XVII.
Im Schloß zu Torgau war zur Hochzeit des Zarewitsch Alexei mit der Prinzessin Charlotte von Braunschweig und Lüneburg gerüstet. Die Kurfürstin von Sachsen hatte es sich nicht nehmen lassen, ihrem Patenkinde diesen feierlichen Tag auszurichten. Bis ins kleinste hatte sie die Vorbereitungen überwacht und ihre mütterliche Sorgfalt ebensosehr der Rangordnung bei Tische wie dem Predigttexte des Schloßgeistlichen und dem Brautkleide der Prinzessin zugewendet. »Der Tag«, sagte sie dem Schloßprediger D. Eckardt, »soll ihr gut in der Erinnerung bleiben, mag es nachher kommen, wie es will.« Sie seufzte.
Mit mildem Tadel verwies der Geistliche diese schwächlichen Befürchtungen: »Wir Menschen sollen nicht zagen, wo Gott der Herr so sichtbarlich seinen Willen gezeigt hat.«
»Lieber Doktor,« die Kurfürstin seufzte stärker, »Er nimmt das Gebaren eines sinnlosen Tieres für ein Zeichen des Himmels, ich vermag darin nichts zu sehen, als die Angst des armen Geschöpfes, das sich verflogen hatte.«
Jetzt war das Seufzen an den Schloßprediger gekommen: über den hartnäckigen Unglauben seiner kurfürstlichen Herrin. Aber er unterdrückte es und erwiderte so sanft, wie es ihm in diesem Augenblicke möglich war: »Hat nicht der Herr durch eine Taube dem Noah das Aufhören der Sintflut verkündet? Und war es nicht eine Taube, die bei der Taufe im Jordan herniederstieg?«
Die Kurfürstin konnte nicht umhin, dies zu bejahen, jedoch meinte sie, es seien sozusagen himmlische Tauben gewesen, während die im Braunschweiger Schloß verflogene sich sehr irdisch benommen habe, hatte sie doch auf dem Erdglobus in Herzog Albrechts Zimmer nicht nur Fußspuren in den Gegenden der Tatarei, sondern auch noch andere deutliche Merkmale ihrer Bedrängnis hinterlassen.
Nun wurde D. Eckardt doch ungeduldig. Er hatte auf dieses Ereignis ein langes Hochzeitscarmen gedichtet und war nicht der Mann, sich von der Zweifelsucht der Kurfürstin um den Witz seines mühevollen Verseschmiedens bringen zu lassen. »Wer das Walten Gottes nicht im Tun des niedersten Wurmes erkennt, den werden eine Legion Engel nicht von des Herrn Allmacht und Weisheit überzeugen,« erinnerte er mit Strenge, kehrte seine Würde als geistlicher Berater heraus und hielt die Kurfürstin ernstlich an, das ohnedies durch die bevorstehende Trennung von Heimat und Freunden bange Gemüt der Prinzessin durch die Äußerung eigener Bedenklichkeiten nicht noch stärker zu verstören: »Eines solchen unchristlichen Verhaltens werden sich Ew. Kurfürstliche Gnaden nicht schuldig machen wollen.«
»Nein,« sagte die Kurfürstin bestimmt und völlig überwunden. Es gab für sie nichts Ruchloseres als unchristliches Tun. Dabei konnte sie es freilich nicht hindern, daß ihr zuweilen der ketzerische Gedanke aufstieg, es ginge jenen, die sich wie ihr Gemahl August über jede von Sitte und Gesetz gezogene Schranke hinwegsetzten, weit besser auf dieser Erde, als denen, die sich mühten, alle Gebote zu halten. Für sie hatte die Welt nur Demütigung über Demütigung, und die andern feierte und bewunderte sie als die Starken. Dennoch hätte die Kurfürstin nicht mit den prahlerischen Verächtern der Tugend tauschen mögen. Aus ihrem Leide wuchs ihr Stolz.
»Es ist unser Ruhm, getreu zu sein!«
Die Prinzessin Charlotte neigte den bräutlich geschmückten Scheitel vor der Kurfürstin, die ihr diesen Wahrspruch wie einen Segen mit auf den neuen Lebensweg gab. Das leise Rot der Erwartung auf ihren Wangen vertiefte sich, als sie erwiderte:
»Es wird mir nicht schwer fallen, getreu zu sein. Ich liebe ihn.«
»Liebe!« Die Kurfürstin drückte die schmale gelbliche Hand fest auf ihren gepreßt sich hebenden Busen. Der Seufzer, der ihr entfliehen wollte, durfte die Ohren der Prinzessin nicht erreichen. Doch sie konnte sich die Warnung nicht versagen:
»Liebe ist rasch verraten und schnell enttäuscht. Immer gehört uns der Geliebte nur in dem einen einzigen Augenblick seiner Liebe, und er ist unserer Liebe verloren, wenn unsere Treue nicht mit ihm geht, auf welchen Wegen er auch wandelt.«
Charlotte kannte, so jung sie war, die Schmerzen, aus denen der Kurfürstin diese Erkenntnis kam: ein Schicksal sprach. Sollte es auch das ihre sein? – Eiseskälte hauchte sie an. Die Fremde, in die ihre Straße führt, die ihr so wesensfern und ihm so nahe war. Würde sie ihn ihr lassen? – Die Knie wankten ihr, sie mußte sich setzen.
»Kind,« die Kurfürstin erschrak: nun hatte sie doch aufgerührt, was besser geschlafen hätte, »du fürchtest dich?«
In den Augen der Prinzessin standen Tränen, sie barg ihren Kopf an der Brust ihrer Patin: »Ich werde ganz allein dort sein, niemandem erwünscht, von vielen gehaßt und, ich fühle es, sie werden ihn mir abwendig machen.«
»Lottl!« Die Kurfürstin war ganz außer sich über das Unheil, das sie angerichtet hatte, »so etwas darfst du nicht denken. Bist du nicht dem Zaren willkommen? Er erhofft von dir, daß du das Herz seines Sohnes ihm geneigt machen wirst. Und,« sie suchte alle Gründe, die Verzagte aufzurichten, zusammen, »hat dir nicht seine Gemahlin freundlich schreiben lassen, daß sie dich wie ihre eigene Tochter halten wolle.«
Die Prinzessin schwieg. Aber ihre Mienen besagten deutlich, daß sie sich vor dieser Frau noch mehr bangte wie vor dem Zaren.
Innerlich teilte die Kurfürstin ihre Befürchtungen: sie hatte manche schlimme Erfahrungen mit den durch Geist und Laune eines fürstlichen Verliebten Emporgekommenen gemacht. Laut aber trug sie zusammen, was zu Katharinas Gunsten zeugte: die Retterin vom Pruth galt viel beim Zaren. Es wäre ihr ein leichtes gewesen, den Zwiespalt zwischen ihm und seinem Sohne zu erweitern. Sie aber hatte ihren ganzen Einfluß aufgewendet, ein erträgliches Nebeneinander anzubahnen. Die Erlaubnis zur Reise nach Deutschland verdankte der Prinz ihrer Befürwortung, sie war dem Plane seiner Verbindung mit Charlotte von Anfang an geneigt gewesen. Der Prinz hielt viel von ihr.
»Wenn er von ihr spricht, wird der Schweigsame ordentlich lebendig.«
»Hast du es auch bemerkt?« Die Züge Charlottens waren gespannt.
»Ja.« Eine ziemliche Verwirrung hatte sich der Kurfürstin bemächtigt: war denn jedes ihrer Worte bestimmt, die Ärmste zu verwunden? Sie suchte nach einer harmlosen Erklärung für des Prinzen Verhalten, das ihr Charlottens Frage in ein neues auffallendes Licht gerückt hatte: »Ich glaube,« sagte sie unsicher, »er bewundert …«
Die hellen Augen der Prinzessin weiteten sich geängstigt: »Bewunderung …«
Sie verstummte.
Der Huissier vor der Tür hatte seinen Stab aufgestoßen. Die Flügel sprangen auf. Der Zarewitsch erschien mit den Herren seines Gefolges, die Braut einzuholen.
Charlotte war aufgesprungen. Sie stand schwankend. Ein jäh ausbrechendes Schluchzen warf sie an des Prinzen Brust:
»Du darfst mich nicht verlassen!«
Alexei war fassungslos. Bleich, bebend, mit schlaff herabhängenden Armen blickte er verstört auf die Weinende: was war das? Was wollte sie? Schutz bei ihm? Sie sollte ihm Schutz sein. Vor dem Vater. – Er senkte die Stirn und nagte gepeinigt an der Unterlippe.
Der Kurfürstin gab es einen Stich ins Herz: welch übler Anfang.
Der Prinz schwieg und schwieg. Die Stille wurde beklemmend.
Da raffte sich die Kurfürstin auf und mahnte: »Haltung, Kind!«
Charlotte stützte sich schwer auf ihren Arm: »Verzeih,« ihr hilfeheischender Blick suchte in dem Gesicht ihres Verlobten nach einem letzten Trost, »daß ich dich erschreckt habe.«
Er zuckte zusammen: »Du mußt Geduld mit mir haben,« murmelte er tonlos, »ich bin es nicht gewöhnt, einem andern Stütze zu sein. Aber ich werde es lernen,« er atmete tief, »ich muß es lernen. Denn sonst,« er stockte und sagte es dann doch, »bin ich verloren.«
Afranisja hatte schlechte Tage. Ihre neue Herrin, der der alte Fürst Wolchonski zum Lohn für ihre kleinen freundschaftlichen Opfer die zu vielem geschickte und zu allem bereite Dienerin abgetreten hatte, war unzufrieden. Nicht mit der Finnin, sondern mit dem Lauf der Dinge im allgemeinen und im besonderen.
Es war der Gräfin Barbara nicht zu verdenken. Noch immer nicht hatte sie mit ihrem schlau ausgelegten Netz den entscheidenden Zug tun können. Ja, schlimmer als das, der Fisch, auf den sie es hauptsächlich abgesehen hatte, drohte, ihr durch die Maschen zu entschlüpfen.
»Sie und wieder sie,« zischte sie ingrimmig. »Wüßte ich nicht, daß sie von meinen Plänen keine Ahnung hat, ich müßte vermuten, alles sei ihr offenbar. So überlegen begegnet sie mir. Ah,« sie preßte die Faust wider die Zähne, »wenn ich sie unter die Füße bekomme.«
»Du würdest nicht über sie triumphieren, Herrin. Sie ist Livländerin. Die sind zäh.«
»Boshaftes Ding!« Afranisja erhielt einen leichten Schlag, der jedoch mehr einer Liebkosung als einer Strafe glich. »Was willst du damit sagen?«
Die Finnin duckte sich. Ihre dunklen Augen schillerten die Gräfin an: »Es gibt nur eine Rasse, die es mit ihnen aufnimmt: Die Finnen!«
»Sieh an, da hinaus willst du! Gib dir keine Mühe, das livländische Herz schlägst du nicht aus dem Felde.«
Afranisja wiegte zweifelnd die Schultern.
»Nicht einmal die bleichsüchtige Deutsche, solange sie ihre Hand über sie hält,« setzte die Gräfin ärgerlich hinzu.
Neugierig beugte sich die Dienerin ihr näher: »Ach ja, wie war's bei dem Empfang, Herrin, du hast noch gar nichts erzählt.«
Ein hartes Lachen antwortete dieser Frage: »Wie es war? O, die liebe Familie schwimmt in Glück und Seligkeit. Diese Frau führt sie alle an der Nase herum. Sie macht aus dem Peter wahrhaftig einen Peter. Er ist Wachs in ihrer Hand. Die blonde Zimperliese heult sich an ihrem Busen aus, und der Jämmerling von Zarewitsch verschlingt sie anbetend mit den Blicken. Er, der sonst die Augen nicht aufzuschlagen wagt. Und warum? Weil es der gnädigsten Frau Stiefmutter beliebte, eine ehrliche Aufwallung seines Vaters in eine Rührszene umzuwandeln. O, dieses Weib!«
Die Gräfin war aufgesprungen und ging mit ihren stampfenden Männerschritten im Zimmer auf und ab. Ihre Nasenflügel bebten.
»Ja, sie versteht es, die Allerweltsmutter zu spielen,« schürte die Finnin die gehässige Erbitterung. »Wo du hinhörst, Herrin, sprechen die Leute vom Mütterchen Katharina.«
»Ein schönes Mütterchen. Sie bemuttert sie alle, von dem fetten Ekel Jaguschinski bis zu dem jüngsten Pagen, dem Moens de la Croix. Alle. Und mit den Weibern ist es nicht anders. Die Galizin ist wie närrisch und schwärmt von ihrer Güte. Güte, es ist alles Berechnung. Oder ist es das etwa nicht, wenn sie andauernd diesem traurigen Gesellen Alexei beisteht? Paß nur auf, sobald sie dem Zaren mit einem Sohn aufwarten kann, kümmert sie sich nicht mehr um den jetzt so geflissentlich Beschützten. O, sie ist schlau. Jetzt streichelt sie noch mit Samtpfötchen, ist die Milde, die Versöhnende, laß sie nur erst ihr Ziel erreicht haben …« Hochaufatmend blieb die Gräfin stehen. »Du hättest sie sehen sollen, wie sie sich wieder gebärdete.«
Erwartungsgierig sah die Finnin zu ihr auf.
»Es war schon spät. Der Zar hatte wie stets zum Schluß der Tafel das Gemisch befohlen. Es war kräftig Branntwein dazwischen. Er reichte es wie gewöhnlich selbst herum. Wie er der Deutschen die Schale gibt, weicht sie zurück und fällt beinahe in Ohnmacht. Der Zar war gut gelaunt. Er scherzte noch: ›Dem Zuckerpüppchen ist unser Wein zu stark?‹ Die Prinzessin schüttelte sich vor Widerwillen: ›Ich trinke keinen Schnaps!‹ ›Hoho!‹ der Zar wird ungemütlich, ›du trinkst keinen? Du wirst ihn trinken, meine Tochter. Ein guter Russe muß einen Schnaps vertragen, und ich hoffe, du willst eine gute Russin sein!‹ Das fade Dämchen schweigt, aber sie rührt keine Hand, ihm Bescheid zu tun. Er wird brandrot und fragt den Zarewitsch brüllend: ›Pariert deine Frau immer so schlecht?‹ Und der, der sich nie getraut zu widersprechen, entgegnet zwar stotternd, aber entgegnet doch: ›Ich zwinge Charlotte zu nichts, was ihr widerstrebt!‹ Der Zar ist außer sich, seine Augen rollen, jeder erwartet, in der nächsten Sekunde den Becher dem Dreisten an den Schädel fliegen zu sehen. Da beugt sich die Livländerin näher zur Schulter des Zaren: ›Du wünschtest ihn als Mann zu sehen. Er steht für seine Frau wie ein Mann!‹ Der Zar stutzt, dann nickt er: ›Du hast recht. Wie immer!‹ Er drückt dem Prinzen die Hand: ›Du hast brav gehandelt, mein Sohn‹, tätschelt der Prinzessin die Wange: ›Mein Töchterchen wird sich das Zieren abgewöhnen!‹ – Sie zieht die Zitternde an sich: ›Du mußt ihr Zeit gönnen.‹ – Und er erwidert völlig besänftigt: ›Was meine Katharina bittet, ist gewährt.‹ – Die liebe Familie ist einig. Und die ganze Hofgesellschaft strahlt in höchster Beglückung und ist hingerissen von dem erbaulichen Bilde.« Sie schüttelte sich: »Wie ein Aktschluß aus einem sentimentalen französischen Schmarren. Widerlich!«
»Und es gibt nichts, was die Zärtlichen trennt?«
Die Gräfin zuckte die Achseln: »Nichts außer dem lutherischen Widerglauben der Prinzessin. Doch das gilt vor dem Zaren nicht.«
»Um so mehr vor dem Zarewitsch.«
»Er hat, scheint's, seine Abneigung gegen die Ketzer überwunden.«
»So muß man sie ihm schärfen!«
»Du?«
Afranisja lächelte verschmitzt: »Es ist mein sehnlichster Wunsch, der rechtgläubigen Kirche anzugehören.«
»Schlange,« die Gräfin rüttelte sie an den Schultern, »ist das dein Gift?«
Geschmeidig duckte sich die Finnin: »Ich hab's für dich!«
Eine wilde Freude zuckte in den unschönen Zügen der Gräfin auf: »Stich zu, stich!« Ihr Blick wurde drohend: »Aber wehe dir, kehrst du deinen Zahn wider mich. Du bist mein,« sie schüttelte die Hand gegen das Mädchen. »Mein. Mein Eigen!«
»Dein Eigen!« Afranisja mußte sich tief über die gebieterisch ausgestreckten Finger beugen, um vor der Wachsamkeit der Gräfin das listige Zwinkern ihrer hellbewimperten Lider zu verstecken.