Die Apposition
Eine Regel, die schon der Quintaner lernt, lautet: eine Apposition muß stets in demselben Kasus stehen wie das Hauptwort, zu dem sie gehört. Das ist so selbstverständlich, daß es ein Kind begreifen kann. Nun sehe man sich aber einmal um, wie geschrieben wird! Da heißt es: das Gastspiel des Herrn R., erster Tenor an der Skala in Mailand – der Verfasser der Sylvia, ein Buch, das wir leider nicht kennen – es gilt das namentlich von dem mitteldeutschen Hofbau, die verbreitetste aller deutschen Bauarten – der First ist mit freistehenden Figuren, Petrus und die vier Evangelisten, geschmückt – offenbar hat Trippel von jener Skulptur, eine dem Apoll von Belvedere nicht allzufernstehende Arbeit, die Anregung erhalten – in Koblenz war ich ein Stündchen bei Bädeker, ein recht liebenswürdiger, verständiger Mann – das Grab war mit Reseda und Monatsrosen geschmückt, die Lieblingsblumen der Verstorbnen – anders verhält es sich mit dem Sauggasmotor, ein Apparat, der das erforderliche Gas selbst erzeugt. Solche Verbindungen kann man sehr oft lesen; mag der Genitiv, der Dativ, der Akkusativ vorausgehen, gleichviel: die Apposition wird in den Nominativ gesetzt. Sie wird behandelt wie eine Parenthese, als ob sie gar nicht zum Satzgefüge gehörte, als ob sie der Schreibende „beiseite“ spräche oder in den Bart murmelte.
Auch dieser Fehler ist, wie so manches in unsrer Sprache, durch Nachäfferei des Französischen entstanden. Nicht daß das Französische bei seiner strengen Logik eines solchen Unsinns fähig wäre, zu einem Hauptwort im Genitiv eine Apposition im Nominativ zu setzen. Wenn der Franzose schreibt: le faîte est orné de statues, St. Pierre et les quatre évangélistes, so empfindet er natürlich les évangélistes so gut von de abhängig wie das vorhergehende. Der Deutsche aber, der ein bißchen Französisch gelernt hat, sieht nur die unflektierte Form, bildet sich ein, das sei ein Nominativ, und plumpst nun hinter des und dem und den mit seinem der drein. Es ist wie ein Schlag ins Gesicht, ein solcher Nominativ als Genosse und Begleiter eines casus obliquus.
Auch wenn die Apposition mit als angeschlossen wird, muß sie unbedingt in demselben Kasus stehen wie das Wort, zu dem sie tritt, z. B.: ein Vortrag über Viktor Hugo als politischen Dichter (nicht politischer!) – ein Portal mit zwei gefesselten Türken als Schildhaltern (nicht Schildhalter!) – eine Zusammenfassung Schlesiens als eines Ganzen (nicht ein Ganzes!). Nur wenn sie sich an das besitzanzeigende Adjektiv anschließt, also eigentlich im Genitiv stehen müßte, nimmt man sich allgemein die Freiheit, zu sagen: mein Beruf als Lehrer, seine Bedeutung als Dichter.
Nicht zu verwechseln mit der Apposition hinter als ist das Prädikatsnomen hinter als und dem Partizip eines Zeitworts, wie gesandt, berufen, bekannt, berühmt, gefeiert, bewährt, berüchtigt usw. Beim Verbum finitum steht selbstverständlich ein Prädikatsnomen, das sich an das Subjekt anschließt, im Nominativ: der Entschlafne wurde als Mensch wie als Politiker gleich hoch geschätzt; schließt es sich an das Objekt an, so steht es im Akkusativ: ich habe den Entschlafnen als Menschen wie als Politiker gleich hoch geschätzt. Manche schreiben nun aber auch: die Stadt hat ihr als ausgezeichneten Verwaltungsbeamten bekanntes Oberhaupt verloren. Das ist des Guten zu viel. Beim Partizip steht das Prädikatsnomen stets im Nominativ, der Kasus, auf den es sich bezieht, mag sein, welcher er will, z. B.: auf die Vorstellungen des als Gesandter an ihn geschickten Tilo – an die Stelle des als Professor nach Aachen versetzten Baumeisters – als Nachfolger des als Gehilfe des Finanzministers nach Petersburg berufnen Geheimrats – dem als vortrefflicher Dirigent bekannten Kapellmeister. Dieser Nominativ erklärt sich daraus, daß er eben stets hinter dem passiven Verbum finitum steht, sogar oft im Aktiv bei rückbezüglichen Zeitwörtern, wie sich zeigen, sich beweisen, sich verraten, sich entpuppen, sich bewähren, wo eigentlich der Akkusativ am Platze wäre: er hat sich als ausgezeichneter Verwaltungsbeamter bewährt. Hier ist übrigens ein Unterschied möglich; er zeigte sich als feinen Kenner – ist etwas andres als: er zeigte sich als feiner Kenner. Der Akkusativ entspricht einem Objektsatz im Konjunktiv (er zeigte, daß er ein feiner Kenner sei), der Nominativ einem Objektsatz im Indikativ (er zeigte, daß er ein feiner Kenner ist). Aber dieser Unterschied ist so fein, daß ihn die wenigsten nachfühlen werden; die meisten schreiben unwillkürlich überall den Nominativ.
Bei sein lassen und werden lassen muß ein zum Objekt gehöriges Prädikat natürlich im Nominativ stehen. Falsch heißt es in dem Gesangbuchliede: laß du mich deinen Tempel sein, falsch auch bei Uhland: laß du mich deinen Gesellen sein – so annehmbar es auch zu klingen scheint. Es muß heißen: laß du mich dein Geselle sein – laß ihn ein tüchtiger Künstler werden.