Besondere Fehler. Der Schwund des Artikels
Im Niederdeutschen ist es gebräuchlich, bei Verwandtschaftsbezeichnungen den Artikel wegzulassen wie bei Personennamen und zu sagen: Vater hats erlaubt, Mutter ist verreist, Tante ist dagewesen. Wenn das neuerdings auch in Mitteldeutschland viele nachmachen, weil es aus Berlin kommt, so ist das Geschmacksache; schön ist es nicht, nicht einmal traulich. Eine widerwärtige Unsitte aber ist es, diese niederdeutsche Gewohnheit auszudehnen auf Wörter wie: der Verfasser, der Berichterstatter, der Referent, der Rezensent, der Angeklagte, der Kläger, der Redner, der Vorredner (!), der Vorsitzende usw. Es wird aber jetzt fast allgemein geschrieben: in dieser Schrift bietet Verfasser eine Anthologie aus den Hauptwerken der Klassiker der Staatswissenschaft – die Veröffentlichung dieses Buchs hat für Referenten ein besondres Interesse gehabt (für alle Referenten?) – Berichterstatter bekennt gern, daß er eine solche Bemerkung nie zu hören bekommen hat – Schreiber dieser Zeilen hat das selbst beobachtet.
Einen zweiten Fall, wo der Artikel jetzt unberechtigterweise weggelassen wird, vergegenwärtigen Ausdrücke wie: Denkmale deutscher Tonkunst, die erste Blütezeit französischer Plastik, eine ältere Epoche deutscher Geschichte, Fragen auswärtiger Politik, die Freude an heimischer Vergangenheit, eine Tat evangelischen Bekenntnisses. Sind denn die deutsche Tonkunst und die französische Plastik früherer Zeiten Dinge wie französischer Rotwein und deutscher Käse, die unaufhörlich vertilgt und neu fabriziert werden? Es sind doch ganz bestimmt umgrenzte Mengen dauernder Erzeugnisse der menschlichen Geistestätigkeit. Welcher Unsinn, denen den bestimmten Artikel zu rauben! Man denke sich, daß Overbeck seine Geschichte der griechischen Plastik Geschichte griechischer Plastik genannt hätte!
Ein dritter Fall endlich – ungefähr von derselben Art – ist die Geschmacklosigkeit, den bestimmten Artikel in Überschriften von Aufsätzen und in Buchtiteln wegzulassen. Aber auch das ist jetzt sehr beliebt. Man nimmt eine Monatsschrift zur Hand und findet im Inhaltsverzeichnis: Ballade. Von X. Ei der tausend! denkt man, ist dein guter Freund X unter die Balladendichter gegangen? und schlägt begierig auf. Was findet man? Einen Aufsatz über die Geschichte der Ballade! Der kann aber doch vernünftigerweise nur überschrieben werden: Die Ballade. Ein bekannter Kunstsammler hat über seine Schätze ein Prachtwerk veröffentlicht unter dem Titel: Sammlung Schubart. Ja, so konnte er ins Treppenhaus über die Tür seines Museums schreiben, aber der Buchtitel kann nur lauten: Die Sammlung Schubart (wenn durchaus französelt sein muß!). Namentlich Romane, Schauspiele und Zeitschriften werden jetzt gern mit solchen artikellosen Titeln versehen (Heimat, Jugend, Sonntagskind u. ähnl.), aber auch andre Werke, wie: Stammbaum Becker-Glauch (das soll heißen: der Stammbaum der Familien Becker und Glauch!). Ein bekanntes Werk von Guhl und Koner hat fünf Auflagen lang das Leben der Griechen und Römer geheißen; der neue Herausgeber der sechsten hat es wahrhaftig verschönert zu: Leben der Griechen und Römer. Zu einer wahren Seuche ist dieses Weglassen des Artikels in den sogenannten „Spitzmarken“ der Zeitungen ausgeartet: Frecher Diebstahl, Aufgefundener Leichnam, Fahrrad gestohlen, Mädchen vermißt.[129]
In formelhaften Verbindungen wie: Haus und Hof, Land und Leute, Frau und Kinder bleibt der Artikel stets weg, aber nur dann, wenn die beiden so verbundnen Hauptwörter gar keinen Zusatz haben. Falsch ist es, zu sagen, wie es jetzt oft geschieht: der Verunglückte hinterläßt Frau und drei unmündige Kinder. Er hinterläßt Frau – das ist kein Deutsch, denn niemand sagt: ich habe Frau, hast du Frau?
Es gibt aber auch Fälle, wo der Artikel gesetzt wird, obwohl er nicht hingehört. Gleich unausstehlich sind zwei Anwendungen des Artikels – das einemal des unbestimmten, das andremal des bestimmten – bei Personennamen. Für Leute von Geschmack bedarf es wohl nur folgender Beispiele, um ihren ganzen Abscheu zu erregen: Heyse hat nie die ruhige Größe eines Goethe erreicht – welcher unsrer großen Schriftsteller, selbst ein Lessing und ein Goethe, wäre von Fehlern freizusprechen! – und: von den Franzosen kamen die Dumas Sohn und Genossen herüber – die Neigung und Schätzung der Haupt, Jahn und Mommsen – die tiefeindringende Ästhetik der Hebbel und Ludwig. Der zweite Fall ist ja ein gemeiner Latinismus; den ersten aber sollte man dem Untersekundaner überlassen, der seinen ersten deutschen Aufsatz über ein literargeschichtliches Thema schreibt, ja nicht einmal dem, denn wie soll er sonst seinen Ungeschmack loswerden?