Speisenkarte oder Speisekarte?

Da haben also wohl die Schenkwirte, die statt der früher allgemein üblichen Speisekarte eine Speisenkarte eingeführt haben, etwas recht weises getan? Sie haben den guten alten Genitiv wiederhergestellt? Nein, daran haben sie nicht gedacht, sie haben die Mehrzahl ausdrücken wollen, denn sie haben sich überlegt: auf meiner Karte steht doch nicht bloß eine Speise. Damit sind sie aber auch wieder gründlich in die Irre geraten. In Speisekarte ist die erste Hälfte gar nicht durch das Hauptwort Speise gebildet, sondern durch den Verbalstamm von speisen. Alles, was zum Speisen gehört: die Speisekammer, das Speisezimmer, der Speisesaal, das Speisegeschirr, der Speisezettel – alles ist mit diesem Verbalstamm zusammengesetzt. So ist auch die Speisekarte nicht die Karte, auf der die Speisen verzeichnet stehen, sondern die Karte, die man beim Speisen gebraucht, wie die Tanzkarte die Karte, die man beim Tanzen gebraucht, das Kochbuch das Buch, das man beim Kochen benutzt, die Spielregel die Regel, die man beim Spielen beobachtet, die Bauordnung die Ordnung, nach der man sich beim Bauen richtet, der Fahrplan der Plan, der uns darüber belehrt, wann und wohin gefahren wird, die Singweise die Weise, nach der man singt, das Stickmuster das Muster, nach dem man stickt, die Zählmethode die Methode, nach der man zählt. Alle diese Wörter sind mit einem Verbalstamm zusammengesetzt. Hätten die Schenkwirte mit ihrer Speisenkarte Recht, dann müßten sie doch auch Weinekarte sagen.[47] Glücklicherweise läßt sich der Volksmund nicht irremachen. Niemals hört man in einer Wirtschaft eine Speisenkarte verlangen, es wird aber immer nur gedruckt, entweder auf Verlangen der Wirte, die damit etwas besonders feines ausgeheckt zu haben glauben, oder auf Drängen der Akzidenzdrucker, die es den Wirten als etwas besonders feines aufschwatzen. Ganz lächerlich ist es, wenn manche Wirte einen Unterschied machen wollen: eine Speisekarte sei die, auf der ich mir eine Speise aussuchen könne, eine Speisenkarte dagegen ein „Menu“, das Verzeichnis der Speisen bei einem Mahl, wofür man neuerdings auch das schöne Wort Speisenfolge eingeführt hat. Die Speisekarte ist die Karte, die zum Speisen gehört, ob ich mir nun etwas darauf aussuche, oder ob ich sie von oben bis unten abesse.

Ein Gegenstück zur Speisenkarte ist die Fahrrichtung; an den ehemaligen Leipziger Pferdebahnwagen stand: nur in der Fahrrichtung abspringen! Es spricht aber niemand von Fließrichtung, Strömrichtung, Schießrichtung, wohl aber von Flußrichtung, Stromrichtung, Schußrichtung, Windrichtung, Strahlrichtung. Bedenkt man freilich, daß der Volksmund die Fahrtrichtung unzweifelhaft sofort zur Fahrtsrichtung verschönert hätte (nach Mietskaserne), so muß man ja eigentlich für die Fahrrichtung sehr dankbar sein.