Das neunzehnte Kapitel.
Der Amtsgerichtsrath war durchaus nicht der Meinung seines jüngeren Collegen.
„Ein Narr,“ sagte er, „und nicht schlimmer wie Andre, die lose rumlaufen. Lassen Sie ihn laufen, Salvatius!“
Der Andre machte Vorstellungen. Er war ein hagrer, dünner Herr und neigte zu einer pessimistischen Weltauffassung, während der Gerichtsrath in seiner rosigen, behäbigen Fülle auch Alles rosig sah. Die Specialität dieses Ersteren waren Majestätsbeleidigungen. Er sah diese überall. Er roch sie, witterte, zog sie hervor aus den gröbsten Verwicklungen. Irgendwie wurden alle Verbrechen das bei ihm. Sie waren es ja auch insofern, als die Majestät für ihn die Autorität Gottes auf [pg 358]Erden vertrat. – Er war schlimmer wie ein römischer Statthalter.
„I bewahre!“ sagte der Amtsgerichtsrath. „Wo wollen Sie das nun wieder rausschinden? Schliesslich, wenn wir das Vaterunser beten, ist das auch eine Majestätsbeleidigung. – Dreck sind wir Alle.“
Der Dünne blinzte, unangenehm berührt. Der Assessor drehte die Daumen. Er lernte noch. Dann war er von Berlin hierher versetzt, konnte nur jeden Sonnabend nach Hause. Er lebte von Sonnabend zu Sonnabend. Auch hatte er die Absicht, Carriere zu machen. Deshalb achtete er abwechselnd auf seine beiden Vorgesetzten. Der Dicke gefiel ihm um seines heiteren Cynismus willen. Aber der Eifer des Andern imponirte ihm. So wurde man was.
Der gelbe Herr behauptete, dass Unruhen kämen, die Leute liefen zusammen; „na, und wenn die Lausewenzel des Sonntags ein bischen weniger söffen?“ – Ueberdies hatte der Pfarrer Gentz eine Denunciation eingereicht.
„Nur weil er ihm in’s Handwerk pfuscht, seine Kunden stiehlt. Die Pfaffen! – Das hackte sich am liebsten gegenseitig die Augen aus. Dadran sehen Sie’s schon. Predigte er den leibhaftigen Satan, [pg 359]ginge es noch. Dann hätten sie Wasser auf ihre Mühlen. Dasselbe sagen wie die Herren Pastoren! Die verbrennten uns Christus heute noch.“
Der Assessor lachte. Die Ausfälle gegen die Clerisei amüsirten ihn. Er konnte auch die Pfaffen nicht leiden. Trotzdem – ein leichter Anflug von Semitismus haftete ihm an – deswegen war er kirchlich.
„Sie beleidigen einen hochachtbaren Stand,“ sagte der Gelbe bitter. „Die Geistlichkeit hat eine Pflicht im Staate. Sie sind gleichsam – die Gewissenspolizei.“
„Ich verlasse mich lieber auf unsern Pommeränicke. Sehen Sie, zum Ketzerrichter bin ich nun mal verdorben. Aber wenn Einer lange Finger macht, gar zu übermüthig wird, dann giebt’s was drauf. Das hält die Gesellschaft zusammen.“
„Es giebt sehr Vieles, was vielleicht schlimmer ist.“
„Das überlasse ich feineren Nasen. Es wäre doch ungemüthlich schliesslich, allein als Krone übrig zu bleiben und am Ende entdeckte man in sich selbst unerlaubte Magenbeschwerden. Eine gewisse mittlere Dickhäutigkeit macht allein das Leben auf diesem mangelhaften Planeten für sich [pg 360]und Andre erträglich. So’n Rhinoceros ist das philosophische Vieh. Alle Stoiker bleiben Waisenknaben dagegen.“
Der Dicke ging seinen Amtsgeschäften nach, ohne sich dadurch den Appetit verderben zu lassen. Selbstmörder, die er zu recognosciren hatte, theilte er in Krammetsvögel und Rohrdommeln ein, Erhängte oder Ertränkte. Eigentlich war er beliebt. Er vertrat eine praktische Nothwendigkeit. Die armen Teufel liessen die Köpfe hängen und ergaben sich in ihre Strafe. Er begrüsste die Rückfälligen auch stets wieder mit derselben Jovialität. Unter der Hand war er wohlthätig. Manches arme Weib hatte sich seine Mark fünfzig oder drei Mark Conventionalstrafe für Holzsammeln, Beerensuchen von ihm zugesteckt gesehen. Eine gewisse rüde Ausdrucksweise ging dabei mit in den Kauf. Er nannte das patriarchalisches Regime.
Ganz anders der Gelbe. Die Angeklagten waren von vornherein seine persönlichen Feinde. Er suchte sie noch privatim möglichst zu zerknirschen. Nichts konnte ihm mehr Freude machen, als solche, die sich erhängten, Weiber, die sich in Zuckungen auf der Erde wanden. In Alimentationsklagen trat er nie ein, ohne das Frauen[pg 361]zimmer vorher gründlich zu verdonnern. Ueberhaupt Unsittlichkeit! Er hatte dann ein Gefühl des lieben Gottes, eines Rhadamanthus. Zum allgemeinen Besten musste man unbarmherzig sein, während der Dicke sich vorgenommen hatte, dann lieber nach der andern Seite zu sündigen, die Sittlichkeitsfrage von vornherein ironisirte.
Die leichtherzige Auffassung des Collegen hatte den Andern geärgert. Er fand den Fremden im Gegentheil höchst gefährlich, staatsauflösend. Dabei blieb der Kerl heimlich, verstockt. Er liess sich nicht fangen.
„Sie sind Communist?“ fragte ihn der Vorsitzende. „Sie predigen den Communismus?“
„Was mein ist, ist meines Bruders.“
„Wenn er es nicht giebt?“
„Es ist nicht an mir zu fordern.“
„Ich habe gehört, dass Sie auflösende Tendenzen gegen die Ehe predigen? Wie denken Sie darüber?“
„Nicht die Ehe ist unheilig, die Unkeuschheit macht sie so.“
„Wie ist denn aber eine Ehe möglich ohne physischen Umgang?“
„Das wäre allerdings die Radicalcur für alle [pg 362]unsre Gebresten,“ sagte der dicke Amtsgerichtsrath. Er fand die Idee höchst spasshaft.
Man wollte wissen, ob er sich weigerte, Militärdienst zu thun?
„So mich Keiner angreift, wozu brauche ich Soldaten? Wenn ich angegriffen werde, ist es mir besser, Unrecht zu dulden, als Unrecht zu thun ...“
„Das bricht den Gehorsam gegen das Gesetz.“
Er wies auf ein Cruzifix, das neben dem Richterstuhl hing, zu Eidesleistungen gebraucht wurde: „So Er Euch Gesetz ist, was braucht Ihr Gesetze?“
Sie fragten: „Was bezeichnen Sie als sein Gesetz?“
Er sprach: „Es steht geschrieben: Wer gestohlen hat, der stehle nicht wieder, sondern schaffe mit seinen Händen, auf dass er habe zu geben dem Dürftigen. Du sollst Deinem Bruder vergeben sieben mal siebenzig mal. Und was Du nicht gethan hast diesem Geringsten Einem, das hast Du mir nicht gethan.“
„Ein geschriebnes Recht muss sein um der Ordnung willen,“ warfen sie ein.
„Ich sehe nur Unordnung. Ihr habt täglich zu thun mit Solchen.“
„Das sind Ausnahmen.“
„Die Andern bleiben in der Regel, weil sie den Vortheil davon haben.“
„Er ist scharf wie ein alter Fuchs,“ schmunzelte der Amtsrichter.
„Ohne Zwang ist in menschlichen Dingen kein dauerhafter Zustand möglich.“
„Der Zwang trifft nur die Aeusserung. Er ändert die Gesinnung nicht. Die mächtig genug sind, verachten ihn, und diese sind die stärksten, die das Beispiel geben.“
„Da hat er, den Teufel! nicht Unrecht. Unsre Banquiers und Minister könnten davon ein Liedchen singen.“
„Glauben Sie, dass dieser Zustand ohne Gesetzlosigkeit, ohne Mord und Todtschlag je möglich sein wird?“
„Wenn Jeder sich selbst Gesetz ist.“
„Dann hat’s gute Weile.“
Der Gelbe wollte wissen, ob er Seine Majestät den König anerkennte?
„Wenn Unordnung ist, ist es gut, dass Einer sei. So aber Ordnung ist, wozu ist ein Herr?“
Der Feierliche fand, dass darin doch eine Majestätsbeleidigung läge, zum Mindesten Zweideutigkeit.
„Glauben Sie an Gott?“
Er glaubte natürlich nicht. Der Pfarrer hatte es haarklein bewiesen, Aussprüche zusammengestellt. Ein ganz hohler Pantheismus war vielleicht vorhanden.
Der Assessor fand, ein paar Monate könnten nichts schaden. Man musste sich schneidig zeigen.
Der joviale Amtsrichter war dagegen: „Er hat nicht gestohlen, thut Keinem was zu Leide. Lassen Sie ihn laufen!“
Der Assessor langweilte sich. Er fand, dass es für ihn überhaupt nicht der Mühe werth sei, sich mit einem abgerissnen Strolch länger zu beschäftigen. Man hatte genug zu thun, Beleidigungen socialistischer Redacteure aufzunehmen. Das machte einen guten Eindruck nach oben. Er sah sich gern als Präsidenten des Reichsgerichts in scharfer, schneidender Rede die Gesellschaft retten. Das war vornehm gewesen seit Jeffrey’s Zeiten. Aus diesem Grunde opinirte er auch gegen Dreyfus.
Den Vorsitzenden verfolgte die fixe Idee der [pg 365]Majestätsbeleidigung: „Ob man die Steuer zahlen sollte?“ wollte er wissen.
„Ist sie für das Allgemeine, so ist es billig, dass ein Jeder trage. Ist sie nicht, so mag der tragen, der sie braucht.“
Sie stellten ihm eine Menge Fragen, woher er käme, was sein Name und Stand sei? Auch über seine Geldverhältnisse wollten sie wissen? Wovon er sich ernährte?
Auf dieses Alles antwortete er nicht.
Nun fingen sie an, Erkundigungen anderweitig einzuziehen. Es gab Leute, die es beschworen, dass er ein Joseph Schäppli aus Bing in Württemberg sei, der schon in seiner Jugend geistesgestört gewesen, seinen Eltern davongelaufen und dann verschwunden war.
Man that noch ein Uebriges. Da die alte Mutter Schäppli noch lebte, beschloss man ihn mit dieser zu confrontiren, sie auf Gerichtskosten herkommen zu lassen.
Der Erfolg schien allen Zweiflern Recht zu geben. Es erschien vor Gericht eine uralte verhutzelte Bauersfrau, ganz benommen von der Wichtigkeit und Würde des Orts, diesen vielen Augen, die auf sie gerichtet waren. Sie versuchte [pg 366]abwechselnd ihren mitgebrachten Korb mit Esswaaren zu sichern, aus den Mienen der Umstehenden zu errathen, was man mit ihr vorhatte. Natürlich hatte sie ihren besten Sonntagsstaat angelegt. Man hatte das Gefühl eines alten Nacht- oder Erdthiers, plötzlich an’s Licht gebracht, das in die Sonne blinzelt, sich verkriechen möchte.
Sie erkannte ihn sofort: „O mein Sohn Joseph!“ schrie sie. „Mein armer Sohn! Du böses Kind! Bist Du mir fortgelaufen und wo hast Du Dich umgetrieben so lange?“
Auf dies Alles antwortete er kühl, aber freundlich: „Du irrst, Frau! Ich bin Dein Sohn nicht.“
Nun gerieth die Alte ganz ausser sich: „Nicht mein Sohn? Was? Habe ich Dich nicht in Schmerzen geboren? So spät kamst Du, dass die Wehmutter es aufgab. Wir dachten, ich würde nicht lebendig bleiben. Dann war es ein grosses, starkes Kind, zehn Pfund schwer, dass alle Nachbarinnen über das Wunder schrieen. Hinterher kam das mit dem schwachen Kopf, wo gar nichts anzufangen war. Nicht mal zum Viehhüten taugte das. ‚Geben Sie’s nur auf, Schäpplerin,‘ sagte der Herr Pfarrer. ‚Den hat sich der Herrgott gezeichnet.‘“
Sie fing plötzlich an zu weinen und wurde zärtlich. „Bin ich nicht doch gut zu Dir gewesen? Hab’ Dich trocken gelegt jede Nacht, wenn Du schrieest? Und wie Du krank warst, hab’ ich Dir Hirsenbrei gekocht. Du assest so gern Hirsenbrei und getrocknete Pflaumen. Dafür liessest Du gerade Dein Leben. Mein Joseph! Mein Seppli! Mein eigner Herzbub! Und willst nun Deine eigne alte Mutter nicht kennen?“
Er sprach: „So nun sind die Weiber. Weil sie Dir Brot gegeben und den Leib gewaschen, bilden sie sich ein, dass sie Dir eine Seele geschaffen, einen unsterblichen Menschen aus Dir gemacht haben. O kleine Kinder im grauen Haar! Thörinnen, die Ihr Mütter seid!“
Danach, wie er sah, dass Einige diese Rede hart fanden, Andre sie richtig nannten, die Alte aber schluchzte und lamentirte, sagte er:
„Dennoch ist die Mutter immer verehrungswürdig. Sie hat gelitten. Sie hat leibliche Schmerzen gelitten, wie das Kind zur Welt kam. Alle Noth und Last trägt sie mit ihm in seiner Schwachheit. Danach wird es zum Manne und lässt sie. So ist es wohl ihres und doch nicht ihrs. – Sie leidet im Fleische um einer unsterb[pg 368]lichen Seele willen. – Viele schelten dies Geschlecht schwach. Es ist aber nicht so, da sich in ihrem Leibe sichtlich das heilige Wunder der Erlösung zeigt.“
Und war gütig zu der alten Frau, tröstete sie und hinterliess sie mit Gaben, die seine Freunde für ihn sandten.
Vielen war das wieder ein Zeichen: „Er weiss sehr wohl, dass er ihr Sohn ist. Würde er sie ehren, wenn sie nicht seine Mutter ist?“
Er sprach: „Und wenn sie es wäre? Was ist eine Mutter? Hat sie mir meine Gedanken gegeben? Trägt sie Schmerzen für mich? Und fühlt sie mit meinem Fühlen? Der Antheil der Mutter ist vom Fleisch. Wir sind aber nicht Fleisch, sondern Geist.
... „Vor Augen siehet diese Art, was wahrscheinlich ist. – Das Wahre aber siehet sie nicht. Wenn sie es sähen, würde es ihre Augen verbrennen. – Aber die Blinden haben auch Augen.“
Danach schwieg er und sagte nichts mehr über diesen Fall, erklärte sich auch nicht deutlicher.
Dieser Umstand der Recognoscirung durch die eigne Mutter beruhigte die Richter ganz und gar. Sie dachten nun wohl, dass er ein Narr und [pg 369]Kranker sei. Uebrigens bildete nicht die Familie die Grundlage und Urform jedes gesunden Staatsorganismus? Das heiligste Gut der Nation? Einer, der nicht mal die Familie anerkannte, leugnete das Bestehende durch diese Thatsache schon. – Der Gelbe war für mindestens zwei Jahre und kurzen Process. Aber die Herren amüsirten sich zu gut bei dem Fall. Es machte ihnen Spass, ihn auszuhorchen über seine Ansichten. Was er von ihrer Justiz denke? Ob er mehr für deutsches Recht sei oder für römisches? Auch fanden sie verzwickte Streitfälle, die er entscheiden sollte. Und ob er die Todesstrafe billigte oder missbilligte?
Es war ein förmlicher Sport unter ihnen geworden. Der dicke Amtsgerichtsrath war der Lustigste. Er nannte ihn scherzhaft seinen Christus und sich Pontius Pilatus. – Der Assessor dachte an Berlin und die Blumensäle. Er war weit weg. Der grosse Gelehrte fand, dass dergleichen die Köpfe verwirrte. Er war sehr gegen Verwirrung der Köpfe. Er hatte alle Materien in Schubfächer und Unterschubfächer eingetheilt, und man wusste, dass sein Urtheil unbestechlich war. Ueberdies fand er die Majestätsbeleidigung. Die Majestätsbeleidigung lag sonnenklar.
Besonders konnte ihn eine Behauptung des Jovialen irritiren, dass der Fremde eigentlich ein „genialer Kerl“ sei, ein religiöses Genie.
„Genies – Genies – die hätte man auch Alle einstecken sollen.“
„Auch Goethe?“
„Was ist Goethe? Ein Kerl, der keinen Patriotismus hatte, einen unmoralischen Lebenswandel führte.“
„Er ist aber doch Excellenz geworden.“
„Es kommt ja vor. Im Grunde ist das Alles höherer Anarchismus, selbstverfertigte Autoritäten, Parvenügewalten. Sehen Sie selbst Bismarck ...“ Der eminente Jurist war ultramontan.
„Aber Pommeränicke!“ Der dicke Polizeidiener bildete das besondere Steckenpferd seines humoristisch veranlagten Vorgesetzten. In seinen Mussestunden schlachtete er Schweine, lieh Geld auf Wucherzinsen und füllte in seiner kleinen Methodistengemeinde ein kirchliches Amt aus.
„Pommeränicke ist nothwendig, existenzberechtigt. Pommeränicke ist!“
„Die Fleisch und Fett gewordene Potenz des mittleren Gerechtigkeitsgefühls. Es lebe Pommeränicke!“
„Sie sind ein Farceur.“ Der Gelbe grollte und kollerte in sich hinein. Er hasste, wenn man irgend etwas, das mit einer Staatseinrichtung zusammenhing, nicht ernsthaft nahm. Er war immer ernsthaft. Lachen war eine Frechheit eigentlich. Anarchismus, Majestätsbeleidigung. Nur pietätlose Menschen lachten.
Der Assessor hatte Besuch von Berlin. Diese Damen und Herren wünschten innig ein Zuchthaus zu besichtigen. Das Sociale war Mode. Man verständigte sich mit dem Director.
Auch der Amtsrichter und sein Freund waren mit.
Alles interessirte ausnehmend. Die Hunderte von kleinen Zellen mit starken Eisenbarren vor den hohen Fensterluken, der Arbeitssaal, die Kirche, wo die einzelnen Sitze durch Brettwände abgetheilt waren, um eine Communication der Sträflinge miteinander zu verhindern, der gepflasterte Hofstreifen zwischen Steinwänden, in dem sie ihre Spaziergänge machen.
Alles war musterhaft eingerichtet, beinah comfortabel, mit Lazareth, Apotheke, Badeanstalt. Und diese wohlthuende Stille! „Förmlich nervenberuhigend,“ meinte die Mama.
Der Herr erkundigte sich, ob und unter welchen [pg 372]Bedingungen geprügelt werden dürfte? Er liess sich die Einrichtung erklären. Er war sehr überzeugt von der Zweckmässigkeit solcher Strafen. Der affenartige Gehorsam, mit dem die Sträflinge aufsprangen, Antwort gaben, imponirte ihm. Er war selbst Besitzer eines grossen industriellen Etablissements. „Da haben Sie’s bequemer!“ meinte er scherzend.
Die jungen Damen interessirten hauptsächlich die Insassen. Besonders ganz schwere Verbrecher. Sie waren fast enttäuscht, dass ihre Unthaten nicht noch viel furchtbarer waren. Und waren Frauen da? Sie baten und flehten, wenigstens einen Ausblick auf die im Hofe Promenirenden thun zu dürfen. – Es war so amüsant, durch die kleinen Gitterfenster zu gucken, gerade als ob man wilde Thiere beobachtete. So Einer konnte doch jeden Moment ausbrechen und ihnen mit der Hand an die Gurgel fahren.
Dass Alle glattgeschoren und rasirt waren, wunderte sie am meisten. „Die sehen ja fast wie katholische Priester aus,“ meinte ein Offizier.
Von da kam man auf physische Eigenthümlichkeiten, Abnormitäten der Verbrecher zu sprechen. Der Assessor als moderner Mann hatte sich mit Anthropometrie befasst. Man citirte Charcot, Tarbe, [pg 373]Lombroso. Es stand ja beinah fest, dass alle Verbrechen Wahnsinn seien, erbliche Belastung, durch Alkoholismus hervorgerufen: „Man müsste die Leute einfach in Irrenanstalten unterbringen.“
„Oder blenden, verstümmeln,“ schlug Einer vor.
Man rechnete genau aus, wieviel ein solcher Zuchthäusler dem Staat jährlich kostete. Davon konnte fast schon ein ehrlicher Arbeiter satt werden. Zudem drückte ihre Arbeit die Preise der in Freiheit Arbeitenden herab. Nun ja, das jetzige System war dumm.
Der Amtsgerichtsrath erzählte von einer Hinrichtung, der er als ganz junger Mensch aus professionellen und psychologischen Gründen beigewohnt hatte. Es handelte sich um irgend einen ganz entsetzlichen Mörder, einen Zwanzigjährigen, der eine alte Frau, seine eigne Grossmutter, mit der Axt todtgeschlagen und zerstückelt hatte. Er war nach vollbrachter That ruhig noch in ein Café gegangen, um eine Parthie Billard zu spielen. Da war er auch arretirt worden.
„Sie ärgerte mich,“ blieb seine stereotype Antwort auf alle Fragen nach den Beweggründen seines Verbrechens. Er blieb ganz stumpfsinnig, ass und trank und ergab sich in sein Schicksal.
„Nun gut. Diesen Kerl habe ich genau beobachtet. Er hatte nur etwas Verblüfftes, wie Einer, der eben aus dem Schlaf geweckt und noch nicht vollständig wach geworden ist. Alle Reden des Pastors, der Gerichtsbeamten liess er ruhig über sich ergehen. Noch zuletzt forderte er eine Cigarette. – Alles hatte etwas Eiliges, Unvorbereitetes, Gesudeltes, obgleich es feierlich sein sollte, eindrucksvoll, wirksam. Dieser Mann starb wie ein Ochse, der geschlachtet wird. Ich hatte nur den Eindruck stupidester, verantwortungsloser Dummheit.“
Man kam auf die politischen Verbrecher zu sprechen, Verbrecher aus Mitleid, Nihilisten und Fenier. Jeder wusste curiose Facta: Dieser hatte jedes Stück Brot mit Aermeren getheilt. Ein Andrer schrieb die sentimentalsten Verse und päppelte kranke Hunde auf. Ein Dritter wieder besass eine Geliebte, die mit ihm sterben wollte, Freunde, die um ihn zu rächen ihr eignes Leben dran setzten. Manche waren Märtyrer, Helden. Spätere Jahrhunderte hatten ihnen Denksteine gesetzt.
Der Contrast brachte den Gerichtsrath auf einen andern Fall. „Da haben wir nun heute eine Frau [pg 375]im hochschwangeren Zustand, die beim Jäten im Garten ein Gericht Bohnen gestohlen hat. Die Frau bekam für ihre Arbeit fünfundsiebzig Pfennig Tagelohn. Sie war hungrig. Das Gericht Bohnen hat einen Werth von fünfundzwanzig Pfennigen. Die eigentliche wirkliche Gemeinheit ist die Anzeige der Gartenbesitzerin, als der Arbeitgeberin, die sie seit sechs Jahren beschäftigt. Die ärztliche Wissenschaft, die Menschlichkeit sprechen sie frei. Dennoch müssen wir sie verurtheilen, weil es der Buchstabe will, weil es gedruckt steht. Wo bleibt nun da die Vernunft?“
Der Amtsgerichtsrath zuckte die behäbigen Schultern. „Schliesslich, meine Herrschaften – was ist Vernunft?“