Das achtzehnte Capitel.

Gar zu übermachte[135] Gottlosigkeit der gewissenlosen Courage.

Der Gewinn, der mir in so mancherlei Hantierungen zugieng, thät mir so sanft, daß ich dessen je länger je mehr begehrte; und gleich wie es mir allbereit eines Dings war, ob es mit Ehren oder Unehren geschehe, also fieng ichs auch an nicht zu achten, ob es mit Gottes oder des Mammons Hülf besser prosequirt werden möchte. Einmal[136] es galte mir endlich gleich, mit was für Vörtheilen, mit was für Griffen, mit was für einem Gewissen und mit was für Hantierungen ich prosperirte, wann ich nur reich werden möchte. Mein Springinsfeld muste einen Roßtäuscher abgeben, und was er nit wuste, das must er von mir lernen, in welcher Profession ich mich tausenderlei Schelmstücke, Diebsgriff und Betrüge gebrauchte. Keine Waar, weder von Gold, Silber, Edelgesteinen, geschweige des Zinns, Kupfers, Getüchs[137], der Kleidung und was es sonst sein mögen, es wäre gleich rechtmäßig erbeutet, geraubet oder gar gestohlen gewesen, war mir zu köstlich oder zu gering, daß ich nicht daran stunde, solches zu erhandeln. Und wann einer nicht wuste, wohin mit demjenigen, das er zu versilbern, er hätte es gewonnen, wie er wolte, so hatte er einen sichern Zutritt zu mir wie zu einem Juden, die den Dieben getreuer sein, sie zu conservirn, als ihrer Obrigkeit, selbige zu strafen. Dannenhero waren meine beide Wägen mehr einem Materialistenkram gleich, als daß man nur kostbare Victualia bei mir hätte finden sollen, und eben deswegen konte ich hinwiederum auch einem jedwedern Soldaten, er wäre gleich hoch oder nieder gewest, mit demjenigen ums Geld helfen, dessen er benöthigt war. Hingegen muste ich auch spendiren und schmieren, um mich und meine Hantierungen zu beschützen. Der Profoß war mein Vatter, seine alte Mär (seine alte Frau, wolt ich sagen) meine Mutter, die Obristin meine gnädige Frau und der Obrist selbst mein gnädiger Herr, welche mich alle vor allem demjenigen sicherten, dardurch ich und mein Anhang oder auch meine Handelschaft einbüßen mögen.

Einsmals brachte mir ein alter Hühnerfänger, ich wolte sagen, so ein alter Soldat, der lang vor dem böhmischen Unwesen eine Musquet getragen hatte, so etwas in einem verschlossenen Gläslein, welches nicht recht einer Spinnen und auch nicht recht einem Scorpion gleich sahe. Ich hielte es vor keine Insect oder lebendige Creatur, weil das Glas keinen Luft hat, dardurch das beschlossene Ding sein Leben hätte erhalten mögen, sondern vermeinte, es wäre irgends ein Kunststuck eines vortrefflichen Meisters, der solches zugerichtet, um dardurch ein Gleichnus, ich weiß nit von was vor einer ewigwährenden Bewegung vorzustellen, weil sich dasselbe ohn Unterlaß im Glas regte und herum grabelte. Ich schätzte es hoch, und weil mirs der Alte zu verkaufen anbote, fragte ich: »Wie theuer?«

Er bote mir den Bettel um zwo Kronen, die ich ihm auch alsobalden darzahlte, und wolte ihm noch ein Feldmaß Wein darzu schenken. Er aber sagte, die Bezahlung seie allbereit zu Genügen geschehen, welches mich an einen solchen alten Weinbeißer verwunderte und verursachte, ihn zu fragen, warum er einen Trunk ausschlüge, den ich doch einem jeden im Kauf zu geben pflegte, der mir nur das Geringste verhandelte.

»Ach, Frau Courage«, antwortet er, »es ist hiermit nicht wie mit anderer Waar beschaffen. Sie hat ihren gewissen Kauf und Verkauf, vermög dessen die Frau zusehen mag, wann sie diß Kleinod wieder hingibt, daß sie es nämlich wolfeiler verkaufe, als sie es selbsten erkauft hat.«

Ich sagte: »So würde ich auf solche Weis wenig daran gewinnen.«

Er antwortet: »Darum lasse ich sie sorgen. Was mich anbelangt, so hab ichs allbereit bei 30 oder mehr Jahren in Händen und noch keinen Verlust dabei gehabt, wiewol ichs um 3 Kronen kauft und um 2 wieder hingeben.«

Diß Ding war mir ein Gesäg[138], darein ich mich nicht richten konte oder vielleicht auch nicht richten wolte; dann weil ich ein satten Rausch und[139] zu gewarten hatte, ich würde etliche Abgesandte der Venere abzufertigen kriegen, war mirs eine desto geringere Bekümmernus, oder (lieber Leser, sag mir selbst, was ich sagen sol!) ich wuste nit, was ich mit dem alten Kracher machen solte. Er däuchte mich nicht Manns genug zu sein, die Courage zu betrügen, und die Gewohnheit, daß mir andere, die ein besser Ansehen als dieser hatten, oft etwas um ein Ducaten hingaben, das deren hundert werth war, machte mich so sicher, daß ich mein erkauften Schatz einsteckte.

Des Morgens, da ich meinen Rausch verschlafen, fande ich meinen Kaufmannschatz in meinem Hosensack, dann man muß wissen, daß ich allzeit Hosen und meinen Rock trug. Ich erinnerte mich gleich, welcher Gestalt ich das Ding kauft hatte, legte es derowegen zu andern meinen raren und lieben Sachen, als Ringen, Kleinodien und dergleichen, um solches aufzuheben, biß mir etwan ein Kunstverständiger an die Hand käme, der mich um seine Beschaffenheit berichtete. Als ich aber ungefähr[140] unter Tags wieder in meinen Sack griffe, fande ich dasselbe nicht, wohin ichs aufgehoben, sondern wieder in meinem Hosensack, welches mich mehr verwunderte als erschreckte, und mein Fürwitz, zu wissen was es doch eigentlich wäre, machte, daß ich mich fleißig nach dessen Verkäufer umsahe, und als derselbe mir aufstieße, fragte ich ihn, was er mir zu kaufen gegeben hätte, erzählte ihm darneben, was vor ein Wunderwerk sich damit zugetragen, und bat ihn, er wolte mir doch desselben Wesen, Kraft, Würkung, Künste, und wie es umständlich damit beschaffen, nicht verhalten. Er antwortet: »Frau Courage, es ist ein dienender Geist, welcher demjenigen Menschen, der ihn erkauft und bei sich hat, groß Glück zuwegen bringt. Er gibt zu erkennen, wo verborgene Sachen liegen, er verschafft zu jedwederer Handelschaft genugsame Kaufleute und vermehret die Prosperität. Er macht, daß sein Besitzer von seinen Freunden geliebt und von seinen Feinden geförchtet werde. Ein jeder, der ihn hat und sich auf ihn verläßt, den macht er so fest als Stahl und behütet ihn vor Gefängniß. Er gibt Glück, Sieg und Ueberwindung wider die Feinde und bringt zuwegen, daß seinen Besitzer fast alle Welt lieben muß.«

In Summa der alte Lauer[141] schnitte mir so einen Haufen daher, daß ich mich glückseliger zu sein dauchte als Fortunatus mit seinem Seckel und Wünschhütel. Weil ich mir aber wol einbilden können, daß der sogenannte dienende Geist diese Gaben nit umsonst geben würde, so fragte ich den Alten, was ich hingegen dem Ding zu Gefallen thun müste, dann ich hätte gehöret, daß diejenige Zauberer, welche andere Leute in Gestalt eines Galgenmännels[142] bestehlen, das sogenannte Galgenmännel mit wochentlicher gewisser Badordnung und anderer Pfleg verehren müsten. Der Alte antwortet: es dörfte des Dings hier gar nicht; es sei viel ein anders mit einem solchen Männel als mit einem solchen Ding, das ich von ihm gekauft hätte. Ich sagte: Es wird ohne Zweifel mein Diener und Narr nicht umsonst sein wollen; er solte mir nur kecklich und verträulich offenbaren, ob ichs so gar ohne Gefahr und auch so gar ohne Belohnung haben und solcher seiner ansehenlichen Dienste ohne andere Verbindung und Gegendienste genießen könte. »Frau Courage«, antwortet der Alte, »ihr wüst bereits genug, daß ihrs nämlich um geringern Preis hingeben solt, wann ihr dessen Diensten müd seid, als ihrs selbsten erkauft habt, welches ich euch gleich damals, als ihr mirs abgehandelt, nicht verhalten habe. Die Ursach zwar, warum, mag die Frau von andern erfahren.« Und damit gieng der Alte seines Wegs.

Meine böhmische Mutter war damals mein innerster Rath, mein Beichtvatter, mein Favorit, mein bester Freund und mein Sabud Salomonis[143]; ihr vertrauet ich alles, und also auch was mir mit dem erkauften Markschatz begegnet wäre. »He«, antwortet sie, »es ist ein Stirpitus flammiliarum, der alles dasjenige leistet, was euch der Verkaufer von ihm erzählet; allein wer ihn hat, biß er stirbt, der muß, wie mir gesagt worden, mit ihm in die ander Welt reisen, welches ohne Zweifel seinem Namen nach die Höll sein wird, allwo es voller Feuer und Flammen sein soll. Und eben deswegen läßt er sich nicht anderst als je länger je wolfeiler verkaufen, damit ihm endlich der letzte Käufer zu theil werden müsse. Und ihr, liebe Tochter, stehet in großer Gefahr, weil ihr ihn zum allerletzten zu verkaufen habt; dann welcher Narr wird ihn von euch kaufen, wann er ihn nit mehr verkaufen darf, sondern eigentlich weiß, daß er seine Verdammnus von euch erhandelt?«

Ich konte leichtlich erachten, daß mein Handel schlimm genug bestellt war; doch machte mein leichter Sinn, meine blühende Jugend, die Hoffnung eines langen Lebens und die gemeine Gottlosigkeit der Welt, daß ich alles auf die leichte Achsel nahm. Ich gedachte: du wilst dieser Hülfe, dieses Beistands und dieser glückseligen Accantage[144] genießen, so lang du kanst; indessen findest du wol einen leichtfertigen Gesellen in der Welt, der entweder beim schweren Trunk oder aus Armuth, Desperation, blinder Hoffnung großen Glückes, oder aus Geiz, Unkeuschheit, Zorn, Neid, Rachgier oder etwas dergleichen diesen Gast wieder von dir um die Gebühr annimmt.

Diesem nach gebrauchte ich mich dessen Hülf in aller Maß und Form, wie es mir beides von dem alten Verkäufer als auch meiner Kostfrauen oder angenommenen böhmischen Mutter beschrieben worden. Ich verspürte auch seine Würkung täglich; dann wo ein Marquetenter ein Faß Weins auszapfte, vertrieb ich deren drei oder vier. Wo ein Gast einmal meinen Trank oder meine Speis kostete, so bliebe er das andermal nit aus. Welchen ich ansahe und wünschte seiner zu genießen, derselbe war gleich fix und fertig, mir in der allerunterthänigsten Andacht aufzuwarten, ja mich fast wie eine Göttin zu ehren. Kam ich in ein Quartier, da der Hauswirth entflohen, oder daß es sonsten ein Herberg oder verlassene Wohnung war, darin sonst niemand wohnen konte (maßen man die Marquetenter und Commißmetzger in keinem Palast zu logieren pfleget), so fande ich gleich, wo das Messer steckte, und wuste, weiß nit durch was vor ein innerliches Einsprechen, solche Schätze zu finden, die in vielen, vielleicht 100 Jahren keine Sonne beschienen &c. Hingegen kan ich nicht leugnen, daß auch etliche waren, die der Courage nichts nachfragten, sondern sie viel mehr verachten, ja verfolgten als ehreten, ohne Zweifel darum, weil sie von einem größeren lumen erleuchtet, als ich von meinem flamine[145] bethört gewesen. Solches machte mich zwar witzig und lernete mich durch allerhand Nachdenken philosophiren und betrachten, wie, was und dergleichen. Ich war aber allbereit in der Gewinnsüchtigkeit und allen ihren nachgehenden Lastern dermaßen ertränkt, daß ichs bleiben ließe, wie es war, und nichts zum Fundament zu raumen[146] gedachte, darauf meine Seligkeit bestunde, wie auch noch. Diß, Simplice, sage ich dir zum Ueberfluß, dein Lob zu bekrönen, weil du dich in deiner Lebensbeschreibung gerühmt hast, einer Damen im Saurbrunnen genossen zu haben, die du doch noch nicht einmal kantest.

Indessen wurde mein Geldhaufen je länger je größer, ja so groß, daß ich mich auch bei meinem Vermögen fürchtete.

Höre, Simplice, ich muß dich wieder etwas erinnern. Wärest du etwas nutz gewest, als wir mit einander im Saurbrunnen das Verkehren spielten, so wärest du mir weniger ins Netze gerathen als diejenige, die im Schutz Gottes waren, da ich den Spiritum familiarem hatte.


Fußnoten:

[135] übermacht, übertrieben.

[136] einmal, kurz, überhaupt.

[137] Getüch, Tuchwaaren.

[138] Gesäg, Gerede.

[139] und fehlt in allen Ausgaben.

[140] ungefähr, zufällig.

[141] Lauer, Spitzbube, nach dem Sprichwort: der Bauer ein Lauer.

[142] Vgl. »Simplicissimi Galgenmännlein« &c. 1673 und die Einleitung zum »Simplicissimus«, S. LXV.

[143] Sabud Salomonis. Sabud, der Sohn Nathan's, des Priesters, war des Königs Freund. 1 Könige 4, 5.

[144] Die Gesammtausgabe hat »abbantage«; Courage will sagen Avantage, Vortheil.

[145] flamen, es ist wol gemeint: geistiger Hauch, geistiges Wesen.

[146] raumen, aufräumen, ebnen, Hindernisse aus dem Wege schaffen.