Starke und schwache Deklination
Bekanntlich gibt es – oder wir wollen doch lieber ehrlich sein und einfach sagen: es gibt im Deutschen eine starke und eine schwache Deklination. Unter der starken versteht man die, die einen größern Formenreichtum und eine größere Formenmannigfaltigkeit hat. Sie hat in der Einzahl im Genitiv die Endung es, im Dativ e, in der Mehrzahl im Nominativ, Genitiv und Akkusativ die Endung e (bei vielen Wörtern männlichen und sächlichen Geschlechts er), im Dativ en (ern). Die Stammvokale a, o, u und der Diphthong au werden dabei in der Mehrzahl gewöhnlich in ä, ö, ü, äu verwandelt, was man den Umlaut nennt.[1] Unter der schwachen Deklination versteht man die formenärmere. Hier haben alle Kasus der Einzahl (mit Ausnahme des Nominativs) und alle Kasus der Mehrzahl die Endung en. Die schwache Deklination hat auch keinen Umlaut. Zur starken Deklination gehören Wörter männlichen, weiblichen und sächlichen, zur schwachen nur Wörter männlichen und weiblichen Geschlechts. Die Wörter weiblichen Geschlechts verändern in beiden Deklinationen nur in der Mehrzahl ihre Form.
Zur starken Deklination gehören z. B. der Fuß, die Hand, das Haus; zur schwachen der Mensch, die Frau.[2]
Im Vergleich zu dem großen Reichtum unsrer Sprache an Hauptwörtern und der großen Mannigfaltigkeit, die innerhalb der beiden Deklinationen besteht, ist die Zahl der Fälle, wo heute Deklinationsfehler im Schwange sind, oder wo sich Unsicherheit zeigt, verhältnismäßig klein. Aber ganz fehlt es doch nicht daran.
Mehr und mehr greift die Unsitte um sich, schwach zu deklinierende Maskulina im Akkusativ ihrer Endung zu berauben: den Fürst, den Held, den Hirt. Es heißt aber: den Fürsten, den Helden usw.
Zu Mann gibt es eine doppelte Mehrzahl: Männer und Leute. Man sagt: die Bergleute, die Hauptleute, die Spielleute, aber die Wahlmänner, die Ehrenmänner, die Biedermänner, die Ehemänner; unter Eheleuten versteht man Mann und Frau zusammen.
Ein Wort, mit dem die Leute nicht mehr recht umzugehen wissen, und das sie doch jetzt sehr gern gebrauchen, ist Gewerke (für Handwerker). Ein Gewerke ist ein zu einer Innung gehörender Meister oder ein Teilnehmer an einem gesellschaftlichen Geschäftsbetrieb (das alte gute deutsche Wort für das heutige Aktionär). Das Wort ist aber schwach zu flektieren, die Mehrzahl heißt die Gewerken (die Baugewerken). Daneben gibt es aber das Wort auch im sächlichen Geschlecht: das Gewerk (für Handwerk, Innung), und das ist stark zu flektieren; hier heißt die Mehrzahl die Gewerke. Viele gebrauchen aber jetzt fälschlich die starke Form, auch wo sie offenbar die einzelnen Personen, nicht die Handwerksinnungen meinen, z. B. heimische Künstler und Gewerke. Umgekehrt sind jetzt die Gauen beliebt: das Lied ging durch alle deutschen Gauen. Aber auch sie sind falsch; Gau, ursprünglich sächlichen Geschlechts (das Gäu), jetzt Maskulinum, bildet den Genitiv des Gaus und die Mehrzahl die Gaue.
In Leipziger Zeitungen werden oft Darlehne gesucht (Pfanddarlehne, Hypothekendarlehne), und die Geistlichen treten für ihre alten Kirchlehne ein. Die Einzahl heißt aber das Lehen, und wenn das auch kein substantivierter Infinitiv ist, wie Wesen, Schreiben, Vermögen, Verfahren, Vergnügen, Unternehmen, so wird es doch in der guten Schriftsprache so flektiert wie diese, und die Mehrzahl heißt: die Lehen, die Darlehen, die Kirchlehen, so gut wie die Wesen, die Verfahren, die Unternehmen.