(6)
Aber Urbans Witwe, die Dame ohne Kopf, heiratete trotzdem.
«SNEEWITTCHEN, DER APFEL IN»
ICH lebe unter dem Fluche, Grotesken zu schreiben.
Bringe ich die simpelsten, banalsten Dinge zu Papier — Dinge, die ich mit eigenen Augen sah und ohne irgendwelche «Ausschmückung» notierte —, so heißt es, sie seien «grotesk».
Nichts ist grotesk auf dieser Erde.
Selbstverständlich ist alles grotesk auf dieser Erde.
Aber es kommt darauf an.
Die Welt ist grotesk, und sie ist das Gegenteil.
Das Leben ist ernst, und es ist das Gegenteil.
Subjektiv genommen ist die Welt grotesk und das Gegenteil.
Subjektiv genommen ist das Leben ernst und das Gegenteil.
Aber objektiv genommen ist die Welt grotesk. Denn das Gemisch von Groteskem und Nicht-Groteskem, eben dies Gemisch ist grotesk.
Und das verflucht ernste Leben, das zu Zeiten so haarsträubend ulkt, ist grotesk.
Und auch das andere Leben, das so ulkig ist, kann zu Zeiten verflixt ernst sein. Und somit grotesk.
Ich komme vom Thema ab. —
Die Groteske «Sneewittchen, der Apfel in» ist lediglich der Überschrift wegen geschrieben worden. (. . worden??)
Diese Überschrift ist grandios!
Ehrenwort!
Mein Freund, der Dr. Kurt Lange, hat es bestätigt.
Diese Überschrift ist eine Parodie (für die Hartköpfe sei’s gesagt).
Die Überschrift ist derartig . . . . schön, daß es sich erübrigt, den Text dazu herzuschreiben.
Als guterzogener Mensch will ich wenigstens andeuten, um was es sich bei «Sneewittchen, der Apfel in» handelt. Oder vielmehr handeln sollte (es handelt sich gar nicht!).
Die Sache ist die: Sneewittchen kriegt von der Frau Königin einen Apfel angeboten. Zum Beweise dessen, daß er nicht vergiftet sei — na, wenn sie das schon sagt, da soll ein Mensch nicht stutzig werden! —, schneidet sie den Apfel (sie — die Königin) in zwei Hälften. Aber die eine ist doch giftig, und die andere nicht, und die giftige verspachtelt Sneewittchen.
Das ist ein dunkler Punkt.
Denn ein kleines bissel Gift wird mindestens in die ungiftige Hälfte gedrungen sein — — wenn sich ein halbgiftiger und halbungiftiger Apfel überhaupt anfertigen läßt!
* *
*
Nachwort: Das Tollste in «Sneewittchen» oder besser «‚Sneewittchen‘, das Tollste in» ist indessen die eigenartige Tatsache, daß die verschluckte Apfelhälfte — — ach, das ganze Märchen taugt nichts! Ich werde es revidieren und neu herausgeben unter dem Titel «‚Sneewittchen‘, ein für fortgeschrittene Kinder nach den Resultaten moderner medizinischer Forschung umgearbeitetes Märchen».
DOLL!
ES war einmal.
Zufolge einer hitzigen Wette ritt der wirklich, also ich sage Ihnen: wirklich feudale Graf Soundso in Lack und mit Einglas auf einer Kuh, also Ehrenwort: auf einer Kuh durch eine belebte Straße der preußischen Hauptstadt.
Doll, was?
Der Spaß kostete zwanzig Emm — Lappalie! —, der Graf mußte absitzen und wohl oder übel die Kuh nach Hause führen.
Was sagen Sie dazu?
Sie schütteln Ihren Kopf mit Recht.
NACHT IM HOTEL
IN der Nacht kroch mir etwas über das Gesicht. Davon wurde ich munter. Ich machte Licht und sah, daß es eine Raupe war. Sie hatte eine grasgrüne Hautfarbe und viele Borsten. Ich sprach zu ihr: «Du kommst mir ungelegen, Raupe! Warum störst du mich im Schlafe?» Die Raupe erwiderte: «Ich störe dich mitnichten im Schlafe; siehe denn, du träumst! Ich bin eine von dir geträumte Raupe. Oder, wenn du willst: Ich träume dir.» Ich wunderte mich ein wenig und sagte: «Wenn es sich so verhält, und du nur eine mir geträumte Raupe bist, so habe ich keine Veranlassung, dir zu zürnen. Aber verschone mich bitte und träume, wenn möglich, einem andern.» Die Raupe lächelte und kroch von hinnen.
Es mochte eine Viertelstunde verstrichen sein, da stach mich etwas. Davon erwachte ich und zündete Licht an. Da sah ich, daß es ein Floh war. Er hüpfte weg, aber ich sprach: «Zu deinem Besten will ich annehmen, daß nur ein geträumter Floh du bist; sonst möchte es dir übel ergehen, Freundchen. Laß gut sein und reize mich hinfort nimmer; ich könnte dir das Fell eklig über die Ohren ziehen.» Da kam der Floh aus dem Versteck hervor und entgegnete: «Ich bin kein geträumter Floh, mein Herr. Im Gegenteil: ich bin so ungeträumt wie überhaupt irgend möglich und liebe offene Karten. Darum sei Ihnen angesagt: Sie werden den Rest der Nacht in Schlaflosigkeit und Wut verbringen. Gott befohlen!» Ehe ich ihn greifen konnte, war er enthüpft. Ich lag lange wach und konnte nicht einschlafen. Endlich schlief ich.
Es mochte abermals eine Viertelstunde verstrichen sein, da hockte mir etwas auf der Brust. Davon erwachte ich. Als ich Licht anzündete, bemerkte ich mit Entsetzen, daß mir ein Känguruh zu schaffen machte. Es kauerte auf meinen Rippen und glupschte mich feindselig an. Ich sprach: «Es ist bereits das dritte Mal in dieser Nacht, daß man mich belästigt. Sie mögen geträumt sein oder nicht, ich habe nicht die geringste Lust, mich mit Ihnen zu befassen. Beehren Sie sonstwen mit Ihrem unerbetenen Besuche, aber nicht mich!» Sprach’s und drehte mich auf die andere Seite. Rasch schlief ich wieder ein. Mir träumte, daß ein Känguruh auf meiner Brust säße, das ich, um es loszuwerden, erdrosselte. Schwer schlug die Leiche zu Boden. Davon erwachte ich.
Im Zimmer lag die Leiche eines Känguruhs.
Im Waschbecken schwamm eine grasgrüne Raupe.
Ein Floh stach mich. Die Sonne schien durchs Fenster. Ich griff mir an den Kopf.
Es ist nicht geheuer auf der Welt.
KLEIN-ELLI UND DIE KRITIK
DIE zweijährige Elli wandte sich an den fünfjährigen Ferd mit den Worten: «Du, das eine kann ich dir sagen: So jung ich bin — mehr Lebenserfahrung als du habe ich auf jeden Fall!»
Ferd war platt.
Und darauf beruhte Ellis Spekulation: man braucht dem andern nur etwas himmelschreiend Überlegenes zuzuschleudern, und sofort hat dieser weniger Lebenserfahrung — vorausgesetzt, er fällt hinein.
Ferd war hineingefallen, und die zweijährige Elli war um eine Lebenserfahrung reicher.
* *
*
Ein Rezensent erklärte Obiges für Quatsch. Er dahlte von sinnloser Originell-sein-Wollerei-um-jeden-Preis und stellte mich als unzurechnungsfähig hin.
Ich gab die Rezension der zweijährigen Elli. Sie sprach: «Siehste, Onkel Reimann, ich hab’ dir’s gleich sagen wollen: schreib das nicht auf, die Kritiker erklären es doch für Quatsch. Hättste nur auf mich gehört.»
Das sah ich ein und faßte den Beschluß, wenigstens diese zweite Äußerung der zweijährigen Elli dem rezensierfähigen Publikum vorzuenthalten.
«O (JUHU!) JUHUGENDZEIT!»
Personen: Ein glücklich liebend Paar.
Ort der Handlung: Eine kleinste Hütte.
Zeit: Was denn sonst als Mai?
GEGEN Abend pürschte ich mich hinan.
Drinnen kicherte etwas.
Ich spitzte die Ohren.
Ein Ehrenmitglied der menschlichen Gesellschaft packt mich bei den Schlafittchen und zerrt mich weg.
Ich sagte: «Lieber Herr, unterlassen Sie das! Übrigens hätte ich mich als diskreter Mensch sowieso entfernt.»
Er gab mich frei und entschwand im Gebüsch.
Ich lagerte mich ins Kleefeld.
Aber es trieb mich, es trieb mich, es trieb mich hin zu jener kleinsten Hütte, worinnen etwas gekichert hatte.
Es war Nacht geworden.
Eine Lampe brannte.
Auf stummen Zehen schlich ich; ich schlich auf stummen Zehen zum Fenster hin, hin zum Fenster.
Das Ehrenmitglied war auch schon da und spionierte durch eine Klinze im Fensterladen.
Drinnen erlosch die Lampe.
Aber um uns lag grelle Helle: die zwiefache Gemeinheit strahlte aus unseren Augen.
Wir pusteten uns gegenseitig aus.
Da war es dunkel.
OFFENER BRIEF AN EINEN UNBEKANNTEN
SEHR geehrter Herr! Ich nehme mir die Freiheit, in aller Öffentlichkeit ein Schreiben an Sie zu richten, weil ich Sie nicht länger darüber im Unklaren lassen möchte, wie unsympathisch Sie mir sind.
Mit Erstaunen werden Sie fragen, welche Gründe um alles in der Welt mich, der ich Sie nicht kenne, bewegen, Sie einen mir unsympathischen Menschen zu heißen.
So hören Sie denn, daß ich nicht den winzigsten Grund habe, um so mehr, als ich Sie, wie gesagt, nicht kenne.
Trotzdem sind Sie mir in tiefster Seele und aus einem, wenn ich mich so ausdrücken darf, allgemeinen Gefühl heraus unausstehlich, und ich versichere laut, daß ich jeden Zug Ihres Wesens, jede Spur Ihres Seins widerlich finde, mögen Sie existieren oder nicht.
Ich bin überzeugt, daß Ihre sauber genähten Krawatten mir nicht minder auf die Nerven fallen würden als die Handbewegungen, womit Sie Ihrer jüngsten Tochter, wenn Sie eine hätten, über den Scheitel fahren, wenn sie einen hätte, und daß mich die Geschwulst hinter Ihrem rechten Ohre, gesetzt, Sie hätten eine, ebenso peinlich berühren würde wie die Art, in der Sie über Angelegenheiten der inneren Politik sprechen — wenn Sie darüber sprechen. Warum übrigens in drei Teufels Namen lassen Sie sich jene Geschwulst hinter dem rechten Ohre nicht endlich operieren — für den Fall, Sie haben eine?
Sie gelten mir, klipp und klar, in jedweder Hinsicht als vollendeter Typus eines Proleten — herrisch, ordinär, albern, rücksichtslos und seicht, wie Sie hoffentlich sind. Um das Maß voll zu machen, lieben Sie — Sie werden mich darin nicht enttäuschen — das Skatspiel und die Lektüre infamer Schmöker, die nicht angeführt sein mögen, und entrüsten sich womöglich als sogenannter Gegner des Fremdwortes, daß ich Wörter wie «Lektüre» und «infam» anwende.
Ich gebe zu, daß ich meinem Vorurteil, das am Äußerlichen haftet, allzu willfährig bin und besser daran täte, Ihr Inneres zu prüfen, muß indessen zu meiner Rechtfertigung erklären, daß ich die «Unsympathischkeit» auf den ersten Blick, die sich jederzeit in das Gegenteil verkehren könnte, bei weitem der «Sympathischkeit», um nicht zu sagen «Liebe» auf den ersten Blick den Vorzug gebe, welche kritischen Erschütterungen nur in seltenen Fällen standzuhalten vermag.
Mit Freuden bin ich bereit, mich mit Ihnen, den ich gottlob nicht kenne, und von dem ich nicht weiß, ob er überhaupt auf Erden wandelt, an drittem Orte zu treffen, um die wenig erquicklichen Beziehungen, die uns verknüpfen, in erfreulichere oder sogar erfreuliche zu verändern, obwohl ich meine Besorgnis nicht verhehlen möchte, daß Sie gerade bei naher Bekanntschaft und nach Preisgabe Ihres Inwendigen ein gräßliches Subjekt, unter Umständen sogar ein hierorts als «Mistvieh» zu bezeichnendes Individuum abgeben dürften, dem ich besser aus dem Wege trete.
Lassen wir es also zu beiderseitigem Vorteile bei der bestehenden Unbekanntschaft verbleiben, und bauen wir auf unser Vorurteil, das sicherlich wohl begründet ist, sei es auch nur gefühlsmäßig. «Unser» Vorurteil schreibe ich, da ich allzu gut weiß, wie wenig Sie Ihrerseits mich leiden mögen — mich, den es gibt.
Mit dem Ausdrucke vollkommener Hochachtung bin ich Ihnen, den es nicht gibt, ergeben und schließe mit dem Bemerken, daß die letztgebrauchte Redewendung eine leere Phrase ist und nichts weiter.
H. R.
DER OCHSE
Personen:
Hans
Kurt
Theo
«WAS stehst du da und sinnst?»
«Ich sinne nicht. Ich warte auf Theo.»
«Wartest du lange?»
«Ja, aber er kommt nicht.»
«Ich will dir helfen. Du weißt, daß der Ochse kommt, wenn man von ihm spricht?»
«Freilich.»
«Also laß uns von Theo sprechen.»
Hans und Kurt sprechen von Theo, damit der Ochse kommt.
Aber er kommt nicht.
«Du, unser Sprechen ist für die Katz’. Theo kommt nicht.»
«Nein, er kommt nicht.»
Theo kommt.
Hans und Kurt brechen gleichzeitig in die Worte aus: «Siehst du, er ist doch ein Ochse!»
«Wer?» fragt Theo.
«Du!» lautet die fröhliche Antwort.
Theo ist vom Gegenteil überzeugt.
VON DEM MANNE, DER AUSZOG, ERDBEEREN ZU SUCHEN UND PFIFFERLINGE MIT HEIMBRACHTE
EINE sehr schöne Geschichte.
Von mir.
Und außerdem eine sehr kurze Geschichte.
Aber auch kurze Geschichten können schön sein.
Ich liebe die kurzen Geschichten, die schön sind.
Dies ist eine.
Wenigstens meiner Meinung nach.
Also: ein Mann ging in den Wald, um Erdbeeren zu suchen. Sogenannte Walderdbeeren.
(Weil sie im Walde wachsen!)
Aber er fand keine.
Aber Pfifferlinge fand er.
Einen ganzen Sack voll.
Er ging heim mit seinem Sack voller Pfifferlinge oder Pfefferlinge.
In Sachsen sagt man «Gehlchen».
Die Sachsen müssen immer eine Extrawurst haben.
Na, und die schmorte er sich.[1]
Und aß sie.
Und die schmeckten sehr gut.
[1] Die Pilze, meine Verehrten!
In Sachsen sagt man «schmeckten sehr schön».
Die schmeckten also sehr schön.
Und da freute sich der Mann schrecklich und vergaß völlig, daß er in den Wald gegangen war, um Erdbeeren zu suchen.
* *
*
Das ist die ganze Geschichte.
Ist sie nicht schön?
DIE WAHRHEIT
UM es ganz aufrichtig und ehrlich zu sagen, so halte ich — menschlich — jeden beliebigen Kaufmann für tausendmal wertvoller als irgendeinen Künstler.
Man wird mir diesen Satz nicht glauben — um so weniger, als ich heftig beteuere, ihn durchweg ernst zu meinen.
Aber: ich halte zehn gute Kaufleute, Gott straf mich, für tausendmal wichtiger — menschlich — als einen halben Gymnasiallehrer.
Auch diesen Satz wird mir niemand glauben.
Nun denn, ganz aufrichtig und ehrlich: ich halte weder Kaufmann noch Lehrer für wichtig, geschweige denn für wertvoll. Den Künstler erst recht nicht.
Dies ist voller Ernst und mein letztes Wort in dieser Sache. Punktum.
KEIN SCHÖNRER TOD IST AUF DER WELT . . .
ALS es 418 (418!) Tage lang, 418 Tage lang hintereinander, 418 Tage lang ununterbrochen hintereinander geregnet hatte, 418 Tage lang geregnet hatte, waren alle Wesen des Lebens überdrüssig.
Und der hochbetagte Bibliothekar Stibulke sprach zu seiner Frau:
«Rosa, weißt du was, wir ersäufen uns!»
Das war aber gar nicht mehr nötig; denn — siehe — in demselben Augenblicke wurde das Ehepaar von den eindringenden Fluten hinweggespült.
SERENISSIMUS JAGT SCHMETTERLINGE
SERENISSIMUS jagt Schmetterlinge. Für seine Sammlung. — Hat eine Schmetterlings-Sammlung. — Lauter Schmetterlinge. Und Käfer. — Und Briefmarken. — Alles durcheinander. — Auch Strumpfbänder. Weibliche. — Souvenirs. — Namentlich Strumpfbänder. — Nebenbei auch einige Schmetterlinge. — Zwei oder drei. — Oder einen? — Ja, einen. Einen einzigen. Tja. Aber einen ganz seltenen! — Ein Mistpfauenauge. Oder so ähnlich. Ganz drolliges Viech. — Sieht aus wie en Käfer. — Tja. — Ist auch en Käfer. Heißt genau genommen Mistpfauenkäfer. — Oder so ähnlich. — Oder Mistkäfer. — Ja: Mistkäfer. — Geschmacklos. — Warum nich Guanokäfer? Oder Kloakenkäfer? — Tja. — Ein entzückender Kloakenkäfer. — Schillert in allen Farben. — Täuschend imitiert. — Sieht aus wie echt. Wie wenn er lebte. — Tja. — War ooch teuer genug! Zierte Lisas Strumpfbänder, die Katze. — Zwei waren es sogar. Eigentlich. Ursprünglich. — Na, der eine ist gerettet. — Apartes Andenken. An die verflossene Lisa. — Saßen auf dem Strumpfband, die beiden Käfer. Oder vielmehr: auf den Strumpfbändern. Auf jedem einer. — Lisa mußte zweie haben. — Dolles Weib. T, t, t, t. — Viel Geld gekostet. — Tja. — Na, egal. — War die Sache wert. — Süßer Käfer. — Hat Karriere gemacht. — Nach unten. — Bis in den Rinnstein. — Ooch en Kloakenkäfer geworden. Oder Mistkäfer. — Hähä, blendender Witz. — Jaja, feines Köppchen! — Tja. — Na, wolln ma sehn, was sich tun läßt.
Serenissimus stelzt über ein Stoppelfeld. Das Schmetterlingsnetz in der Hand.
Er will seine Sammlung bereichern.
Schmetterlinge jagen ist sein neuster Sport.
Serenissimus ist passionierter Schmetterlingsjäger.
Absolut einwandfrei edles Weidwerk.
Totschick! — Heissa, hussa!
Serenissimus stelzt über das Stoppelfeld. Mit sagenhaft elastischen Schritten.
Einem Schmetterling ist er auf den Fersen.
Einem Sauerkohlweißling.
Der schillert so angenehm rötlich.
Vielleicht gar en Rotkohlweißling?
Oder en Sauerkohlrötling?
Vertrackt schwierige Kiste, Schmetterlinge jagen.
Die Tiere flattern in der Luft herum.
Sind gar nich en bißchen zutraulich.
Na, wern den Kerl schon kriegen!
— Serenissimus stelzt über die Stoppeln. Dem Weißling hinterher.
Da geschieht etwas durchaus Unerwartetes.
Eine Dampfwalze kommt in rasendem Tempo auf Serenissimus zugeschossen. Wie ein Pfeil.
Serenissimus, der bei einem Haare den Weißling im Netz hatte, springt — juchopps — mit einem Fluch beiseite.
Himmelherrgottspappedeckel, Klabund und Wolkenbruch!!
— — — Die Dampfwalze prescht wie besessen an dem verdatterten Ferschten vorüber . . . .
Da bemerkt Serenissimus dort, wo die Dampfwalze ihren Weg genommen hat, einen rotgelben Tupfen: den zu Brei gequetschten Sauerkohlrotweißling.
Er hebt ihn auf und steckt ihn ins Netz.
Das Netz schultert er und geht heim. Serenissime.
So fing Serenissimus seinen ersten Schmetterling.
* *
*
Daraus geht hervor: Um einem Serenissimo dienstbar zu sein, scheuen die himmlischen Gewalten weder Kosten noch Mühe.
DAS ZIMMER
LINKS eine Wand. Rechts eine Wand. Vorn eine Wand. Hinten eine Wand. Oben die Decke. Unten die Diele. — In der linken Wand eine Tür, in der rechten Wand zwei Fenster, in der vorderen Wand nichts, in der hinteren Wand nichts. — An allen vier Wänden Tapete. — In der Mitte der Diele ein Tisch, darauf eine Vase. Um den Tisch drei Stühle. An der rechten Wand zwischen den Fenstern ein Büchergestell. An der linken Wand über der Tür ein Haussegen. An der vorderen Wand ein Ofen, ein Waschtisch, ein Bett, ein Spiegel. An der hinteren Wand ein Sofa, ein Schreibtisch mit Lehnsessel, ein Schrank; über dem Sofa ein großes Bild. An der Decke eine Lampe.
Dies ist ein Zimmer. —
Was ist ein Zimmer? — Ein Selbstmordmotiv.
Öde, kahl, ekel. — — —
Laß an den Fenstern Gardinen anbringen, und in der Dämmerstunde stell auf den Tisch die duftenden Reseden: — das Zimmer ist traut und wohnlich.
Und liegt ein sündhaft schönes Weib im Bett, der Teufel hole dich, wenn du das Zimmer nicht mit Lust beziehst.
HAND UND AUGE
(Ein Reise-Erlebnis)
Personen:
Die anmutige Dame
Der stattliche Herr
Ort:
Eisenbahn-Abteil 2. Klasse
DER Herr: «Darf ich das Fenster öffnen?»
Die Dame: «Ja.»
Der Herr: «Stört es Sie, wenn ich eine Zigarette rauche?»
Die Dame: «Nein.»
Der Herr: «Darf ich fragen, wohin Ihre Reise geht?»
Die Dame: «Ja. Nach Danzig.»
Der Herr: «Wie sich das trifft! Ausgerechnet nach Danzig fahre auch ich!»
Der Herr: «Ist es Ihnen unangenehm, mit mir im selben Abteil fahren zu müssen?»
Die Dame: «Nein.»
Der Herr: «Fahren Sie gern Eisenbahn?»
— —
Ein Gespräch kommt nicht zustande.
Es ist frostern im Abteil. Die Dame ist zugeknöpft. Der Herr versucht es mit einem Gewaltmittel:
«Schauen Sie», spricht er, «ich hab’ ein Glasauge!» und nimmt sein linkes Auge heraus.
Die Dame taut auf: «Ach!? — Ist das echt?»
«Jawohl — es ist ein echtes nachgemachtes Auge.»
«Gott, wie goldig!»
«Nicht wahr?»
«Und ohne das Auge sehen Sie gar nichts?»
«Nein, nicht das mindeste.»
«Und mit dem Auge?»
«Sehe ich auch nichts!»
«Ja, ist denn das Auge nicht durchsichtig?»
«Doch — aber womit sollte ich hindurchsehen?»
«Haben Sie das Auge verloren?»
«Ja — ein Fräulein hat es mir mit der Hutnadel ausgestochen.»
«Wie gemein!»
«Ich habe mich gebührend gerächt.»
«Inwiefern?»
«Ich habe das Fräulein geheiratet.»
Die Dame rückt ab und knöpft sich wiederum zu. Der Herr hat seinen Reiz zur guten Hälfte verloren. Er ist verheiratet!
Der Herr steckt sein Auge ein.
Die Dame — nach langer Pause —: «Sie tragen ja gar keinen Trauring?»
«Nein, warum? Ich bin ja nicht verheiratet.»
«Sie sagten doch . . .»
«Ein Scherz.»
«Aber das falsche Auge ist doch wenigstens echt, wie?»
«Völlig echt, meine Gnädige.»
«Darf ich es mal sehen?»
«Mit Vergnügen.»
Der Herr reicht der Dame das echte falsche Auge. Die Dame nimmt es in die linke Hand.
Sie faßt das Auge scharf ins Auge und spricht:
«Es ist täuschend imitiert. Besser als diese meine linke Hand.»
«Was ist mit der Hand?»
«Sie ist künstlich. Aus Marmor.»
«Seltsam. Ein falsches Auge in falscher Hand!»
«Ich finde das weniger seltsam, als wenn ein echtes Auge in einer echten Hand läge.»
«So? Wäre das seltsamer?»
«Es wäre nicht nur seltsamer, es wäre unmöglich.»
«Es ist nicht unmöglich. — Mein Auge ist kein Glasauge. — Das Auge ist mein wirkliches, echtes Auge.»
Die Dame läßt erschreckt das Auge fallen.
Das Auge blickt die Dame wehmutig an.
Die Dame greift gerührt mit ihrer Linken nach dem Auge — — — die Hand füllt sich mit Leben, Blut durchrinnt sie, Puls klopft auf.
Das Auge zwinkert bedeutsam.
Der Herr sieht die marmornen Finger der Dame sich regen; «Ihre Hand, Gnädige, scheint lebend zu sein!»
Die Dame krümmt die Finger — und ist selbst betroffen über die Verwandlung.
Sie streicht mit der Rechten über das Auge in ihrer Linken, und das Auge schläft ein.
Der Herr nimmt es und steckt es in seine Höhle zurück.
Die Dame kann nicht anders, sie drückt einen Kuß auf das Auge.
Der Herr küßt der Dame die linke Hand.
Das Auge öffnet sich und blickt dankbar.
Die Linke der Dame streichelt die Wange des Herrn.
«Danzig —!»
TROPFEN AUS HEITERM HIMMEL
AUF der Wiese steht ein Greis und will eine Kneippkur machen.
Er ist barfuß und barhaupt.
Über ihm hängt ein wunderschöner, blauer, wolkenloser Himmel.
Der Greis hält Ausschau nach einer Kuh, die fern am Waldrande Bedürfnis über Bedürfnis verrichtet.
Da tropft dem Greis etwas aufs Haupt.
Ein dicker Tropfen.
Der Greis greift mit der Hand auf seinen Schädel und wischt den Tropfen ab.
Dann lugt er auf zum Himmel.
Der Himmel glänzt in seidiger Bläue.
«Wie?» denkt der Greis, «ein Tropfen aus heiterm Himmel?»
Und er begibt sich von dem Flecke, auf dem er gestanden, weg und pflanzt sich anderswo auf.
Daselbst hält er wiederum Ausschau nach jener bedürfnisstrotzenden Kuh.
Er steht nicht lange — der Greis —, so kleckt ihm ein zweiter Tropfen aufs Haupt.
Aufschauend zum Himmel, wundert er sich ins Fäustchen und wischt sodann den nassen Tropfen sich vom Schädel.
«Wenn das so weitergeht,» denkt unser Greis bei sich, «das kann ja gut werden!»
Und er bleibt stehen, wo er steht.
Er will herauskriegen, wo die Tropfen herkommen; auch will er wissen, ob ihrer noch mehr herunterklecken.
Abermals wendet er sein Augenmerk nach jener fladenden Kuh und vergißt über sie das Tropfen.
Es währt nur kurze Zeit, so tropft dem Greis ein dritter Tropfen auf den Kopf.
Der Greis runzelt die Stirn und betrachtet den Himmel. Der thront unschuldig und engelisch-rein über der Szenerie.
Der Greis legt sich ins grüne Gras und läßt den Himmel nicht aus dem Auge.
Es kleckt kein Tropfen mehr vom Himmel.
«Aha,» denkt sich der Greis, «dies geschieht, weil ich Obacht gebe».
Und er paßt auf. Er wendet keinen Blick vom Himmel.
— — — — —
Auf der Wiese liegt ein Greis. Er hat eine Kneippkur machen wollen, aber er muß aufpassen, ob es tropft. Er ist überzeugt, daß in dem Augenblicke, wo er den Himmel außer acht läßt, ein Tropfen ihm aufs Haupt kleckt.
Der Greis schläft darüber ein.
Er träumt, daß ihm ein Tropfen auf den Kopf kleckt. Er stellt sich anderswohin, und ein zweiter Tropfen kleckt. Er bleibt stehen, und ein dritter Tropfen kleckt. Da legt er sich ins grüne Gras und spannt auf den Himmel. — Dies träumt der Greis.
Die Kuh möhkt plötzlich dicht bei ihm.
Davon erwacht der Greis, erhebt sich ächzend und begibt sich an die Kneippkur.
Ihm ist, als seien drei Tropfen auf seinen Kopf gekleckt.
Dies ist jedoch völlig unmöglich. Denn der Himmel ist blau, heiter und wolkenlos.
Hat der Greis geträumt?
DAS ALTER
Personen:
Der gutgelaunte Vorgesetzte
Der wie auf den Kopf gefallene Bewerber
DER Vorgesetzte läßt den Bewerber eintreten und ersucht ihn, Platz zu greifen. Es entspinnt sich eine Unterredung, die auf einem gewissen halbtoten Punkt stehen bleibt: Der Vorgesetzte möchte Einzelheiten aus dem Privatleben des Bewerbers wissen. Er fragt zuvörderst nach dem Alter. «Wie alt sind Sie denn?»
«Ich werde 32.»
«Wie alt Sie sind?»
«Ich werde 32.»
«Ich will nicht wissen, wie alt Sie werden; ich will wissen, wie alt Sie sind.»
Der Bewerber schweigt kopfscheu.
«Na wie alt sind Sie denn?»
«Ich bin 31 gewesen.»
«Guter Mann, hm, wenn Sie 31 gewesen sind, so sind Sie zur Zeit 32. Soeben behaupten Sie jedoch, Sie würden erst 32.»
«Ja, das stimmt.»
«Nee, das stimmt nicht. Wenn Sie 32 werden, können Sie nicht 32 sein.»
«Nein, so nicht, — ich bin nicht 32. Ich werde 32.»
«Schön. Demnach dürften Sie 31 sein.»
«Ja natürlich. Ich bin 31!»
«Also Sie sind 31. — Wann ist Ihr Geburtstag?»
«Am 5. April.»
«Das wäre heute in 6 Wochen?»
«Zu dienen.»
«Wie alt werden Sie heute in 6 Wochen?»
Der Bewerber, zaghaft und scheu: «32 . .»
«Richtig.»
«Ihr wievielter Geburtstag ist das?»
«Mein 32. selbstredend.»
«Durchaus nicht! — Ihr 33.!»
«Das verstehe ich nicht.»
«Nein? — Merken Sie auf: Als Sie zur Welt kamen, begingen Sie Ihren ersten Geburtstag. An jenem ersten Geburtstage waren Sie null Jahre alt. — Als Sie Ihren zweiten Geburtstag feierten, vollendeten Sie das erste Jahr, d. h. Sie wurden am zweiten Geburtstag ein Jahr alt. — Sehen Sie das ein?»
Der Bewerber, gänzlich verwirrt: «Oh ja!»
«Nun also. — Sie sind 30 gewesen, sind 31, werden 32 und feiern in Kürze den 33. Geburtstag.»
Der Bewerber bricht ohnmächtig zusammen.
Die Unterredung ist beendet.
ALLE WEGE FÜHREN NACH ROM
DIESES Sprichwort ist eine hundsgemeine Lüge.
Der Privatdozent Kladderosinenzagel mußte es am eigenen Leibe erfahren.
Er, den wir um der Kürze willen K. nennen wollen, machte sich an einem Ferientage auf die denn doch nicht mehr so eigentlich ganz naturfarbig genannt werden dürfenden Socken, um gen Rom zu fahrten.
Er, K., fußte auf dem Sprichwort: Alle Wege führen nach Rom.
K. wanderte, mit reichlichem Mundvorrate und einer leeren Thermosflasche ausgestattet, einen vollen Nachmittag lang.
Reiseziel: Rom.
Es führen aber mitnichten alle Wege nach Rom.
Der Weg, den K. einzuschlagen für ratsam befunden hatte, hörte plötzlich auf, ein Weg zu sein und verwandelte sich in eine Wiese, auf welcher notgedrungen sieben Kühe — die Verkörperung der fetten Jahre — sich an ihrem Anblicke und dem saftigen Grün weideten.
Und K. stand hinter einer Tafel, die von vorn zu besichtigen er nicht umhinkonnte.
Die Tafel bezog sich auf den Weg, welchen K. zurückgelegt hatte, und trug die Aufschrift: «Verbotener Weg».
In einem Lande, wo die Polizei so auf dem Damme ist wie in Deutschland, führt zwar mancher Weg nach Rom, aber er ist verboten.
K. mußte umkehren und sich des Planes, auf natürlichem Wege nach Rom zu gelangen, entschlagen.
«HÖHENLUFT»
Ein Roman aus den Tiroler Bergen
von
Paul Grabein
ist im Okt. 1916 als Ullstein-Buch — 1 M.! — erschienen. Ich habe das Buch gelesen — unter Aufgebot größter Energie. Ein paar Worte darüber und dazu.
Die Personen des Buches sind:
Karl Gerboth, Maler,
Hilde, seine Tochter,
Franz Hilgers, Maler,
Günther Marr, Leutnant.
Handlung: Franz hat seinen Jugendfreund Günther eingeladen. Günther leistet der Einladung — Erholungsurlaub — Folge. Auf Seite 19 trifft er, nach dem Dörfchen, in dem Franz wohnt, wandernd, eine Dame. Dies ist Hilde Gerboth. Sofort weiß man «alles», und es kommt auch tatsächlich «alles» so. Franz ist der einzige Schüler Karl Gerboths und Bräutigam eben jener Hilde, freilich, ohne daß diese darum weiß. Der alte Gerboth hat sich von der Welt zurückgezogen und schafft in aller Stille. Hilde wird von ihm behütet und betreut, daß es eine Art hat. Sie ist die Tochter einer Dame, die — als Gattin Gerboths — Temperament und etliches darüber hinaus besaß. Aus Angst, Hilde könne ihrer Mutter nachschlagen, läßt sie der alte Gerboth nicht von sich. Sie ist absolut naiv und ahnungslos. Sie weiß nicht Musik, Tramway, Kino, Theater, Börse, Bordell, Liebe, Geld, Börse (absichtlich 2 Mal) — kurz: was Leben ist. Das weiß sie nicht. Sie ist 20 Jahre alt. Und Franz ist ein Schwächling, ein thraniger, limonadiger Hampelmann. Er muß kurz nach Günthers Ankunft verreisen. Infolgedessen Solo-Szene zwischen Günther und Hilde. Aussprache — er schildert ihr die Welt und das Leben. Sie — die Freiheit lockt — verliebt sich in ihn. Sie will hinaus — in die sogenannte Welt. Sagt’s ihrem Vater. Der refüsiert. Hilde knickt zusammen. Günther trifft sie — tatsächlich durch Zufall! (Ich glaub’s! Wer noch?) — ein zweites Mal. Er redet ihr energisch zu. Franz kehrt zurück (aber das ging fix!) und erfährt durch Günther selbst, daß er, G., Hilde liebt und überhaupt: daß was los war. Franz zum alten Gerock oder Gehrock oder Gerboth: Höre mal, so und so — — und Gerboth spricht gründlich mit seinem Töchting. Klamauk. Sie will Franz nicht. Sie will Günther. Und in die Welt hinaus. Bon. Am Tag drauf hält Günther um ihre Hand an beim alten Klopstock. Der sagt Nein. Da sagt Günther: Dann heirat ich Ihre Hilde gegen Ihren Willen. Bumms. Aber der Alte — philosophisch! — gestattet eine letzte Aussprache zwischen Hilde und Günther, worin sie ihm erklärt, er dürfe hoffen, wenn er vor sie hinträte.
Am nächsten Tag reist Günther nicht ab, oh nein. Er kann nicht: eine richtige Lawine hat sich bemüht, herniederzugehen, und das ist ihr auch gelungen. Aber die gute Hilde, die irgendeinen Schafhirten hat retten wollen vom Hungertode, gerät mitsamst ihrem Freßkörbchen und dem Bernhardiner (aha!) in sie (die Lawinije) hinein.
Na, und Günther rettet sie selbstredend.
Na, und dann kriegen sie sich.
Na, und das ist ja die Hauptsache.
Das Buch schließt (auf Seite 253!) mit den Worten Günthers:
«Wagen wir es denn zusammen, Hilde!»
Und nun sind sie glücklich, und uns entpullert eine Träne.
Ich setze das Romänchen fort:
Am 12. Sept. 1916 fällt Günther in der Sommeschlacht (das Buch spielt nämlich direktemang im Weltkrieg).
Daraufhin begeht seine Frau einen ganz totsicheren Selbstmord.
Daraufhin kriegt ihr Vater einen geharnischten Schlaganfall.
Sela.
EHE
MANN und Frau faulenzen auf dem Diwan. Der Mann ist am Einschlafen. Die Frau wird von Halbträumen umfangen.
Eine Fliege summt.
Die Glocken einer fernen Kirche baumeln.
— — — Der Mann ächzt, räkelt sich, fragt: «Sind das Glocken?»
Die Frau horcht. «Das sind doch keine Glocken. — Das ist eine Fliege.»
«Unsinn. Das ist doch keine Fliege. — Das sind Glocken.»
«Das ist eine Fliege.»
«Das sind Glocken.»
Beide horchen.
Der Mann: «Selbstredend sind das Glocken. — Warum wird denn geläutet?»
Die Frau: «Ich werde doch Glocken von einer Fliege unterscheiden können! Ich höre keine Glocken. Das ist eine Fliege.»
«Das sind Glocken.»
«Wenn ich dir sage, das ist eine Fliege.»
«Herrgott, das sind Glocken. Das ist doch keine Fliege!»
«Das ist eine Fliege!»
«Das sind Glocken!»
«Na, da bleib’ bei deinem Glauben.»
«So etwas Dummes! Ich bin doch nicht verrückt. Natürlich sind das Glocken. — Ganz deutlich.»
«Eine Fliege ist es.»
«Wo ich genau die einzelnen Glocken heraushöre.»
«Was du alles fertig bringst. — Ich höre bloß eine Fliege. — Warum sollten denn jetzt die Glocken läuten?!»
«Ja, das möchte ich eben gerne wissen.»
«Du kannst dich drauf verlassen, das ist eine Fliege.»
Beide horchen.
Die Glocken haben aufgehört, zu summen.
Auch die Fliege läutet nicht mehr.
Der Mann denkt: Ekelhaft. So macht sie’s immer. Bei jeder Gelegenheit. Da ist einfach nichts zu wollen. Zum Auswachsen. — Eine Fliege! Lachhaft. — Aber da kann sie niemand davon abbringen. Sie bleibt bei ihrer Fliege. Es ist eine Fliege. Und wenn die Glocken hier in der Stube vor ihrer Nase läuteten, — — es ist eben eine Fliege. Albern. Wenn sie sich etwas einbildet, bleibt sie dabei. — Selbstredend waren es Glocken. — — — Mir einstreiten zu wollen, daß es eine Fliege war . . . .
Er schläft.
Die Frau denkt: Wenn es nicht zufällig mein Mann wäre, ich konnte ihn ohrfeigen. Das Schaf. Immer recht haben. Immer recht haben. Muß er. — Ich höre deutlich die Fliege summen. Nein, es sind eben Glocken. — — Ich kann sagen, was ich will: er bleibt bei seinen Glocken. — Jetzt, um die Zeit Glocken! — — — So ein Schaf! — — — Aber das ist jeden Tag so. — — — Das Kamel . . . .
Sie schläft.
Sie träumt von einer Fliege, die hoch auf dem Kirchturme geläutet wird.
Der Mann träumt von Glocken, die ihm über das Gesicht krabbeln.
Ganz leise fängt die Fliege wieder an, zu summen.
Es klingt wie fernes Glockenläuten.
ICH BIN, ICH WAR
ICH bin eine Blume. Ich blühe auf der Heide.
Ich bin eine Blume und blühe auf der Heide.
Da kommt eine Kuh und frißt mich ab.
Nun bin ich eine Blume gewesen. Nun bin ich keine Blume mehr.
Wie bin ich traurig!
— — — — —
Ich bin eine Kuh und grase.
Niemand merkt mir an, daß ich traurig bin.
Grasen ist fade, Kuhsein ist fade; als Blume hatte ich es besser.
Aber muß man als Kuh nicht stoisch sein und tragen, was man aufgebürdet kriegt?
Geduldig sein und grasen und sich fassen, möh. —
Es ist schließlich gar nicht so traurig, Kuh zu sein.
Die Sonne scheint, die Wiese duftet, der Himmel bläut — und da soll ich traurig sein?
Ich bin lustig.
Aber es ist nicht die Blumenlustigkeit, die mich durchglüht, es ist die Lustigkeit der Kühe.
Ich mache mutwillige Sprünge und möhe und muhe.
Die Welt ist schön, muh.
Muh, schön ist die Welt.
Und ich bin doch traurig!
— — —
Da kommen zwei vermummte Kerle. Die fackeln nicht lange: Einer packt mich hinterrücks und ringelt mir den Schwanz zusammen, das tut weh. Der andere schlingt mir eine Kette ums Gehörn und knufft mich. Sein Spießgeselle peitscht auf mich ein. Ich weiß nicht, was gehauen und gestochen ist.
(Einst war ich eine Blume.)
Man führt mich hinweg von meiner Wiese. Ade, du Wiese, ade!
— — —
In der Abendstunde erreichen wir ein Gehöft.
Einst war ich eine Blume, ich denke dran.
Blume bin ich nimmer; bin eine armselige, wehrlose Kuh, muh.
(Hilft mir der Stoizismus etwas?)
Rasch tritt der Tod die Kühe an: Eine Ledermaske mit einem bösen Stirnbolzen wird mir aufgestülpt — — — ein Schlag, und ich stürze hin. Da hilft kein Muhen.
Mit einem Rohrstock pfählt man mir das arme Hirn. Das macht mich traurig. Oder lustig? Ich weiß nicht, ich glaube, ich bin tot.
Kuh bin ich gewesen.
Blume bin ich gewesen.
Ich entsinne mich wirr . . . es ist mir, ja . . . vor langer, langer Zeit — war ich ein Falter. Aber ich weiß es nicht.
Daß ich Blume war, weiß ich mit Sicherheit. Ich lege meinen Huf dafür ins Feuer.
Es ist vorbei.
Bin weder Kuh noch Blume mehr.
— — — — —
Bin Wurst. Salamiwurst. Ich koste das Pfund 1.80 M.[2] Ich bin erstklassige Ware, elektrisch hergestellt.
Den Stoizismus habe ich behalten. Dennoch stimmt es trübe, Wurst sein zu müssen, wenn man Blume hat sein dürfen.
Ich bin mir Wurst. Ich nehme es hin. Muh. (Eigentlich dürfte ich als Wurst nimmer muhen. Ich nehme das Muh als anachronistisch zurück.)
Ich habe keine Freude mehr auf der Welt.
Ich bin eine kalte Wurst. Nichts tangiert mich.
Wenn ich mein Leben überdenke, so muß ich frank gestehen: Wurst sein, das ist das Schlimmste nicht. Mensch sein ist weitaus schlimmer!
Doch Kuh sein, das ist schöner als Wurst sein.
Das Allerallerschönste freilich war: Blume sein, Blume gewesen sein, Blume sein gedurft zu haben.
Mir war’s verstattet.
[2] Wer’s glaubt.
O Blumen, ihr seid glücklicher als Kuh und Wurst!
O Blumen, nichts auf Erden ist glücklicher denn ihr.
O Blumen — —
* *
*
Vom wurstigen Standpunkt gesehen, ist es vielleicht das Vorteilhafteste, Kuh zu sein.
Die Kuh ist besser dran als die Blume.
Denn während eine Kuh sehr wohl Blumen fressen kann, kann eine Blume nichts fressen.
Und eine Wurst kann auch nichts fressen: nicht Kuh, nicht Blume.
Kuh gewesen sein gedurft zu haben ist also — mit Vorbehalt — noch erhebender als Blume gewesen sein gedurft zu haben.
Ich wünsch’ euch eine gute Nacht und mir, wieder Kuh werden zu dürfen.
MÄRCHEN
ES war einmal ein Frosch, der konnte sich gewaltig giften, wenn seine Frau zu ihm quakte: «I, sei doch kein Frosch!»
Infolgedessen quakte die Fröschin den Satz bei jeder Gelegenheit. Der Frosch getraute sich überhaupt nichts mehr zu äußern. Sagte er etwas, so mußte er als Antwort hören: «I, sei doch kein Frosch!»
Da raffte er sich auf und nahm seine Ehefrau ernstlich ins Gebet, sie solle es fürderhin gefälligst unterlassen, den albernen Satz zu quaken.
«I, sei doch kein Frosch!» stereotypte die Fröschin. Es war mit ihr nichts anzufangen.
Sie war in der Ehe verblödet.
Da verfiel der Frosch, der keiner sein sollte, auf einen Ausweg: Er kam seiner Frau mit der Redensart zuvor und apostrophierte sie, wo immer er ihrer ansichtig wurde, mit dem Satze: «I, sei doch keine Fröschin!»
Er antwortete mit nichts anderem als mit diesem Satze. Er sagte nichts als diesen Satz. Er verkehrte mit seiner Frau nur noch auf Grund und unter Zuhilfenahme dieses Satzes.
Die Fröschin zeigte sich der Situation nicht gewachsen und ersäufte sich.
Der Frosch war kein Frosch und holte sich eine andere heim.
Moral: Ihr Frauen, reizet eure Männer nicht zum Äußersten und lasset sie gewähren, selbst wenn sie Frösche sind.
AUF DER OALM, DOA GIBT’S EINEM ON DIT ZUFOLGE KOA SÜAND!
DIE weitverbreitete Meinung, auf der Alm gäbe es ka Sünd, hat ihren Ursprung in dem sprichwortgewordenen Liedertext: «Auf der Alm, da gibt’s ka Sünd».
Selbstverständlich gibt es auf der Alm a Sünd.
Das wäre ja noch schöner, wenn es auf der Alm ka Sünd geben täte!
Von ka Sünd kann gar keine Rede nicht sein.
A Sünd gibt’s überall — namentlich auf der Alm.
Ich möchte sogar so weit gehen, zu behaupten: Wenn es überhaupt a Sünd gibt, so vor allem auf der Alm.
. . . . . . . . . .
Plötzlich erschallt draußen unter meinem Fenster das Gerassel und Gebimmel der Feuerwehr.
Ich armer, schwacher Mensch unterbreche mein Schreiben und stehe eilends auf, um nachzusehen, wo es brennt.
. . . . . . . . . .
Es war weiter nichts.
Ein Pferd ist gestützt.
Ich kann also in meinem Schreiben fortfahren.
Aber ich habe, offen gestanden, nicht mehr die rechte Lust dazu und stecke es auf.
Ein ander Mal.
Der Zensor würde die Geschichte ohnehin gestrichen haben; denn es geht toll zu auf der Alm. Ich habe Beweise.
PETERLE
Ein Märchen
PETERLE war ein gutes Kind und machte dennoch seinen Eltern großen Kummer.
Wie ist das möglich?
Es lag an Peterle.
Peterle hätte nicht soviel träumen sollen, bei Nacht nicht und bei hellerlichtem Tag nicht. Peterle träumte, wo sie ging und stand; wo sie lag und saß. Sie träumte immerfort. Nichts war mit ihr anzufangen, kein vernünftiges Wort mit ihr zu reden. Sie spielte nicht die Spiele ihresgleichen; sie spielte nicht mit anderen und nicht für sich allein — sie puppelte nicht einmal! Nein, von Puppen mochte sie gar nichts wissen.
Und was das Tollste ist: Peterle wollte durchaus ein Junge sein, obwohl sie doch ein Fräulein war. Sie behauptete, sie sei ein Junge namens Peterle, und damit holla! Sie und ein Mädchen — haha! «Ich bin ein Junge» verkündete sie jedem, der es wissen wollte, und beharrte eigensinnig auf diesem ihrem Vorurteil.
Peterle hatte ihre lustigen Seiten. Nicht nur die, daß sie ein Junge sein wollte, sondern vor allem ihre Person, ihre «Erscheinung», ihr «Äußeres».
Peterle war winzig klein, aber dafür dick wie ein Moppel. Sie hatte eine kurze, umgestülpte Nase, zwei wasserblaue Guckaugen und einen verschmitzten Mund. Aber das Putzigste an ihr war die Frisur: sie trug die spärlichen, bindfadendünnen Zöpfchen in zwei Schnecken prätentiös über die Ohren geringelt! Und die Zöpfe waren strohgelb.
Und doch war sie den Eltern ein Persönchen — Gegenstand kann man wohl nicht sagen — argen Kummers.
Während andere Eltern prahlten und Stolzes voll die Taten, Antworten und sonstigen Äußerungen ihrer «aufgeweckten» Kinder zum besten gaben, empfanden Peterles Eltern schmerzliche Beschämung, wenn sie von ihrem Mädelchen nichts aussagen konnten als: «Sie träumt.»
Peterle tat nämlich nichts als Träumen. Stundenlang saß sie hinterm Ofen oder auf dem Boden und träumte für sich hin. Wovon sie träumte, das erfuhr kein Mensch; denn sie teilte sich nicht mit, sondern behielt alles fein im Herzen.
Aber sie war nun schon fünf Jahre alt und sollte über ein dreiviertel Jahr bereits zur Schule.
Noch hatte sie große Ferien. Waren die erst einmal verstrichen, diese sechsjährigen großen Ferien, dann stand es bös.
Ach, es würden trübe Zeiten kommen für Peterle; denn war sie erst schulpflichtig, mußte die Träumerei ein Ende nehmen.
Die Eltern wußten sich keinen Rat und hätten ihr Kind am liebsten der Schule ferngehalten.
Da erschien eines Tages — und zwar an jenem, der jenem, an welchem sie ihr fünftes Lebensjahr vollendete, vorausging — dem Peterle eine Fee. Keine großartige, sondern eine ganz gewöhnliche Fee, wie sie täglich dutzendweise den braven Kindern erscheinen.
Diese Fee stellte dem Peterle einen Wunsch frei. Sie dürfe sich zu ihrem morgigen Geburtstage etwas wünschen — gleichviel was —, der Wunsch werde in Erfüllung gehen.
Peterle schwankte keinen Augenblick, obwohl sich tausend Wünsche auf ihre niedliche Zunge drängen wollten.
Sie wünschte sich das Schönste, das sie sich je hatte ersinnen können: Schnee. — Sie wünschte sich Schnee. — Sie wünschte, daß zu ihrem Geburtstage Schnee fiele.
Die Fee runzelte die Stirn, aber da sie sich keine Blöße geben wollte, sprach sie: «Es wird geschehen; was du wünschest. An deinem Wiegenfeste soll es schneen.»
Und verschwand, nicht ohne einen merklich holden Duft zu hinterlassen.
Klein-Peterle hüpfte nicht und tanzte nicht vor Freuden, sondern träumte weiter in sich hinein — wenn auch in einer mäßig aufgeregten Erwartung und Neugier. Sie träumte dem Geburtstage entgegen.
Die Fee setzte schleunigst alle Hebel in Bewegung; denn es war kein Kleines, des Peterles Wunsch zu erfüllen und Schnee fallen zu lassen.
Es sei eine kurze Unterbrechung verstattet: wann beginnt ein Geburtstag?
Zweifellos in der Sekunde, womit der Geburtstag selbst anhebt, mithin nach Ablauf der zwölften Stunde des Vortages.
Es hätte demzufolge unmittelbar auf den zwölften, mitternächtigen Glockenschlag desselben Tages, an dem die Fee bei Peterle vorsprach, zu schneen einsetzen müssen. Indes sind Feen und Kinder nicht so spitzfindig wie die Herren Juristen, die gewißlich zunächst untersucht haben würden, ob die Äußerung des Wunsches jenes Kindes namens Peterle (unvorbestraft, besondere Merkmale: prätentiöse Schnecken) die Bedingung in sich geschlossen habe, daß es den geschlagenen Geburtstag oder nur überhaupt am Geburtstage schneen solle usw., — und daher zerbrach sich die Fee ihren anmutig geformten Kopf nicht über Dinge, die das Kopfzerbrechen nicht verlohnen, sintemal ihr aus der eigenen Jugend wohl bewußt war, daß für jegliches Kind der Geburtstag dann anfängt, wenn es erwacht und sich der Tatsache, daß heut’ Geburtstag ist, bewußt wird.
Peterle erwachte erst gegen neun Uhr.
Ihr erster Blick fiel durch das Fenster auf die Straße hinaus.
Peterle jubilierte: Schnee!
Es schneete wirklich! Und zwar in glitzrigen, silbrigen Flöckchen, in zierlichen.
Peterle freute sich unbändig. Nicht, weil es schneete; auch nicht, weil die Fee den Wunsch erfüllt hatte, sondern, weil sie — Peterle — den Schnee (indirekt) selbst «gemacht» hatte.
Es war ihr Schnee, der da draußen fiel.
Sie ließ zu ihrem Geburtstage Schnee fallen.
Schnee — zu ihrem Geburtstage!
Ihr meint, das sei nichts Besonderes?
Oho, da muß ich sehr bitten: das ist etwas ganz besonders Besonderes!
Peterle ist nämlich am elften Juni zur Welt gekommen.
Nun stellt Euch vor: an einem elften Juni schneete es!
War das nicht Grund genug für Peterle, sich des Schnees zu freuen und den ganzen Geburtstag am Fenster zu kauern und in den Schnee zu gucken?
Ich denke doch.
Peterle saß denn auch am elften Juni unerschütterlich am Fenster und war glücklich über den vielen, vielen Schnee, der da vom Himmel heruntergeschüttet wurde.
— —
Es ist nichts mehr von Peterle zu erzählen. Sie hat ihren Schnee gehabt und weiter geträumt, bis sie zur Schule mußte. Und der Rohrstock des Lehrers erwies sich — bezüglich der Träumereien — als ein besserer Pädagog als die verhätschelnde Liebe der Eltern.
Es wäre vielleicht dem oder jenem Leser angenehm gewesen, wenn sich herausgestellt hätte, daß Klein-Peterle Fieber gehabt hätte und an ihrem Geburtstage (nach Erledigung der «Schnee-Vision») ein Englein geworden sei. Sozusagen: der «tragische» Tod eines Kindes.
Oh nein! Peterle hat kein Fieber gehabt — und der Schnee war wirklicher, echter Schnee.
Meine Eltern wohnten damals in derselben Straße wie Peterles Eltern, und ich bin Zeuge — ich erinnere mich noch deutlich —, daß es im Jahre 18 . ., am elften Juni den lieben, langen Tag über ununterbrochen geschneet hat. Allerdings nur in unserer Straße und sonst nirgends. Das war damals ein allgemeines Verwundern und Kopfschütteln in Klotzsche — in Klotzsche hat sich der Schneefall begeben! —, und meine Eltern und wir alle haben nichts damit anzufangen gewußt, bis mir vierzehn Jahre später Peterle selbst von ihrem Geburtstagswunsche und der Fee berichtet hat.
Peterle ist nämlich meine Frau geworden. Aber eine Fee ist ihr nicht wieder erschienen. Ich glaube, daran bin ich schuld.
IM FLÜSTERTONE
Abziehbilderbogen