Die heimtückischen Champignons
„Das Geld liegt auf der Straße, man braucht sich nur danach bücken, um es aufzuheben“, ist ein alter Satz, den ich des öfteren von smarten Geschäftsleuten äußern hörte, ohne daß es mir jedoch bis heute gelungen wäre, seine Stichhaltigkeit einwandfrei zu erproben. Um so mehr bin ich deshalb geneigt, die pessimistische Weltanschauung jener zu teilen, die auf den — allerdings apokryphen — Nachsatz schwören: „Wer sich bückt, um es aufzuheben, dem fällt die Brieftasche aus der Jacke.“
Als fanatischen Verfechter dieses hämischen Glaubensbekenntnisses lernte ich vor Jahren in Prag einen Agenten namens Dowidl Taubeles kennen; wenn ich nicht irre, war er nebenbei mosaischer Konfession, wenigstens konnte er mir — insbesondere solange ich mit ihm noch keine Geschäfte gemacht hatte — nicht oft genug im Sprudelton felsenfester Überzeugung versichern:
„Ihnen gesagt, junger Mann, die Brieftasch’ fällt einem ’raus!“
Wahrscheinlich, um Widersprüche meinerseits im Keim zu ersticken, faßte er mich dabei jedesmal beim zweiten Rockknopf und versuchte, ihn abzudrehen, was jedoch mißlang, da ich den Knopf in weiser Voraussicht solcher Fälle vom Schneider mit Blumendraht hatte annähen lassen.
Begab es sich, daß Dowidl Taubeles Kenntnis erhielt, ich stünde im Begriff, mit andern Agenten in Verkehr zu treten, pflegte er mir seine Warnung sogar dreimal hintereinander, ohne Atem zwischen den Worten zu schöpfen, zu erteilen.
Ohne Zweifel kannte er die magische Kraft, die derartigen seelischen Einhämmerungen innewohnt.
Geraume Zeit hindurch war es mir gelungen, den Wackeren nicht mehr zu Gesicht zu bekommen, da ereignete es sich, daß er mich in einer einsamen schmalen Gasse, aus der ein Entrinnen unmöglich war, stellte.
Besorgt griff er nach meinem Knopf: Gott sei Dank, ich hatte zum Glück den Blumendrahtrock an.
Aber das Schicksal wollte es anders; diesmal überlistete mich Taubeles.
Ohne den Knopf Nummer zwei auch nur eines Blickes zu würdigen, faßte er den dritten, hatte ihn im Nu abgedreht, hielt mir ihn triumphierend vors Gesicht und sprudelte:
„Ihnen gesagt, junger Mann, Sie wissen doch ...“
„Ja, ja, ich weiß“, stammelte ich niedergeschlagen.
„Nein, Sie wissen nicht!“ fuhr er auf mich los; „nix wissen Sie! — — Das Geld liegt auf der Straße, mer braucht sich nur dernach zu bücken und — und mer hat ihn schon!“ Ich bezog seine letzten Worte auf das Geld; erst viel, viel später wurde mir klar, er könne vielleicht den Knopf oder gar mich selbst damit gemeint haben.
Ich sah meinen Besieger forschend an: seltsam, wie treuherzig er heute aus runden Kinderaugen in den brühwarmen Sonnendampf hineinblickte! — Was für eine merkwürdige Wandlung war in ihm vorgegangen?
„Ich heiß nämlich von jetz an Kunz Peter Taubinger“, vertraute er mir lächelnd an, als habe er meine Gedanken gelesen.
„Doch nicht etwa meinetwegen?“ fragte ich bestürzt.
„Wie mer’s nimmt“, gab er kopfwiegend zu, und wieder rundeten sich seine Augen. Ich spürte förmlich, wie seine Seele sich — allerdings vergebens — abmühte, ihnen die dazugehörige arisch-himmlische Bläue zu verleihen. — „Wie mer’s nimmt. — Ich hab’ mer nämlich vorgenommen, von heite ab nur mehr mit die bessern Kreise zu verkehren. — Iebrigens: ich mach jetz in Schampiohns.“
„Worein?“ forschte ich.
Ohne weiter ein Wort zu verlieren, schleifte er mich in das nächste Kaffeehaus und machte mir mit einer Eindringlichkeit, die mir außer den übrigen Rockknöpfen zwei Stunden Zeit kostete, den keine Widerrede duldenden Vorschlag, mich mit ihm behufs Gründung einer Champignonzucht zu assoziieren.
Die Vorteile leuchteten mir ohne weiteres ein — wurden doch, wie in einer Broschüre stand, die er mir wies, jährlich in Paris über fünf Millionen an Champignons verdient.
Auch die plötzliche Sinnesänderung Taubingers, was die Deutung des Satzes vom Geldverdienen betraf, schien mir nicht weiter wunderbar; wußte ich doch vom Gymnasium her, daß weiland der griechische Seher Teiresias sich über Nacht aus einem Weibe in einen Mann verwandelt hatte. Warum sollte sich da ein Agent nicht aus einem Pessimisten in einen Optimisten verwandeln?
„Roßmist!“ unterbrach Taubinger meine Reflexionen und deutete ringbefingert durch die Spiegelscheibe auf mehrere runde, spatzenumworbene Gegenstände auf den Pflastersteinen, — „mer braucht sich nur danach zu bücken. — Roßmist ist alles!“
„Reif sein ist alles!“ verbesserte ich unwillkürlich, das bekannte Zitat gebrauchend, denn ich hatte Herrn Taubingers sprunghaften Gedankengängen nicht ganz zu folgen vermocht und erfuhr überdies erst im Laufe der kommenden Geschäftsverbindung, daß der Champignon die tadelnswerte Eigentümlichkeit besitzt, sich auf mangelhafte Beschaffenheit des Pferdedüngers auszureden, wenn er nicht wachsen will.
„Jenne Äppel brauchen nix reif zu sein!“ belehrte mich Taubinger, das Mißverständnis dadurch ins Uferlose erweiternd.
Das Studium des wissenschaftlichen Elaborates, das er mir sodann mit geheimnisvoller Miene aushändigte — plötzlich finster werdend, als er bemerkte, daß ich keinen Knopf mehr zum Abdrehen besaß —, verfolgte mich in selbiger Nacht bis tief in den Schlaf hinein.
Oh, hätte ich damals doch der holden Traumgöttin ein williges Ohr geliehen!
Falstaff behauptet, Träume kämen aus dem Bauche; mag sein, daß dies bei ihm zutraf, — bei mir kamen sie damals aus der verfluchten Broschüre, die die Rentabilität der Champignonzucht in überschwenglichen Tönen pries, — das weiß ich bestimmt. Von Grotten war darin die Rede, in denen zu sprießen — wie einstens des gottseligen Barbarossas Bart — die Champignons versprächen, wenn man nur gewissenhaft darauf achte, daß das Wärmemaß den 34. Grad Réaumurs nicht überschreite und genügend Lüftung vorhanden sei.
Ich wanderte im Traum durch unterirdische dämmerige Gefilde, oft bis zum Knie einsinkend in rätselhaft weiche Massen — vermutlich mein Plumeau —, sah mich selbst, als sei ich der leibhaftige Tod, eine Sense schwingend nach den Scharen bleicher Pilzköpfe, die sich aber leider jedesmal, wenn mein Hieb sie treffen und in Goldstücke verwandeln wollte, mißgünstig duckten und meiner Mordgier entzogen.
Immer weiter und weiter ausholend, schwang ich den mähenden Arm, und wer weiß, vielleicht hätte ich doch noch glücklich die Stunde verschlafen, wo Kunz Peter Taubinger meiner in einer Advokatenkanzlei behufs gemeinsamer Besiegelung des Gesellschaftsvertrages harrte, wäre nicht mein Traum jählings dadurch unterbrochen worden, daß ich mit wild fuchtelnder Faust meine arglos über dem Bette hängende Geliebte mitten auf den Bauch traf, das schirmende Glas in sternförmige Splitterstrahlen verwandelnd.
Eine Stunde später hatte ich mit ähnlichem Schwung den Kontrakt unterschrieben, der mich berechtigte, monatlich die Hälfte des zu erwartenden Riesengewinnes mittels Panzerautos abholen zu lassen, während meine Pflichten — abgesehen von der Einzahlung des Betriebskapitals — auf umfassende Tatenlosigkeit beschränkt waren.
Da Herr Taubinger, mein nunmehriger Kompagnon, jedoch miserabel vom Start ging, d. h. deutlicher gesagt: da er, was den Beginn der geschäftlichen Tätigkeit betraf, in eine seltsame Art Totenstarre verfiel, die er nur jeden Freitag unterbrach, um sich von mir einen Gewinnvorschuß geben zu lassen, so beschloß ich, das Rennen nach dem Mammon selbst zu leiten.
Die Folgen wurden bald sichtbar: „Waas? Ä Grotte suchen Sie?“ war jedesmal die mißtrauische Gegenfrage, wenn ich mich in den Kaffeehausspielklubs an meine Bekannten forschend gewandt hatte.
„Ä Grotte sucht jenner!“ wurde das Gespräch, halblaut geknurrt, von Schachbrett zu Schachbrett weitergegeben, bis es nach geraumer Zeit die intimen Gettoschranken durchbrochen hatte, um in der ganzen Stadt zu kursieren wie ein Sphinxproblem, das trotz seiner Unlösbarkeit die Menschengehirne immer wieder zum Grübeln zwingt.
„Ä Grotte sucht jenner!“ hörte ich hinter mir dreinraunen, wenn ich, den Kopf voller Zahlen, schnellen Schrittes Geschäftsleute auf der Straße überholte.
„Ä Grotte sucht jenner!“ las ich von den murmelnden Lippen der violettrasierten Herren, wenn sie abends unter dem Vorwand, dem Kunstgenuß zu frönen, die Theatersperrsitze füllten.
„Ä Grotte sucht jenner!“ fühlte ich, sprachen in stummer Geste die Dutzende heimlich unter Liderzwinkern auf mich gedrehten Daumen neugieriger Fahrgäste, wenn ich, des Angestarrtwerdens überdrüssig, die „Elektrische“ zu verlassen mich anschickte.
„Ä Grotte sucht jenner!“ hörte ich sogar einmal mitten im Telephongespräch sich eine krächzende Stimme in meine Rede verirren.
Wie ungemein schwierig es ist, Grotten im Weichbilde einer Großstadt zu entdecken, das weiß nur jemand, der wie ich sich wochenlang darauf versteift hat, welche zu finden.
Aber Fleiß bricht Eisen! In meinem Falle brach er es auf folgende Weise:
Nahe daran, das Vorhandensein von Grotten überhaupt ins Reich der Fabel zu verweisen — siehe: Konversationslexikon, Artikel „Untersberg“ —, hatte ich nach und nach eine mir schon von Kindesbeinen an liebgewordene Beschäftigung wieder aufgenommen, nämlich die Veranstaltung von Rendezvous mit jungen Damen, und zu diesem Zwecke mehrere gleichlautende Briefchen dem Postkasten hinter die gefletschten Zähne geschoben.
Leider fiel mir erst zu spät ein, daß sie auch hinsichtlich des Ortes und der Zeit des Stelldicheins gleichlautend gewesen waren. Die Rasseveredelung in Prag zu fördern, hatte ich von je als hohes Ziel angesehen, aber in diesem Falle schien sie mir kaum durchführbar, denn angesichts des betrüblichen Überflusses an seelischem Ballast, der allen meinen Geliebten leider eigen war, durfte es wohl als ausgeschlossen gelten, sie am gleichen Ort und zu gleicher Stunde sozusagen unter einen Hut zu bringen.
Als ich im Geiste den Inhalt der Liebeskorrespondenz nochmals überflog, kam ich gesträubten Haares — ich war damals noch jung — zu dem Resultat, daß ich nicht weniger als vier Stück auf den Wyschehrad bestellt hatte. Darunter Msi (eine Abkürzung von: „Mein süßes Julchen“, denn ich pflegte meine Geliebten des schnelleren Überblicks wegen stets mit Anagrammen zu bezeichnen), ein junges Mädchen von furienhaftem Temperamente und einer so gellenden Stimme, daß bei ihrem Ertönen sicherlich jeder Durchschnittsjochgeier entmutigt die Segel gestrichen hätte.
Der Wyschehrad ist ein hohes viereckiges Hügelmassiv, das die Stadt nach Süden, unberufen, abschließt; die eine Seite fällt steil in die Moldau ab. Uralte Mauerreste, mehrere Meter über dem Flusse, führen den Namen Libussabad. Hier soll die sagenhafte Königin Libussa einst ein Bad genommen haben. — Ob seitdem eins fehlt, weiß ich nicht.
Die Tatsache an sich wird von Geschichtsforschern bezweifelt, die Bevölkerung jedoch hält stolz daran fest.
Einwandfrei läßt die Wahrheit sich heute nicht mehr feststellen; freilich, trüb ist das Wasser an jener Stelle immer noch.
Den Hügel krönt eine Art Festungswerk, bestehend aus langen, ein Viereck bildenden Wällen.
Beim Erklimmen der steinernen Stufen fiel mir die bange Ahnung schwer aufs Herz, daß eine fünfte, in der Nähe wohnende Geliebte möglicherweise mittels Zeißbinokels Augenzeugin des unabwendbar bevorstehenden Eifersuchtsdramas werden könnte, aber ich raffte meinen Mut zusammen und schwang mich auf die oberste Zinne.
Allerdings der Anblick, der sich mir bot, ließ mich erbleichen: sämtliche vier Stück lustwandelten bereits, scheinbar unbefangen, auf den Wällen, aber doch schon halb und halb einander umkreisend wie ein giftgeschwollenes Planetensystem, — keines vom andern weiter als je fünfzig Meter entfernt.
Unten auf der grünen, von den Schanzen umschlossenen Wiese übte außerdem noch ein Feldwebel vor schwarzgelbem Schilderhaus rastlos Angriffssignale auf einer Trompete.
Ein vierfaches Winken mit Sonnenschirmen verriet mir, daß ich erkannt sei, und bereits im nächsten Augenblick hatte Msi die Situation erfaßt.
In den ersten Sekunden ihrer Unschlüssigkeit, auf welche der Rivalinnen sie sich stürzen solle, plusterte sich ihr rosa Tüllkleid auf wie das Gefieder einer Truthenne, dann legte es sich wieder glatt an, und mit zunehmender Geschwindigkeit sauste Msi auf eine Feindin los.
Die beiden andern lenkten ihre Flugbahn auf mich zu.
Ich flüsterte: jetzt bin ich verloren! Da! — Was tut Gott? — Ein schriller Schrei! — Msi war verschwunden. Spurlos.
Ich ließ mir keine Zeit zum Überlegen, ob es sich hier vielleicht um einen ähnlichen Fall handeln könne wie im Altertum bei Proserpina, die bekanntlich die Erde verschlang, sondern eilte auf die Unglücksstelle zu.
Kein Zweifel: Msi war in ein kreisrundes Loch, in eine Art Luftschacht, hinabgestürzt.
Von Entsetzen gepackt, suchten die drei restlichen Geliebten mit Hechtsprüngen das Weite.
„Wenzel!“ brüllte ich hinunter dem unentwegt schmetternden Feldwebel zu, — „Wenzel!“ (denn anders konnte der Mann doch nicht gut heißen) — „Wenzel! — Ein Unglück! Herbei!“
Mit Hilfe des Trefflichen, der mir am Fuße des Luftschachtes eine Tür aufschloß, gelang es bald, Msi’n nicht nur wohlbehalten zu bergen, denn sie war lediglich auf einen Reisighaufen gefallen, sondern auch ihre Eifersucht durch den Hinweis zu beschwichtigen, die drei andern Mädchen seien zum Teil Luftspiegelungen, zum Teil Bräute des Feldwebels gewesen.
Der bleibende Gewinn, den ich aus jenem Abenteuer zog, war die Entdeckung einer für Champignonzucht geradezu einzigartigen Brutstätte. — Vier Schanzengänge tief unter der Erde! Trocken! Dunkel! Und überdies mit Luftschächten zum Hinabwerfen des Mistes versehen!!
„In dem, was die linksene is, ise sich, här ich, eine Marktweib drin mit Gemüs’“, erklärte mir Wenzel, nachdem ich ihn eine Weile lang mit Zehn-Kreuzer-Stücken behagelt hatte, die drei anderen könne ich mir bestimmt beim k. k. Korpskommando mietweise sichern, wenn ich gegen entsprechenden Preis eine Pacht von dreißig Jahren nachsuchen würde. — Hurra, die Grotte war also gefunden! — — —
Ein Gesuch in diesem Sinne gab ich natürlich noch am selben Abend zur Post.
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„Roßmist sucht jenner!“ fing bereits wieder wenige Tage später ein neues Gerücht, mit meinem Namen in enge Verbindung gebracht, an, das alte, bis dato in Handelskreisen umlaufende zu verdrängen.
Die paar Konservativen, die an dem „Ä Grotte sucht jenner“ festhalten wollten, waren in Bälde von der lawinenhaft anschwellenden Zahl derer, die dem ein energisches: „Roßmist!-Ihnen-gesagt!-Was-heißt-Grotte?!“ entgegensetzten, niedergestimmt.
Das Bild meiner mich stets belauernden bürgerlichen Umgebung fing an allmählich den Charakter zu wechseln.
Der roßkammartige Typus im Gesichtsschnitt wurde von Tag zu Tag ausgeprägter.
Unter den Nebentischen im Caféhaus klirrten „Sporen“ an den Gummizugstiefeletten von Füßen, die ich früher sicherlich als ausschließlichen Börsengalopinbesitz angesprochen hätte — Fiakerhalter mit Pepitahosen baten mich zutraulich auf der Straße um Feuer, Trainleutnants fixierten mich drohend — Reitpeitschen hingen statt Regenschirmen reihenweise in den Garderoben der von mir bevorzugten Restaurants.
Beunruhigend wirkte auf mich jedoch nur das eine, daß, wohin ich auch meine Schritte lenkte, mich wie mein eigener Schatten ein gewisser Löwy verfolgte, ein plattfüßiges, hämisches Individuum mit geschäftseilig zuckenden Hosenbeinrändern, von dem die einen behaupteten, er sei Akquisiteur für eine Privatirrenanstalt, während die andern seiner Glaubensgenossen den Verdacht zu mildern suchten, indem sie versicherten, er sei selber — „meschugge“.
Keineswegs günstig für ihn stimmte mich die Art, wie er mich durch seine brennglasdicke Brille, hinter der seine Augen etwas unheimlich glotzend Haifischartiges bekamen, anzugrinsen liebte. Auch daß er trotz meines unwilligen Stirnrunzelns in immer gleichen Intervallen krampfhaft im Kehlkopfton gurgelte: „Roßmist sucht jenner“, buchte ich zu seinen Lasten.
Es ging mir nachgerade auf die Nerven.
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Um mir möglichst viel Betriebsstoff und so rasch wie möglich zu sichern, hatte ich Taubingern beauftragt, weder Mühe noch Kosten zu scheuen, sämtlichen in der Stadt verfügbaren Pferdedüngers habhaft zu werden.
Ein Börsenleben, wie es Prag noch nie gesehen, war die Folge jener Verfügung.
Eine Unzahl dicker jüdischer Reitlehrer (ich hatte bis dahin gar nicht geahnt, daß mosaischerseits in Prag so viel geritten wurde) hatte das sogenannte Hotel „Gänsebristel“ belagert, betrieb eine Art Kulissenhandel, und bis heraus auf die „Langgasse“ konnte man ihr emsiges:
„Mit Nulle gebb’ch,“
„Mit dreiviertel kaaf’ch“
hören.
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„Nu, was sagen Sie jetzt?“ fragte mich eines Morgens Taubinger, als ich ihn in unserem neugemieteten Bureau aufsuchte, und deutete triumphierend auf die frischlackierte Ladentafel, auf der sein Name, mit dem meinigen zur Firma legiert, prangte, und darunter:
„Erster christlicher Champignon-Export.“
Ich sagte nichts, denn ich war sprachlos.
Noch sprachloser wurde ich, als mir Taubinger eröffnete, wir seien nunmehr glückliche Besitzer sämtlichen Pferdedüngers der Stadt auf Jahre hinaus. Allerdings für einen Preis, der sich ungefähr auf eine Krone pro Karat belief.
Am sprachlosesten wurde ich jedoch, als ein Soldat hereinkam und mir einen Brief gab, dem ich ungefähr folgendes entnahm:
„Hierorts eingelaufenes Gesuch des Privaten G. M. um mietweise Überlassung der Schanzengänge auf dem Wyschehrad behufs Einrichtung von Pilzkultur wird unter Hinweis auf die kriegsoberstliche Entscheidung vom 31. Februar 1712, daß zurzeit Privatpersonen keinerlei Zugang zu den k. k. Festungswällen zu gewähren ist, und insbesondere unter Beachtung, daß deren Anlage strategischer Geheimhaltung untersteht, sowie angesichts der damit verbundenen Mauerschwammgefährdung abschlägig beschieden.
Das k. k. Korpskommando.“
Also wieder keine Grotte!!
Wutschnaubend verfaßte ich auf der Stelle einen Protest an das Kriegsministerium in Wien, die unter fächerförmigem Entfalten sämtlicher zehn Finger vorgebrachten Warnungen Taubingers: „Nor mit de Balmachomes keinen Streit anfangen; sie sind doch unsere Hauptlieferanten!“ mißachtend.
Wochenlanges Telephongeklingel mit darauffolgenden Drohungen, da und dort stünden die Düngerwagen bereit, mir den erworbenen Betriebsstoff in die Wohnung zu bringen, wenn ich nicht sofort anders verfügte, warfen mich schließlich aufs Krankenlager.
Nur Taubinger, der eines Morgens melden kam, es sei ihm nach unsäglicher Mühe gelungen, in der Vorstadt ein leeres Haus zu mieten, in dessen Keller nunmehr heimlich und nächtlicherweile der Mist abgeladen würde, habe ich es zu verdanken, daß das Fieberthermometer endlich sank.
Den Tag meiner Genesung feierte ich jedoch erst, als Bonifazius Felbermeier, ein mir von der Gärtnerinnung als hervorragender Champignonzüchter warm empfohlener Schlot und Fachmann, mit Eilzug aus Wien herbeigeeilt, mein Zimmer betrat und mir alle Qual vom Herzen nahm, indem er beteuerte: „Dös lassen S’ alles mich mochen, gnä Herr! — Werden S’ segen, gnä Herr“ — und wie zum Schwur erhob er seine Palmenblatthände — „wann s’ erst sechs Wochen gärt hat, dö Schwammbrut — ‚Mühzählium‘ heißen mir’s in die entern Gründ’ — nachher, Herrschaft, i’ kenn dös, da wurrln’s a so außer wia dö Soldaten.“
Voll neuer Zuversicht atmete ich auf.
Ja! Das Proletariat! Es ist eben immer unsere — Rettung! Der Mann, der da vor mir stand — verriet nicht schon sein Äußeres, daß es für ihn keine Champignonfragen, sondern nur Champignonlösungen geben mußte? — Die gelben Augen, die niedrige Stirn, das hutkrempenartig geschnittene Haar, überhaupt der ganze Höhlenmenschentypus: kann die Natur noch deutlicher sprechen? Nein, das Gesetz der Mimikry lügt nicht! Der da steht, ist mehr als ein sterblicher Mensch: er ist die Personalunion mit dem Gotte der Champignons! —
Er war sogar viel mehr, sage ich mir heute: er war ein klassenbewußter Proletarier! Was schon daraus hervorging, daß er fast keinen Tag verstreichen ließ, ohne sich nicht einen Lohnvorschuß auszahlen zu lassen oder mir eine Rechnung über allerlei angeschaffte phantastische Gerätschaften zu präsentieren.
Von nun an jeglicher Mistsorge enthoben, zahlte ich willig und gern, und fröhlich ging ich wieder daran, meine Rendezvous zu regeln, um das vernachlässigte, massenhaft angesammelte Material, soweit es meine erschütterte Gesundheit und die Umstände erlaubten, aufzuarbeiten.
Monat um Monat schwand dahin; wie üblich, begann der Herbst das Laub zu bräunen; die Lausbuben in den Parkalleen bewarfen den sinnenden Wanderer bereits hinterrücks mit Wildkastanien, aber immer noch hoffte ich vergebens der erlösenden Kunde, daß es in dem Vorstadtkeller zu „wurrln“ begänne.
Allmählich beschlich mich ein tiefes Unbehagen, das sich schließlich bis zu einem Anfall nicht mehr zu bändigenden Mißtrauens gegenüber Felbermeier steigerte.
Ich warf mich in einen Fiaker und fuhr auf die Suche nach dem mir bis dahin nur aus Taubingers Schilderungen bekannten Champignonhaus.
Schon von weitem glotzten mir die blinden Fensterscheiben des erbarmungswürdigen Gebäudes entgegen.
Übernächtig, ungepflegt, vom gramdurchfurchten Mauermörtel angefangen bis hinauf zur triefenden Dachrinne, erregte es mein heftigstes Mitleid.
Es hatte förmlich Ringe um die Augen.
„Felbermeier!“ schrie ich in den einsamen Flur hinein.
Keine Antwort; nur ein schwindsüchtiges Echo stöhnte: „— — ber — — mei — —“
„Felbermeier!“ brüllte ich aus voller Lunge. — Niemand.
Der Höhlenmensch schien abwesend zu sein.
Ich stieg zur Kellertür hinab, faßte die Klinke; sie war glühend heiß. Ich nahm einen Stein und hämmerte gegen die Pfosten.
Endlich tat sich gespenstisch leise die Pforte auf, und ein Gluthauch, wie Wüstensamum, schlug mir entgegen.
Mitten in der wabernden Luftsäule stand entblößten Oberleibes, die Reste einer roten Krawatte um den nackten Hals geschlungen, der champignonkundige Bonifazius.
„Sie — Sie — Sie entarteter Troglodyt, Sie!“ schrie ich ihn an. „Das ist ja viel zu heiß! Da muß doch jede Schwammbrut verbrennen!“
„Dös is gar nöt heiß“, erwiderte er gelassen; „dös is nur a so a g’spannte Luft! — — Murgen, werden S’ segen, gnä Herr, da wurrln s’ scho!“
Zwar hatte ich noch am selben Tage den pflichtvergessenen Schlot seines Amtes enthoben und ihn nach Begleichung seines vertragsmäßig ausbedungenen Halbjahrsgehaltes im Schwunge aus dem Hause entfernt; aber nachts ließ es mir keine Ruhe: Was, wenn sie morgen doch wurrln sollten?!
Ich fuhr nochmals hin; vielleicht hatte der liebe Gott in letzter Stunde ein Wunder getan!
Nein! Er hatte keins getan.
Sie wurrlten nicht.
Alles, was ich im Keller vorfand, war:
Stück 1 — geplatztes Thermometer;
Stück 1137 — morsche Sargbretter;
Stück ca. 1016 — Kubikmeter einer tiefschwarzen mir fremden Substanz;
Stück 188 — leere Schnapsflaschen;
Stück 1 — Frauenmieder (Herkunft und Zweck für den Keller nicht zu erklären);
Stück 1 — infolge übermäßiger Inanspruchnahme zusammengeschmolzener Koksofen.
Von Champignons war nichts zu sehen.
Nur alle fünf Schritt weit ragten aus dem Humus ein oder zwei stricknadeldünne, mir gänzlich unbekannte pilzartige Gewächse mit durchsichtigen winzigen Hütchen auf den unendlich langen Stengeln.
Sie bildeten später den Gegenstand eifrigsten Studiums seitens der botanischen Stadtkoryphäen. Das Gutachten lautete, es seien zwar Pilze, aber diese Art käme nur in den heißesten Distrikten der Äquatorialgegend vor.
Von ihrem Genusse müsse aufs dringendste abgeraten werden.
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Der Winter nahte, trostlos angefüllt mit Eis, Schnee, nicht endenwollenden Rechnungen, einer Mordsunterbilanz der „Ersten christlichen Champignonexportfirma“ und schließlich einer Gerichtsklage des Vorstadthausbesitzers: ich hätte unverzüglich den Roßmist aus dem Keller zu entfernen, sonst ... Überhaupt sei der ganzen Sauwirtschaft unverzüglich ein Ende zu bereiten ...
Beim Ausräumen des nebenbei bemerkt unheilbar erkrankten Gebäudes stellte sich wunderbarerweise heraus, daß, seit die fachmännische Beaufsichtigung aufgehört hatte, heimlich doch noch sieben Stück Champignons gewachsen waren. Offenbar hatten sie keine Ausrede mehr gewußt, ihr mangelndes Gedeihen zu entschuldigen.
Ich habe sie aus Rache ganz allein aufgegessen.
Das Stück hat, wie ich aus meinen Büchern genau nachweisen kann, fl. öw. 6347 und 41 Kreuzer gekostet.
„Bald wird der Mai kommen,“ tröstete ich mich nach der Mahlzeit, „dann will ich nur noch der Liebe leben, und alles wird rasch vergessen sein.“
Freilich, der Mai kam — was hätte er auch sonst tun sollen —, aber er kam nicht allein; ein Brief des Kriegsministeriums aus Wien kam mit, und drin stand, daß nunmehr meinem Begehren stattgegeben worden und ich als alleiniger Mieter der Wyschehrader Schanzengänge für 30 Jahre anzusehen sei!
Kunz Peter Taubinger blickte mir über die Schulter, als ich es ächzend las, und triumphierte:
„Nu, was hab’ ich gesagt! Das Geld liegt auf der Straße, aber die Brieftasch’ fallt einem ’eraus, wenn mer sich danach bückt.“
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Nachträglicher Stoßseufzer des Autors:
Hoffentlich nimmt mich die neuentstandene tschechoslowakische Republik nicht beim Wort!