XIV.

Fürst Menschikoff schien fester als je in der Gunst des Zaren zu stehen. Sein geschicktes Eingreifen in der Schlacht bei Pultawa hatte ihm den Herzogstitel von Ingermanland eingetragen, und nun war er gar vor kurzem zum Erzieher des Zarewitsch ernannt worden. Gegen die Übernahme dieses Amtes hatte der Fürst sich vergeblich zu sträuben versucht. »Ich weiß,« hatte der Zar ihm auf seine Einwendungen erwidert, »daß es keine leichte Aufgabe ist, die deiner wartet, aber ich wäre ein schlechter Freund meiner Freunde, wenn ich ihnen nicht immer neue Möglichkeiten gäbe, ihre Freundschaft zu bewähren.« Es hatte scherzend geklungen, und der Fürst hatte auch dazu wie zu einem Scherze gelacht. Erst als sich ergab, daß der Zar bei seiner Absicht beharrte, hatte sich ihm die unangenehme Empfindung aufgedrängt, daß dahinter etwas wie eine Prüfung stecke, und auch jene Äußerung dünkte ihm nunmehr nicht harmlos, sondern von hinterhältigem Hohne.

Der Zar hatte in der Tat eine Probe vor. Die Übertragung des Erzieheramtes an den selbstbewußten Fürsten war wohl berechnet. Peter wußte genau, wie sehr sein vom Geschick und von ihm verwöhnter Günstling den unfähigen Thronfolger verachtete. Er ermaß mit Vorbedacht die Kränkung, die für jenen, der sich gut genug für einen Herrscherthron dünkte, darin lag, daß er bestimmt wurde, mit seinen Fähigkeiten den Mängeln offenbaren Ungenügens abzuhelfen. Was wie eine Ehrung aussah, mußte als Demütigung wirken. Und sollte es. Übermut sollte gedämpft, hochfliegende Hoffnungen beschnitten werden. Es war ein gefährliches Experiment. Und der, dessen er sich dazu bediente, war sein Sohn. – Peter blickte finster, seine Lippen preßten sich hart zusammen. In seinem Herzen sprach keine Stimme für den Erben seines Blutes.

War dessen Dasein schon zuvor voll Leid gewesen, jetzt wurde es ihm zur Qual gemacht. Es war, als habe Menschikoff die geheimsten Wünsche seines Herrn erraten und beeile sich, sie der Erfüllung zu nähern, so sehr zielte seine Erziehung darauf ab, zu zerstören. Zu allem, was dem Prinzen widrig war, zwang er ihn. Von seinen stillen Studien riß er ihn fort zu wüsten Gelagen, schleppte den Scheuen und Schüchternen in die Gesellschaft ausgepichteter Trinker und verbuhlter Weiber. Mit gesenkten Lidern saß der Unglückliche auf seinem Stuhle. Er wollte nicht sehen, wollte selbst nicht mit den Blicken teilhaben an der Sünde um ihn her, und konnte doch nicht hindern, daß das verliebte Kosen, die lüsternen Seufzer und das Stöhnen der Wollust an sein Ohr drangen. Verzweifelt rang er die schmalen Finger zu heißem Gebet ineinander. Vergebens. Ein seufzender Flüsterlaut in seiner Nähe, ein zärtliches Ächzen verwirrte ihm die Gedanken. Wider seinen Willen kamen seine Sinne ins Sieden. Glühendheiß stieg es in ihm auf. Ungewohnte Begierden begannen sich in ihm zu regen. Er erschrak. Zitternd suchte sein Blick den Mentor. Der bot den Becher: »Brand muß gelöscht werden!« Und an seiner andern Seite lockte ein Frauenmund: »Brand muß gelöscht werden!« Er erbebte, als habe er das Gesicht der Meduse geschaut und griff nach dem Pokal. Doch der gepfefferte Wein brannte wie Feuer in der Kehle und die schwählende Not in seinem Leibe stieg. Ratlos, hilflos, ein wehes Zucken um den schmalen Mund, Tränen in den Augen sank er in die ausgebreiteten Arme des Weibes. Zuflucht suchte er und fand Begierde. Entsetzt wendete er sich ab. Da warf ihn der Ekel nieder. In Strömen brach es aus seinem Munde, ohne Aufhören, wie wenn er sich selber ausspeien wollte. Über und über besudelt, wand er sich am Boden, leichenblaß, mit stierem Blick und flatternden Lippen. Und sein Erzieher stand über ihm und stieß mit dem Fuß nach ihm: »Eines Zaren Sohn!«

Das war Menschikoffs Rache für das unerbetene Amt. Und Tag für Tag kühlte er sein Mütchen neu an dem Gehaßten. Der geringste Widerspruch, ja auch nur der zaghafteste Versuch eines Einwandes gegen seine willkürlichen Anordnungen trugen dem Prinzen die schmählichsten Strafen ein. Mehr als einmal brannten auf dessen Wangen breite Striemen von den Fingern des Fürsten, der Ungehaltene warf den bestürzten Zögling zu Boden, schleifte ihn an den Haaren durch das Zimmer und stieß ihn mit dem Kopfe gegen die Wand. Es war kaum möglich, noch eine Steigerung der Plagen zu ersinnen, die dem Ärmsten das Leben verbitterten. Menschikoffs zornige Gereiztheit hatte es fertig gebracht. Es war das Schlimmste, was er dem Prinzen antun konnte. Er hatte ihm angekündigt, er müsse sich bereit halten, zur Armee zu gehen. Und da der Prinz diese Anordnung mit einem stundenlangen Weinkrampf beantwortet hatte, war sie dahin verschärft worden, daß er an den Kampfhandlungen an der Front teilzunehmen habe.

Alexei war der Verzweiflung nahe: töten, seine Hand sollte töten? Er starrte auf seine Finger, er streckte, er krümmte sie. Sie kamen ihm vor wie Ungeheuer, denen ein Übermächtiger befehlen konnte, sich wider ihn zu empören. Würden sie tun, was jener Schreckliche forderte? Er prüfte sie aufmerksam, er beobachtete sie, wenn sie scheinbar ruhten, und er belauerte ihr Bewegen, ihr Spielen. Und je mehr er sich mit ihnen beschäftigte, um so stärker wurde in ihm die Angst, sie könnten sich ohne seinen Willen, gegen seinen Willen zu Abscheulichem gebrauchen lassen. Seine Rechte wurde ihm ein Gegenstand der Furcht und des Abscheus. Das war die Hand, die die Waffe führte, die dem Nebenmenschen nach dem Leben trachtete. Er vergaß, daß dieselbe Hand es ist, die die Feder führt, die Wohltaten reicht. Er gewahrte nur noch ihre blutigen Absichten. Ein Schauder überlief ihn, wenn er seine Rechte ansah, er begann die Fürchterliche zu hassen. War sie nicht da in ihrer schauerlichen Lüsternheit des Nehmens, so konnte keiner ihn zwingen, Böses zu tun wider seinen Willen. Wenn er sich ihrer entledigte. – –

Der Gedanke nistete in ihm.

Er saß und sann.

Vor ihm auf dem Tische lag ein geladenes Terzerol. Menschikoff hatte es dort hingelegt. Recht auffällig. Um den Prinzen zu entsetzen. Der Anblick hatte ihn auch beinahe umgeworfen. Auf wankenden Knien war er näher geschlichen, das Mordwerkzeug mit einem Tuche zu bedecken. Da war es ihm durch den Kopf geschossen: ein Griff, ein Druck und du bist frei! – Totenblaß hatte er an der Wand gelehnt, den Blick wie gebannt auf den spiegelblank geputzten Lauf der Waffe gerichtet: frei? War Tod Freiheit? Überwindung war Freiheit! Er wollte das Zeichen des Kreuzes machen, doch die Rechte hing ihm wie gelähmt herab. Er schlug es mit der Linken. Spähend forschten seine Augen nach der andern Seite: hatte sich dort der Teufel festgesetzt? Die eben noch so leblosen Finger zuckten: es gelüstete sie, das tötende Spielzeug zu betasten. In seltsamer Neugier über sich selber gab er ihnen nach. Wie mochte es sich anfühlen? Vorsichtig fingerte seine Rechte daran herum. Es war glatt und kühl. Wie die Hände einer Mutter, die sie um die schmerzende Stirn ihres Kindes legt. Leise nahm die Hand die Waffe auf, wog sie. Dabei drehte sie sich, drohte zu fallen. Hastig packte er zu, bekam den Kolben zu fassen, und wie von magischer Gewalt berührt, spannten sich die Sehnen. Ächzend sank der Zarewitsch auf einen Sitz: das Unheil war geschehen. Der Böse hatte Macht über seine Hand. Sie war bereit, zu töten.

Weh ihm! Große Tropfen rannen aus seinen Augen: er würde zum Mörder werden. Zum Mörder! Mußte er das dulden?

So dein Auge dich ärgert, reiße es aus und wirf es von dir! Und so deine Hand …

Er dachte nicht weiter. Mit einem Ruck entwand seine Linke der Rechten die Waffe und drückte ab.

Blitz, Rauch und Knall.

Etwas Hartes schlug den Arm beiseite. Warm rieselte das Blut aus dem zerschmetterten Gelenk. In dicken Tropfen färbte es den Teppich.

Der Zarewitsch sah staunend auf das ungehemmte Quellen. Das floß und floß.

Jäh zuckte es ihm durch den Sinn: Wer Menschenblut vergießt …

Ohnmächtig stürzte er zu Boden. –

Die Wohltat der völligen Entrückung blieb ihm nicht lange gegönnt.

Das Getöse des Schusses hatte die Dienerschaft und deren Geschrei den Fürsten herbeigerufen.

Er stieß die Lamentierenden, die sich mit Essigäther und feuchten Schwämmen um die Erweckung des Prinzen bemühten, beiseite und brachte die vor ihrer Tat geflüchtete Seele mit rauher Faust in die Wirklichkeit zurück. Er fragte nicht lange um das Wie und Warum des Geschehens. Ihm war es klar.

Wütend zerrte er den noch halb Bewußtlosen empor:

»Feigling, jämmerlicher Feigling.« In Alexei bäumte sich etwas gegen diese Schmähung, der schmerzhaft verzogene Mund preßte heraus:

»Ich bin nicht feige.«

Eisiger Spott antwortete ihm: »Du hast recht, du bist schlimmer als das, du bist ein Vaterlandsverräter.«

Der Zarewitsch zuckte wie unter einem Schlage zusammen: »Vaterlandsverräter!« Der schwächlich Schwankende richtete sich steil auf, die umflorten Augen blickten plötzlich klar: »Den Namen gebt dem, den ihr meinen Vater nennt. Wie er meine Mutter verraten hat, verrät er Rußland. Um des Fremden willen. An die Fremden. – Ich hasse ihn. O, ich hasse ihn!«

»Natter!« Menschikoffs Finger krallten nach seinem Halse.

Ein hagerer Arm, eine eckige Schulter schoben sich zwischen ihn und den Bedrohten. Ein bärtig überschatteter Mund rief warnend seinen Namen.

Es war Gräfin Barbara.

Unwillig kehrte der Fürst sich ab: »Giftiges Gewürm soll man vernichten, wo man es findet. Ich danke es dir nicht, daß du mich daran gehindert hast. Und ob Er es dir danken wird oder,« ein verächtlicher Blick streifte Alexei, »jener …« Achselzuckend ging er hinaus.

»Du wirst es mir danken.« Barbara Arsenieff murmelte es ihm nach, während sie sich mit sicherer Sachlichkeit um die Wunde des Zarewitsch bemühte.

Über die dunklen klebrigen Krusten der Schußöffnung sickerte noch immer ein fadendünnes rotes Gerinnsel. Aus einem der Schränke nahm sie ein kleines leinenes Tuch, zerriß es rasch in kurze flockige Streifen und preßte sie auf die Wundränder. Ein zweites Tuch kam dicht darüber.

Die ruhige Selbstverständlichkeit, mit der sie sich um ihn bemühte, versetzte Alexei geradezu in Bestürzung. Noch nie hatte sich jemand in Fürsorge seiner angenommen, etwas zu seinen Gunsten getan. Jeder, der sich ihm genähert hatte, wollte etwas von ihm, im Guten oder Üblen, hatte ihm geschmeichelt oder ihn mißhandelt, aber jedem war er der Zarewitsch gewesen, keinem der nach einer teilnehmenden Seele hungernde Mensch. In seinem Gesicht arbeitete es.

Gräfin Barbara hatte angestrengt acht auf sein Mienenspiel. Es war nicht schwer zu erraten, was in ihm vorging.

Sich tiefer über den Verband bückend, als wolle sie ihn auf seinen Sitz prüfen, flüsterte sie geheimnisvoll:

»Die Mutter grüßt dich, Alexei Petrowitsch.«

Eine Blutwelle dunkelte das blasse Antlitz des Zarewitsch, sein Herzschlag stockte: »Meine Mutter,« stammelte er, »meine Mutter? Sie hat nie nach mir gefragt.«

»Jeden Tag fragt sie nach ihrem Sohne, aber alle Boten, die ihr Herz sandte, waren unverläßlich. Ihr Ruf hat das Ohr, für das er bestimmt war, nicht erreicht.«

»Jetzt ruft mich meine Mutter, gerade jetzt.« Alexei war noch immer fassungslos. Gleich einem Wunder war ihm dieser Gruß von der Mutter. Die tiefe Angst über die rasche Tat, die ihn überfallen und niedergeworfen hatte, war beschwichtigt: seine Mutter hatte ihn gerufen! Eine Rechtfertigung war es ihm.

Gräfin Barbara hatte sein Gesicht nicht aus den Augen gelassen. Sie war zufrieden mit dem, was ihre Worte ausgelöst hatten. Nun unterstrich sie sie noch:

»Die Mutter sehnt sich nach ihrem Kinde.«

Sie wußte nicht, ob Eudoxia Lapuchin sich sehnte, nicht, ob sie sich nach ihrem Kinde sehnte. Vielleicht hatte die Nonne Helena in der Klosterhaft längst vergessen, daß sie einmal Zarin war, frei war, einen Gatten gehabt hatte und einen Sohn. Sie wußte nichts von der Verstoßenen, als daß sie lebte. Aber sie wußte, daß in dem Herzen des einsamen Jünglings vor ihr eine ewig unterdrückte Sehnsucht nach der Mutter brannte. Und wer es verstand, diese Sehnsucht klug zu nähren, zu schüren, der konnte den Sohn in Empörung wider den Vater treiben, er konnte das Mitgefühl einer glücklicheren Nebenbuhlerin für den Unglücklichen wachrufen, ihr Geschick mit ihm verknüpfen und, wenn er ihn im rechten Augenblicke fallen ließ, sie stürzen und sich den Dank des vom Verrate der Seinen bedrohten Herrschers erwerben. – Ein hartes Lächeln zog ihre bärtige Oberlippe über die festen starken Zähne zurück: »Eine Seele sehnt sich.«

Die erschreckende Verwandlung ihrer Züge entging dem Zarewitsch, er hörte nur das heiße Verlangen in ihrer Stimme, in der Stimme der Botin seiner Mutter. Ein Tränenschwall brach aus seinen Augen, und mit einem wilden Aufschluchzen sank sein Oberkörper vornüber in den Schoß der Gräfin.