II

„Kriegstrompeten erschallen — weit durch Morgenrot“, sang Corvinus das Turniersignal aus „Robert der Teufel“ vor dem Fenster seiner Braut Beatrix, — Ariosts blonder Nichte, — und seine Freunde pfiffen unisono die Melodie.

Gleich darauf flogen die Scheiben auf, und ein junges Mädchen im weißen Ballkleid sah in den altertümlichen, im Mondlicht flimmernden „Teinhof“ hinab und fragte lachend, ob denn die Herren das Haus zu stürmen gedächten.

„Ah, du gehst auf Bälle, Trixie, — und ohne mich?“ rief Corvinus hinauf, „und wir fürchteten, du schliefest schon längst!“

„Da siehst du, wie ich mich ohne dich langweile, daß ich schon vor Mitternacht zu Hause bin! — Was willst du denn nur mit deinen Signalen; ist etwas los?“ fragte Beatrix zurück.

„Was los ist? — Wir haben eine gro—o—oße Bitte an dich. Weißt du nicht, wo Papa den ‚versiegelten Brief von Prag‘ liegen hat?“

Beatrix legte beide Hände an die Ohren: „Den versiegelten — was?“

„Den versiegelten Brief von Prag — die olle Reliquie!“ — schrien alle durcheinander.

„Ich verstehe doch kein Wort, wenn Sie so brüllen, Messieurs“ — und Trixie zog das Fenster zu, „aber warten Sie, gleich bin ich unten, — ich suche nur den Hausschlüssel und schleiche mich an der braven Gouvernante vorbei.“

Und in wenigen Minuten war sie vor dem Tor.

„Reizend, entzückend, — so im weißen Ballkleid, im grünen Mondschein“, die jungen Herren umdrängten sie, ihr die Hand zu küssen.

„Im grünen Ballkleid, — im weißen Mondschein“, — Beatrix knixte kokett und verbarg abwehrend ihre winzigen Hände in einem riesigen Muff, — „und mitten unter lauter ganz schwarzen Femrichtern! Nein, muß so ein ehrwürdiger Orden etwas Verrücktes sein!“

Und neugierig musterte sie die langen, feierlichen Gewänder der Herren mit den unheimlichen Kapuzen und den goldgestickten kabbalistischen Zeichen.

„Wir sind so Hals über Kopf davongelaufen, daß wir uns gar nicht umkleiden konnten, Trixie“, entschuldigte sich Corvinus und ordnete zärtlich ihr seidenes Spitzentuch.

Dann erzählte er ihr in fliegenden Worten von der Reliquie, „dem versiegelten Brief von Prag“, der verrückten Prophezeiung und daß sie einen prächtigen Mitternachtsspaß ersonnen hätten.

Nämlich zu dem Bildhauer Iranak-Essak zu laufen, einem höchst kuriosen Kerl, — der in der Nacht arbeite, weil er ein Albino sei, übrigens aber eine wertvolle Erfindung gemacht habe: — eine Gipsmasse, die sofort an der Luft hart und unverwüstlich werde wie Granit. Und dieser Albino solle ihm nun rasch einen Gesichtsabguß verfertigen — —

„Dieses Konterfei nehmen wir dann mit, wissen Sie, mein Fräulein,“ fiel Fortunat ein, „nehmen ferner den ‚geheimnisvollen Brief‘, den Sie uns gütigst im Archiv aufstöbern und ebenso gütig herabwerfen wollen. Wir öffnen ihn natürlich sofort, um den Blödsinn, der darin steht, zu lesen, und begeben uns dann ‚verstört‘ in die Loge.

Natürlich wird man uns bald nach Corvinus fragen, und wo er denn stecke. Da wollen wir laut weinend die entweihte Reliquie zeigen und gestehen, er habe sie aufgemacht, und plötzlich sei unter Schwefelgestank der Teufel erschienen und habe ihn beim Kragen genommen und in die Luft entführt; Corvinus aber, der das vorausgesehen, habe sich vorher noch schnell in Iranak-Essaks unzerstörbarem Gipsstein abgießen lassen, zur Sicherheit! Um die schauerlich-schöne Prophezeiung ‚vom gänzlichen Verschwinden aus dem Reiche der Umrisse‘ ad absurdum zu führen. Und hier sei nun diese Büste, und wer sich als etwas Besonderes dünke, ob einer der alten Herren, oder alle zusammen, oder die Adepten, die den Orden gegründet, vielleicht der liebe Gott selber, — der trete vor und zerstöre das Steinbild — — wenn er könne. Übrigens lasse Bruder Corvinus alle recht herzlich grüßen, und in längstens zehn Minuten werde er aus dem Hades zurück sein.“

„Weißt du, Schatz, das hat noch das Gute,“ unterbrach Corvinus, „daß wir damit den letzten Ordensaberglauben entwurzeln, die öde Zentenarfeier abkürzen und um so schneller dann zum fröhlichen Gelage kommen.

Aber jetzt Adieu und gute Nacht, denn: eins, zwei, drei, im Sauseschritt — läuft die Zeit — — —“

„Wir laufen mit,“ ergänzte jauchzend Beatrix und hängte sich in ihres Bräutigams Arm, — „ist’s weit von hier zu Iranak-Essak — — — heißt er nicht so? Und wird ihn auch ganz gewiß nicht der Schlag treffen, wenn wir in solchem Aufzug bei ihm einbrechen?!“

„Wahre Künstler trifft nie der Schlag“, — schwur Saturnilus, einer der Herren. — „Brüder! Ein Hurra, Hurra, für das mutige Fräulein!“

Und vorwärts ging’s im Galopp.

Über den Teinhof, durch mittelalterliche Torbogen, krumme Gassen, um geschweifte Ecken herum und an barocken, verwitterten Palästen vorbei.

Dann machte man halt.

„Hier wohnt er, Nummer 33,“ sagte Saturnilus atemlos — „Nummer 33, nicht wahr, ‚Ritter Kadosh‘? Schau du hinauf, du hast bessere Augen.“

Und schon wollte er läuten, da öffnete sich plötzlich das Haustor nach innen, und gleich darauf hörte man eine scharfe Stimme Worte in Niggerenglisch die Treppen hinaufkreischen. Corvinus schüttelte erstaunt den Kopf: „The gentlemen already here?! — Die Gentlemen bereits hier, — das ist ja, als hätte man schon auf uns gewartet!!

Vorwärts also, aber Vorsicht, es ist stockdunkel hier; Licht haben wir nicht, in unseren Kostümen fehlen schlauerweise die Taschen und mit diesen daher auch die so beliebten Schwefelhölzer.“

Schritt für Schritt tappte die kleine Gesellschaft vorwärts — Saturnilus voran, hinter ihm Beatrix, dann Corvinus und die andern jungen Herren: Ritter Cadosh, Hieronymus, Fortunat, Pherekydes, Kama und Hilarion Termaximus.

Enge, gewundene Treppen empor nach links und nach rechts, der Kreuz und der Quer.

Durch offene Wohnungstüren und leere, fensterlose Zimmer tasteten sie sich, immer der Stimme folgend, die unsichtbar und anscheinend ziemlich weit entfernt vor ihnen herging und ihnen kurz die Richtung wies.

Endlich landeten sie in einem Raum, in dem sie wohl warten sollten, denn die Stimme war verstummt, und niemand antwortete mehr auf ihre Fragen.

Nichts regte sich.

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„Es scheint ein uraltes Gebäude zu sein, mit vielen Ausgängen, wie ein Fuchsbau, — eines jener seltsamen Labyrinthe, wie sie noch aus dem 17. Jahrhundert her in diesem Stadtviertel stehen,“ sagte endlich halblaut Fortunat, „und das Fenster dort geht wohl auf einen Hof, daß so gar kein Schein hereinfällt!? — Kaum daß sich das Fensterkreuz etwas dunkler abhebt —“

„Ich denke, eine hohe Mauer dicht vor den Scheiben nimmt alles Licht“ — antwortete Saturnilus — „finster ist es hier, — nicht die Hand sieht man vor Augen.

Nur der Fußboden ist etwas heller. Nicht?“

Beatrix klammerte sich an den Arm ihres Verlobten. „Ich fürchte mich unsagbar in dieser grauenhaften Dunkelheit hier. — Warum bringt man kein Licht —“

„Sst, sst, ruhig alle,“ flüsterte Corvinus, „sst! Hört ihr denn nichts!? — Es nähert sich leise irgend etwas. Oder ist es schon im Zimmer?“

— — — „Dort! Dort steht jemand,“ fuhr plötzlich Pherekydes auf, „dahier, — kaum zehn Schritte vor mir, — ich sehe es jetzt ganz genau.

Heda, Sie!“ — rief er überlaut, und man hörte seine Stimme beben vor verhaltener Furcht und Erregung. — — —

— „Ich bin der Bildhauer Pasqual Iranak-Essak“, sagte jemand mit einer Stimme, die nicht heiser klang und doch seltsam aphonisch war.

Sie wollen sich den Kopf abgießen lassen! — Schätze ich!

„Nicht ich, hier unser Freund Kassekanari, Musiker und Komponist“, machte Pherekydes den Versuch, in der Dunkelheit Corvinus vorzustellen.

Ein paar Sekunden Stille.

„Ich kann Sie nicht sehen, Herr Iranak-Essak, wo stehen Sie?“ fragte Corvinus.

„Ist’s Ihnen nicht hell genug?“ antwortete spöttisch der Albino. „Machen Sie beherzt ein paar Schritte nach links — es ist hier eine offene Tapetentür, durch die Sie müssen —, sehen Sie, ich komme Ihnen schon entgegen.“

Es schien, als schwebte bei den letzten Worten die klanglose Stimme näher heran, und plötzlich glaubten die Freunde einen weißlichgrauen verschwommenen Dunst an der Wand schimmern zu sehen, — die undeutlichen Umrisse eines Menschen.

„Geh nicht, geh nicht, um Christi willen; wenn du mich lieb hast, gehst du nicht“, — flüsterte Beatrix und wollte Corvinus zurückhalten. Dieser wand sich leise los: „Aber Trixie, ich kann mich doch nicht so blamieren, er denkt gewiß schon, wir fürchten uns alle.“

Und entschlossen ging er auf die weißliche Masse zu, um mit ihr im nächsten Augenblick hinter der Tapetentür in der Finsternis — zu verschwinden.

— Beatrix jammerte angsterfüllt vor sich hin, und die Herren versuchten alles mögliche, ihr Mut einzuflößen.

„Seien Sie doch ganz unbesorgt, liebes Fräulein,“ tröstete Saturnilus, „es geschieht ihm nichts.

Und wenn Sie das Abgießen sehen könnten, würde es Sie sehr interessieren und unterhalten. Zuerst, wissen Sie, kommt gefettetes Seidenpapier auf Haare, Wimpern und Augenbrauen. — Öl aufs Gesicht, damit nichts haften bleibt, — und dann drückt man, auf dem Rücken liegend, den Hinterkopf bis an die Ohrränder in eine Schüssel mit nassem Gips. Ist die Masse hart geworden, wird auf das noch freiliegende Gesicht — etwa eine Faust stark — wiederum nasser Gips gegossen, so daß das ganze Haupt wie in einen großen Klumpen eingehüllt erscheint. Nach dem Erhärten werden die Verbindungsstellen aufgemeißelt und so ergibt sich die Hohlform für die prächtigsten Abgüsse und Konterfeis.“

„Da muß man doch unfehlbar ersticken“, jammerte das junge Mädchen.

Saturnilus lachte: „Natürlich, — wenn man nicht zum Atmen Strohhalme in Mund und Nasenlöcher gesteckt bekäme, die aus dem Gips herausragen, — so müßte man ersticken.“

Und um Beatrix zu beruhigen, rief er laut ins Nebenzimmer:

„Meister Iranak-Essak, dauert’s lange und wird es weh tun?“

Einen Augenblick herrschte tiefe Stille, dann hörte man die klanglose Stimme von ferne antworten, — wie aus einem dritten, vierten Zimmer herüber oder wie durch dicke Tücher hindurch:

Mir tut’s gewiß nicht weh! Und Herr Corvinus wird sich wohl kaum beklagen, — — he, he. Und lange dauern?! Manchmal dauert’s bis zu zwei und drei Minuten.“

Etwas so unerklärlich Erregendes, ein so unbeschreiblich boshaftes Frohlocken lag in diesen Worten und der Betonung, mit der sie der Albino sprach, daß es wie ein erstarrendes Schrecken auf die Zuhörer fiel.

Pherekydes krampfte seines Nebenmannes Arm. „Seltsam, wie der redet! Hast du es gehört? — Ich halte es nicht mehr länger aus vor wahnsinnigem Angstgefühl. Woher kennt er denn plötzlich Kassekanaris Logennamen ‚Corvinus‘? Und gleich anfangs wußte er, weshalb wir gekommen sind?!! Nein, nein; — ich muß hinein. Ich muß wissen, was da drinnen vorgeht.“

In diesem Augenblick schrie Beatrix auf. „Da, — da oben, da oben, — was sind das für weiße, scheibenförmige Flecke dort, — an der Wand! —“

„Gipsrosetten, nur weiße Gipsrosetten,“ wollte sie Saturnilus beruhigen, „ich habe sie auch schon gesehen, es ist viel heller jetzt — und unsere Augen sind besser an die Dunkelheit gewöhnt — —“

Da schnitt ihm eine heftige Erschütterung, die durch das Haus lief wie der Fall eines schweren Gewichtes, — das Wort ab.

Die Wände zitterten, und die weißen Scheiben fielen herab mit klingendem Schall wie von glasiertem Ton, rollten einen Schritt weit und lagen still.

Gipsabgüsse verzerrter menschlicher Gesichter und Totenmasken.

Lagen still und grinsten mit leeren weißen Augen zur Decke empor.

Aus dem Atelier drang ein wilder Lärm herüber. Poltern, Fallen von Tischen und Stühlen.

Dröhnen — —.

Ein Krachen, wie von splitternden Türen, als schlüge ein Rasender um sich im Todeskampf und bahne sich verzweifelt einen Weg ins Freie.

Ein stampfendes Laufen, dann ein Anprall — — und im nächsten Augenblick brach ein heller, unförmlicher Steinklumpen durch die dünne Stoffwand — Corvinus’ umgipster Kopf! — Und leuchtete — mühsam sich bewegend — weiß und gespenstisch aus dem Zwielicht. Körper und Schultern aufgehalten von den kreuzweise stehenden Latten und Sparren.

Mit einem Ruck hatten Fortunat, Saturnilus und Pherekydes die Tapetentür eingedrückt, um Corvinus beizuspringen: doch kein Verfolger war zu sehen.

Corvinus, in der Wand eingekeilt bis zur Brust, wand sich in Konvulsionen.

Im Todeskrampf bohrten sich seine Nägel in die Hände seiner Freunde, die, fast von Sinnen vor Entsetzen, ihm beistehen wollten.

„Werkzeuge! Eisen!“ heulte Fortunat, „holt Eisenstangen, schlagt den Gips entzwei, — er erstickt! Das Scheusal hat ihm die Halme zum Atmen herausgezogen — — — und den Mund vergipst!

Wie rasend stürzten viele umher, Rettung zu bringen, Sesselstücke, Latten, was sich in der blinden Eile fand, zerbrach an der Steinmasse.

Umsonst!

Eher wäre ein Granitblock zersplittert.

Andere stürmten durch die finsteren Räume und schrien und suchten vergebens nach dem Albino, zertrümmerten, was in den Weg kam; verfluchten seinen Namen; fielen in der Dunkelheit zu Boden und schlugen sich wund und blutig.

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— — — — Corvinus’ Körper regte sich nicht mehr.

Wortlos und verzweifelt umstanden ihn die „Brüder“.

Beatrix’ herzzerreißendes Schreien gellte durch das Haus und weckte ein grausiges Echo, und ihre Finger riß sie blutig an dem Stein, der das Haupt ihres Geliebten umschloß.

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Lang, lang war Mitternacht vorüber, da erst hatten sie den Weg ins Freie gefunden aus dem finsteren, unheimlichen Labyrinth und trugen gebrochen und stumm durch die Nacht die Leiche mit dem steinernen Kopf.

Kein Stahl, kein Meißel hatte vermocht, die grausame Hülle zu sprengen, und so hat man Corvinus begraben im Ornate des Ordens:

unsichtbar das Antlitz und verschlossen
gleich dem Kern in der Nuß
.“