Mißbrauch des Bedingungssatzes

Das temporale Fügewort während, das zunächst zwei Vorgänge als gleichzeitig hinstellt, kommt auf sehr leichte und natürliche Weise dazu, zwei Handlungen einander entgegenzusetzen. Den Übergang sieht man an einem Satze wie folgendem: während ihr euerm Vergnügen nachgingt, habe ich gearbeitet; das Fügewort kann hier noch rein temporal aufgefaßt werden, hat aber schon einen Beigeschmack vom Adversativen. Man muß aber in der Anwendung dieser adversativen Bedeutung sehr vorsichtig sein, sonst kommt man leicht zu so lächerlichen Sätzen wie: während Herr W. die Phantasie von Vieuxtemps für Violine vortrug, blies Herr L. ein Nocturno für Flöte von Köhler – der Minister besuchte gestern (!) die Schulen zu Marienthal und Leubnitz, während er heute (!) die Besuche in den hiesigen Schulanstalten fortsetzte – König Albert brachte ein Hoch auf den Kaiser aus, während der Kaiser ihm dafür dankte.

Geradezu ein Unfug aber ist es, Bedingungssätze in adversativem Sinne zu verwenden. Es scheint das aber jetzt für eine ganz besondre Feinheit zu gelten. Man schreibt: wenn bei vielen niedrigen Völkern die Priester als Träger höherer Bildung zu betrachten sind, so ist das bei den Ephenegern nicht der Fall – wenn Adelung die Sprache hauptsächlich als Verständigungsmittel behandelt wissen wollte, so forderte Herder eine individuelle, schöpferische Empfindungssprache. Auch vergleichende Nebensätze werden schon, anstatt mit wie, mit wenn gebildet: wenn Indien die Geschichte der Philosophie in nuce enthält, so ist es an Materialien für die Geschichte der Religion gewiß reicher als ein andres Land – wenn bei uns vielfach über den Niedergang des politischen Lebens geklagt wird, so ist auch in Amerika, wo das politische Leben schon bisher nicht sehr hoch stand, ein solcher Niedergang bemerkbar – wenn der Verein schon immer bestrebt war, die reichen Kunstschätze Freibergs zu heben, so ist das in besonderm Maße in dem vorliegenden Hefte gelungen – war das Handpressenverfahren ungeeignet, so konnte das Typendruckverfahren hinsichtlich der Güte nicht genügen – war das Haus damals recht unbehaglich, so machten sich auch nach dem Umbau Übelstände bemerklich. Ebenso Kausalsätze: wenn die Macht der Sozialdemokratie in der Organisation liegt, so müssen wir uns eben auch organisieren. Ebenso Konzessivsätze: wenn die gestellte Aufgabe sich zwar (aha!) zunächst nur auf die Untersuchung der Goldlagerstellen bezog, so war es doch nötig, auch andre Minerale in den Kreis der Betrachtung zu ziehen. Sogar wo einfach zwei Hauptsätze am Platze wären, kommt man mit diesem wenn angerückt: wenn mein Herr Amtsvorgänger vorm Jahre viel gutes wünschte, so sind diese Wünsche nicht vergeblich gewesen – wenn im frühern Mittelalter die meisten Häuser einfache Holzhäuser gewesen waren, so ist man erst später aus diesem Zustande herausgekommen. Welcher Unsinn!

Wenn diese Art, sich auszudrücken, weitere Fortschritte macht, so kann es noch dahin kommen, daß der Bedingungssatz alle andern Arten von Fügewortsätzen nach und nach auffrißt.