Das fünfte Capitel.
Wo Courage dem Autor ihre Lebensbeschreibung dictirt.
»Nun diese tolle[276] Zigeunerin, welche von den andern eine gnädige Frau genannt, von mir aber vor ein Ebenbild der Dame von Babylon gehalten wurde, wann sie nur auf einem siebenköpfigen Drachen gesessen und ein wenig schöner gewesen wäre, sagte zu mir: «Ach, mein schöner weißer junger Gesell, was machstu hier so gar allein und so weit von den Leuten?»
»Ich antwortet: ›Mein großmächtige, hochgeehrte Frau, ich komm von Haus aus dem Schweizerlande und bin Willens an den Rheinstrom in eine Stadt zu reisen, entweder daselbst ein mehrers zu studieren, oder einen Dienst zu bekommen, dann ich bin ein armer Schuler.‹«
»›Daß dich Gott behüet, mein Kind», fragte sie, «woltestu mir nicht ein Tag oder vierzehen mit deiner Feder dienen und etwas schreiba? Ich wolte dir alle Tag ein Reichsthaler geben.‹«
»Ich gedachte: Alle Tag ein Thaler wäre nicht zu verachten; wer weiß aber, was du schreiben solst! So großes Anerbieten ist vor suspect zu halten. Und wann sie nicht selbst gesagt hätte, daß mich Gott behüten solte, so hätte ich vermeinet, es wäre ein Teufelsgespenst gewesen, das mich durch solches Geld verblenden und in die leidige Congregation der Hexenzunft hätt einverleiben wollen. Mein Antwort war: Wann es mir nichts schadet, so will ich der Frauen schreiben, was sie begehrt.«
»›Ai wol nai, main Kind», sagte sie hierauf; «es wird dir gar nichts schaden, behüt Gott! Komm nur mit uns; ich will dir darneben auch Essen und Trinken geben, so gut ichs hab, biß du fertig sein wirst.‹«
»Weil dann mein Magen eben so leer von Speisen, als der Beutel öd von Geld, zumalen ich bei diesem Diebsgeschmeiß wie ein Gefangner war, sihe, so schlendert ich mit dahin und zwar in einem dicken Wald, da wir die erste Nacht logirten, allwo sich allbereit etliche Kerl befanden, die einen schönen Hirsch zerlegten. Da gieng es nun an ein Feuermachens, Siedens und Bratens, und soviel ich sahe, auch hernach vollkommen versichert wurde, so hat die Frau Libuschka, dann also nennete sich meine Zigeunerin, alles zu commandirn. Dieser wurde ein Zelt von weißem Barchet aufgeschlagen, welches sie auf ihrem Maulesel unterm Sattel führet; sie aber führte mich etwas beiseits, setzte sich unter einen Baum, hieße mich zu ihr sitzen und zog des Simplicissimi Lebensbeschreibung hervor.«
»›Seht da, mein Freund», sagte sie, «dieser Kerl, von dem diß Buch handelt, hat mir ehemalen den grösten Schabernack angethan, der mir die Tage meines Lebens jemal widerfahren, welches mich dergestalt schmirzt, daß mir unmüglich fällt, ihm seine Buberei ungerochen hingehen zu lassen; dann nachdem er meiner gutwilligen Freundlichkeit genug genossen, hat sich der undankbare Vogel (mein hochgeehrter Herr verzeihe mir, daß ich ihr eigne Wort brauche!) nicht gescheut, nicht allein mich zu verlassen und durch einen zuvor nie erhörten schlimmen Possen abzulassen, sonder er hat sich auch nicht geschämet, alle solche Handlungen, die zwischen mir und ihm vorgangen, beides mir und ihm zu ewiger Schand der ganzen Welt durch den offentlichen Druck zu offenbaren. Zwar hab ich ihm seine erste an mir begangene Leichtfertigkeit bereits stattlich eingetränkt; dann als ich vernommen, daß sich der schlimme Gast verheurathet, hab ich ein Jungferkindchen, welches meine Kammermagd eben damals aufgelesen, als er im Sauerbrunnen mit mir zuhielte, auf ihn taufen und ihm vor die Thür legen lassen, mit Bericht, daß ich solche Frucht von ihm empfangen und geboren hätte, so er auch glauben, das Kind zu seinem großen Spott annehmen und erziehen und sich noch darzu von der Obrigkeit tapfer strafen lassen müssen, vor welchen Betrug, daß er mir so rechtschaffen angangen[277], ich nicht 1000 Reichsthaler nehme, vornehmlich weil ich erst neulich mit Freuden vernommen, daß dieser Bankert des betrognen Betriegers einiger Erb sein werde.‹«
Simplicius, so mir bißher andächtig zugehöret, fiele mir hier in die Red und sagte: »Wann ich noch wie hiebevor in dergleichen Thorheiten meine Freud suchte, so würde mirs keine geringe Ergetzung sein, daß ihr diese Närrin einbildet, sie habe mich hiemit hinters Liecht geführt, da sie mir doch dardurch den allergrößten Dienst gethan und sich noch mit ihrem eitlen Kützlen biß auf diese Stund selbst betreugt; dann damals, als ich sie caressirte, lag ich mehr bei ihrer Kammermagd als bei ihr selbsten, und wird mir viel lieber sein, wann mein Simplicius, dessen ich nicht verläugnen kann, weil er mir sowol im Gemüt nachartet, als im Angesicht und an Leibsproportion gleichet, von derselben Kammermagd als einer losen Zigeunerin geboren sein wird. Aber hierbei hat man ein Exempel, daß oft diejenige, so andere zu betriegen vermeinen, sich selbst betriegen, und daß Gott die große Sünden, wo kein Besserung folgt, mit noch größern Sünden zu strafen pflege, davon endlich die Verdammnus desto größer wird. Aber ich bitte, er fahre in seiner Erzählung fort; was sagte sie ferners?«
Ich gehorchte und redet weiters folgendermaßen: »Sie befahle mir, ich solte mich ein wenig in meines hochgeehrten Herrn Lebensbeschreibung informirn, um mich darnach haben zu richten, dann sie wäre Willens, ihren Lebenslauf auf eben diese Gattung durch mich beschreiben zu lassen, um solche gleichfalls der ganzen weiten Welt zu communiciren, und das zwar dem Simplicissimo zum Trutz, damit jedermann seine begangene Thorheit belache. Ich solte mir, sagte sie, alle andere Gedanken und Sorgen, die ich etwan vor dißmal haben möchte, aus dem Sinn schlagen, damit ich diesem Werk desto besser obliegen möchte; sie wolte indessen Schreibzeug und Papier zur Hand bringen und mich nach vollendter Arbeit dergestalt belohnen, daß ich zufrieden mit ihr sein müste.«
»Also hatte ich die zween erste Täge anderster nichts zu thun, als zu lesen, zu fressen und zu schlafen, in welcher Zeit ich auch meines hochgeehrten Herrn Lebensbeschreibung ganz expedirte. Da es aber den dritten Tag an ein Schreibens gehen solte, wurde es unversehens Alarm, nit daß uns jemand angegriffen oder verfolgt hätte, sondern als ein einzige[278] Zigeunerin in Gestalt eines armen Bettelweibs ankam, die eine reiche Beut von Silbergeschirr, Ringen, Schaupfenningen, Göttelgeld[279] und allerhand Sachen, so man den Kindern zur Zierde um die Hälse zu hängen pflegt, erschnappt hatte. Da war ein seltzam Gewelsch[280] zu hören und ein geschwinder Aufbruch zu sehen. Die Courage (dann also nennet sich diese allervornehmste Zigeunerin selbst in ihrem Trutz-Simplex) stellte die Ordre und theilet das Lumpengesindel in unterschiedliche Troupen aus, mit Befelch, welche Wege diese oder jene brauchen, auch wie, wo und wann sie wieder an einem gewissen Ort, den sie ihnen bestimmte, zusammenkommen solten. Als nun die ganze Compagnie sich in einem Augenblick wie Quecksilber zertheilt und verschwunden, gieng Courage selbst mit den fertigsten und zwar eitel[281] wolbewehrten Zigeunern und Zigeunerinnen den Schwarzwald hinunter, in solcher unsäglichen schnellen Eil, als wann sie die Sach selbst gestohlen und ihro deswegen ein ganzes Heer nachgejagt hätte. Sie höret auch nicht auf zu fliehen, und zwar als[282] auf der obersten Höhe des Schwarzwalds, biß wir das Schutter-, Kinzcher-, Peters-, Noppenauer-, Cappler-, Saßwalder- und Bieler-Thal[283] passirt und die hohe und große Waldungen über der Murg[284] erlangt hatten. Daselbst wurde abermal unser Lager aufgeschlagen. Mir ward auf derselben geschwinden Reise ein Pferd untergegeben[285], darauf mirs nach dem gemeinen Sprichwort ergieng: Wer selten reit &c.[286]«
»Ich merkte wol, daß diese Suite der Courage, die mit mir in 13 Pferden und eitel Männern und Weibern, aber in keinen Kindern bestunde, alles Vermögen der übrigen Zigeuner, so viel sie an Gold, Silber und Kleinodien zusammen gestohlen, mit sich führte und verwahrte. Ueber nichts verwundert ich mich mehr, als daß diese Leute alle Rick[287], Weg und Steg an diesen wilden unbewohnten Orten so wol wusten, und daß bei diesem sonst unordenlichen Gesindel alles so wol bestellt war, ja ordenlicher zugieng als in mancher Haushaltung. Noch dieselbe Nacht, als wir kaum ein wenig gessen und geruhet hatten, wurden zwei Weiber in die Landstracht verkleidet und gegen Horb[288] geschickt, Brod zu holen, unterm Vorwand, als wann sie solches vor einen Dorfwirth einkauften, wie dann ebenfalls ein Kerl gegen Gernsbach[289] ritte, der uns gleich den andern Tag ein paar Lägel Wein brachte, die er seinem Vorgeben nach von einem Rebmann gekauft hatte.«
»An diesem Ort, mein hochgeehrter Herr Simplice, hat die gottlose Courage angefangen mir ihren Trutz-Simplex, wie sie es intitulirt, oder vielmehr ihres leichtfertigen Lebens Beschreibung in die Feder zu dictiren. Sie redete gar nicht zigeunerisch, sonder brauchte eine solche Manier, die ihren klugen Verstand und dann auch dieses genugsam zu verstehen gab, daß sie auch bei Leuten gewesen und sich mit wunderbarer Verwandelung der Glücksfäll weit und breit in der Welt umgesehen und viel darin erfahren und gelernet hätte. Ich fande sie überaus rachgierig, so daß ich glaube, sie sei zu dem Anacharse[290] selbst in die Schul gangen, aus welcher gottlosen Neigung sie dann auch besagtes Tractätel, um den Herrn zu verehren[291], zu ihrer eignen Hand[292] hat schreiben lassen; von welchem ich weiters nichts melden, sonder mich auf dasselbige, weil sie es ohn Zweifel bald drucken lassen wird, bezogen haben will.«
Fußnoten:
[276] toll, keck und auffallend gekleidet.
[277] angehen, gelingen.
[278] einzig, einzeln.
[279] Göttelgeld, Pathengeld; vgl. Gotte, Göttel, Pathe.
[280] Gewelsch, Sprachverdrehen, von welschen.
[281] eitel, (nicht anders als) durchaus.
[282] als, stets, fortwährend.
[283] sämmtlich in Baden, Mittelrheinkreis.
[284] Die Murg, Nebenfluß des Rheins, am Fuß des Kniebis entspringend, bei Rastatt mündend.
[285] untergeben, zum Reiten geben.
[286] Das Sprichwort lautet: Wer selten reitet, dem thut der A. weh.
[287] Rick, Rück, Rücken, Höhenzug.
[288] Horb, Städtchen, Würtemberg, Schwarzwaldkreis.
[289] Gernsbach in Baden, Mittelrheinkreis.
[290] Anacharsis, ein Scythe, der auf seinen Reisen in Griechenland Aufsehen machte durch seine Weisheit und Einfachheit der Lebensweise. Er lernte auch Solon kennen. Nach seiner Rückkehr wurde er von seinem Bruder Saulios getödtet, weil er griechischen Götterdienst einführen wollte. Herodot, IV, 76. Cicer. Tusc. B. 32. 90. Für die ihm hier zugeschriebene Rachsucht findet sich nirgends ein Anhaltspunkt. Wahrscheinlich soll sich die Bemerkung auf die weiten Reisen und die Welterfahrung der Courage beziehen, und gehört dann an den Schluß des vorhergehenden Satzes.
[291] verehren, trans., um dem Herrn damit ein Geschenk zu machen.
[292] zu ihrer eigenen Hand, in ihrem Namen.