Fünftes Kapitel.

Als Julius am Morgen der schlaflos hingebrachten Nacht zu dem Freund eilte, um sich von der eigentlichen Triebfeder seines gestrigen Ueberfalls und Benehmens zu unterrichten, klopft’ er lange ungehört an alle Thüren. Endlich kam der Wirth herbey, beklagte den Verlust eines so lieben Hausgenossen, erzählte dem Baron, daß ihm Woldemar einige Koffer in Verwahrung gegeben und vor Tage noch mit Extrapost abgereist sey. Dieser bestand auf einem Briefe, welchen sein Freund nothwendig für ihn zurückgelassen haben müsse und vermochte den Wirth die Zimmer zu öffnen, doch fand sich nirgends ein solcher vor, wohl aber lag Herminens Schattenriß zerrissen am Boden. Julius begriff so wenig wie sich dieß Bild zu dem Geflohenen, als gestern Woldemar, wie das Original in die Arme des Barons sich habe verlieren können. Erblassend las er die Stücke auf und kehrte, jenem gleich, von Mißtrauen, Aerger und Argwohn gefoltert, zurück.

Woldemar zog indeß in Erinnerungen an den kurzen Göttertraum seines Lebens versunken, dem fernen Ziele der neuen Bestimmung entgegen und verwünschte diese bereits, als er sich, um ihm die nöthigen Vorkenntnisse zu verschaffen, im Rücken der Armee, bey dem Depot des Regiments angestellt sah. Die Edelfrau des Rittersitzes auf dem man ihm sein Quartier anwies, empfing den erstarrten, mit Eis und Schnee bedeckten Officier aufs wohlwollendste und führte ihn unter herzlichen Aeußerungen von Theilnahme in ein freundliches Stübchen, das mit allen, lang entbehrten Bequemlichkeiten versehen war. Ueberall sprachen ihn Bilder des Friedens, Symbole eines schön geordneten Lebens an; er sah in der gütigen Baronin seine selige Mutter, in dem holden, geschäftigen Fräulein den Schutzgeist des Hauses, in ihrer reitzenden, geistvollen Gesellschafterin den traulichen Genius der Freundschaft. Die Wolken des tiefen, lang genährten Unmuths brachen sich, ein heller Sonnenblick fiel in sein Herz.

Woldemar eilte, sich umzukleiden und wartete der Baronin auf. Sie nahm das Wort, unterhielt ihn von den unseligen Früchten des Kriegs, von den Schrecken die er verbreitete, von der Angst in die er sie schon oft versetzt, von dem hoffnungsvollen, einzigen Sohne, den ihr die erste Schlacht geraubt habe. Der Zuhörer hatte indeß bald zu dem Flügel auf dem Auguste nur einzelne, leise Töne anschlug, bald an den Nähtisch der Gesellschafterin hingesehen, hatte des Fräuleins blonde Locken mit Julianens schwarzen Flechten, ihr blaues, himmelreines Auge mit diesen dunkeln, misterischen, Augustens zarten, wie von Geisterhand gewebten Bau mit der üppigen Fülle der Frau von Wessen verglichen, die ihm jetzt als die Wittwe des Gefallenen vorgestellt ward. Auguste hörte kaum des verlohrnen Bruders gedenken, als ihre Hand unwillkührlich ein Adagio anschlug; schnell aber zog sie sich zurück, um den Perlen des schwesterlichen Thränen-Opfers zu begegnen: Frau von Wessen hingegen nähete gleichmüthig fort und sprach mit süßem Silberton „O, lassen wir ihn ruhn, ma mere! Welche Hölle wird das Leben, wenn uns der schwarze Geist der Vergangenheit die Genüsse der Gegenwart verkümmern darf. Ich für meinen Theil habe mich gewöhnt jeden Abend aus der Lethe zu trinken, um mit jedem Morgen zu einem neuen Leben aufzustehen.“

Auf diesem Wege „entgegnete Woldemar“ wird uns der schwarze Geist allerdings immer gerüstet finden und keine lächelnde Hore ungenossen vorüber fliehen. Verständ’ ichs nur mich an den heiligen Strom zu betten.

„Der Wille macht ihn dienstbar“ entgegnete Julie.

„Der Leichtsinn vielmehr!“ fiel die Baronin ein.

„Die göttliche Gabe!“ erwiederte jene. Wir klagen fort und fort ein Schicksal an, daß nur den Feigen geißelt und verfolgt. Aber man ziehe doch — es gilt den Versuch — jede vorschnelle Sorge für die Zukunft, jede unnütze Nachwehe der Vergangenheit, jede Distel des ziellosen Stunden-Kummers aus dem Strauß eines Jahres, und ich bin gewiß daß uns der freundliche Rest mit den wenigen, unvertilgbaren Dornen versöhnen wird.

Die Baronin, welche nach Art allezeitfertiger Kreuzträgerinnen Geschmack am Leide, Zerstreuung in der Klage, Genuß im Kummer fand und wie jene der Hoffnung lebte, dort um so herrlicher zu prangen, je demüthiger und zerknirschter sie sich hier unter der Hand Gottes gekrümmt habe, bewies in einer ausführlichen Gegenrede die Unzureichbarkeit dieses Receptes. Auguste blätterte in ihren Noten, Woldemar aber warf bereits, dem Rathe gemäß, den verdächtigen Freund und die tugendlose Braut aus dem Kranz seines Lebens, um ihn durch jene glühende Rose und dies liebliche, mit dem Himmelsthau der Thränen bedeckte Veilchen zu ergänzen. Selbst seine Anstellung bey dem Depot, vorhin eine Quelle des Mißmuths, ward jetzt als eine göttliche Schickung ganz ohne Murren hingenommen und der liebenswerthe Gast kehrte erst spät am Abend, von dem Wohlwollen der Töchter und dem Zutrauen der Mutter begleitet, in das heimliche Stübchen zurück.

Sechstes Kapitel.

Schnell genug „schrieb ihm Julius bald darauf“ hat sich das seltsame Räthsel, welches uns entzweyte und den friedlichen Schäfer zum Wehrwolf machte, gelöst. Der Freund eilt deshalb, den unschuldigsten aller jetzt lebenden Freybeuter mit Aufschlüssen zu versehen, die Dich ohnfehlbar aus dem eisernen Felde an das Herz einer viel süßern Beute zurückführen werden.

Ich kam, wie Du weißt, im November von Paris zurück, bezog mein gegenwärtiges Quartier, stellte mich aus angestammter Galanterie den sämmtlichen Hausgenossen vor und fand im Laufe dieser Arbeit einen Schatz der weder von Tanten noch Riesen, noch Drachen bewacht, des Schutzes dennoch mehr als einer bedürftig schien. Das einsame Mädchen ließ mich zu wiederholten Mahlen die Schelle ziehen. Sie sah, (ich merkte es deutlich) durch’s Schlüßelloch, öffnete endlich, im Glauben an die Arglosigkeit, welche ich während dieser Besichtigung auf Stirn und Lippe treten ließ, das enge Dachstübchen, führte mich über eine Saat von Flohr-Schnitzeln zu dem einzigen Stuhle hin und nahm, dem Gaste gegenüber, auf ihrem Bettchen Platz. Ich verglich sie nach den ersten Begrüssungen der Perl, die des Zufalls Laune in eine unscheinbare Wohnung vergräbt, sie aber bestand darauf nur ein Blümchen zu seyn, das des Zufalls Spiel vor kurzem hergeweht habe. Ein Wort veranlaßte das andere, meine Theilnahme erweckte Vertrauen, die reiche Stickung meines Kleides Hoffnungen auf einen Engel vom Himmel, und so erfuhr ich denn, daß die bildschöne Putzmacherin ein Kind der Liebe, daß sie um gewisse Rechte geltend zu machen, hieher gekommen sey und sich bis zu Austrag dieser Angelegenheit von der Arbeit ihrer Hände nähre. Du glaubst nicht wie reitzend Therese durch dieß Geständniß in meinen Augen ward, mit welcher Schonung, welchem himmlischen Erröthen sie ihrer Mutter, in wenig leisen, kaum vernehmbaren Tönen jener Schwäche zieh, wie sichtlich es ihr weh that, vom jungfräulichen Zartgefühl gebunden, den Fehltritt, welcher der Erde eine Grazie gab, unentschuldigt lassen zu müssen. Ich that es jetzt an ihrer Statt, und gebehrdete mich so ehrbar und zierlich wie der Engel der Verkündigung in alten Comödien. Auch wollte Therese bereits von der Frau Wirthin eine Schilderung meiner mannigfaltigen Vorzüge vernommen haben, und es kostete mir nicht wenig, die Frau Hausbesitzerin der Partheylichkeit zu bezüchtigen. Jetzt gab es endlich eine Pause. Sie machte, des Lebewohls gewärtig, eine leise Bewegung, ich aber hielt noch unverrückt das Wasserglas und zwey Semmel-Schnitten, wahrscheinliche Reste ihres Mittags-Mahls im Auge und vermißte zu meinem Verdruß den kecken Muth mit dem ich oft so mancher ihrer Schwestern einen viel zweydeutigern Beystand geboten hatte. Es gibt „sprach ich endlich im Ton der Weihe“ es gibt der Wölfe die im Schafskleid, der Satans Engel, die im Lichtgewand guter Genien einhertreten, so viele — so viele — daß — „Ein Blick in ihre hellen, lauschenden Augen brachte mich so schnell um die Folgerung, daß ich in der Verlegenheit, mit der Hand einen Gedankenstrich durch die Luft beschrieb, und kleinlaut fortfuhr“ Kurz und gut! Sie dürfen mich unbedenklich als einen Vormund ansehen, der Ihnen das väterliche Erbtheil schuldig blieb. Meine rechte Hand faßte während der großmüthigen Erklärung die ihre, die linke warf einige Dukaten in das halbvolle Wasserglas. Ich sah; ich setzte vielleicht sogar — Du glaubst mir das aufs Wort — schon manches Mädchen in Verlegenheit, doch sah ich keine je in einer reitzendern. Sollte sie um den Vorschuß zurückzugeben, den Gesetzen des Anstandes entgegen, vor meinen Augen Fischerey treiben? Die kleinen Finger reichten, es sprang ins Auge, nicht zu dem Gold hinab; dazu machte der reine Mangel an Gefäßen die Entfernung des überflüßigen Wassers ohnmöglich, und der gütige Geber war verschwunden als sie noch im Kampfe zwischen Schaam und Bedürfniß, wie Eva vor dem Gold-Fruchtbaum stand. Erbaut von dieser guten That, wie mein Herz sie zu nennen beliebte, gelob’ ich mir noch auf der Treppe nie mehr als ihr Vormund werden zu wollen, und treffe im Vorsaal auf den Jäger des Vaters, der mich an sein Sterbebett bescheidet.

Ich eil’ auf das Gut, find ihn im Sarge und im Gefolge seines Todes eine Masse von Geschäften, die mich dort bis Weihnacht festhält.

Vergessen ist Therese, der Gedank’ an sie ging in den Wunden des Verwaisten, im Würbel ernster Zerstreuungen unter; eine süße Erinnerung spricht mich bey der Rückkehr in meine Wohnung an. Ich gedenke der gelobten Vormundschaft, widerrathe mir, den neulichen Besuch zu wiederholen und sinne eben auf Mittel sie durch die dritte Hand mit einem Weihnacht-Geschenk zu erfreuen, als man leis an meine Thüre klopft. Sie thut sich auf, ein Engels-Köpfchen sieht in’s Zimmer. Sind Sie allein? fragt ihre Flöten-Stimme und Therese steht vor mir. Ich schiebe, des Bedienten wegen, ihr unbewußt den Riegel vor und führe, betroffener als sie selbst, die schüchterne, zitternde Taube zum Sopha.

Zu Ihnen „flisterte sie und drückte schneller als ich dem wehren konnte, meine Hand an den rosigen Mund“ Zu Ihnen darf sich wohl ein Mädchen wagen?

Ich gestehe Dir, Woldemar, daß mein neuer Adam, eingedenk jenes Gelübdes, sich jetzt ein wenig überhob und schon im Geiste die süßen Zinsen abwies, die mir die gewissenhafte Schuldnerin ganz augenscheinlich entgegen trug; daß mich daher die Schaamröthe um so brennender überlief, als sie jene Goldstücke in die Hand des Lehners drückte, und mit sichtlicher Rührung sprach — Der gute Geist der mir diesen Helfer erweckte, hat meine Sache geführt; hat mich in einer gefürchteten Feindin, eine großmüthige Wohlthäterin finden lassen —

„Wohl nur einen Wohlthäter?“ unterbrach ich sie, von dem grämlichsten Unmuth übereilt, mit satirischem Lächeln. Therese sah mich schwer beleidigt an — so ohngefähr wie ein Engel den verhärteten Sünder fixiren würde, und helle Wemuthsthränen fielen jetzt aus ihren Augen. Sie fielen in mein Herz, es bat um Verzeihung; einem Verzückten gleich, sprach ich von dem Sonnenglanz ihrer Unschuld, schlang den Arm um Theresens Nacken und plötzlich standst Du, einem Nachtgespenst gleich, vor der heiligen Gruppe. Das Mädchen entsetzt sich, springt nach der Thür, flieht auf ihr Zimmer. Ich stürze Dir nach, erstaunt über den lebhaften Antheil den Du an meinem Schützling nimmst. Ich sehe in diesem Ueberfalle das Treiben der Eifersucht, und überzeuge mich des Angstrufs eingedenk mit dem sie fortstürzt, um so schneller, daß diese Heilige nur eine Heuchlerin, und Du selbst die vorgebliche Wohlthäterin seyst. Sie zu entlarven eil ich nun nach ihrem Zimmer, es ist verschlossen; ich höre sie schluchzen: vergebens drängen sich meine Beschwörungen durch das ansehnliche Schlüsselloch. Ich sehe jetzt hindurch, sehe das Mädchen auf seine Knie hingeworfen, die Hände gefaltet zum Himmel erhoben, und in allen dem nur das Spiel einer Kokette die sich bemerkt weiß. Mein Argwohn wird, als ich am Morgen Theresens Schattenriß zerstückt in Deinem Zimmer finde, von neuem zur Gewißheit. Ich schreib’ ihr, lege die Stücke des Bildes bey, nenne sie einen Satans-Engel; zerreiße den tobenden, halb fertigen Straf-Prediger, schreib’ einen zweyten, verbrenne die Kriegs-Erklärung und zwinge mich endlich zu dem dritten, bescheidenern, auf welchen mir am folgenden Morgen die beyliegende, das Räthsel erfreuend auflösende Antwort zukam. Du kannst denken, guter Woldemar, wie feurig meine Reue, wie viel beschämender noch als die gestrige, meine heutige Abbitte war —

Siebentes Kapitel.

So weit hatte Woldemar gelesen und still ergrimmt der Fabel gelacht mit der man ihn jetzt, einem Kinde gleich, verblenden wollte, als plötzlich in der Nähe Schüsse fielen. Er sah die Besatzung des Dorfs in regellosen Haufen dem Schlosse zustürzen, warf den Brief samt der ansehnlichen, noch ungelesenen Beylage auf den Tisch, griff zu den Waffen und eilte in den Hof hinab.

Der Feind! rief ihm Frau von Wessen aus dem Keller-Halse nach; ohnmächtig lag Auguste vor der Treppe. Er trug sie in den Arm der Schwägerin. Der Feind! riefen die herbeyströmenden Rekruten und Woldemar rief nach dem Hauptmann. Den aber hatte bereits eine Kugel getödtet und alles floh nun dem Neuling zu.

Das Schloß war allerdings fest genug, es einige Stunden lang gegen ein fliegendes Corps zu vertheidigen und da es die Geld- und Feld-Geräths-Wagen des Regiments enthielt, ein Gegenstand von hoher Bedeutung. Der Gärtner der Baronin hatte bereits die Zugbrücke aufgezogen, der Verwalter die Thore zugeworfen, der Jäger jedem dienstbaren Geiste seiner Herrschaft ein Gewehr in die Hand gedrückt. Woldemar begriff die Möglichkeit einer solchen Erscheinung um so weniger, da er sich vier Meilen hinter der Armee, von Truppen umgeben, kurz in Abrahams Schooß wußte. Aber der kühne Partheygänger hatte sich denn doch, trotz dem Heere das auf seinen Lorbern ruhte, von dem Schnee-Gestöber begünstigt, durch das Gebürge geschlichen. Eben befand er sich mit Geißeln, Brandschatzungen, und einer erbeuteten Kriegs-Kasse beschwert auf dem Rückweg und würde die Wessenburg wohl ganz unangetastet gelassen haben, wenn nicht Woldemars Hauptmann den Vortrab des feindlichen Zugs, auf einen Dienstritt entdeckt, und sich ihm mit allem was sich aufraffen ließ, in den Weg geworfen hätte. Der Kühne fiel, und die Freyjäger flohen nun dem Schlosse zu, das der Führer des Vortrapps mit Ungestüm angriff. Woldemar fühlte lebhaft was er den Damen, dem Vaterland, der Ehre seines Degens schuldig sey und belebte durch wenig erhebende Worte den gesunkenen Muth seiner Brüder. Ihr Widerstand verwickelte den Feind der indeß von den herbey fliegenden Schaaren seiner Verfolger ereilt, umringt und zusamt der gemachten Beute gefangen ward.

Achtes Kapitel.

Als Woldemar am folgenden Morgen, von dem Schmerz einer empfangenen Kopfwunde geweckt, aus tiefer Betäubung erwachte, stand die Baronin zu des Bettes Häupten und Frau von Wessen neben ihr. Diese lächelte, jene weinte, der Wundarzt gab den besten Trost; bald darauf erschien auch der Adjutant; er warf ihm unter zweydeutigen Glückwünschen ein Hauptmanns-Patent auf die Decke. Da siehst Du „sprach er“ wie blind das Glück, wie mächtig der Kriegs-Gott in den Schwachen ist. Dein zufälliger, folgenreicher Widerstand hat Dir plötzlich einen Nahmen gemacht und eine Stelle verschafft nach der ich seit zwanzig Dienst-Jahren vergebens strebte. Eben kam auch Auguste herbey, sprach von den Schrecken des Gefechts, von Woldemars Ritterdienst und seinem Heldenmuth. Mutter und Schwägerin stimmten ein und der Adjutant kehrte nach einem frostigen Lebewohl, mit verbittertem Gemüth auf seinen Posten zurück. Woldemar sah jetzt — wie am Morgen der Weih-Nacht in der er die stille Myrte brach — auch in dem schnell erworbenen Lorber nur ein Gaukel-Spiel der Phantasie, in dem Patent nur ein Papier das ihn an jenen Brief erinnerte, nach dem er jetzt, vom Fiebertraum erwacht, mit Sehnsucht fragte. Vergebens suchte die Baronin das Stübchen, der Bediente seine Taschen, der Wundarzt den Zwinger des Schlosses aus; weder der Brief, noch die bedeutende Beylage war zu finden und der herbey gerufene Jäger, welcher aus diesem Zimmer auf die Feinde schoß, gestand daß er allerdings einige hier gelegene Papiere unbesehen zu Pfropfen für sein Gewehr verbraucht habe.

Frau von Wessen bot sich dem Kranken zum Sekretär an, und er sagte ihr mitten im Schmerz einige Zeilen für den verdächtigen Freund in die Feder. Nur der Wohlstand konnte die holde Pflegerin für kurze Zeiträume vor seinem Bett entfernen und diese zarte, unerschöpfliche Sorgfalt gewann ihr schnell genug das erkenntlichste Herz. Julie errieth seine Wünsche, seine Winke, seine Verhältnisse; scheuchte mit lieblichen Liedern jede Grille, mit zarter Hand jede Winter-Fliege vom Bette des Kranken, bot ihm die hülfreiche bey jedem Verbande und führte ihn allgemach durch eine Reihe wohlthuender Situationen. Das Wundfieber nahm zusehends ab, schon vermocht er außerhalb des Bettes zu dauern und auch Auguste wagte sich nun wieder in des Freundes Nähe.

Sehen Sie „sprach Julie, als sie eines Abends an seiner Seite spann“ ich bin die Parze die Ihr Leben spinnt. Ein langer Faden, rein und glänzend.

Hygea vielmehr! erwiederte er.

Hygea spann ja nicht! „sagte das abgehende Fräulein“ nur Schlangen nährte die —

Heilbringende! rief ihr Woldemar nach.

„Galt das mir oder Ihnen?“ lispelte Julie. Der Zorn röthete schnell ihre Wangen. Rasch ergriff er den Arm der Spinnerin. Meine Hygea! sprach der Dankbare, von süßen Regungen durchdrungen.

Die Schlange sticht! erwiederte Frau von Wessen und verletzte seine Hand mit der Spindel. Ein Tropfen Blut trat hervor. Sie küßt’ ihn lachend weg, er zog sie an das Herz. Die dunkeln, verlangenden Augen glänzten hart vor den seinen, die lüsterne Lippe vermählte sich dem begehrenden Munde, Juliens Busen schlug voll glühender Sinnlichkeit an Woldemars Brust.

Neuntes Kapitel.

Frau Tochter „sprach die Baronin, als jene in das Familien-Zimmer hinab kam“ vergebens hab ich bisher als Freundin Sie gewarnt, als Mutter Sie gebeten dieses thörichte Herz zu bewahren, und Ihrem Leichtsinn nicht die Ehre meines Nahmens preis zu geben — Ihren Begierden vielmehr! Unwürdige! So ehrst Du das Gedächtniß Deines Gatten?

Julie stellte den Rocken bey Seite, setzte sich zum Nähtisch hin und wiederholte mit Gelassenheit —

Begierden? Unwürdige? Sie sind sehr aufgebracht, ma mere!

Der junge Mann hat Zartgefühl. Er muß die Zudringliche verachten.

Eine so gute Christin sollte gütiger seyn, gnädige Frau; gerechter wenigstens; denn selbst das höchste Gebot entschuldigt die Zudringlichkeit der Menschenliebe. Daß ich ihm wohl will, ist in der Regel. Sehr wohl, ma mere! Nie sah mein Auge in ein reineres, nie begegnete mein Herz einem wärmern. Darum empört mich ihre Härte nicht. Was gibt es süßeres als um den Mann zu leiden, den wir lieben?

Also ein Anschlag auf seine Hand?

Auf Anschläge verstehen sich in der Regel die Mütter nur. Ich folge kindlich dem Gefühle.

Nur leider nicht dem Zartgefühl. Ihr seliger Mann hat das erfahren.

Friede sey mit ihm. Er weiß nun, wer ihm wohl und wer mir übel wollte.

Ich wollte Dein Glück, Undankbare!

Glück macht die Liebe nur und nur Sie hat er geliebt. Gefürchtet vielmehr. Mein Herz war lauter Flamme, das seine lauter Erz, und immer spröder ward es, bis der Tod es brach.

Du brachst es früher schon!

Julie warf einen glühenden Blick auf die Mutter, verbarg ihr empörtes Gefühl hinter einem unholden Lächeln und schwieg.

Sähe der Hauptmann dies Gesicht „fuhr jene fort“ er würde noch entschiedener zurücktreten.

Er würde mich bedauern und erlösen.

Erlösen, sagst Du? Geh, ich verwerfe Dich!

Sie werfen mich in seinen Arm. Ich komm’ aus diesem!

Die Baronin faltete seufzend die Hände und schlich abseits, dem Himmel ihre Noth zu klagen.

Zehntes Kapitel.

Hygea hatte den genesenden Jüngling in der feurigsten Wallung verlassen. Noch glühte jener Wonnekuß auf seinen Lippen, noch sah er diese flammenden Augen, die Fülle der schnell bewegten Brust. Sein ganzes Wesen war in Aufruhr und die seltsamste Erscheinung weckte ihn nach Mitternacht vom Schlummer auf. Der volle Mond beschien ein niedliches Gespenst das aus der Wand hervor zu schweben schien, nun seinem Bette näher tratt und zögernd an ihm lauschte. Woldemar bog sich mit klopfenden Herzen nach der Mauer zurück, wollte seinen Sinnen nicht trauen, wagt’ es kaum einen Blick auf die Erscheinung zu werfen, und kämpfte noch unentschlossen mit sich selbst als der seltsame Zuspruch wieder aufbrach und mit der Leichtigkeit eines Schattens zurückkehrte. Schnell wuchs sein Muth, er schlich ihm durch die Oeffnung nach und stand jetzt vor dem Bett in dem die Frau von Wessen schlief. Betroffen weilte er an der fesselnden Stätte und traf, als ihn sein Genius fortzog, auf ein zweytes in dem Auguste, lächelnd wie die Unschuld ruhte.

Woldemar, der bis dahin die heimliche Tapeten-Thür übersehn und nie geahnt hatte, daß sein Stübchen an diese Schatzkammer grenze, machte sie bey der Rückkehr mit leiser Schonung zu und glaubte zuversichtlich durch die Nachwehen des Wundfiebers zum Geisterseher geworden zu seyn, denn hätte selbst — der Fall war nicht denkbar — sich eine dieser Schläferinnen zu einem solchen Schritt vergessen können, so würde er ja die Fliehende ereilt oder erkannt haben.

Das unerklärbare Räthsel beschäftigte ihn bis zum Morgen, jetzt aber wich der Glaube an das Spiel einer krankhaften Phantasie dem Erstaunen mit welchem er ein himmelblaues, vor seinem Bette liegendes Band erblickte, und dieses dem Schauer des Fiebers, das im Gefolge der erschütternden Zauberspiele dieser Stunden zurückkehrte.