Ein schönes Äußeres oder ein schönes Äußere? Großer Gelehrter oder großer Gelehrten?
Adjektiva und Partizipia, die substantiviert wurden, nahmen in der ältesten Zeit stets die schwache Form an, auch hinter dem unbestimmten Artikel. Reste davon sind Junge (ein Junge), eigentlich ein Junger, das in der Form Jünger noch daneben steht, und Untertan (e), eigentlich ein Untertaner. Später ist auch bei solchen substantivierten Adjektiven und Partizipien überall hinter ein die starke Form eingetreten: ein Heiliger, ein Kranker, ein Fremder, ein Gelehrter, ein Verwandter, ein Junges (von Hund oder Katze), ein Ganzes, und stark wird auch überall der alleinstehende artikellose Plural jetzt dekliniert: Heilige, Verwandte, Geistliche, Gelehrte, Junge (der Hund hat Junge bekommen). Werden aber diese substantivierten Adjektiva und Partizipia mit einem Adjektiv versehen, so erhält sich ihre schwache Form: ein schönes Ganze (noch genau so wie ein guter Junge), mein ganzes Innere, von auffälligem Äußern, mit zerstörtem Innern, und namentlich im Genitiv der Mehrzahl: eine Anzahl wunderlicher Heiligen, eine Versammlung evangelischer Geistlichen, ein Kreis lieber Verwandten, die Stellung höherer Beamten, die Arbeiten großer Gelehrten, ein Kreis geladner Sachverständigen, große Züge französischer Kriegsgefangnen, die Lehren griechischer Weisen usw.
Neuerdings versucht man, auch hier überall krampfhaft die starke Form durchzudrücken und lehrt, weil es heißt ein Ganzes, so müsse es auch heißen: ein schönes Ganzes, mein ganzes Inneres, ein ungewöhnliches Äußeres, mit zerrüttetem Innerm, und im Genitiv der Mehrzahl: ein Dutzend deutscher Gelehrter, die Aufnahme choleraverdächtiger Gefangner, das Eigentum französischer Staatsangehöriger, inmitten scheelblickender Fremder, die Genossenschaft deutscher Bühnenangehöriger, der Verband sächsischer Industrieller, zum Besten armer Augenkranker, zur Unterstützung verschämter Armer, die Anstellung pensionierter Geistlicher, Mißgriffe preußischer Polizeibeamter, die Einführung neugewählter Stadtverordneter, Geldbeiträge reicher Privater, der Streit zweier berühmter deutscher Gelehrter, die Zustimmung vieler amerikanischer, spanischer und französischer Gelehrter, die Einbildung etlicher wunderlicher Heiliger usw. Daß die gehäuften er in den Endungen nicht gerade schön klingen, würde nichts zu sagen haben; das ließe sich auch gegen manche andre Endung einwenden. Aber da die schwache Form in diesem Falle das ältere ist, so verdient sie unbedingt den Vorzug. Unsre besten Schriftsteller haben nie anders geschrieben als: zur Unterstützung verschämter Armen, Lieder zweier Liebenden, zur Bewaffnung unbegüterter Freiwilligen, inmitten eifersüchtiger Fremden usw. Wenn man heute hört: nach dem Urteil hervorragender Gelehrter, so vermißt man stets das Hauptwort, denkt sich unwillkürlich hervorragender gelehrter geschrieben (mit g) und meint, es müsse noch folgen: Männer. Nur die schwache Form erzeugt das Substantivgefühl. Ein schönes Ganzes und nach dem Urteil hervorragender Gelehrter sind unnatürliche, gewaltsame Erzeugnisse der Halbwisserei.
Eine Liederlichkeit ist es, substantivierte weibliche Adjektivformen, wie die Rechte, die Linke, die Weiße (eine Berliner Weiße), wie Substantiva zu behandeln und zu schreiben: die Einführung der Berliner Weiße; richtig ist nur: der Berliner Weißen, wie in seiner Rechten, auf der äußersten Linken. Auch die Herbstzeitlose gehört hierher und die junge Schöne, die natürlich ebenso wie die Maskulina im Genitiv der Mehrzahl bilden muß: Ein Kreis junger Schönen (nicht Schöner).