Tautologie und Pleonasmus

Während die fehlerhafte Zusammenziehung aus einem irregeleiteten Streben nach Kürze entsteht, beruht ein andrer Fehler auf dem Streben nach Breite und Wortreichtum: der Fehler, einen Begriff doppelt oder gar dreifach auszudrücken. Man bezeichnet ihn mit Ausdrücken der griechischen Grammatik als Tautologie (Dasselbesagung) oder Pleonasmus (Überfluß).

In den seltensten Fällen will man durch die Verdopplung etwa den Ausdruck verstärken,[133] gewöhnlich fällt man aus bloßer Gedankenlosigkeit hinein. Zu den üblichsten Tautologien gehören: bereits schon, ich pflege gewöhnlich, einander gegenseitig oder gar sich einander gegenseitig.[134] Aber es gibt ihrer von den verschiedensten Arten. Auch in Verbindungen wie: schon gleich (die Bedenken fangen schon gleich beim Lesen der ersten Seite an), auch selbst, nach abwärts, nach dieser Richtung (statt: nach dieser Seite oder in dieser Richtung), nach verschiednen Richtungen (!), unsre Gegenwart (statt: unsre Zeit oder die Gegenwart), unsre deutsche Jugend, unser deutsches Vaterland, mein mir übertragnes Amt, rückvergüten, gemeinschaftliches Zusammenwirken, etwas näher bei Lichte besehen, nicht ganz ohne jede gute Regung, Personen beiderlei Geschlechts (statt beider Geschlechter), Hilfeleistungen weiblicher Schwestern, es kann möglich sein, ich darf mit Recht beanspruchen, das Lob, das ihm mit Recht gebührt, man muß von einem Geschichtschreiber verlangen, die Forderung ist unerläßlich, er hat Anspruch auf gebührende Beachtung, ehe das Einschreiten zur zwingenden Notwendigkeit wird, die Innung geht mehr und mehr dem Rückgange entgegen, die Übung der Denkkraft, die angeblich durch die Mathematik erzielt werden soll – überall ist hier ein Begriff ganz unnötigerweise doppelt da. Es genügt, zu sagen entweder: mein Amt oder: das mir übertragne Amt, entweder: man kann von einem Geschichtschreiber verlangen, oder: ein Geschichtschreiber muß, entweder: die Übung, die angeblich erzielt wird, oder: die erzielt werden soll. In Leipzig werden immer noch Dinge meistbietend versteigert – das soll heißen: an den, der das Meiste bietet, was doch schon in dem Begriffe des Versteigerns liegt –, und dann natürlich gegen sofortige Barzahlung! Auch Zusammensetzungen wie Rückerinnerung, vollfüllen und loslösen sind nichts als Pleonasmen; ebenso die beliebten Partizipzusätze, die zum Teil aus schlechtem lateinischem Unterricht stammen: auf erhaltnen mündlichen Befehl – nach gehaltner Frühpredigt – die erfahrne unwürdige Behandlung – ohne vorhergehende Beschaffung geeigneter Verkehrsmittel – nach einer vorhergehenden Fermate – bis zur getroffnen Entscheidung – die angestellte Untersuchung ergab – meine Erörterung gründet sich auf schon gemachte Erfahrungen – die Aussteller sind in der Reihe ihrer erfolgten Anmeldung aufgeführt. Man streiche die Partizipia, und der Sinn bleibt derselbe, der Ausdruck aber wird knapper und sauberer (vgl. auch, was [S. 167] über stattgefunden und stattgehabt gesagt ist).

Der häufigste Pleonasmus aber und der, der nachgerade zu einer dauernden Geschwulst am Leibe unsrer Sprache zu werden droht und trotzdem allgemein als Schönheit, ja als eine Art von Bedürfnis empfunden zu werden scheint, ist der, nach den Begriffen der Möglichkeit und der Erlaubnis, der Notwendigkeit und der Absicht beim Infinitiv diese Begriffe durch die Hilfszeitwörter können, dürfen, wollen, sollen, müssen zu wiederholen, also zu schreiben: niemand schien geeigneter als Ranke, dieses Werk zur Vollendung bringen zu können – die Leichtigkeit, die gepriesensten Punkte Süditaliens erreichen zu können – die Möglichkeit, die Sozialdemokratie mit gleichen Waffen bekämpfen zu können – auf diese Weise ist es möglich, während des Umbaus den Verkehr aufrecht erhalten zu können – die Fähigkeit, über sich selbst lachen zu können – die Mittel, an Ort und Stelle mit Nachdruck auftreten zu können – es ist Gelegenheit gegeben, auch am Polytechnikum Vorlesungen hören zu können – er hatte genügendes Kapital, etwas ausführen zu können – die Finanzwirtschaft ist gar nicht imstande, das Kreditwesen des Staates entbehren zu können – ich getraute mir nicht, das Gespräch mit ihm aufrecht erhalten zu können – wenn es mir gelingen sollte, hierdurch meine Verehrung an den Tag legen zu können – es ist zu beklagen, daß so aufrichtige Naturen sich nicht anders zur Kirche stellen zu können vermögen (!) – der Thronfolger kann von Glück sagen, wenn es ihm erspart bleibt, seine Herrscherautorität nicht erst durch die Schärfe des Schwerts erkämpfen zu brauchen[135] – es sei mir gestattet, einen Irrtum berichtigen zu dürfen – der Biograph hat das schöne Recht, Enthusiast sein zu dürfen – eine Stellung, die ihm erlaubte, ohne Frage nach dem augenblicklichen Erfolg produzieren zu dürfen – einer Deputation war es vergönnt, Glückwünsche darbringen zu dürfen – die Freiheit, seiner innern Eingebung folgen zu dürfen – der Anspruch, Universalgeschichte sein zu wollen – er sprach seine Bereitwilligkeit aus, auf diesem Wege vorgehen zu wollen – die Absicht, blenden oder über ihre Verhältnisse leben zu wollen – er hat versprochen, in den ruhmreichen Bahnen seines Großvaters fortwandeln zu wollen – die Aufgabe, die Akademie reformieren zu sollen – es gehört zu den schönsten Aufgaben, das Leben eines Zeitgenossen beschreiben zu wollen (!) – die Zumutung, Gott ohne Bilder anbeten zu sollen – ein Volk, das sich dazu erwählt glaubt, große Dinge erfüllen zu müssen – die Verhältnisse zwangen den König, auf die Führung seines Heeres verzichten zu müssen.

Statt in Nebensätzen die Hilfszeitwörter sein und haben wegzulassen, wo sie oft ganz unentbehrlich sind (vgl. [S. 137]), bekämpfe man lieber diese abscheuliche Gewohnheit; die unnützen können, dürfen, wollen, sollen und müssen sind wirklich wie garstige Rattenschwänze.[136]