Der Cerro Altar.
Wenn wir aus der zirka 25 Kilometer breiten Hochmulde von Riobamba (2801 Meter) nach Norden schauen, haben wir zur Linken die Westkordillere mit dem gewaltigen Firndom des Chimborazo, gerade vor uns den breit hingelagerten, nur zeitweilig schneetragenden Vulkankegel Igualata (4452 Meter) und rechts von ihm den Einschnitt des Rio Chambo, durch den das Auge nach Nordosten bis zum trotzigen eisgekrönten Kegel des Tunguragua (5087 Meter) schweift. Also drei mächtige einzelne Vulkanberge, während hinter uns, im Süden, die langen dunkelbraunen Tuffrücken von Yaruquiés die Hochmulde absperren.
Ganz anders ist zu unserer Rechten die östliche Begrenzung der Riobamba-Ebene. Nur 5 Kilometer östlich von der Stadt zieht der Rio Chambo, der auch die Riobambamulde entwässert, seine tiefe Erosionsfurche nach Norden, und unmittelbar hinter dem Flußlauf, größtenteils sogar aus dem Flußbett heraus, hebt sich die langgezogene, altkristallinische Bergkette der Ostkordillere durchschnittlich 1000 Meter über die Ebene empor. Meist ist die Flußgrenze am Kordillerenfuß so scharf gezogen, daß die linke hohe Uferwand von den vulkanischen Gesteinen der Riobamba-Ebene, die rechte vom Glimmerschiefer der alten Ostkordillere gebildet wird. Zahlreiche Seitentäler schneiden in diese östliche Gebirgskette hinein, da und dort tragen Gipfel und Grate ewigen Schnee, aber im ganzen ist dieses Stück der Ostkordillere eine höchst einförmige Gebirgsbildung, schön und groß nur durch das wunderbare Spiel ihrer Wolken, der Beleuchtung und durch die beiden auf ihr und über ihr am Himmel stehenden Erscheinungen: geradeaus im Osten die Felstürme und Firngrate des Cerro Altar (5404 Meter), und im Südosten die zu noch viel größerer Höhe aufsteigende, immer ihre Gestalt ändernde Eruptionswolke des hinter der Kordillere verborgenen Sangayvulkans. Hier im Sangay die lebendige Gegenwart, dort im Altar die tote Vergangenheit, die Ruine eines kolossalen Vulkanberges, dessen aufbauende und vernichtende Tätigkeit einst noch viel machtvoller gewesen sein muß als die des gegenwärtig Ecuador am meisten in Angst und Schrecken setzenden Sangay.
Auch der Cerro Altar sitzt, wie so viele der ecuatorianischen Vulkane, auf der aus kristallinischen Gesteinen erbauten Kordillere obenauf wie ein Reiter auf dem Pferd. Aber er hat die altkristalline Basis nur teilweise zugedeckt, so daß sie auf der interandinen Seite noch meilenweit offenliegt. Nach seinem Erlöschen ist der Vulkan während des Erkaltens durch Sackung seiner dem Krater benachbarten Mittelteile, später durch Verwitterung und durch Erosion der Gewässer und Gletscher bis auf den Rest der Kraterumwallung zerstört worden. Dieser Rest ist aber immer noch so gigantisch, daß seine Felszacken und Firngipfel in ihrer höchsten Spitze, dem »Obispo«, 5404 Meter hoch zum Himmel ragen und kreisförmig einen über 1000 Meter weiten Kessel umschließen, der, mit Schnee und Eis halb angefüllt, einem mächtigen Gletscher Ursprung und Nahrung gibt.
Von Riobamba aus sieht man bei klarem Wetter den Cerro Altar wie eine breite, hell leuchtende Krone auf dem dunklen Scheitel der Ostkordillere ruhen und erkennt zwischen den beiden hohen Hauptzacken der westlichen Front den weiten, tiefen Einschnitt, hinter dem die Eismassen des Kraterkessels sichtbar werden. Ein wundervolles Bild, namentlich wenn nach Sturm und Wetter der dunkle Wolkenvorhang sich teilt und der Berg bis auf den Rücken der Ostkordillere herab im blinkenden Neuschnee dasteht. Schlechtes Wetter ist freilich dort die Regel, wie auf der ganzen Ostkordillere. Am besten soll noch der Oktober sein, also die Jahreszeit, die für die Westkordillere am ungünstigsten ist. Aber es blieb uns keine Wahl, und deshalb trafen wir es nicht gerade gut mit dem Altar, als wir ihm Anfang Juli unsern Besuch abstatteten.
Der beste Weg von Riobamba zum Altar führt am ersten Tag nordöstlich über die Riobamba-Ebene nach dem am Rio Chambo gelegenen Dorf Penipe, am zweiten Tag von Penipe in die Ostkordillere hinein und am Rio Collanes hinauf zur Hacienda Releche, und am dritten Tag von Releche steil hinauf in die Páramoregion bis zum Fuß des großen Altar-Kratereinschnittes im obersten Collanes-Tal. (S. Karte [S. 130].)
Am 1. Juli ritten wir mit dem Mayordomo Santiago, den beiden auf der Chimborazotour bewährten Arrieros und acht ihrer Lasttiere (lauter Mulas) nach Nordosten ab. Nach fünf Stunden waren wir in Penipe. Die ganze Landschaft dahin, die östliche Riobamba-Ebene mit ihren Hügeln und Stufen und der Ostfuß des Igualata bis zum Chambofluß ist die gleiche sandige, staubige, windige, dunkelgraue Wüstensteppe wie westwärts zum Chimborazo hin. Es geht auf schattenlosem Weg, auf dem die Tiere bis über die Hufe im Sand versinken, bergauf bergab meist zwischen Hecken von Agaven und graugrünen Kaktussäulen fort. Unter dem Sand liegen, wie am besten an den Wänden einiger vom Igualata kommender tiefeingeschnittener, trockener Wasserrisse, die wir durchreiten müssen, zu sehen ist, schlackige Lavaströme vereinzelter benachbarter Eruptionsstellen, zersprengte Lavabänke, grobe Konglomerate, Gerölle und Tuffe in mannigfaltigstem Wechsel.
Auf offenen Flächen ist der Sand und Staub zu langen Dünenzügen mit gerippelter Oberfläche zusammengeweht, die oft bis zu 2 Meter hoch werden. Wo aber der Staub an geschützten Stellen zur Rast kommt und von den nächsten Regengüssen festgemacht wird, bildet er einen dichten Löß, der oft vielfältig gebändert ist, allerlei vegetabile und andere Einschlüsse hat, und in mächtigen Schichten von den durch direkte Ablagerung vulkanischer Aschen entstehenden Tuffschichten kaum zu unterscheiden ist. In diesen verfestigten Löß- wie in den Tuffschichten fassen die Pflanzen am ersten wieder festen Fuß. Aber der Machthaber des andinen Klimas, der Wind, läßt ihnen nirgends dauernde Ruhe. Wenn er wieder zugepackt hat, nagt er ein Sand- oder Staubkorn nach dem andern los und entblößt allmählich den ganzen Wurzelstock der Pflanze, so daß sie vertrocknend abstirbt.
Regellos durch die Landschaft verstreut, meist mitten in ihren Feldern, stehen die Strohhütten der indianischen Bauern. Es sind pyramidenförmige Bauten aus den bis 10 Meter langen, armdicken Blütenstengeln der Agave, über die ein hohes, breitfirstiges Dach aus dem langhalmigen Sigsiggras (Arundo nitida) bis zum Erdboden herab gelegt ist. Darin gibt es weder Fensteröffnung noch Rauchfang. Vorn ist durch einen Ausschnitt im Dach und einen kurzen vorspringenden Dachansatz eine kleine Vorhalle hergestellt, wo die Türe angebracht ist und am Tag die häuslichen Arbeiten verrichtet werden. Der Innenraum ist gewöhnlich durch eine Zwischenwand geteilt, auf deren einer Seite die Feuerstelle und Schlafstätte, auf der andern der Wirtschafts- und Vorratsraum, der Aufenthalt der Hunde und Hühner ist. Die Schlafstätte ist nur eine mit Schaffellen belegte Schütte dürren Grases, die Feuerstelle nur ein auf dem Erdboden liegender, mit ein paar Steinen umstellter Aschenhaufen, das Hausgerät nichts als einige Matten, ein paar unglasierte Töpfe, Kürbisschalen, ein Wasserkrug und eine Bank; nichts was einen Schritt über das Maß des Allernotwendigsten und Primitivsten hinausginge; nichts, was auch nur eine Spur von Schmuck und Zier an sich trüge.
Bei der Hütte treiben sich gewöhnlich ein paar schwarze Schweine oder einige Ziegen umher und fressen, was ihnen vors Maul kommt. Seltner sind schon Schafe und noch seltner Rinder, die hier im eng bemessenen Kulturland nicht frei umherlaufen dürfen, sondern neben der Hütte fest angepflöckt stehen und gefüttert werden. Einige Hühner fehlen fast nie und ebensowenig ein paar ruppige, windhundartige, kurzhaarige Köter, die jedem Fremden mit wütendem Gebell entgegenstürzen, aber niemals beißen. Sie müssen selbst zusehen, wo sie etwas zu fressen finden, denn gefüttert werden sie nicht. Sie sind deshalb erbärmlich ausgehungert und stehlen, was sie erwischen können. Ein ekles Gezücht, aber gute Wächter.
Die ganze Menagerie mit Ausnahme der Rinder wird nachts mit in die Hütte genommen. Und da diese nie gereinigt wird und die darin hausenden Indianer sich ebensowenig waschen wie ihr Vieh, so wimmelt die dreckige Behausung und ihre Bewohnerschaft dermaßen von Flöhen und Läusen, daß man nach einmaliger Erfahrung lieber draußen in Wind und Wetter bleibt als drinnen am »traulichen Herd«. Solche Prachtexemplare von Flöhen, wie in den Indianerhütten Hochecuadors, habe ich selbst in den deshalb verschrienen italienischen Alpenhütten nicht gesehen. Den Wanzen dagegen scheint das Hochlandklima nicht zu bekommen. Ich machte nur ein einziges Mal intime Bekanntschaft mit ihnen. Um so besser gedeihen die Läuse. Überall sieht man Männer, Weiber und Kinder bei der gewohnten Beschäftigung des gegenseitigen Lausens, und wie in vielen anderen Ländern, so knackt auch hier der glückliche Finder die Tierchen mit den Zähnen tot.
Halbwegs zwischen Riobamba und Penipe durchreiten wir das tiefliegende breite Tal des vom Igualata kommenden Rio Guano; ein unpoetischer Name für ein Bergflüßchen, aber dem Äußern nach berechtigt, weil der Fluß an seinen Ufern hellgraue Kalksinterbänke abgesetzt hat, wie Guanodecken auf einer Vogelinsel. Der im übrigen zwischen engen, hohen Steilwänden forteilende Fluß erweitert an dieser Stelle sein Tal zu einer etwa 400 Meter breiten grüngrasigen Mulde, einer wahren Oase in der Wüste. Jenseits von ihr erreichten wir in einer Stunde die Paßhöhe am Südostfuß des Igualata und ritten steil auf miserablem Weg in das enge schluchtige Tal des Rio Chambo hinab, während westlich an den schroffen Wänden des Igualata mächtige Mauern von säulenförmig abgesonderten Lavabänken wie alte Festungsruinen zu uns herunterdrohten. Von der andern, östlichen Seite des Rio Chambo aber winkten grüne Wiesen und gelbe Felder von den steilen unteren Hängen der Ostkordillere herüber, die nun als ein mächtiger, wolkenschwerer Wall sich vor uns ausstreckte, und unter uns auf einer Bodenterrasse am Fuß der Ostkordillere leuchteten über den Fluß her die weißgetünchten Häuschen von Penipe.
Am Chambofluß gab es für uns einen langen, lästigen Aufenthalt. Einige Dutzend Indianer von Penipe waren unter Aufsicht eines Beamten dabei, die uralte Hängebrücke auszubessern, die viele Stunden weit den einzigen Übergang über den Fluß bildet. In derselben Verfassung, in der sich dieses wunderliche Bauwerk heute befindet, hat es bereits Humboldt in seinem Atlas »Vues des Cordilleres« (freilich fälschlicherweise in einer prächtigen Palmenlandschaft) abgebildet. Das beweist, daß das Bauwerk haltbar ist trotz seines bedenklichen Aussehens. Es ist der Typus einer ecuatorianischen Hängebrücke: zwei armdicke Agavenbastseile sind etwa zwei Meter voneinander von einem Ufer zum andern gezogen. Auf jedem Ufer sind sie durch starke Holzböcke straff gespannt, so daß sie einige Meter über dem Wasser bleiben. An den Seilen hängen zahlreiche Baststricke, und diese tragen rohbehauene Bohlen, die außerdem noch auf einem Netzwerk von Stricken liegen. Über diesen schwebenden, schwankenden Knüppeldamm traversieren behutsam Menschen und Tiere; ein Fehltritt ist gefährlich, denn die dunklen Wasser des Chambo, der hier etwa 20 Meter breit ist, sind tief und reißend.
Steil und auf steinigem Weg geht es auf dem rechten Ufer des Chambo zur Terrasse von Penipe (Kirchplatz 2520 Meter) hinauf, das, von zahlreichen künstlichen Wassergräben durchzogen, zwischen grünen, ummauerten Feldern, Obstgärten und riesigen dunklen Eukalypten daliegt wie eine kleine Burensiedlung im südafrikanischen Steppenland. Nur sieht es hier viel ärmlicher und schmutziger aus als weiland in Südafrika.
Wir kamen, da es in dem Nest keine »Casa posada« (Wirtshaus) gibt, in einem wegen seiner Baufälligkeit verlassenen stallartigen Gartenhäuschen eines der Dorfhonoratioren unter, das wir erst ausmisteten, ehe wir unsere Schlafsäcke auf dem Lehmfußboden ausbreiten konnten. Aber es bot wenigstens Schutz gegen Wind und Regen der Nacht.
Steil, steinig und sandig wie vom Chambotal nach Penipe, so geht es auch am nächsten Tag von Penipe zum Berggrat, der Loma de Nabuso, hinauf, wo in der Tiefe der Rio blanco aus der Ostkordillere in den Chambo einmündet. Es ist ein stellenweise verteufelt heikles Reiten. Wenn hier einmal ein Tier ausgleitet, rollt es rettungslos ein paar hundert Meter den jähen, kahlen Berghang hinunter in den reißenden Chambo. Die Maultiere bezwingen das schwierige Terrain in ruhigem, stetigem Klettern, langsamer, aber sicherer als die Pferde, die an schlimmen Stellen dem Reiter oder der Last durch heftige Bewegung gefährlich werden können. Mit jeder weitern Viertelstunde weicht der Landschaftscharakter mehr von dem des vulkanischen Terrains ab, das wir am Tage vorher durchzogen haben. Alle Bergformen sind hier schroffer, energischer, die Täler tiefer und doch breiter als drüben im Vulkangebiet. Von der Loma de Nabuso (2931 Meter) geht es wieder steil ins Tal des Rio blanco hinunter.
Nach anderthalb Stunden von Penipe aus hatten wir die Talsohle des Rio blanco erreicht (2610 Meter) und folgten seinem Lauf aufwärts. Der Bach braust und springt über Stock und Stein wie ein echter Wildbach irgendeines Tiroler Bergtals, und wie seine Tiroler Verwandten so führt auch er hellgrau getrübtes Wasser als Zeichen seiner Abstammung aus vergletscherten, moränenreichen Bergeshöhen; daher sein Name Rio blanco, weißer Bach. Die Luft ward frischer, kühler, feuchter, je weiter wir talauf ritten. Kehle und Lunge schwelgten. Allmählich vollzieht sich auch ein Wechsel in der Vegetation. Die Charakterpflanzen der trockenen, warmen Hochebene, die Agaven, Opuntien, Euphorbien, verschwinden, und es erscheinen feuchtigkeitsliebende Formen. Wald aber gibt es auch hier nur in schmalen Strichen und Säumen an den tiefgeschluchteten Bachläufen, die dem Rio blanco von Osten her zueilen. Leider wimmelt es in diesen feuchten Dickichten von Moskitos. Wir waren deshalb froh, als es nach Passieren des Rio Tarau wieder auf grasigen, freien Berglehnen hinauf zu einer Talstufe ging, wo zwischen Mais-, Bohnen- und Kartoffelfeldern ein halb zerfallenes Landhäuschen und einige Hütten stehen: es ist die Hacienda Candelaria (2765 Meter), deren Besitzer uns mit frischer Milch labte – ein seltener Genuß im viehreichen Ecuador! Das Tal erweitert sich weiterhin auffallend; es wird muldenförmig mit ziemlich flachem Boden, in den der Rio blanco tief und steil eingeschnitten ist. Hier wird das Land belebter, kultivierter. Es erscheinen Felder und weitzerstreute Hütten.
Die Talform, die Strohhütten, das zahlreiche weidende Vieh, die Kartoffelfelder, die erquickend frische Luft, die klare Beleuchtung und vor allem die Vegetation an den Wegen und Rainen versetzten uns in eine subalpine Landschaft Europas oder Nordamerikas. Freudig begrüßten wir unter den Pflanzen gute alte Bekannte aus der Heimat: Brombeeren, Berberitzen, Fuchsien, Salbei, Ranunkeln, Alchemillen, Brennesseln, Wegerich, Adlerfarn usw., ja an einer Wiesenecke lachte uns sogar ein Büschel wilder blaugelber Stiefmütterchen entgegen. Dann stiegen wir im Zickzack zu einer Talstufe hinauf, wo die vereinzelten Hütten von Releche (Hacienda 3117 Meter) liegen, und betraten oberhalb davon eine Waldparzelle, in der sich plötzlich eine wunderhübsche Wiese öffnete. Daneben blinkten zwei kleine Seen.
Die Waldwiese auf der Terrasse von Releche ist ein wirklich idealer Lagerplatz (3323 Meter). Schnell waren am Waldsaum unsere beiden Zeltchen aufgestellt, während sich die Peones im Dickicht selbst einrichteten. Wieder einmal genossen wir den Reiz eines stillen Gebirgslagers und stiller häuslicher Enge inmitten einer großen Natur: die Zelte, Feuer, Menschen und Tiere dicht beieinander, Wasser und Holz in bequemer Nähe, während ringsum die große einsame Bergwildnis uns teilnahmlos anzuschauen schien.
Gegen Sonnenuntergang legte sich eine wundersame ruhige Stimmung auf die Landschaft. Gänzliche Windstille ringsum, aber hoch über den uns schützenden Bergrücken segelten die abendlich geröteten Wolken eilig nach Westen. Wie am Abend eines deutschen Vorfrühlingstags pfiff von einem fernen Baumwipfel eine Drossel ihr kurzstrophiges Lied, andere Drosseln hüpften pickend auf der Wiese umher, und auf dem nächsten See flatterten ein paar kleine Enten. An den Blüten der Fuchsiensträucher aber, die auf den verwetterten Berberitzenbäumen am Waldesrand schmarotzen, schwirrten hurtig einige Kolibris und ließen ihre grün metallischen Brustfedern und ihre rotschillernden Schwanzfedern im Licht der Abendsonne wahrhaft Funken sprühen.
Nach Sonnenuntergang begann im Wald der schrille Gesang unzähliger Zikaden, und während wir, von leichtem Paramitoregen ins Zelt getrieben, lagen, lasen und rauchten, schwirrten um die trüberleuchteten Zeltwände große Käfer, und in ihren brummenden Baß klangen die hohen klaren Glockenstimmchen der Laubfrösche hinein, die uns leider noch viel Regen prophezeiten.
In der Nacht trommelten denn auch stundenlang die Tropfen auf unser Zeltdach, und am Morgen lag alles in dichtem nässenden Nebel, als wir mit acht Peones zum Cerro Altar aufbrachen. Unsere Arrieros, die wegen der Steilheit mit den Tieren zurückblieben, richteten sich für die nächsten zwei Tage in einer kleinen Laubhütte möglichst regensicher ein. Die oberste Bergwaldzone, durch die wir nun weiter stiegen, machte uns viel zu schaffen. Von Schlinggewächsen, grünen Epiphyten, langen grauen Bartflechten und dicht wucherndem Unterholz ist der Wald durchsponnen und gleichsam verfilzt. Bis an die Knöchel versinkt der Fuß in dem schwarzen Morast des Pfades, den das oben in den Páramos weidende Vieh beim Auf- und Abtrieb zertrampelt, und über gestürzte Baumstämme weg müssen sich die Peones mit ihren Lasten abmühen. Bald wird der Anstieg so steil, daß an Stelle des Pfades Stufen und Löcher treten, in denen der Fuß Halt sucht. Alles trieft von Nässe, und auf dem schlüpfrigen lehmigen Boden gleitet einer nach dem andern fluchend aus. Trotzdem ließen die Peones ihre Lasten nicht liegen. In 3490 Meter Höhe überschritten wir die obere Waldgrenze. 200 Meter höher hatten wir über dem letzten Fuchsiengestrüpp die Grasregion des Páramo bei 3700 Meter erreicht, wo der Boden etwas fester war. Aber die Steilheit hielt an, und dazu gesellte sich auf der freien Höhe kalter Wind mit fortdauerndem Nebeltreiben.
Bei 4200 Meter Höhe traten wir in die Region der Polsterformation ein. Weithin verdrängen an feuchteren, leicht gesenkten Stellen die dunkelgrünen, bis zu ½ Meter hohen runden Kissen von Werneria, Pectophytum und Azorella den Graswuchs fast gänzlich. Die Polster der dichtgedrängten kleinen Pflanzen sind so fest, daß man mit dem eisenspitzigen Stock nur oberflächlich eindringen kann, aber neben ihnen heben sich zahlreiche kniehohe Blütenstengel einer goldgelben Senecio empor, wie freundliche Lichtgestalten aus schwerer träger Materie. Die Sonne, die sie hervorgezaubert, ließ uns jedoch im Stich. Der Nebel teilte sich zwar etwas, aber der Blick reichte nicht weit: nur braungrasige Kuppen und Berglehnen. Dazu begann es gegen Mittag bei 4230 Meter lustig zu schneien.
Jetzt war es an der Zeit, die tiefgesunkenen Lebensgeister meiner Peones durch eine reichliche Spende von Maisbranntwein (Chicha) zu heben, den ich zu diesem Behuf in gehöriger Menge mitgenommen hatte. Das Zeug schmeckt abscheulich, ist aber den Indianern der höchste der Genüsse. Die Kerle folgten denn auch dem großen strohumflochtenen Schnapskrug wie die Sarazenen der Fahne des Propheten.
Glücklicherweise waren wir bald danach auf der Höhe des langgestreckten, dem Altar vorgelagerten Bergrückens (Loma de Tunguraquilla). In tausendfachen Windungen läuft der Pfad nahe seinem Grat um kleine Sümpfe und Bachrisse herum nach Osten, immer durch struppiges, büscheliges Páramogras, bis er in 4275 Meter Höhe plötzlich steil nach Südosten in ein breites trogförmiges Tal abbiegt, dessen tiefgeschluchteten, unpassierbaren Mittellauf wir hier oben auf diesem Umweg hatten umgehen müssen. Es ist das Val de Collanes.
In Regen, Wind und Schnee stiegen wir an den abschüssigen grasigen Hängen auf dem von Nässe und Lehm glitschglatten Pfad zur sumpfigen Ebene des Collanes-Tales hinab, ein typisches altes Gletscherbett, das nach Osten in ein ungeheures, von Schnee und Eis erfülltes Felsen-Amphitheater übergeht: die Caldera des Altar. Ein wundervolles hochalpines Diorama im Treiben der Nebel. Hier endlich beginnt das vulkanische Gestein des Cerro Altar. Unten scheuchten wir eine Herde halbwilder Rinder auf, die stürmisch entflohen wie ein Rudel Hirsche. Wir folgten dem festen Geröllsaum des Baches, dessen grautrübes Wasser die »Gletschermilch« verrät, bis an den Fuß der vordern Calderawand, wo sich oben rechts und links von den Eismassen her zwei alte Moränenwälle in die Talebene vorschieben und an den Enden miteinander verschmelzen. Dichter, von Moos und Flechten fast erdrückter niedriger Buschwald hat ihre Blockhaufen überwuchert, und dort, am untern Rand der südlichen Moräne, wo es Brennholz und Wasser gibt, fand sich bald ein geeignetes Plätzchen (3964 Meter) für unsere beiden Zelte, während die Peones sich abseits eine Zweig- und Grashütte bauten. Es war ein trüber, nasser, kalter Lagerplatz. Wetter und Weg hatten uns allen tüchtig zugesetzt, neun volle Stunden waren wir von Releche an auf den Beinen gewesen, und es versteht sich, daß wir nach Einnahme unserer üblichen Reissuppe uns schleunigst in die trockenen, weichen, warmen Schlafsäcke verkrochen, mit dankbaren Gefühlen für die seligen Opossums, die uns ihren molligen Pelz im Dienst der Wissenschaft geopfert hatten.
Am nächsten Morgen war bei hellerm Wetter die Situation klarer. Wir sahen uns in einem ungeheuern Taltrog, dessen steile, himmelhohe Felswände sich im Osten zum Kraterzirkus des Altar halbkreisförmig zusammenschließen. Der gletscherbedeckte Calderaboden (Plazabamba genannt) liegt etwa 340 Meter über unserm Lagerplatz, und von uns hinauf ziehen die beiden hochgewölbten Schutt- und Blockwälle, die uns bekunden, daß die Gletscherzunge, die jetzt dort oben in 4300 Meter Höhe auf einer steilen Felsstufe endet, sich einst bis hierherunter zu 3960 Meter Höhe erstreckt hat. In dieser Ausdehnung ist der Gletscher lange Zeit stationär gewesen, während deren er diese großen Schuttmassen an seinem Rande absetzen konnte. Als dreißig Jahre vor mir die deutschen Geologen Reiß und Stübel hier weilten und in wiederholten längeren Besuchen den vulkanischen Bau des Cerro Altar studierten, reichte der Kratergletscher noch in einer imposanten Eiskaskade bis an den Fuß der Felsstufe herab.
Die bezeichneten alten Moränenwälle stellen aber nicht die äußersten Grenzen der einstigen Gletscherausdehnung dar, sondern der Eisstrom erstreckte sich in einer noch frühern Periode bedeutend weiter in das Collanes-Tal hinaus. Wenn wir oberhalb unseres Lagers vom Kamm der alten südlichen Moräne talabwärts schauen, sehen wir etwa 1½ Kilometer weiter draußen an der südlichen grasigen Steilwand des trogförmigen Collanes-Tals bis zu etwa 200 Meter hinauf vier terrassenartige Stufen ziemlich parallel übereinander und parallel dem Talgrund entlang ziehen, die mit großen und kleinen Blöcken besetzt sind und offenbar Abstufungen alter Ufermoränen darstellen. Noch weiter draußen, am Ende des Taltrogs, schließt ein mehrfach gestufter, bogenförmiger Schuttwall, eine alte Endmoräne schönster Ausbildung von ungefähr 20 Meter Höhe, das trogförmige, flachsohlige Collanes-Tal querüber ab.
Die Caldera des Cerro Altar, vom Collanes-Tal aus.
Nach einer Zeichnung von Rudolf Reschreiter.
Bis hierher haben wir also in dem »U-Tal« das vollkommene Bild eines alten Gletscherbettes, in dem der von den Firnmassen der Caldera genährte Altargletscher vor Jahrtausenden, aber immer noch in einer geologisch jungen Vergangenheit – denn der Altar selbst ist nicht älter als pleistozän – als ein bis 300 Meter dicker und bis 2½ Kilometer langer Eisstrom das Tal erfüllt, ausgeräumt und ausgeschliffen hat. Dann hat er sich, wie die Moränen zeigen, in mehreren Abschmelzungsperioden mit dazwischenliegenden Ruhepausen zurückgezogen, zuletzt bis in den Kraterkessel des Altar, indem er das rezente Rückzugsgebiet mit frischen Schuttdecken überzog.
Marktplatz in Quito mit Klosterkirche San Francisco.
Aber noch eine weitere Eigentümlichkeit fällt uns von unserm Aussichtspunkt aus auf. Die Seitenwände des Tals sind bis zur Höhe von etwa 300 Meter über dem Talboden an allen Vorsprüngen und Kanten abgerundet und ausgeglichen. Darüber rücken die Wände in einer schiefen Terrasse oder Leiste etwas zurück, und oberhalb von dieser sind sie in allen ihren Formen eckig und rauh. Der untere Teil der Talmulde mit den abgerundeten Formen ist ganz offenbar ein »Tal im Tale«, und die Talleiste am Fuß des obern Talniveaus ist ein »Trogrand«, der Rest eines alten Talbodens, in den der jüngere, tiefere, schmälere Taltrog eingesenkt ist. Diese und andere glaziale Anzeichen, z. B. die Hängetäler der Seitenbäche, bestätigten meine Vermutung, daß das Collanes-Tal das Erzeugnis einer zweimaligen Vergletscherung ist. Näher will ich hier nicht darauf eingehen.
Hochland-Indianer in Quito.
Nach beendeter Umschau über das Collanes-Tal stiegen wir auf der südlichen alten Ufermoräne zum Rand des Kraterbodens (Plazabamba) empor, wo die Gletscherstirn bei 4300 Meter liegt. Noch deckte Nebel die Caldera und die sie krönenden Felstürme, als wir uns aufmachten. Der Anstieg war anfangs bequem durch Geröll, niedriges Gestrüpp und über grasige Lehnen; aber im letzten Drittel gab es steile Felswände, und erst gegen 9 Uhr waren wir am Oberrand der Felsstufe, über die das Gletscherbächlein ins Collanes-Tal hinabrinnt, und betraten frischen Moränenschutt und Eis. Neben uns ragte die südliche Felswand des Caldera-Eingangs vertikal auf, bis über 30 Meter hoch hinauf prachtvoll geschliffen und geschrammt, als hätten viele Tausende schwerer Lastwagen ihre Radspuren daran zurückgelassen. Auf dem höchsten der schuttbedeckten Eishügel machten wir im Kraterkessel halt.
Während wir uns zu orientieren suchten, wichen allmählich die Nebel und gaben den ganzen Kraterzirkus mit Ausnahme der höchsten Grate und Spitzen frei. Wir stehen wie in einem ungeheueren Kar mit 1000 Meter hohen Steilwänden, aber dieses Kar hat nicht die uns bekannte Lehnsesselform, die Karwände werden nicht von der Rückenlehne nach den Seitenlehnen hin niedriger, sondern gerade am Eingang türmen sich rechts und links die beiden Hauptgipfel empor, der »Canonico« auf der Nordseite, der »Obispo« auf der Südseite, die mit 5355 Meter und 5405 Meter Höhe alle anderen Teile der Zirkuswände weit überragen. In der Runde senken sich von den Felswänden große Firn- und Eismassen zum Zirkusboden hinab, ein im Durchmesser über 1000 Meter weites Eis- und Schuttfeld. Fünf niedrige, runde Felsbuckel gliedern dieses Eisfeld in sechs primäre, kleine Gletscher, die zur tiefer gelegenen Mitte sich vereinen und nun als ein einziger Eisstrom zum Ausgang des Kessels fließen, der am Ende unter seinem Moränenschutt ganz verschwindet.
Ein auffallender schneebedeckter, etwa 200 Meter hoher Felskegel, der sich im Kraterzirkus dem Fuß des »Canonico« anlehnt, scheint ein Eruptionskegel in der Caldera zu sein, durch den sich die letzten vulkanischen Zuckungen des Berges Luft gemacht haben. Wie in einem Flußbett nach Ablauf des Hochwassers ein langes Band von allerlei Rückständen, Schlamm, Sand, Holzstücke usw., am Uferhang liegenbleibt, bis sie vom Regen abgespült werden, so liegen hier, als Flutmarken des einstigen Gletscherhochstandes, allenthalben Moränenschuttbänder bis 100 Meter hoch über der jetzigen Gletscheroberfläche an den felsigen Berglehnen. Rück- und Niedergang des Eises, wohin man blickt!
Die Sonne brannte in der windstillen Caldera nachgerade so kräftig auf uns herab, daß wir trotz der 4344 Meter Höhe die Röcke auszogen und unseren Arbeiten hemdsärmelig oblagen. Nach Mittag schien die ganze Umgebung in langsame Bewegung geraten zu wollen; überall rieselten dünne Schmelzwässer und knisterte und prasselte der ausgeschmolzene Sand und Geröllschutt, überall gab nun die Moränendecke rutschend nach, wenn man sich auf ihr bewegte. Und als wir um ½3 Uhr zur Rückkehr nach den Zelten aufbrachen, hatte sich das Gletscherbächlein, das am Morgen nur dünn geflossen war, in einen stattlichen Bach verwandelt, der sich aus dem niedrigen Gletschertor durch alle die Schuttmassen Bahn brach und unmittelbar danach als brausender Wasserfall in das Collanes-Tal hinabstürzte.
Am späten Nachmittag wurde es auch in den höchsten Regionen des Altar klarer und lichter, und schließlich stand der ganze riesige Berg im goldenen Licht der Abendsonne vor uns. Die beiden vordersten Ecktürme, der Obispo und der Canonico, ähneln in ihrer trotzigen Gestalt und wilden Schönheit dem Eiger und dem Matterhorn. Über 1000 Meter starren ihre jähen, nur wenig Firn festhaltenden inneren Wände über dem Calderaboden empor, während die äußeren in zahllosen Steilstufen abfallen und in mehreren Karen kleine Hängegletscher tragen, die in den herrlichsten Blaubändern leuchten. Die schönste Firnkuppel des Altar ist aber die hinter dem Obispo mitten auf der südlichen Zirkuswand aufgetürmte »Monja grande« (große Nonne). Man begreift schlechterdings nicht, wie sich die mächtige Firnkappe auf dem steilen Felsturm halten kann.
Auf der Hinterwand des Zirkus thront gerade gegenüber dem breiten Eingangstor ein kolossaler, dreizackiger Felsklotz (5294 Meter), der den Namen »Tabernaculo« erhalten hat. Er liegt auf dem Altar wie ein Tabernakel zwischen zwei riesigen Kerzenträgern, was wohl die Herren Reiß und Stübel zu dieser Namengebung veranlaßt haben mag; denn die hübschen Namen Canonico, Obispo, Monja, Tabernaculo usw. für die einzelnen Gipfel sind keine landesüblichen, sondern von Reiß und Stübel verliehene, da es keine einheimischen gibt. Auch auf dem Tabernaculo und auf vielen Zinnen der nördlichen Zirkuswände lagern mächtige Firnmassen in hoher Wölbung und mit weit überstehenden Wächten, die der ständige Ostpassat herübergebogen hat.
Daß der Altar so, wie er heute dasteht, nichts Ursprüngliches ist, sondern nur die Ruine eines noch größern Berggebildes, haben selbst die Eingeborenen mit ihrer geringen Beobachtungsgabe gesehen und gedeutet. Ich habe von Bewohnern Riobambas oft die Meinung gehört, der Berg sei früher noch höher gewesen als der Chimborazo, sei aber vor einigen Jahrhunderten durch Erdbeben zum Einsturz gebracht worden. Sie haben wohl darin, daß der Berg einst höher gewesen und dann zerstört worden sei, das Richtige getroffen, aber die Zeit haben diese kurzlebigen, kurzdenkenden Menschen erklärlicherweise viel zu kurz bemessen. Was können sie wissen, was geologische Zeiträume bedeuten! Der Legende, daß der Berg gegen Ende des 15. Jahrhunderts in sich zusammengesunken sei, ist übrigens auch kein Geringerer als A. von Humboldt zum Opfer gefallen. Er berichtet von einem alten indianischen Manuskript, das diese Katastrophe beschrieben habe, aber der deutsche Reisende Moriz Wagner hat später nachgewiesen, daß Humboldt sich »eine Lüge hat aufbinden lassen«.
Naturgewalten haben allerdings den Berg zu der heutigen Ruine gemacht, aber diese Zerstörung hat sich allmählich in riesigen Zeiträumen vollzogen. Sein kolossaler Kraterzirkus, seine Caldera, ist in seiner Anlage ein Werk vulkanischer Kräfte; er ist dadurch entstanden, daß mit dem Erlöschen der Eruptionen ein großer Teil der Magmamassen in den weiten Eruptionsschlot zurücksank, weil die Kraft fehlte, sie über den Kraterrand hinauszuheben. Es ist der Vorgang der »Sackung«, wie er an so vielen Vulkanen gerade der Hochanden Ecuadors zu beobachten ist. Den so entstandenen Kraterzirkus haben aber dann in unablässiger, jahrtausendelanger Arbeit Wind und Wetter, vor allem das Eis ausgeweitet, sie haben die steilen Felswände geschaffen, die ihn jetzt umgeben, sie haben, von innen und von außen angreifend, die hohen Zinnen und die schmalen Grate geschliffen, die ihn jetzt bekrönen. Die Ruine des Altar ist ihr Werk.
Als am Abend die gelben, violetten und rosaroten Töne auf Fels und Firn verblaßten, wurde es sehr schnell kühl (6 Uhr +3°). Aus den nahen Sümpfen des Collanes-Tales erklang vielstimmiges, melancholisches Unkenkonzert, und bald drangen von dort Scharen kleiner Stechmücken zu uns herüber, vor deren Angriffen wir uns in unsere dichtschließenden Zelte und Schlafsäcke zurückzogen. Als ich in der Nacht, durch den Donner einer Lawine geweckt, nach dem Wetter sah, lag die stille große Landschaft in zauberhaftem Mondlicht, und gerade vor uns im Einschnitt des hochwandigen Collanes-Tals funkelte der Jupiter so blendend und riesengroß am wolkenlosen Nachthimmel, daß ich zuerst ein Meteor zu erblicken glaubte. Wer den Sternenhimmel in seiner ganzen Pracht sehen will, muß in große Bergeshöhen der Äquatorialzone gehen.
Als wir mit steigender Sonne dem Altar Lebewohl sagten und den Rückweg nach Releche antraten, hatte der Gletscherbach im Collanes-Tal noch eine dünne Eisdecke. Wir folgten dem Pfad, auf dem wir hergekommen, und als wir, aus dem Tal auf den Nordhang heraussteigend, die ersten Kuppen umkreisten, kam plötzlich die Nordwestfront des Canonico in Sicht, die uns auf dem Herweg im Nebel verborgen geblieben war. Wie da die prachtvolle Pyramide sich aus den Wolken aufbäumte, entrang sich uns beiden ein lautes jubelndes Hurra! Auf ihren riesigen schroffen Südwänden halten sich keine größeren Firnlager, aber auf der uns voll zugewandten Nordwestfassade steigen Firn und Eis in unzähligen Stufen und Brüchen über die Felswände zum schuttbedeckten Sockel herab, wo das Eis in zwei kleinen Gletschern ausläuft.
Beim Aufstieg zur Loma de Tunguraquilla konnte ich wieder einmal die Leistungsfähigkeit der Peones bewundern. Mit ihren 40 bis 60 Pfund schweren Lasten auf dem Rücken stürmten diese Burschen eine Stunde lang ohne Rast den steilen, grasigen Berg hinauf in einem Tempo, daß uns beiden nur mit Eispickel und Rucksack beschwerten Europäern der Atem ausging und das Herz zu springen drohte. Oben angelangt, vergossen die Leute zwar Ströme von Schweiß, waren aber sonst nicht im mindesten von der Anstrengung ermattet; sie haben Herzen wie eiserne Pumpen.
Diesmal war unser Marsch über diese Páramohöhen sonnig, warm und aussichtsreich. Ein frischer Wind fauchte im hohen Sigsiggras, wie in einem heimatlichen Fichtengehölz, kleine Hasen huschten blitzschnell durch die Grasbüschel, und ein auf Rücken und Seiten blaugrau, an Kehle und Bauch rotbraun gezeichneter Fuchs jagte über die Hänge. Links, am fernen Horizont, dehnen sich zwei parallele lichtgraue Bänder in unabsehbare Weite: die Westkordillere, deren Einzelheiten auf diese Entfernung schwinden und nur eine unendlich lange gleichförmige, horizontale Mauer übriglassen; und über ihr in geringem Abstand, ebenso gleichförmig, ebenso lang, ebenso horizontal, die Schichten der alltäglichen Mittagswolken. Aber über die endlose Wolkenbank hinaus ragt als einzige und höchste Landmarke der Gipfel des Chimborazo mit seiner silberblanken Firnkuppel.
Um ½3 Uhr kam tief unter uns die Mulde von Releche mit den blaugrünen Seenaugen und der blauen Rauchsäule des Lagerfeuers unserer Arrieros in Sicht. Um 4 Uhr waren wir unten und verabschiedeten mit einer reichlichen Libation Feuerwasser und einer klingenden Extrazulage unsere unermüdlichen Peones, die am selben Nachmittag und Abend noch bis nach Penipe hinabliefen. Wir selbst folgten am nächsten Tag nach einer ruhevollen Lagernacht. Um Mittag waren wir wieder in Penipe, und nach kurzer Mittagspause für Mensch und Tier eilten wir weiter nach Riobamba.