Das fünfte Capitel.
Was die Rittmeisterin Courage in ihrem Wittibstand vor ein ehrbares züchtiges, wie auch verruchtes, gottloses Leben geführet, wie sie einem Grafen zu Willen wird, einen Ambassador um seine Pistolen bringet und sich andern mehr, um reiche Beute zu erschnappen, willig unterwirft.
Weil ich meine vorhabende Reise Unsicherheit halber von Wien aus nach Bragoditz so bald nicht ins Werk zu setzen getraute, zumalen es in den Wirthshäusern grausam theur zu zehren war, als verkaufte ich mein Pferde und schaffte alle meine Diener ab, dingte mir aber hingegen eine Magd und bei einer Wittib eine Stube, Kammer und Kuchel, um genau[40] zu hausen und Gelegenheit zu erwarten, mit deren ich sicher nach Haus kommen könte. Dieselbe Wittib war ein rechtes Daus-Es[41], die nicht viel ihres Gleichen hatte. Ihre zwo Töchter aber waren unsers Volks und beides bei der Hofbursch[42] und den Kriegsofficiern wol bekant, welche mich auch bei denselben bald bekant machten, so daß dergleichen Schnapphahnen in Kürze die große Schönheit der Rittmeisterin, die sich bei ihnen enthielte[43], unter einander zu rühmen wusten. Gleich wie mir aber mein schwarzer Traurhabit ein sonderbares Ansehen und ehrbare Gravität verliehe, zumalen meine Schönheit desto höher herfür leuchten machte, also hielte ich mich auch anfänglich gar still und eingezogen. Meine Magd muste spinnen, ich aber begab mich aufs Nähen, Wirken und andere Frauenzimmerarbeit, daß es die Leute sahen; heimlich aber pflanzte ich meine Schönheit auf und konte oft eine ganze Stund vorm Spiegel stehen, zu lernen und zu begreifen, wie mir das Lachen, das Weinen, das Seufzen und andere dergleichen veränderliche Sachen anstunden. Und diese Thorheit solte mir ein genugsame Anzeigung meiner Leichtfertigkeit und eine gewisse Prophezeiung gewesen sein, daß ich meiner Wirthin Töchtern bald nachähmen würde; welche auch, damit solches bald geschehe, samt der Alten anfiengen gute Kundschaft mit mir zu machen und, mir die Zeit zu kürzen, mich oft in meinem Zimmer besuchten, da es dann solche Discurs setzte, die so jungen Dingern, wie ich war, die Frommkeit zu erhalten gar ungesund zu sein pflegen, sonderlich bei solchen Naturen, wie die meinige inclinirt gewesen. Sie wuste mit weitläufigen Umschweifen artlich herum zu kommen, und lernete meine Magd anfänglich, wie sie mich recht auf die neue Mode aufsetzen[44] und ankleiden solte. Mich selbst aber unterrichtet sie, wie ich meine weiße Haut noch weißer, und meine goldfarbe Haar noch glänzender machen solte. Und wann sie mich dann so geputzt hatte, sagte sie: es wäre immer schad, daß so ein edele Creatur immerhin in einem schwarzen Sack stecken und wie ein Turteltäublein leben solte.
Das thät mir dann trefflich kirr und war Oel zu dem ohnedas brennenden Feur meiner anreizenden Begierden. Sie lehnete mir auch den »Amadis«[45], die Zeit darin zu vertreiben und Complimenten daraus zu ergreifen, und was sie sonst erdenken konte, das zu Liebeslüsten reizen machte, das ließe sie nicht unterwegen.
Indessen hatten meine abgeschaffte Diener ausgesprengt und unter die Leute gebracht, was ich vor eine Rittmeisterin gewesen und wie ich zu solchem Titul kommen; und weil sie mich nicht anders zu nennen wusten, verbliebe mir der Nam Courage. Auch fieng ich nach und nach an, meines Rittmeisters zu vergessen, weil er mir nicht mehr warm gab, und indem ich sahe, daß meiner Wirthin Töchter so guten Zuschlag hatten, wurde mir das Maul allgemach nach neuer Speise wässerig, welche mir auch meine Wirthin lieber als ihr selbst gern gegönnt hätte. Doch dorfte[46] sie mir, so lang ich die Traur nicht ablegte, noch nichts dergleichen so offentlich zumuthen, weil sie sahe, daß ich die Anwürf[47], so hierauf zieleten, gar kaltsinnig annahm. Gleichwol unterließen etliche vornehme Leute nicht, ihr täglich meinetwegen anzuliegen und um ihr Haus herum zu schwärmen wie die Raubbienen um ein Immenfaß. Unter diesen war ein junger Graf, der mich neulich in der Kirchen gesehen und sich aufs äußerste verliebt hatte. Dieser spendirte trefflich, einen Zutritt zu mir zu bekommen; und damit es ihm anderwärts gelingen möchte, weil ihn meine Wirthin noch zur Zeit nicht kecklich bei mir anzubringen getraute, die er dessentwegen oft vergeblich ersucht, erkundigte er von einem meiner gewesenen Diener alle Beschaffenheit des Regiments, darunter mein Rittmeister gelebt, und als er der Officier Namen wuste, demüthigt er sich, mir aufzuwarten oder mich persönlich zu besuchen, um seinen Bekanten nachzufragen, die er sein Lebtag nicht gesehen hatte. Von dannen kam er auch auf meinen Rittmeister, von welchem er aufschnitte, daß er in der Jugend neben ihm studiert und allzeit gute Kundschaft und Vertraulichkeit mit ihm gehabt hätte, beklagte auch seinen frühezeitigen Abgang und lamentirte damit zugleich über mein Unglück, daß es mich in einer solchen zarten Jugend so bald zu einer Wittib gemacht, mit Anerbieten, da ich in irgend was seiner Hülfe bedürftig wäre, &c. Mit solchen und dergleichen Aufzügen suchte der junge Herr sein erste Kundschaft mit mir zu machen, die er auch bekam; und ob ich zwar greifen konnte, daß er im Reden irrete, dann mein Rittmeister hatte ja das geringste nicht studiert, so ließe ich mir doch seine Weise wolgefallen, weil seine Meinung dahin gieng, des abgangnen Rittmeisters Stell bei mir zu ersetzen. Doch stellte ich mich gar fremd und kaltsinnig, gab kurzen Bescheid und zwang ein zierlichs Weinen daher, bedankte mich seines Mitleidens und der anerbotenen Gnad mit so beschaffnen Complimenten, die genugsam waren, ihme anzudeuten, daß sich seine Liebe vor dißmal mit einem guten Anfang genügen lassen, er selbst aber wiederum einen ehrlichen Abscheid von mir nehmen solte. Den andern Tag schickte er seinen Laquaien, zu vernehmen, ob er mir kein Ungelegenheit machte, wann er käme mich zu besuchen. Ich ließe ihm wider sagen, er machte mir zwar keine Ungelegenheit und ich möchte seine Gegenwart auch wol leiden, allein weil es wunderliche Leute in der Welt gebe, denen alles verdächtig vorkäme, so bäte ich, er wolle meiner verschonen und mich in kein bös Geschrei bringen. Diese unhöfliche Antwort machte den Grafen nicht allein nicht zornig, sondern viel verliebter; er passierte maulhenkolisch bei dem Hause vorüber, der Hoffnung, aufs wenigst nur seine Augen zu weiden, wann er mich am Fenster sehe, aber vergeblich; ich wolte mein Waar recht theur an Mann bringen und ließe mich nicht sehen. Indessen nun dieser vor Liebe halber vergieng, legte ich meine Trauer ab und prangte in meinem andern Kleid, darin ich mich dorfte sehen lassen. Da unterließe ich nichts, das mich ziern möchte, und zohe damit die Augen und Herzen vieler großen Leut an mich, welches aber nur geschahe, wann ich zur Kirchen gieng, weil ich sonst nirgends hin kam. Ich hatte täglich viel Grüße und Botschaften von diesen und von jenen anzuhören, die alle in des Grafen Spital krank lagen[48]; aber ich bestunde so unbeweglich wie ein Felsen, biß ganz Wien nicht allein von dem Lob meiner unvergleichlichen Schönheit, sondern auch von dem Ruhm meiner Keuschheit und anderer seltenen Tugenden erfüllt ward. Da ich nun meine Sach so weit gebracht, daß man mich schier vor eine halbe Heiliginne hielte, dunkte mich Zeit sein, meinen bißher bezwungenen Begierden den Zaum einmal schießen zu lassen und die Leute in ihrer guten von mir gefaßten Meinung zu betrügen. Der Graf war der erste, dem ich Gunst bezeugte und widerfahren ließe, weil er solche zu erlangen weder Mühe noch Unkosten sparete. Er war zwar liebenswerth und liebte mich auch von Herzen, und ich hielte ihn vor den Besten unterm ganzen Haufen, mir meine Begierden zu sättigen; aber dannoch so wäre er nicht darzu kommen, wann er mir nicht gleich nach abgelegter Traur ein Stück columbinen[49] Atlas mit aller Ausstaffierung zu einem neuen Kleid geschickt und vor allen Dingen 100 Ducaten in meine Haushaltung, um daß ich mich über meines Manns Verlust desto besser trösten solte, verehrt hätte. Der ander nach ihm war eines großen Potentaten Ambassador, welcher mir die erste Nacht 60 Pistolen zu verdienen gabe. Nach diesen kamen auch andere, und zwar keine, die nicht tapfer spendieren konten, dann was arm war oder wenigst nicht gar reich und hoch, das mochte entweder draußen bleiben oder sich mit meiner Wirthin Töchtern behelfen. Und solcher Gestalt richtete ichs dahin, daß meine Mühle gleichsam nie leer stunde; ich malzerte[50] auch so meisterlich, daß ich inner Monatsfrist über 1000 Ducaten in specie zusammen brachte, ohne dasjenige, was mir an Kleinodien, Ringen, Ketten, Armbändern, Sammet, Seiden und Leinengezeug (mit Strümpfen und Handschuhen dorfte wol keiner aufziehen), auch an Victualien, Wein und anderen Sachen verehrt wurde. Und also gedachte ich mir meine Jugend fürderhin zu Nutz zu machen, weil ich wuste, daß es heißt:
Ein jeder Tag bricht dir was ab
Von deiner Schönheit biß ins Grab.
Und es müste mich auch noch auf diese Stund reuen, wann ich weniger gethan hätte. Endlich machte ichs so grob, daß die Leute anfiengen mit Fingern auf mich zu zeigen, und ich mir wol einbilden konte, die Sach würde so in die Länge kein Gut thun; dann ich schlug zuletzt dem Geringen auch keine Reis[51] ab. Meine Wirthin war mir treulich beholfen und hatte auch ihren ehrlichen Gewinn davon. Sie lernete mich allerhand feine Künste, die nicht nur leichtfertige Weiber können, sondern auch solche, damit sich theils lose Männer schleppen, so gar daß ich mich auch fest machen und einem jeden, wann ich nur wolte, seine Büchsen zubannen konte. Und ich glaube, wann ich länger bei ihr blieben wäre, daß ich auch gar hexen gelernt hätte. Demnach ich aber getreulich gewarnet wurde, daß die Obrigkeit unser Nest ausnehmen und zerstören würde, kaufte ich mir eine Calesch und zwei Pferd, dingte einen Knecht und machte mich damit unversehens aus dem Staub, weil ich eben gute Gelegenheit hatte, sicher nach Prag zu kommen.
Fußnoten:
[40] genau, sparsam.
[41] Daus-Es, Daus-As, 2 und 1 im Kartenspiel = durchtriebenes Weib.
[42] Hofbursch, Bursch = Gesellschaft, die Hofleute.
[43] sich enthalten, sich aufhalten.
[44] aufsetzen, frisieren und coiffieren.
[45] Amadis, vgl. die Einleitung.
[46] dörfen, wagen.
[47] Anwurf, erster Angriff.
[48] An derselben Krankheit litten wie der Graf, ebenso verliebt waren.
[49] columbinen, colombin, couleur gorge de pigeon, taubenhalsfarbig
[50] malzern, malzen, figürlich Ausbeute machen.
[51] Reise, Dienst.