Siebzehntes Kapitel.
Noch verbarg die Frau von Wessen, von Aerger, Gramm und Angst bedrängt, ihre besten Geräthschaften, als ein Trupp feindlicher Husaren in den Hof sprengte, zum Willkommen mit Pistolen in die Fenster schoß und den angespannten Wagen umringte.
Die Baronin saß bereits, der Töchter gewärtig, in diesem, Julius stand mit ihrem Staub-Mantel in der Hand vor Augusten, eine Kugel schlug zwischen beyden hindurch. Schnell gefaßt warf er das leichte Mädchen auf den Arm und stürzte mit ihr durch die Gartenthür den Hügel hinab. Sie wieß zum nahen Walde, nach einem Fußpfad hin, der tief in den Forst zu der Wohnung eines Wildhüters führte. Bergab, bergauf schlang sich der unwegsame Pfad und bald verschwanden Kraft und Odem. Die schöne Bürde glitt am Fuß einer Eiche von seinem Arm, er sank erschöpft an ihre Seite. Das Bedenken, mit einem solchen Manne und von ihm verpflichtet in dieser Wildniß allein zu seyn, ging in dem Gram über das Schicksal der Mutter, über die höchst gewisse Plünderung des Schlosses, über das unselige Verhängniß ihrer Zukunft unter. Schrecklich brauste jetzt der Donner des Geschützes durch den Hayn. Auguste raffte sich verstummend auf und eilte fort. Er stürzte der Besinnungslosen nach und immer dunkler ward der Wald; die Sonne sank, man kam zur Wildhütte. Der alte Jäger erstaunte, die Tochter seiner Herrschaft hier zu sehen, erquickte die Hinsinkende mit Brot und Milch und versprach, bewegt von des Fräuleins befehlender Bitte und dem Golde das ihm Julius verhieß, sich nach dem Einbruche der Nacht auf die Wessenburg zu schleichen, und wo möglich die dort Verlassenen ihnen nachzuführen. Er füllte die Lampe mit Oehl, schloß die Thüre hinter den Einsamen zu und ging davon. Auguste sah umher, sah dem lauschenden Gefährten in’s Auge, untersuchte das Thürschloß, schlich weinend auf und ab und warf sich jetzt auf ihre Kniee nieder. Sie sprach mit Gott. Laut betete das schmerzerfüllte Mädchen und unwillkührlich falteten sich die Hände des Hörers. Ihr Angesicht verklärte sich; ein leises Amen flog, wie Geister Säuseln, von den Lippen der Beterin.
Julius faßte, als sie sich jetzt mit freudigem Muth erhob, bis zu Thränen gerührt, ihre Hand.
Wie ist Ihnen denn? fragte sie, voll zärtlicher Theilnahme und trocknete die Perlen des heiligen Mitgefühls von seinen Wangen.
Wie dem Gerechten! entgegnete er. Ich glaubte den himmlischen Gespielen wieder zu sehn, der einst die seligen Träume des Knaben verschönte — Den Engel der in des Kindes Glauben lebte, und mit des Jünglings Unschuld floh. Sie haben da eine Kirche vor mir aufgethan, in der ich, unrein wie der Zöllner stand.
Den fürcht’ ich nicht! erwiederte Auguste und setzte sich vertrauend an seine Seite. Julius pries, um diesem Vertrauen zu entsprechen und ihre Besorgnisse durch ein ernstes Gespräch zu zerstreuen, den Heilquell des Glaubens. Er sprach von seinem wohlthuenden Einfluß auf die Bildung des Herzens; gedachte der väterlichen Lehren, des mütterlichen Vorbildes, der Fluth der Sinnlichkeit die seine Gelübde und die reiche Saat der elterlichen Mühe verschlang. Plötzlich „fuhr er fort, denn sie hörte ihm mit Andacht zu“ faßte mich eine Hand. Es war die Hand des Todes-Engels, der mich am Sarge meines Vaters mahnte. Fremdlinge und Verwandte umgaben ihn; ihre Klagen, ihre Thränen, ihr Lob weihte seine Asche. Die Feinde selbst ehrten sein geheiligtes Andenken.
Und was würden sie denn am Sarkophag des Sohnes sagen? „fragt ich mich auf dem Wege zu der väterlichen Gruft!“ Wo sind die Opfer die du dem Glauben an die ewige Wahrheit der Tugend gebracht hast? Die Saaten für jene Welt gesät? Die Siege über das thörichte Herz errungen? Jetzt zeige die Wunden auf, die du heiltest, die Keime der Fruchtbäume die du gepflanzt hast! Beschämt, vernichtet, stand ich vor dem innern Richter, wendete den Blick in mein Innerstes und verzweifelte für den Augenblick an der Rettung aus dem verzauberten Schloß, denn an jeden Finger hing sich eine Schooßsünde die mich nicht lassen wollte. Meine Arme lähmte die Unthätigkeit, eine schmeichelnde Vertraute meinen Willen; in jedem Winkel spottete ein Satyr den grämlichen Pedanten aus.
„Still“ sprach das Fräulein zu dem Beichtsohn. Eben klopfte man an den Fensterladen. Auguste bebte, Julius zog die Pistolen hervor, und verbarg das Licht.
„Aufgemacht!“ rief es. Zwar mischte sich ein bittender Ton in die Stimme, aber Satan bat ja schon öfters mit Engels-Zungen um Einlaß. „Ich bin es, guter Jakob!“ versicherte Frau von Wessen.
Julius antwortete an des Wildhüters Statt. Aber die Thür war von innen nicht zu öffnen und der Alte hatte den Schlüssel mitgenommen.
Sie werden doch eine Hand für mich frey haben „entgegnete Julie“ um mir durch den geöffneten Fensterladen herein zu helfen. Er folgte schnell dem Winke und zog die Füllreiche nicht ohne Anstrengung, nach manchem fehlgeschlagenen Versuch hindurch. Vergebens hatte Auguste während dem zu wiederhohlten Mahlen nach dem Schicksal der Mutter gefragt.
Das „sprach die Schwägerin, als sie jetzt wieder auf ihren Füßen stand“ das kann kein Gegenstand für ein so pflichtvergessenes Mädchen seyn, das allen dem was ihr am theuersten seyn sollte, den Rücken kehrt, um mit ihrem Retter davon zu laufen. Verzeihen Sie mein Herr, wenn etwa die verwünschte Dritte den Erguß der feurigen Dankbarkeit unterbrach.
Ihre Verzeihung „fiel Julius ein“ ist um so überflüßiger, da wir vor Gottes Augen wandelten.
Der Wittwe Hohngelächter empörte ihn. Vor Gottes Augen! „wiederhohlte er“ wir dürfen keck die bösen Geister Lügen strafen.
Was kümmert’s mich! „entgegnete sie“ Laß uns Friede machen und Entschlüsse fassen, denn diese Nacht dauert nicht ewig und meine Kräfte sind erschöpft. Rund um erleuchten feindliche Wachtfeuer den Himmel, nur gegen Osten hin scheint mir der Weg noch frey zu seyn.
Auguste warf sich schluchzend an ihren Hals. Sage mir „flehte sie“ wie und wo Du die Mutter verließest, denn eine furchtbare Ahnung bedrängt mein Herz.
Quälle mich nicht „entgegnete Julie“ Und wenn Dich nun vorhin jemand beschworen hätte, ihm zu sagen wo die vermißte Schwägerin blieb, was hättest Du denn zu erwiedern vermocht?
Konnt’ ich Dich aufsuchen? versetzte Auguste — Dem nahen, sichern Tod entflohen wir und tief im Wald erst kam mir die Besinnung wieder.
Das ist auch mein Fall. Mich aber nahm kein beschützender Mann an sein Herz. Mir selbst überlassen mußte ich Rettung suchen, und nur die Schrecken der Nacht, nur die grause Furcht vor Ungeheuern, nur der Gedanke an Woldemars Schicksal begleitete mich. Ueber mir rauschten die Wipfel wie der Fittich des Würgengels, aus jedem Dickicht sah bald ein weißer Geist, bald eine blutige Gestalt hervor und während dem Du hier in schöne Augen sahst, hat mir kein Stern geglänzt, sah ich nur Bilder des Entsetzens.
Auguste drückte die Hand der Schwägerin an ihre Lippen. Arme Schwester „sagte sie“ Ich hab auch recht für Dich gezittert und gebetet.
Dann hat mir freylich nichts begegnen können „entgegnete diese und lächelte wegwerfend.“
Wie? „fragte Julius“ Sie könnten die Vorsprache eines so himmlischen Gemüths verschmähen? Die geheime, durch tausend Erfahrungen bewährte Kraft eines feurigen Gebets bezweifeln? Ich für mein Theil muß zur Ehre des guten Geistes bekennen, daß ihn mein Herz in bangen, schrecklichen Stunden, in Lagen die ich für die äußersten, in Augenblicken die ich für meine letzten hielt, nie vergebens um Licht und Rettung anrief.
Ich für mein Theil „erwiederte Julie“ gestehe dagegen, daß mir bis jetzt der gute Geist der Besonnenheit noch immer viel sicherer als ein feuriges Gebet aus der Noth half, aber selbst das eiserne Fatum hat seine Günstlinge und ich zählte Sie schon beym ersten Anblick unter diese. So macht mich denn zur Genossin des Lichts und des Raths den diese Bethstunde vom Himmel herablockte. Mir scheint es ganz ohne Zuthun einer Schicksals-Macht höchst gerathen noch vor Tages Anbruch der nächsten Station zuzueilen, und falls sich da um keinen Preis Pferde vorfänden, auf gutes Glück mit der geschlagenen Armee fortzuziehen. Hat ihre Niederlage sie nicht um allen Rittersinn gebracht so wird er sich gewiß zu Gunsten junger Damen äußern, die aus verweinten Augen sehen.
Julius und Auguste entgegneten einstimmig daß man für’s erste die Rückkehr des alten Wildhüters abwarten müsse, dem es bey seiner Kenntniß aller Schliche gewiß gelingen werde, die Baronin aus dem Schloß und in ihre Arme zu führen. Deine Zweifel aber an der Thätigkeit einer höhern, leitenden und erhebenden Hand „setzte Auguste hinzu“ sind bereits durch die Fassung mit der Du ganz wider Erwarten die Sage von Woldemars Unglück hinnahmst und durch das Wunder, welches Dich durch die Nacht und die Feinde und den unwegsamen Wald in unsere Mitte brachte, widerlegt.
Schnell erglühend sagte Julie „Ich fand noch eben Kraft genug in mir, den Triumph der schadenfrohen Mißgunst durch Gleichmuth und Entsagung zu verkümmern, und unter diesen Umständen in der Nachricht von des Hauptmanns Schicksals den besten Trost.“
Julius setzte sich bereits zurecht, der erklärten, unversöhnbaren Widersacherin die Spitze zu bieten, als der alte Jäger in das Stübchen trat und Augusten ein Billet von der Baronin überreichte.
Geliebte Tochter „las das Fräulein mit zitternder, von Furcht und Hoffnungen bewegter Stimme“ ich melde Dir daß sich Deine Mutter zwar, gleich dem Daniel in der Löwen-Grube befindet, doch gleich wie er, ganz unversehrt daraus hervorzugehn gedenkt. Es liegt bereits ein feindlicher Oberster in dem Gast-Zimmer dessen Ankunft allem Unwesen schnell ein Ende macht. Ich kann die Güte mit der er hier verfährt, nicht beschreiben und rathe Euch deshalb sogleich zurückzukommen, da er nicht allein meine vorgehabte Entfernung gut geheißen sondern sich selbst erboten hat, uns in dem zugestandenen Wagen bis über die Vorposten begleiten zu lassen etc.
Auguste schlug hoch erfreut in ihre Hände, und Julius bot ihr den Arm. Lassen Sie uns eilen „sprach er“ denn leicht könnt vor Abends noch ein Unhold an die Stelle des menschlichen Schutzgottes treten.
Achtzehntes Kapitel.
Der Wagen stand jetzt wieder, als die Flüchtlinge in den Hof traten, wie gestern, angespannt vor der Thür, und die Baronin reisefertig an demselben. Vor allem „sprach Julie zu dieser“ lassen Sie uns Erschöpfte erst ein wenig frühstücken, mich dann nach meinen, im größten Wirwarr verlassenen Sachen sehen und nebenher auch dem Obersten für seine großmüthige Schonung danken. Damit flog sie singend die Treppe hinauf und an dem Zimmer des feindlichen Gastes vorüber. Begierig das kecke Vöglein zu sehn, welches hier unter der Schärfe des Schwerts noch Sinn für solche Läufer habe, steckte der junge Held den Kopf aus der Thüre und fand sich auf’s Angenehmste überrascht. Frau von Wessen schien erschrocken, trat ihm mit reitzender Demuth entgegen, dankte dem Gütigen in den gewähltesten Ausdrücken seiner Sprache, hoffte, sich als die Wittwe eines gefallenen Soldaten schonender Rücksichten gewürdigt zu sehn und war nach einem viertelstündigen Aufwand ihrer magischen Künste der willkommensten aller Eroberungen gewiß.
So eben „sprach sie zu der ängstlich treibenden Mutter“ hat mir der Oberste noch den großen Rüst-Wagen zugestanden auf den ich alles was wir bereits verlohren gaben, packen lassen und Ihnen dann folgen werde. Seine Husaren und der Verwalter sollen mein Schutz und mein Schirm seyn. Im Zollhaus erwarten Sie mich.
Die Baronin erklärte dagegen, ohne sie nicht von der Stelle weichen zu wollen. Da nun der gedachte Rüstwagen fürs erste einer Ausbesserung bedurfte, so verzögerte sich die Abreise von Stunde zu Stunde, und ward endlich, als sich die Mutter im Gefolge der ausgestandenen Schrecknisse plötzlich von ihren Krämpfen befallen sah, auf einen der folgenden Tage verschoben. Alle außer ihr fanden dabey für den Augenblick ihren Vortheil. Der Oberste hatte nächst dem Ruhm nichts lieber als das Schöne und Frau von Wessen gefiel sich vor allem in der Rolle der Delila. Julius fand in den Offizieren geistreiche, unterrichtete, seinem Sinne zusagende Männer und täglich mehr Veranlassung, der schüchternen Auguste die Einsamkeit in die sie sich, trotz der anziehenden Gäste, zu seiner höchsten Befriedigung vergrub, erträglich zu machen.
Bald darauf lief auch die Bestätigung von Woldemars Gefangenschaft ein. Er hatte, laut eines vertrauten Briefes des Adjutanten, den Erwartungen die sein erstes Probestück erregte und der Rolle zu der ihn seine Beförderung erhob, so wenig entsprochen, sich auf einem Außen-Posten so zweckwidrig benommen, sich späterhin so unvorbereitet überfallen lassen, daß seine Stelle wie billig bereits vergeben und besetzt worden war.
Plötzlich entstand eines Morgens großer Lärm in dem Hofe und dem Hause. Es gab ein Seitenstück zu Woldemars Aufbruch; eine Ordre welche den Genius der Wessenburg zu der Armee des Innern abrief, brachte Freunde und Feinde in Bewegung.
Die Baronin bereitete sich jetzt aufs neue zur Flucht, Julius empfahl dem Obersten auf gut Glück seinen Kriegsgefangenen Freund und benutzte dessen Erbieten, ihn mit Wechseln und Nachrichten zu versehn. Sein Brief sprach um so nachdrücklicher für die Verlassene, da ihm Theresens letzte Zuschrift für immer alle Hoffnung auf die Hand ihrer Freundin benommen hatte.
Alles war zum Aufbruch bereit als Julie in der Mutter Zimmer trat, ihr mit feierlichem Ernst die Hand küßte und sich als die Braut des Obersten auf immer beurlaubte. Zwar „sprach sie“ ist der Schritt gewagt; aber in der Liebe ist ja, nach des Meisters Ausspruch alles nur ein Wagstück — Zwar bin ich Woldemars Verlobte, der aber sitzt an fernen Wasserflüssen und weiß noch immer nicht was er will — Zwar ist mein Bräutigam der feurigste Republikaner, doch wer die Freyheit ehrt, wird auch die Rechte des Weibes achten. Zwar ist er Katholik, doch sind ja seine Götter auch die Meinen und Amor unser Schutzpatron.
Die Mutter stand verstummt und sah mit gefalteten Händen gen Himmel. Ihnen, Herr Baron „fuhr Julie, sich zu diesem wendend, fort“ Ihnen, dessen langweiliger Intrike mein rascher Entschluß über den Graben hilft, wünsch’ ich an Augustens Hand das beste Glück und eine Wildhütte um es auszulassen. Warum erröthest Du, Gustel? Es ist nichts gewisseres als daß er der Deine wird — Ich seh, Ihr steht auf Kohlen. Gleiches mit Gleichem! Oft genug habt ihr mich auf Nesseln gestellt. Gott segne Sie, ma mere, und Ihre Bethstunden, Herr Baron und Dein Ehebett, Fräulein! Damit verschwand sie.
Die Baronin eilte ihr nach. Auguste weinte, tief verletzt, hinter ihrem Tuche, Julius neigte sich liebkosend zu ihr herab und sagte — Möchte der Segen dieser unholden Wahrsagerin ausgehen! ihr böser Wille befördert seltsam genug den schönsten Zweck und ich darf nun keck und ohne Zögerung eines Verhältnisses gedenken das zu den zärtesten des Lebens gehörte. Kein Wort also von Gefühlen und Gelübden die mein Geschlecht so oft zu gewöhnlichen Behelfen herabwürdigt. Sprach Frau von Wessen aus Augustens Seele so wär’ es wohl gerathen, die edle Schaamröthe an meinem Herzen zu verbergen?
Sie schwieg, er schlang den Arm um ihren Leib — „Auguste!“ sprach er leise und zog das Tuch von dem lieblichen Antlitz. Die blauen, thränenschweren Augen bethaueten seine Hand mit warmen Tropfen. Ich fühl es lebhaft „fuhr er fort“ daß die Wildhütte zu meinem Glücke hinreichen, daß sich, an diesem Herzen alle wilden Wünsche des meinen in sanfte Sehnsucht nach den Hütten des Friedens auflösen würden, und was das Ihre fühlt, verräth dies Auge.
Auguste lehnte sich, still entzückt an seine Schulter und lispelte mit bebender Stimme — „Innige Liebe!“
Er küßte den Mund der diese Worte sprach, unter freudigen Schauern, und eilte Arm in Arm mit ihr der eintretenden, trostlosen Mutter entgegen.
Neunzehntes Kapitel.
Woldemar war indeß von einer gefährlichen Krankheit genesen und sah noch immer, von jeder Nachricht aus der Heimath abgeschnitten, entblößt von Geld und allen Gütern, die das Leben versüßen, der Auswechslung entgegen. Nacht für Nacht erschien ihm Hermine, bald im Glanze der Unschuld, bald als eine weinende, reuige Sünderin. Bald auch täuschten die Entzückungen der Weih-Nacht den Schläfer, oder die glühende heiß umfangende Julie ward vor den Augen des Erwachenden zur Stroh-Garbe des Lagers auf dem ihn die gaukelnde Phantasie hohnneckte. Immer öder und leerer ward sein Inneres. Tage lang sah er, gedankenlos hinstarrend, in den Strom der an dem Kloster das die Gefangenen barg, vorüberrauschte, und sein Gemüth erlag unter der Bürde der Schwermuth. Sterben! Schlafen! „rief er mit Hamlet aus“ das ist eine Vollendung der brünstigsten Wünsche werth.
Vielleicht auch träumen! „sprach Gregor, sein Schlaf-Geselle“ nur bette Dich gut! Wenn selbst das Leben, wie unsere Weisen sagen, ein Traum ist, so wird es Pflicht sich immer die angenehmsten zu bereiten. Der Verdruß über diese närrische Welt, die Schaam über dieß thörichte Herz, der Gram über Mangel und Unfälle, haben früher den besten Theil meines Daseyns verkümmert und selbst die kleinen, unvermeidlichen Uebel zu erdrückenden Lasten gemacht. Endlich erschien mir, spät genug, ein heilsamer Tröster. Er schlug das schwarze Buch der Wirklichkeit vor mir zu, und führte mich in sein Freudenreich. Bist Du elend? Hat Dich die Freundschaft verrathen? Die Liebe betrogen? Dein Feuer-Eifer in Händel verwickelt? Dein Sinn für Recht und Wahrheit die Menschen gegen Dich empört? Nun, so flieh aus der Jammer-Höhle und folge mir nach.
Ich weiß ja wohl „versetzte Woldemar“ daß Deine Kopfwunde bedeutendere Folgen als die meine hatte.
Fürchte das nicht! „entgegnete Gregor“ Tiefer als diese — ach, ganz unheilbar sind die Wunden meines Herzens, doch eine Wunderthäterin verbindet sie. Welcher Unsterblichen „frag ich mit dem Dichter“ soll der höchste Preis seyn? — Der Phantasie! In ihrem Reiche lag das Paradies; in ihm liegt Elisium. Dort sind die Blüthen-Bäume meiner Jugend gereift; dort lebt das Weib, dort stirbt der Freund für mich! Lob sey der Göttin! Ihr Nektar begeistert ohne zu berauschen, ihr Kuß berauscht ohne zu entzaubern; ewig säuselt des Lenzes Hauch durch den Hesperischen Hayn und Kühlung um des Wallers Schläfe.
So sage denn endlich was Du mit diesem Pathos gesagt haben willst? Könnte die Einbildungs-Kraft den Essig des Lebens in Honig, den Kerker zum Faul-Bett, die Geißel des Schicksals zur sammtenen Hand der Charis umschaffen, so wollt ich heute noch jeder bessern Geisteskraft absterben.
Wer von dem Farbenspiele seines Gemüths spricht „versetzte Gregor“ wird der Mißdeutung nie entgehen. Zerfallen mit der Gegenwart anticipirt mein Herz das Heil der Zukunft und lebt schon jetzt im Geist auf bessern Sternen.
Eine Dame rollte pfeilschnell, im Phaeton, an dem vergitterten Fenster vorüber.
O Himmel! „rief Woldemar“ Meine Braut! —
„Mein Weib!“ rief Gregor und rieb sich, wie aus einem Traum erwachend, Stirn und Augen „Ja — Ja! ich wache, sehe, lebe noch und das war Julie.“
Julie von Wessen! „fiel der Hauptmann ein“ die Wittwe eines Officiers.
Wittwe? sagte dieser — O, wollte Gott!
Woldemar blickte ihm starr in’s Gesicht. Jenes Geschwätz, und diese Aeußerungen schienen auf heimliche Verrücktheit hinzudeuten, und dennoch sah ein ruhiger, besonnener Geist aus seinen Augen. Deine Braut! rief Gregor mit einem seltsamen Lächeln.
Die auf jeden Fall einer von uns verkannt hat.
Du nanntest sie bey ihrem Nahmen. Sie trägt den meinen.
Armer Gregor!
Sag: Aermster Wessen — So nenn’ ich mich.
Woldemar schüttelte zweifelhaft den Kopf. Dein Erstaunen „fuhr jener fort“ beweist daß Du sie kennst und daß sie mich zu den Todten warf. Auch lag ich bereits unter diesen. Eine mitleidige Bäuerin, welche die Opfer des Schlachtfeldes verscharren half, fand noch Spuren des Lebens in dem Verscheidenden und entriß mich dem sanften Erlöser. Ich ward in ihre Hütte getragen, verbunden, gepflegt und kam nur allmählich aus dem finstern Gebiete des Nichtseyns zurück. Man hatte mich Unbekannten, zur Ehre des Schutzheiligen meiner Weckerin, Gregor genannt. Ich ward unter diesem Nahmen in das Haupt-Spital, und späterhin mit mehrern genesenden Gefangenen in das Innere abgeführt. Mein Zustand verschlimmerte sich von neuem. Was ich auch, nach der endlichen Herstellung zu meinem Besten that und sagte, ward als ein Hirngespinnst des Wahnsinns belächelt, da man mich nackend, ohne Kennzeichen meines Ranges unter den Leichnamen hervorzog, und ich mich späterhin nur mit diesem Kittel bedeckt fand.
Thränen stürzten jetzt aus seinen Augen. Noch leidet freylich mein Kopf „fuhr er mit fallender Stimme fort, und bedeckte mit der Hand die tiefe Narbe“ doch mein Gemüth leidet noch mehr. Ich habe eine zärtliche Mutter verlassen. Sie wird bitterlich um mich weinen. Eine traute Schwester — Tief und herzlich wird sie um den Verlohrnen trauern. Ein treulos Weib! — Es wird den Schmerz erheucheln wie einst die Liebe. Schnell ergriffen sprang er auf. „Sagtest Du nicht daß sie hier sey?“
Mit nichten! „erwiederte Woldemar und drückte ihn auf sein Lager zurück“ Doch Deine fromme Mutter lernt ich kennen und diese Schwester ward mir werth. Ermanne Dich nur! Die Rückkehr des Verlohrnen wird diese Thränen überschwenglich vergelten und alles schnell zum Besten kehrn. Aber Gregor vernahm des Trösters Stimme nicht. Er starrte bewußtlos vor sich hin, und vergrub sich tief in sein Stroh.
Woldemar stand noch, von den schmerzlichsten Empfindungen bewegt, vor dem Unglücks-Gefährten, als der Aufwärter in die Zelle trat und ihm ein geöffnetes Paquet übergab, daß seiner Aeußerung zu Folge ein eben durchreisender Officier für ihn mitgebracht habe. Er erkannte auf den ersten Hinblick die Hand des Julius und ein freundlicher Sonnenstrahl fiel durch die Nacht der Schwermuth in sein Herz.