Maß für Maß

Von dem Augenblick an, wo ein Registrator sich auf den Himmelsthron setzt und mich als gebietender Gott zwingt, Shakespeares Stücke ordentlich auf die gehörigen Rubriken zu verteilen, werde ich Troilus und Cressida zu den ganz großen Tragödien, Maß für Maß aber unbedenklich als größte zu Shakespeares Komödien stellen. Eine Komödie größter Art ist dieses Stück gerade darum, weil es seinem Stoff nach durchaus tragisch ist; die Komik liegt nicht im entferntesten in den Geschehnissen, die zur Höhe der Handlung emporgeführt werden, nicht einmal eigentlich in der Art, wie der Dichter die Welt, in der diese Dinge geschehen, ansieht: die größte Schärfe des Blicks und Bitterkeit der Stimmung ist mit unsäglich liebender Innigkeit und verzeihender Milde verbunden, so daß ein Umfang der Empfindung von einer Weite und Höhe entsteht, die man Heiterkeit oder Humor nur nennen kann, wenn man jeglichen Beigeschmack von Vergnüglichkeit oder idyllisch kauziger Beschränktheit aus diesen Begriffen entfernt; die Komik liegt vor allem in der gleich von Anfang an vorbereiteten Wendung, die die Handlung auf ihrem Höhepunkt nimmt: ein geheimer Lenker, ein deus nicht ex machina, sondern ex anima ist da, der mit einer liebenswürdigen Grazie ohnegleichen wilde Wallungen besänftigt, schroffe Gegensätze ausgleicht und den pochenden Schmerz der Leidenschaften in sinnvollen Scherz und ernstes Spiel verwandelt. Wie wenn ein ironischer Gott die Menschen erschaffen hätte und nun als Zuschauer sie frei gewähren ließe, bis ihre Leidenschaften und Widersprüche zu solchen Verwicklungen und Konflikten geführt hätten, daß sie ohne sein Eingreifen verderben müßten, und dann käme er und lenkte sie mit sanfter Bestimmtheit, wohin er sie haben will, so erschafft der Herzog dieser Komödie einen Fürsten an seiner Statt mit dem Vorbehalt, ihm eine Weile zuzusehen, zur rechten Zeit aber einzuschreiten. Die Ironie weckt die Tragik und gestattet ihr ihre verzerrte Bahn, bis es der Pein und des Frevels genug und schon fast zu viel ist und die Ironie wieder die Herrschaft antritt.

Shakespeares Lustspiele könnte man einteilen in die Spiele, in denen alle Erdenschwere in Ironie, Musik, Traum und Geisteszauber aufgelöst scheint; dahin gehören der Sommernachtstraum und der Sturm; auch der Kaufmann von Venedig, nur daß da das Geisterhafte ganz vom Menschlichen und Natürlichen bestritten wird; und in die Stücke, die zwar oft in dieses Reich hineinragen, deren Leichtigkeit und Spielerei aber zum Teil auch daher kommen, daß der Dichter in ihnen etwas auszuruhen scheint, nicht nur die Probleme, sondern auch die Durchführung leichter nimmt und sich eine Umbiegung der Charaktere je nach dem Erfordernis der Handlung und Bühnenwirkung keineswegs immer verbietet; Was ihr wollt, Wie es euch gefällt, Viel Lärm um nichts sind die vollendetsten Exemplare dieser Gattung. Aus diesem Bezirk ins Reich der großen, bitter ernsten Komödie hebt sich Ende gut, alles gut, ohne die letzte Vollendung zu erreichen. Diesem Schauspiel ist Maß für Maß in mehr als einem Punkte benachbart; hier aber ist die Vollendung erreicht, und die Wendung zum Sinnspiel bringt diese Dichtung wieder in die Nähe der Gattung menschlich-natürlicher Märchen, die Der Kaufmann von Venedig repräsentiert, nur daß im Kaufmann die Tragödie als alles überschattende Episode im Lustspiel steht, während in Maß für Maß die gesamte Handlung, in der alle Hauptpersonen stehn, zu tragischer Höhe ansteigt, bis vom Scheitelpunkt an die Tragik mählich gemildert und in Prüfung verwandelt wird.

Der erste Druck, den wir von dem Stück haben, steht in der Folioausgabe von 1623. Nach einem Dokument, dessen Echtheit nicht völlig feststeht, wäre das Stück 1604 am Hof aufgeführt worden.

Der Stoff findet sich zuerst in derselben Novellensammlung Hecatommithi von Giraldi Cinthio, in der sich auch die Novelle vom Mohren von Venedig findet; Shakespeare stützte sich aber überdies auf zwei Arbeiten von Georg Whetstone, die Komödie Promos und Kassandra (1578 gedruckt), und eine kurze Novelle, die er 1582 in der Sammlung Heptameron of civil discourses herausgab. Die ursprünglichen Namen und Schauplätze Cinthios haben sowohl Whetstone wie dann wieder Shakespeare verändert. Shakespeares Herzog Vincentio von Wien ist bei Cinthio Kaiser Maximilian in Innsbruck, bei Whetstone König Corvinus von Ungarn und Böhmen; der Statthalter heißt erst Juriste und dann Promos; unsre Isabella bei Cinthio Epitia, bei Whetstone Kassandra; in all diesen Fassungen vor Shakespeare muß dies Mädchen um der Rettung ihres Bruders willen sich tatsächlich dem Statthalter hingeben; und aus der Umgestaltung dieses Hauptmotivs, die Shakespeare vornahm, ergibt sich schon, wie er mit dem äußern Stoff und innern Sinn im Kleinen und Großen frei geschaltet hat.

Maß für Maß hat sehr vielen, die über Shakespeare geschrieben haben, aus demselben Grund und im nämlichen Grad unangenehme Gefühle und Verlegenheit erzeugt, wie Troilus und Cressida. Man hat von berühmten, geachteten und anerkannten Männern Urteile gehört, wie: das Stück sei auf unsrer Bühne nicht möglich; für unsern Geschmack dürfe bei einem solchen Motiv von komischer Behandlung und Wirkung keine Rede sein; unser sittliches Gefühl werde in unerträglicher Weise verletzt; und die üblichen Epitheta sind: peinlich, abstoßend, widerlich. Mit alledem zeigen, die so schreiben, nur, daß sie für Shakespeare nicht reif sind; und daß ihresgleichen in Ehren und nicht in verlachtem Schimpf stehen, ist kennzeichnend für unsre öffentlichen wie geheimen Zustände.

Ich sage von vornherein, daß mir Maß für Maß zu Shakespeares vortrefflichst gebauten, schlagkräftigsten, spannendsten, bühnenwirksamsten, innigsten, reinsten und reifsten, freiesten und tiefsten Schöpfungen gehört. Kann es denn für eine Komödie, das heißt für eine solche Darstellung von Gegensätzlichkeiten, über die wir lachen dürfen, weil wir sie in uns und um uns zugleich kennen und nicht kennen, in unsrer erbärmlichen Wirklichkeit kennen, in unserm Glauben, Wünschen und Umschaffen nicht kennen, kann es tauglichere Motive geben, sowie wir die Komik ernst genug nehmen und mit ihr nicht Vergnügliches betrachten, sondern wollend in unsrer eignen Zwiespältigkeit eine Entscheidung treffen? Wer, der in Betracht kommen will, ist denn durch elende Lustigkeit, bei der die Gemeinheit mit der Gemeinheit lacht, oder gar durch Frohsinn, bei dem der Philister mit den Philistern vergnügt ist, so verdorben, daß er nicht weiß, daß das echte Lachen der Komik ebenso gegen die Niedrigkeit Partei ergreift, wie die Ergriffenheit der Tragik für die Hoheit und Innigkeit eintritt? Ich habe das Wort Tränen hier vermeiden müssen, weil die Rührung allermeist erbärmlich geworden ist und weil bei diesen edeln Tropfen nicht mehr die adligen Gefühle der Teilnahme am Großen und Reinen, das beschmutzt und zu Fall gebracht wird, von den Regungen der Tröpfe zu unterscheiden sind; genau so ins Gemenge und in die Menge gekommen ist das Lachen, das eine Steigerung sein sollte und allermeist eine Erniedrigung oder Plattheit geworden ist.

Maß für Maß zeigt uns die Macht und den Mißbrauch der Macht; das Verhältnis des wahren Menschen zu der Rolle, die er im Amt spielt; die hohe richterliche Pose; zeigt uns den Mann, der in einem idealen Wortgebäude wohnt, welches einstürzt, sowie der Sturm der Triebe kommt; den Anspruch des Staates, regulierend und sittlichend ins Geschlechtsleben einzugreifen, wobei sich dann ergibt: was für eine Erfindung, vom Staat zu reden, als ob das ein Gebilde übermenschlicher Art für sich wäre, und ist doch nur ein Name für Menschen und Untermenschen! Einen Fürsten sehen wir, der wie Harun al Raschid im Verborgenen, verkleidet, die Vorgänge in seinem Staat beobachtet, Zeuge wird, die Fäden lenkt, alles zum Guten wendet, der Milde und Nachsicht, vor allem aber Wahrheit an die Stelle der Strenge, der Übergriffe, der Heuchelei setzt; dazu kommen die Probleme des Rechts, vor allem des Strafrechts und geradezu der Strafrechtstheorie; der Moral und Moraltheorie, der Gnade, der himmlischen und irdischen Liebe, des Lebens und des Todes.

Dazu ist die Sprache dieses Dramas nach Form und Gefühls- wie Gedankengehalt rein, reich, voll, kräftig, knapp; sie bringt Bilder von wundervoller Ausdrucksgewalt; die Komposition ist glänzend und sicher; die Abwechslung zwischen Verssprache und Prosa ist besonders weise abgestuft; die Szenen der niederen Komik, diese burlesken Scherzo-Variationen sowohl des erotischen wie des Beamtenthemas, die es mit den entsprechenden in Viel Lärm um Nichts getrost aufnehmen können, sind lustig, reich an Einfällen, famos; und selbst in diesem untern Bezirk ist das höchste tragische Motiv mit Fug in eine keineswegs bloß das Zwerchfell erschütternde, in eine schlechtweg erschütternde Komik gewandt: da haben wir den Mörder und Räuber, der lustig leben und sterben will.

Dies Stück, das, wie jedes von Shakespeares bedeutenden, seinen Sinn nicht irgendwie sentenziös ausspricht, sondern sich deiktisch verhält, ist darum auch nur denen voll zugänglich, die schauend, Gegensätze schauend, empfindend, in der Phantasiesphäre zu denken vermögen, die überdies das, was ihnen plastisch, als bewegtes, dissonierendes Leben, als Gegensätze der Sphären, der Regungen, der Charaktere entgegentritt, aufzulösen und zu vereinigen wissen in der Musik, die durch dieses Stück so waltet wie in Rembrandts Schöpfungen. Das hat sehr schön Hugo von Hofmannsthal gesehen und zum Ausdruck gebracht, und besonders gut weist er auch auf diese gegenseitige Ergänzung des oberen und unteren Bereichs hin: „Welche Lichter auf dem Finsteren, welches Leben des Schattens durch das Licht.“

Das Stück setzt, so wie der König Lear, in der Staatsszene, die den Eingang bildet, sofort mit einem Sprung in die Haupthandlung hinein: der Herzog entfernt sich aus Wien, seiner Hauptstadt, und übergibt aus besonderen Gründen dem jungen Angelo mit voller Statthalterhoheit das Regiment; einen alten, klugerfahrnen Mann, Escalus, der eigentlich das nächste Anrecht auf die Vertretung des Herzogs hätte, gibt er ihm nur als Gehilfen bei. Was sind das für Gründe besondrer Art? Was ist Angelo für ein Mann? Das merken wir, daß die besondern Gründe in ihm, in seiner Natur liegen; ihn selbst aber, wie er ist, zeigt uns der Dichter noch lange nicht; und auch, was der Herzog über ihn zu ihm selbst äußert, ist zwar von entscheidender Wichtigkeit, aber mit Absicht dunkel gehalten; so dunkel, daß die meisten Übersetzer, die ich habe prüfen können, — zumal der neueste und doch wohl allerschlechteste, Hans Olden — den Sinn verfehlt, oft ins Gegenteil verkehrt haben; der Herzog sagt:

Angelo,

Auf deinem Leben zeigt sich eine Prägung,

Die dem, der aufmerkt, deinen Lebenslauf

Völlig enthüllt. Du selbst und deine Gaben

Sind nicht so ganz dein eigen, daß du dich

An deine Tugenden, noch sie an dich

Verschwenden darfst. Der Himmel macht’s mit uns,

Wie wir’s mit Fackeln tun: um ihretwillen nicht

Entzünden wir sie; wenn die Tugenden

Aus uns heraus nicht flössen, wär’ es so,

Als hätten wir sie nicht...

Ein paar Szenen weiter, nachdem Angelo dem Rat, dem Gebot prompt gefolgt ist und schon begonnen hat, seine Tugenden in die Welt wirken zu lassen, hören wir vom Herzog in seinem Gespräch mit dem Bruder Thomas schon deutlicher, wie er’s gemeint hat: die scharfen Gesetze, über die das Land verfügt, hat dieser Fürst in den vierzehn Jahren seiner milden Regierung kaum zur Anwendung gebracht; so ist vielerlei Zügellosigkeit eingerissen,

Die Freiheit zupft dem Rechte an der Nase;

würde er selbst jetzt mit einem Male auf die Gesetze zurückgreifen, die fast vergessen wurden, so wäre das eine Härte, die er geneigt wäre, Tyrannei zu nennen. Denn hatte er nicht selbst all die Schlechtigkeiten geradezu geboten?

Denn wir gebieten’s,

Wenn wir der Übeltat den Freipaß geben,

Anstatt der Strafe.

Darum also soll Angelo,

ein Mann

Der keuschen Selbstbeherrschung und der Strenge,

wie uns jetzt gesagt wird, den Gesetzen wieder Geltung verschaffen. Und mit den Worten, die wir vorhin hörten und die keineswegs bloß uns, die auch Angelo selbst dunkel bleiben sollen, hat er ihn dazu bringen wollen und dazu sofort dazu gebracht, aus sich herauszugehen und seine Tugenden — im Anschluß an die alten Gesetze — an die Anwendung zu lassen. Der Herzog hat aber, er deutet es Bruder Thomas schon an, noch einen geheimen Hintergedanken: nicht bloß sollen die Gesetze jetzt wieder zu Leben erweckt werden; diesen Statthalter, der nun auf öffentlichem Gebiet seine Tugenden ans Werk lassen soll, will er prüfen.

Herr Angelo ist genau

Und sieht sich vor. Kaum, daß er zugibt, Blut

Fließ’ ihm in Adern oder es gelüste

Ihn mehr nach Brot als Stein; die Probe lehrt,

Wie sich im Machtbesitz der Schein bewährt.

Nach diesen Worten sehen wir schon viel deutlicher in das Verhältnis des Herzogs zu dem jungen, begabten Mann, den er zu seinem Statthalter gemacht hat: etwas Strenges, Asketisches, Welt- und Wirkungscheues hat Angelo bisher an sich gehabt; drum hat der Herzog ihn ermahnt, er solle sein Licht der Welt leuchten lassen, solle seine Tugend auf die Menschen anwenden; und den weitesten Spielraum hat er ihm gelassen, überdies noch zu dem Versuch, in seinem Staat für Zucht und Ordnung zu sorgen. Bist du so tugendhaft, hier hast du Arbeit! Verschwende nicht deine Tugenden in dir, in sich selbst; gib ihnen entfesselte Freiheit, so wie in meinem Lande die bösen Triebe allzu lange diese Freiheit genossen haben.

Das soll sich also nun zeigen; die Widersprüche der Menschennatur sollen an den Tag kommen; der Gegensatz von Schein und Wesen, vor allem von Reden und Handeln soll heraustreten. Ganze Systeme hat sich das Reden geschaffen: das System der Tugend oder die Moral; das System der Religion; das System des Rechts. Sie alle treten in diesem Stück auf und spielen ihre Rolle; und ihnen allen treten die leibhaften Tatsachen gegenüber und entlarven sie.

Eine kleine Probe solcher Kritik bekommen wir gleich zu Beginn der zweiten Szene in einer kleinen episodischen Einlage. Der Herzog hat absichtlich seine Spuren verwischt; am Hof meint man, er sei in den Krieg gegen Ungarn gezogen; die Berufsoffiziere kennen aber seine milde, vernünftige Natur und fürchten, es könne zu einem Vergleich mit dem Feind kommen. Da seufzt einer den frommen Wunsch:

Der Himmel schenk’ uns Frieden; nur nicht mit dem König von Ungarn!

Und ein andrer ruft Amen dazu. Da spottet der Edelmann Lucio mit seinem bösen Mundwerk:

Du amenst wie der andächtige Seeräuber, der sich mit den zehn Geboten einschiffte, aber eins davon von der Tafel auskratzte.

Da lachen sie und wissen gleich, welches Gebot der Seeräuber nicht mit auf seine Berufsfahrt nahm: Du sollst nicht stehlen.

Ja, das schabte er weg.

Und einer der Offiziere macht sofort die aufrichtige Nutzanwendung:

Kein rechter Soldat ist unter uns, der im Tischgebet an der Bitte um Frieden Gefallen fände!

So geht’s, das sehn wir sofort nach der kurzen feierlichen Einleitung der Übergabe des Regiments, in diesem Staat, in dieser Stadt Wien zu: es gibt gewisse allgemeine Normen, gewisse Lehren, die ihre Wortmacht üben, so daß man sie mit den Lippen bekennt; aber im vertrauten Kreis macht man kein Hehl daraus, daß dieses Allgemeine sich auf die besondern Stände und Interessen in Wirklichkeit gar nicht anwenden läßt.

Und nun ist ein junger Mann ans Ruder gekommen, nicht durch Ehrgeiz oder Usurpation; er hatte sich’s, wir haben es wohl zu beachten, nie träumen lassen, so hoch hinauf zu kommen; und er muß ja auch von vornherein annehmen, daß es nur für eine Weile ist und daß er für alles, was er verfügt, Rechenschaft abzulegen haben wird; wir wissen zunächst weiter nichts von diesem Statthalter, als daß er ein strenger Idealist oder Ideologe sein soll. Wo wird er zunächst angreifen? Welches Gebiet liegt seinem Reform- und Reinigungseifer am nächsten?

Noch ehe wir so weit sind, über Angelos Wesen, seine Sittenstrenge und Selbstbeherrschung aus dem Mund des Herzogs etwas zu erfahren, sehen wir, daß dies das Gebiet ist, auf dem der Rigorist vor allem eingreift: die Gesetze zur Aufrechterhaltung und Hebung der Sittlichkeit sind da — nicht von diesem Herzog, der sie kaum angewandt hat, gegeben, sondern von seinem Vorgänger — nun soll Ernst gemacht werden. Die Freudenhäuser in den Vorstädten sollen niedergelegt werden; den Kupplern und Kupplerinnen will Herr Angelo das Handwerk legen; ein junger Edelmann, Herr Claudio, der einem Mädchen — das er sogar zu heiraten gedenkt, nur aus Gründen der Mitgift ist der Akt verschoben worden — ein Kind gemacht hat, ist verhaftet worden; auf diesem Verbrechen steht nach dem Gesetz der Tod.

An dem nämlichen Tag, an dem Claudio ins Gefängnis abgeführt wird, tritt seine Schwester Isabella ins Kloster ein, um da als Novizin ihre Probezeit durchzumachen. Aber sie wird ganz anders, als sie sich’s dachte, wird mitten in der Welt geprüft, wird in die Prüfung Herrn Angelos verwickelt. An sie wendet sich der Bruder durch Vermittlung eines Freundes: sie soll durch Freunde und vor allem persönlich beim Statthalter tun, was sie irgend kann, um ihren Bruder zu befreien. So widerwärtig dem reinen Mädchen, das in einem Zusammenhang, von dem wir nichts Äußeres wissen, im Begriffe steht, der Welt Valet zu sagen, ehe es sie aus Erfahrung kennt, diese Männergeschichten sind, so weiß sie doch, daß der Fall hier anders liegt, als der Anschein sagt: das Mädchen, das Mutter werden soll, ist ihre Freundin, sie hat schon immer gewünscht, daß ihr Bruder sich mit ihr vermähle. Und dann: der Tod! Tod, weil gegen die Ordnung des Staats, aber nach der Ordnung der Natur ein neuer Mensch geboren werden soll! Sie ist bereit, zur Rettung alles zu tun, was sie kann.

Wie allmählich, wie zurückhaltend Shakespeare diesmal seine Motive bringt! Da haben wir, jetzt ganz im Hintergrund, den Herzog, den die Leute seiner Regierung und das Volk im fernen Polen glauben, der sich aber in einem Kloster verbirgt, um bald als Mönch zum Volk und zum Statthalter zu gehn, und zu sehen, wie die Dinge sich entwickeln. Da ist der junge Mann im Gefängnis, vom Tode bedroht, und seine fromme Schwester soll helfen. Und da ist der Herr über Leben und Tod, der stellvertretende Fürst, Herr Angelo, und noch wissen wir nichts von seinem innern Wesen, noch kennen wir ihn nur aus Amtshandlungen und Kennzeichnungen aus dem Munde andrer; von seinem privaten Leben sehen wir gar nichts. Können wir uns auf das verlassen, was die Leute so über ihn sagen, jetzt zum Beispiel Claudios mit dem Mundwerk so leichtfertiger Freund Lucio, der Herrn Angelo also schildert:

... ein Mann, des Blut

Zerlass’ner Schnee ist; einer, der der Sinne

Begier und süßen Stachel niemals fühlt,

Nein, stumpft und schwächt den Antrieb der Natur

Durch Geistesarbeit, Fasten und Studieren.

Ist er so? Ist damit alles über ihn gesagt? Nicht sehr wahrscheinlich; Lucios Psychologie steht auf schwachen Beinen: die Heiligen und Anwärter zur Heiligkeit, die durch Fasten und Kasteien ihre Triebe im Zaum halten, spüren die Regungen und den Aufruhr der Sinnlichkeit nur allzu stark. Sollte das vielleicht der Fall des jungen, strengen Mannes sein, den der Herzog jetzt aus seiner Abgeschiedenheit holte und in die freie Welt, in die Welt des Befehls und der Verantwortung stellte?

Mit solchen Fragen und auf wahre Innerlichkeit gespannten Erwartungen treten wir in den zweiten Akt ein, in dem nun sofort Angelo als Hauptperson dasteht.

Bei einem Aufbau, wie ihn Shakespeare hier gewählt hat, daß eine Person inmitten des Dramas agiert, deren letztes Wesen und Geheimnis noch unbekannt bleibt und erst später enthüllt wird, könnte es eine Schwierigkeit für den darstellenden Künstler sein, daß er von allem Anfang an einen ganzen Menschen hinstellen muß, während wir nach der Absicht des Dichters noch im Unbestimmten bleiben, das Ganze noch gar nicht durchschauen sollen. Hier ist das keine ernste Schwierigkeit, weil Angelo, das sehen wir jetzt sofort und er sagt es überdies selbst, solange er’s irgend vermag, nicht in seiner privaten Menschlichkeit unter die Leute geht, sondern in der Rolle seines Amtes. Wie es mit ihm bestellt war, als er noch in seinem Wiener Palast sein strenges, privates Leben führte, ob auch da die Sittenstrenge ein Gewand war, das er aus Pflicht oder sonst einem Grund über seinen Menschen streifte und nicht auszog, das wissen wir nicht. Jetzt aber ist er vom Herzog mit dem Amtscharakter bekleidet worden; den trägt er, den hat er darzustellen, das ist seine Aufgabe im Staat, dagegen darf nichts aufkommen. Und das eben wird in dem Drama vorgeführt, wie der zurückgedrängte Mensch Sieger über die Rolle wird. Selbst wenn das nicht ein so wundervolles Motiv wäre, das unser aller Leben, das im Haus und das auf dem Markt, aufs nächste angeht, so wäre es immerhin erstaunlich, daß das Theater sich diesem Stück trotz manchen Versuchen in Wahrheit noch heute verschließt, einem Stück, in dessen Mitte das Problem steht, das den Schauspieler in seiner innersten Menschheit angeht: der Konflikt zwischen der Rolle, die ein Mensch annimmt, und dem von dieser Rolle unterdrückten Triebleben, das, während die Amtsperson ihre Rolle agiert, eben in der Betätigung des Amtes herausgekitzelt wird.

Escalus, der alte weise Mann, den der Herzog Herrn Angelo als nächsten Berater unterstellt hat, bittet für den mit dem Tod bedrohten Claudio. Da der Fall ihm arg ans Herz greift — er hat Claudios und Isabellas Vater gekannt und verehrt —, wird er sehr warm, und es fügt sich natürlich, daß er Herrn Angelo sagt: Kein Zweifel gegen Eure strenge Tugend; aber bedenkt doch nur, um welches Vergehen es sich handelt, besinnt Euch auf Euch selbst; hätte sich die Gelegenheit günstig und verführerisch erwiesen, hättet Ihr nicht denselben Fehler begehn können? Das ist menschlich gefragt; was Herr Angelo zur Antwort gibt, ist in großer Art unmenschlich und heißt nichts anderes als: Richtet euch nach meinen Worten und nicht nach meinen Taten, und noch viel weniger nach Trieben, Gelüsten und Regungen meiner Natur.

Was Angelo hier, in Vornehmheit und Amtswürde eingehüllt, ohne mit der Wimper zu zucken, ohne über seine Natur das geringste zu verraten, verkündet, ist weder Tartüfferie noch Heuchelei zu nennen. So viel ist jetzt schon sicher, wo wir den Mann immer noch von außen abtasten: eine solche vereinfachende Karikatur wie den Tartuffe hat Shakespeare mit diesem Herrn Angelo nicht dargestellt; eher könnten wir darauf gefaßt sein, daß das, was Molières elende Psychologie als Heuchelei des isolierten Individuums gegeben hat, von Shakespeare in seinen gesellschaftlichen Zusammenhang eingefügt wird. Angelos Erklärung, Recht müsse Recht bleiben, auch wenn unter den zwölf Geschworenen, die einen Dieb verurteilen, einer oder zwei sitzen, die ärgere Diebe seien als der Beschuldigte, seine Erklärung, der Richter habe das Gesetz anzuwenden, ohne an seine eigene Natur, an seine eigenen verbrecherischen Triebe auch nur zu denken, diese Losung, die wir nannten: Richtet euch nach meinen Worten und nicht nach meinen Taten, — das ist in Wirklichkeit die Losung jeglicher Kirche, worunter hier jede Organisation zu verstehen ist, in der fehlbare Menschen die Hüter und Rächer eines Idealismus sind. Es geht in dieser gewaltigen Komödie nicht um so eine vom primitiven, abkürzenden, verleumderischen Denken erfundene Figur wie den Tartuffe, mit der man die Lacher aller Stände mit Ausnahme des jeweils betroffenen immer auf seiner Seite hat, sondern es geht um dieses Grundproblem der Kirche, der Schule, des Staats und seiner Rechtsordnung, um ein Problem von unendlicher Erhabenheit und unendlicher Komik, um ein Problem, das immer wieder neu ersteht, solange der Pfarrer in der Sakristei den Talar über den bürgerlichen Anzug streift, unter dem sein nackter Leib sitzt, solange der Richter in der Robe sich zur Frühstückspause zurückzieht, solange es in unsern Menschengesellschaften Bacons Idole gibt, an welche man hier, ohne vor den törichten Schlußfolgerungen der Baconianer Angst zu haben, sachlich zu erinnern hat[1]. Ehe wir Herrn Angelo wegen der These, die er hier verficht, einen Heuchler nennen, wollen wir uns besinnen, ob wir nicht wie er in unsrer Maske stehn, wenn wir als Vater oder Mutter mit unsern Kindern, als Kaufmann mit unsern Kunden, als Offizier mit unsern Soldaten, als Arzt mit unsern Patienten, als Mann mit der Frau, als Mensch mit Menschen, ja sogar als einzelner mit uns selbst und unsern Bedürfnissen zu tun haben.

Vielleicht verstehen wir jetzt besser, was es mit dem Problem auf sich hat, das Shakespeare hier behandelt, und mit der Behauptung der Prüderie, dieses Problem könne und dürfe bei uns nicht komisch behandelt werden, das Problem nämlich des Zusammenstoßes zwischen Geschlechtsleben und Rechtsordnung. Vielleicht verstehen wir jetzt besser, warum es grade die Grundnatur des Tiermenschen, das Geschlecht ist, mit dessen Regulierung sich hier der Fürst und oberste Richter zu beschäftigen hat. Vielleicht verstehen wir jetzt auch schon, warum in diesem Stück die niedrige Sphäre der Hurenwirte und Kuppelknechte einen so breiten Raum einnimmt, verstehen, warum hier auch der niedrigste Standpunkt der Kritik an diesen Regulierungen des Staates zu Wort kommt, so, wenn zum Beispiel der Kuppelknecht, der den pompösen Namen Pompejus führt, bei den neuen Maßnahmen und Verfolgungen erstaunt fragt:

Soll die ganze Jugend in der Stadt kapaunt und wallacht werden?

Und wie das verneint wird, begreift er gar nichts mehr; braucht man denn nicht Freudenhäuser oder so ähnliche Anstalten, solange es lockere Buben und liederliche Dirnen gibt?

In der Tat ist das Geschlechtsleben von allen Grundtrieben des Menschen bei weitem der geeignetste, um auf der Bühne mit der Maske der Gerechtigkeit und Hoheit konfrontiert zu werden. Ein Zeichner kann eine komische Wirkung schon erzielen, wenn er einen Priester den Talar hochheben läßt, um, sagen wir, einen Floh zu fangen; oder wenn er einen Monarchen in seinem Ankleidezimmer im Hemd zwischen den Uniformen seiner verschiedenen Regimenter und Feldherrnstellen im In- und Ausland zeichnet; eminent komisch wirkt es, wenn wir etwa in einem Briefe Mirabeaus lesen, die Abgeordneten der Nationalversammlung hätten eine Sitzung in einem entscheidenden und kritischen Moment unterbrochen, weil sie das Bedürfnis verspürten, zu pissen; aber alle solche natürlichen Bedürfnisse und Verrichtungen, auch das Essen und Trinken, haben nicht annähernd eine so seelische Weite wie das Geschlecht, das in seiner Verbindung mit Wildheit, unbezwingbar Leiblichem und erschütterter Innigkeit das Tierische in uns mit der Phantasie und dem Geiste in nächste Beziehung bringt, das vor allen Dingen durch seine Polarität das Element des Dramatischen schon in sich trägt. So daß mich dünkt, Shakespeare hätte sich auf das, was aus dramatischen und eminent wichtigen ethischen und sozialen Gründen auf unsre Bühne gehört und in höchst bedeutendem Sinne komisch zu behandeln ist, besser verstanden als seine Kritiker.

Irgend etwas muß in Angelo leben, was ihn zu der unnahbaren Pose des Monarchen, der die staatliche, schon fast die göttliche Gerechtigkeit zu repräsentieren hat, besonders geeignet macht; und der Herzog muß es bemerkt haben. Aber ein andres — oder ist es das selbe? — lebt noch dazu in ihm, was die Grenze der Strenge bis zur Härte, bis zu einer fast wilden Grausamkeit hin überschreitet. Von dem Verhör der armseligen Kupplergesellschaft wendet er sich schließlich wie ein Gelangweilter ab und kann den Wunsch nicht unterdrücken, es möchte sich Grund finden, alle miteinander auszupeitschen. Mild und klug, als ein Mann, der in seinen hohen Jahren es noch nicht aufgegeben hat, mit Warnungen, Verweisen, bedingter Strafandrohung zu arbeiten, zeigt sich dagegen Escalus. Aber er, so will es für diese Zwischenzeit der Prüfung der Herzog, darf der Gerechtigkeit, sagen wir besser, der Justiz, nur dienen; Angelo ist ihr Herr.

Zu diesem Herrn des Rechts, der schon auf den nächsten Tag die Hinrichtung Claudios verfügt hat, kommt nun, um den Starren zu beugen, die angehende Nonne Isabella, des Verurteilten Schwester. Himmel und Welt treffen da auf einander, Welt in den beiderlei Formen von Staatsregiment und privatem Libertinismus. Furchtbar ist es diesem herben, keuschen Mädchen, daß sie für eine Sünde eintreten muß, die ihr vor allen verhaßt ist; so sind in diesem Zwiegespräch, das nun anhebt, die Rollen verteilt: Isabellas Natur sträubt sich gegen alles, was mit geschlechtlicher Unordentlichkeit im geringsten zu tun hat, sie hat aber, aus Liebe zu ihrem Bruder, das Amt übernommen, ihn zu erretten; Herr Angelo hat das Amt, ihn zum Gericht und zum Tode zu bringen; wie steht es mit seiner Natur? Was sagt die dazu?

Isabella hebt damit an, daß sie bittet, die Schuld und den Schuldigen zu trennen; die Schuld soll verdammt werden, nicht ihr Bruder. Schwächer könnte sie’s nicht beginnen; aber auch nicht gefährlicher für sich selbst; denn was geht es den Hüter des Rechts an, daß der Verurteilte eine Schwester hat? Lenkt sie nicht in ihrer Verlegenheit, in ihrer Scham sofort den Blick auf sich? Und tut sie übrigens damit nicht das, was ihr verzweifelter Bruder und sein leichtfertiger Freund Lucio von ihr erwarteten? Wenn Claudio meinte:

Ihre Jugend

Spricht sprachlos eine wirkungsvolle Mundart,

was kann er andres gewollt haben, als daß sie mit ihrem Persönlichen durch die starre, stachlige Hecke des Rechts hindurch auf die Person Herrn Angelos wirken solle? Wie schön wäre das, wenn die reine Menschlichkeit der Jungfrau alle Überzüge, Decken, Masken und Kostüme der Wortsysteme entfernte und zur reinen Menschlichkeit des Fürsten durchdränge? Aber ist das, in dieser Situation, unter Menschen, wo ein Menschliches ganz andrer Art dazwischen steht, zu erwarten? Wird es vielmehr nicht dahin kommen, daß Mensch von Mensch, wie sie jetzt getrennt sind durch das trotz allem ideale Gestrüpp des Rechts, nach dessen Entfernung noch viel tiefer getrennt sind durch das, was sich statt dessen zwischen ihnen erhebt und sie zusammenwerfen will? Das ist die Frage, vor die wir jetzt gestellt sind; und um dieser Frage willen ist das Stück so gebaut, daß wir Herrn Angelo nicht kennen, nichts von seinem Wesen, nichts von seinem Leben.

Auf diese Anforderung Isabellas, die Schuld zu verdammen, aber nicht den Schuldigen, hat der Mann des Strafrechts leicht antworten. Die Schuld zu verdammen, einmal für alle, dazu ist das Gesetz da. Er hat gerade das Amt, das Gesetz anzuwenden, ohne Ansehen der Person, auf die Personen, die es übertreten. Isabella, der ihre Rolle über die Kraft, so ganz gegen die Natur geht, sieht es seufzend ein und will gehen. Lucio hält sie zurück, ermahnt sie, flehentlicher zu sprechen; erinnert sie, daß es ums Leben geht. Das bringt sie zu größerer Klarheit, was hier ihres Amtes ist; sie darf nicht mit dem Wahrer des Rechts rechten, sie hat um Gnade zu bitten. Das aber ist ein Punkt, wo irgend etwas in ihm ganz besonders empfindlich getroffen sein muß; er scheint sich noch fester in den Mantel der Justiz einzuhüllen, ehe er schroff zur Antwort gibt:

Ich will’s nicht tun.

Kaum, daß er als Mann, der sich eifrig, eifersüchtig an die Wahrheit hält, anderes sagen kann. Er ist ja nicht bloß der oberste Gerichtsherr; ihm ist in vollem Maße, ohne Einschränkung, auch die Gnade anvertraut worden. Das entnimmt sie, die, wir merken es mehr und mehr, eine der Frauen ist, die den Geist haben, der ihrer schönen Natur gewachsen ist, seiner kurzen Abweisung sofort; sie wird wärmer, weil sie nun am rechten Ort ist, und fragt, stellt fest, er könne also Gnade üben, wenn er nur wolle. Das rührt nun wieder an ein ungeheures Problem, an kein geringeres als das der Willensfreiheit. Herr Angelo hat in seinem Leben offenbar Gründe genug gehabt, sich mit ihm zu beschäftigen; und der Rigorist hat es in seiner Art gelöst:

Was ich nicht tun will, seht, das kann ich nicht.

Was hilft da alles Zureden? heißt diese Antwort, aller Versuch, ihn umzustimmen? Er kann doch den Willen nicht haben, den Schuldigen zu begnadigen. Während wir aber dieser Dialektik zuhören, achten wir noch auf etwas andres, kaum Merkliches. Der Mann, der da cäsarisch als Fürst steht, ist kurz, schneidend, schroff, sachlich in seinen Antworten bei dieser Audienz; er will seine Schuldigkeit tun, die Fürbitte zu hören, nichts weiter. Da fällt es auf, wie er allmählich ein ganz klein wenig weicher, wie auftauend wird; mal fügt er als Anrede das Wort „Mädchen“ in eines seiner knappen Sätzchen ein; mal mildert er eine Schroffheit, indem er „look“, seht her, dazu sagt. Man könnte wohl einwenden, das seien kleine Flickworte des Versdichters; aber da kennte man den Shakespeare dieser Stufe schlecht! Bei einer solchen Szene ist jedes Wort erwogen und steht kein Wort umsonst; und so sind wir an dieser Stelle schon ahnungsvoll gespannt, was sich weiter mit seiner Menschlichkeit begeben wird.

Und siehe da! Gleich bei seiner nächsten Replik ergibt sich zur Evidenz: der Mann ist verwirrt, er ist nicht mehr ganz verwachsen mit seiner Rolle, etwas in ihm fängt an, den Mann von dem Gewandträger loszulösen und einen Spalt zu eröffnen. Denn diese Antwort:

Er ist verurteilt; ’s ist zu spät,

hätte er in normaler Gemütsverfassung nie geben können; so weit kennen wir den gegen sich selbst viel mehr noch als gegen andre harten und gewalttätigen Mann nun schon aus Schilderungen und aus seinem eignen Auftreten. Von der Gnade ist jetzt die Rede; er kann es nicht vergessen haben; und für Gnade ist es niemals zu spät. Isabella merkt auch sofort, daß da so etwas wie eine nachgiebige Stelle ist; jetzt erst läßt sie ihre schöne Menschlichkeit in ihr bitteres Geschäft, sie wird warm, lebhaft beseelt. Sie weiß ja, fühlt ja im Innersten, daß die Gnade, die menschliche Nachsicht mit der wahren Menschheit, wie sie in ihr selber lebt, mehr zu tun hat als das starre Recht. Sie spricht als eine Liebende; Eros redet aus ihr; und sie, die Strenge, Züchtige, Herbe, beinahe schon Nonne, ahnt nicht, wie der Eros und das Geschlecht bei dem einen aufs feinste, bei dem andern aufs gröbste und leidenschaftlichste beieinander wohnen, sie ahnt nicht, was sie in dem Manne erweckt, dem sie mit ihren kühnen, beflügelten, erwärmenden Worten, mit der ganzen Bewegtheit ihrer Seele, die aus Augen und Mienen und Haltung zu ihm hinüberstrahlt, das Amtskleid herunterreißt! Sie will die Liebe, die Gnade darunter zeigen, wenn sie sagt:

Seid gewiß,

Nicht festliches Gepräng’ und große Herrn,

Nicht Königskrone noch Statthalterschwert,

Des Marschalls Stab, des Richters Amtsgewand,

Nicht geben die nur halb so schönen Schmuck,

Wie Gnade gibt.

Irgendwie wird auch in ihr selbst in dem Grade und in der Art, wie es der keuschen Seele ziemt, damit, daß sie das so sagt, eine Hülle dünner, die das Geschlecht von dem Geiste des Eros in ihr trennt, und sofort findet sie die Brücke von ihrem Appell an die Gnade zu der Betrachtung: Wie bist du Mann denn eigentlich selbst in deinen Regungen?

Wär’ er wie Ihr, und wäret Ihr wie er,

Ihr wärt wie er gestrauchelt, doch nicht wär’ er

Wie Ihr, so finster streng.

Das trifft; diese Betrachtungen liegen dem Mann des Determinismus nahe genug; und vielleicht hat er auch sonst in seinem Inwendigen Gründe zu solchen Erwägungen, der Heilige? Aber heute hat er ganz Ähnliches schon einmal gehört, von Escalus, und da hat er scharf und trefflich erwidern können, ganz in der Hoheit des Amtes und der Ideologie:

Nicht dürft Ihr sein Vergehn drum schmälern, weil

Auch ich ja fehlen könnt’, nein, lieber sagt mir,

Wenn ich, der ihn bestraft, mich so vergehe,

Mein eigner Spruch sei dann mein Todesurteil.

Was aber weiß er jetzt zu erwidern? Er sagt:

Ich bitt’ Euch, geht nun,

sagt es dumpf, als handle es sich um etwas für ihn Persönliches, was er fast nicht mehr aushalten könne. Sie aber wird davon, von diesem Hauch des Verstehens, der von ihm zu ihr geht, nur kühner, sie ist jetzt mit Feuereifer, mit Hingegebenheit, mit Größe bei ihrer Sache. Erst zeigt sie ihm, was sie für ein ganz andrer Richter an seiner Statt wäre, wenn er als Isabella vor ihr stände; sie kann nicht ahnen, was sie mit dieser Vertauschung in dem wüsten Manne anrichtet, der bei dieser Vorstellung fast zurückweicht; Lucio, der mit dem Kerkermeister dabei steht, merkt es wohl. Sie aber ist eine so reine himmlische Seele und lebt so in den innigsten Vorstellungen ihrer Religion, daß sie von diesem Gedanken, sie wäre Richter, sofort wieder zur Gnade übergeht, die seinen mechanisch stereotypen Einwand, das Gesetz habe gesprochen, fortweist. Und wieder, von noch höher oben, erinnert sie ihn: Bist nicht auch du ein Sünder? Ähnlich ihrer Schwester Porzia, aber christlicher getönt, wie es der Novizin natürlich ist, ruft sie ihm in die Seele hinein:

Wie? Was an Seelen war, das war verfallen,

Und er, dem Fug und Grund zur Strafe war,

Fand noch Vermittlung. Was wohl würd’ aus Euch,

Wollt’ er, der Allerhöchste des Gerichts,

Euch richten, wie Ihr seid?

Während sie so sprach, dadurch, daß sie so sprach, ist viel, ist Großes, ist fast schon Entscheidendes in ihm vorgegangen. Irgend einer in ihm hat einer Stelle in ihm eine Erlaubnis gegeben; etwas ist losgelassen worden. Er wird aufgeräumt, zutraulich, freundlich, und — oh über uns seltsame Menschenkinder! über das absonderliche Verhältnis in uns zwischen Trieb und Geist! — gerade dadurch, daß er da drunten irgendwo den Mann der Erhabenheit, den Mann im Amtskleid verrät und dadurch freier wird, ein Erlöster in ganz anderm Sinn, als die Christin jetzt eben dies Wort an sein Ohr klingen läßt, grade dadurch kann er die Sache seines Amtes jetzt wieder besser, jetzt wieder mit trefflichen Gründen verteidigen. Er ist nicht mehr starr und zugeknöpft; „schönes Kind“ sagt er zu ihr, und wie sie denn wieder, jetzt gar nicht mehr widerstrebend, im Feuereifer ihrer Rolle, der sie so sehnsüchtig Erfolg wünscht, von den „Vielen“ spricht, die dasselbe getan wie ihr Bruder, da doziert er ihr mit offenbarer Freude, wohlgefällig und mit vorzüglicher Beherrschung der Sache seine Theorie des Strafrechts:

Nicht tot war das Gesetz, wiewohl es schlief.

Die ‚Vielen‘ hätten nicht gewagt den Frevel,

Wenn gleich der erste, der die Vorschrift brach,

Gebüßt hätt’ seine Tat.

Und wie sie ihn von dem starren Recht abbringen will und sein Mitleid anruft, da fährt er gewandt, elegant, beredt und grausam fort, Mitleid erweise er am meisten, wenn er Gerechtigkeit erweise:

Denn Mitleid zeig’ ich dem, den ich nicht kenne,

Den die erlaßne Schuld einst schäd’gen würde,

Und tu’ dem Recht, der, büßt er ein Vergehn,

Ein zweites nicht erlebt...

Das alles ist für Isabella, an der wir mit immer innigerer Freude die schöne, seelen- und geistvolle Natur entdecken, unbegreiflich unmenschliche Überhebung und Pose; so ein kleiner Mensch will den strafenden Gott spielen, wo Gott selber lieber für unsre Sünden den Martertod erlitt, als daß er strafte!

Oh, es ist herrlich,

Zu haben Riesenkraft; doch ist’s tyrannisch,

Zu brauchen sie als Riese!

Sie fühlt sich ihm nun, ohne zu ahnen, wieso der Machthaber einschrumpfte und der Mensch vor ihr wie in Fesseln kam, überlegen; es kommt wie Glück, wie Heiterkeit über sie; und mit der Vorwegnahme des Gefühls, sie könne ihren Bruder retten, fällt von ihr das Christelnde ab; sie wird weltlich, witzig, heidnische Vorstellungen, in denen sie in der gebildeten Sphäre ihres edeln Vaters aufgewachsen ist, werden von Angelos Theorie des gestrengen Rechts, nach dem jeder für seine Taten büßen muß, damit andre sich von ihnen abschrecken lassen, erweckt:

Wenn Große donnern könnten,

Wie Zeus es selbst kann, Zeus fänd’ nimmer Ruhe,

Denn jedes winzige Beamtlein würde

Aus seinem Himmel donnern, nichts als donnern!

Sie erkennt, sie durchschaut den Mann, der jetzt selbst wie niedergedonnert kläglich vor ihr steht, wäre sie gleich erschrocken, wenn ihr einer von einem Wissen in ihr spräche, von dem sie in der obern, oberflächlichen Region unsres Geistes nichts weiß. Sie redet von dem Hochmut des Menschen; und in dem

man, proud man

klingt noch etwas anderes, klingt das spezifisch Männische in dem herrschenden Menschen an; von der armseligen autoritären Gewalt redet sie, von der gläsernen Gebrechlichkeit dieses Herrschaftsmannes, der sich wie ein wütiger Affe aufspielt, — sie weiß und weiß nicht, was sie dem Manne da vor ihr, da unter ihr sagt. Er wird ganz verwirrt, weiß gar nichts mehr zu sagen, schweigt und stammelt schließlich beinahe die Frage, wozu sie ihn mit all den Worten überhäufe; und sie nimmt herzhaft ihre ganze Kühnheit zusammen und schneidet mit großem Zuruf den Würdenträger vom Menschen ab:

Greift in den Busen,

Klopft an und fragt Euer Herz, ob nichts drin wohnt,

Gleich meines Bruders Fehl. Wenn’s nur bekennt

Naturtrieb, so zu sündigen wie er,

So tön’ auf Eurer Zunge auch kein Laut

Von meines Bruders Tod.

Nönnlein! Nönnlein! Nur allzu gut ist dir geglückt, was du da unternahmst! Isabella hat Herrn Angelo mit diesen Worten, mit all ihrem schönheitsvollen, seelenberauschten Wesen das Amtsgewand heruntergezogen; aber der Arme, der Gepeinigte, der Peiniger seiner selbst! Darunter ist, meint er, nicht die seelenvolle Güte und Gnade, sondern der nackte, pochende, fiebrig gierende Leib. Wir aber, die wir ihn besser kennen, als er sich selbst, dürfen vorwegnehmend sagen: der Mann, der so lange den kalten Juristen sich und der Welt vorgespielt hat, der strenge Mann, der sich selbst vergewaltigt, der seine Triebe unterdrückt hat, der vielleicht von einer Gewissensschuld erdrückt wird, die er weit aus dem Gedächtnis verbannt, der nimmt da etwas für Brunst, für wütende, unwiderstehliche Geilheit, was seelische Innigkeit, was Mitfreude wäre, wenn er seine gute Natur nicht verfälscht und verwandelt hätte. Kaum ist sie weg — denn sowie er die Sinnlichkeit deutlich in sich hochsteigen fühlt, schickt er sie eilends fort, morgen soll sie wiederkommen, er flieht vor ihr und vor sich selbst, indem er sie für heute entläßt, aber — wie vielfältig ist der Mensch! — heute sind auch Zeugen bei der Unterredung, morgen werden sie wohl allein sein — da bekennt er sich, da fragt er sich staunend:

Ist es möglich denn,

Daß Sittsamkeit mehr unsre Sinne aufrührt

Als Weiberlockung?

Es ist nur möglich bei Gewaltsmännern gleich ihm, die so anfällig sind, daß sich in ihnen die wunderzarte Erotik, die bei jeder Seelenfreude, Seelenbewegtheit auch das Geschlecht leise rege macht, in tobende Sucht verwandelt. Er wehrt sich, wehrt sich mit gewaltiger Anstrengung, hält sich ihre Reinheit, ihre Tugend, ihre Himmelsart vor, aber gerade damit, daß er ihre Seelenschönheit und den Ausdruck, den sie im bewegten Leibe findet, vor seine verwahrloste und verderbte Phantasie stellt, wird sein schmerzlich-begehrender Überwältigungstrieb zu diesem Weibe hin immer ärger.

Dieses Gespräch zwischen Angelo und Isabella ist von dem zweiten, das, wir fühlen es voraus, entscheidend sein wird, nur durch eine kurze Szene getrennt, die uns in unsrer erwartungsvollen Erregung eine Trosteshoffnung bringt: der hinter alledem steht, der diese Zwischenzeit der Prüfung gewollt und so ähnliche Ereignisse vielleicht gar vorhergesehen hat, der Herzog ist als Mönch in dem Gefängnis eingetroffen, in dem der junge Claudio auf seinen Tod wartet, und versteht sich gut mit dem braven, menschenfreundlichen Kerkermeister. Und dann sind wir wieder bei Herrn Angelo. Er erwartet Isabella; er möchte beten, aber Isabellas Gestalt tritt zwischen ihn und Gott; er will sich an den Staat, dem sonst all seine Gedanken gelten, anklammern, aber mit einem Mal, zum ersten Mal, findet er diese Beschäftigung langweilig und abgedroschen. Sonst streckte er sich stolz in Amt und Würde hinein und stand aufrecht und — er bekennt es sich — eitel in dieser Figurine da; jetzt sieht er ein: Rang und Form sind äußre Schale und Gewand, doch

Blut bleibt Blut!

Isabella, die nun bei dem Gepeinigten eintritt und gleich wieder als „schönes Mädchen“ begrüßt wird, hat am Tag zuvor alles gesagt, was sie irgend weiß; sie ist wieder herb und spröde geworden; und wie sie aus Angelos ersten, gepreßten Reden entnimmt, es müsse beim Todesurteil bleiben, wendet sie sich zum Gehen. Er hält sie aber auf, zunächst mit einem furchtbar heftigen Ausbruch, äußerlich gegen das Laster, das ihren Bruder zur Verdammung gebracht hat; er braucht aber diese leidenschaftlich aufwallende Rede, einmal, um seine eigne Glut irgendwie herauszulassen, dann, um mit dem Inhalt dessen, was er sagt, eben diese seine Wildheit in gewalttätiger Unterdrückung zu zähmen. So schäumt er gegen die unsaubere Lust, die das Standesamtsregister des Staates bastardiert, die Akten fälscht, das Leben der Neugebornen fälscht und in unheilvolle Bahnen lenkt; solche Zeugung ist nichts Bessres als Mord! Für staatsrechtliche und gesellschaftliche Argumente der Art, wie sie sein verzweifelter Kampf gegen sich selbst ihm aus dem bereiten Vorrat seiner Studien und Gesinnungen jetzt über die Lippen bringt, hat sie wenig Sinn; was ihr Bruder getan, ist ihr eine schwere Sünde vor Gott und eine Unordentlichkeit, die ihr widerwärtig ist; kein Verbrechen, das auf Erden, dem Staat gegenüber, mit dem Tode gesühnt werden müßte. Bei diesen ihren Worten jubelt es in ihm; sie wird also zu gewinnen sein, sagt er sich; er gibt den Kampf gegen sich auf und geht zum Kampf gegen sie, zu seiner Art der Werbung über. Ganz erbarmenswürdig, ganz erbärmlich geht er da vor; er denkt nicht daran, sein Begehren nach ihr nun vor allen Dingen loszulösen von dem Fall ihres Bruders; er denkt nicht daran und versteht es nicht, sich bei dieser Frau liebenswert zu machen; seine Gier kann er nicht trennen von der Situation, durch die sie ihm, wähnt er, verfallen ist. Haben, erobern, besitzen will er sie, da in ihm Gewalt des Triebs hämmert, mit Gewalt; die Gewalt des Triebs setzt sich bei diesem Mann, der darin geübt ist, den Trieb durch den Geist zu unterdrücken, jetzt, wo er ihn loslassen will, zur Vermittlung in Logik um. Das ist sein Instrument; raffinierte Manneslogik soll ihm zur Vergewaltigung, zu nicht viel Besserem als zur Notzucht dienen; in ein Dilemma, in diese gespreizte Gabel der Logik will er sie hineintreiben.

So legt er ihr zunächst die Frage vor, was ihr lieber wäre: daß ihr Bruder stürbe oder daß sie ihren Leib derselben lustvollen Unsauberkeit hingäbe, wie jenes Weib, das ihr Bruder befleckte? Sie ahnt nicht im entferntesten, was der Mann, den sie nun als starren Theoretiker schon kennen gelernt hat, mit der Abschweifung will, und erwidert zerstreut, aus frommer Gewöhnung heraus, den Leib würde sie gewiß eher geben als die Seele. Er antwortet ungeduldig; mit greulich dummer Brutalität versteht er so, als meine sie, eine beseelte Liebe, die zu solcher Sünde führe, wäre ihr ärger als die Preisgabe des Leibes selbst; und zu ihrer Beruhigung sagt er, die Seele könne ganz aus dem Spiele bleiben; es handle sich um eine pure Zwangslage. Sie versteht nicht, und er will jetzt ganz deutlich werden:

Darauf nur gebt Antwort:

Ich, jetzt der Mund des gült’gen Rechtes, fälle

Ein Urteil über Eures Bruders Leben;

Wär’ etwa nicht Barmherzigkeit die Sünde,

Die Euren Bruder rettete?

Entzückend, wie sie nicht im entferntesten versteht, was er meint, ganz sicher aber ist, recht zu verstehen; ja, er will barmherzig sein! Und eifrig, beglückt versichert sie ihm, das wäre keine Sünde, solche Gnade sei nur Barmherzigkeit. So geht es nun noch eine Weile mit dem Mißverstehen hin und her; der elende Tropf wird ärgerlich und redet grob, wie er wohl in schlechter Laune als Untersuchungsrichter mit einer unlogischen oder schlauen Angeklagten umgegangen wäre; und so legt er ihr denn knappe, ganz klare Fragen vor, um ihr jeden Ausweg zu verrammeln. Der Bruder muß sterben; das Gesetz spricht klar dieses Urteil. Das muß sie zugeben. Nun aber, wo er ihr bedeuten will, wie der Bruder noch zu retten sei, hindert ihn doch die Scham, direkt herauszureden; er setzt einen Fall, wie aus der Moralkasuistik. Gesetzt den Fall, der Bruder wäre vom Tod nur zu retten durch einen Mächtigen oder Einflußreichen; und „dieser Supponierte“ stellte zur Bedingung, daß sie, die Schwester, ihm ihren Leib preisgäbe; was würde sie tun?

Die Frage ist nun klar; nur daß sie noch immer keine Ahnung hat, warum er so fragt. Sie zögert keinen Augenblick mit ihrer entschiedenen Antwort. Wo’s um die Tugend geht, die von Seele und Züchtigkeit geboten wird, ist sie so fest bis zur Härte, wie er’s bis vor kurzem war, wenn sich’s um die Tugend handelte, wie sie Staat und Gesetz vorschreiben. Nur daß in der edeln Frau die Tugend keine Idee, sondern zur Natur gewordene seelische Notwendigkeit ist, während im Mann — selbst wenn ihm, wie Herrn Angelo, Adel nicht fehlt — die Staatsidee immer eine kahle Sache der Überlegung und des Verstandes bleibt, die sich gegen ursprünglichen Naturtrieb niemals behaupten kann. Was sie tun würde? Qualvoll sterben würde sie lieber — für ihren Bruder wie um ihrer selbst willen —, ehe sie den Leib der Schmach gäbe.

Viel besser, daß ein Bruder einmal sterbe,

Als daß, ihn frei zu kaufen, eine Schwester

Auf ewig stürbe.

Er gibt es noch nicht auf, sie mit Theoretisieren zu fangen. Aber sie ist jetzt, in der Wallung des Zorns bei der bloßen Vorstellung solchen Schimpfs, wieder glühend geworden und repliziert schlagkräftig. Er möchte ihre Härte erweichen und meint grob aufmunternd:

Gebrechlich sind wir alle!

sagt es aber nicht entschuldigend für Claudio, nicht einmal so recht für sich selber, sondern für die Weiber. Da gibt sie, und wundervoll wirkt in dieser Situation die unschuldige Lebhaftigkeit ihres Geistes, auf dieses sein Wort: Nein, auch die Weiber sind gebrechlich! zur Antwort:

Ja, wie der Spiegel, drin sie sich beschaun,

Der so leicht bricht, wie er Gestalten formt.

Das Weib! — Weiß Gott, der Mann entwürdigt sich,

Nutzt er den Vorteil! Nennt uns zehnmal schwach,

Denn wir sind sanft, so sanft wie unser Bau,

Und trauen falscher Prägung.

Jetzt glaubt der Mann, den die Vermengung des Triebs mit entartetem, willfährigem Verstand zum bösen, verrannten Narren gemacht hat und den dazu noch gerade bei diesem Bilde des schwachen, leicht verführten Weibes eine persönliche Erinnerung ermuntern mag, sie zu haben. Sie redet der Schwäche der Frauen das Wort; nun — er faßt sich einen gewaltigen Mut — wir Männer sind auch nicht stärker. Sie soll nur ein Weib sein; mehr tut gar nicht not. Und er wird deutlich genug, daß sie endlich verstehen muß, was er ihr anträgt. Erst will sie immer noch annehmen, er wolle sie prüfen; wie er dann aber „auf Ehre“ erwidert, es sei ihm Ernst, muß sie’s glauben. Kaum einen Augenblick verweilt sie, deren Sittsamkeit so rein wie ihr Denken schnell ist, bei der Schmach, die dieser Antrag ihr antut; ihr liegt bei dem ganzen Gespräch nichts im Sinn wie ihr Bruder. Jetzt, glaubt sie, muß er gerettet sein: sie scheut die Erpressung gegen den elenden Machthaber nicht:

Gleich stell’ des Bruders Gnadenbrief mir aus,

Sonst künd’ ich aller Welt aus lautem Hals,

Was für ein Mann du bist.

Ihm aber, der die Schwelle der Schamlosigkeit überschritten hat, ist nun keine Wahl mehr geblieben. Er kann nicht, er will nicht zurück; seine Gier läßt sich so nicht abweisen. Ihre Drohung schreckt ihn nicht; wer wird ihr denn glauben, wenn er’s abschwört? Solche Anklage gegen ihn, den Vertreter des Fürsten, dessen Ruf fleckenlos ist, dessen strenges Leben die Welt kennt? Einen Tag noch gibt er ihr Frist; bis dahin muß sie nachgeben; sonst stirbt ihr Bruder nicht den einfachen jetzt mehr, den martervollen, schweren, langsamen Foltertod.

Damit verläßt er sie. Und sofort sieht sie ein: ihr letzter Versuch ist gescheitert; sie kann die Gnade nicht erpressen. Ihr Bruder ist zum Tode verurteilt; jetzt auch von ihr; um ihrer Ehre willen muß er sterben. Sie geht zu ihm, um ihm das zu sagen: er stirbt nicht mehr bloß für sein heißes Blut; er stirbt für die Reinheit seiner Schwester.

Wiewohl sich alles um die Rettung dieses Bruders drehte, galt unser Anteil bisher viel mehr Herrn Angelo und Claudios Schwester, die ihn nun beide verurteilt haben. Jetzt, wo Angelo für lange zurücktritt, lernen wir Claudio kennen; durch den Konflikt zwischen Angelo und Isabella, der fürs erste in der Schwebe bleibt, ist, wir sehen es voraus, ein Konflikt zwischen den Geschwistern reif geworden. In dem Moment, wo der dritte Akt beginnt, stehen wir zwischen der physischen Möglichkeit und der psychischen Unmöglichkeit mitten inne: Claudio kann durch Isabella gerettet werden; er kann nicht durch sie gerettet werden. Der Vorhang geht auf; wir sehen den Herzog-Mönch bei dem zum Tod Verurteilten und sagen uns noch stärker als zuvor: Der aber, der wahre Fürst, wird ihn retten! Der Mönch bereitet den Gefangenen indessen zum Tod vor und spendet ihm die Tröstung keineswegs christlicher Verheißung, sondern allerbitterster pessimistischer Philosophie. Der Mann, der sich in den Tod finden soll, erfährt von dem erfahrenen, leidgeprüften Pilger durch sein Reich, was das Leben ist. Claudio, dessen Gemüt rasch bewegt und dem Moment unterworfen ist, ist für den Augenblick ruhig:

Auf Leben hoff’ ich, bin gefaßt auf Tod.

Da sagt der Mönch, und diese große Rede, die weniger auf den Tod vorbereiten als den Tod im Leben, die Abgeschiedenheit, lehren will, wollen wir ausführlich vernehmen:

Seid’s unbedingt auf Tod. Tod oder Leben

Wird dadurch süßer. Redet so zum Leben:

Wenn ich dich lasse, lasse ich ein Ding,

Dran nur ein Tor sich hängt. Ein Hauch bist du,

Abhängig jeder Änderung der Luft,

Wie sie die Wohnung hier, in der du weilst,

Stündlich bedroht. Du bist des Todes Narr;

Durch deine Flucht strebst du ihm zu entgehn,

Und rennst ihm stets doch zu. Du bist nicht edel;

Denn alles Angenehme, was du hegst,

Stammt aus Gemeinem. Du bist gar nicht tapfer;

Denn dir macht Angst das schmale Züngelchen

Des armen Wurms. Dein bestes Ruhn ist Schlaf,

Den suchst du täglich, doch dich schreckt dein Tod,

Der auch nichts mehr ist. Du bist nicht du selbst,

Denn du bestehst durch Tausende von Körnern,

Aus Staub entsprossen. Glücklich bist du nicht,

Denn was du nicht hast, strebst du stets zu fassen

Und gibst auf, was du hast. Du bist nicht stetig,

Denn deine Farb’ ist launisch wandelbar,

So wie der Mond... Nicht Jugend und nicht Alter

Hast du, nur gleichsam den Nachmittagsschlaf,

Der beides träumt; all deine selige Jugend

Tut wie bejahrt und bettelt lahme Greise

Um Gaben an. Und bist du alt und reich,

So fehlt dir Glut und Trieb, Gelenk und Schönheit,

Des Reichtums froh zu sein. Was ist doch dies?

Das Leben heißen darf? Birgt doch dies Leben

Viel tausend Tode, — und wir scheun den Tod,

Der alles ausgleicht?

Erst ist Claudio davon wunderbar besänftigt; dann aber, wie zum Mönch der skeptischen Resignation mit frommem Friedensgruß die Nonne in dieses Gefängnis dazukommt, wie die Lichte aber nicht die Erlösung bringt, sondern den Zweifel, da kommt die Todesangst über ihn.

Ihr ist es notwendig, ihm alles zu sagen; keineswegs um ihm die Entscheidung zu überlassen; so lieb sie ihn hat, so sehr wir ihr glauben, daß sie ihr Leben an seine Rettung setzen würde, in dieser Sache gibt es keine Beratung und keine Wahl für sie. Sie will aber, daß er sie stützt, daß er jeden Gedanken an ihr Opfer verwirft; daß sein Tod jetzt einen Sinn bekommt: er soll wissen, daß er für seine Schwester stirbt. Mit dieser Absicht ist sie gekommen; jetzt aber, wo sie seine weichen Züge sieht, bangt sie im voraus vor dem, was nicht ausbleibt. Erst, wie er’s vernimmt, ist er entsetzt, daß sein strenger Richter so dastehn soll; dann sieht er ein, daß sie sich nicht preisgeben darf, und will sich in den Tod, vor dem jetzt keine Rettung mehr ist, finden. Aber es regt sich ein Sinnen in ihm; also dieser erhabene weisheitsvolle Mann ist doch auch dem Trieb unterworfen! Claudio wagt nicht zu sagen, kaum auszudenken, wie ihm von dieser Vorstellung, daß die Lust doch mächtiger sei als alles, die Gedanken von Angelo zur Schwester, von der Schwester, die nun über sein Schicksal verfügt, zu seiner eigenen Lebenslust irren. O Isabella! Mehr vermag er noch nicht als diesen Ausruf; und dann, immer noch wieder gebändigt und bedächtig, sinnt er vor sich hin:

Sterben ist schrecklich —

Wie sie aber, schon in streng vestalischer Abwehrstellung, erwidert:

Und schmachvoll Leben greulich,

da, wo für ihn auf der einen Seite das Leben, sein Leben, steht, auf der andern — ein Nichts, ein Wort, eine Tugend, von deren Notwendigkeit seine eigne Natur kein Wissen und keine Erfahrung hat, die ihm ein so kaltes Schema ist wie der Staatsgedanke, dem er geopfert werden soll, da wallt die Todesangst zu einem gewaltigen Ausbruch heraus. Vergessen auch alles, was der Mönch — der, ohne daß die beiden es wissen, alles mit anhört — Schlimmes an die Adresse des Lebens gesagt hat; nur leben, leben will Claudio, leben um jeden Preis! Er sieht das Grauen des Grabes vor sich, er ist in der Situation des Prinzen von Homburg, und ich zweifle nicht, daß Kleist, dem dieses Stück ja auch sonst so ganz besonders, so unsäglich nah gehn mußte, aus dieser Szene den Mut zur Fassungslosigkeit seines Prinzen geschöpft hat; geht Kleists Szene darin über Shakespeares hinaus, daß sein romantischer Prinz sonst von Natur und Gewöhnung in der Rolle des Helden steht, so ist wiederum Claudios Ausbruch insofern erschütternder, als dieser weiche Genießer nicht bloß die eigne Würde wegwirft, sondern die Schwester anbettelt, sie solle um seinetwillen sich in Schmach und Ekel stürzen:

Ja, aber sterben! gehn, wer weiß, wohin,

Daliegen kalt und reglos starr und faulen,

Aus sinnbegabter, warmer Regsamkeit

Verschrumpft zum Kloß; der Geist, noch lebensfroh,

Getaucht in Feuerwogen, hingebannt

In schaudernde Gefilde ew’gen Eises;

Im Kerker unsichtbarer Sturmgewalt

Rastlos gejagt rund um die schwebende

Weltkugel; ja, noch Schlimmres als das Schlimmste

Von dem, was zügellose Phantasie

Sich heulend ausmalt — gräßlich, schauderhaft!

Die schwerste Last von Lebensmühsal hier,

Was Alter, Armut, Schmerz, Einkerkerung

Dem Menschen auferlegt, ist Paradies,

Mit dem verglichen, was der Tod uns droht.

— — —

O Schwester! laß mich leben!

Was für des Bruders Leben du auch tust,

Oh, die Natur rechtfertigt es so sehr,

Daß es zur Tugend wird.

Erst war die Schwester bei diesen apokalyptischen Bildern von den unausdenkbaren Schrecknissen, die der Seele im Tode warten, unnennbar erschüttert worden, ins Gewissen hinein; was kann den fühlenden Menschen schwerer treffen, als wenn er aktiv hilflos sein muß: wenn er physisch erretten könnte, aber angesichts bitterster Not in dem moralischen Entschluß steht, stehn muß, nichts zu tun? Wie Claudio dann aber seinen fassungslosen Jammer in diesen Anruf münden läßt, da schlägt all ihre Innigkeit in lodernde Empörung um. Über alle Grenzen setzt ihre Verachtung gegen diesen Wicht vor ihr, der um diesen Preis sein Leben erhandeln möchte. Sie spricht ihm endgültig das Todesurteil; sie kann ihn nicht retten; das wußte sie vorher; er verdient nicht zu leben; das empfindet sie jetzt und sagt es ihm.

Da tritt der Herzog dazu. Was hat er gehört! Von all diesen Zusammenhängen, von seinem Statthalter Angelo!

Die Probe lehrt,

Wie sich im Machtbesitz der Schein bewährt.

Er hat’s geahnt, als er das sagte; diese drei, Angelo, Claudio und Isabella, sind geprüft worden und haben ihr Innerstes, ihr Äußerstes gezeigt; über ihre Grenze gegangen sind sie — alle drei. Nun ist’s höchste Zeit, einzugreifen, nach dem Rechten zu sehn und diese verirrten Menschenkinder zu ihrem Maß zurückzuführen. Angelo zwar — das muß noch näher untersucht, muß sehr behutsam behandelt werden. Die entfernte Möglichkeit, daß er das Mädchen nur prüfen wollte, liegt immerhin vor; und sehr wahrscheinlich ist es zum mindesten, daß er sich so ausreden würde.

Das Drama ist in den drei Gestalten Angelo, Isabella, Claudio und ihren Erlebnissen an einander bis zur Tragik gediehen. Nur das Vorspiel, nur die Gewißheit, daß wir in einer Zwischenzeit der Prüfung sind, und die Gestalt des Herzogs haben uns immer getröstet. Wie er jetzt mitten in den exzentrischen Überschwang der todesbangen Lebenslust und der lustverächterischen Tugend dazwischentritt, wie in die zum Höchsten gesteigerte Verssprache seine kluge, sichere Prosa hineinredet, da werden wir ganz ruhig, da biegt der Konflikt der von der Leidenschaft Fortgerissenen in das überlegene Spiel eines Weisen, die Tragik in die Komik um.

Wir wissen, der Herzog hat Angelo schon lange beobachtet und hat Mißtrauen gegen seine Tugend gehegt; aber wir wußten nicht, daß er mehr von ihm weiß, als wir bisher erfahren haben. Jetzt, so spät in diesem Stück, dessen ganze Technik von allem Anfang an darauf angelegt ist, Herrn Angelo sehr allmählich und immer mehr die Hüllen zu nehmen, erfahren wir aus dem Gespräch des Herzog-Mönchs mit Isabella, was Angelo noch auf dem Gewissen hat. Wir haben gesehen, wie dieser Jurist, dieser Staatsheilige es seinem Intellekt erlaubt hat, seit langem die Triebe und die Seele zu vergewaltigen; jetzt hören wir das Schlimmste, was er sich und vor allem einem andern Menschen angetan hat. Er hat eine Braut gehabt; hat es elenden Verstandesgründen erlaubt, die Liebe zu diesem Mädchen, die er hegte, in ihm zu ersticken; hat diese Mariana um einer verloren gegangenen Mitgift willen sitzen lassen. Jetzt vereint der kluge Herzog, der Philisterbedenken nicht kennt, vielmehr seiner herrlichen Losung folgt:

Tugend ist kühn und Güte niemals furchtsam,

der Mönch flicht Claudios Todesnot, Angelos Brunst, Isabellas tapfere Tugend, Marianas Liebessehnsucht in eines: Isabella soll Angelo ein kurzes nächtliches Liebesbeisammensein bewilligen; Angelo soll, ohne es zu ahnen, statt ihrer Mariana umarmen:

Damit ist Euer Bruder gerettet, Eure Ehre unbefleckt, die arme Mariana versorgt und der arge Statthalter entlarvt.

Wären wir von vornherein in einem lustigen Spiel gewesen, wo dann aber von Anfang an Mariana dabei gewesen wäre, so wäre diese Lösung nichts weiter als ein höchst übermütiges Motiv. Nun aber, wo wir so zu teilnehmender Not hochgeführt worden sind, wo sich uns allmählich erst das Rätsel Angelo erschlossen hat, das für uns immer noch nicht ganz erklärt ist, von dem wir jetzt eben wieder Neues erfahren haben und auf dessen noch tiefere Ergründung wir gefaßt sind, nun ist uns diese plötzliche Wendung eine wahrhafte Erlösung. Der Dichter und sein fürstlicher Mönch schalten mit uns, als ob die strafende Rede, die dieser ans arge Leben gehalten hat, Wirkung getan hätte: das Leben ist in sich gegangen; seine bebende Not und Gefahr war nur Schein und Prüfung; alles, was wir da als Grauen erlebt zu haben glaubten, ist, wenn wir näher zusehen, gar keine Wirklichkeit, ist nur Spiel, sinnvolles Spiel, in dem sich die Bilder des Wesens tummeln. Und mit einem Sinnspruch in dem Bänkelsängerton, den Shakespeare liebt, wenn er die Naturgewalt der Tragik in das freie Spiel überleitet, faßt darum der Herzog-Mönch die vergangene und künftige Handlung zusammen und beschließt damit den dritten Akt.

Und doch wäre es — mit Goethe zu reden — ein klattriges Motiv, welche Aushilfsrolle diese Mariana spielen soll, wenn der Dichter, der so meisterhaft von innen heraus komponiert, Mariana nicht bei ihrem ersten, späten Auftreten zu Beginn des vierten Aktes wie umlodert zeigte vom Feuermantel der Liebesglut, die, verschmäht, in sie zurückgeschlagen ist. Da verliert sich sofort der Eindruck, ein Menschenkind solle als Mittel dienen, dazu noch mit seinem Geschlecht; wir erleben, wie die Liebesvereinigung dieser Süchtigen eigenes, äußerstes Bedürfnis ist.

Sie sitzt da, passiv, lechzend, wartend auf nichts; sie hört schmachtend zu, wie ein Knabe ihr ein Lied, ihr Lied, das Lied ihres brünstigen Verlangens und ihrer Verlassenheit vorsingt; eines der wunderbarsten Liebeslieder, in dem die ganze Wonne des Schmerzes, der ganze Schmerz der Brunst liegt; keine Übersetzung kann ihm Genüge tun:

Weg, o weg die Lippen dein,

Die so süßen Meineid schworen;

Weg dies Auge, Funkelschein,

Licht, das mir die Nacht geboren.

Nur die Küsse bring zurück, bring zurück,

Liebessiegel, falsche Siegel falschem Glück, falschem Glück!

Es geschieht nun alles nach dem Plan des Herzogs. Aber der weise Dichter, der die Sensation, das bloße Sinnenbild, auch wenn es von zentraler Bedeutung ist, gerne im Hintergrund läßt, wenn es die innere Entwicklung nicht fördert und bloß die Erfüllung dessen zeigt, was wir in der Anlage miterlebt haben; und der die Sensation im gröberen Sinn des Wortes gewiß nicht auf die Bühne zieht, läßt nun alles, was wir im Entwurf schon kennen, im Hintergrund vor sich gehn: wir sind nicht bei Isabellas Gespräch mit Angelo, in dem sie ihm zusagt, sich ihm preiszugeben; nicht einmal bei der Einweihung Marianas in den Plan, und gewiß nicht bei Mariana-Isabellas nächtlicher Begegnung mit Herrn Angelo. Shakespeare mit seinem zarten Takt hat Bühne und Sichtbarkeit aufs feinste unterschieden: nichts, was geeignet war, das Menschenwesen zu ergründen, hat er, der freie Geist, der er war, von der Bühne verbannt; aber er hat auch gewußt, daß keusche Ohren in der Form der Sprache, welche durch die Verwandlung des Sinnlichen in Geist alles rein zu machen imstande ist, alles hören können, daß aber nicht alles in sinnlicher Erscheinung gezeigt werden kann. So ist es unsäglich weise, frei und witzig von ihm, daß er auf der Stufe der Handlung, wo unzüchtige Seelen, deren es unter seinem Publikum genau so gut gab wie unter seinen Kommentatoren späterer Jahrhunderte, Sinnenkitzel und angenehmes Ärgernis von den Vorgängen erwarteten, die Bühne statt dessen mit Szenen aus der niederen Welt der Kuppler und Verbrecher füllte, wo eben die Gemeinheit nicht vor Augen, sondern zu Sprache und robustem Spaß gebracht wird.

Die Zusammenhänge von Brunst und Machtgier, wie sie von Shakespeare auch in andern Stücken aufgezeigt werden, stehen in der besondern Art in der Mitte dieses Dramas, daß der Machthaber ein rigoristischer Staatstyrann ist, solange er den Trieb zurückdrängt und ein Diener am Wort ist, daß er dann ganz schlecht, in jedem Sinn wortbrüchig, verräterisch und nur mehr auf seine Stellung und Sicherheit bedacht werden muß, sowie die Lust ihn überwunden hat. Wollust wie Tyrannei aber hat der Dichter diesmal noch in andre Verbindungen gebracht: wir wandern vom Palast des Tyrannen zum Gefängnis, zu den Verbrechern, zu den Henkern; von der Sinnengier des Mächtigen zu den Lieferanten der Genußbefriedigung und den leichtlebigen Genießern; und durch das alles geht noch das Verhältnis des Menschen zu der Instanz hindurch, die, sollte man meinen, ihm die Lebenslust am gründlichsten austreiben könnte: zum Tod. Wir sehen den prachtvollen Kerl, den Zigeunermörder Bernardin, den sein langjähriger Aufenthalt im Gefängnis so wenig wie der Gedanke an die seit vielen Jahren immer mal wieder bevorstehende Hinrichtung oder ans Jenseits vom lustigen Leben abbringen kann, den vollendeten Gegensatz in seiner zynisch robusten Gesundheit zu dem weich genießerischen Claudio und seiner Todesangst; und wir gewahren: nicht der Staat und nicht einmal der Tod mit ihrer Drohung von außen vermögen es, die Triebe im Zaum zu halten und die Menschen entscheidend auf neuen Weg zu bringen; nur zwei Menschen in diesem Drama, die vom innern Sinn bedeutungsvoll zusammengedrängt werden, haben vermocht, die Lust des Lebens, die übergreift und ausbricht, zu beschränken, mit dem Tod einzuschränken, den sie in ihr Leben aufgenommen haben, mit der Ordnung und Zucht, die nicht von außen auferlegt wird, sondern die das Bedürfnis ihrer Seelen ist: Isabella und der Herzog, die Nonne und der Mönch.

Das ist die Sphäre dieses Stückes: von der liederlichen Gemeinheit und denen, die mit dem Geschlechtstrieb Handel treiben, zu dem Männerpaar Claudio und Angelo zunächst; der eine umgeht die Ehe und scheut sich nicht vor allerlei dunklem Schmutz für sich, seine Liebste und ihr Kind, weil er auf eine Mitgift wartet; der andre bricht das Ehegelöbnis, weil die Mitgift verloren ist; sitzt über seinen unsittlichen Bruder zu Gericht und schickt ihn in den Tod; drängt den Trieb zurück, bis er alle Schranken durchbricht und Geist und Macht als Werkzeuge der Vergewaltigung benutzt. Und eine Stufe höher Mariana, der die Sinnlichkeit des Leibes in die Seeleninnigkeit flammt; deren Sehnsucht und Wollust duftet, und tönt und von der sich Angelo, der ehrlich seinen Geist nüchtern und frei vom Trieb halten möchte — es wird genügend angedeutet —, vielleicht doch nicht bloß aus schnöden Besitzgründen getrennt hatte. Und hoch hinauf endlich zu den beiden, die uns lange vor dem schönen Schlusse, der sie zusammenfügt, als Paar zu einander gehören: zu dem Herzog und Isabella. Der Herzog, ein gereifter Mann, dem zwar um seiner Milde und der geheimnisvollen Geborgenheit willen, die dem ernsten Manne unter Menschen notwendig ist, die lästernde Liederlichkeit geheime Sünden nachredet, der aber in der Reinheit steht, bis er seine weibliche Ergänzung gefunden hat; Isabella, Marianas Gegenbild, die nicht wie der Herzog das Klosterkleid zu sinnvoller Vermummung bloß gewählt hatte, die einen Widerwillen gegen alle Sinnenlust im Herzen trug und voll verdammender Härte war; welche Wirren und Nöte erst, welche Kühnheit und Überschreitung der Grenzen mußten kommen, um ihren Geist zur Natur zu bringen, um ihre Seele zu vermögen, beruhigt, ohne Aufruhr und einverstanden im Leibe zu wohnen.

Von unten nach oben, die Skala der Sinnlichkeit immer wieder berührend und kreuzend, geht’s auch im Bezirk der Macht. Ganz draußen bleiben die Wiener Lüstlinge, in deren Gesellschaft sich auch Claudio gefällt, Genießende, die im Schutz der Macht Bevorzugte sind, bis die Macht daran geht, sie als geile Schmarotzer auszurotten; ganz drunten steht Bernardin, der brutale Mörder; es folgen die Berufsoffiziere, die den Krieg um des Kriegs willen treiben und sich selbst mit Piraten vergleichen; der Konstabel Ellbogen, ein Duplikat Holzapfels aus Viel Lärm um nichts, eine der aus Dummheit, Brutalität, Gutmütigkeit und Aufgeblasenheit zusammengesetzten Volksgestalten, die es den studierten Beamten gleichtun möchten; der Henker Abhorson oder Grauserich, der mit gefühlloser Lust aus dem gesetzlichen Morden nicht bloß ein Gewerbe, sondern eine Technik und ein System gemacht hat; der Staatsmann und Jurist Angelo, der auf derselben Stufe stünde, wenn er nicht die weiten Gesichtspunkte, den Ernst und den Geist und die Bildung dazu brächte; und oben in reiner Höhe der gütige Kerkermeister und der nach milder Gerechtigkeit trachtende Herzog, der doch hart, stetig, ausdauernd, abwartend bis zur Peinigung sein kann, wenn er mit Menschen zu tun hat, denen es not tut und die es wert sind, erzogen zu werden.

Ein solcher Mensch ist für ihn der junge Herr Angelo; ein solcher Mensch auch Isabella. Um sie beide zu ihrer guten, echten Natur zu bringen, scheut sich der Herzog nicht, Angelo die Gelegenheit zu schaffen, wo das Verkehrte in ihm sein Bösestes tun kann, wie ihn kein Mitleid hindert, Isabella, die in furchtbarer Tugendhärte ihrem Bruder den Tod gewünscht, seinen Tod als gerecht und verdient bezeichnet hat, diesen Tod, diese Hinrichtung des Bruders ganz erleben, den Bruder als tot betrauern zu lassen.

Denn es geht nun keineswegs alles nach dem Plane des Herzog-Mönchs. Wohl hat Angelo — wie er meint — sein Gelüste an Isabella befriedigt, rauh, heimlich, nachts, seelenlos, brutal; wie er dann aber die Brunst gelöscht hat und von der ganzen Glut nichts mehr da ist als brennende, unauslöschliche Scham, erwägt er, daß gefährlicher als die Anzeige des geschändeten Mädchens Isabella, von der überdies kaum zu erwarten ist, daß sie ihre Entehrung kundgeben wird, die Rache des gepeinigten und um solchen Preis freigegebenen Bruders wäre; er muß den Weg der bösen Tat bis zu Ende gehen und verfügt die schleunige Hinrichtung Claudios. Die geschieht, für Angelo und alle Welt; auch Isabella wird nicht in das Geheimnis eingeweiht; Claudio wird in verborgener Haft gehalten; ohne sich ganz zu offenbaren, bringt der Mönch den guten Kerkermeister dazu, Angelo anzuführen und seinen Befehl zu mißachten: der Wackere weiß, der wahre Fürst wird nun zurückkommen. Wie die Verwirrung am größten ist, sagt der Herzog zu diesem Wächter der Gefangenen ein Wort, das in all seiner Leichtigkeit, mit der es uns nahe an traumhaft spielerische Märchenstimmung trägt, tief erhellend für das Ineinander äußerer und innerer Wirrnis in diesem tragischen Lustspiel ist:

Staunt und grübelt nicht darüber, wie dies alles zugeht. Alle schweren Dinge sind ganz leicht, wenn sie nur erst erkannt sind.

Sie zur Erkenntnis zu bringen, in ihrer innern Beschaffenheit und ihrem Zusammenhang, ist die Bestimmung des fünften Akts. Innerlich ist für uns schon beruhigte Entspannung da; wir sehen in dieser einen Szene, in der Shakespeare, wie öfter, nach den verwandlungsreichen früheren Akten alle Verwirrungen zur vollen Höhe häuft, ehe er sie löst, guten Muts zu, wie die Personen des Stücks, zumal Angelo und Isabella, vom Herzog noch gehörig auf die Folter gespannt und dann mit Enthüllungen überrascht werden, mit denen allen wir vom weisen Dichter dieses Lustspiels schon lange bekannt gemacht worden sind. Angelo und Isabella! In ganz anderm Sinn, als der junge Wüterich meint, bilden auch sie denn doch ein Paar. In beiden ist die Tugendstrenge seltsam nach Art und Grad verschiedene Irrwege gegangen; die Nonne, die es bis zum wildesten Ausbruch der Unbarmherzigkeit bringt, ist eine adlige Seele trotzdem; der vom Herzog zur Probe zum Fürsten erhöhte, dadurch zum Tyrannen gewordene, zwischen Idealismus, Abstraktionshärte und ichsüchtiger Schnödigkeit hin und her irrende unfertige junge Mann ist, wir sollen’s nun erleben, nicht minder in seinem besten Wesen ein adliger Mensch.

Der Herzog hat, ehe er in Wien wieder einzog, verkünden lassen, wer irgend sich über erlittene Unbill zu beschweren habe, solle es sofort bei seinem Einzug tun; unverzüglich, wenn der echte Herr das Regiment wieder antritt, soll reiner Tisch gemacht werden. Kaum hat er denn den Statthalter mit Worten höchster Achtung über seine gerechte Verwaltung des obersten Amtes beglückt, so tritt die trauernde Isabella auf und fordert, immer das eine Wort wiederholend, mit lauter Stimme, was in diesem Staat durch Angelo so streng durchgeführt worden sein sollte:

Recht, ja Recht, Recht, Recht!

Mariana, hat der Mönch ihr geraten, soll außer Spiel bleiben; so beschuldigt Isabella Herrn Angelo genau dessen, was er selbst glaubt, an ihr begangen zu haben. Was tut er, der hochgeehrt neben dem Herzog sitzt, auf diese entsetzliche, gegen einen Mann wie ihn jedoch höchst unglaubwürdige Anklage hin? Was wir alle täten, wenn wir erst Schritt für Schritt uns so mit dem Bösen eingelassen hätten: er leugnet alles, mit frecher Stirn, und erklärt, Isabellas Verstand habe seit dem Prozeß gegen ihren Bruder gelitten. Merken wir hier nur darauf: vor dem Buchstaben des Rechts hat Angelo kein andres Verbrechen begangen als das gegen Isabella, und das hat er, wir wissen es, nicht begangen; Claudio war dem Gesetz verfallen, und er hat’s dabei gelassen; es ist kein Recht gebeugt worden. Und da kommt nun eine und schreit hinaus, um ihren Bruder, wie es der Statthalter selbst bedungen hätte, zu retten, hätte sie dem ihre Ehre preisgegeben; aber der Bruder ist ja hingerichtet worden; wer wird solches wirre Zeug glauben? So scheint es ganz in Ordnung, daß der Herzog die Anklägerin bis zur weitern Prüfung der Sache ins Gefängnis abführen läßt; um wahnsinnig zu sein, redet sie wieder zu klar; es scheint eine Verschwörung gegen Herrn Angelo vorzuliegen, der von dem heillosen Schmutz, wie er da gegen ihn geworfen wird, so wenig berührt werden kann, daß der Herzog ihn auffordert, in dieser seiner eigenen Sache selbst Richter zu sein.

Was für eine Verwirrung tritt aber nun ein, als von einem Vertrauten des Herzogs, dem Mönch Peter, geleitet, eine Zeugin auftritt, die Herrn Angelos Alibi auf die seltsamste Art beweisen soll: da stellt sich eine hin, die sich für weder verehlicht noch Mädchen noch Witwe und dann gar für des Statthalters Gattin erklärt und bezeugt: just zu der Stunde, wo Herr Angelo Isabella fleischlich beigewohnt haben solle, sei er in ihren Armen gelegen. Gegen diese Behauptung, gegen diese Anklage, die als Verteidigung auftritt, kann sich Angelo nun mit bestem Gewissen verwahren; und das hilft ihm, viel freier als zuvor, fast mit Lächeln über so viel Tollheit, alles zu leugnen, auf die Vermutung des Herzogs einzugehn und dies schamlose Auftreten zweier Weiber gegen ihn, der jetzt eben das Land von der Unzucht gereinigt, auf ein niederträchtiges Komplott zurückzuführen. Er ist auch klug genug, den Vorschlag des Herzogs, Richter in eigner Sache zu sein, in diesem Augenblick, wo die Sache für ihn so günstig steht, anzunehmen. So kann der Herzog, um seinem bisherigen Statthalter sein ganz besonderes Vertrauen zu bezeigen, sich von der Gerichtsstelle, zu der dieser freie Platz vor dem Tor geworden ist, entfernen, ohne daß es jemand auffällig finden darf. Welch köstliche Motivierungskunst in einer auch für den Dichter fast unmöglich scheinenden Situation; was für eine leichte, spielende Hand; wie ist das, womit motiviert wird, das Auskunftsmittel des Dichters, daß der Statthalter seinen Fall selbst zu richten bekommt, für den Gang der Handlung entscheidend wichtiger, als was zu motivieren notwendig ist: daß der Herzog fortgeht, damit er in Gestalt des geheimnisvollen Mönchs wieder erscheinen kann.

Der Mönch erscheint und braucht stärkste Worte, erst gegen den Herzog — sich selbst —, der einen Schurken in eigner Sache richten läßt, dann gegen diesen Elenden nicht nur, der immer noch als oberster Richter auf dem Thron sitzen darf, sondern im allgemeinen gegen die Widersprüche zwischen dem Moral- und Gesetzsystem, das im Reich herrscht, und den wirklichen Zuständen. Er mußte sehen,

wie hier Entartung kocht und brodelt,

Ja überschäumt; für jeden Fehl Gesetze,

Doch Frevel so beschützt, daß die Verbote,

Wie Sittensprüche in den Baderstuben,

Indem sie Schmach verpönen, sich verhöhnen.

Das starke Auftreten dieses Mönchs gegen die Sitten der Wiener goldenen Jugend bringt den Vertreter dieser Gesellschaft, Herrn Lucio, der mit seiner dreist anmaßenden Geschwätzigkeit auch schon vorher dem Herzog lästig gefallen war, zum kecken Eingreifen: er will das Gesicht dieses Sittenpredigers sehen und reißt dem Mönch die Kapuze herunter: alle erkennen den Herzog. Sofort, noch ehe irgend ein Weiteres enthüllt ist, gesteht Angelo seine Schuld: er ist, sowie er vor Augen sieht, daß der Herzog schon lange mit dieser furchtbaren Sache zu tun hat und sein Tun beobachtet, wie von einem Strahl göttlicher Rache vernichtet: auf geheimnisvollste Weise, die er nicht begreift, ist einem Zusammenhang, den er selbst und dazu noch Vorfälle, die ihm rätselhaft sind, aufs verwirrteste versträhnt haben, die schlichte Klarheit, der wirkliche Kausalzusammenhang wiedergegeben. Wie eine Erleichterung überkommt es ihn, daß der Bau des Bösen und der Lüge, den er hat türmen müssen, weil in seinem Bau der starren Moral der Grundstein ins Rutschen gekommen war, auf einen Schlag eingestürzt ist: höchst würdig legt er sein Bekenntnis ab und erbittet sofortiges Gericht, sofortigen Tod.

Gewiß hat der Herzog, der den Mann von allem Anfange an gekannt hat, nichts andres erwartet. „Alle schweren Dinge sind ganz leicht, wenn sie nur erst erkannt sind.“ Der Spruch bewährt sich bei der unglaublichen Verwirrung aller äußern Geschehnisse; er bewährt sich auch für Angelo. Eine schwere Last ist von ihm genommen, ein Druck, der seit langem sein Leben auf schiefe Bahn geschoben hat; mit der Reue, die überraschend wie der Blitzstrahl über ihn gekommen ist, ist ihm so ganz leicht geworden. Der Herzog aber macht keine Miene, ihn zu richten; erst tut andres not. Kurz stellt er fest, daß Angelo und Mariana rechtmäßig verlobt waren; stracks schickt er beide weg zu schleuniger Vermählung. Aus diesem Verfahren und dem entsprechenden, das er dann gegen den heillosen Liederjahn und Verleumder Lucio einschlägt, ergibt sich, daß in seiner Methode zur Verbesserung der Sitten die Ehe ungefähr die Rolle spielt, die in Herrn Angelos System Auspeitschung, Einkerkerung und Hinrichtung eingenommen haben.

Dann erst, wie dies erste und vielleicht innerlich häßlichste Vergehen Angelos gut gemacht ist, soll zwischen ihm und Isabella gerichtet werden. Nun soll Angelo lernen, wie es mit seinem Grundsatz des starren, strengen, vorbeugenden Rechts bestellt ist: Gleiches mit Gleichem, Maß für Maß: mit welcherlei Maß ihr messet, so soll euch wieder gemessen werden! Gut denn; er hat sich das Urteil schon lange selbst gesprochen: sein Verbrechen ist das Claudios; was er noch viel Schlimmeres als dieser getan, kann ganz außer Betracht bleiben: wie Claudio hingerichtet wurde, so soll auch er dem Henker verfallen sein. Was für ein wahrhaft wonnevoller Gegensatz zwischen dem, was die Menschen auf der Bühne in diesem Augenblick empfinden und erleben, und dem, was wir beglückt, heiter, frei wissen: Claudio lebt, Angelo wird leben!

So kommt es noch zu einem letzten Gipfel; Isabella, die Tugendstrenge, die nur mit äußerster Selbstüberwindung für ihren Bruder, dessen Fall so ganz milde zu betrachten war, eingetreten war, die ihn zum Tod verurteilte, als Lebensdurst und Todesangst ihn zum winselnden Tier erniedrigt hatten, Isabella, die diesen Bruder tot glauben muß, tot durch Schuld dieses Angelo, der ihn als Meineidiger in dem Augenblick wie ein unsträflicher, erhabener Richter dem Gesetz geopfert und auf den Richtblock geschickt hat, wo er selbst auf dem selben Gebiet nach seinem Willen weit Schlimmeres verbrochen hat, Isabella bittet um das Leben dieses Mannes, der Notzucht abscheulichster Art, Notzucht auf dem indirekten Weg des Seelenzwangs hat gegen sie begehen wollen; sie wirft sich vor dem Herzog auf die Knie und spricht:

Huldreichster Fürst,

Betrachtet, fleh’ ich, diesen schuld’gen Mann,

Als lebte noch mein Bruder. Fast ist mir,

Als habe Ehrlichkeit sein Tun gelenkt,

Bis er sein Aug’ auf mich warf. Ist dem so,

Laßt ihn nicht sterben. Claudio starb nach Recht,

Sofern er wirklich tat, wofür er starb.

Doch Angelo — —

Sein Tun kam nach ja nicht der bösen Absicht

Und soll begraben sein als bloße Absicht,

Die nicht ans Ziel gelangt. Denken ist frei,

Und Absicht bloßes Denken.

Wie sieht man da voller Lust, Lust des Herzens wie auch des unbeschwert spielenden, rasch sich bewegenden, Ernstes bedenkenden Geistes: auch die Milde hat ihren scharfen Juristenverstand, — und wer weiß, ob diese Porzia-ähnliche Gestalt, diese Isabella, die vor unsern Augen so gewachsen und gereift und aus klösterlicher Enge zu Menschenweite und freiem Sinn sich erhoben hat, ob sie, die der reifsten Stufe des Dichters zugehört, nicht auch Shylock, dessen Untat ja auch beim Versuch geblieben ist, Gnade, volle erlösende Gnade erwiesen hätte?

Angelo aber, der jetzt zum ersten Mal ganz und fest in seinem Adel steht — wie vielfältig ist der Mensch! und wie groß der Dichter, der uns die wahrhaft wundervolle Geräumigkeit im Schacht des Menscheninnern, die Wirklichkeit der Niedertracht wie der Seelengröße in diesem nämlichen Menschen erleben läßt — Angelo will den Tod erdulden:

Mich schmerzt’s, daß solche Schmerzen ich bereitet,

Und Scham durchdringt so tief mein reuig Herz,

Daß Tod mir lieber als die Gnade ist.

Verdient so hab’ ich’s, laßt’s dabei bewenden.

In diesem Augenblick kommt des Herzogs Ebenbild und Gehilfe aus dem einfachen Volk, der Kerkermeister, und bringt den vielfachen Mörder Bernardin und eine verhüllte Gestalt.

Dem Mörder, der seit neun Jahren in unverwüstlicher Lebenslust im Gefängnis sitzt, wird von diesem Herzog, der immer noch in der Tracht des Mönchs seines Amtes waltet, Leben und Freiheit geschenkt, weil er keine Todesangst und keine Höllenangst kennt:

He, Kerl, man sagt, du trägst ein störrisch Herz,

Das Furcht vor nichts hat jenseits dieser Welt,

Und lebest demgemäß. Du bist verurteilt,

Doch deine Schuld auf Erden sei verziehn.

Wend’ aber so die Gnad’ an, daß du denkst

Auf bessre Zukunft.

For better times to come: der Fürst, der Harun al Raschid, der Geheimnis und Vermummung liebt, der Dichter, der sich in seinen Gestalten und in der schwebenden Rede hold vielsagender, duftig auf alles weisender Allgemeinheit verbirgt, sie überlassen es jedem, was er dabei empfinden und denken will: ein besseres Leben, das dieser der Freiheit wiedergegebene Mordskerl jetzt beginnen soll; bessere Zustände und Einrichtungen zwischen den Menschen; das dunkle Reich jenseits des Todes.

Da steht noch ein Vermummter; er darf nun in die Klarheit treten: Claudio lebt! Und er, der genießende Phantasiemensch, der alle Gräßlichkeiten des Nichtmehrseins und des Jenseits voraus gekostet hat, hat wahrlich genug ausgestanden, um ferner Leben und Gesellschaft ernster zu nehmen als vordem: er bedarf keiner Strafe mehr.

Was für ein Recht übt dieser Herzog, der vom Thron gestiegen war, damit der Statthalter Angelo die Gesetze wieder wirksam machen sollte! Ein Mörder wird völlig begnadigt; ein zu Unrecht dem Henker Gestohlener in die Freiheit geschickt! Und doch atmen wir alle, seit in diesem Reich er wieder die Lenkung hat, frei und beruhigt die Luft der Reinheit und spüren die Zucht und eine Ordnung, die nicht vom auferlegten Zwang, die von innen kommt und ein Band um geprüfte Menschen schlingt.

Angelo ist nun mit dieser Erscheinung das milde Urteil gesprochen: da er kein Mann der Gnade ist und auch gegen sich selbst schließlich keine Gnade noch Barmherzigkeit geübt hat, da er hart und streng auch gegen sich gewesen ist, soll ihm sein Recht, nichts als sein Recht werden: Gleiches mit Gleichem, Maß für Maß: Claudios Schicksal, so war der Rechtsspruch ergangen, solle sein eigenes werden. So darf er leben und mit dem leidenschaftlichen Weib, das beglückt an ihm hängt, so glücklich sein, wie er nach dieser Prüfung, nach diesem Fall, nach dieser Erziehung vermag. Ein Wilder war er in dieser Welt, und seine angeborene Vornehmheit hatte die Verwilderung mit Starrheit und Strenge bändigen wollen; die Wildheit brach eruptiv durch und riß alle Dämme ein; wie wird er nun werden? wie leben? wie wirken? was wird aus seinem System? aus dem Wortgebäude, das er über der dunklen Schlucht des Triebs errichtet hatte? Er spricht von dem Augenblick an, wo in Claudios Gestalt die Gnade erschienen ist, kein Wort mehr. Der alte Angelo ist vernichtet; die Hoffnung meint zu schauen, er stehe in seiner Wiedergeburt.

Und noch ein Menschenkind schweigt: Isabella. Ein wunderbar zarter Zug, von dem man nur ehrfürchtig reden kann, wie Shakespeare Angelo bei der Rettung und Isabella bei dem Anblick des wiedergeschenkten Bruders und bei der Werbung des Herzogs in wortloser Stille verharren läßt. Der Herzog selbst deutet in verehrender Scheu vor ihrer Menschennatur wie dem Schicksal, das er selber gelenkt, nur leise an, daß er sie bittet, die Seine zu werden; wir haben schon lange gefunden, daß die beiden, der Mehralsmönch und die zum Leben des Menschlichen herangereifte Nonne, ein edles Paar bilden und in ihrer Zusammengehörigkeit und Ergänzung, in Klugheit, Innigkeit, Entsagung und Ironie zu Herrschern in einem Reich milder Weltfrömmigkeit berufen sind.

[1] Auf noch eine Verbindung dieses Stückes mit Bacon hinzuweisen will ich nicht unterlassen. Das juridische Grundmotiv sowohl unsres Dramas wie Einzelzüge erinnern in der Tat — man darf sagen, auffallend — an eine Ausführung in Bacons vorzüglichem Essay „Über Rechtsprechung“: „Wenn Strafgesetze lange in Schlaf gelegen haben oder wenn sie für die Gegenwart nicht mehr passen, sollten sie von klugen Richtern in der Anwendung eingeschränkt werden: Judicis officium est, ut res, ita tempora rerum usw. [Des Richters Amt erstreckt sich auf Dinge wie Zeiten der Dinge.] In Fällen, wo es um Leben und Tod geht, sollten die Richter in der Rechtspflege der Gnade gedenken und ein strenges Auge auf das Beispiel werfen, ein gnädiges aber auf die Person.“ Das sind in der Tat Gesichtspunkte, denen wir genau so beim Herzog und bei Isabella begegnen. — Ich für mein Teil erlaube mir daraus gar nichts zu folgern, — so wenig wie aus der Tatsache, daß der Staatsbeamte Lord Bacon von Verulam, Viscount von St. Albans in seiner Person (persona heißt Maske) etliche Ähnlichkeit mit Lord Angelo aufweist. Solche Indizien sind mir noch kein Beweis dafür, daß der gelehrte Whetstone Bacons Schriften verfaßt hat.