Das achtzehnte Capitel.

Wie es dem Springinsfeld von der Tuttlinger Kirchmeß an biß nach dem Treffen vor Herbsthausen ergangen.

»Den folgenden Sommer führete uns der kluge General Freiherr von Mercy wieder mit einer schönen und zwar fast auf ein altfränkische oder holländische Manier, da alles mit guter Ordre zugehet, zu Felde. Das Vornehmste, das wir gleich anfangs verrichteten, war die Einnehmung der Stadt Ueberlingen[427], deren Guarnison nun eine Zeit lang große Ungelegenheit auf und um den Bodensee herummer gemacht hatte. Dieser folgte Freiburg im Breisgau, die nun etliche Jahr nacheinander mit Einziehung der Contributionen gleichsam wie eine militärische Königin über den ganzen Schwarzwald geherrschet und sich aus ihm bereichert. Wir hatten aber dieselbige Stadt kaum in unserm Gewalt, als der Duc de Anguin und Touraine ankommen, uns in unserm wolbefestigten Läger auf die Finger zu klopfen, maßen sie auf die Schanzen gestürmt und weder ihrer Soldaten Blut noch deren Lebens verschonet, gleichsam als wann sie nur wie die Pfifferling über Nacht gewachsen wären. Sie stürmten mit unglaublicher Furi gegen uns hinauf wie resolute Helden, wurden aber jedesmal beides zu Roß und Fuß dermaßen bewillkommt und wieder abgefertigt, daß sie mit ihrem häufigen Herunterpurzlen der überstreuten Walstatt ein Ansehen machten, als wann es Soldaten geschneiet hätte. Es war auch billich, daß diejenige, deren Leben gering geachtet wurde, dasselbe auch gering verlieren solten. Den andern Tag gieng es noch hitziger her, und kann ich wol schweren, daß ich mein Tage niemals darbei gewesen, da man schärfer einander zugesprochen als eben vor diesem Freiburg. Es hatte das Ansehen, als wann die Franzosen nicht übers Herz wolten oder könten bringen, uns ohnüberwunden von sich zu lassen, und eben dahero fochten sie desto tapferer, ja unsinniger. Hingegen stritten wir vernünftig und mit großem Vortheil; dahero kams, daß unserer nicht viel über 1000, jener aber über 6000 erschlagen und verwundet worden.«

»Wir Dragoner haben neben den Cürassierern unter Johann von Werds Anführung das Beste gethan, und wann unserer mehr zu Pferd gewesen wären, so würde den Franzosen ihre Frechheit übel eingetränkt sein worden. Wir kamen zwar mit einem blauen Aug darvon, aber mit großer Ehr, dieweil wir sich eines solchen starken Feinds ritterlich erwehret und ihm allerdings den dritten Theil so viel Volks zu nichte gemacht, als wir selbst stark gewesen. Hingegen hatten die Franzosen auch keine Schand darvon, als die ihre verwegene Tapferkeit genugsam sehen lassen, es seie dann einem aufzuheben[428] oder vorzurucken, wann er so vieler Soldaten Blut unnützlich verschwendet oder sonst ohne Noth mit dem Kopf wider eine Maur lauft.«

»Da wir sich nun in unserm würtenbergischen Lande ein wenig erschnaubet[429] und zugleich marschierend sich um einen Raub umschauten, vermutheten wir solchen in der untern Pfalz zu erhaschen. Derowegen rumpelten[430] wir hinein und gleich darauf in Mannheim mit stürmender Hand, worinnen ich abermal, weil ich einer unter den ersten war, der hinein kam, eine ansehnliche Beut von Geld, Kleidern und Pferden machte. Diesemnach säuberten wir Höchst von der hessischen Besatzung per Accord und nahmen Bensheim[431] mit Sturm ein, alwo mein Obrister[432] das Leben durch einen Schuß einbüste. Darinnen hauseten wir etwas rigoroser, als kurbairisch, und machten, daß sich Weinheim[433] auch auf Gnad und Ungnad an uns ergab.«

»Um diese Zeit stunde es um unsere Armee überaus wol, dann wir hatten an dem Mercy einen verständigen und tapfern General, an dem von Holtz gleichsam einen Atlanten, der die Beschaffenheit aller Weg, Steg, Päss, Berg, Flüss, Wälder, Felder und Thäler durch ganz Teutschland wol wuste, dahero er das Heer beides im Marschiern und Logiern zum allervortelhaftigsten führen und einquartieren, auch wann es an ein Schmeißens[434] gehen solte, seinen Vortel bald absehen konte. Am Joann de Werd hatten wir einen braven Reutersmann ins Feld, mit welchem die Soldaten lieber in eine Occasion als in ein schlechtes Winterquartier giengen, weil er den Ruhm hatte, daß er beides in offentlichem Fechten und Verrichtung seiner heimlichen Anschläge sehr glückselig sei. An dem würtenberger Land und dessen Nachbarschaft hatten wir einen guten Brodkorb, welches schiene, als wann es nur zu unserem Unterhalt und unsere jährliche Winterquartier darinnen zu nehmen, erschaffen worden. Der Kurfürst aus Baiern selbst, wahrlich ein erfahrner Feldherr und weiser Kriegsfürst, war gleichsam unser Vatter und Versorger, welcher uns gleichsam von weitem zusahe, dirigirte und von Haus aus mit seiner klugen und vorsichtigen Feder führte; und was das allermeiste war, so hatten wir lauter versuchte und tapfere Obriste beides zu Roß und zu Fuß, und von denselbigen an bis auf den geringsten Soldaten eitel geübte, herz- und standhafte Krieger. Und ich dörfte beinahe kecklich sagen, wann ein Potentat im Anfang seines Kriegs gleich eine solche Armee beisammen hätte, daß er sein Gegentheil, der noch zweimal so viel Tirones bei einander, dannoch leichtlich besiegen möchte.«

»Aber ich muß wieder auf meine Histori kommen; die verhält sich kürzlich also, daß nämlich nach geendigtem Winterquartier die meiste von uns in Böhmen zu den Kaiserischen giengen und von den Schwedischen vor Jankau[435] ihr Theil Stöße holeten, und haben wir solcher Gestalt ihrer Unglückseligkeit oft entgelten und die Scharte ihrer Waffen, die sie, ich weiß nit aus was Ursachen oder Uebersehen, hier und da empfangen, mit Darstreckung unserer Hälse öfters auswetzen, ja zu Zeiten ihrentwegen gar einbüßen müssen, wie dann vor dißmal auch beschehen. Ich befande mich damals nicht in obbesagtem Treffen, sonder im Würtenbergischen, in welcher Gegend mein Obrister zu Nagolt[436] die Schanze häßlich übersehen und zum Lohn seiner Unvorsichtigkeit das Leben erbärmlicher Weise eingebüßt. Und damals kam es darzu, daß ich aus einem Corporal zu einem Fourier gemacht wurde, eben als der von Mercy unsere Völker hin und wieder zusammen zohe, um dem Tourenne zu wehren, daß er sich in unserm Gäu, in Schwaben und Franken, daraus wir uns selbst zu erhalten gewohnet waren, nicht zu heimisch und gemein machen solte.«

»Und dieses ist dem von Mercy vor dißmal auch noch gelungen, maßen er ohnversehens auf die Französische losgangen und sie bei Herbsthausen dermaßen geklopft, daß ihm Touraine das Feld raumen und viel vornehme Officier- und Generalspersonen hinterlassen müssen. Ich wurde in diesem Treffen zeitlich durch einen Schenkel, doch nicht gefährlich geschossen, gleichwol aber dardurch etwas zu erbeuten untüchtig gemacht, weil ich die noch Stehende weder bestreiten helfen, noch den Flüchtigen nachjagen konte, welches mich so blutübel verdrosse, daß ich zween ganzer Tag mit allem meinem Fluchen kein Vatterunser zusammen bringen konte; dann weil mein harte Haut bißhero nur mit den ankommenden Kuglen gescherzt, vermeinte ich, es solte nicht sein, daß ein anderer mehr als ich können und mich eben jetzt, da etwas zu ertappen, beschädigen solte.«


Fußnoten:

[427] Ueberlingen, Baden, Seekreis am Bodensee.

[428] aufheben, tadelnd hervorheben, Aufheben von einer Sache machen.

[429] sich erschnauben, verschnaufen, zu Athem kommen.

[430] rumpeln, rasch einfallen, vgl. überrumpeln.

[431] Bensheim, Hessen-Darmstadt, Provinz Starkenburg, Stadt.

[432] Er hieß Wolff; er wurde 1644 dicht vor dem Thor der Stadt erschossen; Theat. Europ. V, 581.

[433] Weinheim, Stadt in Baden, Unterrheinkreis, an der Weschnitz.

[434] Schmeißen, Schlagen.

[435] Jankau, oder Jankow, Dorf in Böhmen. Mit diesem Treffen endete die Kriegslaufbahn des Simplicissimus.

[436] Nagolt, in Würtemberg, Schwarzwaldkreis, an der Nagold in einem tiefen Thal gelegen.