Das dreizehnte Capitel.
Was vor gute Täge und Nächte die gräflich Fräulin im Schloß genosse, und wie sie selbige wieder verloren.
Ich pflegte meiner Gesundheit und bähete mich aus, wie einer, der halb erfroren aus einem kalten Wasser hinter einem Stubenofen oder zum Feuer kommt; dann ich hatte damals auf der Welt sonst nichts zu thun, als auf der Streu zu liegen und mich wie ein Streitpferd im Winterquartier auszumästen, um auf den künftigen Sommer im Feld desto geruheter zu erscheinen und mich in den vorfallenden Occasionen desto frischer gebrauchen zu lassen. Davon wurde ich in Bälde wieder ganz heil, glatthärig und meines Cavaliers begierig. Der stellte sich auch bei mir ein, ehe die längste Nächt gar vergiengen, weil er der lieblichen Frühlingszeit so wenig als ich mit Geduld erwarten konte.
Er kame mit vier Dienern, da er mich besuchte, davon mich doch nur der eine sehen dorfte, nämlich derjenige, der mich auch hingebracht hatte. Es ist nicht zu glauben, mit was vor herzbrechenden Worten er sein Mitleiden, das er mit mir trug, bezeugete, um daß ich in den leidigen Wittibstand gesetzt worden, mit was vor großen Verheißungen er mich seiner getreuen Dienste versicherte, und mit was vor Höflichkeit er mir klagte, daß er beides mit Leib und Seel vor Lutter mein Gefangner worden wäre.
»Hochgeborne schönste Dam«, sagte er, »dem Leib nach hat mich mein Fatum zwar gleich wieder ledig gemacht und mich doch in übrigen ganz und gar eueren Sclaven bleiben lassen, welcher jetzt nichts anders begehrt und darum hieher kommen, als aus ihrem Munde den Sentenz zum Tod oder zum Leben anzuhören; zum Leben zwar, wann ihr euch über eueren elenden Gefangenen erbarmet, ihn in seinem schweren Gefängnus der Liebe mit tröstlichem Mitleiden tröstet und vom Tod errettet, oder zum Tod, wann ich ihrer Gnad und Gegenliebe nicht theilhaftig werden oder solcher euerer Liebe unwürdig geschätzt werden solte. Ich schätzte mich glückselig, da sie mich wie ein andere ritterliche Penthesilea[95] mitten aus der Schlacht gefangen hinweg geführt hatte; und da mir durch äußerliche Lediglassung meiner Person meine vermeintliche Freiheit wieder zugestellt wurde, hube sich allererst mein Jammer an, weil ich diejenige nicht mehr sehen konte, die mein Herz noch gefangen hielte, zumalen auch kein Hoffnung machen konte, dieselbe wegen beiderseits wider einander strebenden Kriegswaffen jemals wiederum ins Gesicht zu bekommen. Solchen meinen bißherigen elenden Jammer bezeugen viel tausend Seufzer, die ich seithero zu meiner liebwürdigen Feindin gesendet, und weil solche alle vergeblich in die leere Luft giengen, geriethe ich allgemach in Verzweifelung und wäre auch ——«
Solche und dergleichen Sachen brachte der Schloßherr vor, mich zu demjenigen zu persuadirn, wornach ich ohne das so sehr als er selbst verlangte. Weil ich aber mehr in dergleichen Schulen gewesen und wol wuste, daß man dasjenige, was einem leicht ankommt, auch gering achtet, als stellte ich mich, gar weit von seiner Meinung entfernt zu sein, und klagte hingegen, daß ich im Werk befande, daß ich sein Gefangner wäre, sintemal ich meines Leibs nit mächtig, sondern in seinem Gewalt aufgehalten würde. Ich müste zwar bekennen, daß ich ihm vor allen andern Cavalieren in der ganzen Welt zum allergenauesten verbunden, weilen er mich von meinen Ehrenschändern errettet, erkennete auch, daß mein Schuldigkeit seie, solche ehrliche und lobwürdige Rach wieder gegen ihm mit höchster Dankbarkeit zu beschulden; wann aber solche meine Schuldigkeit unter dem Deckmantel der Liebe mit Verlust meiner Ehr abgelegt werden müste, und daß ich eben zu solchem Ende an dieses Ort gebracht worden wäre, so könte ich nicht sehen, was er bei der ehrbarn Welt vor die beschehene ruhmwürdige Erlösung vor Ehr und bei mir vor einen Dank zu gewarten, mit demütiger Bitte, er wolle sich durch eine That, die ihn vielleicht bald wieder reuen würde, keinen Schandflecken anhenken, noch dem hohen Ruhm eines ehrliebenden Cavaliers den Nachklang zufreien[96], daß er ein armes verlassenes Weibsbild in seinem Hause wider ihren Willen &c. Und damit fieng ich an zu weinen, als wann mirs ein lauterer gründlicher Ernst gewesen wäre, nach dem alten Reimen:
Die Weiber weinen oft mit Schmerzen,
Gleich als gieng es ihn von Herzen;
Sie pflegen sich nur so zu stellen
Und können weinen, wann sie wöllen.
Ja, damit er mich noch höher ästimiren solte, bote ich ihm 1000 Reichsthaler vor meine Ranzion an, wann er mich unberührt lassen und mich wiederum zu den Meinigen sicher passieren lassen wolte. Aber er antwortet, seine Liebe gegen mir sei so beschaffen, daß er mich nicht vor das ganze Königreich Böhmen verwechseln könte; zu dem seie er seines Herkommens und Standes halber mir gar nit ungleich, daß es eben etwan wegen einer Heurath zwischen uns beiden viel Difficultäten brauchen solte. Es hatte mit uns beiden natürlich ein Ansehen, als wann ein Täubler irgend einen Tauber und eine Täubin zusammen sperret, daß sie sich paaren sollen, welche sich anfänglich lang genug abmatten, biß sie des Handels endlich eins werden. Eben also machten wirs auch, dann nachdem mich Zeit sein bedunkte, ich hätte mich lang genug widersetzt, wurde ich gegen diesem jungen Buhler, welcher noch nicht über zweiundzwanzig Jahr auf sich hatte, so zahm und geschmeidig, das ich auf seine güldene Promessen in alles einwilligte, was er begehrte. Ich schlug ihm auch so wol zu, daß er einen ganzen Monat bei mir bliebe; doch wuste niemand warum als obgemeldter einiger Diener und eine alte Haushofmeisterin, die mich in ihrer Pfleg hatte und E. Gräfl. Gnaden tituliren muste. Da hielte ich mich, wie das alte Sprichwort lautet:
Ein Schneider auf eim Roß,
Ein Hur aufm Schloß,
Ein Laus auf dem Grind —
Seind drei stolzer Hofgesind.
Mein Liebhaber besuchte mich denselben Winter gar oft, und wann er sich nicht geschämt hätte, so glaub ich, er hätte den Degen gar an einen Nagel gehenkt; aber er muste beides seinen Herren Vattern und den König selbst scheuen, als der sich den Krieg, wiewol mit schlechtem Glück, ernstlich angelegen sein ließe. Doch macht ers mit seinem Besuchen so grob und kam so oft, daß es endlich sein alter Herr Vatter und Frau Mutter merkten und auf fleißig Nachforschen erfuhren, was er vor einen Magnet in seinem Schloß heimlich aufhielte, der seine Waffen so oft aus dem Krieg an sich zoge. Derowegen erkundigten sie die Beschaffenheit meiner Person gar eigentlich und trugen große Sorge für ihren Sohn, daß er sich vielleicht mit mir verplempern und hangen bleiben möchte an einer, davon ihr hohes Hause wenig Ehr haben konte. Derowegen wolten sie ein solche Ehe beizeiten zerstören, und doch so behutsam damit umgehen, daß sie sich auch nicht an mir vergriffen, noch meine Verwandte vor den Kopf stießen, wann ich etwan, wie sie von der Haushofmeisterin vernommen, von einem gräflichen Geschlecht geboren sein und ihr Sohn auch mir allbereit die Ehe versprochen haben solte.
Der allererste Angriff zu diesem Handel war dieser, daß mich die alte Haushofmeisterin gar verträulich warnete, es hätten meines Liebsten Eltern erfahren, daß ihr Herr Sohn eine Liebhaberin heimlich enthielte, mit derer er sich wider ihrer, der Eltern, Willen zu verehelichen gedächte, so sie aber durchaus nicht zugeben könten, dieweil sie ihn allbereit an ein fast hohes Haus zu verheurathen versprochen; wären derowegen gesinnet, mich beim Kopf nehmen zu lassen; was sie aber weiters mit mir zu thun entschlossen, seie ihr noch verborgen. Hiermit erschreckte mich zwar die Alte, ich ließe aber meine Angst nicht allein nicht merken, sondern stellte mich darzu so freudig, als wann mich der große Moger[97] aus India wo nit beschützen, doch wenigst revanchiren würde, sintemal ich mich auf meines Liebhabers große Liebe und stattliche Verheißung verlassen, von welchem ich auch gleichsam[98] alle acht Tage nit nur bloße liebreiche Schreiben, sondern auch jedesmal ansehenliche Verehrungen empfieng. Dargegen beklagte ich mich in Widerantwort gegen ihm, wes ich von der Haushofmeisterin verstanden[99], mit Bitt, er wolte mich aus dieser Gefahr erledigen und verhindern, daß mir und meinem Geschlecht kein Spott widerführe. Das End solcher Correspondenz war, daß zuletzt zween Diener, in meines Liebhabers Liberei gekleidet, angestochen kamen, welche mir Schreiben brachten, daß ich mich alsobalden mit ihnen verfügen solte, um mich nacher Hamburg zu bringen, allda er mich, es wäre seinen Eltern gleich lieb oder leid, offentlich zur Kirchen führen wolte; wann alsdann solches geschehen wäre, so würden beides Vatter und Mutter wol ja sagen und als zu einer geschehenen Sach das Beste reden müssen. Ich war gleich fix und fertig, wie ein alt Feuerschloß, und ließe mich so Tags so Nachts erstlich auf Wismar und von dannen auf gedachtes Hamburg führen, allda sich meine zween Diener abstohlen und mich so lang nach einem Cavalier aus Dänemark umsehen ließen, der mich heurathen würde, als ich immer wolte. Da wurde ich allererst gewahr, daß der Hagel geschlagen und die Betrügerin betrogen worden wäre. Ja mir wurde gesagt, ich möchte mit stillschweigender Patienz verlieb nehmen und Gott danken, daß die vornehme Braut unterwegs nicht in der See ertränkt worden wäre, oder man sei auf des Hochzeiters Seiten noch stark genug, mir auch mitten in einer Stadt, da ich mir vielleicht ein vergebliche Sicherheit einbilde, einen Sprung[100] zu weisen, der einer solchen gebühre, worvor man wüste daß ich zu halten sei. Was solt ich machen? Mein Hochzeiterei, meine Hoffnung, meine Einbildungen und alles, worauf ich gespannet[101], war dahin und mit einander zu Grund gefallen. Die verträuliche liebreiche Schreiben, die ich an meinen Liebsten von einer Zeit zur andern abgehen lassen, waren seinen Eltern eingeloffen, und die jeweilige Widerantwortbriefe, die ich empfangen, hatten sie abgeben, mich an den Ort zu bringen, da ich jetzt saße und allgemach anfienge mit dem Schmalhansen zu conferirn, der mich leichtlich überredete, mein täglich Maulfutter mit einer nächtlichen Handarbeit zu gewinnen.
Fußnoten:
[95] Penthesilea, Tochter des Ares und der Otrera, Königin der Amazonen, bei Pausanias und Quint. Smyrn.; vgl. auch Ovid, Heroid., Ep. 21. V. 118. Sie kam den Troern zu Hülfe, wurde aber von Achilleus getödtet, der, als er sie sterben sah, von Liebe erfüllt wurde.
[96] zufreien, verbinden mit, hinzufügen.
[97] Moger, Mogor, Mogul.
[98] gleichsam, fast, beinahe, schier, in dieser letzten Bedeutung öfter bei Grimmelshausen.
[99] verstehen c. genet., von etwas verständigen, unterrichten.
[100] einen Sprung weisen, wie: die Wege weisen.
[101] spannen, abzielen.