Das Können und das Fühlen

Eine richtige Modenarrheit ist es, gewisse Hauptwörter immer durch einen substantivierten Infinitiv zu umschreiben – wenns nicht manchmal bloßes Ungeschick ist! Und bloßes Ungeschick ist wohl anzunehmen, wenn jemand statt Ende schreibt: das Aufhören, oder statt Mangel: das Fehlen. Eine Modenarrheit aber liegt ohne Zweifel in der Art, wie jetzt das Wissen, das Können, das Wollen, das Fühlen und das Empfinden gebraucht wird – Wörter wie Kenntnis, Fähigkeit, Fertigkeit, Geschick, Absicht, Gefühl, Empfindung scheinen ganz vergessen zu sein. Den Anfang hatte wohl das Streben gemacht,[166] dann kam das Wissen: er hat ein ganz hervorragendes Wissen. Jetzt spricht man aber auch von dichterischem Wollen: anfangs ein Dorfgeschichtenerzähler, wurde Rosegger allmählich ein Poet von großem Wollen – auch diese Kompositionen zeigen die künstlerische Zielbewußtheit (!) seines Wollens. Und in höchster Blüte steht das Können und das Fühlen: folgendes Gedicht mag das Können des Dichters veranschaulichen – das Konzert lieferte einen glänzenden Beweis für das künstlerische (!) Können des Vereins – Beethoven widmete ihr die Cis-moll-Sonate, kein geringes Zeugnis für das musikalische Können der Angebeteten – die Dame hat sich unter dieser vortrefflichen Leitung bereits ein achtunggebietendes Können angeeignet – die Schüler sollen mit einem solchen Können des Deutschen aus der Schule gehen – Herr W. hat damit eine neue Probe seines bedeutenden gärtnerischen (!) Könnens gegeben (es handelt sich um ein Teppichbeet) – die Gedichte zeigen ein gesundes, ursprüngliches Fühlen – in allen Briefen gibt er nur dem einen Fühlen Ausdruck – Tilgner hat den Geist (!) des österreichischen Empfindens am besten zum Ausdruck gebracht – zu der Verehrung für das große Wollen und Können des Meisters gesellt sich das Mitleid mit dem leidenden Menschen – die Pyramiden der Ägypter erzählen uns von dem Fühlen und Wollen ihrer Erbauer und deren Zeitepoche (!). Das Neueste aber ist das Erinnern, das Erleben und das Verstehen: er bewahrte ihm ein dankbares Erinnern – für uns moderne Menschen pflegt Italien das größte Erleben unsers Daseins zu sein – ein Mann, in dessen Erleben sich ein ganzes Stück deutscher Geschichte spiegelt – Böcklin konnte von dem künstlerischen Erleben abstrahieren, bei Klinger erschließt erst die Persönlichkeit das Geheimnis (!) seiner Werke – das Buch ist von tiefem Verstehen für den geheimnisvollen (!) künstlerischen Trieb des Meisters durchtränkt – sie erfreute ihn durch warmes geistiges Verstehen – nimm dieses Buch in dein treues und zartes Verstehen auf! Es kann einem ganz schlimm und übel dabei werden.