Höhenkurort für Nervenschwache ersten Ranges

Mit großer Schnelligkeit, bazillusartig, wie immer, hat sich seit einiger Zeit ein Fehler in der Wortstellung verbreitet, der noch vor fünfzig Jahren ganz undenkbar gewesen wäre, der Fehler, der in Verbindungen liegt, wie den folgenden: der Direktor Hittenkofer des Technikums zu Strelitzdas Töchterchen Alice des Herrn Hofhotelier Baumanndie Sektion Sterzing des österreichischen Touristenklubs. Hier sind zwei Konstruktionen in- und durcheinandergeschoben. Richtig ist es, zu sagen: der Direktor Hittenkofer; hier ist der Name Hittenkofer das Hauptwort, und der Direktor eine Apposition dazu. Richtig ist es auch, zu sagen: der Direktor des Technikums; hier ist der Direktor das Hauptwort, und des Technikums ein Attribut dazu. Aber falsch ist es, beide Konstruktionen so miteinander zu verbinden, wie es in den angeführten Beispielen geschehen ist; denn dann ist Hittenkofer das Hauptwort zu der Apposition der Direktor, und gleichzeitig der Direktor das Hauptwort zu dem Attribut des Technikums. Will man beide Konstruktionen verbinden, so kann es nur heißen: der Direktor des Technikums zu Strelitz Hittenkofer. Dann ist Hittenkofer das Hauptwort, der Direktor die Apposition dazu, und des Technikums das Attribut zur Apposition. Wer ein wenig Sprachgefühl hat, für den wird es dieser langen Auseinandersetzung gar nicht bedurft haben. Man denke sich, daß jemand sagen wollte: die Ballade Erlkönig Goethesder Doktor Meurer der Medizinder Minister von Dallwitz des Innernder Begründer Ritter der wissenschaftlichen Erdkundedas Mitglied Eugen Richter des Reichstags – jeder würde das für lächerlich und ganz unmöglich halten, und doch wären das ganz ähnliche Verbindungen.[140]

Wer sich den logischen Verstoß, der in solchen Ineinanderschiebungen liegt, nicht klarmachen kann, der müßte doch wenigstens stutzig werden, wenn er den abhängigen Genitiv, der sonst immer unmittelbar auf das Wort folgt, von dem er abhängt, hier durch ein dazwischengeschobnes Wort davon getrennt sieht! Es wird aber niemand stutzig; man schreibt ruhig: der Redakteur Küchling des Leipziger Tageblatts, der Direktorialassistent Prof. Vogel des städtischen Museums, der Sekondeleutnant von Guttenberg des Infanterieleibregiments, der Prokurist Hermann Becker der Firma Schimmel und Ko., der Insasse Körner des hiesigen Arbeitshauses, der Mönch Bernardus des Klosters St. Stephan, der Romananfang „Waldrauschen“ der Gartenlaube, das Segelboot Undine des Prinzen Demidoff, der Passagierdampfer Großer Kurfürst des Norddeutschen Lloyd, das Pferd Lippspringe des Freiherrn von Reitzenstein, die Komödie Hans Pfriem des Martin Hayneccius, die Marmorbüste Die Verdammnis des kurfürstl. sächs. Hofbildhauers Permoser, der Bezirksverband Sachsen des deutschen Schmiedeverbandes, die Ortsgruppe Zeitz des Allgemeinen deutschen Schulvereins, der Zweigverein Berlin-Charlottenburg des Allgemeinen deutschen Sprachvereins (!), die Haltestelle Zwischenbrücken der Plagwitzer Eisenbahn, die Strecke Faido-Lavorgo der Gotthardbahn und (das Neueste!): die Königin Wilhelmine der Niederlande, der Prinz Heinrich der Niederlande und die Königin-Mutter Emma der Niederlande. Und die angeführten Beispiele zeigen, daß der Fehler keineswegs bloß in Zeitungen grassiert, sondern auch in wissenschaftlichen Werken spukt.

Unleugbar hat der Fehler etwas bequemes, und das Bestreben, ihn zu vermeiden, manchmal etwas unbequemes. Aber wird er dadurch erträglicher? Wem es nicht gefällt, zu sagen: die Ortsgruppe des Allgemeinen deutschen Schulvereins Zeitz (natürlich ist das häßlich, aber doch nicht wegen der Wortstellung, sondern weil einer „Ortsgruppe“ frischweg ein Städtename beigelegt wird), der sage doch: die Zeitzer Ortsgruppe des Allgemeinen deutschen Schulvereins. Das ist deutsch.

Streng genommen ist es natürlich auch falsch, zu sagen: der Wetterbericht Nr. 200 des Meteorologischen Instituts. Hier drängt sich Nr. 200 eben so störend zwischen die beiden untrennbaren Glieder wie in den vorher angeführten Beispielen die Eigennamen; deutsch wäre: der 200. Wetterbericht des Meteorologischen Instituts. Ganz falsch ist: eine Stiftung von 7000 Mark des Landgerichtsrat N. – eine Handschrift von 240 Blatt der Münchner Hof- und Staatsbibliothekdie Abteilung für Kriegsgeschichte des Großen Generalstabsdie Adreßbücher für 1906 der Städte Berlin, Bremen und Breslauder Oberarzt für Hautkrankheiten des städtischen KrankenhausesHöhenkurort für Nervenschwache ersten RangesFriseurgeschäft für Herren und Damen ersten Rangesder Entwurf zu einem Brunnen des Herrn Werner Steindas Promemoria an die kurfürstliche Bücherkommission des Professors Ernestider Mangel an Selbstbewußtsein und Selbständigkeit der deutschen Mädchen – eine öffentliche Vorlesung gegen Entree der am beifälligsten begrüßten Produktionen – ein großes Konzert mit darauffolgendem Ball der ganzen Kapelle des Füsilierregiments Nr. 36 usw. Auch hier sind überall zwei Konstruktionen, und zwar beidemal ein Hauptwort mit Attribut (z. B. der Oberarzt des städtischen Krankenhauses und der Oberarzt für Hautkrankheiten), in unerträglicher Weise ineinander geschoben, unerträglich deshalb, weil dadurch der Genitiv von dem Worte weggerissen ist, zu dem er gehört. Freilich läßt sich auch in solchen Fällen nicht immer durch bloße Umstellung helfen. Schreibt man: der Oberarzt des städtischen Krankenhauses für Hautkrankheiten, so ist zwar die unsinnige Verbindung: Hautkrankheiten des städtischen Krankenhauses beseitigt; aber dafür wird nun das Mißverständnis möglich, daß es ein besondres Krankenhaus für Hautkrankheiten gebe. In solchen Fällen bleibt nichts übrig, als ein Partizip zu Hilfe zu nehmen und zu schreiben: der an dem städtischen Krankenhaus angestellte Oberarzt für Hautkrankheiten. Solche Partizipia werden so oft ganz überflüssigerweise hinzugesetzt (vgl. [S. 291]), daß man auch einmal eins hinzusetzen kann, wo es notwendig ist.

Besonders schlimm sind aber nun drei Verstöße gegen die Gesetze der Wortstellung, die zum Teil schon seit alter Zeit, zum Teil auch erst in neuerer Zeit für besondre Feinheiten und Schönheiten gehalten werden und deshalb nicht eindringlich genug bekämpft werden können. Der erste ist: