Die Sammlung Göschen

Während das Vorleimen von Eigennamen unter dem Einflusse des Englischen um sich gegriffen hat, beruhen andre Verirrungen unsrer Attributbildung auf Nachäfferei der romanischen Sprachen, namentlich des Französischen, vor allem der abscheuliche, immer ärger werdende Unfug, Personen- oder Ortsnamen unflektiert und ohne alle Verbindung hinter ein Hauptwort zu stellen, das eine Sache bezeichnet, als ob die Sache selbst diesen Personen- oder Ortsnamen führte, z. B. das Hotel Hauffe, der Konkurs Schmidt, die Stadtbibliothek Zürich (statt: Hauffes Hotel, der Schmidtsche Konkurs, die Züricher Stadtbibliothek). Die Anfänge dieses Mißbrauchs liegen freilich weit zurück, man braucht nur an Ausdrücke zu denken wie: Universität Leipzig, Zirkus Renz, Café Bauer; aber seinen gewaltigen Umfang hat er doch erst in der neuesten Zeit angenommen. In wirklich deutsch gedachter Form bekommt man einen Eigennamen in Attributen kaum noch zu hören: alles plärrt, die Franzosen und Italiener nachäffend (librairie Quantin, chocolat Suchard, rue Bonaparte, casa Bartholdi, Hera Farnese und ähnl.), von dem Antrag Dunger, dem Fall Löhnig, der Affäre Lindau, dem Ministerium Gladstone, dem Kabinett Salisbury, dem System Jäger, der Galerie Schack, dem Papyrus Ebers, der Edition Peters, der Kollektion Spemann und der Sammlung Göschen, von Schokolade Felsche und Tee Riquet,[98] von der Villa Meyer, dem Wohnhaus Fritzen, dem Grabdenkmal Kube, dem Erbbegräbnis Wenzel, dem Pensionat Neumann, der Direktion Stägemann, dem Patentbureau Sack, dem Sprachinstitut Bach, dem Konzert Friedheim, der Soiree Buchmayer, der Tanzstunde Marquart, dem Experimentierabend Dähne, dem Vortrag Mauerhof, dem Quartett Udel, der Bibliothek Simson, der Versteigerung Krabbe und dem Streit Geyger-Klinger, von dem Magistrat Osnabrück, der Staatsanwaltschaft Halle, der Fürstenschule Grimma, dem Kaiserl. deutschen Postamt Frankfurt, dem Schreberverein Gohlis, der Mühle Zwenkau, dem Bundesschießen Mainz, dem Löwenbräu München und dem Migränin Höchst. Sogar der Dorfwirt will nicht zurückbleiben: er läßt den Firmenschreiber kommen, die alte Inschrift an seiner Schänke: Gasthof zu Lindenthal zupinseln und dafür Gasthof Lindenthal hinmalen, und der Dorfpastor kommt sich natürlich nun auch noch einmal so vornehm vor, wenn er sich auf seine Briefbogen Pfarrhaus Schmiedeberg hat drucken lassen. Und was der Franzose nie tut, das bringt der Deutsche fertig: er setzt auch hier Vornamen und Titel zu diesen angeleimten Namen und schreibt: die Galerie Alfred Thieme, die Kapelle Günther Coblenz, der Rezitationsabend Ernst von Possart, die Villa Dr. Brüning, das Signet Galerie Ernst Arnold Dresden (das soll heißen: Signet der Galerie von Ernst Arnold in Dresden!). Manchmal weiß man nicht einmal, ob der angefügte Name ein Orts- oder ein Personenname sein soll. In Leipzig preist man Gose Nickau an. Ja, was ist Nickau? Ist es der Ort, wo dieser edle Trank gebraut wird, oder heißt der Brauer so? Der großherzogliche Bahnbauinspektor Waldshut – heißt der Mann Waldshut, oder baut er in Waldshut eine Eisenbahn?

Da kämpfen wir nun für Beseitigung der unnützen Fremdwörter in unsrer Sprache; aber sind denn nicht solche fremde Wortverbindungen viel schlimmer als alle Fremdwörter? Das Fremdwort entstellt doch die Sprache nur äußerlich; wirft man es aus dem Satze hinaus und setzt das deutsche Wort dafür ein, so kann der Satz im übrigen meist unverändert bleiben. Aber die Nachahmung von syntaktischen Erscheinungen aus fremden Sprachen, noch dazu von Erscheinungen, die die Sprache in so heruntergekommenem Zustande zeigen, wie dieses gemeine Aneinanderleimen – leimen ist noch zuviel gesagt, Aneinanderschieben – von Wörtern fälscht doch das Wesen unsrer Sprache und zerstört ihren Organismus. Es ist eine Schande, wie wir uns hier an ihr versündigen! Wie stolz mag der Inhaber der Auskunftei Schimmelpfeng gewesen sein, als er das herrliche deutsche Wort Auskunftei erfunden hatte![99] Aber für die ganz undeutsche Wortzusammenschiebung hat er kein Gefühl gehabt.

Auch hier handelt sichs um nichts als um eine dumme Mode, die jetzt, namentlich in den Kreisen der Geschäftsleute und Techniker, für fein gilt. Wenn es in einer Stadt fünf Kakaofabrikanten gibt, und einer von den fünfen schreibt plötzlich in seinen Geschäftsanzeigen: Kakao Müller (statt Müllerscher Kakao) und hat nun damit etwas besondres, so läßt es den vier andern keine Ruhe, bis sie dieselbe Höhe der Vornehmheit erklommen haben (Kakao Schulze, Kakao Meier usw.). Der fünfte lacht vielleicht die andern vier eine Zeit lang aus und wartet am längsten; aber schließlich humpelt er doch auch hinterdrein, während sich der, der mit der Dummheit angefangen hat, schon wieder eine neue ausdenkt.

Zu einer ganz besondern Abgeschmacktheit hat die neu erwachte Liebhaberei geführt, in Büchern ein Bücherzeichen mit dem Namen des Eigentümers einzukleben. Ein solches Bücherzeichen nennt man ein Exlibris, und wer sich eins anfertigen läßt, der läßt auch stets dieses Wort darauf anbringen. Da gibt es aber doch nun bloß zwei Möglichkeiten. Entweder man versteht das Wort lateinisch und in seiner eigentlichen Bedeutung (eins von den Büchern); dann kann man auch nur seinen Namen lateinisch dahinter setzen: Ex libris Caroli Schelleri. So geschah es im achtzehnten Jahrhundert. Oder man versteht Ex-Libris „deutsch“ als „Bücherzeichen“; dann kann man natürlich nur schreiben: Exlibris Karl Schellers. Das tut aber von Tausenden nicht einer! Alle setzen hinter Exlibris ihren Namen im Nominativ: Exlibris Eugen Reichardt, Exlibris Adolf von Groß, Exlibris Carl und Emma Eckhard. Das vernünftigste wäre ja, weiter nichts als seinen Namen hinzusetzen oder zu schreiben: Eigentum Oskar Leuschners oder Aus der Bibliothek (oder Bücherei) Paul Werners. Aber ohne die Worte oder das Wort Exlibris würde der ganze Sport den Leuten gar keinen Spaß machen. Man tauscht Exlibris, man tritt in den Exlibrisverein, man hält sich die Exlibriszeitschrift, und man druckt auf sein Bücherzeichen eine – Sprachdummheit.