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Ein Schutzmann steht auf dem Altmarkte und teilt Gebärden aus.
Die Welt leert sich, der Schutzmann jedoch wankt und weicht nicht von seinem Posten.
Er berechtigt, wenn nicht alles trügt, zu der Frage, wozu er da ist.
Wozu, wozu, wozu ist der Schutzmann da?
Was ist überhaupt ein Schutzmann??
Ein Schutzmann, lieben Leute, ist dazu da, daß er da ist. Punktum.
DIE LORELEI
(Ein wirklich schönes Lied für den Loreleierkasten)
ICH weiß nicht, was es bedeuten soll,
Daß ich so geknickt bin.
Ein Märchen aus uralten Tagen,
Das geht mir wie ein Mühlrad im Kopf herum.
Den Fischer in seinem kleinen Kahne
Ergreift ein ganz wildes Weh;
Er sieht die Felsenriffe nicht,
Weil er zur Lorelei hinaufschauen muß.
Ich glaube, die Wellen verschlingen
Den Schiffer mitsamt seinem Kahne.
Und das hat mit ihrem Gesange
Selbstverständlich die Lorelei bewerkstelligt.
OHNE ÜBERSCHRIFT
ALLES das, was der Berliner hundsgemeinhin «Natua» benennt — o du bildschönes Wort! —, alles das machte Frühling.
Von dieser Veranstaltung sich auszuschließen brachte nicht übers eiweiche Herz der Skribifax H. R.
Er streifte die Krachledernen über, hängte eine sinnige Ader ein, vergaß des Bleistifts nicht, nicht des Papieres und kehrte seinen vier trockenen Pfählen den gerundeten Rücken.
In einem Forste angelangt, der den ausschweifenden Titel «Das Rosental» führt, sog er den würzigen Knofelduft ein, kurbelte sein Hirn an, drückte auf die Ader und brachte zu Papier folgende
Abhandlung:
Wenn Sachsen — echte Sachsen, ächte Sachsen, Kaffee-Sachsen, Gaffee-Sachsen, Kümmel-Sachsen — gebildet scheinen wollen und sich einer schriftdeutschen, reinen Aussprache befleißen, so scheitern sie gern an dem knifflichen «Sinn».
Dem Sachsen gelingen die gebüldeten Sätze:
«Die Eier sein deuer.»
«Wenn mir angegomm sein.»
Während der Berliner sich zu den Sätzen versteigen kann:
«Das dürfte der Fall sind.»
«Kann schon möglich sind.»
Ich persönlich möchte ebensowenig Sachse sind wie Berliner. Beide sein schlechter dran als der Süddeutsche, dem das neutrale san zu Gebote steht. —
Bei dieser Gelegenheit will ich nicht verfehlen, eines Vorfalls zu gedenken, der sich in einem Leipziger Buchladen zugetragen hat:
Eine Dame sächsischster Observanz tritt ein und verlangt pfeilgrad das neue Buch von Franz Würfel.
Sie hat Franz Werfel schriftdeutsch aussprechen wollen.
Nachdem H. R. diese Abhandlung niedergeschrieben hatte, sprach er vernehmlich in die linde Frühlingsluft hinein (oder hinaus?):
«Ich lasse mich kreuzweise vierteilen, wenn Kurt Wolff sich dazu hergibt, diesen Bockmist drucken zu lassen.»
Nachwort 1:
Der Bockmist ist gedruckt worden.
Ihr habt ihn soeben gelesen.
Nachwort 2:
Es steht zu erwarten, daß H. R. als ein Mann von Wort sein Wort hält und sich vierteilen läßt.
Nachwort 3.
Man atme auf.
GESTERN NOCH AUF STOLZEN ROSSEN . . . .
JA also, ich weiß nicht, ach was, ich erzähl’s. Theo von Quarre liegt seit dritthalb Stunden im Bette und kann nicht einschlafen, Deubel nich noch mal.
(Ich habe das Gefühl, als ob ich die Geschichte besser in den Papierkorb schleuderte. Erstens ist sie langstielig, und zweitens hat sie keinen Schluß. Was meinen Sie zu dem Vorfalle?)
Theo steht auf (und denkt: «Wenn mich der Herr Verfasser man bloß noch eine Viertelstunde hätte liegen lassen, wäre ich todsicher eingeschlafen. Es ist scheußlich, über sich verfügen lassen zu müssen. Na, mir kann’s ja Gottlieb Schulze sein, was der Verfasser mit mir vor hat») und zieht Reitdreß an. Erfahrungsgemäß macht ihn der à tempo schlapp.
Die Reitstiefel pumpern durch die nächtlichen Räume, ohne auf Quarre anders als belebend zu wirken.
(Hier mache ich einen Punkt. Ein Zaudern erfaßt mich. Soll ich fortfahren?)
Quarre kommt sich vor wie ein pikfrischer Maimorgen.
Stunden vergehen (und ich täte vielleicht besser, mir die störenden Zwischenbemerkungen zu verkneifen), und Theo von Quarre zieht schließlich Galoschen über die Reitstiefel (du meine Güte, soll das etwa «humoristisch» sein? Ich lache!) und müht sich keuchend, das widerspenstige Ich in aberhundert Kniebeugen schlaff zu machen.
Der Körper will nicht, gut, so soll der Geist.
Theo öffnet den Bücherschrank und greift sich Felix Dahns unverwüstlichen «Kampf um Rom». Darin tummeln sich so viele Eigennamen, daß der Geist, breitgequetscht, in wirrer Konfusion entfleucht.
(Sinnlose Gehässigkeit!) (Das schöne Buch!) (Dämliche Unterbrechungen.) (Halt’s Maul!!) (Bitte fahren Sie fort:)
Aber auch die Lektüre verfängt nicht.
Theo schmeißt — der Morgen, grau wie alle Theorie (wieso?), graut grau in grau herauf — den «Kampf um Rom», komplett gebunden zum Vorzugspreise von 318 M., ein Barthaar eines echten Germanen gratis als Beigabe, sehr geeignet zu Geschenkzwecken, sollte auf keinem Büchertisch fehlen, hinter den Bücherschrank und spricht: «Wenn das bloß der Verleger nicht erfährt!» (Plumpe Verdrehung; denn der Verfasser vorliegender Geschichte ist es, der dies denkt!) (Weiter im Texte:)
Durch das Geräusch schrecklings aufgemuntert (und ohnehin sowohl wie sowieso) erhebt sich Hermann aus den Federn, der treue Diener des Herrn von Quarre. (Trauriger Mangel an Phantasie! Warum muß der Diener «Hermann» heißen? Archibald ist bedeutend ansprechender!!) Er (Hermann) sieht bekümmert nach dem Rechten und findet seinen Gebieterich in wabernder Verzweiflung. (Ich würde, was mich anlangt, ein anderes Beiwort wählen als wabernd. Mich bedünkt es, als gäbe der Herr Verfasser sich wenig Mühe. Er wird mit einer Stunde Nachsitzen bestraft werden.)
Theo will schlafen und kann nicht. Und kann nicht!
Sich bezechen, rät Hermann. Alkohol macht bleiernen Kopf.
Gut: Alkohol!
Theo gießt sich voll mit schweren Weinen, trockenen Sekten, süßen Schnäpsen und fühlt es, wie die Müdigkeit mit stumpfer Pranke ihm . . . (Ich hätte den Diener übrigens doch Archibald nennen sollen!) (Der Satz bleibt ein Fragment.)
Kurzum: der Alkohol tut seine Wirkung. Theo stürzt in den ledernen Schlund eines Klubsessels und verlangt, zu rauchen. (Hier will ich mir die Klammer einmal verkneifen.)
Hermann trägt Zigarren herbei. (Wie finden Sie «Archibald»? Ist «Archibald» nicht primafeinfein gegen «Hermann»?)
Theo steckt sich eine Pappspitze in das markante Gesicht und zündet sie unter schwerer Mühe an.
Aha, es ist keine Zigarre drin.
Soso. Theo zwängt einen importierten Zigarro in die Spitze und zündet eben diesen an.
Er brennt nicht. Er kann nicht brennen. Die Spitze ist nicht abgeschnitten.
Theo erkennt dies (Gottlob, der Autor vergißt, Klammern zu machen!) und schwappt zunächst «immer mal wieder» ein Glas hinter die Binde und fährt sodann fort, rauchen zu wollen. Er knipst die Spitze ab (ja, hat denn die deutsche Sprache nur ein einziges Wort für Zigarrenspitze und Zigarrenspitze?) und bohrt die Zigarre in die Spitze (also in die Pappspitze!). Hermann (immer noch Hermann? Ich denke, der Hermann ist längst geändert in Archibald!) reicht das Streichholz dar, und Theo zieht — ah — famos — hupp! — fui Deibel! . . .
(Dies Fui Deibel wird ewig ungeklärt bleiben, da Theo über dem Fui Deibel einschlief. Ach so, das gehört ja gar nicht in die Klammer!)
Der Schlaf knebelt den Theo von Quarre beim Rauchenwollen, die Zigarrenspitze einschließlich der Zigarre (ohne Spitze) entschlüpft dem müden Munde . . . Theo schnarcht.
(Ei verfault. Jetzt sitz’ ich in der Patsche! Wenn ich nämlich den Herrn von Quarre schon schlafen lasse, hat sich die ganze Geschichte erledigt, und ich kann einpacken. Ich muß ihn wohl oder übel wieder aufwecken, so unmotiviert dies auch ist. Du liebe Zeit, was ist im Leben nicht alles unmotiviert! Motivieren tun nur die modernen Schriftsteller. Das Leben hat solche Mätzchen nicht nötig. Ich fahre fort:)
Theo schrickt auf.
Die brennende Zigarre ist ihm auf die Hand geglitten und hat ihm ein Brandmal zugefügt. (Dann hätte er dies jedoch, bitte sehr, augenblicklich wahrnehmen müssen! Hier stimmt etwas nicht. Wollen wir darüber hinwegsehen, damit der Verfasser zu einem Ende kommt.)
(Übrigens finde ich das Ganze schwülstig erzählt.)
(Hier tritt eine große Unterbrechung ein. Der Autor muß unbedingt einen drängenden Brief beantworten. Sie gedulden sich bitte einstweilen!) — — —
(Der Brief ist geschrieben. Der Verfasser hat sich in der Zwischenzeit die Hände gewaschen und frisches Wasser auf seine Mühle gefüllt. Es geht weiter:)
«Ja, ist denn die vertrackte Geschichte noch nicht zu Ende?» fragt Theo und langt eine zweite Importe aus der Kiste.
(So etwas Mähriges! Wo ist der Telegrammstil?)
(Der Telegrammstil: «Hier!»)
(Der Verfasser: «Komm, hilf!»)
Importe No. 2, beschnitten, in Hülse gesteckt. Hülse greift nicht. Schon Zigarre drin. Schweinerei! Hülse in Ofen, Zigarre ohne Hülse in Mund. Verkehrt herum angebrannt. Verflucht! Dritte Importe . . . .
(Meine Herren, so geht das auf keinen Fall weiter. Die Sache ist völlig unverständlich. Telegrammstil, schieb ab!)
Ich werde die Geschichte ganz einfach mit einem schönen Titel versehen und als eine Jugendleistung ausgeben. Ich werde behaupten, sie sei geschrieben worden, als ich noch aufs Gymnasium ging. Da wird man erstens Nachsicht üben, zweitens gedoppeltes Interesse bekunden, und drittens wird man sich freuen, zu erfahren, daß p. p. Verfasser ein gebildeter Mensch ist, indem daß er ein Gymnasium besucht hat.
Ach, ihr lieben Leute, ich sage euch ehrlich: ich wäre lieber Schneider geworden oder Tischlermeister oder Pianofortebauer. Beim Himmel, jedes Handwerk würde mir willkommen sein, jede Profession. So hat man nichts als sein bissel Bildung, das zu nichts nutze ist, es sei denn dazu, daß man auf sie schimpft.
Um auf den unvermeidlichen Theo zurückzukommen, so sei leichthin bemerkt, daß er, um definitiv einschlafen zu können, hundertsiebenunddreißig Schlafpulver zu sich nahm.
Daraufhin schlief er sechzehn Tage.
Hermann rasierte ihn allmorgens, ohne daß Quarre dadurch wäre gestört worden.
Und, um den guten Archibald (Sie wissen, wen ich meine!) nicht aus dem Spiele zu lassen, so sei gesagt, daß er als treubesorgter Diener seines Herrn und in der Furcht, es könne diesem (seinem Herrn) etwas Böses zustoßen (denn der lange Schlaf war in der Tat beängstigend!), kein Auge zutat — nicht bei Tage, nicht bei Nacht.
Nach den abgeschlafenen sechzehn Tagen schlief Theo von Quarre ohne Pause weiter, so müde war er durch das übermäßige Schlafen geworden.
Theo schlief ununterbrochen.
Hermann wachte ununterbrochen.
Und darin hat sich bis auf den heutigen Tag nichts geändert.
Theo schläft.
Und Hermann wacht über den Schlafenden.
Dies — prophezeie ich — wird nicht eher anders werden (Hermann wird nicht eher schlafen können, als bis sein Herr aufgewacht ist, und Theo wird nicht aufwachen, ehebevor ich ihn nicht geweckt habe — und ich werde mich hüten, dies zu tun — was sollte ich auch mit dem wachen Theo und dem schlafenden Hermann beginnen?) jetzt ist es außergewöhnlich knifflig, den begonnenen Satz grammatikalisch richtig zu Ende zu führen, ach was, ich falle einfach aus der Konstruktion, der Theodor Körner hat’s ja auch des öfteren getan, sehen Sie, ich bin doch ein gebildeter Mensch; ich meine nämlich den «Zriny», den haben wir auf dem Gymnasium gelesen, ich mußte das «Volk» machen, das gab den größten Spaß — mit anderen Worten (wieso mit anderen?): Hermann wacht so lange und Theo von Quarre schläft so lange, bis mir eingefallen ist, wie ich die Geschichte schließen kann. Voraussichtlich wird mir nichts einfallen; denn just dies ist mein Einfall, daß die Geschichte ohne Einfall (auch e Einfall!) endet.
(Ich hätte doch «Archibald» schreiben sollen statt «Hermann»!)
VON DEN NAMEN
DER ewige Ahasver stiert in die offene Welt und überläßt sich seinen Gedanken. Tausend Menschen schwimmen an ihm vorüber und achten seiner nicht. Aber Ahasver achtet ihrer und rührt nackte Herzen an. Etwelche sind gut, die meisten schlecht und faulig. Die Herzen leben und zucken und machen, daß die dazugehörigen Menschen leben und zucken. Ahasver denkt: Ihr bildet euch ein, zu leben, weil eure Herzen leben. Ihr bildet euch ein, Menschen zu sein. Aber ihr seid lediglich durch Zufall als Menschen lebig. Ihr könntet gewißlich ebensogut Nähmaschinen sein oder Wäscheklammern. So wahr mir Gott helfe, du eignest dich, mein Freund, vorzüglich zur Gießkanne. Warum bist du Mensch? Du weißt es nicht. Du steckst in deiner Haut und nimmst dich auf die leichte Achsel. Du mimst einen Menschen. Bist du einer? Du bist eine ausgefüllte Haut und gleichst allen andern, obwohl du Lehmann heißt und ein Lehmann bist. Weißt du, warum du Lehmann heißt? Weil dein Herz ein Lehmann ist, ein ganz ordinärer Lehmann. Deine Haut steht dir gut, sie ist blaß wie dein Herz. Du paßt in die Familie. Ihr gleicht euch wie ein Lehmann dem andern, wenn ihr auch nicht allesamt Lehmann heißt. Ich weiß es: Ihr heißt bloß teilweise Lehmann. Ein großer Prozentsatz eurer Häute läßt sich durch den Namen Ziergiebel tragen. Und die mit Ziergiebels verwandten Häute heißen geradezu Matterstock, Knebelsdorff und Hammer. Aber das Seltsamliche ist, daß die Matterstockischen auf den ersten Hieb in Matterstocks, Kirstes, Freudenbergs und Föllners zerfallen. Auch Rippers gehören zu deiner Sippe. Und die Freudenbergs sind verwurzelt in sogenannten Schröders, der Teufel mag wissen, wieso. Der eine Schröder ist ein berühmter Dichter und hat sich wohlweislich durch ein Pseudonym unkenntlich gemacht. Bruderherz, Bruderhaut: Bist du dessen eingedenk, daß es um dich herum lebt und heißt? Und daß ihr alle, die um dich und die mit dir und die neben dir, daß ihr alle verknäuelt seid ineinander? Und verenkelt und verschwippschwägert und verfilzt, ihr wißt nicht, wie? Und daß es Menschen gibt, die — beim Himmel — akkurat so heißen wie du und dennoch ganz anders aussehen und sind? Es gibt Menschen, Herr Bruder, die heißen wie du, und du schreitest achtlos an ihnen vorüber und schaust ihnen lauwarm in die Augen. Du gehst auf der Straße, fährst auf der Stadtbahn, betrittst einen Konzertsaal, und die Menschen um dich herum heißen Gelbstein, Mosler, Trautscholdt, Berlit-Boosen, van Delten, Kenne, Heinz, Kumpanini — — und du verspürst es nicht! Willst du es nicht verspüren, Herr Mensch? Und alle diese Menschen sind etwas, stellen etwas vor, üben etwas aus, betreiben ein Handwerk, ein Gewerbe, eine Tätigkeit, rackern sich ab, faulenzen, trinken Tee, gehen spazieren, sind kränklich — — und du wandelst an ihnen vorüber, ohne dessen eingedenk zu sein, daß sie aus dem nämlichen Holze geschnitzt sind wie du, Freund Mensch. Und was sind sie von Beruf? Schneidermeister und Balbiere und Photographen und Cellovirtuosen! Manche sind sogar Kaufleute. Ich kenne einen, der ist Kolonialwarenhändler. Der kauft en gros Waren ein und verkauft sie en detail. En gros kriegt er sie billiger, als wenn er sie en detail einkaufte. Verstehst du das? Auf der Berechnung, daß en detail kaufende Mitmenschen — die Nächsten — teurer bezahlen müssen, als er im Einkauf bezahlt hat, beruht seine Existenz. Seine Gattin heißt Rosamunde und kriegt jeden Monat einen neuen Hut. Ich werde auch Kaufmann werden. Das ist ein probates Mittel, Geld zu verdienen, und um Geld zu verdienen, ist man auf der Welt, nicht wahr, Herr homo sapiens? Es gibt aber auch Bonbonkocher und Seifensieder und Gußputzer und Salon-Feuerwerker und Geheimpolizisten und Papierzähler. Von weiblichen Berufen zu geschweigen. Ich kenne einen Papierzähler, das ist ein vernunftbegabtes Lebewesen mit Namen Kutzschebauch, und dieses Lebewesen steht seit seinem siebzehnten Lebensjahre tagaus, tagein im Donnergepolter der Maschinen und zählt Papier ab. Sechsunddreißig Jahre ist er alt. Er zählt täglich hunderttausend Bogen Papier. Er darf sich nicht verzählen. Er verzählt sich auch nie. Er hat keine Zeit dazu. Wenn er bei neunzigtausend ist und glaubt, sich verzählt zu haben, kann er nicht wiederum bei eins anfangen. Es ist unmöglich. Wenn es der Himmel fügt, erreicht das vernunftbegabte, papierzählende Lebewesen ein biblisches Alter. Sein Leben ist mehr als Mühe und Arbeit gewesen; es ist Stumpfsinn gewesen. Aber ein Leben ist es gewesen. Gelebt von jenem einzigen Kutzschebauch, der ausgerechnet Kutzschebauch heißt, Solltest du zufällig gleicherweise Kutzschebauch heißen, so zürne mir nicht. Ich will dir meinerseits gewiß nicht zürnen, ich verspreche es dir. Ich bin einsichtig genug anzuerkennen, daß es Kutzschebäuche geben muß. Aber ich habe nur dies eine Mal Nachsicht. Sei lieb und heiße das nächste Mal besser. Es gibt so viele schöne Namen! Gschwindbichler und Hühnerschlund, Fleischpinsel und Bettbetreff! Oder sind dir das keine schönen Namen? Felix Kutzschebauch, was sagst du zu dem Namen Telofonsky? Und zu Umschlauch? Ach, Felix Kutzschebauch, du hast das Gefühl dafür verloren! Ich will dich nicht befragen. Du heißest Kutzschebauch, als müßte dies so sein. Aber es muß nicht so sein, man kann der Kutzschebäuchigkeit oder, wenn du willst, der Kutzschebeleibtheit aus dem Wege gehen: Man kann sich umbringen. Ein vertrackter Name, ist das kein Selbstmordmotiv? Du lächelst, denn du bist arg weit entfernt, deinen Namen umzubringen. Im Gegenteil: Du stehst im Begriffe zu heiraten. Viele kleine Kutzschebäuche sehe ich die unschuldige Welt bewimmeln. Sie werden dermaleinst Papier zählen. Und deine Braut — eine geborene Nolke — gibt freudigen Herzens ihren Namen auf, um Kutzschebauch zu werden. Sie heißet Olga. Sie will gerufen werden. O Olga! Du siehst einer Olga verblüffend ähnlich. Dein Name steht dir gut, dein Name kleidet dich. O Olga Nolke, warte nur, balde hat es sich ausgenolkt, und du darfst glücklich sein wie dein künftiger Gatte. Tu, Felix Kutzschebauch, nube! Und vergiß die Fritzi und die Gerta und die Friedel, und wie sie alle geheißen haben — ohne eines Familiennamens bedurft zu haben. Die Fritzi ist die Fritzi, aber deine Olga ist die Olga Nolke. Kanntest du nicht dereinst eine Olga, deren Photographie du jüngst verbrennen mußtest, auf daß sie der Normalbraut nicht in die Hände falle? Hast du die beiden Olgas miteinander verglichen? Gegeneinander ins Treffen geführt? Gewägt? Und verspürst du es nicht, daß beide — Olga heißen müssen? Daß sie nicht anders heißen dürfen? Denn jegliche Frau sieht so aus, wie sie mit ihrem Rufnamen heißt. Und jeglicher Mann heißt so, daß man — sobald man weiß: er heißt so — überzeugt ist: er heißt mit Fug und Recht so. Jeglicher heißt richtig. Wir alle heißen, wie wir müssen. Ich kann nicht Cohn heißen, ob ich gleich Ahasver bin. Und Theodulf Schwertnagel ist Theodulf Schwertnagel. Name ist weder Schall noch Rauch. Ohne daß ich ihn dir schildere, ohne daß du sein Konterfei siehst, weißt du, wie einer aussehen muß, der Woldemar Lohengrin heißt. Im Anfang war der Name. Nota bene: Eigenname. Wisse das und heiße hinfort bewußt! Und bist du, der du mich Ahasver denken ließest, ein belangloser Schulze oder ein Meier oder Müller — dein Name hat dich! Drum lobsinge dem Schöpfer, daß du Schulze heißest oder Meier oder Müller. Es ist nämlich kein leichtes, Richard Wagner zu heißen. Als Richard Wagner darfst du nicht Bäckermeister sein. Und als Ludwig Ganghofer darfst du nicht Kassenbote sein. Es lebt ein Ludwig Ganghofer, der betreibt ein Friseurgeschäft. «Rasier, Friseur und Haarschneiden» steht über seinem Laden. Das ist recht trauriges Deutsch, aber der arme Mensch von diesem Friseur hat es besonders gut machen wollen. Es ist ein armer Mensch, das versichere ich. Wenn er seinen berühmten Namen, den ein anderer hat, in der Tageszeitung liest, so trifft ihn jedesmal ein robuster Schlaganfall. Der Name, den er hat, und der gar nicht sein ist, beutelt ihn und polkt ihn in Grund und Boden. Fühlst du es nach, Bruderherz, daß es seinen Haken hat, ein Ludwig Ganghofer zu heißen? Ich persönlich bedanke mich dafür und ziehe es vor, Ahasver zu sein.