Das zwanzigste Capitel.
Continuation solcher Histori biß zum Friedensschluß und endlicher Abdankung.
»Der alte Stern wolte uns aber zur Erneuerung unsers alten Kriegs, wie etwan hiebevor, zum alten Glück nicht mehr leuchten: Mercy war todt, Joan de Werth nicht mehr unser, und der Holzapfel, sonst Melander, den Schweden und Franzosen nicht so herb und handig[455] wie etwan zuvor den Kaiserischen, da er noch den Hessen dienete, wiewol der rechtschaffne Soldat das Seinig thät, ja sein Leben dargab, als uns der Feind über den Lech und über die Iser jagte. Damals schrien uns etliche vom Gegentheil über das Wasser zu (als wir nämlich wie eine Maur stunden und uns durch des Feinds Geschütz so viel als nichts bewegen ließen), wir solten nur eilen mit der Flucht, so wolten sie uns an Oerter jagen, alwo eine Kuh einen halben Batzen gelten solte. Diese haben errathen, was sie wahrsagten, und als wir ihrem Rath zu folgen durch ihre Meng gezwungen wurden, hab ich endlich erlebt, daß unter den Unserigen eine Kuh nicht nur um einen halben Batzen, sonder auch sogar um eine verächtliche Pfeif Tabak hingegeben worden. Damals stund unser Sach liederlich; der von Gronsfeld konte so wenig als Melander zuwegen bringen, daß jemand aus den Unserigen füglich mit Lorberkränzen bekrönt werden möchte, sonder wir musten, was nicht in den wehrlichen[456] Oertern liegen bliebe, auch so gar über den Innstrom hinüber passieren, welchen zu überschreiten auch das Gegentheil erkühnete.«
»Aber an diesem strengen Fluß hat sich der strenge Siegslauf und das Glück der Schweden und Franzosen gestoßen. Ich lag unter sieben doch schwachen Regimenten in Wasserburg[457], als beide Feindsarmeen suchten denselbigen Ort zu bezwingen und über besagten Fluß in das gegenüberliegende volle Land zu gehen, in welchem etliche steinalte Leute die Tag ihres Lebens noch niemalen keine Soldaten gesehen hatten. Weil aber wegen unserer tapferer Gegenwehr unmüglich war, etwas daselbst auszurichten, unangesehen sie uns mit glühenden Kugeln zusprachen, giengen sie auf Mühldorf[458] und wolten dort ins Werk setzen, was sie zu Wasserburg nicht zu thun vermocht. Aber ihnen widerstund daselbst einer von Hunoltstein, ein kaiserliche Generalsperson, biß sie der vergeblichen Arbeit müd wurden und ihr Hauptquartier zu Pfarrkirchen[459] nahmen, alwo sie erstlich der Hunger und endlich die Pest zu besuchen anfieng, die sie auch endlich zwischen dem Tirolischen Gebürg und der Donau, zwischen dem Inn und der Iser hinaus getrieben, wann sie das Generalarmistitium, so dem volligen Frieden vorgieng, nicht veranlaßt hätte, bessere Quartier zu beziehen.«
»Unter währendem Stillstand wurde unser Regiment nach Hilperstein[460], Heideck[461] und selbiger Orten herum gelegt, da sich ein artliches Spiel unter uns zugetragen; dann es fande sich ein Corporal, der wolte Obrister sein, nicht weiß ich, was ihn vor eine Narrheit darzu angetrieben. Ein Musterschreiber[462], so allererst aus der Schul entloffen, war sein Secretarius, und also hatten auch andere von seinen Creaturen andere Officia und Aemter. Viel neigten sich zu ihm, sonderlich junge ohnerfarne Leut, und jagten die höchste Offizier zum theil von sich, oder nahmen ihnen sonst ihr Commando und billichen Gewalt. Meines gleichen aber von Unterofficieren ließen sie gleichwol gleichsam wie neutrale Leut in ihren Quartieren noch passiren. Und sie hätten auch ein Großes ausgerichtet, wann ihr Vorhaben zu einer andern Zeit, nämlich in Kriegsnöthen, wann der Feind in der Nähe und man unserer beiseits[463] nöthig gewesen, ins Werk gesetzt worden wäre; dann unser Regiment war damals eins von den stärksten und vermochte eitel geübte wol montirte Soldaten, die entweder alt und erfahren oder junge Wagehäls waren, welche alle gleichsam im Krieg auferzogen worden. Als dieser von seiner Thorheit auf gütlichs Ermahnen nicht abstehen wolte, kam Lapier und der Obriste Elter mit commandirten Völkern, welche zu Hilperstein ohne alle Mühe und Blutvergießung Meister wurden und den neuen Obristen viertheilen, oder besser zu sagen, fünftheilen (dann der Kopf kam auch sonder) und an vier Straßen auf Räder legen, 18 ansehenliche Kerl aber von seinen Principalanhängern zum Theil köpfen und zum Theil an ihre allerbeste Hälse aufhenken, dem Regiment aber die Musqueten abnehmen und uns alle auf ein neues dem Feldherrn wieder schwören ließen. Also wurde ich noch vor meinem Ende oder vor dem völligen Frieden aus einem Fourier zu einem Quartiermeister und das Regiment aus Dragonern zu Reutern gemacht, und dieses ist das Letzte, was ich dir, mein Simplice, von meiner teutschen Kriegshistori zu erzählen weiß, ohne daß wir bald hernach abgedankt worden, zu welcher Zeit ich drei schöne Pferd, einen Knecht und einen Jungen, auch ohngefähr bei 300 Ducaten in baarem Geld ohne die drei Monatsold vermöchte, die ich bei der Abdankung empfieng, dann ich hatte nun ein geraume Zeit hero kein Unglück gehabt, sonder Geld gesamlet. Und also muste ich aufhören zu kriegen, da ich vermeinte, ich könte es zum besten. Den Knecht und Jungen fertigte ich ab, so gut als ich konte, versilberte zwei Pferd und sonst alles, was Geld golte, und begab mich mit dem Ueberrest nach Regenspurg, um zu sehen, wie ich meinen Handel ferner anstellen, oder was mir sonst vor ein Glück zustehen möchte.«
Fußnoten:
[455] handig, hurtig, behende.
[456] wehrlich, gut befestigt und vertheidigt.
[457] Wasserburg, Bezirkshauptstadt am Inn, Baiern.
[458] Mühldorf, Stadt im Amtsbezirk gleichen Namens, Baiern.
[459] Pfarrkirchen, Flecken, Sitz des gleichnamigen Landgerichts in Niederbaiern.
[460] Hilperstein, Hilpoltstein, Flecken und Sitz eines Bezirksamts, Baiern.
[461] Heideck, bei Hilpoltstein.
[462] Musterschreiber, der die Musterrollen führt, in welche die Namen der Soldaten eingetragen werden.
[463] beiseits, besonders.