Modewörter
Verbreitet werden neue Wörter namentlich durch die Jugend und durch die Ungebildeten, die keine Spracherfahrung haben, die nicht wissen, ob ein Wort alt oder neu, gebräuchlich oder ungebräuchlich ist; dann werden sie oft in kurzer Zeit zu Modewörtern. Daß es Sprachmoden gibt so gut wie Kleidermoden, und Modewörter so gut wie Modekleider, Modefarben, Modefrisuren und Modesitten, darüber kann gar kein Zweifel sein. In meiner Kinderzeit fragte man, wenn man jemand nicht verstanden hatte: Was? Dazu war natürlich zu ergänzen: hast du gesagt? Dann hieß es plötzlich: Was sei grob, man müsse fragen: Wie? Dazu sollte man ergänzen: meinen Sie? In neuerer Zeit kamen dann dafür die schönen Fragen auf: Wie meinen? (vgl. [S. 92]) und Wie beliebt? (was immer wie Bibeli klingt), und das Allerneueste ist, daß man den andern zärtlich von der Seite anblickt, das Ohr hinhält und fragt: Bötte?
Nun kommt ja unleugbar auch bisweilen eine hübsche Kleidermode auf, aber im allgemeinen wird doch die Mode gemacht von Leuten, die nicht den besten Geschmack haben. Oft ist sie so dumm, daß man sich ihre Entstehung kaum anders erklären kann, als daß man annimmt, der Fabrikant habe absichtlich etwas recht dummes unter die Leute geworfen, um zu sehen, ob sie darauf hineinfallen würden. Aber immer fällt die ganze große Masse darauf hinein, denn Geschmack ist, wie Verstand, „stets bei wenigen nur gewesen“. Ähnlich ist es mit den Modesitten. Kann es etwas dümmeres, lächerlicheres geben, als den Stock in die Rocktasche zu stecken oder ans Knopfloch zu hängen? etwas unritterlicheres, ja roheres, als daß der Mann auf der Straße die Frau nicht mehr führt, sondern sich bei ihr einhakt und sich von ihr schleppen läßt oder sie vor sich herschiebt? Aber mindestens neunzig von hundert Frauen sind darauf hineingefallen. Zuletzt, wenn eine Mode so gemein (d. h. allgemein) geworden ist, daß sie auch dem Beschränktesten als das erscheint, was sie für den Einsichtigen von Anfang an gewesen ist, als gemein (d. h. niedrig), verschwindet sie wieder, um einer andern Platz zu machen, die dann denselben Lauf nimmt. Vornehme Menschen halten sich stets von der Mode fern. Es gibt Frauen und Mädchen, die in ihrer Kleidung alles verschmähen, was an die jeweilig herrschende Mode streift; und doch ist nichts in ihrem Äußern, was man absonderlich oder gar altmodisch nennen könnte, sie erscheinen so modern wie möglich und dabei so vornehm, daß alle Modegänschen sie darum beneiden könnten.
Genau so geht es mit gewissen Wörtern und Redensarten. Man hört oder liest ein Wort – entweder ein neugebildetes oder, was noch öfter geschieht, ein bereits vorhandnes in neuer Bedeutung! – irgendwo zum erstenmal, bald darauf zum zweiten, dann kommt es öfter und öfter, und endlich führt es alle Welt im Munde, es wird so gemein, daß es selbst denen, die es eine Zeit lang mit Vergnügen mitgebraucht haben, widerwärtig wird, sie anfangen, sich darüber lustig zu machen, es gleichsam nur noch mit Gänsefüßchen gebrauchen, bis sie es endlich wieder fallen lassen. Aber es gibt immer auch eine kleine Anzahl von Leuten, die, sowie ein solches Wort auftaucht, von einem unbesiegbaren Widerwillen dagegen ergriffen werden, es nicht über die Lippen, nicht aus der Feder bringen. Und da ist auch gar kein Zweifel möglich; wer überhaupt die Fähigkeit hat, solche Wörter zu erkennen, erkennt sie sofort und erkennt sie alle. Er sagt sich sofort: das Wort nimmst du nie in den Mund, denn das wird Mode. Und wenn zwei oder drei zusammenkommen, die den Modewörterabscheu teilen, und sie vergleichen ihre Liste, so zeigt sich, daß sie genau dieselben Wörter darauf haben – ein Beweis, daß es an den Wörtern liegt und nicht an den Menschen, wenn manche Menschen manche Wörter unausstehlich finden. Ihrer Ausdrucksweise merkt aber trotzdem niemand an, daß sie die Wörter vermeiden, die klingt so modern wie möglich, niemand vermißt die Modewörter darin. Gewiß gibt es auch unter den Modewörtern einzelne, die an sich nicht übel sind. Aber das Widerwärtige daran ist, daß es eben Modewörter sind, daß sie eine Menge andrer guter Wörter, die bisher im Gebrauch waren, verdrängen, schließlich sogar in völlig unpassendem Sinn angewandt werden und doch das bißchen Reiz, daß sie im Anfange hatten, sehr schnell verlieren.
Im folgenden sollen einige Wörter zusammengestellt werden, die entweder überhaupt oder doch in der Bedeutung, in der sie jetzt fast ausschließlich angewandt werden, unzweifelhaft Modewörter sind. Die meisten davon stehen jetzt in vollster Blüte; einige haben zwar ihre Blütezeit schon hinter sich, sollen aber doch nicht übergegangen werden, weil sie am besten zeigen können, wie schnell dergleichen veraltet.
Darbietung. Als solche wird jetzt alles bezeichnet, was in einem Konzert oder an einem Vereinsabend geredet, gespielt oder gesungen wird: die gelungenste Darbietung des Abends – die Darbietungen des diesjährigen Pensionsfondskonzerts – das Programm enthielt auch einige solistische Darbietungen – die literarischen Darbietungen im Stil der freien Bühne usw.
Ehrung. Für Ehrenbezeigung oder Auszeichnung. In Ehrungen wird jetzt ungemein viel geleistet.
Note. Wofür? Ja, wer das sagen könnte! man schwatzt von einer eignen, einer besondern, einer persönlichen, einer intimen Note: das Leipziger Barock besitzt eine eigne Note – was dem Buche noch eine besondre Note gibt, ist, daß es ein späterer Papst geschrieben hat – ein Haus gibt seine intime Note an ein andres Haus weiter – wenn auch die Sammlung meist Kunstwerke enthält, so fehlt doch auch die Note des Absonderlichen nicht – mit dem fußfreien Rock hat die Modedame ihre Erscheinung auf die Note des Mädchenhaften gestimmt. Das letzte Beispiel ist völliger Unsinn, denn hier ist außerdem noch Note mit Ton verwechselt.
Prozent oder Prozentsatz. Für Teil. Aus der Sprache der Statistik. Man sagt nicht mehr: über die Hälfte aller Arbeiter, sondern: über fünfzig Prozent aller Arbeiter, nicht mehr: ein ganz geringer Teil der Künstler, sondern: ein ganz geringer Prozentsatz der Künstler darf hoffen, als Bildhauer oder Maler vorwärts zu kommen. Man sagt nicht: ein großer Teil der Studenten ist faul, sondern man klagt über den Unfleiß (!) eines großen Prozentsatzes der „Studierenden“.
Rückschluß, Rückschlag und Rückwirkung. Für Schluß, Einfluß und Wirkung. Schlüsse und Wirkungen gibt es nicht mehr, nur noch Rückschlüsse und Rückwirkungen. Von Rück- ist aber meist gar nicht die Rede.
Unstimmigkeit. Törichte Neubildung für Widerspruch, Meinungsverschiedenheit, Mißhelligkeit. Es gibt einstimmige und vierstimmige Lieder, es gibt auch Einstimmigkeit bei Abstimmungen, aber es gibt weder Stimmigkeit noch Unstimmigkeit.
Verfehlung. Mattherzig bemäntelndes Wort für Verbrechen, Vergehen. Für Betrügereien, Unterschlagungen, Fälschungen, Bilanzverschleierungen, betrügerische Bankerotte, Ehebrüche u. dgl. sehr beliebt.
Bedeutsam. Aufs unsinnigste mißbrauchtes Wort. Goethe sagt in seiner Beschreibung von dem Selbstbildnis des jungen Dürer, der Maler halte das Blümlein Mannstreu bedeutsam in der Hand. Das heißt so viel wie bedeutungsvoll: der Maler habe damit sinnbildlich oder symbolisch etwas andeuten wollen. Von dieser schönen ursprünglichen Bedeutung des Wortes ist heute nicht der leiseste Hauch mehr zu spüren. Kein zweites Wort ist binnen wenigen Jahren so heruntergebracht, so scheußlich entwertet worden wie dieses schöne Wort. Für alles mögliche muß es herhalten, für groß, wichtig, bedeutend, hervorragend, wertvoll, brauchbar usw. Wenn man über eine Sache nichts, gar nichts zu sagen weiß, so nennt man sie bedeutsam. Man schreibt: der Verfasser hat auch über Luther, Kant, Fichte und Hegel bedeutsame Bücher geschrieben – diese Zusammenstellung ist nicht bloß sprachgeschichtlich, sondern auch kulturgeschichtlich bedeutsam – das Buch wird der Erkenntnis Bahn brechen, daß die Bildhauerei des damaligen Deutschlands eine (!) bedeutsame war – für den Buchstaben G lagen schon aus Hildebrands Nachlaß bedeutsame Ergänzungen vor – auch in dem Holzschnittwerk des Meisters findet sich eine bedeutsame Nummer – in Amerika sind für die deutsche Sprache bedeutsame Ereignisse zu verzeichnen – die Thronrede mußte um so bedeutsamer wirken, als Österreich jetzt im Brennpunkt des Interesses steht – daß diese Gedanken von einer Frau ausgesprochen wurden, schien dem Herausgeber bedeutsam genug, um (!) sie hier mitzuteilen. Man schwatzt von bedeutsamen Bekanntschaften, Erfolgen, Aufgaben, Funden, Kunstwerken, von einer für die Kulturgeschichte bedeutsamen Veröffentlichung, von einer bedeutsamen Umgestaltung des Schulwesens, von dem bedeutsamsten Teil der Wettinischen Lande, von einem bedeutsamen Hinweis auf Pflanzenstudien, von bedeutsamen Probeleistungen einer Kunstgewerbeschule, von bedeutsamen politischen Momenten (was mag das sein?), ja sogar von einem bedeutsamen Mozartinterpreten (!), von kunstvollen, bzw. (!) durch (!) die Namen ihrer einstigen Besitzer bedeutsamen Armbrüsten und von der bedeutsamen Stellung, die in der Kundschaft der Fleischer die Schänkwirte einnehmen. Jammerschade um das einst so sinnvolle, gehaltvolle Wort!
Belangreich und belanglos. Zwei herrliche Wörter, obgleich kein Mensch sagen kann, was Belang ist, und ob es der Belang oder das Belang heißt.
Besser. Wird jetzt mit Vorliebe nicht mehr als positive Steigerung von gut, sondern als negative Steigerung von schlecht gebraucht, also in dem Sinne von weniger schlecht. Herrschaften suchen täglich in den Zeitungen bessere Mädchen, und Mädchen natürlich nun auch bessere Herrschaften oder auch, wenn sie sich verheiraten wollen, bessere Herren. Ein Zeitungsverleger versichert, daß seine Zeitung in allen bessern Hotels und Cafés ausliege, und ein Geheimmittelfabrikant, daß sein Fabrikat in allen bessern Apotheken und Drogengeschäften „erhältlich“ sei. Folglich ist gut jetzt besser als besser.
Eigenartig. Äußerst beliebt als Ersatz für das Fremdwort originell und zugleich für eigentümlich, worunter man jetzt nur noch so viel wie wunderlich oder seltsam zu verstehen scheint. Oft auch bloßer Schwulst für eigen (vgl. [S. 400]): ein eigenartiger Reiz, ein eigenartiger Zauber, eine eigenartige Weihe usw.
Einwandfrei. Schöner neuer Ersatz für tadellos und zugleich für unanfechtbar: gesunde, frische, einwandfreie Milch – ein sittlich einwandfreier Priester – eine absolut einwandfreie Berliner Familie. Daß man nur von Dingen frei sein kann, die einem auch anhaften können (vgl. fehlerfrei, fieberfrei), daran wird gar nicht gedacht.
Erheblich. Altes Kanzleiwort, das man schon für tot und begraben gehalten hatte, das aber seit einiger Zeit wieder hervorgesucht und nun, als Adjektiv wie als Adverb, zum Lieblingswort aller Juristen, Beamten und Zeitungschreiber geworden ist (für groß, wichtig, bedeutend, wesentlich). Es gibt nichts in der Welt, was nicht entweder erheblich oder unerheblich oder – nicht unerheblich wäre: eine Wunde, ein Schadenfeuer, eine Gehaltsverbesserung, eine Verkehrsstörung, alles ist erheblich. So heißt es auch vor Komparativen nicht mehr viel, sondern nur noch erheblich: erheblich besser, erheblich größer usw.
Froh und viele Zusammensetzungen damit: arbeitsfroh, bildungsfroh, genußfroh, sangesfroh, kunstfroh, farbenfroh, fleischfroh (der fleischfrohe Rubens!), wirklichkeitsfroh, namentlich in der Kunstschreiberei jetzt äußerst beliebt. Wir leben in einer kunstfrohen Zeit, in der es viele novitätenfrohe Kunstfreunde gibt.
Glatt. Modewort von der mannigfachsten Bedeutung: leicht, schnell, sicher, offenbar usw.: der Verkehr wickelte sich glatt ab – er fiel mit seinem Antrage glatt ab – es steht zu hoffen, daß die Heilung der Wunde glatt erfolgen wird – es liegt ein ganz glatter Betrug vor – sogar: das liegt auf glatter Hand (statt: auf flacher)!
Großzügig. Neues Glanzwort, das alle Welt berauscht oder wenigstens berauschen soll. Wenn man sich früher bei einer Darstellung auf große Züge beschränkte, so wurde sie gewöhnlich oberflächlich. Nun kann man ja in anderm Sinne auch von den großen Zügen (Linien) einer Gebirgslandschaft, also allenfalls auch von einer großzügigen Gebirgslandschaft reden. Was soll man sich aber darunter denken, wenn es heißt: ein großzügiges Regierungsprogramm wird aufgerollt (!) – es fehlt dem Wahlkampf an einer großzügigen Bewegung – einen Zufall gibt es für diesen Standpunkt (!) großzügiger Auffassung nicht – die protestantischen Völker verfolgen großzügig ihre Ziele – seiner großzügigen Persönlichkeit entsprechend hat Begas sein Lehramt ohne Pedanterie verwaltet – das Denkmal ist eine großzügige deutsche Tat, auf die Leipzig stolz sein kann – G. verrät in seinen Porträtköpfen eine großzügige Eigenart – zeichnerische Genialität und malerische Kraft paaren sich mit großzügigem Realismus? Was soll man sich unter einer großzügigen Stadtverwaltung, unter großzügigen Straßennetzen, Bebauungsplänen und Bauschöpfungen, einem großzügig redigierten Familienblatt, unter der großzügigen Formensprache des Barock und der imposanten Großzügigkeit seiner Fassaden vorstellen? Was sind das für „Züge“, an die man dabei denken soll? Gemeint ist bald einfach groß oder großartig, bald reich, kräftig oder schwungvoll, bald geistreich oder geistvoll, bald weitherzig oder weitblickend. Das alles soll jetzt das alberne großzügig ausdrücken! Es ist ein ganz infames Klingklangwort, ohne allen Sinn und Inhalt, so recht für die gedankenlose, groß–mäulige Schwätzerei unsrer Tage ersonnen, namentlich für die Kunstschwätzerei, aus deren Kreisen es höchstwahrscheinlich auch stammt.
Hochgradig. Für hoch oder groß; aus der Sprache der Ärzte: hochgradiges Fieber. Dann auch hochgradige Erregung, hochgradige Erbitterung usw.
Jugendlich. Modeersatz für jung, das vollständig in Verruf gekommen ist. Hat namentlich seit der Thronbesteigung des jetzigen Kaisers um sich gegriffen. Den wagte man nicht jung zu nennen – wahrscheinlich hielt man das für eine Majestätsbeleidigung –, man sagte immer: unser jugendlicher Kaiser, und genau so ging es dann wieder mit dem jugendlichen Kronprinzen. Welch großer Unterschied zwischen jung und jugendlich ist, welch erfreuliche Erscheinung z. B. ein jugendlicher Greis, welch klägliche ein junger Greis ist, dafür hat man gar kein Gefühl mehr, fort und fort redet man von jugendlichen Arbeitern, jugendlichen Übeltätern, Verbrechern, Dieben, Brandstiftern, einer jugendlichen Sängerschar, sogar jugendlichen, unter sechzehn Jahren alten Mädchen; den siebenjährigen Knaben Mozart nennt man den jugendlichen Mozart und den sechzehnjährigen Studenten Goethe den jugendlichen Goethe und betont das jugendliche Alter, in dem er die Universität bezog! Überall ist jung gemeint, und jugendlich wird gesagt und geschrieben.
Minderwertig. Verhüllender Ausdruck für schlecht, wertlos, unbrauchbar. Irgendeinen Menschen oder eine Sache schlecht zu nennen, hat man nicht mehr den Mut; man spricht nur noch von minderwertigem Fleisch, minderwertigen Kartoffeln, minderwertigen Existenzen, sogar von minderwertigen Referendaren.
Offensichtlich. Lieblingswort der Zeitungschreiber, zusammengebraut aus sichtlich und offenbar: die offensichtliche Gefahr, offensichtliche Mängel, mit offensichtlichem Stolz usw.
Schneidig. Blühendes Modewort zur Bezeichnung der eigentümlichen Verbindung von äußerlicher Schniepelei und innerlicher Roheit, Fatzkentum und Landsknechtswesen, in der sich ein Teil unsrer jungen Männerwelt jetzt gefällt. Zum Glück im Rückgange begriffen.
Selbstlos. Kühne Bildung. Eine Zeit lang sehr beliebt zur Bezeichnung des höchsten Grades von Uneigennützigkeit und Opferwilligkeit. Hat aber auch schon ziemlich abgewirtschaftet.
Tiefgründig. Neues Modewort. Man spricht von tiefgründiger, das soll heißen: in die Tiefe gehender Arbeit und Forschung, aber auch von tiefgründigen, das soll heißen geheimnisvollen Kunstwerken: Klingers Werke sind viel zu tiefgründig (!), um dem unvorbereiteten Betrachter schnell ihren Gehalt zu offenbaren – endlich aber auch schon von tiefgründiger (statt tiefer!) Vaterlandsliebe.
Tunlich und angängig. Lieblingswörter der Kanzleisprache für möglich: mit tunlichster Bälde.
Uferlos, für endlos: uferlose Debatten, die Darstellung verliert sich in uferlose Breite. Ja ja, wir sind ein seefahrendes Volk geworden.
Unerfindlich. Für unbegreiflich oder unverständlich. Verfehlt gebildet, da erfinden in dem Sinne, wie es in unerfindlich verstanden werden soll, ungebräuchlich ist. Trotzdem eine Zeit lang sehr beliebt, jetzt im Rückgange.
Ungezählt. Sehr beliebte neue Modedummheit für unzählig, zahllos, ja sogar für zahlreich. Napoleon stand einer Streitmacht ungezählter Kosaken gegenüber – die Stadtchronik berichtet von ungezählten Festen – dieser Schrank birgt ungezählte Zinnkannen – die Atmosphäre ist mit ungezählten Kohlenteilchen erfüllt – Messel hat im Wertheimpalast Normen geschaffen, die bestimmend für ungezählte Warenhäuser wurden – eine ungezählte Menge drängte sich nach dem Unglücksplatz – ungezählte Deutsche feiern heute den Geburtstag des großen Kanzlers – der Roman erlebte ungezählte Auflagen. Ob eine Menge gezählt worden ist, darauf kommt es doch gar nicht an, sondern darauf, ob sie gezählt werden konnte! Die Auflagen eines Buches aber werden wirklich gezählt.
Verläßlich. Modewort für zuverlässig. Wunderliche Verirrung! Zuverlässig ist ein schönes, kräftiges Wort; wer zuverlässig ist, auf den kann man sich wirklich verlassen. Einem Verläßlichen würde ich nicht über den Weg trauen; das Wort hat gleich so etwas widerwärtig weichliches.
Vornehm. Im Superlativ ausschließlicher Ersatz für alle Zusammensetzungen, die früher mit Haupt- gebildet wurden. Für Hauptursache, Hauptbedingung, Hauptzweck, Hauptaufgabe heißt es nur noch: die vornehmste Ursache, die vornehmste Bedingung, der vornehmste Zweck, die vornehmste Aufgabe. Je öfter man vornehm schreibt, desto vornehmer kommt man sich selber vor.
Zielbewußt. Von der sozialdemokratischen Presse in Umlauf gesetzt und eine Zeit lang von ihr mit blutigem Ernst gebraucht. Heute nur noch mit Gänsefüßchen möglich: ein „zielbewußter“ Autographensammler u. ähnl.
Abstürzen. Für herabstürzen oder hinabstürzen; namentlich von den Alpenfexen verbreitet. In den Zeitungen stürzen aber schon nicht mehr bloß Bergkletterer ab, sondern auch Steinblöcke in Steinbrüchen, Turner vom Reck, Kinder vom Straßenbahnwagen usw. Man setze fallen für stürzen, und man wird die Lächerlichkeit fühlen! Ab mit Zeitwörtern zusammengesetzt bedeutet ja die Trennung, die Entfernung; vgl. abfallen, abgehen, abfahren, absenden, abspringen, abnehmen, abreißen, abhauen, abschneiden usw.
Anschneiden und aufrollen. Eine Frage, ein Thema wird nicht mehr berührt, angeregt – das ist viel zu fein –, sondern entweder werden sie angeschnitten, wie eine Blutwurst, oder sie werden aufgerollt, wie ein Treppenläufer oder eine Linoleumrolle. Das ist die Bildersprache der Gegenwart! Und wenn eine Frage dann aufgerollt oder angeschnitten ist, dann kommt es darauf an, sich ein tüchtiges Stück abzuschneiden. Gelingt einem das, dann hat man gut abgeschnitten, das soll heißen: man ist gut dabei weggekommen. Wie wird Deutschland dabei abschneiden?
Auslösen. Für erregen, wecken, hervorrufen, veranlassen. Aus der Mechanik, wo es so viel bedeutet, wie durch Beseitigung einer Hemmung irgend etwas in Bewegung oder Tätigkeit setzen: der Dichter will uns nicht seine Gedanken aufnötigen, sondern unsre eignen Gedanken auslösen – ein Wort, das gerade in diesem Zusammenhange eigentümliche Empfindungen auslösen mußte – ob ein Unlustgefühl eine Handlung auszulösen imstande ist – Eindrücke, die leicht pathologische Reize auslösen – durch frische Luft wird körperliches Wohlbefinden ausgelöst – allgemeine Heiterkeit löste folgender Vorfall aus. Aber auch: manche lyrische Gedichte Goethes lassen sich in der Musik nicht voll (!) auslösen – in den ersten Monaten seiner Universitätszeit löste sich (!) bei ihm eine kräftige Fuchsenstimmung aus. Schön gesagt!
Ausschalten. Für beseitigen, fernhalten, vermeiden, unnötig machen, aufgeben usw.: der Einfluß des Charakters kann natürlich nicht ausgeschaltet werden – nachdem alle andern Projekte ausgeschaltet sind – um sprachliche Erklärungen des Textes von vornherein auszuschalten. Man muß doch zeigen, daß man mit dem Telephon und dem elektrischen Licht Bescheid weiß.
Bedeuten. Gespreizter Ersatz für sein, für die ganz einfache „Kopula“: sein Tod bedeutet für die gesamte Kunst einen schweren Verlust – eine dreiköpfige Leitung würde eine äußerst bedenkliche Einrichtung bedeuten – die Schülerfahrt nach Weimar soll für jeden Teilnehmer ein unvergeßliches Erlebnis bedeuten – welche Ermäßigung das gegenüber dem jetzigen Tarif bedeuten würde, mag folgendes Beispiel zeigen – diese Art der Einordnung bedeutet einen willkürlichen Anachronismus – Gobineaus letzte Lebensjahre bedeuten den Schlußakt eines erschütternden Trauerspiels – der Tod der Königin bedeutete für Southampton das Ende der Kerkerhaft. (Vgl. darstellen.)
Begrüßen. Neuerdings sehr beliebt statt: willkommen heißen. Begrüßen ist aber ein neutraler Begriff; man kann etwas mit Freuden, mit Jubel, dankbar, aber auch kühl, gleichgiltig, mit sauersüßer Miene begrüßen. Es ist also nichtssagend, wenn geschrieben wird: es wäre zu begrüßen, wenn solche Untersuchungen weiter angestellt würden – daß Bach mit Chorälen vertreten ist, kann man nur begrüßen – wir müssen es immer begrüßen, wenn ein Mann der Wissenschaft die Gabe volkstümlicher Darstellung besitzt (!).
Bekannt geben. Für bekannt machen, weil machen nicht mehr für fein gilt. Freilich wird ein bißchen viel gemacht: ein Mädchen macht sich erst die Haare, dann macht sie die Betten, dann macht sie Feuer usw. Sonntags macht der Leipziger sogar nach Dresden. Trotzdem ist bekannt geben eine Abgeschmacktheit.
Sich beziffern. Statt betragen, sich belaufen. Aus der Statistik, die ja keine Zahlen kennt, sondern nur Ziffern (obwohl sich Ziffer zu Zahl verhält wie Buchstabe zu Laut und Note zu Ton): Bevölkerungsziffer, Durchschnittsziffer – ich kann Ihnen noch einige Ziffern vorlegen – das Personal beziffert sich auf hundert Köpfe – der Verlust beziffert sich auf 30000 Mann usw.
Darstellen. Schauderhaft gespreizter Ersatz für bilden in dem Sinne von sein (vgl. bedeuten). Schon bilden war überflüssige Ziererei, wenn man an seine eigentliche Bedeutung denkt. Nun vollends darstellen! Und doch wird jetzt nur noch geschrieben: ein Staatspapier, wie es unsre Konsols bisher darstellten – der Jahresbericht, den die zweite Lieferung des Buches darstellt – das Geschwader stellt eine bedeutende Streitmacht dar – die Zusammenkünfte sollen ein kollegiales Bindemittel darstellen – diese Bahn stellt den nächsten Landweg von Mitteleuropa nach Indien dar – diese Beschäftigung stellt keine ausreichende Tätigkeit dar – die Menschheit, die trotz aller Mängel doch nicht bloß eine Schar von armen Sündern darstellt – Bücherschätze, die ein herrliches Zeugnis für die Freigebigkeit früherer Jahrhunderte darstellen – die Akademie stellt einen zusammenhängenden Organismus dar – ein Gebiet, das an dem großen Baume des Kunstgewerbes nur einen Ast darstellt – ein Unternehmen, bei dem die hochtönenden Namen offenbar die Hauptsache darstellen – das Fleisch der Seefische stellt auch für den Arbeiter ein vollwertiges Nahrungsmittel dar – unterliegt ein Volk seinem Gegner, so bleibt nur der Schluß, daß es einen weniger lebensfähigen Typ (!) repräsentiert (!), als ihn der Sieger darstellt (d. h. nicht so lebensfähig ist wie der Sieger!). Kann es einen alberneren Sprachschwulst geben?
Einschätzen. Es wird nichts mehr geschätzt, beurteilt, für etwas gehalten, sondern alles wird eingeschätzt: ein Buch, das der Kritiker dieses Blattes hoch einschätzt – ein Parteifreund, der die ultramontane Gefahr minder hoch einschätzt – man muß sich selbst beobachten und studieren, um seine Fähigkeiten richtig einzuschätzen – sie nahm zu einem Manne ihre Zuflucht, dessen Charakter sie falsch einschätzte – auch die Einschätzung der künstlerischen Tätigkeit ist dem Wechsel der Zeiten unterworfen – 1849 gab es nicht einen Menschen, der Goethes Wert richtig einschätzte – das Buch ermöglicht uns eine richtige Einschätzung der Verhältnisse unsers Grenznachbars – ein Diplomat, der die Gewähr bietet, daß er Stimmungen und Personen aus eigner Anschauung einzuschätzen weiß – sein Idealismus schätzte den Opfermut seiner Landsleute zu hoch, die Schwierigkeiten zu niedrig ein – Zöllners Musik zur Versunknen Glocke ist höher einzuschätzen als seine Faustmusik. Warum denn ein-? Eingeschätzt wird man bei der Steuer, sonst nirgends. Dort hat das ein- seinen guten Sinn, denn man wird durch die Schätzung in eine bestimmte Steuerklasse gesetzt, und daran hängt die Verpflichtung, eine bestimmte Steuer zu bezahlen. Irgendein dummer Kerl hat das Wort für schätzen, beurteilen gebraucht, und die gescheitesten Leute sind darauf hineingefallen. Hat man gar kein Gefühl mehr für die Bedeutung eines Wortes, daß man solchen Unsinn sagt, wie hohe Einschätzung der Kunst? Muß man denn auf Schritt und Tritt an den Steuerzettel erinnert werden?
Einsetzen. Seit einigen Jahren großartiges Modewort für anfangen und beginnen, und gleichfalls eins der schlagendsten Beispiele von der Gedankenlosigkeit, mit der solche Wörter nachgeplärrt werden. Das Wort ist von den Musikschreibern in die Mode gebracht worden. In einer Fuge setzen die einzelnen Stimmen hintereinander ein, jede Stimme nämlich in das, was die vorhergehende schon singt. Das hat guten Sinn. Aber die erste Stimme – setzt die auch ein? Nein, die beginnt oder fängt an, denn sie ist eben die erste. Und das ist nun der Blödsinn, und diesen Blödsinn haben die Musikschreiber selbst aufgebracht, daß einsetzen als Modewort ausschließlich für das wirkliche anfangen oder beginnen gebraucht wird, außerdem aber noch für viele andre Wörter, auf die man zu faul ist sich zu besinnen. Bücher und Zeitungen wimmeln von Beispielen: die Untersuchungen über die Grenzen der Instrumentalmusik setzen erst nach Beethoven ein – die Festspiele haben Mittwoch mit Don Juan unter sehr günstigem Stern eingesetzt – ihre greifbarste Gestalt haben diese Bestrebungen in dem Einsetzen (Entstehung, Gründung) der deutschen Liedertafeln – die Verhandlungen setzten sehr ruhig ein – überaus heftig setzte alsbald die Kritik ein – groß und vielversprechend setzt Klingers Schaffen ein – die Kampftage waren vorüber, das Strafgericht setzte mit alter Herzlosigkeit ein – die Romantik setzt in Dresden früh und mit Entschiedenheit ein – damit hat Uhlfeldt sein Schicksal besiegelt, und die fallende Handlung setzt ein – die Kunst kann erst einsetzen, wenn dem Schauspieler die Seele der dargestellten Person in Fleisch und Blut übergegangen ist – die Mode, bei Abendgesellschaften farbige Schuhe zu tragen, hat schon eingesetzt – hier hört der Historiker auf, und der Theolog setzt ein – Paul Krügers Memoiren setzen mit seiner Jugend ein – die aufbewahrten Schreiben von Freytags Hand setzen mit dem Jahre 1854 ein – die heutige Verhandlung setzte mit einem Briefe Schmidts ein – dogmatische Spekulation setzte schon zur Zeit der Entstehung der Evangelien ein – in dieser Zeit scheinen seine Bemühungen um eine Professur einzusetzen – die Scheidung der Mundarten hat bereits im sechzehnten Jahrhundert eingesetzt – der wirtschaftliche Niedergang setzte im Jahre 1901 ein – im Frühjahr setzt regelmäßig eine stärkere Bautätigkeit ein – das Erdbeben setzte 5 Uhr 30 Minuten ein – die schon früh einsetzende Dunkelheit erhöht die Gefahr – als ob die Brauchbarkeit der Halle bewiesen werden sollte, setzte am Nachmittag ein gelinder Regen ein – ja sogar: für die diesjährige Saison haben die Fabrikanten mit billigen Preisen eingesetzt (!) – die Diskussion in der Presse beginnt (!) bereits einzusetzen – es beginnt (!) hier eine Entwicklung einzusetzen, die möglicherweise zu irrigen Schlüssen führen könnte. Wem diese Beispiele den Appetit noch nicht verdorben haben, der sammle in den nächsten drei Tagen selber weiter, bis ihm der Appetit vergeht. Vernünftigen Sinn hat es, wenn man schreibt: Hier muß die Wissenschaft einsetzen, wenn sie zu einer befriedigenden Lösung der Frage kommen will; denn hier schwebt ein ganz andres Bild vor, nämlich das vom Einsetzen oder Ansetzen des Hebels. Aber Unsinn ist es wieder, zu schreiben: Hier will mein Buch einsetzen (für eingreifen, einspringen, in die Lücke treten).
Einstellen. Aus der Sprache des Photographen, der die Camera einstellt: der Blick, die Aufmerksamkeit muß auf diesen Punkt eingestellt werden. Warum denn nicht: gelenkt, gerichtet, geleitet?
Entgegennehmen. Spreizwort für annehmen. Anfangs nahm bloß der Kaiser das Beglaubigungsschreiben des Botschafters eines auswärtigen Souveräns entgegen. Das entgegen malte das Zeremoniell der feierlichen Handlung. Jetzt werden auch Geldbeiträge für öffentliche Sammlungen, Blumenspenden für Begräbnisse, Anmeldungen neuer Schüler, Inserate für die nächste Nummer, Bestellungen auf das nächste Quartal nur noch entgegengenommen – immer feierlich, herablassend. Sogar die Kürschnergesellen nehmen ihren Jahresbericht entgegen, und der Angeklagte nimmt das Todesurteil gefaßt, das Publikum aber nimmt es mit tiefem Schweigen entgegen.
Erübrigen und sich erübrigen. Ein schlagendes Beispiel dafür, welche Verwirrung durch überflüssige und halbverstandne Neubildungen angerichtet werden kann. Erübrigen war bisher ein transitives Zeitwort und bedeutete so viel wie sparen, zurücklegen: ich habe mir schon ein hübsches Sümmchen erübrigt. Das hat man neuerdings angefangen intransitiv zu gebrauchen in dem Sinne von übrig bleiben: es erübrigt noch, allen denen meinen Dank auszusprechen – es erübrigt nur noch, besonders darauf hinzuweisen usw. Andre aber, die das Wort wohl hatten klingen hören, aber nicht auf den Zusammenhang geachtet hatten, fingen gleichzeitig an, es in dem Sinne von überflüssig sein zu gebrauchen: auf die ganze Tagesordnung erübrigt es heute einzugehen – hier erübrigt jedes weitere Wort – es erübrigt für mich jede weitere Bemerkung – ein ausdrücklicher Verzicht erübrigt von selbst. Noch andre endlich machten das Wort in der zweiten Anwendung zum Reflexiv und schrieben: die Ratschläge, deren Wiedergabe sich erübrigt – alle weitern Schritte erübrigen sich hierdurch – es erübrigt sich wohl, noch besonders darauf hinzuweisen – es erübrigt sich, auch nur ein Wort darüber zu verlieren. In solchen Quatsch gerät man, wenn man vor lauter Modenarrheit zwei guten, deutlichen Ausdrücken wie übrig bleiben und überflüssig sein aus dem Wege geht.
Erzielen. Ausschließlicher Ersatz für erreichen. Erreicht wird nichts mehr; Nutzen, Gewinn, Vorteil, Ergebnisse, Erfolge, alles wird erzielt.
Führen. Statt hervorragen, Bahn brechen, den Ton angeben. Man spricht nur noch von führenden Geistern, Denkern, Persönlichkeiten, Kunstschriftstellern, Chirurgen, von der führenden Presse, von Leuten, die eine führende Stelle oder Stellung einnehmen, eine führende Rolle spielen, und Henckell Trocken ist die führende Marke! Bei hervorragen sah man gleichsam eine stillstehende Reihe oder Gruppe vor sich; bei führen sieht man die ganze Bande marschieren, und zwar im Gänsemarsch.
Im Gefolge haben. Modephrase für: zur Folge haben. Bisher hatte nur ein Fürst ein Gefolge; jetzt heißt es: die Not hat Unzufriedenheit im Gefolge – Reformen, die die Schmälerung des Profits im Gefolge haben könnten – anarchistische Bestrebungen, die reaktionäre Maßregeln im Gefolge haben – der Fall hatte eine fünfjährige Freiheitsstrafe im Gefolge – es ist nicht zu verkennen, daß die Preßfreiheit auch schwere Schäden im Gefolge hatte. Man überlege sich nur, was für Unsinn man da hinschreibt!
Gestatten. Feiner Ersatz für erlauben, das ganz ins alte Eisen geworfen ist. Hat aber seine Laufbahn ziemlich rasch zurückgelegt. Auch der Handlanger sagt schon, ehe er einem auf die Füße tritt: Gestatten! so gut wie er schon die Zigarette nachlässig zwischen den Lippen hängen hat. Wo bleibt nun die Feinheit?
Landen für ankommen. Anfangs als Scherz, jetzt aber in vollem Ernst geschrieben: als Schiffbrüchiger landete er in Rom – 1842 war Wagner nach langer Wanderung in Dresden gelandet (wahrscheinlich kam er mit dem Schandauer Dampfschiff).
Rechnung tragen. Beliebte Phrase des Kanzleistils und bequemer Ersatz für alle möglichen Zeitwörter und Redensarten: wir sind bemüht, diesen Beschwerden Rechnung zu tragen (abzuhelfen!) – Ihrem Wunsche, den Gebrauch der Fremdwörter einzuschränken, werden wir gern Rechnung tragen (erfüllen!) – es finden sich Bearbeitungen von den einfachsten bis zu den schwierigsten, sodaß allen Vereinen Rechnung getragen ist (Rücksicht genommen!) – es war zu erwarten, daß das Volk durch eine Landestrauer seinen Gefühlen Rechnung tragen würde (Ausdruck geben!) – dieser Auffassung haben wir auch Rechnung getragen (bestätigt!) – wie wenig die Verwaltung diesem Grundsatz Rechnung getragen hat (gefolgt ist!).
Schreiten, beschreiten, verschreiten. Für gehen oder sich wenden. Man schreitet, oder noch lieber: man verschreitet zur Wahl, zur Abstimmung, zur Veröffentlichung, zur Operation, ja sogar zum Aufgießen des Tees. Fürsten gehen nie, sie schreiten immer: der Kaiser schritt zunächst durch die Sammlung der Musikinstrumente. Aber auch: die Maori schreiten unaufhaltsam ihrem Untergang entgegen – immer mit gehobnen und gestreckten Beinen, wie die Rekruten auf dem Drillplatze.
Tragen. Feierlicher Ersatz für bringen: wir tragen dem Kaiser Liebe und Vertrauen entgegen. Nur schade, daß man einem nur etwas in den Händen oder auf einem Präsentierteller entgegentragen kann, in seinem Innern aber doch nur entgegenbringen. Ganz besonders aber ist getragen sein jetzt beliebtes Spreizwort für erfüllt sein: von künstlerischer Überzeugung getragen – von patriotischer Wärme getragen – von religiöser Gläubigkeit getragen – von wissenschaftlichem Ernst getragen – von düsterm Pessimismus getragen – eine von hoher Begeisterung getragene Rede – eine fesselnde, von staunenswerter Belesenheit getragene Darstellung – eine von froher Geselligkeit getragene Veranstaltung – die geräuschlose, von warmer Fürsorge für die Jugend getragene Arbeit – der Kommers nahm einen von echt studentischem Geiste getragenen Verlauf – der Empfang des Kaisers war von herzlicher Begeisterung getragen usw. Man muß immer an einen Luftballon denken.
Treten. Ebenso beliebt wie schreiten. Einer Frage wird näher getreten, das Ministerium ist zu einer Beratung zusammengetreten, und besonders gern wird in etwas eingetreten: Arbeiter treten in einen Streik, sogar in einen Ausstand ein, eine Versammlung tritt in eine Verhandlung ein, der Reichskanzler ist in ernstliche Erwägungen eingetreten, und der Gelehrte schreibt: ich will auf dieses Gebiet hier nicht näher eintreten – ich mag hier nicht in den Streit über die Bedeutung Hamerlings eintreten. Das schönste aber ist: in die Erscheinung treten (statt erscheinen oder zur Erscheinung kommen): es ist bei dieser Gelegenheit scharf (!) in die Erscheinung getreten (es hat sich deutlich gezeigt) – dabei tritt das Gesetz in die Erscheinung (dabei kann man beobachten) – es zeigten sich Krankheitssymptome, die immer intensiver in die Erscheinung traten – der Zustand der Herzschwäche trat vermindert in die Erscheinung – es handelt sich um eine Krankheit des modernen Lebens, die hier in besonders krasser Weise in die Erscheinung tritt – Unregelmäßigkeiten treten um so mehr in die Erscheinung, je kleiner das Beobachtungsfeld ist – hier tritt nie eine so starke territoriale Zersplitterung in die Erscheinung – das Gesamtleben des Reichs tritt in der Hauptstadt konzentriert in die Erscheinung – das Nachtleben tritt in Berlin weit auffälliger in die Erscheinung – ja sogar der neue Spielplan wird zu Neujahr in die Erscheinung treten. Wie vornehm glauben sich die Leute mit diesem ewigen Getrete auszudrücken, und – wie albern ist es!
Vertrauen. Mit nachfolgendem Objektsatz (!), statt hoffen, glauben, überzeugt sein: das Ministerium vertraut, daß der eingerissene Mißbrauch bald wieder abgestellt sein werde – die Leser können vertrauen, daß wir bei der Feststellung des Textes die größte Vorsicht haben walten lassen.
Vorbestrafen. Lieblingswort aller Polizeireporter und aller Berichterstatter über Gerichtsverhandlungen: ein schon zehnmal vorbestrafter Kellner – ein schon fünfzehnmal vorbestrafter Riemergeselle – ein schon vielfach, sogar mit Zuchthaus, vorbestraftes Subjekt. Als ob nicht bestraft genügte! Müssen denn nicht, wenn einer „schon oft“ bestraft worden ist, diese Strafen vor der liegen, die ihn jetzt erwartet! Der Unsinn ist aber nicht auszurotten. Vielleicht schreibt man nächstens auch noch: eine bisher noch unvorbestrafte Verkäuferin.
Vorsehen, nicht als reflexives, sondern als transitives Zeitwort: etwas vorsehen. Binnen wenigen Jahren mit ungeheurer Schnelligkeit in der Kanzlei- und Zeitungssprache verbreitet, für denkfaule Leute wieder ein willkommner Ersatz für alle möglichen Zeitwörter. Auf dem Gymnasium wird man im lateinischen Unterricht ermahnt, providere ja nicht mit vorsehen zu übersetzen, es sei das ein gemeiner Latinismus; gut übersetzt heiße es: für etwas sorgen, Fürsorge oder Vorsorge treffen, etwas vorbereiten. Dieser „gemeine Latinismus“ ist der neueste Stolz der Kanzlei- und Zeitungssprache: Sache der Übungsbücher ist es, eine geordnete Folge von Übungen vorzusehen – zur Erhöhung der Beamtengehalte sind für das Jahr 1904 keine Mittel vorgesehen – die Erstaufführung (!) ist für die Saison 1903 am Leipziger Stadttheater vorgesehen – als Verbindung zwischen beiden Straßen ist eine Allee vorgesehen – für die Rasenrabatten ist die übliche niedrige Einfassung vorgesehen – für den Speisesaal ist Rokoko vorgesehen – die Selbstregierung, die das Friedensinstrument vorsieht – die zu einer Ferienreise vorgesehenen Ersparnisse der Schulkinder – das Richtfest der hiesigen Kirche ist auf Sonnabend den 5. November vorgesehen – für den Besuch Sr. Majestät in der Handelsschule ist folgendes Programm vorgesehen – für den Abend ist ein Fackelzug vorgesehen usw. Also sorgen, beabsichtigen, planen, bestimmen, festsetzen – alles wird mit diesem aus reiner Dummheit dem Lateinischen nachgeäfften vorsehen ausgedrückt!
In die Wege leiten. Herrliche neue Modephrase der Amts- und Zeitungssprache für – ja, wofür? Eigentlich für gar nichts. Anstatt einfach zu sagen: es wurde eine starke Seemacht geschaffen – er hat mancherlei Technisches unternommen – die Veranstaltung wird schon jetzt vorbereitet – es wäre zu wünschen, daß ein solches Amt eingerichtet würde – heißt es: die Schaffung einer starken Seemacht wurde in die Wege geleitet – er hat mancherlei technische Unternehmungen in die Wege geleitet – die Vorbereitungen zu der Anstalt werden bereits in die Wege geleitet – es wäre zu wünschen, daß die Organisation eines solchen Amtes in die Wege geleitet würde. Und ein Unterbeamter schreibt an den andern: ich bitte, das Weitere baldgefälligst (!) in die Wege leiten zu wollen.
Werten und bewerten. Neben einschätzen (vgl. [S. 377]) seit kurzem äußerst beliebte Spreizwörter für schätzen, beurteilen, für etwas ansehen oder halten. Bisher kannte man nur verwerten und entwerten. Jetzt wird aber alles gewertet oder bewertet: in Schlesien weiß man die Kraft, die aus der Muttererde strömt, wohl zu werten – diese Luxusausgaben werden im Handel bereits hoch bewertet – seine Schriften verraten eine selten (!) hohe Wertung der Ehe – es drängt sich die Frage auf, wie ein sächsischer Offizier einem preußischen gegenüber zu bewerten sei – wir können diese Urteile nicht als Urteile eines ernsthaften Journalisten bewerten – diese Abweichung von der Regel dürfte als nicht ganz sachgemäß bewertet werden – man muß die Ausdrucksweise einer Zeit kennen, wenn man ihre Freundschaften und Liebschaften bewerten will – die Monarchenzusammenkunft wird in der N. A. Z. mit folgenden Worten gewertet – beide, er wie sie, wollen selbständig gewertet werden – bei der wissenschaftlichen Wertung des Problems tut vor allem Nüchternheit not – man muß die juristische Bewertung des Falles abwarten – ja sogar: die Bewertung und Beurteilung (!) dieser Bilder wird neu festzustellen und zu modifizieren sein – was eine Südländerin von Temperament als Lebensforderung einschätzt und wertet (!) – und das Neueste und Schönste von allem: baugeschichtliche Feststellungen geben uns die Möglichkeit, die Entstehungsbedingungen dieser Baukunst sicher einzuwerten (also aus werten und einschätzen ein drittes Wort zusammengeknetet!). Woher stammen die herrlichen Wörter? Aus der Börsensprache, die von der Bewertung des umlaufenden Edelmetalls spricht? Oder von Nietzsche?
Zeitigen. Für hervorbringen, schaffen: es ist eine armselige Literatur, wie sie noch keine Periode der Musikgeschichte gezeitigt hat.
Zubilligen. Für bewilligen oder zugestehen: den Arbeitern wurde eine Unterredung zugebilligt – jeder höhern Lehranstalt sind für Bibliothekzwecke jährlich tausend Mark zugebilligt – die Hinterbliebenen haben mir das Recht der Veröffentlichung zugebilligt.
Zukommen, auf etwas. Beliebtes neues Ersatzwort des sächsischen Kanzleistils für alles mögliche, für: an etwas denken, etwas ins Auge fassen, etwas beschließen, sich zu etwas entschließen, sich auf etwas einlassen: wenn man auf die Ausführung dieses Gedankens zukommen wollte, so wäre jetzt der geeignete Augenblick – es kann kein Zweifel darüber bestehen, daß auf einen Aufbau der Türme zuzukommen sei – wann wird man an den höhern Schulen auf eine Verminderung der Unterrichtszeiten zukommen.
Bislang. Für bisher. Provinzialismus aus Hannover, nach 1866 stark verbreitet, heute ziemlich vergessen.
Da und dort. Modeverbindung für hie und da: unter den technischen Schwierigkeiten klingt doch da und dort ein tieferer musikalischer Sinn heraus.
Erstmals. Neues Spreizwort für zuerst oder zum erstenmal: eine Fülle von Material ist in diesem Buche erstmals erschlossen. (Vgl. erstmalig [S. 407])
Hoch. Einzig gebräuchliches Adverb zur Begriffssteigerung folgender Adjektiva: fein, elegant, modern, herrschaftlich, gebildet, gelehrt, verdient, bedeutend, bedeutsam, wichtig, ernst, feierlich, tragisch, komisch, romantisch, poetisch, interessant, erfreulich, befriedigend, willkommen, achtbar, adlich, konservativ, kirchlich, offiziell. Das wird genügen.
Indes oder indessen. Sehr beliebtes Spreizwort für aber, doch, jedoch: heute wurden hier starke Erdstöße verspürt, die indessen keinen Schaden anrichteten – es kam zu Zwistigkeiten, die indes einen günstigen Verlauf nahmen – er hatte das Stück schon vor Jahren verfaßt, indessen unterblieb damals die Aufführung – der Graf wanderte in den Tower; lange dauerte indes seine Haft nicht – bei näherer Prüfung indessen stellt sich R. als interessante Persönlichkeit dar.
Nahezu. Modewort für fast oder beinahe.
Naturgemäß. Aus Berlin (naturjemäß). Hat sich mit lächerlicher Schnelligkeit an die Stelle von natürlich (d. h. selbstverständlich) gedrängt, sodaß man sich, wo es einmal in seiner wirklichen Bedeutung erscheint (die soziale Bewegung ist naturgemäß erwachsen), erst förmlich besinnen muß, daß es ja diese Bedeutung auch noch haben kann. Sonst heißt es nur noch: wir beginnen naturgemäß mit den preisgekrönten Entwürfen – naturgemäß ist die Studentenzeit zum Lernen bestimmt – die Wiedergabe durch Lichtdruck läßt naturgemäß manches unklar – die Sorge beginnt naturgemäß gleich bei der Aufnahme der Lehrlinge – naturgemäß konnte die Stadtbahn nicht durch den glänzendsten Teil der Hauptstadt gelegt werden – naturgemäß ist der Grund der Unsicherheit nicht in allen Fällen der gleiche – die Unbilligkeit verstärkt sich naturgemäß mit jedem Jahre usw. Man redet aber auch schon von einer vernunftgemäßen (!) Auswahl der Schreibfeder, statt von einer vernünftigen – und da nun einmal gemäß Mode ist, so führt auch der Kaufmann wunschgemäß seine Bestellungen aus, und der Unterbeamte erledigt alles mit großem Eifer auftraggemäß.
Rund. Dem Englischen nachgeäfft. Wird jetzt vor alle Zahlen gesetzt, die, wie der Zusammenhang zeigt, selbstverständlich nur runde Zahlen sein können und sollen: der Kandidat der Ordnungsparteien erhielt rund 3200 Stimmen gegen rund 360 Stimmen der Sozialdemokraten – der Ertrag der Sammlung bezifferte sich (!) auf rund 5000 Mark. Ohne rund bekommt man eine Zahl mit Nullen am Ende kaum mehr zu lesen.
Reichlich. Seit kurzem äußerst beliebt für sehr, aber immer nur da, wo es nicht hinpaßt, nämlich in tadelnden Bemerkungen: du kommst reichlich spät, der Kerl ist reichlich dumm. Es fehlt nur noch, daß gesagt würde: er hat reichlich wenig gegeben.
Selten. Beliebtes Adverb zur Steigerung von Eigenschaftswörtern (in dem Sinne von ungewöhnlich, außerordentlich, in seltnem Grade), z. B.: ein Mädchen von selten gutem Charakter – eine selten frische Witwe – ein selten schönes Familienleben – eine selten günstige Kapitalanlage – wir haben selten schönes Wetter gehabt – dieser Weizen gedeiht auf leichtem Boden und liefert selten hohe Erträge – besonders hebe ich die selten naturgetreuen farbigen Abbildungen hervor – die Inhaber dieser Bauernhöfe sind selten fleißige und tüchtige Wirte usw. Nur schade, daß selten eben vor allen Dingen selten bedeutet, und nicht in seltnem Grade, und daß infolgedessen stets das Gegenteil von dem herauskommt, was die Leute meinen. Darüber ist denn auch schon viel gespottet worden, so viel, daß endlich doch auch dem Harmlosesten ein Licht aufgehen müßte.
Unentwegt. Lächerlicher schweizerischer Provinzialismus für fest, beharrlich. Hat seine Rolle ziemlich ausgespielt.
Vielmehr. Ausschließlicher Ersatz für sondern: diese Preisbewegung ist nicht bloß dem Getreide eigentümlich, sie stimmt vielmehr mit den übrigen Ackerbauerzeugnissen überein – der Leser wird nicht mit einem Ballast von Erläuterungen überschüttet, vielmehr halten die Anmerkungen das rechte Maß ein.
Voll und ganz. Modephrase ersten Ranges, die aber ihren Weg wohl bald „voll und ganz“ zurückgelegt haben wird.[164] Sehr beliebt ist es jetzt, voll allein zu gebrauchen (für ganz oder vollständig): dieser Auffassung kann ich voll beipflichten – überall deckt der Ausdruck voll den Gedanken – um die Tiefe seiner Auffassung voll zu würdigen – Künstler, die diese Bedingung voll erfüllen können – die deutschen Gemälde hielten den Vergleich mit den französischen voll aus usw. Auch Zusammensetzungen mit Voll- als Bestimmungswort schießen wie Pilze aus der Erde: Vollbild, Vollmilch, Vollgymnasium, sogar vollinhaltlich: ich kann das vollinhaltlich bestätigen – er mußte das Leben der Gefangnen vollinhaltlich mitleben.
Vorab und vornehmlich. Beide gleich beliebter Ersatz für besonders, namentlich und hauptsächlich. Das sechzehnte, vorab das siebzehnte Jahrhundert – die Künstler vorab hatten sein herzliches Wohlwollen erfahren – Briefe Wielands, vornehmlich an Sophie La Roche – vornehmlich habe ich die Syntax von Grund aus umgestaltet. (Vgl. vornehm [S. 374]).
Weitaus. Modezusatz zum Superlativ: weitaus der beste – in weitaus den meisten Fällen.
Außer solchen allgemein gebräuchlichen Modewörtern und Modephrasen gibt es aber noch eine Masse andrer, die auf einzelne Kreise beschränkt sind. In der Sprache der Geschäftsleute, der Zeitungschreiber, wohin man blickt: Mode, nichts als Mode. Kaufleute reden nicht mehr von Preisen, sondern nur noch von Preislagen, an die Stelle der frühern Sorten sind die Qualitäten, die Marken und die – Genres getreten (bitte, probieren Sie meine Spezialmarke!). Wer einen kleinen Laden gemietet und ein Geschäftchen darin eröffnet hat, nennt das jetzt ein Haus; der eine hat ein Schokoladenhaus, der andre ein Porzellanhaus, ein dritter ein Havannahaus, ein Seidenhaus, ein Leinwandhaus, ein Lodenhaus. Vor etlichen Jahren fiel es einem Schneider in Leipzig ein, über seine Ladentür statt Schneidermeister zu schreiben: Herrenmoden. Das war natürlich fürchterlicher Unsinn, denn ein Schneider ist keine Mode und fertigt auch keine Moden, sondern Kleider. Als das aber die andern Schneider gesehen hatten, da kam für die Firmenschreiber gute Zeit. Sämtliche Schneider ließen ihre Schilder ändern, und heute gibt es in ganz Leipzig keinen Schneidermeister mehr. Der kleinste Flickschneider im Hinterhause vier Treppen hoch hat vorn an der Haustür sein Schildchen prangen: Wilhelm Benedix, Herrenmoden! Vor etlichen Jahren fiel es auch einmal einem Bierwirt in Leipzig ein, von einem Militärkonzert anzukündigen, daß es unter persönlicher Leitung des Herrn Musikdirektors X stattfinden würde – als ob in andre Wirtschaften der Herr Musikdirektor seinen Stiefelputzer schickte. Große Aufregung unter den Bierwirten! Binnen vier Wochen fanden alle Konzerte unter persönlicher Leitung statt. Aus nichts als Modewörtern und Modephrasen ist die Sprache der Reporter zusammengesetzt. Da ist eine Gesellschaft stets illustre (wenigstens in Leipzig), ein Kapellmeister stets genial, ein Geschenk stets sinnig, Orgelspiel stets weihevoll. Wird irgendwo ein Vortrag gehalten, so wird er von musikalischen und gesanglichen Darbietungen umrahmt; von einer Festlichkeit wird stets versichert, sie habe einen würdigen (!) Verlauf genommen. Ein Revolverschuß wird stets abgegeben, und flieht der Täter, so wird sofort die Verfolgung aufgenommen; sich selbst aber schießt man eine Kugel niemals zum Vergnügen sondern immer in selbstmörderischer Absicht in den Kopf. Wenn es in einer Familie oder zwischen einem Liebespaar zu Zank und Streit, Mord und Totschlag gekommen ist, so heißt das ein Familiendrama oder eine Liebestragödie. Wer ein Jubiläum feiert, kann stets auf eine 25jährige oder 50jährige Tätigkeit zurückblicken, und ist es ein Verein, so blickt er auf ein 25jähriges Bestehen zurück; wer pensioniert wird, tritt in den wohlverdienten Ruhestand, und stirbt er, so werden an seinem Sarge Lorbeerkränze niedergelegt. Wenn einer von einem Dache herabstürzt, so bleibt er tot (als ob er es schon vorher gewesen wäre!). Leichen von Verunglückten werden nicht gefunden, sondern stets geborgen (hätte man die Lebenden besser „geborgen“, so wären sie nicht verunglückt!), und wenn sie im Wasser gelegen haben, so werden sie geländet; wird aber einer glücklich noch lebend aus dem Wasser gezogen, so wird er dem nassen Element entrissen. Kommt ein Fürst zu Besuch, so steigt er nicht aus dem Wagen, sondern er ent(!)steigt dem Waggon und schreitet dann, und zwar stets elastischen Schrittes, die Front der Ehrenkompagnie ab. Man begreift nicht, warum nicht die Zeitungen für gewisse besonders oft wiederkehrende wichtige Ereignisse, wie die Ankunft eines Fürsten, die Eröffnung einer Ausstellung, die Enthüllung eines Denkmals, das Jubiläum eines Geschäfts, das Begräbnis eines Kommerzienrats und dergleichen, für ihre Berichterstatter Formulare drucken lassen, worin sie dann bloß Tag, Stunde und Namen auszufüllen hätten.
Aber auch die niedrige Umgangssprache ist voll von Modewörtern, die immer wechseln. Man könnte sie die Gassenhauer der Sprache nennen. Zu ihnen gehört das schöne selbstredend, das eine Reihe von Jahren für selbstverständlich gesagt wurde (übrigens stets falsch betont: selbstrédend, wie auch tatsächlich, wunderbár, ekelháft, tadellós). Neuerdings ist wieder selbstverständlich durchgedrungen (aber auch das wieder falsch betont: selbstverständlich). Augenblicklich ist der beliebteste Gassenhauer: ausgeschlossen, ganz ausgeschlossen, völlig ausgeschlossen. Unwahrscheinlich, unmöglich, undenkbar, sogar unnötig – das alles gibt es nicht mehr. Ausgeschlossen – bums! fertig! In der Unterhaltung am Biertisch hört man nichts weiter als: selbstverständlich (für ja) und: ausgeschlossen (für nein). Andre neue Gassenhauer sind: totsicher, totschick, Ton (für Wort): er hat mir nicht einen Ton davon gesagt –, auf Wiederschaun, und ausgerechnet (für gerade, genau oder dgl.): das muß ausgerechnet Bebel begegnen!
Eine feine Nase für Modewörter hat gewöhnlich der Student. Die Studentensprache wimmelt von Modewörtern; sowie ein neues aufkommt, wird es ihr sofort „einverleibt“. Aber der Student spricht sie fast alle mit Gänsefüßchen, er macht sich lustig über sie, während er sie gebraucht. Die Sache hat nur nicht bloß eine lustige, sie hat auch eine sehr ernste Seite. Jedes neu aufkommende Modewort verdrängt eine Anzahl sinnverwandter Wörter mit ihren fein abgetönten Unterschieden, und schließlich wird es gedankenlos auch für Wörter gebraucht, die einen ganz andern Sinn haben. So ist mit jedem neuen Modewort eine zunehmende Verarmung der Sprache und eine zunehmende Oberflächlichkeit und Unklarheit des Denkens verbunden.
Wie alle Modedummheiten haben aber auch die Sprachmoden ihre Zeit. Sie verschwinden alle wieder, die einen früher, die andern später. Darum ist ein Kampf gegen sie eigentlich überflüssig.[165] Verteidigt werden sie immer nur von solchen, die darauf hineingefallen sind, ohne es zu merken; die ärgern sich dann über den, der es gemerkt hat, und bestreiten die Berechtigung seiner Angriffe. Jeder gute Schriftsteller aber wird sich vor ihnen hüten. Denn jeder gute Schriftsteller hat doch den Wunsch, nicht gar zu schnell zu veralten. Dazu gehört aber, daß das, was er schreibt, nicht bloß einen dauerhaften Inhalt, sondern auch eine dauerhafte Form habe.