3. Die erste Besteigung.
Am frühen Morgen des 20. Juni, nach einer stürmischen Nacht, in der ich an bohrendem Kopfschmerz, Herr Reschreiter an Atembeklemmungen merkte, daß unsere Höhenanpassung noch unvollkommen war und die Bergkrankheit (Soroche) sich anmeldete, ritten wir durch das Tal des Pucayacu dem Chimborazo entgegen. Ich hatte sechs Lasttiere, den geländekundigen Indianer Nicolas aus Cunucyacu und die acht in Chuquipoquio angeworbenen Indianer mitgenommen, die weiter oben bei Beginn des schwierigen Terrains die Lasten von den Tieren übernehmen sollten. Auf dem flachen Talboden des Pucayacu weideten kleine Herden von Schafen und Lamas und wurden bei unserm Nahen flüchtig. Lamas als zahme Herdentiere in den Páramos sind immer eine sonderbare Erscheinung, an die man sich auch bei längerm Aufenthalt nur schwer gewöhnen kann; so sehr machen die wie Rehe oder Antilopen dastehenden, äugenden und sichernden Tiere den Eindruck von Wild, daß sich schon mancher erfahrene Reisende täuschen ließ.
Nach zweistündigem Ritt beim Hato Poquios (4087 Meter) angelangt, ließ ich für uns zwei kleine Fässer mit Trinkwasser füllen, da es oben auf dem Nordnordwestgrat keine Quellen mehr gibt. Ein kurzes Stück danach beginnt bei 4100 Meter die starke Steigung der Nordnordwest-Loma (Puca Loma) und damit im orographischen Sinn der Nordfuß des Chimborazomassivs. Sobald wir hier den steilern Anstieg begonnen haben, lassen wir das Grasland (Pajonal) hinter uns und treten in eine geognostisch, klimatisch und botanisch ganz andere Landschaft ein. Diese vom Berg ausgestreckten Steilrücken (Lomas) bauen sich teils aus Felsleisten und -graten, teils aus zersplittertem Felsschutt, Bimsstein und Sand auf, in dem nur wenige zähe Gewächse aushalten können. Der Vegetationscharakter ist derselbe wie auf dem Wüstenplateau der West- und Westnordwestseite, nur die Pflanzenarten sind weiter oben, wo die klimatischen Extreme noch viel größer werden, andere als dort. Über die exponierten Hänge und Kämme braust den größten Teil des Tages ein kalter heftiger Wind, entweder als Fallwind von den Eisgipfeln des Berges herab oder als Steigungswind vom westlichen Unterland herauf oder als Passat von Osten her. Mit sausendem Getöse wirbeln uns dicke Staubtromben entgegen, zum Entsetzen unserer Mulas, die jedesmal kurz kehrtmachen und auszureißen versuchen. Wie auf dem Wüstenplateau der Westseite weht auch hier der Wind den Flugsand zu langen welligen und tausendfach gerippelten Dünen zusammen. Vom windgepeitschten Flugsand geglättete und geschliffene Steine (Dreikanter) liegen in Mengen umher. Der Wind begräbt einerseits die niedrige Vegetation im Sand, andererseits entblößt und tötet er die Polsterpflanzen und das Knieholz durch Deflation. Oft sehen die abgestorbenen sonnengebleichten Wurzelstöcke aus, als seien sie künstlich herauspräpariert.
Aber die lebenden kleinen Pflanzen stehen auch jetzt hier im Frühlingsschmuck ihrer zahllosen zarten Blüten und verleihen dem sonst so düstern Bild einen freundlichen Schönheitsschimmer. Zu Millionen sind in der Region zwischen 4100 und etwa 4500 Meter innerhalb des Gesichtsfeldes die kleinen krokusartigen oder sternförmigen weißen, violetten, purpurroten und gelben Blumen der schon genannten Arten über die Sand- und Schuttflächen verstreut. Über dieser Region, etwa zwischen 4500 und 4800 Meter, treten die knorrigen, niedrigen Chuquiraguasträucher zur obersten Vegetationsformation des Berges zusammen, nicht sowohl durch Vermehrung ihrer Individuen, als durch Verschwinden der vielen kleinen Gewächse, die sie bis hierherauf begleitet haben. Auch sie stehen jetzt im Flor und beleben mit ihren daumengroßen rotgelben pinselförmigen Blüten die einsame Landschaft. Da und dort schießen um die Blütenstände ein paar winzige Kolibris wie Diamantblitze hin und her, grün und rot metallisch schillernde Tierchen (Oreotrochilus).
Gegen Mittag rasteten wir in 4720 Meter Höhe unter einigen uns gegen den Ostwind schützenden Felsen. Mehrere von ihnen sind vom sandbeladenen Wind geschliffen und gefurcht, so daß man zuerst an Gletscherwirkung denken könnte. Hier leuchtete uns aus einigen geschützten Standorten, wo der Sandboden ein wenig feucht ist, die merkwürdigste und schönste aller hochandinen Pflanzen entgegen, das in einen dichten hellbraunen Haarpelz gekleidete, etwa 30 Zentimeter hohe, großblätterige, dickstengelige Culcitium rufescens, das abgesehen von seinen fahlgelben quastenförmigen Blüten einem riesigen Edelweiß unserer Alpen gleicht.
Unter einem stürmischen Schneegestöber, das uns den ersten hochalpinen Gruß des im Wolkengewirr versteckten Chimborazogipfels brachte, ritten wir steil weiter hinan über grobes Trümmergestein. Bald aber war unserm Vordringen im Sattel Halt geboten. Die Tiere, von denen wir abgesessen waren, rutschten in dem lockern Schutt immer wieder um die Hälfte des Schrittes zurück, blieben nach jeden weiteren paar Metern prustend und mit fliegenden Weichen stehen und versagten schließlich ganz. Sie unterlagen sichtlich dem Einfluß der dünnen Höhenluft. Bei 4920 Meter ließ ich absatteln und abladen und den acht Indianern so viel aufpacken, wie jeder schleppen konnte. Der Rest des Gepäcks blieb liegen, um am Spätnachmittag von den Peones nachgeholt zu werden. Von uns Weißen trug jeder seinen vollgefüllten Rucksack nebst allen möglichen Zutaten. Während sich die Arrieros mit den Tieren schleunigst nach Cunucyacu hinab aus dem Staube machten, mühten wir uns auf den abschüssigen Schutthängen langsam weiter bergan; auch wir alle zwei bis drei Minuten kurz im Stehen rastend, um der Atemnot Herr zu werden, die jetzt in 5000 Meter bei der schweren Anstrengung und Belastung mit Macht über uns kam. Sonstige Beschwerden von Bergkrankheit blieben noch aus. So brauchten wir zwei gute Stunden, um 250 Meter zu bewältigen.
Mitte des Nachmittags trafen wir auf dem Rücken des Nordnordwestgrates bei 5145 Meter auf einen einigermaßen ebenen Fleck neben einem Haufen großer Felsblöcke, der unseren beiden kleinen Zelten einigen Schutz gegen den stürmischen Ostwind und gegen die von den Schneegipfeln herunterblasenden Fallwinde gewähren konnte. Der übrige Teil der Nordnordwest-Loma bis an die Eisgrenze bei 5700 Meter lag als ein einziger langer Schuttwall sturmfrei über uns. Also wurde in dem geschützten Winkel das Lager aufgeschlagen, die Zeltstricke mit großen Steinen fest verankert, und was nicht in den Zelten untergebracht zu werden brauchte, zwischen den Felsen verstaut. Während wir zwei Europäer mit Santiago das Lager herrichteten, holten die Peones die unten an der Abladestelle zurückgelassenen übrigen Lasten nebst einem Vorrat von Knüppelholz herauf und trollten dann, belohnt durch einen Extraschnaps, mit dem Befehl von dannen, uns in zwei Tagen wieder abzuholen. Bei uns im Lager blieb außer dem unvermeidlichen Santiago nur der in Cunucyacu angeworbene Indianer Nicolas.
Kaum hatten wir unsern Unterschlupf fertig, als es von Osten her so stark zu wehen und zu schneien begann, daß an weitere Unternehmungen fürs erste nicht zu denken war. Wir hockten und lagen den Rest des Nachmittags im Zeltchen, tranken Tee, rauchten, schrieben Tagebuch und plauderten. Als es am Abend klarer wurde, hatten wir etwa 15 Zentimeter Neuschnee um uns, und nach oben hin war am Berg noch viel mehr gefallen. Dort oben aber sahen wir jetzt anstatt des westlichen Schneedoms eine ungeheuere helle runde Wolkenhaube, die vom Oststurm fortwährend nach West gejagt wurde und sich von Osten her immer wieder über den Schneegipfeln erneuerte.
In der Nacht stellte sich auch in unserer Region der Oststurm wieder ein, und zwar mit verdoppelter Gewalt und mit Schneetreiben; zornig stieß und riß er an unseren Zelten, »denn die Elemente hassen das Gebild von Menschenhand«. Wir mußten mehrmals in die schneidige schneeige Kälte hinaus, um die gelockerten Zeltstricke neu zu verankern. Zum Schlafen kamen wir nur wenig, denn sobald wir uns zur Ruhe ausstreckten, begannen die Nöte der Bergkrankheit, des »Soroche«, uns zu quälen. Um die Lungen zu erleichtern und das Herz zu beruhigen, mußten wir uns immer wieder aus der gestreckten Lage halb aufrichten und in tiefen Atemzügen den geringen Druck und Sauerstoffgehalt der Luft unserer 5145-Meter-Höhe zu paralysieren suchen.
Gegen Morgen stand das Thermometer auf 5½ Grad unter Null, und das in unseren Metallbechern im Zelt stehengebliebene Wasser war zu Eisklumpen gefroren. Das Wetter blieb sich gleich. Der eisige Ost heulte nach wie vor und trieb den am Vortag gefallenen Schnee in langen fliegenden Fahnen über unsern Grat. Oben über der Gipfelregion zog noch immer die runde, breite, weiße Wolkenmasse eilig dahin. Unter diesen Umständen mußten wir uns mit einer bloßen Rekognoszierung auf unserm Grat hinauf begnügen, die uns in drei Stunden bis an die großen »Roten Nordwestwände« (5715 Meter) brachte und uns zeigte, daß dort der Übergang auf den Firn des Stübelgletschers mit Steigeisen gut ausführbar war.
Als wir am folgenden Morgen (22. Juni) gegen 6 Uhr zur Besteigung des Westgipfels aufbrachen, der sich noch 1000 Meter über uns wölbte, war der Neuschnee großenteils weggeblasen und weggetaut, aber der Ostwind stürmte noch und machte uns das Steigen in dem losen, steilen Schutt sehr sauer. Besonders Santiago, der ebenfalls einen vollen Rucksack tragen mußte, klagte über Kopf- und Ohrenschmerzen, Atmungs- und Herzbeschwerden und hinkte stöhnend hinterher. Besser ging es, als wir vom Schutt auf die Schneefelder kamen, die noch auf der obern Strecke unserer Loma lagen. Der Indianer Nicolas zögerte erst vor dem Betreten des Schnees, da er nur seine gewohnten Bastsandalen (Alpargatas) über einem Paar meiner Wollstrümpfe trug. Aber eine Prämienzulage gab den Ausschlag, und er hat sich nicht den mindesten Schaden getan; eine unerhörte Abhärtung.
Die Schneehänge waren hier in lauter schmale, flachkonkave Stufen von Handbreite wie die »Schneegangeln« unserer Berge gegliedert, die ziemlich horizontal von Ost nach West, also fast senkrecht zum Neigungswinkel des Berghanges verliefen und uns, da der Schnee jetzt fest gefroren war, das Steigen wie auf Treppen erleichterten. Dank ihnen erreichten wir trotz des stürmischen Windes schon nach zwei Stunden den Fuß der großen »Roten Wände«, wo der Übergang auf den Firndom des Westgipfels beginnt.
Auf den »Roten Wänden« lagert die gewaltige Firn- und Eisdecke des Gipfeldoms mit senkrechten, sechzig und mehr Meter hohen Abbruchmauern, an denen die Schichtung des Schnees und die Bänderung des Eises zutage tritt, wie die Lagen und Bänke der Laven und Agglomerate an den unter den Eiswänden abstürzenden Felshängen. Die beiden großen Massen werden äußerlich miteinander durch die gefrorenen Schmelzwasser, die riesengroßen Eiszapfen, Eisstalaktiten und Eisstalagmiten verbunden, die, 50 bis 60 Meter lang und 10 bis 15 Meter dick, über die Wände herabstarren: ein Bild von grotesker Großartigkeit.
Unsere beiden Begleiter kehrten hier, in 5715 Meter Höhe, zum Zeltlager zurück. Westlich vor uns lag jetzt der Oberteil des Stübelgletschers, der bergauf in den Firnmantel des Westgipfels übergeht. Der Übergang auf den Firnhang war mit unseren Steigeisen nicht besonders schwierig. Fernerhin trafen wir nur an wenigen Stellen auf ausgeapertes Eis; meist hatten wir eine gut tragende, von der Sonne schalenförmig angeschmolzene Firnschicht unter den Füßen, ganz ähnlich den Schneehängen, über die wir heraufgekommen waren. Das war der Anfang eines Schmelzprozesses, der, wie wir sieben Wochen später sahen, bei Fortdauer der nämlichen schmelzenden Faktoren allmählich die Firn- und Eisdecken zu den wunderlichen, wilden Formen des »Nieve penitente« oder »Zackenfirns« ausgestaltet, der uns bei unserer spätern Besteigung die allergrößten Schwierigkeiten bereitete. Auf diesen welligen Firnfeldern traversierten wir nun nach Westen hinüber, weil ich mutmaßte, daß wir es dort mit weniger steilen Abhängen zu tun haben würden. Dies war jedoch ein Irrtum. Es dauerte nicht lange, so gerieten wir in eine Zone kolossaler Spalten, die uns Halt geboten. Bei einer Breite von 20 bis 30 Meter erreichen sie eine Tiefe von mehr als 150 Meter, ohne den Felsgrund zu treffen. Durch mannigfache Querklüftung sind Eistürme von 50 bis 60 Meter Höhe stehengeblieben, aber meist schief und bereit, jeden Augenblick auf die tieferen Partien des Stübelgletschers hinunterzustürzen, wo ihre Trümmer massenhaft angehäuft sind. In wunderbarer Schönheit hebt sich in den gigantischen, von blitzendem Sonnenlicht übergossenen Massen die weiße und hellblaue Schichtung und Bänderung des Firnes und Firneises ab, hier und da getrennt durch dünne Staubschichten, die, soweit es nicht Verwitterungsstaub ist, wohl teilweise vom immer tätigen Sangayvulkan, zum Teil auch vom Cotopaxi stammen. Nur in den tieferen Lagen, 20 bis 30 Meter unter der Oberfläche, kommt ein dunkelblaues, dichtes Gletschereis zum Vorschein.
Vom Unterland war aus unserer großen Höhe von fast 6000 Meter nichts zu sehen; es war verdeckt durch ein unabsehbares weißwelliges Wolkenmeer, das langsam aus Westen nach Osten hinwallte und nur selten den rötlichen Bergfuß durchschimmern ließ. In unserer Region aber wehte aus entgegengesetzter Richtung der übliche Ostpassat der Höhe, und zwar oben mit noch stark zunehmender Heftigkeit; denn über den Gipfel weg fluteten die Nebel in geschlossener runder Masse, einem ungeheuern weißen Wasserfall gleich, auf die Westseite zu uns herab, wo sie sich nahe über uns in scheinbares Nichts auflösten. Das ganze Phänomen ist von föhnartigem Charakter und sehr ähnlich dem sogenannten Tafeltuch auf dem Tafelberg bei Kapstadt, wo ich es vor Jahren tagelang in schönster Entfaltung beobachten konnte.
Nach Westen gab es für uns wegen des Spaltenlabyrinthes kein Weiterkommen. Also schwenkten wir direkt auf den steilen Gipfelhang ein, der hier über 40° Neigung hat. Dank unseren Steigeisen brauchten wir nur wenig Stufen zu schlagen. Trotzdem begann infolge des abnehmenden Sauerstoffgehalts und Luftdrucks in der 6000-Meter-Höhe das Steigen uns beiden sehr schwer zu werden. Wir mußten alle zehn Schritt einige Sekunden pausieren, um die Lungen wieder aufzufüllen und den übermäßigen Herzschlag zu beruhigen. Unseres Willens aber bemächtigte sich, ohne daß wir uns körperlich ermüdet fühlten, eine eigentümliche Erschlaffung, deren Überwindung die höchsten Anforderungen an den Intellekt stellte. Nur in so großen Höhen von 5000 bis 6000 Meter habe ich an mir und anderen diese nervöse Energielähmung erlebt, die zweifellos mit der Sauerstoffverminderung zusammenhängt. Wie früher auf dem Kilimandjaro, so wiederholte sich diese Erfahrung später auf dem Cotopaxi.
Langsam ging es so bis zu etwa 6050 Meter hinauf. Da tat sich vor uns eine breite Eiskluft auf, die die ganze Westseite des Gipfels umspannte und, wo wir auch den Versuch machten, keine haltbare Überbrückung bot. Hier ging es mit menschlichen Kräften nicht weiter. Zum Suchen einer neuen Anstiegsroute von der Eisgrenze aus reichte aber die Zeit nicht mehr hin; es war 2 Uhr vorüber, und die Nebel wurden immer dichter. Schweren Herzens mußten wir deshalb, 200 Meter unter dem Gipfel, den Entschluß zur Umkehr fassen. Wir brachten noch eine halbe Stunde mit Untersuchen der Firn- und Eisstruktur in dieser Höhe, mit Messen, Skizzieren und Photographieren nützlich hin und traten dann den Rückzug an. Der Abstieg ging, wie immer auf gutem Firn, sehr rasch. Eine Stunde später schnallten wir bei den Felswänden an der Eisgrenze unsere Steigeisen ab und rutschten im losen prasselnden Schutt auf der Nordwestloma zu unseren Zelten hinunter.
Bald nach unserer Rückkunft ins Lager steckte der obere Berg wieder ganz in einem wildbewegten Wolkenchaos, und die Nacht bescherte uns einen neuen kräftigen Schneefall, der, bis zum Morgen andauernd, alle weiteren Unternehmungen in den oberen Regionen für die nächsten Tage vereitelte. Und da die Peones, die am Vormittag, wie verabredet, heraufkamen, um uns eventuell abzuholen, einmütig erklärten, sie würden bei so schlechtem Wetter nicht noch einmal heraufsteigen, ließ ich das Lager in der Hoffnung abbrechen, daß wir es ein paar Wochen später mit Wind und Wolken besser treffen würden. Was wir diesmal von Wind und Schnee und Eis, von Gesteinen und Pflanzen und anderen interessanten Dingen hier oben gesehen, untersucht und gesammelt hatten, lohnte ja auch schon die Mühe.
Eine Entschädigung für die total vernebelte Aussicht nach oben gewährte uns aber vor unserm Aufbruch das unvergleichliche Panorama, das sich unter uns in der abgeschneiten, kristallklaren Atmosphäre nach Osten und Norden hin öffnete. Vom Cayambe im Norden bis zum Cerro Altar im Osten standen sie alle, die Schnee- und Eisriesen Hochecuadors, im milden Glanz der Morgensonne in langen Reihen vor uns, lauter Viereinhalb- und Fünf- bis Sechstausender. Ich nenne das Panorama unvergleichlich, nicht um damit einen Superlativ des Eindrucks auszusprechen, sondern weil diese hochandine Vulkanlandschaft Ecuadors so eigenartig ist, daß keine andere, auch nicht im übrigen Südamerika, mit ihr verglichen werden kann. Im Gegensatz zu einer europäischen oder asiatischen Alpenlandschaft mit ihren zusammenhängenden Gebirgsketten und langen, von ewigem Schnee bedeckten Firsten und Kämmen sehen wir hier lauter große, meist kegel- oder pyramidenförmige Einzelberge, die durch Intervalle von viel größeren Dimensionen, als sie die Berge selbst haben, voneinander getrennt sind und nur von sehr günstigen Standpunkten aus die riesigen Reihen erkennen lassen, zu denen sie angeordnet sind. Dem großen Bild mangelt nicht bloß die Mannigfaltigkeit der Formen und die reiche Bewegtheit der Linien, die ein Faltengebirge wie die Alpen oder den Kaukasus so reizvoll machen, sondern auch der belebende Wechsel von schneeigem und felsigem Hochgebirge mit dunklen Wäldern, grünen Weidetriften und freundlicher Kulturstaffage, die wir nur selten in einer Alpenlandschaft vermissen.
Diese ecuatorianische Andenlandschaft ist von erhabener Schönheit durch die große Einfachheit ihrer Gestalten, durch die klassische Ruhe ihrer Linien, durch die ungeheuere Weite ihrer Ausdehnung, durch den tiefen Ernst ihrer gleichmäßigen, meist düstern Farbenstimmung und ihrer unendlichen Einsamkeit. Wie die Steppe oder die Wüste ist sie aber als Ganzes durchaus unmalerisch und kann deshalb auch als Ganzes vom Maler nicht in ihrer Erhabenheit wiedergegeben werden. Um die Größe der Natur zu bewältigen, muß die Kunst auch in diesem Fall zusammenfassen, verallgemeinern; sonst muß sie sich mit Ausschnitten, mit Teilen begnügen. Und solche Teile sahen wir auch dort von unserer alles überragenden, hohen Warte im berückenden Zauber malerischer Beleuchtungen und Wolkeneffekte. Wenn ich aber das Ganze überschaute, wie da die violettbraunen, weißgipfeligen Pyramiden und Kegel bis in unabsehbare Ferne emporragten über das flache hellgraue Wolkenmeer, das allmählich alle dazwischenliegenden Ebenen und niederen Berggruppen verdeckte, so hatte ich den Eindruck einer großen polaren Insellandschaft und dachte an die eisbeladene Vulkaninsel Jan Mayen und an Bilder aus dem Kurilen-Archipel.
Das herrliche Schauspiel dauerte kaum eine Viertelstunde, dann zogen die Ostnebel, von den Firnhörnern des nahen, mit Neuschnee völlig überzuckerten Carihuairazo herüberwogend, den Vorhang wieder zu, und wir eilten unsern Leuten nach, die inzwischen mit den Zeltballen, Blechkoffern und Kasten bergab gerannt waren, wo an dem früheren Wechselplatz (4920 Meter) die Arrieros mit den Maultieren uns erwarteten.
In Cunucyacu gab es bis in die Nacht hinein viel Arbeit mit dem Verpacken der Sammlungen, Neuordnung der Lasten, Revision der Instrumente usw. Aber am nächsten Morgen war die Karawane schon wieder fix und fertig auf den Beinen, um der Nordseite des Chimborazo einen Besuch abzustatten, wo der Reiß- und der Sprucegletscher schon längst aus der Ferne mein Interesse erregt hatten. Unser Führer war wieder der junge Indianer Nicolas.
Das Wetter war nebelig und regnerisch. Je näher wir dem Carihuairazo und der Gegend des ob seiner Stürme berüchtigten Abraspungopasses kamen, desto kälter sauste uns wieder der Wind von Osten entgegen. Schweigend und bis über die Ohren in die Regenponchos eingehüllt, ritten wir einer hinter dem andern auf dem kaum fußbreiten, tief ausgetretenen Pfad durch den triefnassen Graspáramo hinan.
Bei einigen am sumpfigen Weiher Pailacocha liegenden Grashütten, die mit 4266 Meter Höhe die höchstgelegene Ansiedlung (Hato) am ganzen Chimborazo darstellen, ließ ich die Karawane mit den Arrieros zurück, ordnete das Aufschlagen der Zelte an und ritt, da es noch ziemlich früh am Tag war, mit Herrn Reschreiter und dem Indianer Nicolas zum Nordhang des Chimborazo fort, wo uns der Reißgletscher entgegenleuchtete. Gleich hinter unserm Lagerrücken geht es leicht hinab in ein weites, wannenförmiges, grasiges Tal, das Pailacuchu, das zum Berg hin in ein mehr steiniges, flachsohliges Tal mit amphitheatralischem Talschluß übergeht, das Sancharumi. Runde, flache Hügel und lange niedrige Bodenwellen, großenteils mit Azorellapolstern bewachsen, aber an vielen Stellen auch den nackten, typischen Moränenschutt darunter hervortreten lassend, ziehen über den Talgrund hin; lange und kurze Wälle von Schutt liegen an und auf den felsigen Seitenrücken des Tals, die es von den Nachbartälern trennen, und an den Felsen der östlichen Tallehne bei 4496 Meter entdeckte ich bald eine vom Gletscher abgeschliffene und geschrammte Wand. Das ganze Tal, das eine mittlere Höhe von 4300 Meter hat, ist ein altes Gletscherbett; es zieht sich nordostwärts in der Richtung zum Abraspungopaß hin und hat einst seinen eisigen Inhalt allem Anschein nach dem großen Gletscher zugeführt, der zwischen Chimborazo und Carihuairazo nach Osten hinabfloß. Im Hintergrund dieses Sancharumi-Tales ragt die Zungenspitze des Sprucegletschers herein.
Zum Sprucegletscher ging aber nicht mein Weg, sondern in das höhere, westlichere Nachbartal hinauf, in dessen Talschluß der breite, steile Reißgletscher seine beiden Zungen hineinstreckt. Er nährt sich teils von den Firnmassen des Norddoms, zum kleinern Teil vom Westgipfel, dessen Firnpanzer 1000 Meter über dem Gletscherende am Oberrand der nördlichen Felswände abbricht und die abgebrochenen hausgroßen Blöcke in einem einzigen Sprung auf die Gletscherzunge hinunterstürzen läßt, wo sie, in Millionen von Splittern zerberstend, die Gletschermasse vermehren.
Wir reiten über enorme alte Moränenmassen, die das Reißtal zum größten Teil erfüllen, dem Gletscher entgegen. Die farbenreiche, reizvolle Flora der obersten alpinen Zone, die uns so oft schon entzückt hat, begleitet uns auch hier bis zu etwa 4800 Meter hinauf, wo die jungen Moränen beginnen. Auch hier schwirren blitzende Kolibris um die honigreichen Chuquiraguasträucher und »stehen« mit vibrierenden Flügeln vor den Blüten in der Luft wie Nachtfalter. Kaum 100 Meter über uns ziehen zwei Kondore ihre großen Spiralen und spähen nach einem gefallenen Stück Vieh oder nach einem achtlosen Andenhasen. Ein kleiner Bach, Tarugayacu, fließt von der Stirn des Reißgletschers ab; alles übrige Schmelzwasser, soweit es nicht schon auf dem Gletscher verdunstet, versickert schnell im Moränenschutt und kommt erst 600 bis 800 Meter tiefer auf festem Gestein wieder zum Vorschein.
Paul Großer 1902.
Nordnordostseite des Chimborazo. Vorne alte Glaziallandschaft (4300 m).
Während hier Herr Reschreiter zurückblieb, um trotz der Regenschauer und der Schneewirbel ein Temperabild des Gletschertals und der Eiszunge zu malen, kletterte ich mit dem immer bereiten Indianer Nicolas über die verwünscht rutschigen, jungen Moränenhügel und -halden noch über 300 Meter hinauf zum Gletscher selbst. An der Gletscherstirn (5101 Meter) kommt der Abflußbach nicht aus einem Gletschertor hervor, sondern in mehreren kleinen Wasserfäden aus verschiedenen Teilen des der Grundmoräne aufliegenden Eisbodens. Sein Wasser ist von der Grundmoräne der rotbraunen Laven rötlich gefärbt, weshalb er Pucayacu (Rotwasser) genannt wird. Rotbraun ist auch die ganze Stirn der Gletscherzunge bis zu 100 Meter höher hinauf vom auflagernden Moränenschutt. Diese satten Farbentöne vereinen sich mit dem Silbergrau des Gletschereises, dem reinen Weiß der Firnhänge, dem tiefen Blau des Hochgebirgshimmels und dem millionenfachen Flor der kleinen Gebirgsblumen zu einem wundervollen Bild andiner Symphonie und Harmonie.
Westseite des Carihuairazo, vom Abraspungo (4500 m) aus.
Nach stundenlangem Zeichnen, Malen, Messen, Photographieren, Sammeln kamen wir bei Sonnenuntergang totmüde ins Lager zurück und merkten in unserm festen, kleinen Zelt und in den warmen Schlafsäcken nicht, daß es in der Nacht stürmte, regnete, hagelte, schneite, bis die Morgensonne dem Aufruhr ein Ende machte. Bei schönster Beleuchtung konnte ich den jetzt absolut wolkenlosen nördlichen Chimborazo ein halbes dutzendmal photographieren und vieles sehen und messen, was am Tag vorher unsichtbar gewesen war. Auch der Carihuairazo (5106 Meter) stand einige Minuten ganz frei vor uns und überraschte mich vor allem durch die außerordentlich große Ausdehnung des Firnmantels seiner Südwestseite.
Zeltlager (5145 m) auf der Nordnordwest-Loma des Chimborazo.
Als wir zum Abraspungo aufbrachen, um über den Paß und durch das Abras-Tal nach dem Städtchen Mocha am Ostfuß des Carihuairazo zu gelangen, rüstete sich der Wetterhimmel bereits, uns auf der Paßhöhe würdig und landesüblich zu empfangen. Über den obern Chimborazo legte sich wieder eiligst von Osten her die bekannte weiße Sturmwolkenhaube. Auch vom Carihuairazo kamen die dicken Nebel wie Sturzbäche herüber- und heruntergeströmt, und bald brausten die kalten Ostwinde mit Nebel, Regen und Schnee über den Paß und über uns selbst, daß uns Hören und Sehen verging. Den ganzen Tag kämpften wir dem Hundewetter entgegen, bis wir aus dem Abras-Tal in die Páramos der Ostseite hinabkamen; ein böses Stück Arbeit für uns und ein noch böseres für unsere Tiere.
Der Abstieg durch das Abras-Tal nach Osten ist viel steiler als der Anstieg auf der Westseite zum Abraspungo-Paß. Ohne den ortskundigen Indianer Nicolas wäre uns ein Durchkommen ganz unmöglich gewesen.
Eine Zeitlang führte unser Pfad auf offenbaren Moränenhügeln jüngern Alters entlang, und wo er an anstehendem Gestein vorbeiging, waren die Felsen gletschergeschliffene Rundhöcker; aber das unsichtige Regen- und Nebelwetter verbot jeden Einblick in die weitere Umgebung. Und bald verlangte auch der Weg selbst – wenn man diesen von braunen Regenbächen durchrauschten, steilen, steinigen oder lehmigen Graben, in dem wir ritten oder zu Fuß fortstampften, einen Weg nennen will – unsere ganze Aufmerksamkeit. Alle Augenblicke rutschten die Tiere auf den glitschnassen, lehmbedeckten Steinblöcken aus und setzten sich mit der Hinterhand ins Wasser, oder sie sanken bis an den Bauch in den zähen Morast und blieben stecken, bis wir ihnen zu viert mit Ziehen, Schieben und notgedrungen unbarmherzigen Hieben heraushalfen. An Reiten war da nicht mehr zu denken, und unser Aussehen spottete bald aller Beschreibung. Die Arrieros mit den Lasttieren blieben immer weiter hinter uns zurück.
Nach Überwindung einer unter solchen Umständen lebensgefährlichen Steilstufe betraten wir endlich bei 4160 Meter festen grünen Talboden und kamen, nun wieder im Sattel, rascher vorwärts. Auch die Regen- und Nebelschleier wurden lichter; bald erschien freundlichere Vegetation, vereinzelte niedrige, mit Bartflechten behangene Bäume und Sträucher von Berberitzen und Fuchsien, die jetzt sämtlich Blüten trugen. Trotz der alpinen Zwerghaftigkeit wachsen die Pflanzen hier auf der immer feuchten östlichen Passatseite doch viel üppiger als drüben auf der westlichen Leeseite des Berges. Mehrere Wildbäche brausen von links (Carihuairazo) und rechts (Chimborazo) dem Abrasbach zu, der allmählich zu einem »Rio« anschwillt. Sie kommen in Wasserfällen über die steilen Seitenwände des Tals herab, das die typische Trogform eines übertieften alten Gletscherbettes hat.
Da uns nun unser Weg gewiesen war, nahm unser Führer Nicolas Abschied, um sofort wieder über den stürmischen Paß allein mit seinem Pferdchen nach Cunucyacu zurückzukehren. Ich lohnte dem braven Burschen seine guten Dienste und versprach ihm baldige Wiederkehr, die denn auch einige Wochen später erfolgte. Bei 3930 Meter verließen wir das sich plötzlich zur Schlucht verengende Bachtal und traten auf die weiten welligen Graspáramos hinaus, die langsam zur Hochebene von Riobamba absinken. Bald erreichten wir, nun wieder an Schaf- und Rinderherden vorbeireitend, die große nach Quito führende Landstraße (Camino real), auf der es in langsamem Trab zwischen den Bergen Carihuairazo und Igualata hindurch ins Tal des Rio de Mocha hinüberging. In tiefer Dunkelheit langten wir endlich in dem auf steiler Hügelhöhe gelegenen Städtchen Mocha (3300 Meter) an. Es war der Ausgangspunkt von Touren auf den Carihuairazo und in nördlichere Bergregionen.