Das sechzehnte Kapitel.
Aber seine Feinde waren sehr thätig und machten böses Geschrei wider ihn.
Denn es war grosse Aufregung im Lande. Die Hungrigen und Arbeitslosen thaten sich zusammen auf den Landstrassen, zogen hin und her und forderten Brot mit lauter Stimme. Es kam auch vor in abgelegenen Gegenden, dass man Fabriken und Lagerräume verwüstete, Läden der Bäcker und Fleischer plünderte. Wo man auf der einen Seite die Empörung niedergeschlagen mit Blei und Kanonen, schlugen am andern Ort die Flammen wieder auf.
Auch bestand eine Art Verbindung zwischen den Arbeitern aller Länder, dass sie sich zusammenthun und Gewalten umstürzen wollten. Die Einen gaben Geldmittel für die Andern, die [pg 296]feierten. Man vereinigte sich in Kongressen, Zeitungen und Druckschriften riefen auf zum allgemeinen Ausstand.
So dass eine grosse Bewegung, niemals Ruhe war im Lande, denn Viele auch der Gelehrten und Gebildeten nahmen sich der Sache an, forderten, die Einen eine Bodenreform, dass man den Grundbesitz allgemein machen sollte, Andre eine Verstaatlichung der grossen Betriebe und Waarenhäuser. Viele aber gar die ganze Theilung, wie es die armen Leute auf ihr Programm geschrieben hatten. Und waren bereit für ihr Theil anzufangen, mitzugehen mit diesen. Es gab selbst Priester der herrschenden Kirchen, die kühn ihren Mund aufthaten; forderten die Reichen auf abzulassen von Habsucht und Wollust. Die Armen aber nannten sie das Volk Gottes und riefen aus, dass ihre Sache gerecht sei.
So befand sich Alles in Unordnung. Einige zogen hierhin, die Andern dorthin. Welche sprachen: „Morgen wird die Befreiung kommen. Sie wird kommen durch Waffengewalt, denn wir sind Viele. Sie aber sind Wenige. So wir dazu kommen uns zu messen im Kampf und zusammenhalten, sind wir ihnen überlegen zehnfach [pg 297]und hundertfach. Es kann uns nicht fehlen. Wir müssen nur einstehen Einer für den Andern und unser Pulver trocken halten.“
Gerade dies aber zeigte sich schwierig, dass sie zusammenhielten. Denn von den Führern suchte ein Jeder das Seine. Sie stritten her und hin über die einzelnen Sätze. Die Rivalität der Nationen machte sich geltend, auch eine Frage der Geschlechter, da die Männer die Weiber nicht wollten als voll gelten lassen, diese aber wiederum sprechen und Herren sein wollten wie Jene.
In den gelehrten Büchern und Blättern stritten sie sich gleichfalls. Der Eine warf dem Andern niedre Beweggründe und Tücken vor. Es waren nicht Zwei, die dieselbe Meinung hatten. Die es wohl meinten, waren schwach und träumten. Die Andern aber wühlten und zeigten sich sehr thätig.
Das ganz rohe Volk drängte zu Thaten. Sie sprachen: „Es ist besser wir sterben, als wir tragen dies Leben länger, das schlimmer ist wie der Tod, und setzen Kinder in die Welt, die Last weiterzutragen mit gekrümmtem Nacken wie wir.“
Diese waren nicht viel besser wie die Thiere. Sie sprachen: „Lasst uns trinken! Wenn wir uns Muth getrunken haben, wollen wir gehen und [pg 298]todtschlagen!“ Und schlugen blindlings drauf los, wen sie fanden. Die man ihrerseits schlug und gefangen setzte wie wilde Raubthiere.
Auch zu dem Fremden kamen Etliche von Solchen. Sie sprachen: „Sei Du unser Führer! Sage uns, was wir thun sollen. Wir wollen hinter Dir herziehen und Du sollst unser Fürst sein.“ Diese sah er an. Er sah, dass ihre Gesichter entstellt waren von Lastern. Der Geist des Branntweins war in ihren Augen. Ihr Athem roch schlecht vom giftigen Fusel, der sie verbrannte. Alle ihre Bewegungen waren obscön. Sie schrieen nach Weibern und Trunk. So sie solche hatten, nahmen sie ihren Theil, soffen sich voll. Nicht anders waren sie denn Schweine.
Und er antwortete ihnen kein Wort.
Sie sprachen: „Du verachtest uns, weil wir schmutzig sind und übel riechen. Sind wir nicht ebenso gut und besser denn Jene, die sich mit Seife und Salben waschen, süsse Weine trinken?“
Er sprach: „Ihr seid nicht besser. Ihre Hände sind gewaschen. Sie brauchen nicht rohe Worte. Sie essen und trinken ihr Maass. Ihre Leidenschaften sind in ihren Händen wie gute und ge[pg 299]horsame Pferde. Sie wissen genug, um voraus zu denken und rechnen zu können. Ihr Wissen giebt ihnen die Grenze und Wirkung ihres Thuns. Ihr seid ganz schlecht und ganz nutzlos.“
Dann sprachen Einige: „So bist Du also ein Vornehmer und hältst es mit den Reichen und Mächtigen?“
Er sprach: „Die Mächtigen und Reichen haben andre Laster wie Ihr. Sie lügen, wo Ihr roh seid. Wenn Ihr fresst, kitzeln sie ihre Gaumen mit scharfen und unnatürlichen Sachen. Wo Ihr dem Augenblick folgt, rechnen sie mit List und legen Schlingen. Ein Armer sorgt nicht so um Leib und Blut, lässt wohl sein Leben. Der Reiche zittert für seine Güter. Nichts Lieberes ist ihm als das Leben, dass er sich Aerzte sucht, es zu verlängern, noch im Tode mit Denkmälern und Bildsäulen sich ehrt, so er doch todt ist, nichts wie Staub und Würmer. Der Arme ist weit ab vom Reiche Gottes, weil er arm ist. Aber der Reiche ist weiter entfernt.“
Sie sprachen: „Sage uns, was ist das Reich Gottes?“
Er sprach: „Was Ihr Glück nennt, Frieden in uns und ausserhalb.“
Sie sprachen: „Wer hat das Glück? Und wie sagst Du, dass der Arme ihm näher ist als der Reiche?“
Er sprach: „Der Reiche hat viele Bedürfnisse. So er nicht sein festes Haus hat, Pferde und Dienerschaft, ein köstliches Essen, wie mag er sich freuen? Der Arme bedarf des Allen nicht. Der unter freiem Himmel nächtigt, braucht kein Dach. Der am Brot sich satt isst, bedarf des Fleisches nicht. Wem Wasser genügt, was soll ihm der Wein?“
Sie sprachen: „Das ist ganz thöricht. Wir wollen Alle in Schlössern wohnen, Fleisch essen und Wein trinken alle Tage.“
Er sprach: „Seht zu, wo Ihr es findet,“ wandte sich von ihnen und sprach nicht mehr.
Zu ihm kamen Andre, die sich klug dünkten, sprachen: „Wir wissen sehr wohl, dass Du recht hast. Alles ist in der Klugheit, im Witz des Menschen. Mit ihm erfindet er, verbindet Meere und Erdtheile. Sieh das System, das wir aufgebaut haben, darin das Glück ist und Wohlleben für Alle.“
Er sprach: „Der Stein ist geduldig. Er trägt die Marke, die man ihm eingräbt. Wie wollt [pg 301]Ihr solches zeichnen in Fleisch und Blut? Die Kräfte der Natur gehorchen Gesetzen. Wer ihr ihre Gesetze ablauscht, der ist ihr Herr; weil er ihr folgt in ihren Zwecken, nur ihr Diener ist, den sie trägt. Kennst Du das Gesetz, das den Knaben leitet zum rothen Mord oder die tugendsame Jungfrau zur Buhlschaft?“
Sie sprachen: „Wir kennen es nicht.“
Er sprach: „Es giebt kein Gesetz, das gut ist für Alle. Aber das Gute ist in Allem. So Jeder gut thut, ist Alles gut.“
Das verstanden sie nicht und sprachen: „Es wird immer Schlechte geben.“
Er sprach: „So lange es sie giebt, ist Nichts gut.“
„So sollen wir gar nichts thun, die Hände in den Schooss legen?“ fragten sie nun.
Er sprach zu dem, der das sagte: „Thue Du für Dich! Mächtiger denn viele Worte spricht das Beispiel. Eine That wiegt schwerer denn tausend Gleichnisse. Einer, der stirbt für sein Leben, schafft zehnfaches Leben.“
Aber es gefiel Keinem, was er sagte. Sie murrten gegen ihn: „Das haben wir längst gewusst. Diese Weisheit ist so alt wie die Sonne. [pg 302]Es ist nichts gekommen aus ihr und hat sich nichts geändert, seit die Sonne scheint.“
Er aber ward traurig in seinem Herzen, dachte: „O dass Ihr hasstet oder liebtet! Aber es ist nur Erde in Euch oder kalter Verstand. Ihr seht die Sonne nicht vor so vielem künstlichen Licht. Rom war besser und Babylon war edler. Im blutrothen Blut müsst Ihr roth werden! Von den Flammen Eurer Städte und Häuser werden in Euch Flammen aufschlagen! O Ihr armseliges Geschlecht in Eurem Reichthum! Würmer und Elende in all’ Eurer Kunst!“
Da er weiterging, fand er einen sehr alten Mann. Der sass vor seiner Hütte in der Abendsonne.
Wie er vorbeiging, grüsste ihn der alte Mann.
Er sprach: „Lass mich trinken und gieb mir zu essen von Deinem Mahle.“
Da gab ihm der alte Mann frisches Wasser, Brot und eine reife Frucht von den Fruchtbäumen, die vor seiner Hütte wuchsen.
Der alte Mann sprach: „Dies ist meine Nahrung Winter und Sommer. Ich nehme niemals andre. Fleisch und Blutiges kommt nicht über meine Lippen. Und Frucht der Traube nicht, deren Saft gegohren ist. Ich bin stark damit und ge[pg 303]sund. Nichts fehlt mir. Ein Arzt hat meine Hütte nicht betreten, seit ich diese Lebensweise annahm. Winter und Sommer stehe ich zeitig auf. Ich trage mein Holz selbst und reinige meine Hütte. Meine Mahlzeit bereite ich mir mit meinen Händen. Ein wollner Rock genügt mir, wenn es kalt ist, und ein leinener für den Sommer. Wasser reicht mir die Quelle vor meiner Hütte. Mit meinen Händen habe ich diese Fruchtbäume gepflanzt, die um mein Haus stehen. Mein Acker, den ich selbst bestelle, giebt mir mein Brot. Meine Thiere sind meine Freunde. Sie hören meine Stimme. Wenn ich einsam bin, leisten sie mir Gesellschaft. Ihre Nöthe sind meine Nöthe. Das Kalb, das geboren wird, gehört mir, wie es zu seiner Mutter läuft. Sie kennen keine Scheu und keine Furcht. Selbst die wilden Thiere des Waldes kennen mich und kommen zu meiner Hütte, wenn sie Futter suchen. Die scheuen Vögel unter dem Himmel setzen sich auf meine Hand, wenn ich sie ausstrecke, und erzählen ihre unschuldigen Geschichten.“
Damit streckte er seine Hand aus. Kleine Meislein und Rothkelchen, die hüpften und liefen, kamen kecklich, flogen auf seinen Finger. Sie pickten an seinen Lippen, als ob sie anfragen [pg 304]wollten, setzten sich auf seine Schulter und klappten mit den Flügeln. Rehe aus dem Walde traten heraus ohne Scheu und nahmen ihr Futter aus seiner Hand. Die furchtsamen Hasen machten friedliche Männchen, putzten und überschlugen sich.
„Alle sind meine Brüder,“ sagte der alte Mann. „Meine Kinder, weil sie schwächer und unkluger sind wie ich. Aber ihre Unklugheit ist nur scheinbar. Sie wissen sehr gut, wie sie zu leben haben, wo sie ihre Nahrung finden. Sie wissen auch, dass noch etwas Andres ist wie hienieden; nur sie wissen es und sorgen nicht. Höre!“
Im Busch schlug die Nachtigall eine sehnende Weise. So lieblich, so voll Klage und schmelzendem, lockendem Zuruf! Das Reh sah ihn an mit treuen, verständigen Augen.
„Es ist nicht nur die Brunst, die sie lebendig macht für die Fortsetzung dieses armen, kleinen, lebendigen Lebens. Weil sie fühlen, dass sie in einer Kette sind, Alle zum Lobe Gottes, den sie preisen aus ihren kleinen Kehlen, mit dem stummen Blühen ihrer Kelche, täglich. Das sind die Unschuldigen der Natur. Ich liebe sie, obgleich die Menschen sie verachten, sich klüger dünken in ihrem Stolz, ihrer Geschäftigkeit.“
Er aber erstaunte sich, so viel Weisheit und Demuth zu finden in einem alten Mann. Ein wundersamer Mann war er, mit der grossen, viereckigen Stirn, die das Denken ausgearbeitet hatte wie einen Marmorblock. Sein Haar und Bart war langgewachsen. Er sah aus wie ein Bauer und war doch ein Herr. Ruhende Stärke lag in ihm, der Blick, der über Viele sieht. Aber er blieb milde. Seine Hand koste den Flaum des Rehs, wo es weich ist unter dem Hals des Thiers.
Er fuhr fort: „Früher war ich auch wie die andern Menschen. Hochmüthig und geschäftig, verzagt in meinem Thun, wenn es nicht ging wie ich wollte. Geschäfte der Könige wollte ich thun an Fürstenhöfen. Ich wollte weise sein wie ihre Weisesten, lustig leben wie die Lustigen und Tollen. Ich habe ihre Bücher gelesen. Ich habe Frauen geküsst. Ich habe um Reichthum gesorgt und gerafft. Alles ist eitel. Glücklich ist, der Niemandes bedarf, und Alles zu geben hat den Andern.
„... Ich habe ihre Künste getrieben. Mir gefiel das schlanke Spiel der Wörter, dass sie sich verwirrten und kreuzten wie blanke Schwerter – auseinander sinken und zur Erde flattern, harmlose Strohhalme. Farben liebte ich, die die Worte [pg 306]lebendig machen wie von getrunknem Blut, Töne, die rufen, die locken und befehlen, weinen machen und lachen, wie es der Zauber verfügt, der sie Alle regiert. – Ich berauschte mich selbst am Wohlklang meiner Töne. Wollust war in der Farbe meiner Bilder. Meine Worte waren klingelnd wie Schlittenklang, tönende Erze und hallende Schellen. – Alles ist eitel. Eine Kunst giebt es zu thun, was recht ist. Eine Farbe der Wahrheit. Einen Ton, des Verlornen, den wir wiedergefunden.“
Er sprach: „Welches ist der Ton, den Du wiedergefunden? Lass mich hören, dass ich weiss, ob es der rechte ist.“
Der alte Mann sprach: „Vor langen Jahrhunderten klang er am See. Am See, der zwischen den Bergen liegt, Genezareth. Was da gesprochen in himmlischen Tönen, durch die Zeiten und Alter klingt es als Wahrsang. Wir zählen die Jahre. Der Sang ging verloren in Schwertschlag und Goldklink. In blinkenden Fabeln von Wissen und Kunst. – Es giebt nur den. Niemals ward er vollkommen.“
Er sprach: „Der Sang ist der rechte, den Du gefunden. In ihm liegt Alles. Erfüllung und Leben.“
„In ihm liegt Antwort, Weisheit und Einfalt. Dreierlei seh’ ich die Zeiten zu deuten: Dass Einige weigern Kriegsdienst zu thun, Verfolgung erleiden, Gefängniss und Tod. Dass Viele erkannten, ihr Wissen ist eitel im weiseren Wissen. Dass Keuschheit wieder die oberste Tugend, die Frauen erwachen, die stark sind und künden. – Der bedarf nicht der Schätze, der die Perle gefunden. Der Tod ist ihm Freund, der das Leben erkannt. Ich sitze hier und warte des Todes. Des Führers harr’ ich, der einführt zum Tage.“
So nahmen sie Abschied. Der alte Mann sass ganz still auf der Bank vor seiner Hütte. Um ihn liefen die Thiere, weideten, piepten. Er sah in die rothe, sinkende Sonne.
Die Sonne sank.