnsinn, von dem die Überlieferung nichts weiß, und alles, was damit zusammenhängt; die Nachtszenen im Gewitter auf der Heide, in der Hütte, auf dem Pachtgut. Kents Widerspruch bei Lears Verstoßung Cordelias, seine Verbannung und Treue sind neu; wie gesagt, eine Spur davon bot das ältere Drama. Wie Cordelia zum König von Frankreich kommt, ist völlig verändert; da hat Shakespeare vor allem viel Liebesromantik, die ihm in dieses Stück nicht paßte, weggelassen; dafür hat er die Doppelwerbung Burgunds und Frankreichs erfunden, um Frankreichs edle Gesinnung in Kürze zu zeichnen. Wiederum Shakespeares Erfindung ist, daß die beiden Ehemänner der bösen Schwestern sich wesentlich unterscheiden; bei ihm ist Gonerils Gemahl Albanien ein edler, rechtschaffener Mann; das brauchte er im Zusammenhang der Glosterhandlung, brauchte es wohl auch zum Ersatz des Königs von Frankreich, der ganz in den Hintergrund trat. Der Narr ist völlig Shakespeares Erfindung. Und dann die ganze Glosterhandlung: Glosters Erlebnisse mit den beiden Söhnen, mit Regan und Cornwall; des Bastards Edmund Beziehungen zu Goneril und Regan; Edgars verstellter Wahnsinn und Zusammenhang mit Lear; Glosters Blendung und Erlebnisse mit dem Sohn und Lear; Edmunds entscheidendes Eingreifen in den Krieg und gegen Cordelia: all diese aufs engste verflochtenen Beziehungen der drei Gloster zu Lear und seinen Töchtern stammen ganz von Shakespeare, können natürlich auch in der Geschichte des paphlagonischen Königs nicht vorgebildet sein.
Zwei sinnvoll nebeneinander laufende und aufs natürlichste ineinander verflochtene Handlungen, reichlich Stoff für ein großes Drama hätte Shakespeare in der ursprünglichen Überlieferung gehabt: Lears Erlebnisse mit den Töchtern; Cordelias und des Königs von Frankreich Liebesabenteuer. Das hätte ein Stück werden können, mit seinem Ineinander des triebhaft Wilden, Willkürlichen in der alten Generation und des freien Liebesspiels in der jungen, ganz anders als das hölzerne Chronikenspiel es machte, ganz shakespearisch, so wie Shakespeare eine ähnliche Doppelfabel in der Tat später im Wintermärchen behandelt hat. Aber daß es ihm diesmal auf ganz anderes ankam, zeigt eben die Tatsache, daß er das Liebesspiel unschuldiger Jugend in Wald und freier Natur, dem er sich sonst so oft zugewandt hat, radikal aus dem überlieferten Stoff austilgte und statt dessen mit der Glosterhandlung Ereignisse einfügte, die gegen Lears Geschichte sich nicht abheben, sondern das nämliche Thema verstärkt variieren und die Lears Erlebnis, das er selbst so überraschend in seinen Reden manchmal ins Sexuelle hinüberspielt, auch in der Handlung, die wir vor Augen haben, in den Vorgängen zwischen dem Bastard Edmund und Lears Töchtern, in Verbindung bringen nicht mit unschuldiger Liebe, sondern mit arger und frevelhafter Verkuppelung von Geschlechtstrieb und Machtgier.
König Lear, wir sehen es mit seinem ersten Auftreten und blicken immer tiefer in seinen innern Zustand hinein, ist ein Mann des Triebs, der Willkür, gutartig dabei, aber jäh, ungezügelt. Ungeheuer stark prägt sich sein Königsbewußtsein aus; er ist eigensüchtig und eigensinnig, ist es von je gewesen und in seinem hohen Alter noch viel mehr geworden. Aber eine ganz besondere Spielart in Shakespeares Sammlung gebietender Triebmenschen stellt er vor. Ohne Frage hat Lear mit Macbeth, mit König Claudius, mit Richard III. Züge genug, entscheidende Züge gemeinsam; am ehesten aber wirkt er, wie ein in langer Regierungszeit von keiner Rebellion gestörter, alt gewordener Richard II.; eine unverwüstlich gute Anlage ist in ihm, und sein Schöpfer, so scharf er ihn ansieht, entzieht ihm niemals seine Sympathie. Auch insofern darf er mit König Leontes aus dem Wintermärchen verglichen werden. Der wird von der Raserei seines eingewurzelten Triebs, seiner Willkür und Tyrannei im Gang der Handlung, vor allem durch das Eingreifen einer resoluten Frau, die ihn in die Kur nimmt, geheilt. Die Gattin, der Gegenstand seiner Wut, wird ihm weggenommen; er glaubt, durch sein Gericht in den Tod; in Wahrheit durch Intrige vor ihm verborgen. So ist das Wintermärchen, obwohl es in einem Punkt bis ins Allerletzte der Seelenergründung geht, doch keine Tragödie und kein Lebensdrama geworden, sondern ein Spiel; darum auch hat in ihm die heitere Liebesepisode und so manche andre Erholung Platz, und die Heilung und Befreiung des Königs ist der Zeit anvertraut, die übersprungen wird. Wie anders im Lear! Da sind wir dabei, wie allmählich, Stufe um Stufe, auf seltsamstem Weg die neuen Umstände, die furchtbarsten Erfahrungen eine Wandlung und Läuterung von innen hervorbringen.
Lear der König, der alte Mann, der Vater legt großen Wert auf die Liebe; aber — Strindberg hat gut darauf hingewiesen — der Eigenwillige, Heftige, Launische versteht unter Liebe vor allem: sich lieben lassen. Mildernd ist da allerdings zu sagen: er ist alt, fühlt sich hinfällig, hat, ohne daß er’s in seinem starken Verlangen nach majestätischem Auftreten zeigen will, das Bedürfnis, sich anzulehnen; sein starkes Reden, Pochen und Kopf-in-den-Nacken-werfen täuscht nicht darüber, er ist schon ein wenig weinerlich geworden; er blickt sich, nur soll man’s nicht merken, nach Liebe und Pflege um.
Wie mag er früher gewesen sein, als er noch rüstig war, in der Manneszeit, in der Jugend? Auch da hat Strindberg etwas Interessantes, auch für ihn selbst Bezeichnendes gefragt: was hat König Lear eigentlich für eine Frau gehabt? Jetzt ist sie tot. Wie hat er mit ihr gelebt? Die Kinder dieser Ehe sind jedenfalls sehr ungleich ausgefallen, und ungleich werden wohl auch ihrer beider Naturen, untereinander und jede in sich, gewesen sein; ungleich etwa auch Art und Grad ihres Zusammenlebens. Erwähnt wird die Frau nur einmal. Wie Regan den Vater, der sich unzeitig bei ihr einquartieren will, mit kaum unterdrücktem Zorn begrüßt:
Ich freu’ mich, Euer Majestät zu sehn,
da erwidert er mißtrauisch:
Regan, ich denk’, du tust’s, und weiß den Grund,
Warum ich’s denke: wärst du nicht erfreut,
Ich schiede mich von deiner Mutter Grab,
Weil’s eine Ehebrecherin verschlösse.
Schließlich heißt das nur in einer etwas blühenden Gleichnissprache: Du bist mein echtes Kind nicht, wenn du dich nicht freust, deinen Vater zu sehen! Aber dies Stück stammt aus der Periode, wo Shakespeare schon lange nicht mehr die üppige Sprache mit sich, sondern höchstens mit den Personen davonlaufen läßt, für deren Charakter und Erleben sie kennzeichnend ist; und überdies dürfen wir glauben, daß dem reifen Dichter, als er Lear gerade so und nicht anders reden ließ, die Frage nach Lears Weib schon auch selber einfiel, und vor allem: wir werden noch hören, wie Lear später, wo mit der Tollheit die Erinnerungen farbig und brennend heraufgekommen sind, sich über den Zusammenhang von Machtwillkür und Weibsgemeinheit äußern wird. Ein gewisser Einblick in das frühere Leben und die Beschaffenheit der Ehe eröffnet sich da schon, und mehr als diese allgemeine Stimmung brauchen wir nicht; mehr hat auch der Dichter selbst nicht gewußt.
Was die beiden ältesten Töchter über ihren Vater äußern, soll wohl vor allem ihre Lieblosigkeit kennzeichnen; der böse Blick aber sieht scharf, und was sie von den Schwächen, den Altersschwächen ihres Vaters sagen, finden wir im Sachlichen selbst bestätigt und glauben den Töchtern gern, daß das im Alter sich nur verstärkt hat, aber schon immer seine Manier war. Und wenn nun Goneril, das junge Weib, klagt, „die besten rüstigsten Jahre seines Lebens“ seien auch schon voll Übereilung gewesen, so finden wir das recht glaubhaft; sie wird sich aus ihrer Kinderzeit, etwa auch aus Erzählungen, an genug solche Auftritte erinnern. Er ist ein Mann, von dem ungestüme Launen, jähe Machtsprüche zu erwarten sind. Vielleicht ist aber doch die Szene, mit der die Handlung einsetzt, das tollste Stück, das er je geleistet hat. Die beiden ältesten Töchter sind schon verheiratet; um Cordelia, die jüngste, bewerben sich zwei hochansehnliche Freier. Das wurmt ihn innerlich schon, ohne daß er sich’s eingesteht, daß das jüngste und liebste Kind ihn nun auch noch verlassen, einem andern in Liebe folgen soll:
Sie war mein liebstes Kind; des Alters Trost
Hofft’ ich von ihrer Pflege.
Sie hätte ganz bei ihm bleiben sollen; er ist nicht der Mann zu begreifen, wie man einen andern lieb haben kann; und nun soll sie gar so weit weg; zwei Ausländer, man könnte fast Schlimmeres sagen, Landesfeinde bewerben sich um sie; die beiden älteren Töchter haben wenigstens Herzöge Britanniens zu Männern genommen. Nun wird sie wohl gar, wenn er ihr schon ein Drittel des Landes gibt, die meiste Zeit fort, drüben in Frankreich oder Burgund sein. Auf jeden Fall will er sich’s jetzt bequem machen, will die Last der Regierung auf seine alten Tage los sein, aber ein reiches, üppiges, königlich gebieterisches Leben mit Jagden und Festen und Ritterfahrten weiter führen. Diesen seinen Entschluß betrachtet er als einen edelmütig liebevollen Verzicht, als Großmut; er hält es für selbstverständlich, daß die Töchter und der Hof ihn so nehmen müssen; und da ist es, meint er, das wenigste, daß sie ihm dafür jetzt, in feierlicher Staatssitzung versichern, wie lieb sie ihn haben, das heißt, wie gut er ist.
Und gerade das kann Cordelia nicht! Ihre beiden Schwestern nehmen die Sache politisch; wenn Paris eine Messe wert ist, sind sie ja wohl keine Teufelinnen aus der Hölle, sondern bloß Fürstinnen durchschnittlicher Art, wenn sie für ein Drittel Britanniens ihrem despotischen Vater mit schönen Redensarten um den Bart gehen. Wie man Shakespearephilologie von seiner übrigen Gesinnung trennen kann, verstehe ich nicht, aufrichtig gesagt; ich habe in der Tat gar nichts dagegen und sehr viel dafür, wenn man sich auf den wunderschönen Standpunkt Cordelias stellt; aber damit, daß man ihre Haltung bewundert und die der andern Schwestern als etwas abgründlich Schlechtes, als schnöde Heuchelei verdammt, ist es nicht getan. Unser ganzes öffentliches, gesellschaftliches und Familienleben wird radikal umgestaltet, wenn man auf Cordelias Boden tritt. Goneril und Regan benehmen sich höchst abscheulich und ganz nach der Regel. In Cordelia, die bisher ein Kind war und nun vielleicht zum ersten Mal berufen ist, vorzutreten und ihr Inneres zu offenbaren, tritt diesem herrischen, eigensüchtigen, an Liebedienerei gewöhnten König zum ersten Mal ein Ausnahmemensch, zum ersten Mal jemand entgegen, dem das Gebot des Herzens wichtiger ist als alles andre in der Welt. Und das ist sein eignes, sein liebstes Kind! Keine Frage, er weiß es bloß nicht, darum liebt er sie vor allen, weil ihre Innigkeit, ihre Menschlichkeit, ihre Echtheit ihm wohltut; weil sich die Übereinstimmung von Fühlen und Handeln, die ihr notwendig ist, in ihren Bewegungen, ihrem Antlitz, dem Blick ihrer Augen und hundert täglichen Kleinigkeiten äußert. Keineswegs kann man sagen, daß sie eine Fanatikerin der Wahrheit wäre; dann müßte das Denken in ihr besonders entwickelt sein, und sie könnte dann ihrer echten Liebe zum Vater wahrscheinlich einen recht starken Ausdruck geben. Sie ist aber in keiner Weise unter wahrhaften Menschen eine Ausnahmeerscheinung; sie ist es nur in der knechtisch-lügnerischen Umgebung, wie man sie allenthalben, ganz besonders aber am Hofe trifft. Ein sprödes Mädchen ist sie; sie kann ihr Herz nicht auf dem Präsentierteller herumreichen, kann nicht in einer Staatssitzung, kann vor allem nicht zu einem Zwecke von ihren Gefühlen sprechen. Von den Gefühlen zu sprechen geht gegen das Gefühl; Gefühle äußern sich im stillen, fortwährenden Tun und in plötzlichen Erhebungen und Aufwallungen. Der König zwar erwartet, wenn er verkündet, er wolle zurücktreten und das Reich seinen Töchtern und Tochtermännern schenken, müsse eine solche Aufwallung, die ihm echt und von innen aufschießend vielleicht noch nie im Leben, gemacht aber gewiß immerzu begegnet ist, sich sofort einstellen; und die gezierten Äußerungen der beiden andern Töchter, derengleichen er für ungewöhnliche Dankbarkeit, zu der er so oft Veranlassung gegeben hat, gewohnt ist, nimmt er für solche Ausbrüche. Cordelia aber horcht in sich hinein und findet in diesem Augenblick nur Leere. Den Äußerungen ihrer Schwestern hört sie die Berechnung an, und so wird aus ihrem Unvermögen, sich jetzt zu äußern, Verstocktheit. Es kommt aber noch etwas dazu. Der Kindheit entwachsen, eine Jungfrau geworden ist sie durch die ersten Regungen der Liebe, einer Liebe so ganz andrer Art als die Kindesliebe. Wir dürfen annehmen, daß ihr Herz sich Frankreich zuneigt; aber selbst, wenn sie davon gar nichts wüßte, wäre doch Liebigkeit, diese Bereitschaft in ihr, bald ein eheliches Weib zu werden, die ja auch von außen gefördert wird. Höheres gibt es für dieses Mädchen nichts in der Welt als diese Erwartung, sich liebend hinzugeben und hemmungslos, wie es das Gebot der Liebe ist, einem Manne zu gehören. Und in diesem Augenblick — die Freier stehn vor der Tür, werden eben geholt, die Stunde grenzenlosen Aufgebens, wonnig bangen Umfassens ist da — verlangt der alte Mann für sich, was bis aufs letzte Tröpfchen gesammelt in ihr eines andern wartet. Und sie muß mitanhören, wie ihren Schwestern glatt wie Öl etwas von der Zunge geht, was ihr nur wie Verrat an der Gattenliebe klingen kann. So vermag sie ihrem Vater nicht nur das Gehäufte nicht zu geben, worauf er Anspruch macht; sie kann ihm jetzt gar nichts geben; und was sie schließlich äußert, kommt gezwungen und hart heraus. König Lears Seelenkenntnis können wir uns aber nicht verwahrlost, verbogen und verkehrt, man nennt das naiv, genug vorstellen. Er hat verlangt, mit Recht verlangt, das war doch das wenigste, daß man ihm bei diesem feierlichen Akt seines ungemeinen Edelmuts ein paar schöne Worte sagt; ist das denn zu viel? Nun, die älteren Töchter tun’s; und schon ist er zufrieden und gibt ihnen ihr überreichlich Teil. Jetzt ist an seinem liebsten, seinem Schmerzenskind die Reihe; und wie? hört er recht? hart, fast böse antwortet sie, sagt wohl so etwas von pflichtschuldiger Liebe; aber merkt man nicht, wie sie sich dazu selbst zwingen muß? Für ihn ist sie in diesem Moment nicht bloß verstockt und lieblos; sie ist eine arge Heuchlerin; sie preßt sich Äußerungen ab, die ihr nicht von Herzen kommen. Was steckt da dahinter? Es muß doch einen Grund haben! Was offenbart sich da? Wie sieht es in ihrem Herzen aus? In dem Augenblick, wo sie ihrem Vater, der den Kindern sein ganzes Reich gibt, wie die Schwestern, überströmend dankbar sein sollte, zeigt sie sich so und redet mehr von ihrem künftigen Mann als von ihrem guten Vater? Alles dreht sich um ihn, innen kocht’s auf, und der Ausbruch ist da.
Vergebens ruft der Graf von Kent, ein Mann, der schon lange an diesem Hof gelebt und zu Lear voller Verehrung wie zu einem Vater aufgeblickt hat, dessen kerniger Biedersinn Cordelias verwandte Frauenseele erkennt, dem König zu, er sei ja toll:
Was tust du, alter Mann?
In dieser Verfassung läßt Lear sich von keinem Menschen hemmen: Kent wird verbannt, Cordelia verstoßen, enterbt, ohne Mitgift dem überlassen, der sie nimmt. Burgund tritt zurück; Frankreich liebt Cordelia um ihrer selbst willen; sie wird seine Frau. Cordelias knospenhaftem Wesen, das überlegener Klugheit fern ist, können wir nicht zutrauen, daß sie daran gedacht hat; aber ein besseres Mittel, ihre Freier zu prüfen, als auf jede Würde und Mitgift zu verzichten und nur noch sie selbst zu sein, konnte es nicht geben.
Hundert Ritter, mit ihrem stattlichen Gefolge von Edelknappen, Knechten aller Art, hat der alte Mann sich vorbehalten; mit diesem Hofstaat will er abwechselnd bei den Töchtern hausen; und hochbeglückt und erfreut sollen sie sein, wenn ihr Vater kommt. Goneril hat in der Sache keineswegs unrecht, wenn sie meint, er habe seine Macht verschenkt, wolle aber nichts davon entbehren. Er tritt herrisch, brutal auf; die Ritter ahmen das Beispiel nach; was er um seiner Machtfülle, seines Selbstbewußtseins willen tut, setzen sie in Willkür, Roheit und Liederlichkeit fort; es ist ein zügelloses Treiben; sein erstes Wort, das wir bei Goneril von ihm hören, wie er mit seinem wilden Gefolge von der Jagd kommt, ist: „Laßt mich keinen Augenblick auf das Essen warten!“ Und noch mehr Proben eines Auftretens erhalten wir, das übermütig zu nennen wäre, wenn er nicht ein überalter Mann wäre, der in einem langen, langen Leben niemals vom Leben in die Schule genommen worden ist. Er ist derart ungezügelt wie kleine Kinder, die man ungezogen nennt; die Sinneseindrücke scheinen fast ohne jede geistige Vermittlung Handlungen bei ihm auszulösen; er verstößt, verbannt, schimpft und schlägt so unmittelbar, nachdem man sich seiner Willkür entgegengestellt hat, wie das kleine Kind nach dem glänzenden Gegenstand greift, den es sieht. Hat man das Kindchen ein paarmal aufs Händchen geschlagen, so wird sich, wenn es die Bewegung noch macht, schon so etwas wie Zögern, wie böses Gewissen darin äußern; Lear aber scheint nie im Leben etwas entgegengetreten zu sein, was er als ernsthaften Widerstand achtete; er hat das beste Gewissen von der Welt; er meint es wirklich gut zu meinen; er hält sich für gut. Er hat doch seine Macht abgegeben; bloß auf die Eitelkeiten dieser Welt will er nicht verzichten; das ist für ihn fast nichts, was er behalten hat; daß er damit andern sehr lästig fallen kann, daß das — gleichviel, wie die Töchter sind — ein ganz unleidliches Verhältnis ist, — wer soll es ihm sagen? So daß er es erkennt? Wer will den alten Mann jetzt noch erziehen?
Kein einzelner Mensch könnte das mehr unternehmen wollen; man kann ihn nur dulden und liebevoll klug, unmerklich lenken. Die Töchter aber haben von ihrem Vater die Herrschsucht ohne die Würde, ohne die Liebenswürdigkeit, ohne den Charme geerbt; dafür handeln sie nicht bloß in Hitze, sondern planmäßig, kalt. Lears Bedürfnis, geliebt zu werden, ist immer noch ein Grad der Liebe; die Töchter sind in ihrem Verhältnis zu ihm ganz lieblos und kennen auch die Hemmung nicht, die man Pietät nennt. Er hat seine Macht weggeschenkt; sie haben, was sie von ihm wollten; nun soll er ihnen abwechselnd täglich und stündlich mit anspruchsvollen Narrheiten lästig fallen? Erziehen wollen sie ihn gewiß nicht, aber los werden und rücksichtslos seines Spielzeugs, seiner Machtfülle, seines Scheins berauben. Für ihn ist das gerade so, als wollten sie ihn zum Gerümpel werfen, obwohl die Rumpelkammer, die sie ihm anweisen würden, wenn alles ginge, wie sie in kalter Ruhe planen, wahrscheinlich ein ganz stattliches Haus wäre. Davon, daß sie ihn hungern lassen, in Nacht und Elend, in Obdachlosigkeit hinausstoßen wollten, ist gar keine Rede: die Vereinfachung der Märchenpsychologie ist Shakespeares Sache nicht. Für Lears Subsistenz wollen die Töchter schon sorgen; ihre Lieblosigkeit übersieht nur, daß die Substanz, von der das Gemüt des alten Mannes sich nährt, eben die Akzidenzien sind, die sie ihm wegnehmen wollen.
Um ihn steht es nun so: er war in der Macht, und man war vor ihm gekrochen, und was sich dabei ergab, hatte er für die wirkliche Welt genommen. War ihm einmal im Ernst Widerspruch entgegengetreten, so hatte er ihn unter dem Beifall seiner Umgebung sofort zermalmt. Niemals war äußerer Widerstand begleitet gewesen von einer inneren Unruhe in ihm selbst; seine Umgebung hatte immer den Glauben in ihm befestigt, daß er es um seiner angeborenen Majestät willen verdiene, zu befehlen. Diesmal ist es anders. An ihm nagt etwas, immerzu, etwas Doppeltes, etwas Dreifaches: daß er seine Macht weggegeben hat, daß er sie diesen Töchtern gegeben hat, daß er Cordelia verstoßen hat. Falschheit kann täuschend wie Wahrheit aussehen, aber die Wahrheit hat etwas ganz Untrügliches in sich. Hat man einen Menschen, den man gut kennt, im Vorübergehen zu sehen geglaubt, so kann man sicher sein, daß er es nicht war; wäre er es gewesen, so wüßte man es. So ähnlich geht es diesem kurzsichtigen Vater: er glaubt, daß Cordelia ein liebloses Geschöpf, daß Goneril und Regan liebende Töchter sind; aber etwas in ihm weiß, daß es nicht so, daß es umgekehrt ist. Der Klang der Stimme Kents, der so tapfer zu Cordelia stand, liegt ihm noch im Ohr; und da ist nun noch einer, der auf seine Art ausspricht, was Lear selber nicht hochkommen läßt, der ein Privileg hat, den er nicht so ohne weiteres des Landes verweisen kann: das ist sein Narr, sein scharfer, sein bitterer, sein armer, sein liebender Narr. Der hängt treu und liebevoll an ihm, ganz gleich, wie er vom Herrn behandelt wird, der kennt die Liebe so, wie Goneril und Regan sie nicht kennen und wie auch Lear sie keineswegs kennt und übt, und in immer neuen Gleichnissen, Verdrehungen und Liedchen gibt der ihm nun zu verstehen, was für ein Narr er gewesen, das gute Kind zu verstoßen und sich und sein Reich den harten, scharfen, lieblosen Töchtern anzuvertrauen. Er kann sich’s nicht verhehlen, denn er merkt’s durch bittre Erfahrung: an den mitleidig verdammenden Sprüchen des Narren, die immer schärfer ausfallen, ist etwas, ist viel dran. Und doch glaubte er, so klug und, da er sich so recht mollig lieben und hegen lassen wollte, ein so guter Vater zu sein! Das erkennen wir nun aber auch deutlicher, als wir’s zu Beginn wußten: er kann tun, was er will, selbst Brutales: Böses ist doch nicht in ihm. In seinem Verkehr mit dem Narren gewahren wir gleich echte Liebenswürdigkeit und eine Neigung zu Kameradschaft, in der sich seltsam eine Kindlichkeit angeborener, zurückgedrängter Natur mit Kindischwerden vor Alter mengt.
Die Welt sieht doch nun, wo er der Macht entkleidet ist, so ganz anders aus, als er gemeint hatte! Was sich der Haushofmeister seiner Tochter gegen ihn herausnimmt, wie scharf und ausfallend die Tochter selbst zu ihm spricht, wie es der Narr mit seinen Sprüchen kommentiert, — aber der arme alte Mann! In dem Augenblick, wo allererst die Erkenntnis der Wirklichkeit kommen, wo der Wahn sinken will, bricht in dem schwachen Gefäß, das Druck von außen nie gekannt hat, der Wahnsinn aus. Sein erstes Zeichen bemerken wir sofort nach der ersten unerbittlich scharfen Rede Gonerils, wie Lear die Hand über die Augen hält, die Tochter prüfend, als sehe er nicht gut, ansieht und fragt: Ist das meine Tochter?
Sowie wir diese erste Spur merken, können wir nun zurückgreifen, können uns der Worte Kents erinnern, der es gewagt hatte, seinen König verrückt zu nennen und dabei an sein Alter zu erinnern, können dazu nehmen, daß jetzt eben der Narr seinen Herrn den wahren Narren gescholten hat, und können fragen: war denn nicht wahrscheinlich sein Benehmen bei der Teilung des Reichs und bei Cordelias Verstoßung auch schon Geisteskrankheit?
Fragen können wir so; ich antworte: Nein. Und vergesse dabei keinen Augenblick die Regel, die Gestalten des Dichters nicht als Naturgeschöpfe zu nehmen, sondern als Geistgeburten Shakespeares. Ich untersuche nicht einen Britenkönig Lear, sondern was Shakespeare uns gegeben hat. Dabei kommen irgendwelche medizinische Ausdrucksweisen, die der Dichter gehabt hat oder nicht gehabt hat, nicht in Betracht, sondern lediglich die Züge, die er seinen Gestalten gegeben hat. Die haben wir, ganz in unsrer eigenen Sprache, zu deuten. Das Problem, was Krankheit und was gar geistige Krankheit sei, will ich bei dieser Gelegenheit nicht aufrollen; sicher ist, daß es Namen für Veränderungen sind, deren wahres Wesen uns unbekannt ist, und daß diese Namen nur gewisse Komplexe von Symptomen einordnen. Sicher ist aber auch, daß Begriffe dieser Art haarscharf begrenzt sind, und daß unsre Menschenwelt untergehen und das Chaos beginnen würde, wenn diese Grenzen verwischt würden. Wie König Lear bei der Teilung des Reichs gehandelt hat, war, wie Kent in derber Volkssprache sagt — nicht umsonst kann der herzhafte, getreue Landedelmann nachher so gut den Knecht spielen —, verrückt, war verrückt, was das Volk so verrückt nennt. Der König hat so tun müssen, sonst hätte er’s ja nicht getan, aber die Notwendigkeit, die ihn zu seinem Verhalten brachte, war ein sozialer Komplex, bestehend aus den Beziehungen seiner Erziehung, Stellung, Umgebung; man kann sich darum auch denken, daß diese Notwendigkeit durch eine gleichfalls soziale Einwirkung, z. B. das ruhige und vernünftige Auftreten mehrerer im Staatsrat oder einen plötzlichen Überschwang kindlicher Verzweiflung in Cordelia aufgehoben worden wäre. Was aber jetzt in Lear allererst sich ankündigt, ist ein individueller, organischer Zwang unsäglich viel stärkerer und anderer Art in ihm; irgend etwas funktioniert jetzt anders in ihm; und wenn Heilung kommen soll — wie sie denn in der Tat kommt, das Stück, in dessem erstem Akt wir noch stehen, handelt von ihr —, wird sie ganz andere Wege gehen müssen, als gutes Zureden oder soziale Einwirkung der üblichen Art.
Seid Ihr Unsre Tochter?
Mit dieser Frage sind wir genau an der Grenze zwischen Vernunft und Wahnsinn. Man kann völlig vernünftig sein und sein schmerzliches Staunen über das eigene Kind so ausdrücken, daß man fragt, ob man so einen Menschen, wie er da vor einem steht, wirklich selbst gezeugt und aufgezogen habe. Es kann auch tatsächliche Gründe geben, warum man bei einer starken Enttäuschung, die eine völlige Unähnlichkeit zwischen Vater und Kind an den Tag stellt, sich ernsthaft fragt, ob nicht Ehebruch im Spiel sei. Auch ist der Mensch, jeder, da er gottlob einen Dichter in sich hat, durchaus befugt, in irgend einer ekstatischen Stimmung mit dem Wahnsinn zu spielen. So hebt es denn auch bei Lear an: er schwankt zwischen ganz leise einsetzendem echtem Wahnsinn und dem Spiel damit. Noch spielt er, daß er nicht er selbst sei, daß er die Dame, die vor ihm steht, nicht kenne, aber schon ist es einen verschwindenden Moment lang innerer, organisch-funktioneller Zwang, so zu spielen, der dann aber sofort wieder abgelöst wird von dem gewaltig ausbrechenden, schmerzlichsten, wütendsten Zorn des in seiner Königswürde, in seiner Vaterschaft, in seiner Menschheit gekränkten Mannes.
Seid Ihr Unsre Tochter?
Hier an der Grenze haben wir schon die Form, in der sein Wahnsinn sich äußern wird. Eines hat er sein Leben lang nicht gekannt, ein Allerwichtigstes freilich: denken. Es hat für ihn keine Wirklichkeit gegeben, sondern nur Schein und Trug, von Schmeichelei und botmäßigem Eifer erzeugt; und so war in ihm kein Denken, sondern Trieb, Raschheit, Laune; und auf diese Weise entstand eine Welt, eine Beziehung von innen und außen, wo alles glatt funktionierte: seine Umgebung und er paßten ihre Lücken und Auswüchse an einander an, und was er befahl, geschah. In diese Welt der Täuschung, und andre kannte er keine, war er nun in langen Jahrzehnten, bis in sein höchstes Greisenalter, ganz eingelebt. Nun aber ist er allererst nicht oben in seiner, sondern irgendwo unten in der wirklichen Welt, und da sieht alles so ganz, so schmerzlich anders aus. Er sollte also umlernen, nachdenken, sich einordnen, sich zurechtfinden, und das kann er nicht mehr; er ist zu alt dazu. Zu alt wenigstens, um noch in der üblichen Art zu lernen, zu wachsen. Denn er lernt, der arme, alte Mann, lernt sogar erstaunlich, wie in Glut und Fieber; aber er begreift nicht in Begriffen; in seiner Altersschwäche, wo ihn immer hilfloses Weinen ankommt, nimmt ihn das Leben in die Schule, und sein Lernen sieht so aus: Gegen meine Töchter bin ich immer gut gewesen — sie müssen also auch gut gegen mich sein — diese Damen sind ja so hart gegen mich — — ergo sind es nicht meine Töchter. Die neue Wirklichkeit, die sich ihm jetzt objiziert, lernt er nur in der Weise kennen, daß er das Neue, das er nun von der innern Beschaffenheit und Wahrheit der Menschen entdeckt, als äußere Halluzinationen, als Zwangsvorstellungen schaut und hört; der Sinn geht ihm auf in Gestalt von Sinnestäuschungen. Und so wie er daran ist, die Töchter nicht mehr als seine Töchter zu erkennen, so verliert er den Glauben, das Wissen, das Selbstbewußtsein, daß er Lear ist; er verliert sich selbst.
Aber er versinkt nicht völlig in diesen Wahnsinn; er ergeht sich nur gefährlich am Rande der Tollheit; ganz wahnsinnig, bloß wahnsinnig sehen wir ihn nie; wir erleben an ihm einen entstehenden und auch wieder vergehenden Wahnsinn; wir sind dabei, wie in und mit dem Wahnsinn sich ihm der Sinn öffnet für den Wahn seines bisherigen Lebens; wie er jetzt allererst einen Blick ins Leben tut; wie er mit dem Schmerz, der ihm von außen angetan wird, wütenden Schmerz über sich selbst, Reue, von daher Einsicht und mit der Einsicht Liebe, echte Liebe, Liebe zu andern lernt. Der Schein, der Machtkitzel, der Dünkel, die Hohlheit, die Ichsucht, all das schmilzt weg; indem er ins Elend hinuntersinkt, vermag er nun auch, die Welt und das Leben vom Standpunkt des Elends aus zu erblicken.
Daß er das aber noch vermag, daß er auf diesem einzigen furchtbaren Weg, den seine Altersschwäche ihm läßt, auf dem schwindelnden Grate zwischen Verzweiflung und Aberwitz noch lernt, noch wächst, Erneuerung und Wiedergeburt findet, das zeigt uns, was wir in dem Vater Cordelias, in dem Freund des Narren, in dem von Kent verehrten König, in der Gewalt seiner Leidenschaft und der Hoheit seines Auftretens schon geahnt hatten: daß eine große Natur in ihm von sozialen Narrheiten und Wüstheiten überklebt war; daß seine brutale Willkür sowohl wie seine ungeheuerliche Dummheit nur Manier war und nicht Wesen, daß ein guter, ein allerbester Kern in ihm ist, der nun, wo die gräßliche Not ihn zeitigt, sich zugleich als Geist und als Güte offenbart.
Jetzt sehen wir: die Welt seines pompösen Scheins war ihm notwendig gewesen, weil seine echte Natur eine Welt der Niedrigkeit nicht ertrug, weil er Größe, Adel, Übereinstimmung braucht. Die Lebensmöglichkeit entsinkt ihm, sowie er gewahrt, wie es wirklich in der Welt zugeht. Dieses sein Lernen, seine neue, seine erste Erkenntnis kommt ganz allmählich, und er kann nur dazu gelangen durch furchtbarste Not und Schrecknisse. Zum weit überwiegenden Teil aber tut er sich all dieses Fürchterliche selber an; sein Adel, sein Mißverhältnis zur Welt äußert sich in dem, was die Welt seine unerhört übertriebene Natur nennen müßte; durch Erschütterung allerschrecklichster Art, durch Wut und Leidenschaft, elementar wie eine Naturkatastrophe, arbeitet er sich aus der Verschüttung zum schmerzlichen Licht empor, ein überalter Mann, der nach dieser letzten gewaltigen Anstrengung gerade noch Zeit hat, still und milde für einen Augenblick sein wahres Wesen zu sein, sein Leben zu führen, wie es ihm zukommt, und dann zu sterben.
Noch genauer müssen wir zusehen, was ihn zuerst in diese Verfassung bringt; nur dadurch lernen wir seine wahre Natur und seine Stellung in der Welt kennen. Gonerils Hausverwalter behandelt ihn nicht mehr als König, sondern als Myladys Vater: der von Lear selbst geschaffenen Tatsache entspricht es, aber es ist schonungslos. Dann beklagt sich Goneril über seinen zügellosen Troß, den er nicht in Zucht hält; diese hundert Ritter mit ihrem wüsten Treiben machen ihr Schloß zur Kneipe, zum Bordell gar; sie ersucht kategorisch — widrigenfalls will sie selbst einschreiten —, sein Gefolge etwas zu verringern; er solle nur gesetzte, ältere Männer in seinem Dienst behalten. In der Sache hätte sie ganz einfach recht; weder ihre Darstellung noch ihre Forderungen könnten als unmäßig bezeichnet werden. Aber der Ton, in dem sie redet, ist von schneidender Schärfe, von einer unheimlich unpersönlichen Sachlichkeit; sie spricht als Regentin zum abgedankten König; sie denkt nicht daran, sie fühlt nicht, daß alles, worin sie nun in einem einzigen Punkt empfindlich gestört wird, ihr freiwillig von ihrem lebenden Vater geschenkt worden ist, ohne daß es einen andern Grund zu seinem Verzicht gab, als seinen Willen, der für sie ein guter Wille war; sie offenbart völlige Gefühllosigkeit, Lieblosigkeit, Undankbarkeit. Er wird nun an der Welt und an sich organisch irre, irgend etwas in ihm bekommt einen Riß; nur einen Augenblick lang erliegt er dieser Pathologie; sowie er wieder zu sich kommt, sowie seine erste gräßliche Wut über diese Undankbarkeit herausgeströmt ist und fast automatisch der Entschluß da ist, sofort zur zweiten Tochter, zu Regan zu reisen, sowie er merkt: ja, so spricht, so handelt wahr und wirklich seine Tochter, kommt sofort, offen eingestanden, die Reue über sein Verfahren gegen Cordelia. Die, so argumentiert er noch verderbt, dumm und lieblos genug, hätte ein Recht zu solcher Lieblosigkeit gegen ihn. So klammert er sich denn blind, vertrauensvoll, im geheimsten aber schon angstvoll an die einzige Tochter, die noch übrig ist, an Regan; gegen Goneril aber bricht er in den grauenvollsten, leidenschaftlichen Fluch aus. Welche Ansprüche stellt dieses Menschenkind, dieser wahrhaft königliche Tor an die Weltordnung! Ein undankbares Kind muß mit Unfruchtbarkeit geschlagen werden; ganz einfach, ganz logisch, ganz unbedingt ist für ihn der Zusammenhang zwischen Menschenlos und göttlicher Gerechtigkeit: er ist König, ist Vater; die Götter, die Göttin Natur voran, müssen die undankbare Tochter strafen. Er ist ganz überzeugt, daß dieser Fluch in Erfüllung gehen muß; darum auch kann er ihn mit dieser ungeheuren Gewalt ihr zuschleudern. Es wird von einer jung verheirateten Schauspielerin berichtet, daß sie nie mehr als Goneril auftreten wollte, nachdem der große Schröder ihr diesen Fluch ins Gesicht und ins Innerste hinein gedonnert hatte.
Auf dem Weg zur andern Tochter, zu der letzten, die ihm geblieben, sagt ihm der Narr das Stichwort seiner Rolle:
Du hättest nicht alt werden sollen, ehe du zu Verstand kamst!
Was für eine Reise! Der Narr spricht immer nur aus in seinen Gleichnissen und Rätselfragen, was in ihm selber auch bohrt. Ist Regan denn wirklich, wie er hoffen muß, so ganz anders als ihre Schwester, die jetzt ihr wahres Gesicht gezeigt hat? Und der Gedanke, daß er Cordelia Unrecht getan hat, die Furcht, um den Verstand zu kommen, verläßt ihn keinen Augenblick. Und erst sind wir am Schluß des ersten Akts — was werden wir noch erleben, was wird der ärmste Abcschütze im weißen Haar, der, indem er seine äußere Würde freiwillig und großmütig aufgegeben hat, nun in seiner natürlichen Hoheit angetastet wird, noch durchmachen!
Der alte Mann muß eine weite Reise machen. Einen Boten mit einem Schreiben, in dem er der Tochter Mitteilung von dem Geschehenen macht, schickt er voraus. Das ist sein neuer Knecht Cajus, in Wahrheit der treue Kent, der vorhergesehen hat, was kommen muß, und den Herrn, der ihn verbannt hat, nicht verlassen will. Wie Lear dann ankommt, ist das Haus leer: Cornwall und seine Frau sind weg. Auch die Schwester hat sofort Botschaft geschickt; und in dieser Sache sind sie einig, so weit sonst die Gegensätze zwischen Albanien und Cornwall schon gediehen sind. Lear muß ihnen nach dem Schlosse des Grafen Gloster nachreisen; und wie er nun zu später Stunde ankommt, sieht es ganz böse aus: sein Diener Cajus ist schimpflich mißhandelt worden; Regan und ihr Mann scheinen ihn gar nicht empfangen zu wollen; sie lassen sich erst verleugnen; und ihr Wirt, der alte Gloster, muß seinen Einfluß, der zur Zeit groß ist, aufbieten, damit Tochter und Tochtermann herbeikommen. Aus Lear will inzwischen die mühsam zurückgestaute Wut losbrechen; der Zweifel an der Wirklichkeit, die Krankheit zeigt sich wieder an; aber — wir erleben’s zum ersten Mal — er nimmt sich zusammen, versucht, was er nie gekonnt, sich zu beherrschen, will Vernunft und Gründe annehmen; und, wenn er nun endlich vor der Tochter steht, ist es rührend, wie er ihr kindlich sein Leid über ihre schlechte Schwester klagen will. Die Tränen steigen ihm auf, er kann nicht weiter reden. Sie weiß ja auch, er hat ja geschrieben; und jetzt eben hat er erfahren, daß Goneril auch einen Brief geschickt hat. Regan erwidert zunächst mit kalter Zurückhaltung: höflich, trocken, fast mild, wie etwa eine kalte, geübte Pflegeschwester einem Kindischen zureden würde, sagt sie ihm, sie, die Töchter, wüßten besser als er, was ihm not täte; er möchte zur ältesten Tochter zurückkehren und zugestehen, daß er unrecht gehabt. Er war nun schon auf so etwas gefaßt, so entsetzlich es ist; es hatte sich vorbereitet; noch bleibt er dem Grad nach mäßig; aber was sie da sagt, ist ihm sofort wieder eine suggestive Anschaulichkeit; er probiert’s gleich, wie sich’s ausnimmt, wenn er, der König, der Vater, hinkniet und seine Tochter um Verzeihung, um Schutz und Obdach bittet. Das ahnt er noch nicht, wie seine Entwicklung bald so vollendet sein wird, daß er das, was ihn jetzt die äußerste, die tollste Zumutung dünkt, gerade in der Form, die niemand von ihm verlangt hat, die nur seine im Stolz getroffene Phantasie sich ausgemalt hat, aus innigem Ernst tun wird, er der König, der Gebieter, der Vater: in Reue und Demut vor einem Kind, das der Vater gekränkt, hinknien und um Vergebung flehn.
So wird er am Ende sein. Jetzt klammert er sich noch an Einbildungen, die er gewaltsam festhalten will, klammert sich an Regan, sein einziges Kind. In vernünftiger Auseinandersetzung will er ihr dartun, daß ihr Vorschlag unmöglich sei, will ihr beweisen, sie sei so milde, wie Goneril grausam. Aber es ist, als sprächen nur seine Lippen, während unten in ihm ganz anderes arbeitete; und mit einem Mal, gerade während der Mund ihr vorhält, daß er ihr das halbe Reich geschenkt, wirft er den Kopf zurück und fragt zornig, wer es gewagt, seinen Diener in den Block zu setzen? Er nimmt das ganz, wie wenn an fremdem Hof sein Botschafter verletzt worden wäre; es ist eine Antastung seiner Majestät. Aber Trompetengeschmetter reißt ihm die Worte vom Mund: Goneril trifft zur eiligen Beratung mit der Schwester ein und findet den Vater. So muß denn die Entscheidung sofort erfolgen; ganz großartig hat der Dichter alles so aufgebaut, daß nach der Gonerilszene, die in dem gewaltigen Fluch gipfelte, nun diese ungeheure Steigerung sich noch ergab. Die beiden Schwestern hatten politisch beraten und dann ihre Entschlüsse bekannt geben wollen, und nun muß es gegen ihren Willen doch wieder zu einer dramatischen Szene kommen, wie ihr Vater sie zu brauchen scheint.
Sie fassen sich schnell und sind durchaus nicht aus der kühlen Ruhe gebracht. Regan wiederholt, er solle zur Schwester zurück, fügt aber nun hinzu, wenn er dann zu dem vereinbarten Zeitpunkt zu ihr komme, solle er vorher sein halbes Gefolge entlassen. Immer noch hält Lear an sich; als einen Vorschlag nimmt er das, der ganz falsch ist, und gegen den er nun, freilich wieder in erregter Bildersprache, Gründe ins Feld führt. Ja, noch mehr: Goneril läßt vier kalt abweisende Worte fallen, ohne ihn weiter zu beachten, und er redet nun noch einmal zu ihr, der er den Fluch entgegengeschleudert hat: mit sanfter, fast brechender Stimme, wirr, aber der Sinn ist, daß er ihr gütig, bittend zureden will, in sich zu gehn; schelten und fluchen will er nicht mehr; Gott soll ihr Richter sein, er will sie nicht verklagen. Er redet ihr zu, sich zu bessern, er spricht als Vater; er will nichts von ihr. In höchster Not tut er so, als habe er nichts Entscheidendes gehört; er bleibt an Regan, die letzte Hoffnung, angeklammert:
Ich kann geduldig sein,
sagt er und fühlt vielleicht, daß ihm die Tugend bisher vor allem gefehlt hat; im Zusammenhang heißt es, Goneril solle sich bessern, auch wenn sie lange dazu brauche, er wolle es abwarten und einstweilen
bei Regan bleiben
Mit meinen hundert Rittern.
Aber die Töchter sind von dieser rührenden Wandlung nicht im mindesten ergriffen; Regan beharrt darauf, ihn jetzt nicht zu sich zu nehmen; im übrigen erklärt sie nun fünfundzwanzig Ritter für genug. Er winselt beinahe, er flüstert:
Ich gab euch alles,
und wie nun Regan auf ihrer Entscheidung beharrt, tut der alte Mann, dem mit seinen Rittern sein Selbstbewußtsein genommen werden soll, das ganz überraschende: um dies äußere Zeichen seiner Würde behalten zu dürfen, gibt er in kindischer Gesunkenheit die innere preis und erklärt, er wolle nun zu Goneril gehen; die läßt ihm doch fünfzig! Aber nun haben die Töchter genug: sie werden schon für seine Bedienung sorgen, er braucht keine zehn, keine fünf, keinen einzigen!
Wozu ist einer not?
Not? Dabei stutzt er. In der Tat, in Not ist er nicht und braucht es auch künftig nicht zu sein. Aber seine Würde, seinen Luxus, seine Hoheit wollen sie ihm nehmen, demütigen wollen sie ihn. Eindringlich, aber immer noch still hebt er an:
Beklügelt nicht die Not! Der ärmste Bettler
Hat bei der größten Not noch Überfluß...
Und nun wechselt es in ihm zwischen Bitten und Zorn; zwischen Nichtweinenwollen, Weinen, Seufzen und Drohen; die Hitze steigt auf, es zerbricht etwas; er erträgt’s nicht; er will vor diesen Töchtern hier nicht mehr, nicht noch einmal ausbrechen; er stürzt hinaus; eben zieht das Unwetter am Himmel auf. Noch einen Blick hat er in die Runde geworfen, wie auf der Suche nach einem Menschen, nach einer Stütze, nach einem Freund; er fand ihn auch: den Narren.
O Narr, ich werde wahnsinnig!
Das war in diesem Kreis sein letztes Wort. Die bleiben doch etwas bestürzt zurück; und vielleicht würde gar der harte Eigensinn der Töchter erweicht; aber nun tritt eine noch größere Brutalität hervor: Regans Mann Cornwall. Er befiehlt, während der Sturm zu brausen anfängt, die Tore zu schließen. Kleinlaut versichern die Schwestern einander, für den alten Mann wäre hier schon Platz gewesen, aber nicht für sein Gefolge; an Cornwalls Haltung indessen werden sie wieder energisch; der Alte soll nur für seinen Unverstand büßen; schafft er sich selber Kränkungen und Beschwerden, so sollen die seine Schullehrer sein! Die Tore müssen jedenfalls geschlossen werden; wer weiß, wessen man sich sonst von seinem wilden Gefolge, das nun so gut wie entlassen und verzweifelt ist, zu versehen hätte? Um die aber kümmert sich der kranke, tobende Mann nun gar nicht mehr, und sie, mit Ausnahme eines einzigen Getreuen, um ihn auch nicht; sie werden schleunig weiter geritten sein und eine Herberge gefunden haben.
Lear, seinen Narren und den Knecht, der Kent ist, treffen wir im tosenden Wettersturm wieder nachts auf der Heide. Er ist, nachdem er sich so lange gewaltsam unterdrückt hat, in einer Leidenschaft, die sich wollüstig mit dem Orkan mißt. Ah! sich auslassen zu dürfen! Welch königliches Herrengefühl, Grund zum Toben zu haben! Recht, recht so, ihr Stürme und Wetterschläge, Undankbarkeit ist auf diesem Erdenball eingesät; zertrümmert ihn! Das ist noch bacchantische Raserei der Leidenschaft; aber zwischendurch zuckt die Logik des Wahnwitzes auf. Auch ihn, den alten, preisgegebenen Mann, dürfen die Elemente treffen, sie haben die Erlaubnis, dürfen ihn zausen und schlagen nach Herzenslust: sie sind ja nicht seine Töchter! Und so apostrophiert er den Regen, den Donner, den Blitz:
Ich gab euch nie ein Reich, nannt’ euch nicht Kinder!
Und dann besinnt er sich, die Logik ist willfährig, man kann die Sache auch von der andern Seite ansehn: es ist doch unrecht von den Elementen; sie benehmen sich wie die „knechtischen Helfershelfer der verruchten Töchter“, und nun geht ihm eine ganz neue Gedankenreihe auf. Es denkt in ihm: wenn’s nach der Gerechtigkeit zuginge in der Natur, wer dürfte getroffen werden? Er nicht; er gewiß nicht; ganz andern müssen die Götter so begegnen: den verborgenen Verbrechern, den Meineidigen, den Mordlustigen. Und wir gedenken dabei der Greuel, die im Hause Gloster im Gange sind. Er aber, Lear?
Ich bin ein Mensch, an dem man mehr
Gesündigt, als er sündigte.
Und er fängt an, sich noch tiefer zu besinnen, wie’s in der Welt zugeht; er wird liebevoller als je zuvor gegen den armen Narren, der gleich ihm selber, aber nur aus Liebe zu ihm, friert:
Mein armer Narr, mir blieb vom Herzen nur Ein Stück, das ist betrübt um dich.
„Obdachlose Armut!“ Das bohrt nun immer in ihm weiter, daß es so etwas in der Welt gibt, nicht bloß ein Verzicht auf Eitelkeiten, nein, ganz wirkliche Not, völlige Entbehrung, ein Leben wie das, dem er sich in der Raserei dieser Nacht ausgesetzt hat. In keinem Augenblick denkt er praktisch, was nun von jetzt an aus ihm werden soll; ganz andre Dinge hat er auszumachen; wir sehen, wie sich hinter seiner eiteln, äußerlichen Hoheit letzte Vornehmheit verborgen hat; er muß mit dem Allgemeinen, mit den Zuständen dieser Erde, mit der Weltordnung fertig werden; das ist nun in ihm aufgekeimt, was vorher der eigenwillige Triebmensch ganz beiseite liegen ließ.
Sie nähern sich einer armseligen Hütte, die Kent ausfindig gemacht hat; aber vergebens zunächst fordert dieser treue Knecht den Herrn auf, sich darin zu bergen. Solche Sorge dünkt ihn gemein; was tut ihm alles Unwetter da draußen im Vergleich mit dem Sturm in seiner Seele? Doch ist er nicht mehr zu festen Entschlüssen imstande; und sowie er sich hoch aufrichten will und auf die Bestrafung der ruchlosen Töchter sinnt, bricht einer in ihm zusammen, und die Tränen stürzen vor. Ja, er wird schon hineingehn; er wird zu schlafen versuchen; der gute Narr, der nicht von ihm gewichen ist, soll nur vorausgehn; er will erst unter freiem Himmel, für sich allein, sein Gebet verrichten.
Was der König aber jetzt betet, ist eben diese Erinnerung an die, zu deren Schicksalsgenossen er sich in dieser Nacht gemacht hat:
Ihr armen nackten Elenden, wo ihr seid,
Die ihr dies mitleidlose Wetter duldet,
Wie soll eu’r bloßes Haupt, eu’r magrer Leib,
Durchlöcherte Zerlumptheit euch beschützen
Vor solchem Sturm wie der? — O, nicht genug
Bedacht’ ich das! — Nimm dir’s zur Lehre, Pomp,
Nur einmal fühle, was der Arme fühlt,
Daß deinen Überfluß auf ihn du schüttest
Und zeigst: es gibt Gerechtigkeit im Himmel!
Was für eine große neue Erkenntnis diesem König da an der Grenze des Wahnsinns kommt! Das ist die Gerechtigkeit im Himmel, die man selber auf Erden übt! Damit, daß man hier auf Erden reichlich seinen Überfluß auf die Armen schüttet, zeigt man, daß im Himmel gerechte Mächte walten. Weit ist er jetzt davon entfernt, die Extragötter anzurufen, die ihm persönlich helfen sollen; und doch hätte er’s nie nötiger gehabt. Aber er hat schon viel gelernt; hat zu denken gelernt und damit zu fühlen und gut zu sein.
Und in diesem Augenblick, wo er von seinem Elend absieht auf die vom Schicksal Verstoßenen auf dem weiten Erdenrund, tritt aus der Hütte, die sie leer geglaubt hatten, das nackte Elend leibhaftig: ein nackter Bettler, toll, besessen, von allen Teufeln verfolgt, wahnsinnig. Wir wissen: es ist Edgar Gloster, der sich vor seinem Vater und seinem Bruder bergen muß, der von Cornwall geächtet ist; das Elend ist echt, der Wahnwitz ist angenommen, wie umgekehrt Lear ganz dicht am Wahnsinn steht, im Elend nur, weil er’s zur Stunde nicht anders will und erträgt.
Bei diesem Anblick schließt der Wahnsinn, das tolle Zwangsspiel mit dem Wahnsinn: den müssen undankbare Töchter so weit gebracht haben; was sollte einen sonst um den Verstand bringen? Die beginnende Erkenntnis aber, die im Fieber des Deliriums arbeitet, bohrt weiter. Sie führt ihn über die Wahrnehmung der Entblößtheit aus sozialen Gründen noch tiefer ins Echte hinein, ins Erfassen des Wesens: aller Pomp ist Schein; das, was da vor ihm steht in der Entblößtheit nicht bloß von Mitteln des Unterhalts, in der Entblößtheit des Leibes, das ist der wahre Mensch in seiner Nacktheit!
Ist der Mensch nicht mehr als das? Betracht’ ihn wohl! — Ha, drei von uns sind verfälscht! Du bist das Ding an sich. Der unverzierte Mensch ist nicht mehr als so ein armes, nacktes, gabelförmiges Tier wie du bist!
Zum ersten Mal achtet der Mann, der sich bisher abends hat aus den Königsgewändern und in sein Nachtgewand helfen, morgens anziehen lassen, in dieser Sturmnacht beim flackernden Schein eines Kienspans auf den nackten natürlichen Menschen und seine Gestalt. Wieder ein Stück Anschauungsunterricht, aus dem er sofort die Lehre zieht:
Fort, fort, erborgter Plunder!
Zur Echtheit will er vordringen; er reißt sich die Königsgewänder ab — und sieht sich dabei in alter Gewohnheit nach den Dienern um, die ihm helfen sollen, sich zu entkleiden! Welch eine Szene! Wo ein Greis im nächtlichen Wettersturm anfängt, Wirklichkeit und Güte zu lernen, aber sein Hirn ist nun so geworden, daß er nur noch in Gestaltensehen und leidenschaftlicher symbolischer Aktion lernen kann. Und der Sturm heult, der Donner tobt, der Regen prasselt, Edgars Vater, der alte Gloster, voller Erbarmen gegen den König, zu mildtätiger Hilfe bereit, die ihm übel bekommen soll, tritt dazu, und Edgar, um sich vor dem Vater, der ihm ein grausamer Verfolger ist, zu verbergen, bricht in tollere Reden aus. Zugleich nimmt Lears immer weiter bohrende Erkenntnis wieder Wahnsinnsform an. Der ihn das gelehrt hat, die Sache zu erkennen, wie sie wirklich ist, bis zur Echtheit des Wesens, bis zur nackten Natur vorzudringen, der ist, nackt und zähneklappernd und irre redend, wie er vor ihm steht, ein edler Philosoph, ein weiser Thebaner, ein hoher Gelehrter. Und kaum sind sie durch Gloster auf einem seiner Pachthöfe unter Dach und Fach gebracht worden, so weiß er genau, wozu ihm dieser Weise, der die Wahrheit mit seinem Leibe kündet und der überdies zwischen Tiefsinn und Unsinn ein Kauderwelsch von sich gibt, aus dem der kranke Sinn des Königs manche Erleuchtung empfängt, zugeführt worden ist: die Töchter sollen vor Gericht gestellt werden! Der nackte Bettler ist ihm, eben weil er nackt ist und keine Falschheit und Verhüllung anhat, „der Mann im Rechtstalar“; der Narr ist der eine Beisitzer, der treue Knecht der zweite. Vors Gericht des Volks und der Wahrheit werden die Königinnen gestellt: der tolle nackte Bettler, der arme Narr, der gute Knecht sind die Richter: alle drei in Wahrheit tief Verkleidete, hinter deren Masken Güte und Ehre wohnt. Und sie, selbst so an die Grenze gerückt, daß das Spiel mit grotesker Phantasie ihnen nahe genug liegt, gehen aus Güte, um ihn zu beruhigen, und aus Tollheit, von der sie sich gern anstecken lassen, darauf ein. Die Töchter sollen vortreten, ein Schemel stellt Goneril vor; wie Lear Regan holt, entwischt sie ihm, seine Gedanken, seine Bilder irren in andre Richtung. Jetzt sieht er eine Hundemeute vor sich, die ihn kläffend verfolgt, die dann wieder die Töchter zu Tode beißt, bis er in Erschöpfung niedersinkt. Und wie der treue Kent ihn bettet, ist er wieder für einen Augenblick der alte König, und nichts von aller Würde und Behaglichkeit ist ihm genommen worden: „Macht keinen Lärm, zieht die Vorhänge zu.“ Er schläft ein.
So läßt ihn Gloster auf einer Sänfte fortbringen; er soll nach Dover, zu Cordelia, zu dem Heer der Franzosen, das dort schon gelandet ist.
In den Wirren des Reichs, die sofort nach König Lears Abdankung eingetreten sind, in den heimlichen Machenschaften zwischen Cornwall und Albanien und beider Feindseligkeit gegen den alten König, hat sich eine Partei zu Frankreich, zu Cordelia geschlagen, deren Rechte in dem Augenblick erwachen, wo die andern Töchter die Vereinbarungen mit ihrem Vater brechen. Kent und Gloster gehören zu dieser Partei. Gloster ist schon in Verbindung mit dem französischen Heer; für Cornwall ist das ärgste Gefahr, und er hat das Recht, es für Hochverrat zu erklären. Was da vorgeht, erfährt er durch Glosters eignen Sohn, den Bastard Edmund, der erst den echten Sohn verjagt hat und nun Graf an seines Vaters Stelle werden will: grauenhaft ist die Rache, die Cornwall nimmt: die Augen werden Gloster aus den Höhlen getreten, gerissen; in der Ekstase des Zorns hatte der alte Mann gerufen, er werde noch sehen, wie die Strafe des Himmels über die grausamen Kinder komme; das war das Wort, das die Art seiner eignen Bestrafung über ihn brachte.
Ein geblendeter Vater war er schon zuvor, wie Lear sein Herr. Und wie Lear im Wahnsinn das Denken lernt, so gehen Gloster nach der Blendung die Augen auf. Bei Dover begegnen die beiden einander wieder: Lear auf der Flucht vor der Tochter, an der er gesündigt hat und deren Anwesenheit er in lichten Momenten ahnt; der andre, Gloster, durch den Tod hindurchgegangen und im äußersten Elend wie zu Ruhe und Frieden auferstanden und wiedergeboren: von der hohen Klippe über Dover hat er sich hinabzustürzen vermeint; aber der echte Sohn Edgar in allerlei fremden Gestalten und mit allerlei Täuschungen hat den blinden Vater gerettet, und wie ein Fluidum der Sanftmut und heilenden Liebe ist es vom verstoßenen Sohn und vom Tod her über den alten Mann gekommen.
Und wir empfinden, wie der Elende, der von hoher Herrlichkeit so hinuntergestürzt ist, als blinder Bettler ergeben am Wege sitzt, sein noch unerkannter Sohn bei ihm, von diesem Vater verstoßen und auch im selbstgewählten nackten Bettlerdasein, wir empfinden in tiefster Seele die alte Weisheit: Es ist alles eitel; alles, was zur innersten Verborgenheit des Wesens als Aufputz und Zierat dazu kommt. Und in diesem Augenblick tritt Lear der König auf; wieder ganz herrisch für diesen Augenblick; und da dem Abgerissenen, der durch Wälder und Felder gerannt ist, der Königsornat fehlt, hat er sich mit Blumen ausgeschmückt. Der Wahnsinn hängt nun dicht und schwer über ihm; aber auch in dieser lastenden Wolke verfolgt er sein seltsames Lernen weiter. Zum König hat er sich jetzt wieder gemacht, um lebendig in seinen einstigen Zustand zurückgreifen zu können und mit besserer Einsicht sein Königserlebnis mit den Menschen zu wiederholen. Wie hatten sie ihm die Welt mit Schmeicheleien verhüllt; „Ja“ und „Nein“ zugleich zu allem gesagt, was er vorbrachte!
Ja und Nein dazu, das war keine gute Religion! Als der Regen kam, mich zu durchnässen, und der Wind, mich schaudern zu machen; als der Donner nicht einhalten wollte auf meinen Befehl, da fand ich sie, da witterte ich sie aus.
Die unerbittlich wahre Natur, die außer der Sprache ihrer Taten nicht noch eine der Bemäntelung und Lüge hat, hat diesen Fürsten, der von Lüge erstickt war, in die Schule genommen. Und nun ist er, der Selbstherrscher, der König von Götter Gnaden, in Not und Wahnwitz zur selben Erkenntnis gekommen wie Richard II. in dem Augenblick, wo man ihn der Macht entkleidete:
Sie sagten mir, ich wäre jedes Ding; ’s ist erlogen;
das Fieber ist stärker als ich.
Nun merkt er die Schranken, die Gleichheit alles dessen, was von Menschenhaut umspannt ist; seine Hand „riecht nach Sterblichkeit“. So hatte es Richard gesehen:
Ihr irrtet euch die ganze Zeit in mir:
Wie ihr leb’ ich von Brot, ich fühle Mangel,
Ich schmecke Kummer und bedarf der Freunde.
So unterworfen, — kann ich König sein?
Und jetzt, wo Lear weiß, was der nackte Mensch ist, jetzt weiß er auch, wie in dieser Welt der Kostüme, der Lüge, der Politik von Würdenträgern, Beamten, Richtern Unrecht geübt wird. Hör’ zu, blinder Mensch im Staub, der du dich freiwillig von der höchsten Klippe hinunterwerfen mußtest, um zu dir selbst zu kommen, hör’ zu, wie dein König auf Elends- und Wahnsinnswegen aus dem Lager seiner politischen Töchter hinweg endgültig zu Cordelia, zur Menschheit, zur Echtheit heimgefunden hat! Was hat er denn selber in seinem Königsornat geübt? Willkür! Laune! Und seine Beamten? Ach, du Blinder, das kannst du merken, ohne zu sehen. Hör’ nur hin, wie der Richter sich über den armseligen Dieb erhebt!
Wechsle die Plätze, dreh die Hand um, horch hin: wer ist der Richter, wer der Dieb?
Er gewahrt alles in bewegten Bildern, er erlebt die Wahrheit in lebendiger Aktion:
Hast du wohl einmal gesehn, wie ein Pächterhund einen Bettler angebellt hat? — Ja? — Und der Tropf lief vor dem Hund davon? — Da hast du das große Bild der Autorität: einem Hund im Amt gehorcht man.
Alles, was er je gesehen, was in seinem Namen geschah, wird in ihm aufgerührt; und zugleich melden sich die Triebe, die ihm sagen: wir Herren, wir Gebieter, wir strafenden Richter und Henker, wir spielen eine Rolle; wir stellen uns an, als wären wir wie unser unbefleckter Mantel, als wären wir unser Amt; und was sind wir in unsrer Wirklichkeit, in unserm Leib? Die scharfe Erkenntnis, die sich im Ton der zugleich unerbittlich logischen und bildkräftigen Prosa geäußert hat, schwingt sich — wie so oft in diesen Szenen Lears — wie zu dichterisch gesteigerter Proklamation auf:
Du Schuft von Büttel, weg die blut’ge Hand!
Was schlägst du diese Dirne? Peitsch’ dich selbst!
Heiß glühst du, das mit ihr zu tun, wofür
Du sie zerschlägst.
Da haben wir in Lears Erkenntnis das Motiv, das sich in Maß für Maß zum Drama ausgestaltet hat.
Der Wuchrer hängt den Gauner.
Durch lump’ge Kleider scheint der kleinste Fehl;
Ein reich Gewand deckt alles.
Die Klarheit, wie’s in der Welt zugeht und was die innere Wahrheit der Dinge ist, kommt jetzt; aber es ist ja zu spät; sein alter Leib hält’s ja nicht mehr aus; sein Geist ist ja dieser fieberhaften Anstrengung nicht mehr gewachsen. Es geht alles wirr und wüst durcheinander; er kann ja schon nicht mehr leben, wo es jetzt in ihm anfängt zu tagen. Manchmal ist er in hoher Erkenntnis und einmal in höchster; da eint sich sein alter Königsstolz mit der erhabnen Einsicht eines Augenblicks; der Ekel hatte ihn übermannen wollen über diese feile, gemeine, verbrecherische Welt der Lüge; aber wenn man erst so nah der Enthüllung ist, braucht’s nur noch einen Schritt; er tut ihn: Der Reiche entgeht dem Speer des Gesetzes; der Arme wird vom Strohhalm eines Zwergs gefällt; schon will er sagen, daß alle, alle Sünder sind; aber königlich hoheitsvoll kommt jetzt die Demut über ihn; wie viel weiter ist er nun in diesem Moment als in der Wetternacht, wo er in der Hütte des armen Toms die Töchter vors Gericht schleppte:
Es sündigt keiner; keiner, sag’ ich, keiner.
Ich schütze sie; glaub’, Freund, ich habe Macht,
Des Klägers Mund zu stopfen.
Was für eine Macht ist das, die da mit all seiner Königshoheit auftritt? Seine Erfahrung im Unglück und in der Herrlichkeit; sein Leben in beiden Reichen: er versteht sich jetzt auf das Leben der Enterbten und auf die Innerlichkeit der Obrigkeiten; er ist ein Mensch geworden, der das Bewußtsein seiner selbst und das Bewußtsein seines Gegenübers zugleich hat; aber o Jammer! nur wie Fetzen blauen Himmels, die die Wolkenschicht mal öffnet, mal schließt, sind diese höchsten Momente; schon im nächsten Augenblick tollt ihn die Verrücktheit wieder in seinen alten Königswahn hinein, und der Monarch ruft ungeduldig, herrisch die Diener herbei, die nicht da sind, ihm schnell die Stiefel auszuziehn! So ist er in dem Augenblick, wo die Abgesandten Cordelias ihn auffinden, in völliger Raserei. Dann aber kommt er in Pflege, in die behutsame, liebevolle Pflege Cordelias und ihres guten Arztes. Der heilt ihn mit Ruhe, mit Schlaf und weckt ihn schließlich mit sanfter Musik. Und nun möchte ich Adalbert Stifter das Wort geben, dessen Schilderung einer Lear-Aufführung am Burgtheater mit Anschütz, die er in seinen „Nachsommer“ verflochten hat, das Schönste ist, was je über diese Tragödie geschrieben wurde:
„Der König erwacht endlich, blickt die Frau an, hat nicht den Mut, die vor ihm stehende Cordelia als solche zu erkennen, und sagt im Mißtrauen auf seinen Geist mit Verschämtheit, er halte diese fremde Frau für sein Kind Cordelia. Da man ihn sanft von der Wahrheit seiner Vorstellung überzeugt, gleitet er ohne Worte von dem Bette herab und bittet kniend und händefaltend sein eigenes Kind stumm um Vergebung.“
Der Unterricht des alten Mannes ist vollendet: er — jeder Zoll ein König! — hat Demut und Selbstüberwindung gelernt. Wie er die Demut, als er noch in Wahnsinnsform den Wahn seiner Königswut durchbrach, verkündet hatte, so kann er sie jetzt in letzter Klarheit und Würde vor dieser reinen, kindguten, herb wahren Frauengestalt üben, die er geliebt hatte, ohne sie zu kennen, sie, die an seinem Hof die Echtheit, die Natur, die Seelenschönheit repräsentiert hatte.
Und wie hatte er, gerade noch in seiner letzten Raserei, wo alles Verhohlene in ihm aufgewühlt wurde und er zu den letzten Gründen des tierisch Allzumenschlichen vordrang, in wüsten sexuellen Bildern gegen die Weiber gewütet! Die beiden andern Töchter traf’s — wir haben ja ihr aus Herrschaftsgier, aus wonnigem Verlangen nach der Gemeinheit und aus edlerer Sehnsucht gemischtes ehebrecherisches Treiben mit dem Bastard miterlebt, das nun noch weitergeht:
Vom Gürtel niederwärts sind sie Kentauren,
Wenn oben gleich ganz Weib.
Nur bis zum Gürtel sind sie Götterwohnung,
Doch drunter ganz des Teufels...
Es ist eine tiefe Erkenntnis Shakespeares — fast haben wir ihn doch über dem Erleben dieser Gestalten vergessen, die alle seines Geistes, seiner Natur, seiner Kunst Geschöpfe sind —, daß er den Machtkitzel zu allerletzt auf einen Wahn zurückführt, der mit anderm Namen Wollust heißt. So weit die ichsüchtige Lüsternheit sich von ewiger Liebe entfernt, so weit irrt die Herrschgier von der geordneten Eintracht zwischen den Menschen ab; und beides ist dasselbe, derselbe Fehl unsrer schwachen, gemengten Menschennatur: daß wir erraffen und haben müssen, um unsres Ich und der Nächsten sicher zu sein, daß wir haben müssen, um zu sein.
Was in ihm Wutmanier, Herrensinnlichkeit und gebieterisch besitzende, besessene Wollust der Wirklichkeit war, das haben Goneril und Regan, die politischen Schwestern, als Erbe bekommen; Cordelia, ein völlig weiblicher Mensch, hat vom Vater die ursprüngliche gute Anlage, die, da sie aus ihm herauskommen konnte, in ihm von je da war, und die wir an einem Zug gemerkt haben, der dem Vater und seinem Kind gemein ist, von dem wir aber an den Schwestern nicht die kleinste Spur finden: Kindlichkeit. Mit der Kindlichkeit steht alle Reinheit unsrer sexuellen Natur in tiefem Zusammenhang; das mädchenhaft Holde dieser Tochter, die ihrem Vater nicht von ihren Gefühlen zu reden vermochte, ihre Seelenkeuschheit entstammt dieser Unschuld, daß sie als reifer Mensch und liebende Frau geblieben ist, wie sie als Kind war. Und mit diesem seinem Kinde zusammen wird der Mann, der vordem so oft ein kindischer Wüterich gewesen und dessen unerzogene und verzogene Willkür trotz dem Grundguten seiner Natur der Schlechtigkeit so nah gekommen war, nun, wo’s zum Ende geht, sanft und kindlich. Nicht aber bloß so, wie man im gemeinen Leben von einem sanften und kindlichen Menschen spricht; wir haben schon, als die Wut tobte und die Krankheit verzerrte, gemerkt, daß da ein ungemeiner Mann sich herausarbeiten will; jetzt ist er das Urbild dessen, der überwunden hat, und hat ganz den Geist seiner Haltung. Wie die Schlacht für Cordelia und ihr Heer unglücklich ausgeht und Lear samt seiner Tochter in Gefangenschaft gerät, macht er sich aus diesem Schicksalswechsel gar nichts, nicht einmal für sein Kind; er ist, was er nie hat sein können, fröhlich: in gleichmäßiger Ruhe heiter, gelassen über die Wechselfälle der Ereignisse hinweg:
Wir wollen ins Gefängnis
Und wie zwei Vögel in dem Käfig singen.
... So woll’n wir leben:
Man betet, singt, sagt alte Märchen, lacht
Der goldnen Falter, hört wohl armer Leute
Gered’ vom Hof und schwatzt wohl selber mit...
Wir tun so wichtig mit geheimen Dingen,
Als sei’n wir Gottes Späher; überleben
Im Kerker Sekten und der Großen Streit,
Was ebbt und flutet mit dem Mond...
Man sieht, aus der Welt jeglicher Gier und Macht ist er völlig ausgeschieden; er, dem nichts galt als die Größe, die Herrlichkeit, das Befehlshabertum und der Pomp, ist ein kleiner Mann geworden, einer von den Stillen im Lande, deren Erhabenheit in Lächeln, in Frieden, in Überwindung besteht; ein Armer in jeglichem Sinn, auch in dem der christlichen Mystik: ein freiwillig Armer, ein Abgeschiedener, der nichts hat und nichts will. Aber dieses stille Versickern seines schwachen Lebensrestes in genügsamer Beschaulichkeit ist ihm nicht beschieden; zu tief hat sein früheres Treiben, zumal sein Handel mit den drei Töchtern ihn und die gute Cordelia mit ihm ins Böse, ins Politische, in Krieg und Mord verstrickt. Die sanfte, unpolitische Cordelia hat um seiner und um Britanniens Rettung willen zur Politik und den Waffen greifen müssen, die politischen Schwestern haben, um die Ziele ihrer privaten und öffentlichen Gier durchzusetzen, den Mann immer weiter nach oben gebracht, in dem das böse Prinzip sich verkörpert, den Glosterbastard Edmund, und nun ist es so weit gekommen, daß der Teufel und der Engel in Menschengestalt, Edmund und Cordelia, einander gegenübertreten; der Teufel bekommt, so weit ist’s in diesem Reich des Wahns gediehen, den Engel in die Hand, steht siegreich über ihm und darf ihn umbringen.
Und nun sehen wir noch einmal den rasenden, den brüllenden, den wütenden König Lear; jetzt darf er toben; diesmal geht’s nicht um Eitelkeiten, nicht um ihn selber; sein Jammer tönt um den liebsten Menschen, nicht weil er sie nun nicht mehr haben soll, nein, weil man ihr das Leben, weil man sie der Welt genommen hat.
In dem ganzen Stück scheint sich der Kampf des Guten, Menschenfreundlichen, Verträglichen mit dem Bösen, Gierigen, Ränkevollen und grausam Wütenden zu verkörpern, und so wie in Lear selbst eine tragische Bühne aufgeschlagen ist, auf der dieser Widerstreit der Mächte ausgefochten wird, so scheint er der König eines Reichs jenseits Britanniens, jenseits aller Reiche der Erde zu sein, wo dieser metaphysische Kampf der zwei Mächte um das Weltregiment gestritten wird. Auf der einen Seite Goneril und Regan, die wie Zwillingstöchter des Herrschteufels erscheinen; auf der andern Cordelia; hie Edgar, hie Edmund. Und auch der Verlauf der Geschehnisse ist so, daß Bös und Gut sich immerzu messen und abwechselnd siegen; und immer erscheint Bös als Reich dieser Welt, Reichtum, Unersättlichkeit; Gut als Stille, Friedfertigkeit, Armut. Der gute alte Gloster wird von Cornwall geblendet; sofort empört sich ein alter Knecht, einer von den kleinen Leuten der Menge, wir haben vorher nichts von ihm gesehen noch gehört, gegen den Herrn und verwundet ihn zu Tode; und Schlag auf Schlag; unmittelbar darauf ist das Böse wieder Meister: Regan bringt den Knecht um. — Der Haushofmeister Gonerils,
ein dienstergebner Bube,
So treu den Lastern der Gebieterin,
Als Schlechtigkeit nur wünscht,
will den Hochverräter Gloster, blind wie er ist, töten; Edgar der Sohn, in Gestalt eines Bauernlümmels, nimmt dem Herrenknecht vorher das Leben. Edmund der Bastard tötet Cordelia; ihn aber erschlägt in ritterlichem Kampf sein wundervoller Bruder Edgar, der Armut und Tapferkeit, Milde und Heldentum in sich vereint. Und zugleich stirbt das Schwesternpaar, das nach dem Bastard lechzt: Regan von Goneril vergiftet, Goneril von eigner Hand, am meisten aber von der schneidenden Verachtung ihres „milden Gemahls“, wie sie ihn genannt hatte, getötet. Der, Albanien, hatte sich in ruhiger Verachtung, in einer Haltung stiller Größe von ihr geschieden, die ihr bitterer sein mußte als irgendein Wutausbruch eines Brutalen; zu seiner Schwägerin gewandt hatte er in dem Augenblick, wie er den Bastard in Haft nahm, die Worte gesprochen:
Und Euren Anspruch auf ihn, schöne Schwester,
Muß ich bestreiten namens meiner Frau.
Sie ist mit diesem Herrn geheim verlobt,
Ich als Gemahl tu’ Einspruch Eurer Ehe.
Sucht Ihr ’nen Mann, schenkt Eure Liebe mir;
Mein Weib ist schon versagt.
Man hat es gewagt, Balzac einen Shakespeare zu nennen; das war weitaus zu viel gesagt; Gonerils und Regans im Kostüm seiner Zeit sind ihm trefflich gelungen; viel höher ist es nicht gegangen; aber an solcher Stelle Shakespeares wie dieser merkt man, woher der Irrtum gekommen sein mag: in Shakespeare dem Unerschöpflichen steckt auch, diese Worte Albaniens zeigen’s, der ganze Balzac, dazu aber noch, auch in schneidender Verachtung, eine Vornehmheit, die Balzac ewig unerreichbar blieb.
Sehen wir nun, daß uns die letzten blutigen Entscheidungen, in denen es um Leben und Tod geht, über das Verhältnis von Gut und Böse in dieser Welt keine Sicherheit geben, daß der Kampf unruhig hin und her wogt, so tun wir vielleicht gut, von den Taten, die keine Klarheit bringen, überzugehen zu den Worten, die sie begleiten. Wie steht es mit dem Zusammenhang von Menschenschicksal und Weltordnung? Welche Weltanschauung des Dichters hat im König Lear Gestalt angenommen? Sehen wir zu; leicht möglich, daß wir hier endgültige Aufklärung über Shakespeares Weltanschauung erhalten.
Lear hat sein Reich geteilt; Gloster hat von seinem Bastardsohn Edmund — dessen Bastardsohn Franz Moor heißt — mit Hilfe eines gefälschten Briefes erfahren, daß sein Sohn Edgar ein Ruchloser ist, der nach des Vaters Besitz und Herrschaft und Leben trachtet. In dieser innern Verfassung des Jammers über sein mißratenes Kind und über die Lösung aller Bande in der Familie des Königs spricht er die Anschauung aus:
Diese neulichen Verfinsterungen der Sonne und des Mondes bedeuten uns nichts Gutes. Mag sie die Naturweisheit so oder so deuten, immer findet sich die Natur selbst durch die darauf folgenden Wirkungen gepeinigt: Liebe erkaltet, Freundschaft fällt ab, Brüder entzweien sich: in Städten Aufruhr, auf dem Lande Zwietracht, in Palästen Verrat; und das Band zwischen Sohn und Vater zerrissen. Dieser mein Bube bestätigt die Wahrsagung: da ist Sohn gegen Vater; der König tritt aus dem Geleise der Natur: da ist Vater gegen Kind. — Wir haben gesehen, wie weit unsre Zeit es bringen kann: Ränke, Gleißnerei, Verrat, und alle verderblichen Zerrüttungen folgen uns quälend bis ans Grab!... Und der edle, biederherzige Kent verbannt — sein Verbrechen: Ehrlichkeit! — ’s ist seltsam!
Eine Beschreibung der Sphäre dieses Stückes, in der all die verschiedenen Handlungsteile darin sind, haben wir sicher mit diesen Worten; wenn aber darüber hinaus nicht nur Gloster in seiner bestimmten Situation, sondern der Dichter sich hier im allgemeinen über den Zusammenhang der Menschengreuel und der Zeichen der Natur äußern soll, so muß es uns stutzig machen, daß sich diese Weltanschauung des Dichters auf einer falschen Voraussetzung, die er eine seiner Gestalten machen läßt, aufbaut: Glosters echtes Kind Edgar, „dieser Bube“ bestätigt ja die Wahrsagung in der Tat nicht. So erstaunt es uns schon weniger, wenn der Bastard sofort darauf das Wort erhält und mit herzhafter Kraft die entgegengesetzte Auffassung äußert:
Das ist die ausbündige Narrheit dieser Welt, daß, wenn unser Glück bei schlechtem Befinden ist — oft, weil wir selber uns übernommen haben —, wir die Schuld für alles Unheil, das uns trifft, auf Sonne, Mond und Sterne schieben; als ob wir Schurken aus Notwendigkeit, Narren durch himmlische Fügung wären; Schelme, Diebe, Verräter durch Machtspruch der Sphären, Trunkenbolde, Lügner und Ehebrecher durch Abhängigkeit vom Einfluß der Planeten, und alles, worin wir übel daran sind, durch göttliches Verhängnis: eine prächtige Ausrede für den Hurenjäger von Menschen, seine Bocksnatur den Sternen zur Last zu legen!... Pah, ich wäre geworden, was ich bin, hätte auch der jungfräulichste Stern am Firmament meiner Bastardierung zugeblinzt!
So spricht der Empörer, der Morallose, der Frevler, der natürliche Sohn, der sich ganz als Kind der Natur betrachtet und nur nach seiner Kraft, nicht nach Gesetz und Sitte und Rücksicht auf andre fragt; „ich wachse, ich gedeihe“; das ist seine einzige Losung. Daß er also diese Worte spricht, die jedes Band zwischen Himmel und Erde zerreißen, entspricht seinem Charakter, seiner Situation genau so kraftvoll, wie das bedenkliche Wiegen des Kopfes, das Grübeln, das Suchen nach einem Zusammenhang, das Erschauern vor einer Ahnung, die Ergebung in die Ratschlüsse des Himmels zu seinem Vater paßt. Aber der Dichter? Was sagt er? Vielleicht — nichts? Wo ist er? Verschwindet er vielleicht hinter seinen Gestalten, in seinen Gestalten, aber nicht in einer einzigen oder einer Gruppe, sondern in allen? Ist er vielleicht darum mit Notwendigkeit der Dramatiker, weil er einer einzigen Anschauung nicht verschrieben sein kann?
Nach seiner Blendung weiß Gloster von dem Verhältnis des Himmels zu unsern irdischen Losen ganz anderes zu sagen als vorher; da hören wir die unerbittliche, unerforschliche Grausamkeit des Schicksals also gedeutet:
Was Fliegen losen Buben sind wir Göttern:
Sie töten uns zum Spaß.
Aber er ist sich seiner Sache jetzt nicht mehr sicher; auch er ist, wie Lear, erschüttert und zum Lernen gekommen: am Ende tragen die Menschen und ihre Einrichtungen größere Schuld als die Götter; vielleicht ist gerade das Unglück eine Art ausgleichende Gerechtigkeit? Wie er zum Freitod entschlossen oben auf der Klippe über Dover in hoher Luft zu stehen vermeint und einem armen, tollen Bettler — seinem Sohn! — schenkt, was er bei sich hat, Geld und Schmuck, da meint er:
... Mein Elend
Bringt dir Glück. Ganz recht so, ihr Himmelsmächte!
Laßt überfluß- und wollusttrunknen Mann,
Der eurer Satzung trotzt, der nicht will sehen,
Weil er nicht fühlt, schnell fühlen eure Macht:
Verteilung tilgte so das Übermaß,
Und jeder hätt’ genug.
Da ist es nun ganz deutlich, wie der blinde Gloster im Augenblick, wo er vor dem Tod steht, mit hellen Geistes Augen zu derselben Erkenntnis kommt wie noch in der nämlichen Stunde der wahnsinnige Lear. Für beide wird in dem Unterricht, den ihnen der Sturz von der Höhe erteilt, die metaphysische Weltanschauung, der sie beide wohl in der Zeit der Herrlichkeit angehangen haben, ergänzt und zu großem Teil ersetzt durch die soziale Betrachtung, die ja in Wirklichkeit die Erkenntnis birgt: Schiebt nicht den Göttern zu, was euer Menschenwerk ist, was ihr schlecht gemacht habt und gut machen könnt.
Und doch kann-will es der Mensch nicht lassen, in den hohen Augenblicken des Menschenschicksals manchmal sichtbar und greifbar die geheime Führung, die Vorsehung, die ewige Gerechtigkeit, den Sinn zu erblicken. Wie der gute Albanien hört, daß nach Glosters scheußlicher Blendung der Täter, sein Schwager Cornwall, sofort vom eignen Knecht, der ihm Jahre gedient und zu Gloster keine Beziehung hatte, aus Aufruhr der Seele heraus erschlagen worden ist, ruft er, tief erschüttert ob dieser Vergeltung:
Dies zeigt, ihr waltet droben,
Ihr Richter, die der Menschen Übeltat
So schleunig rächen!
Hier erleben wir aber eine wundervolle Steigerung. Edgar hat seinen Bruder, den Bastard, der über ihn und seinen Vater das Elend gebracht hat, im Zweikampf feierlich-ritterlicher Art, im Gottesgericht besiegt; in dem Augenblick, wo er dann sich, mild verzeihend, dem Sterbenden enthüllt, findet er Worte des Verstehens auch für dies Entsetzliche selbst, für die Blendung seines Vaters; wie Albanien in der Tat, die dieses Gräßliche gerächt hat, so findet der eigene Sohn himmlischen Sinn in dem Gräßlichen selbst:
Die Götter sind gerecht, aus unsern Sünden
Erschaffen sie das Werkzeug unsrer Strafe.
Der dunkle, schnöde Platz, wo er dich zeugte,
Raubt ihm das Augenlicht.
Geben wir’s nur zu: wir wären keine Menschen, wenn wir in den Momenten der innigsten Erschütterung, die uns so hinnimmt, daß wir nicht wissen, drückt sie uns nieder oder erhebt sie uns, mit dem Ewigen nicht spielen müßten, wie hier Edgar spielt, wie die Guten alle in dieser furchtbaren Welt des Zorns, der Bosheit, der Brunst und Gier, wenn Erkenntnis sie anrührt, spielen, in einem Spiele spielen, das dem Glauben so verwandt ist, wie ihre Art, die Wahrheit zu schauen, dem Wahn. Was Edgar da sagt, heißt ja doch: Du, den der Vater in Sünden, in Wollust, in Unehren, fern von Familie und aller gesellschaftlichen Anerkennung, wie in einem dunklen Loch in die Welt gesetzt hat, du, der als Bastard zum Aufrührer geboren war, du Bruder, in dem Neid und Rachsucht von Geburts und Erziehungs wegen entstehen mußte, du warst von Gottes und Rechts wegen der berufene Rächer seiner Sünde; und daß er durch dich der Finsternis anheimfiel, darin kann man tiefen Sinn und Fügung des Himmels erkennen. Ein solcher Ausruf, eine solche Bewunderung, ein solches Sichbeugen ist ja nicht die Setzung einer Theorie, es ist ein Stück heiligen Willens: so sei die Welt! ist ein Entschluß, ist die Umschaffung der natürlichen Welt in eine Menschenwelt und zugleich die Anerkennung des unverbrüchlichen Zusammenhangs der Notwendigkeitsordnung, die wir Ursache und Wirkung nennen: Denn alle Schuld rächt sich auf Erden.
Während dies sich zwischen den Brüdern ereignet, wo der milde Held den bösen Kraftkerl tötet und ihm Verzeihung in sein Sterben ruft, stirbt der alte Vater still und lebenssatt. Er ist noch mitten in den Krieg geraten, hat miterlebt, wie die gute Sache, der er gedient hatte, für die er alles gegeben, unterlag, wie Lear und Cordelia gefangen wurden; der blinde Greis hockt unter einem Baum, will nicht mehr weiter, will sich nicht retten:
Nicht weiter, Freund, ein Mensch verwest auch hier.
Da ermuntert ihn der immer noch unerkannte Sohn Edgar, mit Worten, in denen zugleich Resignation und Tatkraft liegt: über nichts verzweifeln, alles tragen, nicht aber es stumpf über sich ergehen lassen:
Dulden muß der Mensch
Sein Scheiden wie sein Kommen in die Welt.
Reif sein ist alles.
In alledem haben wir je nach Charakter, Stimmung, Situation wechselnde Gefühle, Gedanken, Bereitschaften angesichts großen Unglücks; und immer versucht der Mensch, Himmel und Erde in Verbindung zu bringen oder ohne das auszukommen. Aber auch, wenn große, innige Seligkeit zu einem kommt oder wenn gar die Gleichzeitigkeit und das Ineinander des Bösen und des Guten gewahrt wird, ist der Mensch geneigt, den Himmel zur Erde hinabzuziehen und das Wunderbare als geheimen Zusammenhang zu erfassen. Wie Kent die Güte seines Lieblings Cordelia und die Bosheit ihrer Schwestern betrachtet, ist es ihm, als reichten irdische Gründe zur Erklärung des Warum all der Rätsel hier auf Erden nicht aus. Es muß eine überirdische Lenkung da sein; ein uns unbegreifliches Verhängnis, das in den Sternen geschrieben steht:
Die Sterne,
Die Sterne droben leiten unser Schicksal.
Wie könnte sonst ein Paar wohl Kinder zeugen,
So ganz verschieden?
Die Szene am Schluß aber, wie Lear, selbst ein Sterbender, schwach, taumelnd, die Leiche der grauenhaft ermordeten Cordelia auf den Armen herein trägt, wie nun sein letztes Leben als Leidenschaft aufschreit, diese Szene hat wahrhaft Weltuntergangsstimmung:
Heult, heult, heult, heult! — O, ihr seid all von Stein!
Hätt’ eure Zung’ und Augen ich, des Himmels
Gewölbe machte ich zusammenstürzen!
Und Kent, Edgar, Albanien, die Guten, die im Untergang einer Welt, wo die Guten mit den Schlechten in unlöslicher Umklammerung hinabgerissen werden, allein noch übrig sind, bilden den Chorus:
Ist dies das verheißne Ende?
Ist’s jenes Grauens Bild?
Sink und vergeh!
Und wie Lear sterben will, flüstert Kent der Vielgetreue, der seinem Herrn gleich nachsterben wird — der zehnte und letzte Tote in diesem Stück —, ängstlich, bange, daß Lear doch ja nicht in dieses Leben hier noch einmal zurückkehre:
Quält seinen Geist nicht, laßt ihn ziehn! Der haßt ihn,
Der auf die Folter dieser zähen Welt
Ihn länger spannen will.
Man sagt, dieses Stück entstamme Shakespeares bitterster, pessimistischer Periode; der Untergang des Guten mit dem Bösen, durch das Böse werde darin gezeigt. Das ist wahr und nicht wahr; gezeigt wird, wie die böse Lust sich der Menschen bemächtigt, ihr angeboren Gutes unterdrückt und überwächst; wie dieses Schlechte Zustände und einen Nährboden schafft, wo auch das Gute nicht mehr gedeihen kann; und wie der Versuch der Umkehr, der Rettung, der Heilung zu spät kommen mag. Nirgends mehr als hier führt der Dichter das, was die Menschen einander antun, mit dem, was er zeigt, und mit dem, was er die Gestalten aussprechen läßt, nicht auf den dunklen Ratschluß der Götter, sondern auf die Verkehrtheit der Menschen, das Mythologische auf das Soziale, das Soziale auf die Seele zurück; die Äußerungen der Deutung gerade für die Beziehung zwischen Charakter und Schicksal sind mannigfach abgestuft und untereinander entgegengesetzt; nie äußert sich der Dichter, immer die bestimmte Gestalt nach Maßgabe ihres Charakters und der wechselnden Situation und Stimmung. Jeder, möchte man fast sagen, hat jedesmal recht. Shakespeare geht hier so wenig wie je von einer Idee aus; es ist nicht eine Fabel um der Darstellung eines Gedankens willen erfunden oder umgestaltet, es sind auch nicht die zwei Fabeln um einer Abstraktion willen zusammengefügt worden. Er erfüllt die rohe Skizze der überlieferten äußeren Tatsachen mit Leben, mit Seele, mit innerster Wahrheit. Ein Geschehnis wird berichtet; seht her, ruft der Dichter, ich zeige euch, wie’s dabei im Innern der Menschen zuging; warum sie tun mußten, was sie taten. Wie’s Herder gesagt hat, ein Stück unsäglich reiche, breite, innige Menschenwelt ist „zu einem Vater- und Kinder-, Königs- und Narren- und Bettler- und Elend-Ganzen zusammen geordnet“, eben um dieses Ganzen, um der gegenseitigen Beleuchtung der einzelnen Teile und Vorgänge und Gestalten willen. Shakespeare hat kein Stück geschrieben, wo wir so extensiv und intensiv in der Fülle leben wie im König Lear; Zymbelin freilich geht noch mehr ins Breite und Bunte, aber nicht annähernd so ins Tiefste, und wie mager wird selbst die Fabel des Hamlet gegen dieses Ineinander des Mannigfaltigen: Lears Verhältnis zu den Töchtern — Cordelia zwischen den zwei Freiern — Lear und Kent — Lear und sein Narr, den der Dichter, so innig lieb er ihn hat, im dritten Akt verschwinden läßt, weil nun Edgar an seine Stelle tritt — Gloster und seine Söhne — Edgars mannigfaltigste Schicksale und Begegnungen — das in seiner Körperlichkeit strahlend schöne, morallose, kraftvolle Naturkind Edmund und seine Beziehungen zu Lears Töchtern — Gloster und Cornwall — Cornwall und der Knecht — Albanien und seine Frau — Edgars und Edmunds Kampf — und all das und mehr in breiter Entladung und nie als dekorativer Auftritt, immer als Gestalt und Handlung gewordenes Innere; und welche Kühnheit und Sicherheit, die beiden Greise, Lear und Gloster mit ihren wesensgleichen und doch äußerlich so verschiedenen Erlebnissen neben- und miteinander agieren zu lassen! In eine solche Fülle des äußeren und inneren Lebens, der Qual und der inständigen Not und des über Elend und Wahnwitz und tiefsten Hinabsturz sieghaft empordringenden Geistes, in einen so mannigfach variierten und gesteigerten Gegensatz von Affektwut und friedfertig ergebener Demutsabgeschiedenheit, von sklavischem Herrentum und freier Armut, von Reichtum und Entblößtheit kommen wir hinein, daß wir, wenn mit einem Mal das Wort „Shakespeare“ an unser Ohr schlägt, erstaunt uns besinnen, daß all diese ausgedehnte Welt Werk eines einzelnen Menschen, eines der vielen Stücke dieses Dichters ist.
Shakespeares Gestalten sind nicht bloß feurig aus produktiver Kraft geflossen; sie haben von ihrem Schöpfer solche Zeugungskraft aufgenommen, als wären sie lebendige Wesen. Kaum ein besseres Beispiel wüßte ich dafür, wie Shakespeares Gestalten sich in der Erinnerung nachträglich lebendig verwandeln können, als die Gestalt Lears. Das Sentenziöse, Sprichwörtliche, das mit dem Bilde dieses alten Mannes sich verbunden und zu neuen Dichtungen geführt hat, ist aus Shakespeares Stück, mehr durch Weglassung als durch Hinzufügung, erwachsen, bezeichnet aber nicht eigentlich seinen Inhalt und Sinn; am schönsten hat Goethe es in seinem Spruchgedicht geformt:
Ein alter Mann ist stets ein König Lear! —
Was Hand in Hand mitwirkte, stritt,
Ist längst vorbeigegangen;
Was mit und an dir liebte, litt,
Hat sich wo anders angehangen.
Die Jugend ist um ihretwillen hier,
Es wäre törig, zu verlangen:
Komm, ältele du mit mir!
Die weise, gefaßte Heiterkeit dieser Schlußwendung ist ganz goethisch, ein Trieb, der Shakespeares Dichtung erst in Weimar zugewachsen ist. Zwar zeigt uns Shakespeare gleich zu Beginn in Cordelias Verhältnis zu dem alten Vater und zu ihrer jungen Liebe mehr als in Lears Verhältnis zu den andern Töchtern, daß, wer alt wird, sich gar nicht erst zurückzuziehen braucht: mitten unter denen, für die er Sorge trägt, ist er einsam. Aber Lear hat ganz andere, schwerere Dinge zu lernen als dieses, und wenn er es schließlich bis zu der Demut bringt, vor der eignen Tochter hinzuknien, so tut es wahrhaftig nicht der alte Mann, der der Jugend huldigt, sondern der König und Vater, der im Alter hat lernen müssen, was er sein Leben lang versäumt hat. Und so ist zum Ganzen dieser Identifikation Lears mit dem Alter zu sagen: Nachträglich, wenn die Gesamtstimmung Lear sich mit unserm eignen Gemüts- und Erfahrungsleben verbindet, beim Rückblick auf diesen Mann, dem sich die Kinder, alle drei, entziehen, gegen den sich der nicht mehr junge, aber jüngere Freund, der Graf Kent auflehnt, dessen Altersgenosse Gloster nur für ihn eintritt, um gräßliche Strafe zu finden, der fühlt, daß ihn niemand mehr braucht, daß er allen im Wege ist und irgendwohin in die Ecke gefegt werden soll, der schließlich vor den Menschen nicht als seinen Verfolgern, sondern als lieblos Abgewandten und Belästigten in Wettersturm und Wahnsinn flieht, so in der auslassenden und zusammenrückenden Erinnerung empfinden wir wohl, daß Lear das Bild der Altersvereinsamung ist. Aber in dem Stück selbst weist nicht der kleinste Einzelzug und keine einzige Äußerung darauf hin, daß der Dichter auf dieses Typische sein Licht und seine Wärme sammeln will. Die Dichtung sträubt sich nicht dagegen, daß wir diese Stimmung mitbringen oder mitfortnehmen oder später um Lears Bild ranken; was Shakespeare aber darstellt, ist ein sehr besonderer Fall nicht dieses Allgemeingültigen, das vom Alter handelt, sondern eines ganz andern. Shakespeare hat solche Allgemeinheiten und darum Mannigfaltigkeiten wie Alter, Freundschaft, Liebe, Weib nicht auf die Linie einer Regel gebracht, und für ihn ist ein alter Mann so wenig ohne weiteres ein König Lear, wie er ein Shylock oder Siward oder Lafeu oder Bruder Lorenzo ist, oder wie das Weib eine Cleopatra oder Cressida ist. Und viel mehr als mit den alten Männern, die man sonst noch bei Shakespeare findet, gehört König Lear mit dem jungen Richard II. zusammen. Denn wollen wir schließlich doch ein Wort haben, um das Individuum dieses Stückes einer Gattung einzureihen, so sagen wir: auch hier geht es um das Problem der Macht. Macht in ihrer Verbindung mit Willkür, Gier, Affektwut und Brunst bildet für Shakespeare in der Tat eine Kategorie der Zusammengehörigkeit. Wir halten schon lange bei diesem Problem der Macht: wir hatten es in Maß für Maß zwischen Lachen und Weinen; in düster dämonischer Art in Macbeth; in innigster Gestalt hier im König Lear. In großartig geschichtlichem Rahmen, wo denn die Verbindung zwischen Machtgier und Brunst, die wir in Maß für Maß wie im Lear hatten, sich uns noch einmal als ein Prinzip, das eine Welt beherrscht, weit und stark darstellen wird, werden wir’s, in unmittelbarem Anschluß der Handlung an Julius Cäsar, das nächste Mal in Antonius und Cleopatra haben.