Das achtundzwanzigste Capitel.

Courage kommt mit ihrer Compagnie in ein Dorf, darinnen Kirchweih gehalten wird, reizet einen jungen Zigeuner an, eine Henne todt zu schießen; ihr Mann stellet sich, solchen aufhenken zu lassen; wie nun jederman im Dorf hinauslief, diesem Schauspiel zuzusehen, stahlen die Zigeunerinnen alles Gebratens und Gebackens und machten sich samt ihrer ganzen Zunft eiligst und listig darvon.

Unlängst nach diesem überstandenen Strauß kam unsere zigeunerische Rott von den Königsmarkischen Völkern wieder zu der schwedischen Hauptarmee, die damals Torstensohn commandirt und in Böhmen geführt, allwo dann beide Heer zusammenkamen. Ich verbliebe samt meinem Maulesel nicht allein biß nach dem Friedensschluß bei dieser Armada, sondern verließe auch die Zigeuner nicht, da es bereits Frieden worden war, weil ich mir das Stehlen nicht mehr abzugewöhnen getrauete. Und demnach ich sehe, daß mein Schreiber noch ein weiß Blatt Papier übrig hat, also will ich noch zu guter Letzt oder zum Valete ein Stücklein erzählen und darauf setzen lassen, welches mir erst neulich eingefallen und alsobalden probirt und practicirt hat werden müssen, bei welchem der Leser abnehmen kan, was ich sonst möchte ausgerichtet haben, und wie artlich ich mich zu den Zigeunern schicke.

Wir kamen im lothringischen Gebiet einsmals gegen Abend vor einen großen Flecken, darinnen eben Kürbe[212] war, welcher Ursachen wegen und weil wir einen ziemlichen starken Troupen von Männern, Weibern, Kindern und Pferden hatten, uns das Nachtläger rund abgeschlagen wurde. Aber mein Mann, der sich vor den Obristleutenant ausgab, versprach bei seinen adelichen Worten, daß er gut vor allen Schaden sein, und weme etwas verderbt oder entwendet würde, solches aus dem Seinigen bezahlen und noch darzu den Thäter an Leib und Leben strafen wolte, wormit er dann endlich nach langer Mühe erhielte, daß wir aufgenommen wurden. Es roche überall im Flecken so wol nach dem Kürbe-Gebratens und Gebackens, daß ich gleich auch einen Lust darzu bekam und einen Verdruß empfande, daß die Bauern allein solches fressen solten, erfand auch gleich folgenden Vortheil, wie wir dessen theilhaftig werden könten. Ich ließe einen wackern jungen Kerl aus den Unserigen eine Henne vor dem Wirthshause todtschießen, worüber sich alsobald bei meinem Mann eine große Klage über den Thäter erhube. Mein Mann stellte sich schröcklich erzörnet und ließe gleich einen, den wir vor einen Trompeter bei uns hatten, die Unserigen zusammen blasen. Indeme nun solches geschahe und sich beides Bauren und Zigeuner auf dem Platz versammleten, sagte ich etlichen auf unsere Diebssprach, was mein Anschlag wäre, und daß sich ein jedes Weib zum Zugreifen gefaßt machen solte. Also hielte mein Mann über den Thäter ein kurzes Standrecht und verdammte ihn zum Strang, weil er seines Obristleutenanten Befelch übergangen. Darauf erscholle alsobalden im ganzen Flecken das Geschrei, daß der Obristleutenant einen Zigeuner nur wegen einer Hennen wolte henken lassen. Etlichen bedunkte solche Procedur zu rigorose; andere lobten uns, daß wir so gute Ordre hielten. Einer aus uns muste den Henker agiren, welcher auch alsobalden dem Maleficanten die Hände auf den Rucken bande. Hingegen thät sich eine junge Zigeunerin vor dessen Weib aus, entlehnte von andern drei Kinder und kam damit auf den Platz geloffen. Sie bat um ihres Manns Leben und daß man ihre kleine Kinder bedenken wolte, stellte sich darneben so kläglich, als wann sie hätte verzweifeln wollen. Mein Mann aber wolte sie weder sehen noch hören, sondern ließe den Uebelthäter hinaus gegen einen Wald führen, an ihm das Urtheil exequiren zu lassen, eben als er vermeinte, der ganze Flecken hätte sich nunmehr versammlet, den armen Sünder henken zu sehen, wie sich dann auch zu solchem Ende fast alle Inwohner, jung und alt, Weib und Mann, Knecht und Mägd, Kind und Kegel mit uns hinaus begab. Hingegen ließe gedachte junge Zigeunerin mit ihren dreien entlehnten Kindern nicht ab, zu heulen, zu schreien und zu bitten, und da man an den Wald und zu einem Baum kam, daran der Hennenmörder dem Ansehen nach geknüpft werden solte, stellte sie sich so erbärmlich, daß erstlich die Baurenweiber und endlich die Bauren selbst anfiengen vor den Misthäter zu bitten, auch nicht aufhöreten, biß sich mein Mann erweichen ließe, dem armen Sünder ihrentwegen das Leben zu schenken. Indessen wir nun außerhalb dem Dorf diese Comödi agirten, mausten unsere Weiber im Flecken nach Wunsch, und weil sie nicht nur die Bratspieß und Fleischhäfen leereten, sondern auch hie und da namhafte Beuten aus den Wägen gefischt hatten, verließen sie den Flecken und kamen uns entgegen, sich nicht anders stellend, als wann sie ihre Männer zur Rebellion wider mich und meinen Mann verhetzten, um daß er einer kahlen[213] Hennen halber einen so wackern Menschen hätte aufhenken lassen wollen, dardurch sein armes Weib zu einer verlassenen Wittib und drei unschuldige junge Kinder zu Waisen gemacht wären worden. Auf unsere Sprache aber sagten sie, daß sie gute Beuten erschnappt hätten, mit welchen sich bei Zeiten aus dem Staub zu machen seie, ehe die Bauren ihren Verlust innen würden. Darauf schriee ich den Unserigen zu, welche sich rebellisch stellen und, sich dem Flecken zu entfernen, in den Wald hinein ausreißen solten; denen setzte mein Mann und was noch bei ihm war mit bloßem Degen nach, ja sie gaben auch Feuer drauf und jene hinwiederum, doch gar nicht der Meinung, jemand zu treffen. Das Bauersvolk entsetzte sich vor der bevorstehenden Blutvergießung, wolte derowegen wieder nach Haus; wir aber verfolgten einander mit stetigem Schießen biß tief in Wald hinein, worin die Unsern alle Weg und Steg wusten. In Summa, wir marschierten die ganze Nacht, theilten am Morgen frühe nicht allein unsere Beuten, sondern sonderten uns auch selbsten von einander in geringere Gesellschaften, wordurch wir dann aller Gefahr und den Bauern mit unserer Beut entgangen.

Mit diesen Leuten habe ich gleichsam alle Winkel Europä seithero unterschiedlichmal durchstrichen und sehr viel Schelmenstück und Diebsgriffe ersonnen, angestellt und ins Werk gerichtet, daß man ein ganz Ries Papier haben müste, wann man solche alle mit einander beschreiben wolte. Ja ich glaube nicht, daß man genug damit hätte. Und eben dessentwegen habe ich mich mein Lebtag über nichts mehrers verwundert, als daß man uns in den Ländern geduldet, sintemal wir weder Gott noch den Menschen nichts nützen noch zu dienen begehren, sondern uns nur mit Lügen, Betriegen und Stehlen genähret, beides zu Schaden des Landmanns als[214] der großen Herren selbst, denen wir manches Stück Wild verzehren. Ich muß aber hiervon schweigen, damit ich uns nicht selbst einen bösen Rauch mache, und vermeine nunmehr ohnedas, dem Simplicissimo zu ewigem Spott genugsam geoffenbart zu haben, von waserlei[215] Haaren seine Beischläferin im Sauerbrunnen gewesen, deren er sich vor aller Welt so herrlich gerühmet, glaube auch wol, daß er an andern Orten mehr, wann er vermeint, er habe eines schönen Frauenzimmers genossen, mit dergleichen französischen Huren oder wol gar mit Gabelreuterinnen[216] betrogen und also gar des Teufels Schwager worden sei.


Fußnoten:

[212] Kürbe, Kirchweih.

[213] kahl, geringfügig, elend, werthlos.

[214] als, wie.

[215] waserlei, wie welcherlei.

[216] Gabelreuterin, Hexe (die zum Hexensabbat reitet).