I.

Die wieder allgemeiner gewordene Theilnahme für Hans Jacob Christoph von Grimmelshausen und seinen biographischen Roman »Simplicissimus« gerade in dem Jahre, wo seit dem Ende seines reichen Dichterlebens zwei Jahrhunderte vergangen sind, ist an sich für den Kenner und Verehrer seiner Schriften eine erfreuliche Thatsache. Dieselbe beruht jedoch nur bei einem kleinen Theile der Lesewelt auf der Erkenntniß des vollen Werthes des vielgenannten Mannes; sie ist vielmehr durch eine besondere Veranlassung, man dürfte sagen, zufällig und gewaltsam geweckt worden. Darum scheint die Befürchtung nahe zu liegen, dieselbe werde bald und ohne Nachwirkung vorübergehen. Ueberdies ist die Bearbeitung des »Simplicissimus«, welche den ersten Anstoß zu dem Streite entgegenstehender Meinungen gegeben hat, leider nicht geeignet, ein genügendes oder gar nur ein wahres Bild von Grimmelshausen's schriftstellerischer Individualität zu geben. Darin aber liegt die Aufforderung an die Wissenschaft, das Recht zu wahren, das doch ein jeder hat: zu verlangen, daß seine Art, sein Wollen und Können unverkürzt und unentstellt zur Geltung gelange, namentlich wo so vielfach und nachdrücklich in der Oeffentlichkeit davon die Rede ist.

Im »Simplicissimus« wird uns der Verlauf eines Menschenlebens vorgeführt, das in seinen allgemein gültigen Momenten immer verständlich bleibt, wenn auch der Entwickelungsgang desselben durch Zustände und Ereignisse bedingt wird, die der Gegenwart fremd erscheinen mögen. Diese Verhältnisse und Thatsachen gehören der Geschichte unseres Vaterlands an, die doch ein jeder, wenigstens ihren großen Zügen nach, kennen soll. Den meisten jedoch stellt sich gerade jener Zeitabschnitt nur in allgemeinen, dunkeln und unsichern Umrissen dar, die sich schwer mit ihren Localfarben, mit Schatten, Licht und Reflexen ausmalen lassen. Von Grimmelshausen's Hand aber besitzen wir ein nach dem Leben gemaltes, ausdruckvolles und farbenreiches Bild; das muß jeder empfinden, der überhaupt sehen kann und will. Aus der durch dieses Gemälde erleichterten Entgegenstellung des Sonst und Jetzt wird der eine dies, der andere jenes entnehmen, was ihm frommt, auch diejenigen, denen die Rede des Buchs hart klingt; vielleicht werden diese dabei auf den Gedanken kommen, daß ihre, überdies schlecht construirten Rückschraubungsmaschinen mindestens ohne Gewinn arbeiten, vielleicht sogar ihre Baumeister sammt der Bedienung schwer schädigen möchten.

Der Herausgeber des soeben in zweiter Auflage erschienenen »Simplicissimus« erblickte in dem Gesagten die Aufforderung, das Seinige zu thun, um die volle Schätzung Grimmelshausen's in einem größern Leserkreise zu fördern, und entschloß sich zur Fortsetzung der Arbeiten für das Verständniß seiner Schriften durch die Aufnahme der beiden vorliegenden Bände in die Sammlung der »Deutschen Dichter des siebzehnten Jahrhunderts«. Dieselben schließen sich dem Hauptwerke unmittelbar an.

Das innere Leben eines wahren Dichters ist eine kleine Welt für sich, ein geschlossener Kreis von Vorstellungen, Anschauungen und Empfindungen, in welchem alles zum harmonischen Abschluß gelangt ist; diese Harmonie durchdringt dann auch sein Schaffen und bedingt die Kunst der Darstellung bis auf ihr äußeres Mittel, die Sprache. In diesem Sinne ist auch Grimmelshausen ein wahrer Dichter; ich nehme keinen Anstand, dies hohe Lob auszusprechen. Für denjenigen freilich, der in eine bestimmte bedeutungsvolle Individualität sich hineingedacht hat, liegt die Gefahr einseitiger Ueberschätzung sehr nahe. Aber ich bin nach reiflicher Erwägung zu keinem andern Urtheil gelangt.

Was für die gesammte Gattung der epischen Dichtung gilt, dem muß auch in der besondern Art derselben, dem Roman, derjenigen Form, in welche das eigentliche Epos in der neuern Zeit verlaufen mußte, im allgemeinen wenigstens, Geltung zukommen: daß die ideale Welt des Dichters, sein individuelles Geistesleben, mit dem thatsächlichen geistigen und sittlichen Inhalt gerade der realen Welt zusammenfalle, in der die geschilderten Ereignisse vorgehen, auf deren Boden die Charaktere erwachsen, die Handlung sich entwickelt. Wo hier ein Zwiespalt eintritt, da wird selbst die höchste formelle Kunst denselben nicht gänzlich ausgleichen; in die Auffassung und Darstellung wird die Reflexion sich einmischen, und möglicherweise werden sogar die Motive der Handlungen sich als künstliche Maschinerie erweisen. Diese Trennung zwischen einer vergangenen Zeit mit ihren Anschauungs- und Lebensformen und der Apperception des Dichters wird störend in der Dichtung selbst empfunden und läßt das Gefühl der Unbefriedigtheit zurück. Auf der andern Seite aber scheint in Bezug auf die Arbeit des Schaffens selbst eine Bedingung unerläßlich zu sein, sobald die Bühne, auf welcher die Handlung sich bewegt, der Wirklichkeit und der Gegenwart angehört, mehr noch da, wo das Thatsächliche der eigenen Persönlichkeit nahe tritt, die Bedingung, daß bei der Ausführung seines Werkes dem Dichter alles schon in eine gewisse Ferne gerückt und die durch subjective Theilnahme für Personen und Ereignisse gestörte Ruhe wiedergewonnen sei, denn nur einem ungetrübten Blick kann die klare Erfassung des Gegebenen und seiner Erfolge gelingen.

Grimmelshausen wurde geboren, wuchs heran und lebte als Mann in der Zeit, die er schildert; sein eigenes Leben erscheint durch dieselbe so vollkommen bedingt, daß die Annahme fast mit Gewalt sich aufdrängt, er selbst sei der Held seines Hauptwerkes, obgleich das biographische Material noch fehlt, diese Identität auch nur in den wichtigsten Punkten festzustellen, und seine schriftstellerische Thätigkeit fällt erst gegen das Ende seines Lebens, wo der große Kampf, in dessen Mitte er die Leser versetzt, ausgekämpft war, wenngleich seine Heftigkeit noch in schmerzhaften Nachzuckungen sich fühlbar machte.

Das, was wir die innere Welt des Dichters genannt haben, deren Ausbau die Einleitung zum »Simplicissimus« zu schildern versucht, in ihrem vollständigen Zusammenfallen mit der äußern Welt bildet die reale Grundlage einer Reihe von Schriften, die nach des Verfassers eigenem Ausdruck die »Simplicianischen« genannt werden. In ihnen bewegt sich alles innerhalb eines bestimmten Kreises; aber noch mehr, in der Mitte steht eine Hauptperson zu der die übrigen je nach ihren Charakteren in dauernde oder flüchtige Beziehung gesetzt sind. Er wollte auch, daß die Zusammengehörigkeit dieser Schriften, die er als die Hauptaufgabe seines eigentlichen Berufs betrachtete, neben denen seine übrige Schriftstellerei nur eine beiläufige und gelegentliche war, von seinen Lesern nicht übersehen werde. Er hat sich darüber kurz und bündig ausgesprochen, indem er die Reihefolge, die sich schon aus innern Gründen wie der Zeit der Entstehung nach ergibt, noch ausdrücklich feststellt. Dieser Zusammenhang zu einem größern Ganzen wird in nachstehender Weise vermittelt.

Unter den Personen, mit denen Simplicissimus zu einer Zeit in Berührung kam, wo er einmal gute Tage hatte und der alte Leichtsinn sein Recht forderte, war auch eine vornehm auftretende Dame, die er im Sauerbrunnen zu Grießbach kennen lernte. Sie war schön und gewandt genug, ihn in einen Liebeshandel zu verwickeln, obgleich er gerechten Zweifel an ihrem Adel hegte und geneigt war, sie mehr für mobilis als nobilis zu halten. Ueberdies setzte sie ihm so übertrieben mit »liebreizenden Blicken und andern Bezeugungen ihrer brennenden Affection« zu, daß er sich vor sich selbst und in ihrer Seele schämen mußte. Deshalb suchte er sie bald wieder loszuwerden; die von ihr selbst erzählte »gute Manier«, mit welcher ihm dies gelang, war freilich ärgerlich und sehr wenig cavaliermäßig. Sie wurde zu aller Welt Spott und verließ so schnell, wie sie konnte, den Schauplatz ihrer Thaten.

Nach der Abreise der Hochstaplerin überließ sich Simplicissimus ganz dem heitern Treiben des Badelebens. Aber bald schmerzlich berührt durch den Tod seines theuersten Freundes, des »Herzbruders«, begann er auf einsamen Gängen in den Bergen sich auf sich selbst zu besinnen und den Stand eines Kriegshelden gegen das Idyll des Lebens auf dem Lande mit gedeihlichem Ackerbau und vollem Viehstall abzuwägen; überdies verlangte sein Herz nach einem Aequivalent für verlorne Freundschaft. Das war die rechte Stimmung für die Hauptperson in einer Dorfgeschichte. Im schönen Renchthale beginnt die Einleitung unter Nachtigallengesang und am Ufer des rauschenden Wassers. Was die große Dame mit aller Kunst nicht zuwege gebracht, das gelang hier der einfachen Unschuld von Lande: sie warf dem Verliebten das Seil über die Hörner. Schön freilich müssen wir sie der Beschreibung nach nennen, die jugendfrische Dirne, die er mit ihrem Korbe am jenseitigen Ufer beschäftigt sah. Wenn sie mit ihren weißen Händen ihre weiche Butter im Wasser kühlte, so hatte sie dagegen mit ihren klaren schwarzen Augen sein ebenso weiches Herz in Brand gesetzt. Darauf geht alles seinen ordnungsmäßigen Gang: Gemüthszustand eines mit allen Thorheiten beladenen Phantasten, standhafte Weigerung — der Weg zum Besitz geht natürlich nur durch die Kirche. Mittlerweile hatte Simplicissimus durch seine ersten Pflegeältern im Spessart die Beweise seiner adelichen Geburt erhalten, und er besaß Geld genug, eine reich ausgestattete Bauerwirthschaft zu gründen. Nun folgt die Hochzeit und der Anfang eines echten Junkerlebens, wozu die Frau trotz ihrer niedrigen Abkunft entschiedene Anlage besitzt. Sie trinkt gern und häufig den lieben Wein, und bald geht alles liederlich und rückwärts in Haus und Hof. Besonders denkwürdig aber war der Tag, an dem nicht bloß die junge Frau eines Knäbleins genaß, sondern auch die Magd, und wo zur selben Stunde ein drittes mit einem Brieflein von der Badebekanntschaft vor die Thür gelegt ward. Da wurde dem Ehemann doch bange, und es kam ihm vor, als müsse noch eins aus jedem Winkel hervorkriechen. Als ihm nun gar die Obrigkeit mit rechtschaffener Strafe ansah, hatte die Geschichte doch wenigstens das Gute, daß sie ihm das Umhertaumeln im Irrgarten der Liebe für immer verleidete.

Spielte nun auch die Dame von Grießbach nur eine sehr kleine Rolle in dem Simplicianischen Lebensroman selbst, so war dieser Charakter doch interessant als Repräsentant einer Klasse von Weibern, die dem Soldatenleben jener Zeit eine eigenthümlichen Färbung gaben, jenen fahrenden Frauen, die den Heeren folgten. Einem solchen Leben konnte es an merkwürdigen Momenten in Scherz und Ernst nicht fehlen, die sich als interessantes Beiwerk für die detaillirte Ausmalung des Leitbildes verwerten ließen. Der Verfasser bedient sich dieses Charakters, um zunächst die Verbindung mit dem Werke in dem oben erörterten Sinne herzustellen und zugleich die Schilderung eines solchen verlornen Lebens daran zu knüpfen.

Die Form ist geschickt gewählt. Die Landstreicherin erzählt, wie dies in der Natur der Picarischen Romane liegt, ihr Leben selbst. Der Zweck, den sie persönlich bei der Veröffentlichung verfolgt, liegt in der flüchtigen Beziehung zu Simplicissimus und ist ihr durch den Wunsch nach Rache eingegeben. Der Aufenthalt in Grießbach bezeichnet eigentlich das Ende ihres Großlebens, ja aller ihrer Erfolge. Von da ab will ihr kein Stern mehr leuchten. Der, den sie vielleicht mehr geliebt hatte als einen der begünstigten Männer, der sie sogar wenigstens äußerlich wieder hätte zu Ehren bringen können, war ihr aus dem Netz gegangen; daß er aber gar die fatale Geschichte aller Welt erzählt, schürte in ihrem Herzen einen Haß, den sie jahrelang mit sich umhertrug. Nun sollte aber zunächst Simplicissimus, dann jeder wissen — denn an ihrer eigenen Reputation war ihr nicht das Geringste mehr gelegen —, wer sie eigentlich war, und was für einen Streich sie gegen ihn geführt, als sie ihm den Knaben ihrer Zofe unterschob, den er als seinen Sohn und Erben aufgezogen hatte. Die Schriftstellerei ist jedoch nicht ihre Sache; sie nimmt deshalb einen durch die Schule gelaufenen, brodlosen Schreiber gegen ein ansehnliches Honorar von ein paar Thalern und freie Station in Dienst, dem sie ihre Enthüllungen in die Feder dictirt. Nach der Veröffentlichung derselben hatte der Schreiber sich einst im Vorzimmer eines großen Herrn vergeblich um eine Stelle bemüht. Die strenge Kälte trieb ihn in eine Wirthsstube; dort findet er einen Gast sitzen, eine fremdartige, doch achtunggebietende Erscheinung: es ist der nun alt gewordene Simplicissimus; dann tritt ein bejahrter Stelzfuß herein, ein Spielmann mit der Geige, ein früherer Kamerad des Simplicissimus, einst ein anstelliger und tapferer Bursch, mit dem auch die Dame eine Zeitlang im Guten und Bösen verkehrt hatte, und bald folgt eine Erkennungsscene zwischen den beiden Kriegsgefährten. Der erste, von der Reise in fremde Länder, deren Hauptereigniß eine Robinsonade auf einer unbewohnten Insel der Südsee bildet, zurückgekehrt, wohnte als ehrsamer Landwirth in seiner Heimat am Spessart. Des andern Leben war auf die gewöhnliche Weise abgeschlossen worden, seine Rolle war ausgespielt. Der Schreiber erkennt natürlich die Urbilder der Personen, von denen er hatte berichten müssen, und bald kommt es zu unliebsamen Erörterungen; er erzählt, wie er zu der Autorschaft gekommen, und von dem Lohn, der ihm dafür geworden. Wir erfahren bei der Gelegenheit, daß dem alten Herrn durch das Buch der größte Dienst geschehen ist, denn die Erzählung läßt keinen Zweifel, daß der Knabe, der ihm untergeschoben werden sollte, wirklich der seinige, daß also der Zweck des Buchs verfehlt ist. Endlich, nachdem des Simplicissimus Pflegeältern, der »Knan« und die »Meuder«, sammt dem Sohn hinzugekommen, hat der Leser das Vergnügen, sich die ganze, übrigens sehr reputierlich auftretende Simplicianische Familie vorgestellt zu sehen. Die Gesellschaft bleibt den Tag über zusammen, und um die lange Winternacht zu kürzen, erzählt der alte Spielmann seine Lebensgeschichte. Simplicissimus beauftragt den Schreiber, auch diese niederzuschreiben und herauszugeben, damit die Welt erfahre, daß der junge Simplicius nicht von einer Landstreicherin abstamme.

Wenn der Zusammenhang der beiden Erzählungen des vorliegenden Bandes mit dem Hauptwerke und unter sich ein ganz natürlicher ist, indem er in ansprechender Weise und durch dem Leser bekannte Personen vermittelt wird, so sind die beiden andern, der erste und zweite Theil des »Vogelnestes«, die freilich demselben ethischen Zwecke dienen, in einen künstlichen, nur mehr äußerlichen Zusammenhang gesetzt; nur schwache Fäden leiten zu beiden und von einer zur andern hinüber, die von einem wunderbaren Ereigniß im Leben des Stelzfußes ausgehen. Ueberdies wird der Leser aus den Kriegsunruhen in Gegenden des Friedens und in halbwegs geordnete Zustände geführt. Der abgedankte Soldat hatte sich eine Zeitlang mit einem Leiermädchen umhergetrieben. Der Zufall setzte sie in Besitz eines großen Schatzes, der ihrem Elend hätte ein Ende machen können, es ist ein zauberhaftes Vogelnest, das seinen Träger unsichtbar macht. Die Früchte des Fundes genießt die Leichtfertige allein, indem sie damit sofort verschwindet, um sich desselben zu Diebstahl und allerlei Unfug, endlich aber zu einem Liebesabenteuer zu bedienen. Mitten darin wird sie von dem Geschick erreicht und stirbt eines gewaltsamen Todes. Das kostbare Zaubermittel gelangt in die Hände eines jungen Mannes, der bei dem Ausgang des Abenteuers zugegen war. Seine Erlebnisse schildert die erste Abtheilung; als er endlich desselben überdrüssig geworden, wirft er das gefährliche Spielzeug von sich und sieht noch, wie es einem dritten zutheil wird. Auch dieser war schon beiläufig erwähnt worden; es ist ein Kaufmann, in dessen Hause die unsichtbare Landläuferin einen großen Diebstahl ausgeführt hatte, und der nun auf diese Weise zum Ersatz des verlornen Gutes und zur Befriedigung seiner Gelüste sich die Wege gebahnt sieht.

Durch diese Verbindung wird auch die Reihefolge der einzelnen Schriften festgestellt. Nach der schon erwähnten Bemerkung Grimmelshausen's folgen auf die sechs Bücher des »Simplicissimus« — wodurch also die Echtheit der sogenannten »Continuation« ausdrücklich anerkannt wird — die übrigen in folgender Ordnung: »Trutz Simplex«, »Springinsfeld«, der erste und der zweite Theil des »Vogelnests«. Das Verhältniß dieser Schriften zu den spanischen Dichtern und den durch letztere angeregten ähnlichen Erscheinungen in der französischen Literatur ist in der Einleitung zum »Simplicissimus« erörtert worden. Für Grimmelshausen waren Diego Hurtado de Mendoza, Antonio Guevara, Mateo Aleman, Franz da Ubeda in deutschen Uebersetzungen zugänglich. Was etwa in Vergleichung gezogen werden kann, beruht auf innerlicher Verwandtschaft. Was dort in der Gesammtliteratur sich vollzog, das hat hier in dem reichen Geistesleben eines Einzelnen sich vollzogen.

Auch der »Trutz Simplex oder Ausführliche und wunderseltzame Lebensbeschreibung der Erzbetrügerin und Landstörzerin Courage«[1] ist nicht ohne Vorbild, wenn man es so nennen will. Ubeda's »Picara Justina« war durch eine Uebersetzung in Deutschland bekannt (Frankfurt 1626 — 27.) Man könnte jedoch höchstens an eine formelle Anlehnung, aber man darf an keine Nachahmung, am wenigsten an eine bewußte Nachbildung denken. Zuvörderst verbietet das schon der Boden, auf dem der Deutsche seine Heldin Libuschka auftreten läßt. Was das Volksleben in Spanien begünstigte und als natürlich erscheinen läßt, wäre unter den gewöhnlichen Verhältnissen bei uns unmöglich gewesen. Der Krieg hatte hier die Möglichkeit erst geschaffen. Das junge böhmische Mädchen, körperlich und geistig reich ausgestattet, nicht schlecht erzogen und unterrichtet, wird in einem für die Bildung des Charakters gefährlichen Alter in das wilde Treiben des Soldatenlebens im Feld und in den Quartieren hineingestoßen. Es war dies »der erste Sprung in die Welt«, wie ihn ähnlich auch Simplicissimus gethan. Das verlorne Leben — und hier tritt schon ein Unterschied gegen Simplicissimus, eher eine Aehnlichkeit mit Springinsfeld zu Tage — entspricht jedoch durchaus ihren Neigungen. Der Spessarter Bauernknabe wird gegen seine eigentliche Neigung geworfen und getrieben; die Erkenntniß eines würdigen Lebenszieles geht ihm nie ganz verloren; die schlimmen Seiten seines Lebens sind von außen in ihn hineingebildet, und wo er mit vollkommenem Behagen und mit Lust sich gehen läßt, da sind die Triebfedern eben die edlern Regungen des männlichen Willens, der persönliche Muth, der Drang nach Auszeichnung und Ehre. Die Böhmin aber läßt sich nicht blos gehen, sondern verfolgt ihre Ziele, die eben nur in demjenigen liegen, was der Krieg und die Gesetzlosigkeit ihr persönlich eintragen können, mit der ganzen Energie ihrer Natur. Diese läßt sich mit wenigen Strichen zeichnen; in ihr sind alle schlimmen Eigenschaften verkörpert, welche die böse Welt überhaupt dem weiblichen Geschlecht nachzusagen pflegt: neben der maßlosesten Sinnlichkeit und einer wilden Sucht nach Aufregung, die sie persönlich in die Schlachten treibt, neben Neid und Habsucht auch nicht eine Andeutung von besserm und weicherm Gefühl, das sonst bei den verdorbensten Weibern noch hervorbricht; dafür eine rücksichtslose Härte, mit der sie alles ihren Zwecken dienstbar macht, und eine Elasticität, die nach den schwersten Schlägen wieder in die Höhe schnellt.

Durch solche Eigenschaften gelingt es dem heillosen Weibe, eine hervorragende Stelle einzunehmen unter den Scharen von Dirnen, wie sie bei den Regimentern sich umhertrieben; mit diesen kommt sie jedoch persönlich kaum in Berührung. Jener verlorne Haufe rekrutierte sich zum Theil aus den »öffentlichen Frauen«, wie sie in den Städten, ehrlos freilich und unter strenger Aufsicht, meist des Nachrichters, geduldet wurden, zum Theil aber auch aus den vielen Unglücklichen, die außer Heimat und Familie die Ehre eingebüßt hatten. Ueber diese, die auch bei den Heeren unter der Zucht von besondern Waibeln standen, weiß sie sich zu erheben. Zu Anfang durfte sie sich zu den Offiziersfrauen rechnen, die nach damaliger Sitte nicht selten ihre Männer im Felde begleiteten. Als sie sich den Eintritt in ein höheres gesellschaftliches Leben eröffnet sah, fühlte sie wohl, daß es neben ihrer Schönheit und ihrem natürlichen Verstande doch einer besondern Vorbereitung für diese Kreise bedürfe. Es ist ein feiner Zug in der Darstellung Grimmelshausen's, daß er die junge Frau denjenigen Weg einschlagen läßt, welcher der bequemste und deswegen der gewöhnlichste war.

In der für die höhern Stände zunächst berechneten Unterhaltungsliteratur hatte unter den eigentlichen Ritterromanen ein in den achtziger Jahren des 16. Jahrhunderts unmittelbar aus Frankreich importirtes, in deutscher Uebersetzung erschienenes Buch, der »Amadis aus Frankreich«, in der Gunst der Leser alle übrigen in den Schatten gestellt. Und in der That entsprach dasselbe, was seinen materiellen Gehalt betrifft, der leichtlebigen Oberflächlichkeit jener Gesellschaftsschichten ungleich besser als die alten, auf solidern Fundamenten aufgebauten Bücher, wie der »Fierabras«, die »Haimonskinder«, die »Magellone« oder der »Kaiser Octavianus«, die man gern dem Volke überließ. Jene endlosen Abenteuer nebst schlüpfrigen Liebesgeschichten, die freilich der Uebersetzer dadurch zu rechtfertigen sucht, daß denselben ja die nutzbare Lehre und Aufklärung über Welthändel und Regimente als Gegengift beigegeben werde, schmeichelten der innern Rohheit und den nobeln Passionen des Adels, der darin seine eigene, freilich zum guten Theil der Vergangenheit angehörige Herrlichkeit widergespiegelt sah. Vor allem aber war es die Form, die selbst besser gebildete Leser angezogen zu haben scheint. Die Vorrede der deutschen Ausgabe hatte dem Buche schon eine hervorragende Wichtigkeit »für die Polierung unserer Muttersprache« vindicirt. Eine heilsame Selbsterkenntniß scheint dann bemerkt zu haben, daß man hier lernen könne, die innere Rohheit unter äußerm Schliff zu verbergen, die Geistesarmuth mit buntem, entlehntem Flitterstaat zu bekleiden, die Inhaltslosigkeit der Gedanken und Empfindungen unter klingendem Wortschwall zu verhüllen. Der Einfall war nicht einmal neu und stammte aus derselben Bezugsquelle wie der Roman selbst, was natürlich demselben doppelten Werth verlieh. Schon war in Frankreich selbst ein Buch erschienen, das die Sache nicht allein für den Gebrauch merklich erleichterte, sondern auch die moralische Gefährlichkeit abschwächte, indem man alles Thatsächliche weggelassen hatte. Die im »Amadis« und seinen endlosen Ausspinnungen enthaltenen »besonders wohlgefälligen Reden, Briefe, Gespräche« hatte man zum Handgebrauch gesammelt; eine deutsche Uebersetzung erschien zuerst zu Straßburg 1597.

Die Beliebtheit des Romans muß in der That außerordentlich gewesen sein; dies bekundet sich schon in der heftigen Reaction, die sich vorzugsweise in der neuen poetischen Richtung des Jahrhunderts aussprach. Auf das Urtheil des Chorführers am neudeutschen Parnassus ist nicht viel zu geben. Martin Opitz, der die »Historia Amadaei« mit überschwenglichen Lobpreisungen überschüttete, war, als er diese in seinem »Aristarchus« veröffentlichte, ein noch sehr jugendlicher Schriftsteller, der eben über die Schule hinaus war, und man erkennt hier unschwer eine Ueberschätzung des formellen Verdienstes. Ein solches kommt dem Buche und der Uebersetzung unzweifelhaft zu; das wurde auch von einzelnen Verständigen anerkannt, unter denen, abgesehen von Philipp von Zesen, auch Männer wie der Sprachforscher Schottelius und selbst noch ein Leibniz zu nennen sind.

Die Reaction richtete sich vor allen Dingen gegen den materiellen Inhalt, den man ohne das directe Gegengewicht ausdrücklich betonter moralischer Tendenzen nicht gelten lassen wollte, dann gegen die Anachronismen, »die unchristlichen und närrischen Zauberpossen« u. s. w.; sie erblickte in solchen Dingen mit Recht eine die Phantasie mit inhaltslosen Träumereien erfüllende und die Sinne aufregende Lektüre.

Philander von Sittewalt, der sittenstrenge Moscherosch, trägt kein Bedenken, dem Urheber solchen Unsinns neben andern Scribenten in der Hölle sein Quartier anzuweisen, und zwar in der reservierten Abtheilung der Procuratoren und Advocaten, »als Leuten, die in diesen Stücken vor andern wohl erfahren«. Logau bezeichnet die ganze Gattung, wie es kaum besser geschehen kann, durch die Bemerkung, sie schärfe die Zunge, aber stumpfe die Sinne; vor der dadurch erworbenen Klugheit habe die Keuschheit ein Grauen, nicht ohne Hinblick auf die alte gute Zeit, wo die Junker die Lieder vom »Tannenbaum« und »Lindenschmied« sangen und die Jungfern über Haus- und Landwirtschaft zu sprechen wußten, der modernen Heldenzeit gegenüber, die von Krieg und Mannesmuth redet, und wo die Damen ihren Beruf in der »Courtoisie« erblicken.

Ja, der braunschweigische Superintendent Andreas Heinrich Buchholz trieb den Eifer so weit, daß er den Versuch machte, »das schandsüchtige Amadisbuch«, wie er es nannte, durch zwei dickleibige eigene Romane, den »Christlichen deutschen Großfürsten Hercules u.s.w.« (1659) und »den Christlichen königlichen Fürsten Herculiscus« (1665), die dem verhaßten Gegner an Umfang nichts nachgeben und sogar demselben in Bezug auf die Sprache viel verdanken, in der Gunst des Publikums zu verdrängen. Sie sollten den Leser zu einem heilsamern Geschmack hinüberziehen und nicht allein das »weltwallende«, sondern zugleich das »geisthimmlische« Gemüth erquicken und auf der Bahn der rechtschaffenen Gottseligkeit erhalten. Grimmelshausen wird den heiligen Zorn des Mannes belächelt haben wie die weitschweifige Art des Buches, das selbst so ziemlich an der Spitze der modernen Helden- und Liebesgeschichten steht. Er ist auch darin entschiedener Realist, daß er sich nicht in Declamationen ergeht, sondern einfach das Buch als Quelle der Bildung einer fahrenden Buhlerin in die Hand gibt, die damit dennoch nicht über die allgemeine Schwäche der Frauen im Gebrauch der Fremdwörter hinauskommt, und einen ungebildeten Landsknecht oder einen renommistischen Junker ihre Liebeswerbungen in Amadisischen Redewendungen anbringen läßt.

Das Verhältniß zu Simplicissimus ist als durchgehendes Motiv für die Form der Darstellung in geschickter Weise benutzt. Die Benennung »Trutzsimplex« ist schon insofern bezeichnend, als dieselbe andeutet, die Lebensgeschichte der Landfahrerin stehe an Abenteuerlichkeit der ihres frühern Liebhabers ebenbürtig gegenüber, aber noch mehr, alles sei zum Aerger dieses Mannes geschrieben. Darum die häufigen Apostrophen an den Verhaßten, die Schadenfreude, mit der sie darauf aufmerksam macht, wie sie ihn angeführt, das Behagen, mit welchem sie erzählt, daß sie es war, die seinen Gefährten Springinsfeld in der Schule jeder Schlechtigkeit erzog, wie sie den verliebten jungen Mann endlich weggeworfen, nachdem sie ihn völlig beherrscht und ausgenutzt, und ihn in einem gewissen Anflug von Humor mit einem Danaergeschenk entlassen habe, das ihn, wie sie hoffte, noch schließlich um die ewige Seligkeit hätte bringen können.

Wie die ganze Grundlage des kleinen Vagabundenromans eine historische ist, so wird auch die Heldin desselben persönlich in eine Art von geschichtlicher Beziehung gesetzt. Libuschka ist das Kind der Liebe eines hochgestellten Mannes[2], der einst der gewaltigste Herr von Böhmen gewesen war. Er gehörte zu der Zahl derer, die dem Racheact gegen »die Rebellen« zu Prag (im Juni 1621) entgangen waren. Dem Anfangsbuchstaben nach könnte man an den Grafen Matthias von Thurn denken, aber ich glaube, Grimmelshausen hat den Grafen Ernst von Mannsfeld im Sinne gehabt, auf den die Umstände zu passen scheinen. Er wurde schon 1618 »wegen eigenmächtiger Werbung, sonderlich wegen Belagerung und Einnahme der Stadt Pilsen in des Heiligen Römischen Reichs Acht verfallen« erklärt, »aus dem Frieden in Unfrieden gesetzt, und sein Leib, Hab und Gut jedermänniglich erlaubt« (Gottfried, Historische Chronik, II. 13). Diese Achtserklärung wurde 1622 wiederholt. Damals, als Courage durch einen schwedischen Offizier aus den Händen brutaler Soldaten gerettet wurde, befand sich Mannsfeld bei Bethlen Gabor in Ungarn; die Beziehungen dieses Fürsten zur Türkei und seine eigene Reise nach Konstantinopel, von wo er über Venedig nach England ging, um ein Hülfegesuch im Namen Bethlen's zu überbringen, mögen Veranlassung zu den Zeitungsgerüchten von seinem Uebertritt zum Islam gegeben haben.

Die Aufzeichnungen der Landstörzerin beginnen mit dem ersten Act des Kriegsdramas, welches sich nach dem Tode des Kaisers Matthias, der dem Frieden mit den böhmischen Ständen nicht abgeneigt schien, auf dem Boden des Königreichs abspielte, zur Zeit als es dem jungen König Ferdinand, bei dessen Regierungsantritt alle Hoffnung auf Versöhnung aufgegeben wurde, eben gelungen war, seinen Freund und Studiengenossen zu Ingolstadt, Maximilian Emanuel von Baiern, für sich zu gewinnen, da nach der Wahl des Kurfürsten Friedrich von der Pfalz zum König von Böhmen seine Hausmacht zur Bekämpfung der evangelischen Union nicht mehr ausreichend erschien. Maximilian sammelte ein Heer bei Donauwörth. Indessen hatten diplomatische Unterhandlungen des gewandten Ferdinand, bei denen er das Gespenst des Calvinismus wirksam in Erscheinung treten ließ, den Erfolg gehabt, die Böhmen zu isolieren, was durch den Vertrag zu Ulm (3. Juli 1629) thatsächlich geschah. Maximilian ging sofort nach Oberösterreich, zwang die protestantischen Stände zur Huldigung, vereinigte sich mit dem kaiserlichen Heere unter Karl Bonaventura von Longueval, Grafen von Buquoi, in Unterösterreich und zwang so die böhmische Streitmacht, zum Schutz des Königreichs abzuziehen. Die festen Plätze in Niederösterreich wurden theils verlassen, theils von den Baiern und Kaiserlichen genommen. Als zuletzt auch die Belagerung des starken Drosendorf vor dem Anmarsch der siegreichen Armee aufgehoben werden mußte, wandten sich die Böhmen gegen Znaim nach Mähren; das kaiserliche Heer zog darauf nach Budweis, wo der Feldzugsplan festgestellt wurde (im September). Buquoi wollte zwar den Böhmen nach Mähren folgen, fügte sich aber der Ansicht daß es gerathener sei, direct auf Prag zu marschieren, und zwar noch vor Anbruch des Winters, der den Böhmen nur günstig sein konnte, um dem Feinde keine Zeit zu Verstärkungen und Befestigungsarbeiten zu lassen. Während der Baier sich gegen Wodnian an der Blanitz im Kreis Pissek wandte — es ist also ein Irrthum Grimmelshausen's oder ein Druckfehler, wenn (Kap. II.) statt dessen Budweis genannt wird —, zog Buquoi auf Pragatitsch, welches erst nach hartnäckiger Gegenwehr seiner Bewohner, und nachdem sich der Graf aus dem baierischen Lager durch Geschütz verstärkt hatte, im Sturm genommen wurde. Die erbitterten Truppen begannen nun die furchtbare »Kirchweih«, welche Libuschka, das junge »fürwitzige Ding«, aus der Stille des Hauses, in dem sie aufgewachsen, in den Strudel des Lebens hinauswarf. Es sind an diesem Tage in dem Städtchen, welches heute kaum 4000 Einwohner zählt, mehr als 1500 Menschen erschlagen worden.

Es lag jetzt freilich in der Absicht der Kaiserlichen, auch Pilsen in ihre Gewalt zu bekommen, aber dieser Plan wurde damals noch nicht ausgeführt; also auch hier ist Grimmelshausen ungenau, denn erst 1621 ging die Stadt an Tilly verloren, der die Besatzung zum Theil durch Geld vermocht hatte, zu ihm überzugehen, während die übrigen mit Sack und Pack abzogen. Dagegen ist die Erwähnung einer Verwundung Buquoi's (S. [16]) richtig; er erhielt in einem Gefecht bei Rakonitz (Ende October) gegen die Ungarn eine Schußwunde am Schenkel.

Nach der Schlacht am Weißen Berge ging Maximilian nach Baiern zurück; den Fürsten von Lichtenstein hatte er zum Statthalter von Böhmen ernannt und ihm Tilly mit einem Theil der Armee beigegeben, während der Kurfürst von Sachsen zur Execution der Reichsacht in die Lausitz abzog. Buquoi dagegen wandte sich über Deutschbrod nach Mähren. Libuschka folgte mit ihrem Rittmeister seinen Fahnen. So kamen sie nach Iglau, waren zu Neujahr in Brünn, und darauf in Olmütz. Der weitere Marsch nach Ungarn im Frühling 1621 verlief anfangs glücklich, bis zur Belagerung von Neuhäusel, die dem tapfern General das Leben kostete. Als nun gar Bethlen Gabor's Vortrab heranrückte, sah das kaiserliche Heer sich zum Rückzuge genöthigt. Libuschka's Geliebter kam mit einer flüchtigen Abtheilung verwundet nach Preßburg, wo er starb. Die Belagerung der Stadt durch Bethlen mußte aufgegeben werden, was die Kaiserlichen hauptsächlich der von Grimmelshausen erwähnten Hülfe aus Mähren zu danken hatten.

Bei Weidhausen in den Schanzen, welche damals der Mannsfelder den Baiern übergeben hatte, finden wir die junge Witwe mit einem andern Manne wieder. Der Graf hatte sich in gefährlicher Lage befunden, da Ritterschaft und Städte der Oberpfalz sich ergeben hatten. Er suchte sich durch eine List zu helfen, indem er den Schein annahm, als wolle er mit seinem Heere in kaiserliche Dienste treten; er war nach der Unterpfalz abgezogen und hatte erst hier die Maske fallen lassen, während wegen des glücklichen Ereignisses in Prag und andern Städten das Tedeum gesungen und die Glocken geläutet wurden. Libuschka war bei Mingelsheim und Wiesloch, wo die Baiern eine empfindliche Niederlage erlitten, unter Tilly bei Wimpfen gegen den Markgrafen von Durlach, bei Höchst gegen den tollen Braunschweiger Christian, lag mit vor Mannheim, welches im September 1622 accordierte, und verließ nach der Blokade von Frankenthal das Heer, während Tilly's Truppen Winterquartiere in der Wetterau bezogen.

Der Lieutenant, der Libuschka schmählich verlassen, war indessen in der Schlacht bei Fleury gefallen. Es muß auffallen, daß Grimmelshausen hier geradezu dem spanischen Heere den Sieg zuschreibt, während derselbe doch mit größerm Recht von Mannsfeld und Herzog Christian in Anspruch genommen werden konnte. Die Auffassung Grimmelshausen's weist direct auf das »Theatrum Europaeum« als Quelle hin, wo ebenfalls Gonsalvo de Cordova als Sieger bezeichnet wird, obgleich der ausführliche Bericht über die Schlacht das Gegentheil ergibt. Aber der Dichter konnte ja unmöglich alles aus eigenen Erinnerungen schöpfen, und das genannte große Sammelwerk, welches seit 1664 herauskam, schien eine zuverlässige Quelle zu sein. Dagegen waren ihm die Ereignisse in Niedersachsen unter Tilly sehr genau bekannt. Wir wollen hier Einzelnes hervorheben, was nur wenigen Historikern von Fach bekannt sein dürfte und fast der Vermuthung Raum läßt, der Verfasser sei bei den erzählten Ereignissen persönlich zugegen gewesen. Wirklich schickte Wallenstein die Herzoge Georg von Lüneburg und Heinrich Julius von Sachsen-Lauenburg und die Obersten von Four, Hausmann und Cerbon dem Oberfeldherrn mit 7000 Mann zu Fuß und zu Pferd zu Hülfe. Courage kam ihrer Erzählung nach, wahrscheinlich mit diesen Truppen, bei den »Häusern Gleichen« in der Nähe von Göttingen, die damals dem Landgrafen von Hessen gehörten, zu den Tilly'schen, welche in jener Gegend übel hausten; namentlich hatte die als hessisches Lehn heimgefallene Herrschaft Plesse viel zu leiden. Im Frühling 1626 hatte hier das Regiment des Obersten Kronenberg Quartiere bezogen. Unter den Gleichen liegt ein zu jener Zeit hessisches Gut Wittmarshof, das Tilly zerstört hatte. Eine Compagnie des Herbersdorfer Regiments lag hier im Quartier.

Der weitere Verlauf des Feldzugs ist, kurz gefaßt, folgender. Die Schlacht bei Lutter am Barenberge wurde am 17. August geschlagen. Nachdem seine Armee sich zu Wolfenbüttel einigermaßen erholt hatte, ließ der Dänenkönig sie jenseit der Unterelbe marschieren und verlegte sein Hauptquartier zuerst nach Buxtehude, von da nach Stade. Die im Bremischen gelegenen festen Plätze waren mittlerweile in die Hände der Kaiserlichen gefallen. Auf dem Landtage in Rendsburg versprachen nun die Stände, mit gesammter Hand die Gegenwehr zu ergreifen. Es folgte bald daraus die zu Ende des 11. Kapitels erwähnte Einnahme von Hoya, dessen Besatzung am 12. December, nachdem der erste Sturm abgeschlagen worden, capitulierte. Der König hatte es auch auf Verden abgesehen, mußte jedoch wegen der bei Hoya erlittenen Verluste diese Absicht aufgeben. Indessen war auch die Versöhnung des Herzogs Friedrich Ulrich von Braunschweig mit dem Kaiser zu Stande gekommen; der Widerstand in Niedersachsen war gebrochen, das dänische Heer über die Elbe bis nach Jütland gedrängt.

Den Erlebnissen in Italien liegen folgende Thatsachen zu Grunde. Der Tod des Herzogs Vincenz Gonzaga von Mantua und Montserrat hatte zu ernstlichen Verwickelungen geführt. Durch den Fürsten war der nächste Agnat seines Hauses, der Herzog von Nevers, noch ausdrücklich durch Testament als Erbe eingesetzt worden. Die beiden Häuser von Habsburg erblickten darin eine Gefahr für ihren Einfluß in Italien zu Gunsten Frankreichs, das auch in der That dem legitimen Nachfolger seine Hülfe zusagte, und wünschten seinem Vetter aus der zweiten Gonzagischen Linie die Reichslehen zu verleihen, ein Plan, für den sich auch Savoyen erklärt hatte. Es wurde jedoch ein Vergleich geschlossen, durch den Frankreich dem Herzog von Savoyen einen Theil von Piemont restituirte und die begonnene Belagerung von Casale aufgehoben wurde. Doch schon im folgenden Jahre sagte sich Savoyen von dem Vergleich los. Die Spanier unter Spinola zogen wieder vor Casale, aber bei der kräftigen und geschickten Gegenwehr des Commandanten Tohras ohne Erfolg. Nun rückten auch die Oesterreicher unter Colalto, Gallas, Altringer ein. Mantua, seit dem November 1629 eingeschlossen, fiel im Juli des folgenden Jahres; die Kaiserlichen hatten ein Einverständniß in der Stadt unterhalten, so wurde es möglich, in der Nacht sich derselben auf Schiffen zu nähern, die Thore zu sprengen und die schwache Besatzung zu überwältigen. Die Folge war der Anfang von Unterhandlungen und der endliche Friedensschluß zu Chierasco, dessen Hauptbestimmung in der Anerkennung des Herzogs von Nevers bestand. Die Verhandlungen waren das Werk Mazarin's, der hier zuerst Gelegenheit fand, seine großen politischen Talente zu zeigen. In der letzten Zeit hatte die Pest Italien, namentlich Venedig, Mailand, Mantua schwer heimgesucht. Deshalb wurde nach Beendigung des Feldzugs die Heeresabtheilung, bei welcher Courage sich befand, in die kaiserlichen Erblande und zwar ins freie Feld an der Donau verlegt.

Nach der Einnahme von Prag durch Wallenstein im Mai 1632, das seit November 1631 sich in den Händen der Sachsen unter Arnheim (Arnim) befunden hatte, lebte die Landfahrerin in dieser Stadt. Noch einmal verheirathet, begleitet sie ihren Mann wieder ins Feld bis zur Schlacht bei Nördlingen, die sie wieder zur Witwe macht, folgt darauf der Armee, auf dem Marsch gegen den Bodensee und nach Würtemberg, um sich in der Heimat ihres in Hoya gefallenen Hauptmanns, der sie zum Erben seiner liegenden Güter eingesetzt, häuslich niederzulassen. Nun geht es abwärts, die fatale Episode mit Simplicissimus und ihre Liederlichkeit bringen sie um Haus und Hof, und wir sehen sie wieder als Marketenderin bei den Weimarischen im armseligsten Aufzuge mit einem gemeinen Musketier umherziehend, bis zum Gefecht bei Herbsthausen, wo der baierische Generallieutenant von Mercy die Franzosen unter Turenne schlug. Sie geräth nun unter eine Zigeunerbande, die sie nach Böhmen begleitet, wo zu Anfang des Jahrs 1645 Torstenson eingerückt war. In diesem neuen Stande, der ihr auch in Friedenszeiten eine gewisse abenteuerliche Freiheit gewährte, findet das Leben der merkwürdigen Tochter Eva's einen anständigen Abschluß. In spätern Jahren sollte sie — so erfahren wir aus einer der satirischen Schriften Grimmelshausen's — den geliebten und gehaßten Simplicissimus noch einmal wiedersehen. In Grießbach, so erzählt das im Jahr 1672 erschienene »Rathstübel Plutonis oder Kunst reich zu werden«, hatte sich eine aus den verschiedensten Ständen zusammengesetzte Gesellschaft eingefunden. Einst unternahm man unter Führung eines vornehmen Touristen, eines »reisenden Landbeschauers«, einen Spaziergang in die Umgegend und stattete auch dem auf seinem Bauerhofe lebenden »weit berufenen« Simplicissimus einen Besuch ab. Hier beginnt ein Gespräch über das auf dem Titel genannte Thema, an dem auch der Knan und die Meuder theilnehmen. Da erscheint plötzlich die alte Courage auf ihrem Maulesel; Simplicissimus holt auch den alten Stelzfuß Springinsfeld herbei. Die Gesellschaft hat die Simplicianischen Schriften gelesen und kann nun die ehrenwerthe Sippschaft in der Nähe betrachten, und diese findet am Ende ihrer Tage Gelegenheit, in leidenschaftsloser Beurtheilung das Sonst und Jetzt zu erwägen.

Die Leser des »Simplicissimus« erinnern sich des jungen Kriegsmanns, mit dem der Jäger von Soest im westfälischen Feldzuge gute Kameradschaft geschlossen hatte. Sie werden ihre Erwartungen nicht zu hoch spannen, wenn sie in der zweiten Erzählung dieses Bandes die Geschichte seines Lebens: »Den seltzamen Springinsfeld«[3], zur Hand nehmen. Auch im »Trutzsimplex« ist ihm keine Rolle angewiesen, die ihn besonders interessant erscheinen ließe. Man muß den kleinen Roman nur im Zusammenhang des größern Ganzen, als Illustration einer eigenthümlichen Seite des Kriegslebens betrachten, in dieser Beziehung als einen Pendant zur »Landstörzerin Courage«.

Springinsfeld ist der Repräsentant der gewöhnlichen Kriegsleute seiner Zeit, die eben nur Soldaten sind und weiter nichts, von der Art, wie das Geschick oder die Neigung sie zu Tausenden den Regimentern zuführte, wo manchem Fortuna hold war, die meisten aber ein frühes Grab auf grüner Heide fanden; auch darin ein Seitenstück zu Libuschka, daß beide, um sich durchzuschlagen, ihre natürlichen Gaben: Muth und Ausdauer, Kraft und Schönheit, Humor und Schlauheit, ihrem Geschlecht gemäß ausnutzen. Solche Leute waren den Führern willkommen; der frühere Seiltänzer und Gaukler war frisch und gewandt, unerschrocken und unbedenklich; sonst geistig nur mittelmäßig begabt, leichtsinnig und nur des nächsten Tages gedenkend, alles im geraden Gegensatz zu dem alten Kriegsgefährten, der gegen des Lebensende beider, als nach länger denn dreißig Jahren der Zufall sie zusammenführt, auf das schärfste hervortritt. Der Bauerknabe aus dem Spessart hatte redlich wider die Wellen des Stromes angekämpft und war endlich zu Land geschlagen; das Kind des Gauklers hatte sich treiben lassen, ohne nach Ruhe zu fragen, ja ohne dieselbe ertragen zu können, und mußte seinem guten Geschick danken, daß der alte Kamerad sich seiner erinnerte und ihn davor bewahrte, ein verfehltes Leben hinter dem Zaun oder besten Falls in einem Hospital zu enden.

In dem Namen schon ist der ganze Charakter des Abenteurers, damals wie heute für jedermann verständlich, ausgesprochen, wenngleich Courage eine schalkhafte Geschichte erzählt, welche die Entstehung desselben auf eine besondere Veranlassung zurückführt. Er gehört zu der Zahl von Namen, die, alten volksthümlichen Benennungen von Elben und Kobolden entnommen, in Märchen und Sagen, vorzüglich aber in Hexenprocessen vorkommen. Dieser Ursprung ist auch darin erkennbar, daß die meisten derselben an Wald und Feld erinnern. So ist z. B. Zum-Wald-fliehen geradezu das Gegentheil von Spring-ins-Feld; andere sind: Hurlebusch, Hans vom Busch, Grünlaub, Grünewald, Grünedel mit einer Bedeutung, die sogar an die französischen noms de guerre, wie Sautebuisson, Jolibois, Verdelet anklingt. Später wurden dieselben auf christliche Teufel übertragen und gingen als eigentliche Kriegsnamen, wo es galt den wahren Namen zu verstecken, auf Soldaten, Räuber und Landfahrer über. In pseudonymen Fehdeerklärungen, unter Droh- und Brandbriefen sind sie in Deutschland nicht selten.

Ich glaube, in diesen leichthingeworfenen Schilderungen ist ein großer Theil eigener Erfahrungen und wirklich vorgefallener Geschichten aus dem Leben eines ehemaligen Kriegsgefährten Grimmelshausen's selbst niedergelegt, dessen Name in den Erinnerungen des gereiften und zur Ruhe gekommenen Mannes mit mancher Soldatengeschichte verknüpft war. Dafür sprechen auch die zahlreichen und genauen geschichtlichen Details, die kaum anderswoher als aus persönlichen Erlebnissen und eigener Beobachtung geschöpft sein können. Den meisten Lesern unserer Sammlung wird der Zusammenhang der rasch und ohne Ruhepunkte durch den alten Kriegsknecht erzählten Begebenheiten schwer verständlich sein; für diese sind die folgenden Bemerkungen bestimmt, nicht für den Kenner der Geschichte, der sich überall selbst zurecht finden wird; natürlich müssen wir auf vollkommene Klarstellung jeder Einzelheit verzichten.

Springinsfeld's Soldatenlaufbahn beginnt unter Spinola in der Pfalz, er war bei der Belagerung von Frankenthal im October 1621 unter Gonsalvo de Cordova, und kam zu Tilly eben vor der unglücklichen Schlacht bei Wiesloch, dann bei Wimpfen und im Lohner Bruch bei Stadtlohn gegen Herzog Christian von Braunschweig. Nach Beendigung des dänischen Krieges ging er mit Libuschka nach Italien. Mit dem Obersten Johann Altringer (gefallen 1634 bei Landshut) kehrte er nach Deutschland zurück, diente in Niedersachsen und nahm an den Hauptereignissen, Schlachten und Belagerungen im Holsteinschen, in Thüringen und Hessen, eine Zeitlang auf schwedischer Seite, theil, nachdem er gefangen genommen; zog unter Pappenheim nach Westfalen, dann vor Hameln und gegen Banner bei Magdeburg. Mit Pappenheim's glücklichem Stern war er darauf wieder in Westfalen, darauf bei den Schanzen vor Mastricht gegen Bavadis und die Hessen, vor Wolfenbüttel und Hildesheim, bis er mit des Generals Scharen zu Wallenstein stieß. Nach der Schlacht bei Lützen, als in der Nacht darauf die kaiserliche Armee zunächst nach Leipzig und gleichsam flüchtig, obgleich von den Siegern unverfolgt, nach Böhmen marschirte, begann für unsern Abenteurer, der eben noch daran gedacht hatte, Offizier zu werden, eine trostlose Zeit. Er hatte alles, was er besaß, verloren und mußte, von den Altringerschen erkannt, wieder bei seinem alten Regiment eintreten, womit die lustige Freireuterschaft, die er eine Zeitlang geführt, ein Ende hatte. Er mußte nun bei Kempten und Memmingen und gegen den schwedischen Obersten Forbus als Dragoner dienen, und lag, nachdem das Regiment mit Wallenstein nach Schlesien gekommen war, an der Pest danieder. Als er wieder zu seinem Regiment kam, war das Trauerspiel zu Eger beendet; der junge König Ferdinand hatte selbst die Führung eines 60000 Mann starken Heers übernommen.

Springinsfeld's weitere Erlebnisse bewegen sich in ziemlich bekannten Ereignissen; er kämpfte mit Altringer und Johann de Werth gegen die Schweden bei Landshut auf der Brücke, nach der Vereinigung mit dem Cardinal-Infanten Ferdinand bei Nördlingen. Inzwischen war das Bündniß mit Frankreich zu Stande gekommen. Der Heeresabtheilung Philipp von Mannsfeld's wurde durch Bernhard von Weimar scharf zugesetzt, und auch Springinsfeld's Regiment war bis auf einen kleinen Rest zusammengeschmolzen. In Westfalen von den Hessen gefangen, mußte er nun im Erzstift Köln gegen die Kaiserlichen dienen, half bei Kempten den Generalmajor Wilhelm Grafen von Lambboy aus dem Felde schlagen und gelangte, als die Franzosen unter dem Grafen Guebriant sich nach Frankreich zurückzogen, wieder zu seinem Regiment. So ging es in kleinen Gefechten weiter bis zur Affaire von Rottweil; besonders hier scheinen die erzählten Einzelheiten auf eigener Anschauung zu beruhen. Der geschichtliche Verlauf ist folgender.

Die Weimarischen, in der Absicht, über die Donau in Baiern einzubrechen, hatten den Rhein überschritten und zogen über den Schwarzwald auf Rottweil; der Generalmajor Reinhold von Rosen rückte im November 1643 vor die feste Stadt Balingen, die er für unvertheidigt hielt, fand dieselbe aber von den Baiern schon besetzt und verlegte seine 1200 Reiter in das naheliegende Dorf Geislingen. Davon hatte aber der General Spork durch einen Bauern Nachricht erhalten und führte nur mit 520 Pferden einen nächtlichen Ueberfall aus, der so glänzend gelang, daß die feindliche Reiterei größtentheils niedergehauen, 200 Mann mit einer Anzahl höherer Offiziere gefangen wurden, und Rosen selbst nur mit wenigen Leuten auf ein benachbartes Schloß entkam. Um diesseit des Rheins einen festen Punkt für ihre Operationen zu haben, machten dann Guebriant und Ranzow den Versuch, Rottweil zu nehmen; dies gelang erst nach tapferster Gegenwehr und nach der tödtlichen Verwundung des französischen Generals durch Capitulation. Da jedoch die Gegend wegen Mangels an Fourrage für Winterquartiere sich als ungeeignet erwies, entschloß man sich, in die Landstrecken von Müllen bis Donaueschingen einzurücken. Die Stäbe mit allem Geschütz und zwei Regimentern zu Fuß kamen in Tuttlingen zu liegen; die übrigen unter Ranzow und Rosen erhielten ihren Stand in der Umgegend. Nun hatten die Kaiserlichen und Bairischen unter dem Herzog von Lothringen, Melchior von Hatzfeld und Franz von Mercy die Donau überschritten und erfuhren hier die Stellung des Feindes. Der Reitergeneral Johann von Werth führte den Vortrab; durch Wälder und Engpässe ging der Marsch direct auf die Stadt, wo das Heer, wegen heftigen Schneewetters unbemerkt, am 23. November a. St. 1643 anlangte. Die Ehre des ersten Angriffs wurde dem Regiment des kurbairischen Obersten Johann Wolff zutheil, zu dem Springinsfeld gehörte; derselbe erfolgte auf das weimarische Geschütz bei der Kirche unter dem Schloß Homburg so rasch, daß das Hauptquartier den Verlust erst bemerkte, als die Wolffischen die eroberten Stücke gegen die Stadt kehrten; auch das Schloß war bald genommen. Reinhold von Rosen zeigte sich zwar abends vor Tuttlingen, zog sich aber bald zurück, verfolgt von dem Oberstwachtmeister Caspar von Mercy (gefallen bei dem Angriff der französischen Armee auf die bairischen Schanzen vor Freiburg im Juli 1644); dieser vernichtete drei Brigaden Fußvolk, während Johann von Werth die feindliche Reiterei bei Müllen verjagte; bald befand sich die gesammte schwedische Armee sammt den Franzosen in voller Flucht, und das Hauptquartier mußte sich auf Gnade und Ungnade ergeben. Rosen, durch die Besatzung von Rottweil verstärkt, ging durch das Kinziger Thal bei Neuenburg über den Rhein nach dem Elsaß; ein Theil des geschlagenen Heeres war in die Schweiz entkommen. Dies war die sogenannte »Tuttlinger Kirchmeß«, die den Schweden mehr als dreißig Regimenter kostete.

Kaum weniger heftig waren die Kämpfe des folgenden Sommers 1644. Ueberlingen ergab sich im Mai. Im Juli beginnt die Belagerung von Freiburg durch die Baiern. In den Gefechten vor der Stadt begegnen wir auch Rosen wieder und dem Obersten von Kürnreuter (Kürnrieder), den Springinsfeld den »Kürbereuter« nennt. Nach dreizehn Stürmen ging die Stadt an Mercy über. Die unter dem Herzog von Enghien und Turenne, die zum Entsatz zu spät kamen, um die Schanzen geführten Gefechte waren so blutig, daß Johann de Werth eines ähnlichen Kampfes sich nicht erinnerte; besonders heiß ging es den 4. August am Burghalder Berg her. Nach der Besetzung Freiburgs ging es gegen Villingen, darauf ins Würtembergische und die Unterpfalz. Springinsfeld war mit bei Mannheim, wo Rosen sich mit 300 Mann befand, und half die Stadt mit Sturm nehmen. Rosen selbst entkam mit wenigen Leuten in einem Nachen über den Rhein, die übrigen wurden niedergemacht. Darauf mußte Höchst accordiren. Mercy und de Werth hatten sich nach der Bergstraße gewandt; hier wurde das Städtchen Bensheim, nachdem Bresche geschossen und die Mauern auf Leitern erstiegen, im Sturm genommen. Bei dieser Gelegenheit fiel der Oberst Wolff, als er abends mit einer Fackel gegen das Thor lief, durch einen Schuß aus der Stadt. Springinsfeld deutet nur kurz an, wie dort gehaust wurde; alles, was Waffen trug, wurde niedergemacht. Wahrscheinlich war Springinsfeld's Regiment dabei besonders thätig; er verschweigt, daß dasselbe zusammen mit dem Sporkeschen die Stadt Wiesbaden erstiegen, alles rein ausgeplündert, viele Bürger erschlagen, selbst die Frauen und Mädchen nicht verschont und, wie das »Theatrum Europaeum« sich ausdrückt, »eine unerhörte Schande getrieben hatte«. Weinheim war besser davongekommen, indem es sich auf Discretion ergab, wobei die Offiziere gefangen genommen, die Soldaten aber unter ein junges Regiment, das Kolbische, gesteckt wurden. Die ferner nur beiläufig erwähnte Belagerung und Uebergabe des festen Schlosses Nagold, dessen Besatzung aus Franzosen bestand, an den bairischen Feldzeugmeister Baron von Rauschenberg erfolgte erst am 8. December 1645.

Die Begebenheiten, mit denen das folgende Jahr beginnt, sind verständlich erzählt. Der von Springinsfeld erwähnte Geleen oder Gleen (Gottfried) war in Baiern bis zum Feldmarschall gestiegen, darauf in kaiserliche Dienste getreten und in den Grafenstand erhoben worden. In der Schlacht bei Allerheim wurde der linke Flügel unter dem Marschall Grammont geschlagen, während der rechte, von Turenne persönlich geführt, einen vollständigen Sieg davontrug, wobei die Baiern vierzig Fahnen verloren (3. August n. St.). Vielleicht dieses Unglücks wegen geht Grimmelshausen leicht darüber hin. Hier fiel Mercy, Geleen gerieth mit mehreren höhern Offizieren in französische Gefangenschaft, wurde jedoch bald wieder entlassen und übernahm das Commando für den gefallenen General.

In den October 1646 fällt die erfolglose Belagerung der Stadt Augsburg durch die Schweden unter Wrangel. Auf besondern Befehl des Kurfürsten war kurz vorher der Oberst Franz Royer oder Rouyer mit seinem Regiment mitten durch die Schweden in der Stadt angelangt; er ist derselbe, an den Weinheim überging; er war, bei Allerheim gefangen, wieder freigegeben und wird nun als Stadtcommandant von Augsburg genannt. Als die kaiserlich-kurfürstliche Armee zum Entsatz anrückte, sahen sich die Schweden zum Abzug gezwungen; in den Gefechten vor der Stadt fand »der junge Kolb« besonders Gelegenheit sich auszuzeichnen. Royer blieb in Augsburg bis zum bairischen Armistitium, welches am 6. März 1647 mit Schweden und Frankreich abgeschlossen, aber bekanntlich am 14. September schon gekündigt wurde.

Mit den von Springinsfeld im 19. Kapitel erwähnten »Generalspersonen« sind der General der Reiterei Johann de Werth und der Generalwachtmeister Spork gemeint. Der Kaiser hatte unter dem 14. Juli ein Mandatum avocatorium an die gesammten Kriegsleute der bairischen Armee »aller Grade und Nationen, als des Heil. Römischen Reichs Völker«, erlassen. Der Kurfürst antwortete mit einem Schreiben an die Generäle und Obersten, um dieselben zu beruhigen; dies gelang ihm so vollständig, daß sie jenen beiden Männern den Gehorsam aufkündigten. De Werth und Spork gelangten mit nur geringer Begleitung nach Pilsen.

Zum Verständniß der sehr vorsichtig gehaltenen Erzählung werden die folgenden, dem »Theatrum Europaeum« (Theil VI. S. 57 fg., wo die Acten, Ausschreiben und Berichte über die Maximilian Emanuel schmerzlich berührende Angelegenheit mitgetheilt werden) entnommenen Notizen genügen. Werth hatte für die Truppen, die er nach Oesterreich führen wollte, und zwar für die Regimenter Werth Spork, Lapierre, Jungkolb, einen Theil von Fleckenstein und Walbote und die Kreutzischen Dragoner als Einstellungsort die Gegend bei Vilshofen an der Donau bestimmt; die übrigen waren nach einem andern Platz beordert, darunter der Oberst Schoch. Nur dieser neben Kreutz und Guschenitz soll um den wahren Zweck des Rendezvous gewußt haben. Die in der Oberpfalz liegenden Regimenter waren dem Befehl von vornherein nicht nachgekommen, ebensowenig der im zwanzigsten Kapitel neben Lapierre genannte Oberst Elter. Alle übrigen kehrten zu ihrer Pflicht und in ihre frühern Quartiere zurück. Auf Werth's Kopf setzte der Kurfürst einen Preis von zehntausend Thalern, und gegen alle Mitschuldige erging ein von den Kanzeln zu verlesender Haftbefehl. Gegen Spork scheint man mit weniger Eifer vorgegangen zu sein. Schoch entkam mit seinem Regiment nach Tirol; Kreutz wurde in Regensburg, als er Durchzug begehrte, angehalten und in Haft genommen, der Commandant aber, der mit ihm unter einer Decke spielte, ließ ihn entkommen. Die Meuterei, über welche nun weiter berichtet wird, kann ich nicht genauer nachweisen. Es wird dies eine von dem Werth'schen Handel unabhängige Militärrevolte gewesen sein, für die man die Zeit des Waffenstillstandes als günstig ansah, und wie sie, nur in größerm Maßstabe, auch bei den Weimarischen vorkamen. Vielleicht hängt die Maßregel damit zusammen, die Maximilian nach dem kurzen Bericht des »Theatr. Europ.« (V, 1293) gegen einige Regimenter, das Lullstorfsche, Salische, Stahlische und Luppische, ergreifen mußte. Dieselben wurden reformiert, die Offiziere abgedankt, die gemeinen Knechte untergesteckt. Möglich, daß auch unser Abenteurer bei dieser Gelegenheit seinen Abschied erhielt.

Zu derselben Zeit resiginierte Gleen, um nach den Niederlanden zu gehen. Royer war als Geisel nach Regensburg geschickt, aus dem schwedischen Hauptquartier dagegen der Oberst Horn nach Augsburg.

Die letzte Dienstzeit Springinsfeld's fällt in eine Periode der Miserfolge in der kaiserlichen Armee, die nach dem alten Glück unter energischen Führern um so schmerzlicher empfunden wurde. Das Heer scheint den Grund derselben in der Führung der Generale Holzapfel, genannt Melander, und des Grafen von Gronsfeld gefunden zu haben. Der letztere wurde im folgenden Jahre nach München geführt, um sich wegen seiner Nachlässigkeit, namentlich in der Vertheidigung des Lechstroms zu verantworten; er blieb bis 1649 in Haft.

Als die alte Unruhe wieder erwachte, die Liederlichkeit und die Gaunernatur den Abenteurer von Haus und Hof trieben, war es längst in Deutschland Friede geworden. So entschloß er sich, über die Grenzen des Vaterlandes hinaus dem Kriege nachzuziehen. Er gedachte mit Nicolaus Zrinyi gegen die Türken zu fechten, ging aber zu den kaiserlichen Fahnen, denen er sein Leben hindurch gefolgt war. Wann dies geschehen, dafür fehlt in seiner ganz allgemein gehaltenen Erzählung jeder Anhaltspunkt. Zrinyi tritt erst mit dem Jahre 1664 in den Zenith seines Ruhmes ein. Unter der »letzten Hauptaction« (Kap. 22) kann jedoch nur der unter Montecuculi erfochtene Sieg bei St. Gotthard an der Raab im August 1664 verstanden werden, welchem ein von den Türken angebotener, auf zwanzig Jahre geschlossener Friede folgte. Als nach der Niederlage Rakoczi's in Ungarn und nach der Eroberung von Neuhäusel die Türken in aller Form den Krieg erklärten, hatte Frankreich eine Heerschar von fünftausend Mann zur Hülfe Oesterreichs gesandt.

Bis dahin war der Krieg auf Candia gegen die Republik Venedig im ganzen ziemlich lässig geführt, auch um die Hauptstadt war bislang mit geringem Erfolge gekämpft worden. Der Friedensschluß erlaubte jetzt den Türken, eine bedeutende Streitmacht auf den Kriegsschauplatz zu werfen, und zu Anfang 1667 lagen unter persönlicher Anführung des Großveziers mehr als dreißigtausend Mann vor Candia. Die Generäle Barbaro und Villa schickten sich zu kräftiger Gegenwehr an. Von beiden Seiten wurde an Minen und Contreminen gearbeitet, wobei die Türken gegen zehntausend Mann verloren haben sollen. Als endlich im folgenden Jahre spanische, französische und braunschweig-lüneburgische Truppen anlangten, faßte die bedrängte Besatzung neue Hoffnung. Aber die französische Abtheilung wurde unter den Mauern der Stadt vollständig geschlagen und verließ die Insel im September, auf die Hälfte zusammengeschmolzen. In der Stadt lagen nur noch viertausend Mann, und der Feind war den Vertheidigungswerken so nahe gekommen, daß die Capitulation unvermeidlich war. Der Friede mit der Republik folgte bald darauf, den 17. September 1668.

Der Gedanke, die Zeitgeschichte in einen Roman zu verweben, war nicht neu. Dietrich von Werder, der selbst eine Zeitlang Inhaber und Führer eines schwedischen Regiments gewesen, hatte in Episoden seiner »Dianea« (1644 nach Loredano), jedoch vorsichtig, indem er die Namen in Anagramme versteckte, einen Versuch gemacht. Auch dem weitschweifigen Buchholz, in den oben erwähnten »Heldengeschichten« war es, wie er selbst sich dessen rühmte, gelungen, »außer der ganzen Theologie und Philosophie in erbaulichen Discursen auch den ganzen Dreißigjährigen Krieg durch Veränderung etlicher weniger Umstände mit einzubringen«. Aber wie anders gestaltet sich das alles bei Grimmelshausen! Was dort als unnütze Spielerei eines Pedanten erscheint — denn ein Zweck ist doch überhaupt nicht einzusehen — ist hier der furchtbare Boden, auf dem mit Leben und Blut begabte Menschen erwachsen und die lebendige Handlung sich auswirkt.

Grimmelshausen läßt den alten Landsknecht, der dem verlockenden Klange der venetianischen Werbetrommel nicht hatte widerstehen können und als Krüppel zurückkehrte, bald darauf mit Simplicissimus zusammentreten. Die Geschichte seines Lebens wird also im Winter 1669 auf 70, kurz nach dem »Trutz Simplex«, geschrieben sein, was auch mit den übrigen Angaben stimmt.

Sein wüstes Leben endete nach kurzer Ruhe in der Stille und dem Frieden eines Schwarzwaldthales, unter dem Dach des trefflichen Freundes, dem es endlich noch gelungen war, die Seele des schwer zugänglichen alten Gesellen zu retten, nachdem er ihn zu christlicher Erkenntniß und einem ehrbaren Wandel bekehrt hatte.


Damit ist der engere Kreis der Simplicianischen Schriften geschlossen. Die Anknüpfung der beiden noch übrigen Erzählungen und deren Verbindung untereinander ist, wie oben schon gezeigt wurde, wenn auch künstlicher und loser, doch in ansprechender Weise hergestellt. Wenn gerade hier das Wunderbare mehr noch als anderswo in den Gang der Darstellung eingreift, so ist zu bedenken, daß Grimmelshausen, wie er immer zu thun pflegt, unmittelbar aus dem Aberglauben und der Märchen- und Sagenwelt des Volkes geschöpft hat. Für unsere Zeit freilich, die auch in dieser Beziehung dem alten Volksbewußtsein sich entfremdet, wird eine kurze Ausführung des Hauptgehalts der benutzten Motive nicht für überflüssig gehalten werden.

In der Gabe der Unsichtbarkeit ist ein aus dunkelm Alterthum stammender Aberglaube zu erkennen, der in verschiedenen Formen auftritt, z. B. im Besitz eines Ringes, wie ihn der Lydierkönig Gyges trug, im germanischen Götterglauben unter den »Wunschdingen« als Tarnkappe. Hier ist das Zauberwerkzeug das Nest eines Vogels. Jakob Grimm (»Deutsche Sagen«, I, 40) kennt für diesen Glauben keine andere Quelle als eben Grimmelshausen's »Springinsfeld«. Er meint, der Name hänge mit einer gleich der Mandragora oder der Alraun zauberkräftigen Pflanze, dem Zweiblatt, zusammen, das allgemein in den neuern Sprachen »Vogelnest« genannt werde. Aber in der That lebt der Glaube noch heute im Volke (in Niedersachsen, im Fürstenthum Göttingen und Grubenhagen). Ein Vogel trägt einen unsichtbar machenden Stein oder ein Kraut in sein Nest — genau so faßt es Grimmelshausen —, um dasselbe vor Gefahren sicher zu stellen. Diese Kraft ist unter andern dem Heliotrop eigen; auch Iwein verdankte die Unsichtbarkeit einem in einen Ring gefaßten Stein (Hartmann von Aue, »Iwein«, Abent. II, V. 1203 fg.). Unter den in Deutschland einheimischen Pflanzen besitzt sie das Farrnkraut, dessen Same, der freilich nur in der Johannisnacht zeitig wird, z. B. zufällig in den Schuh gefallen sofort den Menschen aus aller Augen verschwinden läßt. Daß das Nest im Wasser sichtbar bleibt, beruht auf der im gesammten Alterthum verbreiteten Vorstellung von der reinigenden, allem Bösen feindlichen Kraft des Elements, die jeden Zauber bricht, und erscheint durch Ideenverbindung auf den Spiegel übertragen, der im Volksglauben auch unsichtbar anwesende Geister erblicken läßt.

Die Episode von dem Tode des Leiermädchens schließt sich unmittelbar an den Fund des köstlichen, doch in unrechter Hand gefährlichen Schatzes. Dieser Gefahr war ihr Gefährte, der schon einmal mit einem Spiritus familiaris in Noth gekommen, und zwar ebenfalls durch die Schuld eines Weibes, glücklich entgangen. Seine böse Ahnung sollte an der Besitzerin, die sofort damit verschwand, in Erfüllung gehen. Lange genug hatte die leichtfertige Dirne allerhand Gaunerstreiche, Neckereien und Spuk damit ausgeführt, als sie auf den Gedanken kam, ein großartigeres Zauberdrama, eine Feerie im romantischen Stil, worin sie selbst die Hauptrolle übernahm, in Scene zu setzen, ohne zu ahnen, daß das prosaische Fatum des modernen Weltalters, die Justiz, dem Lustspiele einen tragischen Schluß anhängen werde. Die Wahl des Stoffes ist sehr glücklich; sie entnahm denselben einer der reizendsten Geschichten aus den Volksbüchern des sechzehnten Jahrhunderts: wie eine überirdische Jungfrau einen sterblichen Menschen durch ihre Liebe beglückt. Grimmelshausen hat zwei in der Dichtung getrennte Ueberlieferungen miteinander verbunden, wie sie denn wirklich auf Einer ursprünglichen Auffassung beruhen werden. Ein mittelhochdeutsches Gedicht, um das Jahr 1300 verfaßt, nach einer nun verlornen Straßburger Handschrift zuerst 1480, dann öfter gedruckt, 1580 von Johann Fischart bearbeitet, zuletzt neu herausgegeben von Oskar Jänicke (»Altdeutsche Studien«, Berlin 1871), erzählt die Sage in folgender Gestalt: Ritter Petermann von Temringen, vom Schloß Stauffenberg in der Ortenau, wollte am Pfingsttag früh zur Messe nach Nußbach reiten, da fand er unterwegs eine wunderschöne Frau auf einem Felsen sitzend. Schon lange, sagte sie, habe sie ihn erwartet, schon lange sei sie ihm in Liebe zugethan, seit er ein Pferd überschritten; überall habe sie ihn geschirmt im Kampf, beim Turnier wie im Stürmen und Streiten. Sie werden einig, sich zu verbinden, und der Ritter geht die einzige ihm gestellte Bedingung freudig ein: »nimm welche du willst, doch nie ein ehelich Weib!« So leben sie zusammen; auf seinen Wunsch ist sie bei ihm, daheim und draußen, wo auch seine Ritterschaft ihn hinführt. Als er einst mit Ehre und Gut heimkehrte, lagen ihm die Verwandten an, sich endlich ein Weib zu suchen. Er bleibt standhaft und erneuert der Geliebten sein Gelübde, aber in banger Ahnung warnt sie ihn vor dem Treubruch, er werde sonst in drei Tagen sterben müssen. Als es sich darauf begab, daß zu Frankfurt ein Römischer König gewählt wurde, stellte auch er sich am Hoflager ein. Da dringt auch der König in ihn und bietet ihm die einzige Nichte, die Erbin von Kärnten, zur Braut; auch jetzt kann er sich nicht entschließen, und erst als die allein seligmachende Kirche in der Person eines Bischofs sich einmischt und ihm die Hölle heiß macht, gibt er nach. In der Nacht kündigt ihm die schmerzlich Betrogene die nahe Erfüllung seines Geschicks an, wenn er nicht jetzt noch von seinem Vorhaben abstehe; als näheres Vorzeichen werde er ihren nackten Fuß erblicken. Aber der Mann hält alles für Betrug des Teufels. Die Braut hält ihren Einzug auf der Burg, die Hochzeit wird gefeiert, da stößt plötzlich der schönste Frauenfuß durch die Decke des Saales. Nun bestellt der Ritter sein Haus und stirbt. Die junge Braut gelobt, in einem Kloster dem Vermählten treu zu bleiben.

Es tritt hier, was wir nur andeuten können, die Beziehung der Sage zum germanischen Götterglauben noch deutlich kennbar hervor. Stauffenberg's Geliebte ist als Walküre aufzufassen, als »Wünschelweib« oder »Wunschmädchen«. Der »Wunsch«, wodurch eigentlich und ursprünglich ihr Zusammenhang mit Odin angedeutet wird, steht ihr zu Gebot, während die spätere Anschauung den Namen von der Gabe ableitet, zu erscheinen, so oft der Geliebte sie herbeiwünscht. Sie kann ihm Glück und Reichthum zuwenden. Auch darin gleicht sie den Walküren, daß sie unsichtbar den Auserwählten hütet und ihn schützend in den Kampf begleitet. Doch alles das sammt ihrer Liebe ist Bedingungen unterworfen, die sie selbst nicht aufheben kann. Auch das ist ein alter Zug, daß der Umgang mit göttlichen Frauen das Leben der Helden kürzt; meist werden sie in der Blüte des Lebens hinweggerafft; so selbst in dem Mythus von Aphrodite und Anchises im griechischen Götterglauben.

Die »Melusina«, 1456 aus dem Französischen von Thüring von Ringolfingen übertragen, seit dem ersten Druck (Straßburg um 1474) bis in unsere Tage ein weitverbreitetes Volksbuch, berührt sich in den Grundzügen damit; Melusina ist jedoch entschieden eine Nixe, eine »Meerfein«, und das Ende ist anders gewandt. Sie verleiht einem Grafen von Poitiers alles Glück, Liebe und Treue, Sieg, Ehre, Reichthum, aber unter der Bedingung, daß er nie nach ihrem Ursprung noch jemals nach ihrem Thun und Lassen an einem bestimmten Wochentage fragen wolle, sonst werde jegliches Unheil über ihn kommen und er sie auf ewig verlieren. Er bricht wie der Temringer seinen Schwur und beschließt reuig sein Leben in einem arragonischen Kloster. Die Verbindung mit der ersten Sage wird bei Grimmelshausen dadurch vermittelt, daß das Leiermädchen sich Minolanda, Melusinnes Schwestertochter, nennt. König Helias hatte noch zwei zauberkundige Töchter, die vielleicht die Sage kannte, denn der Name erinnert an Minne, Meerminne. Eine solche ist auch in der localen Ueberlieferung, wie sie in Baden und am Schwarzwald zu Hause ist, die Geliebte des Stauffenbergers. Peter Diemringer, von der Jagd heimkehrend, findet sie an einem Born unfern Nußbachs. Sie nennt sich selbst ein »Mümmelchen« — der Mummelsee liegt in der Nachbarschaft —; des Ritters Namen hat sie den Jägern abgehört. Das übrige stimmt ungefähr: statt des Römischen Kaisers ist es ein fränkischer Herzog, der den Diemringer für seine Thaten auf einem Heerzuge mit der Hand seiner Tochter belohnen will. Als dieser von der Hochzeit heimkehrend durch einen seichten Fluß reitet, wird er plötzlich von stürmisch heranbrausenden Wellen fortgerissen.

Auch in dem Zauberspiel der Simplicianischen Leirerin stirbt der ungetreu gewordene Wanderbursch, aber auch die Schauspielerin büßt ihren Frevel. Das Zaubergeräth überdauert die Katastrophe, um als Leitmotiv von dem Verfasser der Simplicianischen Schriften noch ferner verwandt zu werden.


Die vorliegende Ausgabe des »Trutz Simplex« beruht auf dem einzigen bisjetzt bekannten Druck. Derselbe geht dem mit der Jahrzahl 1670 bezeichneten »Springinsfeld« voraus und ist also unmittelbar nach oder noch während der Abfassung der »Continuation« oder des sechsten Buchs des »Simplicissimus« geschrieben, aber nicht eher im Druck erschienen. Es würde also die Annahme nicht irren, dies sei zu Anfang 1669 geschehen. Das von mir benutzte Exemplar der Göttinger Bibliothek ist dem »Springinsfeld« vorgebunden. Den Text, den ich gewählt, denselben, für den auch Keller sich entschieden hat, halte ich nach reiflicher Erwägung für den besten, ohne jedoch die Frage beantworten zu wollen, ob der zweite bekannte Druck aus demselben Jahre eine rechtmäßige Wiederholung oder ein Nachdruck sei. Druckfehler sind stillschweigend verbessert; eine Aenderung ist nur da in den Anmerkungen angegeben, wo dieselbe der Rechtfertigung bedurfte, während einzelne Eigenthümlichkeiten der Rechtschreibung, soweit es die für unsere übrigen Publicationen und speciell für den »Simplicissimus« angenommenen Grundsätze erlaubten, beibehalten worden sind.

Den »Anhang« möge der Leser als eine, wenn an sich nicht sehr bedeutende, doch immerhin interessante Beigabe betrachten. Der erneuerte Abdruck der »Gaukel-Tasche« findet seine Berechtigung schon darin, daß das Titelblatt des »Springinsfeld« dieselbe erwarten läßt. Was den Inhalt und den Gebrauch derselben betrifft, so gibt darüber die ausführliche Beschreibung der Scene (»Springinsfeld« Kap. VII), wo Simplicissimus auf seine alten Tage noch einmal als Gaukler auftritt, genügende Auskunft. Die Jahrzahl 1670 bestätigt auch das, was der Schreiber (»Springinsfeld« Kap. VIII) von seiner Absicht sagt, das Büchlein zu veröffentlichen. Dasselbe war bisjetzt nur durch die Gesammtausgabe bekannt, wo es unmittelbar auf den »Ersten Bärnhäuter« folgt. Die alte Originalausgabe, die der unsrigen zu Grunde gelegt worden ist, befindet sich ebenfalls auf der Universitätsbibliothek zu Göttingen; die große Seltenheit erklärt sich leicht aus der Verwendung als Spielzeug. Ein zweites Exemplar besitzt Herr Wilhelm Seibt in Frankfurt, dessen gefälliger Mittheilung ich diese Nachricht verdanke. Ein für den Kenner der Simplicianischen Literatur sehr erfreulicher Aufsatz in der »Frankfurter Zeitung« (1876, Nr. 230 Morgenblatt) enthält auch einen Bericht über Seibt's Entdeckung, daß die Holzschnitte, welche die Verse illustrieren, von Jobst Amman sind, und daß Grimmelshausen's Verleger, wahrscheinlich I. I. Felsecker, die Originalstöcke zu des genannten Künstlers schönem, sehr selten gewordenen Kartenbuch: »Künstliche und wolgerissene Figuren in ein neues Kartenspiel« u.s.w. (Nürnberg 1588. 4.) für den Druck verwandt hat.

Das bekannte Märchen vom »Ersten Bärnhäuter« ist der »Gaukel-Tasche« auch in der alten Ausgabe vorgedruckt. Die Art und Weise, wie Grimmelshausen dasselbe erzählt, ist in der Darstellung so vortrefflich, daß wir uns nicht entschließen mochten, dasselbe beiseite zu lassen. Wegen der verwandten Auffassungen dürfen wir auf der Brüder Grimm »Kinder- und Hausmärchen« (Nr. 100 und 101) verweisen, die sich in jedermanns Händen befinden. Den Anmerkungen (Bd. III, S. 181 fg.) haben wir wenig hinzuzufügen. Das zweite Grimm'sche Märchen, ebenfalls »Der Bärenhäuter« genannt, stimmt mit dem Grimmelshausen'schen am meisten überein; dort ist der Vater der drei Töchter ein Mann, dem der Landsknecht Geld gegeben, hier ein reicher Kunstkenner, der die durch den Teufel für seinen Schützling gemalten Bilder sammt dessen Reichthümern besitzen möchte, ein Zug, der in dem ersten der Märchen: »Des Teufels rußiger Bruder«, darin sein Gegenstück findet, daß ein König von der in der Hölle gelernten Kunst des Soldaten so entzückt wird, daß er ihm eine seiner Töchter verspricht. Die österreichische Fassung kenne ich nur aus Happel's »Größten Denkwürdigkeiten der Welt« (II, 712). Die Geschichte spielt in einer Stadt, wo noch die »Abbildung derselben auf einer Tafel« aufbewahrt wird. Statt der verlornen Schlacht bei Nikopolis unter Sigismund 1396 wird die Niederlage des christlichen Heeres bei Varna 1414 unter Ladislav genannt. Die Wahrscheinlichkeit, daß Grimmelshausen aus dem Volksmunde geschöpft, würde diese Abweichung genügend erklären.

Zum Schluß sei es gestattet, hier eine Anmerkung zum ersten Kapitel des »Simplicissimus« zu vervollständigen. Grimmelshausen spricht über die Sucht geringer Leute, sobald sie es zu einigem Wohlstand gebracht, als vornehme Herren aufzutreten und von altem Adel sein zu wollen, wenn auch ihre Vorältern niedrige oder selbst unehrliche Gewerbe getrieben haben: »obgleich ihr ganzes Geschlecht von allen 32 Anichen her also besudelt und befleckt gewesen, als des Zuckerbastels Zunft zu Prag immer sein mögen.« Aus Seibt's erwähnten Mittheilungen, die mir erst nach dem Drucke des ersten Theils der zweiten Auflage zukamen, sehe ich, daß in Nicl. Ulenhart's Erzählung »Isaak Winterfelder und Jobst von der Schneid« (Augsburg 1617. 8. Vgl. Goedeke Grundriß, S. 432), einer Uebersetzung von Cervantes' Novelle »Rinconete y Cortadillo«, deren Schauplatz nach Prag verlegt wird, das Oberhaupt aller Gauner und Dirnen dieser Stadt »Zuckerbastel« genannt wird. Grimmelshausen wird also die Ulenhart'sche Bearbeitung gekannt haben. Meine Erklärung des Namens scheint daneben bestehen zu können.


Fußnoten:

[1] Vgl. den Titel S. 3 dieses Bandes. Auf der Rückseite stehen im Original — zur Erklärung des vorgehefteten Kupferstichs Courage als Zigeunerin auf einem Maulesel unter ihrer Bande, allerlei Toilettengegenstände auf der Erde verstreuend — folgende Verse:

[2] S. 52 dieses Bandes Zeile 2 muß es statt »seiner leiblichen Frauen Tochter« heißen: seine leibliche Frau Tochter.

[3] Titelkupfer: Der Stelzfuß mit der Geige.

Auf der Rückseite des Titels:

Vor Zeiten nennt man mich den tollen Springinsfeld,
Da ich noch jung und frisch mich tummelt in der Welt,
Zu werden reich und groß durch Krieg und Kriegeswaffen,
Oder, wenn das nit glückt, soldatisch einzuschlafen.
Mein Fatum, was thät das, die Zeit und auch das Glück?
Sie stimmten in ein Horn, zeigten mir ihre Tück.
Ich wurd des Glückes Ball, must wie das Glück umwälzen,
Mich lassen richten zu, daß ich nun brauch ein Stelzen,
Stelz jetzt vors Bauren Thür im Land von Haus zu Haus,
Bitt den ums liebe Brot, den ich so oft jagt aus,
Und zeig der ganzen Welt durch mein armselig Leben,
Daß theils Soldaten jung alte Bettler abgeben.


I.
Trutz Simplex.


Trutz Simplex

Oder

Ausführliche und wunderseltzame

Lebensbeschreibung

Der Erzbetrügerin und Landstörzerin

Courage,

Wie sie anfangs eine Rittmei-

sterin, hernach eine Hauptmännin, ferner

eine Leutenantin, bald eine Marketenterin,

Musquetiererin und letzlich eine

Zigeunerin abgegeben, Meisterlich

agiret und ausbündig

vorgestellet:

Eben so lustig, annehmlich un̄ nutzlich

zu betrachten als Simplicissimus

selbst.

Alles miteinander

Von der Courage eigner Per-

son, dem weit und breit bekannten Simpli-

cissimo zum Verdruß und Widerwillen, dem

Autori in die Feder dictirt, der sich vor

dißmal nennet

Philarchus Grossus von Trommenheim,

auf Griffsberg &c.


Gedruckt in Utopia, bei Felix Stratiot.