Neunter Brief.
Achim von Wustrow an Herbert Gröndahl.
Ich suche sie auf die Ehe vorzubereiten.
Es ist doch eine grosse und schreckliche Sache – in Not und Tod .. Leib und Seele .. ein Leben, um neues, lebendiges Leben zu zeugen.
Aber gibt es auch etwas Herrlicheres, Grösseres! Nein, ich beneide die Götter nicht. Grade das Vergängliche – die Not, das adelt Menschenliebe, das macht sie unvergänglich und göttlich. Nicht Prometheus ist’s, der in einsamem Zorn den Göttern trotzt – – der Mann, der seines Weibes Hand fasst, wenn unter ihm die Welt zusammenkracht: Der letzte Mensch!
Durch die Ehe erst wird der Mensch zum Menschen. Der Mann, das Weib, das ist etwas Einseitiges, Unfertiges, ein irrendes Atom im All .. Erst der Vater, die Mutter bringt ihnen Vollendung, kettet sie an das Allgemeine, das Grosse, Vernünftige, Unsterbliche.
Ich denke viel über diese Dinge nach, dass wir doch durch Philosophieren erst finden müssen, was der sichere Instinkt des Weibes fühlt!
Wie überlegen sind sie uns! Nur das eine Ziel verfolgend – Weib sein – Mutter – wissend, dass darin die ganze Lebensleistung, die ganze Bedeutung des Geschlechtes beruht.
Ich versuche, sie teilnehmen zu lassen an meinem früheren Leben, meiner Kindheit, den Eindrücken und Ereignissen, die auf [pg 76]meine Entwicklung massgebend gewesen sind. Auch meine Fehler, meine Irrtümer verberge ich ihr nicht. Sie soll mich sehen, wie ich wirklich bin.
Das ist hart. Es ist die gerechte Strafe. So straft sich der Mann dem reinen Weibe gegenüber. So aber auch wird das reine Weib seine Erlösung, das Verworrene in ihm geglättet, die hitzige Leidenschaft zur edlen Lebensträgerin.
Sie sagt nicht viel. Ich halte ihre Hand. Sie entzieht sie mir nicht. Ich schäme mich nicht, es zu sagen – neulich habe ich sie mit Thränen benetzt.
Sie war betroffen.
Nein, Mathilde, Gute, Fromme, ich will gut sein! Du sollst nicht zurückschrecken brauchen vor mir.
Wenn ich jetzt so zurückkehre in mein [pg 77]Junggesellenheim, Grumke mir das Abendbrot aufgetragen hat, dann male ich mir unser künftiges Dasein aus. Sie sitzt am Tische, an meiner Mutter Platz, mit aufmerksamem Auge und leisen Bewegungen Alles leitend und lenkend.
Es ist ja nicht, dass sie eigentlich thätig ist. Ich schwärme nicht mal für diese sogenannten „guten Hausfrauen“ – unablässige Scheuerfeste, Küchenmobilmachungen. Ihre Gegenwart, ihr blosses Dasein ist es, das Alles wohlgeordnet macht, Allem etwas Festliches, Heiteres gibt.
Dann freue ich mich, dass ich reich bin, dass diese kleine, weiche Hand nicht hart und braun werden braucht, dieser zarte, schlanke Rücken gebeugt vom Herdfeuer und mühseliger Flickarbeit. Nicht dass ich diese Frauen missachte! Ich verehre sie! [pg 78]Ihre harten Hände rühren mich. Sie sind der beste Teil unsrer Volkskraft. Der Staat sollte ihnen Denkmäler setzen wie seinen Helden.
Aber doch bin ich dankbar, dass es nicht sein braucht, dass auch das Ästhetische gewahrt werden kann in unsrer starken und guten Liebe.
Ob sie überhaupt eine Ahnung davon hat? Sie frägt nie. Ein süsses Vertrauen! Ich glaube, wenn ich ganz arm wäre, sie folgte mir ebenso willig und vertrauensvoll.
Das ist mir ein rührendes Gefühl. Ich mache ihr keine grossen Geschenke. Ich selbst bin immer einfach – Du kennst mich ja. Neulich trug ich meinen Handkoffer selbst vom Bahnhof, weil gerade kein Gepäckträger zur Hand war. Sie denkt am Ende, ihr Schatz ist ein armer Mann.
Ah, ein Königreich möchte ich haben, nur um es ihr in den Schoss zu legen! Sie griffe vielleicht nach meinem Kopfe: „Was soll mir das Königreich! Deine Liebe ist ja viel mehr als alle Königreiche.“
Darum bin ich glücklich, dass ich auch darin so reich bin. Ich habe meine Gefühle nicht vergeudet, keine fünfunddreissig weibliche Vornamen aus meiner Herzgrube herauszufischen, wie ein gewisser Freund von mir am Abend vor seiner Hochzeit. Sie hat noch nicht gelernt, die Liebe zu differenzieren, schlechte, ästhetische Unterschiede aus raffinierten Romanen von raffinierten Männern, die das Natürliche unnatürlich und hypernatürlich gemacht haben. Sie ist auch noch nicht herb und prüde geworden, wie manches arme, feine Mädchen, das sich verletzt in sich selbst zurückzog vor der Roheit [pg 80]und dem Cynismus der Welt. Wie einen königlichen Schatz, voll und ganz, empfängt sie, die Königliche, königlich.
Welch ein Frühling in unserm schönen alten Park, wenn der Flieder blüht und der Goldregen in lastenden, honigschweren Trauben herabhängt!
Wir werden viel Besuch haben – die liebe Mama, die Schwestern, die Kinder, Es soll wieder Leben kommen in unser altes Haus.
An Mutters Grabe unter den Fichten wird sie neben mir stehn. Sie wird uns lächeln.
Vielleicht ..........
Ach, Harry! kann’s denn soviel Seligkeit geben in dieser armen, engen Welt!
.... Vater sein! ein Eignes, Geschaffnes, von ihr, der Liebsten, der Meinen, in süssesten Schmerzen mir geboren!...
Was wäre das Leben ohne das? Möchte sie die Schmerzen lassen? Die Angst? Das Todesschauern in der Hochstunde des Lebens?
Und wir liegen nicht vor diesen hohen, himmlischen Wesen auf den Knieen und küssen ihnen die Füsse, wie der Katholik seiner Madonna!
Die Männer sind Egoisten. Was würden sie sein, wenn es nicht holde, zarte Wesen gäbe, um sie zu mahnen, dass es etwas Höheres giebt, als Kraft, Ehrgeiz – dass aller Ruhm Cäsars und Alexanders nicht die That des einfachen Weibes aufwiegt, das aus ihrem eignen Leben, still und heilig, Leben säugt.