Der Tag von Stralsund.
Herzog Erich von Pommern kam auf den Thron der drei nordischen Königreiche, als die Königin Margarete im Jahre 1412 gestorben war. Der neue König, eine stattliche Erscheinung, anfangs bei seinen Untertanen beliebt, trat in eine offene Gegnerschaft zur Hanse. Seine Feindschaft brachte er durch die Einführung des Sundzolles zum Ausdruck, seinen Zweck, den deutschen Handel durch die Sperrung des Sundes zu schädigen erreichte er nicht; vielmehr wurde er gerade durch diese Maßnahme in einen erbitterten Krieg mit der Hanse verwickelt, den er schließlich sogar verlor.
Im Jahre 1426 rüsteten Lübeck, Hamburg, Rostock, Stralsund, Wismar und Lüneburg zum Kampfe gegen ihn, mit ihnen der Herzog von Schleswig-Holstein. In jenen bewegten Zeiten erregte die Einwohnerschaft Stralsunds am 4. Mai 1429 allerlei Kriegsgeschrei; der Schall der Kartaunen und Donnerbüchsen erweckte sie aus dem Morgenschlafe. König Erichs Gemahlin hatte unbemerkt eine Flotte von siebzig Fahrzeugen ausgerüstet und mit zwölfhundert Gewappneten bemannt, um die Stadt Stralsund einzunehmen. Die Mannschaften landeten unbemerkt und waren nun bereit, einen Überfall auf die Stadtmauern zur Ausführung zu bringen.
Wilhelm Jensen, der treffliche Romanschriftsteller, der besonders hansische Geschichte in seinen Werken behandelt, erzählt auch den Überfall von Stralsund; seinen Ausführungen folge ich bei der Wiedergabe der nachfolgenden Schilderung.
An den Hafenmauern staute sich die Menge, wildes Kampfgetöse erschallte dort, und hastig eilten in Wehr und Waffen immer neue Bürger dorthin. Sie trafen noch rechtzeitig ein, um der bedrängten kleinen Mauerwache Hilfe zu bringen. Immer dichter drang der Feindesschwarm heran; auf Sturmleitern suchten sie die Mauerhöhe zu erklimmen. Die Stralsunder hatten genug zu tun, um die Vorwitzigen, die die obersten Sprossen der Leitern erreicht hatten, in die Tiefe zu stürzen. An der Ladebrücke lagen die feindlichen Schiffe Mast an Mast. Drohend sahen die Geschütze von den Schiffskastellen nach der Stadt hinüber.
Unbemerkt, im Nebel der Nacht war die Flotte herangekommen, und siegesgewiß hoffte sie diesmal die Hansestadt zu erobern. Jedoch die Rechnung war ohne die Stralsunder gemacht. Bald standen genügend Bürger an der Stadtmauer bereit, die Angriffe der Feinde abzuwehren, die trotz ihrer Überzahl gegenüber der gewaltigen Mauerstärke nichts ausrichten konnten. Von den Schiffskastellen wurde der Angriff unterstützt. Die Bliden (Wurfmaschinen) der Schiffe schleuderten schwere Steine, Fässer mit Brennstoff und Tonnen mit Stinkpulver auf die Stadt; um diesen Einwirkungen zu entgehen, hielten die Verteidiger ihre Nasen mit Tüchern zu. Doch wie sehr auch die Dänen sich anstrengten: die Bürgerschaft unter der Anführung des Bürgermeisters Klaus von der Lippe, der die Seinen mit Umsicht führte, schlug die dänischen Gewappneten zurück. Als diese die Aussichtslosigkeit ihres Beginnens einsahen, stürmten sie fort, und in sinnloser Wut zerhieben ihre Fäuste alles, was in der Nähe der Ladebrücke erreichbar war. Das Kloster St. Jürgen und andere Bauwerke, die gleichfalls außerhalb der Stadtmauer lagen, wurden ausgeplündert und in Brand gesetzt. Den mutvollen Bürgern riefen sie ein uraltes Schimpfwort zu: „Tüdske Garper;“ es heißt so viel wie „Deutsche Läuse“. So tobten die Dänen vor den Stadtmauern mit Mordgeschrei bis gegen Mittag umher, und da durch dies Beginnen die Stadtmauern nicht fielen, blieb ihnen nichts andres übrig, als die Segel zu setzen und zu verschwinden, sie fuhren durch den Strelasund nach Südost davon.
Ingrimmig stand Klaus von der Lippe auf der Stadtmauer und schaute den enteilenden Schiffen nach, wutentbrannt über die Zerstörung, die sie am Hafen angerichtet hatten. „Wenn sie hier einer festhielte,“ so dachte er, „dann würde ich ihnen den ‚Lausekerl‘ heimzahlen!“ Ein schöner Maitag war’s, kühl und kräftig blies der Nordwind, der die Dänenflotte von Norden her hereingebracht hatte; aber den Schiffern schien es, als würde der Wind bald nach Osten umspringen.
Klaus von der Lippe, begleitet von den Ratsherren und einer vielköpfigen Menge von Bürgern, stieg zur Ladebrücke am Hafen herunter, um die Zerstörungen zu betrachten. Plötzlich rief irgend jemand aus der Menge: „Seht dort die Segel, die Dänen kommen um Rügen zurück!“ In der Tat machte es den Eindruck, als sei es die Dänenflotte, die dort mit einem Schwarm durch den Wind mächtig aufgebauschter Segel zurückkehrte. Aber schon riefen die andern Stimmen: „Das sind Hansen, sie führen die Danziger Flagge!“ Nach einiger Zeit des Wartens und des Zweifelns bewahrheitete es sich, daß es Hansen waren, die sich draußen auf der See getroffen hatten und, wie’s Schiffsgebrauch war, zusammenhielten, um gemeinsam nach Stralsund hineinzufahren. Und da ihnen bei der Einfahrt der Wind von Osten her entgegenstand, nahmen sie ihren Kurs um Rügen und liefen jetzt segelgeschwellt auf Stralsund zu, ohne zu ahnen, was hier sich am Morgen zugetragen hatte. Die erste unter den Koggen mit der Danziger Flagge war ein neuerbautes Fahrzeug des Altbürgermeisters. Auf dem Vorderkastell stand der Sohn des gestrengen Herrn, der junge Jörg von der Lippe. Sobald der Alte des Sohns ansichtig wurde, leuchtete sein faltenreiches Gesicht, und seine mächtige Gestalt durchzuckte es. Mit großer Stimme rief er über die Menge hin: „Wahrlich, euch schickt der Himmel, ihr Danziger; wollt ihr uns helfen, die Dänen zu züchtigen? Seht hier, was sie verübt haben. — Dort sind sie hinaus!“ Er streckte die Hand gen Süden. „Weit können sie noch nicht sein, denn der Wind greift um, und sie können nicht aus der Enge hinaus!“ Ein ungeheures Stimmgetöse warf den Ruf zurück und wälzte sich dann fort durch die Straßen der Stadt. Allüberall ertönten die Rufe: „Auf die Dänen, auf die Dänen, alle Mann auf Deck! Die Danziger stellen ihre Schiffe zur Verfügung, jetzt Kraut und Lot und Bombarden[11] geholt!“ Die Stadt schien einem Ameisenhaufen zu gleichen, alles rannte und schleppte irgend etwas herbei, und emsige Scharen eilten zu den Hafentoren.
In den Hansestädten kannte man in dringlichen Fällen die schnelle Ausrüstung der Frachtfahrzeuge zu Kriegsschiffen.
Kaum waren einige Stunden vergangen, da fuhren schon die sechs Koggen als Orlogschiffe gerüstet hinaus zum Kampf. Auf jedem Schiffe standen hundert bewaffnete Bürger, dazu schauten drohend die Geschütze aus den Kastellen hervor; in den Mastkörben standen Knallbüchsen mit Hakenschützen, und zu ihnen hatten sich noch die Armbruster gesellt. Niemand von ihnen dachte an die zehnfache Übermacht der Dänen. Sie alle waren geblendet von dem Gedanken: der Sieg muß uns werden.
Kaum hatten die hansischen Koggen die kleine Insel Hela passiert, die nur eine Viertelmeile vom Hafen entfernt liegt, da schwärmte die ganze dänische Flotte gegen sie heran. Der heftige, nach Osten umgeschlagene Wind und die hochgehende See versperrten den Dänen den Ausweg in den Greifswalder Bodden; sie wollten darum ihren Kurs an der Stadt vorüber durch den Gellen[12] nehmen, ahnten jedoch die Gefahr, die sich ihnen in den sechs deutschen Schiffen näherte, nicht.
Vom Gellen her kam noch der Wind. Er füllte die hansischen Segel, und die Dänen, vom Ostwind getrieben, rauschten heran. Ein eigenartiges Schauspiel! Im Augenblick hatten die Geschwader die zwischen ihnen liegende Lücke durchfahren. Ein halbes Dutzend Hansen gegen siebzig Schiffe der Dänen! Und die Berichte der Zeitgenossen sprechen davon, es hätte ausgesehen „wie Kirchen neben Kapellen“. Zuschauer waren eine Menge da. Auf der Stadtmauer drängte sich das Volk, Greise, Weiber und Kinder, um das Schauspiel zu genießen, das sich ihnen darbot, denn seit Jahrhunderten war so etwas nicht geschehen. Fast im Hafen entbrannte die mörderische Seeschlacht. Doch einen deutlichen Ausblick konnten sie nur für kurze Zeit genießen, bald war alles in dichten Pulverrauch gehüllt. Nur von Zeit zu Zeit, wenn der Wind hindurchstrich, war ein Durchblick möglich, dann zeigte sich die weiße Linie der Schiffe, um bald wieder zu verschwinden. Hier und da zuckten Flammen auf und erloschen wieder, dann wiederum rauschte das Meer, um ein sinkendes Schiff aufzunehmen.
Des Bürgermeisters Kogge segelte auf das vorderste Dänenschiff los und hatte dies bald mit seinem eisernen Sporn niedergerannt, ohne daß eine Gegenwehr möglich war. Von den Schiffskastellen krachten die Kartaunen, von den Mastkörben herunter schossen die Haken und Arkebusen in die nächsten Feindesfahrzeuge hinein. Die Enterhaken und fünfarmigen Anker an leichten Ketten flogen nach ihnen aus und hielten die nächstfahrenden Schiffe gepackt, und wie ein wütender Bergstrom stürzten die Stralsunder über die Schiffsbrüstungen, schlugen und stießen auf die überraschten Dänen ein. Ehe die nachfolgenden Dänenschiffe begriffen hatten, was vorn geschah, war nahezu ein Dutzend der Dänenfahrzeuge zum Sinken gebracht, überrannt oder durch Feuer zerstört. Dann erkannten sie vor sich eine neue gewaltige Kogge als Verderbenbringerin; diese bot nun das neue Ziel des Kampfes. Doch jetzt kamen die fünf anderen Hansen heran, fielen den Angreifern in die Flanke, und das Getöse der Waffen, das Donnern der Bombarden überhallten den Kriegsruf: „Dudesche Hanse!“[13] Immer dichter wurde das Gedränge, und im Handgemenge entstand unter den eng zusammengedrängten Schiffen der Dänen eine große Wirrnis. Sie konnten die Zahl der Gegner nicht bemessen, und während die Dänen noch abschätzten, wurden sie vom Enterhaken leicht gefaßt und von den hochbordigen Hansenschiffen, die sie weit überragten, festgehalten. Die Holzleiber der Schiffe krachten, und durch die zerstörten Planken stürzten wild jauchzend die Hansen hinein. Schonungslos schleuderten die mutigen Stralsunder brennende Pechkränze auf die ineinandergetürmte Masse, und hellauf leuchteten die lodernden Flammen, die den Dänenschiffen den sicheren Untergang brachten. „Das war eine Mandel,“ schrie irgend jemand, „lat uns dat Schock voll machen, dor krupen noch veel to veel Garper up’t Water rüm!“[14] Wilde Scherze wurden laut im Kampfe zwischen den hansischen Kaufleuten und den Dänen. Manch einer der bewaffneten Stadtbürger mußte sein Leben lassen. Unter den todesmutigen Scharen der Bürger räumten in der Schlacht Spieß und Kugeln auf, aber für jeden Stralsunder fielen mindestens zehn Dänen, versanken im nassen Wellengrabe oder deckten als Leichen die Trümmer ihrer Schiffe, die durch das Spiel der Wellen auf die Sandbänke der Insel Strela geworfen wurden. Schon nach der ersten verlustreichen Stunde des Kampfes erkannten die Dänen, daß nur die Flucht ihnen Rettung bringen konnte, denn auf zu engem Raum hatten die nordischen Schiffe den Kampf zu führen; die Fahrzeuge, die nicht enteilen konnten, blieben dem sicheren Untergange geweiht.
Klaus von der Lippe schlägt die dänische Flotte.
Von Professor Hans Petersen.
In diesem Getümmel schuf sich Jörg von der Lippe mit seiner Kogge freie Bahn. In geringer Entfernung entdeckte er eine feindliche Kogge, die der seinen an Größe gleichkam. An ihrem Hauptmaste flatterte ein mächtiges Wappen der drei skandinavischen Reiche, und in der Mitte spreizte der pommersche Greif seine Fänge. Es war das Admiralsschiff der Dänen. Im Augenblicke der Annäherung erkannten die Stralsunder auch auf dem Vorderkastell den Befehlshaber; in blinkender Panzerrüstung stand er hochaufgerichtet da, und ein auf der Rückseite schwer befederter Helm deckte den Kopf. Tollkühn ließ er den Kampf mit dem Schiff der Hansen aufnehmen. Die Schiffswände knatterten und krachten aneinander, es rasselten die Ketten der bereitgehaltenen Enterhaken und Wurfanker, dazu erschollen als Musik die gegenseitigen Schlachtrufe „Dudesche Hanse!“ und von der Seite der Dänen „Tüdske Garper!“ Unentwegt tobte der Kampf; als Jörg von der Lippe sich zum Schwunge auf das feindliche Schiff bereit machte, traf ihn ein Bolzen am Schulterblatt. Von der Wucht des Anschlages taumelte er für einen Augenblick, wie gelähmt fiel sein Arm schlaff herunter. Bestürzt hielten seine Leute im Kampfe inne, auf dem Schiff des Feindes ertönte darob großes Freudengeschrei. Nur kurze Zeit währte die Ohnmacht des jungen Schiffsmeisters, und schon rief seine hellschmetternde Stimme: „Los auf den Feind!“ Zu rasch erkannte der feindliche Führer das Schwierige seiner Lage und die Gefahr, der er sich ausgesetzt hatte. Er benutzte den Augenblick der Verwirrung, ließ die feindlichen Enterhaken kappen und seine Kogge mit Klüverstangen abdrängen; die Flucht allein bot ihm Rettung. Mit ihm entkamen nur noch Reste der stolzen dänischen Flotte, die Stralsund den sicheren Untergang bereiten sollte. Dies war Stralsunds Ehrentag, einen schöneren und größeren hatte die Stadt nie gesehen. Die Insel Strela verlor ihren Namen und hieß von nun an Dänholm.