Dritter Brief.
Achim von Wustrow an Herbert Gröndahl.
Nun denkst Du, Du hast ins Schwarze getroffen mit Deinem Gift-Pfeil. Fehlgeschossen, alter Seelenvergifter!
Ich flüchte mich einfach zu Mathilde. Wenn man die Thatsache vor sich sieht, schwinden die Zweifel. Der Gläubige, dem die Madonna leibhaftig erschienen ist, braucht weder Dogmen noch Logik. Ein Glücklicher entrüstet sich nicht einmal moralisch.
– – – – Sie ist noch immer geschlossen, süss und ahnungslos.
Aber manchmal kommt es mir vor, als ginge ein Erschauern durch die schlanke Hülle, ein tieferes Atmen, die Ahnung künf[pg 29]tigen Frühlingssturmes, heller, glorreicher Sonnenwärme.
Wir sassen auf dem Balkon.
Ich sah sie wohl zu heiss an.
Sie verwirrte sich. Sie war still.
Diese süsse Stille! Kennst Du einen hübscheren Ausdruck als den Koriolans an sein Weib: „Mein süsses Schweigen!“ Es liegt darin eine solche Tiefe der Unberührtheit. Auf vieles wäre es schlechterdings unanwendbar, auf Dich zum Beispiel. Nur die Natur hat dieses Schweigen – der See – der Himmel – die Frau ...
Ich bemühe mich, ihr unschuldiges Tagewerk kennen zu lernen. Sie hat im Hause ihre kleinen Ämter, den Thee zu bereiten, Staub zu wischen, dem Papa den Frühstückskakao zu bringen. Auch ihre eigenen Sachen hält sie selbst in Ordnung, die kleinen Röck[pg 30]chen, Strümpfchen, Ziertüchelchen und Bändchen. Die Mutter hat sie schlicht und häuslich erzogen, wie sie selber ist. Mathilde kann kochen. Sie kann sogar das Plätteisen selber führen. Ich finde das entzückend.
Dazu nimmt sie noch einige Stunden weiter mit ihrer Freundin Katharina v. W. Sprachen, Litteratur, Musik. Sie gehen dazu zu den Kursen hin. Damit wird dann wohl ein kleiner Spaziergang mit der Freundin verbunden. Die beiden Mädchen sind unzertrennlich. Wie das schwätzt und schnäbelt! – all diese unschuldigen Vertraulichkeiten, die allerliebsten Geheimnisse der sechzehn Jahre.
Das thut mir manchmal fast weh.
Wieviel muss da sein, von dem wir nichts ahnen, für das wir kein Verständnis haben, ein grober, einfacher Landjunker, wie ich, [pg 31]ohne Mutter, ohne Schwestern aufgewachsen, den Frauen gegenüber ein schüchterner Stümper!
Wieviel andrerseits haben wir nicht zu geben, einzuweihen hinein!
Vorerst mein liebes, altes Templin selbst mit allen seinen Erinnerungen, seinen Schönheiten. Unsre Mark hat Schönheiten, ihre sehr intimen, keuschen Schönheiten, die sich nur dem Verstehenden enthüllen, dem Freunde, dem Liebhaber, dann die weite, schöne Gotteswelt, Italien, Norwegen – das Meer ...
Die Partenkirchner Tour war ihre erste Reise. Dann bin ich dankbar, dass ich reich bin, soviel Schönes erschliessen kann für mein Lieb.
Wie wird sie staunen vor den grossen Offenbarungen der Kunst, die kleine, barbarische Berlinerin, die nichts kennt!
Alle meine Lieblingsbücher will ich mit ihr lesen! Goethe, Gottfried Keller, Storm.
Selbst eine gute Patriotin soll sie werden, teilnehmen an den Hoffnungen und Schmerzen, die das Vaterland bewegen, stolz sein auf unser stolzes, grosses Hohenzollernhaus, unsern herrlichen, alten Bismarck.
Die Mama lächelt dann: „Sie sind ein vortrefflicher Mensch, lieber Achim!“
Ich bin so froh, dass sie mich Mathildens würdig finden.
Bin ich ihrer würdig?
Diese Frage beschäftigt mich sehr. Du weisst, ich habe nie ein ausschweifendes Leben geführt. Das Gemeine hat mich stets abgestossen, sowohl bei Männern wie bei Frauen, und keine künstlerische Verklärung, keine Sophismen der Leidenschaft es in meinen Augen zu übertünchen vermocht. Ihr [pg 33]verspottet mich oft mit meinen Ansichten, meiner Josephhaftigkeit.
Und doch, wieviel bleibt haften auch in einer reinen Jugend, Worte – Eindrücke – was man vielleicht nur gehört, gesehen hat. Was ist meine sogenannte Ehrenhaftigkeit gegen Mathildens strahlende, unbewusste Reinheit und Unschuld. Ich zittre, dass ein Fleck darauf fallen könnte. Ich bewache meine Worte, meine Blicke. Fast versuche ich, meine Stimme zu mässigen.
Wie zart und rührend diese kleinen Gespräche mit ihr! Ich frage und sie antwortet: Ja und Nein, als wagte sie kaum, einen Willen zu haben, bevor man ihn ihr giebt, er, der ihr Lebensinhalt sein wird, die Schrift auf das weisse, süsse Lilienblatt. Gott möge mich wert machen, dass es die rechte Schrift sei!
Ich hatte eine Erschütterung dieser Tage.
Als ich um die Nachmittagsstunde zum Thee kam – ich bin ein für alle Mal Gast, wenn ich in Berlin bin, war Besuch da, Frau von F. Sie verkehren mit ihr. Sie gehört zu ihrem Kreis. Die Geheimrätin sagt, es geht nicht anders, man kann nicht die Erste sein. Es kommt da ein gewisser gesellschaftlicher esprit de corps mit in Frage.
Es ist ja auch was Wahres dran. Wie ich diese laxe Moral der Welt hasse!
Auch Mathilde war im Salon. Sie sprach mit ihr, lobte ihren Anzug, küsste ihre unschuldige Stirn. Dies Weib! mit meinem Schatz, meiner Lilienknospe, meiner Madonna!
Aber ich begreife, ihr Mann ist in hoher Stellung. Sie ist reich und liebenswürdig, hat ihre Partei.
Ich bat Frau v. B., Mathilde nicht in den Salon kommen zu lassen, wenn sie da ist. Es ist gegen ihren Willen heute geschehen.
Ich war sehr alteriert. Mein Mädchen sah mich halb erschrocken an, welche böse Laune den Freund heut plage. Ach wenn Du wüsstest, dass es nur Deine Reinheit ist, die mich zittern macht, sonst nichts, nichts auf der Welt, seit ich Dich habe!
Es kommt mir vor, als sähe sie jetzt ernsthafter aus. Manchmal scheint es mir fast, als ob sie geweint hätte, holde, unschuldige Thränen einer süssen Furcht. Ob sie abends in ihrem schmalen, weissen Bettchen wohl öfters wachliegt und an was sie denkt? Ob sie dann auch an mich denkt?
Noch ein entzückender Zug.
Bei der ältesten Schwester wird ein Kindchen erwartet, schon das vierte.
Es war die Rede von der kleinen Ausstattung, Hemdchen, Bettchen, die man besorgen müsste. Die beiden Frauen sprachen leise zusammen. Man hörte nur das Murmeln ihrer Stimmen, zärtlich und geheimnisvoll wie vor einer Weihnachtsbescherung.
Mathilde war hinausgegangen um sich eine Schere zu holen.
„Das Kind ahnt ja nichts,“ sagte Frau von B. lächelnd.
Ich küsste ihr die Hände. Wie ich diese Frau verehre, die mir mein Kleinod gewahrt. Ich gelobe, es ihr eines Tages ebenso rein zurückzugeben, wenn Alles rein und licht ist, mein Weib, mein Juwel, meinen Sonnenstrahl!