Vorrede zur europäischen Ausgabe.

Indem die Verfasserin die Herausgabe dieses Werkes für das Festland Europa's authorisirt, hat sie nur die Bemerkung beizufügen, daß die Menschenliebe höher steht als die Vaterlandsliebe.

Das große, allen christlichen Nationen gemeinsame Mysterium, das Bündniß Gottes mit den Menschen durch die Menschwerdung Christi, verleiht der menschlichen Existenz eine Ehrfurcht erweckende Heiligkeit, und in den Augen eines jeden wahrhaft Gläubigen muß Derjenige, welcher die Rechte seines niedrigsten Mitmenschen mit Füßen tritt, nicht nur als Unmensch, sondern auch als Gotteslästerer erscheinen, — und die schrecklichste Art dieser Gotteslästerung ist das Institut der Sklaverei.

Man hat gesagt, daß die Schilderungen dieses Buches Uebertreibungen enthielten! Ich wünschte, es wäre wahr! ich wünschte, dieses Buch wäre wirklich nur eine Schöpfung der Einbildungskraft, und nicht eine Mosaik wirklicher Thatsachen! Aber daß es keine Erfindung ist, dafür sind die Beweise in Tausenden blutender Herzen zu finden, — sie sind von Tausenden von Zeugen in den Sklavenstaaten bekräftigt, und selbst von Sklavenhaltern, mit ausdrücklicher Bezugnahme auf dieses Buch, bestätigt worden. — Wenn noch andere Beweise erforderlich wären, so dürften wir die ganze civilisierte Welt nur auf das allgemein publicierte Gesetzbuch der Sklavenstaaten verweisen, welches eine vollständige, klare und gesetzliche Billigung jeder Grausamkeit und Abscheulichkeit enthält, die der Mensch überhaupt der Seele und dem Körper seines Mitmenschen zufügen kann; und wenn das Gesetz so beschaffen ist, — wie müssen dann die Folgen sein? Seitdem ist jedoch, Gott sei gedankt, jener gewaltige, unaussprechliche Angstschrei endlich gehört worden!

Es ist gesagt worden, daß die Sklavenbevölkerung ganz ungeeignet für die Freiheit, und deren unfähig sei, und daß die in diesem Buche geschilderte Charaktere eingebildete Uebertreibungen und Unmöglichkeiten seien. Allein, was man auch über die afrikanische Race selbst sagen möge, so läßt sich doch nicht in Abrede stellen, daß die Sklavenbevölkerung Amerika's jetzt eine in hohem Grade gemischte Race ist, in deren Adern das beste angelsächsische Blut fließt, — und daß Charaktere, wie Georg Harrys und Elise, keineswegs ungewöhnlich unter den Sklaven sind. Damit auch die Charakteristik des »Onkel Tom« selbst nicht für eine, in der Wirklichkeit nicht zu findende Erdichtung gehalten werde, wollen wir aus dem publizirten Testamente des Richters Upshur, früheren Staatssecretairs unter Präsident Tyler, des Tributes erwähnen, welcher darin den Verdiensten eines Lieblingssclaven gezollt worden ist.

»Ich emancipire hierdurch meinen Sklaven David Rice, und weise meine Testamentsvollstrecker an, ihm hundert Dollar auszuzahlen. Ich empfehle ihn der Achtung und dem Vertrauen einer jeden Gemeinde, in der er sich niederlassen sollte. Er ist vierundzwanzig Jahre lang mein Sklave gewesen, während welcher Zeit ihm von mir unbedingtes und unbegränztes Vertrauen geschenkt worden ist. Sein Verhältniß zu mir und meiner Familie ist stets von der Art gewesen, daß sich ihm täglich Gelegenheit darbot, uns zu hintergehen oder zu bevortheilen, und dennoch hat ihm nie ein erhebliches Vergehen, selbst nicht ein Verstoß gegen die Gesetze des Anstandes in seiner Stellung zur Last gelegt werden können. Seine Intelligenz ist höherer Art, seine Rechtlichkeit über jedem Verdachte, und sein Gefühl für Recht und Schicklichkeit richtig und sogar geläutert. Ich bin der Meinung, daß er einen gerechten Anspruch darauf hat, dieses Zeugniß von mir mit in die neuen Verhältnisse zu nehmen, welche er einzugehen genöthigt ist; es gebührt seinen langen und treuen Diensten von der aufrichtigen Freundschaft, die ich für ihn hege. Während des ununterbrochenen, vertrauten Verkehrs durch vierundzwanzig Jahre habe ich ihm nie ein unfreundliches Wort gesagt, und nie dazu Veranlassung gehabt. Ich habe nie einen Menschen gekannt, der weniger Fehler und mehr gute Eigenschaften hatte, als er.«

Es soll nicht behauptet werden, daß ein Charakter, wie der Onkel Tom's gewöhnlich zu finden sei, aber er hat mehr als einmal existirt; und es ist so eine Schmach, Verachtung und erzwungene Lasterhaftigkeit auf das Haupt des unglücklichen Afrikaners gehäuft worden, daß er wohl mit Recht einen Anspruch auf eine so günstige Schilderung hat, als sie mit Wahrheit und Wahrscheinlichkeit übereinstimmt.

Nicht in äußerster Verzweiflung, sondern in feierlicher Hoffnung und Zuversicht dürfen wir dem Kampfe zuschauen, der jetzt Amerika durchwühlt. Es ist der Angstschrei des Teufels der Sklaverei, der von fern die Stimme eines nahenden Jesus gehört hat, und die edle Gestalt durch Zuckungen verzerrt, aus der er ihn endlich vertreiben wird.

Es ist unmöglich, daß eine so ungeheure Verirrung lange im Busen einer Nation bestehen könne, die in jeder anderen Beziehung das beste Beispiel der großen Principien einer allgemeinen Brüderschaft giebt. In Amerika genießen der Franzose, der Deutsche, der Italiener, der Ungar, der Schwede und der Lette, alle gleiche Rechte; — alle Nationen entfalten hier die ihnen eigenthümlichen Vorzüge, und werden durch die liberalen Gesetze des Landes gleicher Privilegien theilhaftig; Alles wirkt darauf hin, zu befreien, zu humanisiren, zu erheben, und grade aus diesem Grunde wird der Kampf mit der Sklaverei jedes Jahr furchtbarer. Der Strom menschlichen Fortschritt's, der durch die zusammenfließenden Kräfte aller Nationen immer breiter, tiefer und kräftiger wird, stößt auf diese Schranke, hinter welcher sich alle Unwissenheit, Grausamkeit und Bedrückung finstrer Jahrhunderte gesammelt hat; — jetzt schäumt und drängt er nur gegen den Fuß, aber er steigt mit jedem Jahre, und endlich wird er mit einem Sturze, gleich dem des Niagara, das Hemmniß mit sich fortreißen. Dichtkunst, Redekunst und Litteratur sind dagegen, denn es gibt keine einzige Fähigkeit göttlichen Ursprungs im Menschen, die nicht für Freiheit spräche! Anfangs verbreitete sich die Sklaverei über alle Staaten der Union. Jetzt hat der Fortschritt der gesellschaftlichen Verhältnisse die Mehrzahl derselben emancipirt. In Kentucky, Tennessee, Virginien und Maryland haben zu verschiedenen Zeiten starke Bewegungen zu Gunsten der Emancipation statt gefunden, — Bewegungen, welche fortwährend durch eine Vergleichung des progressiven Fortschritts der freien Staaten mit der Armuth und Unfruchtbarkeit als Folge eines Systems erweckt wurden, welches in wenigen Jahren den Boden erschöpft, ohne im Stande zu sein, ihm wieder frische Kräfte zu geben. Der Zeitpunkt kann nicht mehr fern sein, wo alle diese Staaten ihrer eignen Selbsterhaltung wegen emancipiren werden, und wenn kein Sklavengebiet hinzukommt, so wird ein Zunehmen der Sklavenbevölkerung Maßregeln für die Emancipation der übrigen nothwendig machen. Dies ist der Punkt, um den gestritten wird. Sofern kein neues Sklavengebiet gewonnen wird, muß die Sklaverei untergehen, — wenn es gewonnen wird, besteht sie fort. — Um diesen Punkt manöveriren und kämpfen die politischen Parteien, und jedes Jahr wird der Kampf heißer, der bald zur großen Nationalfrage werden wird. In dem Gesetze von 1850, die flüchtigen Sklaven betreffend, gewann die Sklavenmacht allerdings einen Sieg, aber es war nur ein Sieg des Pyrrhus, — noch ein solcher würde ihr Untergang sein! Grade dieses Gesetz hat mehr als alle früher wirkenden Mittel dazu beigetragen, die moralische Kraft der Nation gegen die Sklaverei zu erwecken und zu concentriren.

Keine inneren Kämpfe irgend einer andern Nation der Welt können für den Europäer von so großem Interesse sein wie die Amerika's, denn Amerika bevölkert sich immer mehr aus Europa, und jeder Europäer, der an seinen Ufern landet, erlangt fast unmittelbar seine Stimme in den Berathungen.

Wenn deßhalb die Unterdrückten andrer Nationen in Amerika ein Asyl dauernder Freiheit zu finden wünschen, so mögen sie bereit sein, mit Herz, Hand und Stimme gegen das Institut der Sklaverei zu kämpfen; denn diejenigen, die Andere zu Sklaven machen wollen, können selbst nicht lange frei bleiben.

Wahr sind die großen, lebendigen Worte: »Keine Nation kann frei bleiben, bei der die Freiheit nur ein Vorrecht und nicht ein Princip ist.«

Andover, den 21. September 1852.
Harriet Beecher Stowe.


Zwanzigstes Kapitel.
Topsy.

Eines Morgens, als Miß Ophelia in ihren häuslichen Sorgen geschäftig war, wurde St. Clare's Stimme am Fuße der Treppe gehört, der nach ihr rief.

»Komm herunter, Cousine, ich habe Dir etwas zu zeigen!«

»Was ist es denn?« fragte Ophelia, mit ihrem Nähzeuge in der Hand herabkommend.

»Ich habe hier etwas für Dein Departement angekauft, — sieh' hier!« sagte St. Clare, indem er ein kleines Negermädchen von acht bis neun Jahren hervorzog.

Sie war eine der Schwärzesten ihrer Race, und ihre runden, wie Glasperlen glänzenden Augen flogen mit unstäten, ruhelosen Blicken über alle im Zimmer befindlichen Gegenstände. Ihr Mund, der vor Erstaunen über die Wunder im Wohnzimmer ihres Herrn halb geöffnet war, ließ zwei Reihen glänzend weißer Zähne sehen. Ihr wolliges Haar war in verschiedene Zöpfe geflochten, die nach allen Richtungen hin starrten. Der Ausdruck ihres Gesichts enthielt eine sonderbare Mischung von Muthwillen und Schlauheit, über die, wie ein Schleier, die Miene eines schmerzlichen Ernstes hing. Sie trug ein einziges, schmutziges, zerlumptes Kleid aus Sackleinwand, und stand mit ernsthaft gefalteten Händen vor Ophelien. In ihrer ganzen Erscheinung lag etwas so Sonderbares, Koboldartiges, — etwas, wie Miß Ophelia später versicherte, so »Heidnisches,« daß diese gute Dame einen wahren Schrecken vor ihr empfand. Indem sie sich zu St. Clare umwandte, sagte sie:

»Augustin, wozu in aller Welt hast Du denn das Ding hierher gebracht?«

»Damit Du es erziehen sollst, kein Zweifel, und es auf den rechten Weg bringen. Ich dachte, es wäre ein possierliches Exemplar im Jim-Crow-Geschlechte. Hier, Topsy,« fügte er mit einem Pfiff hinzu, so wie man die Aufmerksamkeit eines Hundes zu erregen pflegt, — »laß uns einen Gesang hören, und zeige uns etwas von Deinen Tanzkünsten.«

Die schwarzen gläsernen Augen begannen von einer Art boshaften Muthwillens zu glänzen, und das kleine Wesen begann mit einer klaren, gellenden Stimme eine jener sonderbaren Neger-Melodien, nach der sich ihre Hände und Füße im Takte bewegten, während sie sich im Kreise herum drehte, mit den Händen und Knien zusammenschlug, und jene sonderbaren Kehllaute hören ließ, die der heimathlichen Gesangsweise ihres Geschlechtes eigentümlich sind; und endlich zwei oder drei Sprünge in die Luft machend, kam sie mit einem gedehnten Schlußtone, der so unirdisch klang wie die Pfeife einer Locomotive, auf den Teppich nieder, und stand dann wieder mit gefalteten Händen da, und dem Ausdrucke scheinheiliger Sanftmuth und Feierlichkeit im Gesichte, der nur durch die listigen Blicke unterbrochen wurde, die sie in schräger Richtung aus ihren Augenwinkeln umherschoß.

Miß Ophelia stand stumm und wie vom Schlage getroffen vor Erstaunen.

St. Clare, muthwillig wie er war, schien sich an diesem Staunen zu ergötzen, und wandte sich von Neuem an das Kind.

»Topsy,« sagte er, »dies ist Deine neue Mistreß, ich übergebe Dich ihr; also betrage Dich jetzt gut.«

»Ja, Master,« entgegnete Topsy mit scheinheiligem Ernste, während ihre gottlosen Augen blinzelten.

»Du mußt Dich gut betragen, Topsy, verstehst Du,« sagte St. Clare.

»O ja, Master,« entgegnete Topsy, von Neuem blinzelnd, während ihre Hände andächtig gefaltet blieben.

»Nun, Augustin, in aller Welt, sage mir nur, wozu ist das?« sagte Miß Ophelia. »Dein Haus ist so voll von dieser Plage, daß man kaum seinen Fuß niedersetzen kann, ohne auf eins dieser Wesen zu treten. Wenn ich des Morgens aufstehe, so finde ich eins hinter der Thür liegen und schlafen, einen andern schwarzen Kopf unter dem Tische, und wieder einen andern auf der Fußdecke vor der Thür; und an allen Gittern hängen sie, und grinsen und schneiden Gesichter, und in der Küche wälzen sie sich fortwährend auf dem Boden umher! Wozu hast Du denn dieses Wesen noch nöthig gehabt?«

»Ich sagte Dir ja, — damit Du es erziehen sollst, weil Du immer von Erziehung sprichst. Ich dachte, ich wollte Dir ein frisch eingefangenes Exemplar bringen, um Deine Hand daran zu versuchen, und es auf den rechten Weg zu bringen.«

»Ich will dieses Wesen nicht haben, gewiß nicht. Ich habe schon mehr mit dieser Gattung zu thun, als mir lieb ist.«

»So seid Ihr Christen alle! — Gesellschaften könnt Ihr stiften, und ein paar arme Missionäre anwerben, um ihr ganzes Leben unter solchen Heiden zuzubringen; aber zeige mir Einen von Euch, der so ein Wesen zu sich in das Haus nehmen, und die Mühe der Bekehrung selbst übernehmen würde! Nein; wenn es dahin kommt, dann sind sie schmutzig und widerlich, und machen zu viel Umstände, und so weiter!«

»Augustin, ich habe die Sache nicht in diesem Lichte betrachtet,« sagte Miß Ophelia, augenscheinlich sanfter werdend. »Wohl, es kann vielleicht ein ächtes Bekehrungswerk sein,« fügte sie hinzu, das Kind mit etwas günstigeren Blicken betrachtend.

St. Clare hatte die rechte Feder berührt, denn Miß Opheliens Gewissenhaftigkeit war immer wach. »Aber,« bemerkte sie noch, »ich sah wirklich die Nothwendigkeit nicht ein, dieses noch zu kaufen, da bereits genug im Hause vorhanden sind, um alle meine Zeit und Gewandtheit in Anspruch zu nehmen.«

»Wohlan, Cousine,« sagte St. Clare, indem er sie bei Seite zog, »ich habe Dich wegen meiner albernen Reden um Verzeihung zu bitten. Du bist so gut, daß sie keine Bedeutung haben können. Sieh, die Sache ist diese. Das kleine Wesen gehörte einem Paar trunkener Geschöpfe, die ein niedriges Wirthshaus halten, an dem ich alle Tage vorüber komme; und ich konnte das Schreien und Prügeln dieses Kindes nicht mehr anhören. Das Mädchen sah aufgeweckt und possierlich aus, als wenn sich was aus ihr machen lasse, und so kaufte ich sie, und will sie Dir geben. Versuche Du nun, ihr eine orthodoxe, neu-englische Erziehung zu geben, und sieh zu, was sich mit ihr machen läßt. Du weißt, ich selbst besitze keine Fähigkeiten in dieser Richtung, aber ich möchte, daß Du es versuchtest.«

»Wohl, ich will thun, was ich kann,« sagte Miß Ophelia, und näherte sich ihrer neuen Untergebenen ungefähr so, wie sich eine Person einer schwarzen Spinne nähern würde, für die sie wohlwollende Absichten hegt.

»Sie ist schrecklich schmutzig, und halbnackt,« sagte sie.

»So nimm sie hinunter, und laß sie sich waschen und reinlich anziehen.«

Miß Ophelia führte sie hinunter in die Regionen der Küche.

»Sehe gar nicht, wozu Master St. Clare noch 'ne Niggerin braucht!« sagte Dinah, während sie den neuen Ankömmling mit keinen sehr freundlichen Blicken betrachtete. »Mag sie nicht unter meinen Füßen haben!«

»Pah!« sagte Rosa und Jane mit vornehmem Abscheu, »sie mag uns aus dem Wege gehen! Wozu Master noch eine von diesen niedrigen Negerinnen nöthig hat, kann ich nicht begreifen!«

»Du geh'! Nicht mehr Niggerin als Du bist, Miß Rosa,« sagte Dinah, welche die letztere Bemerkung auf sich bezog. »Bild'st Dir wohl ein, Du wärst 'ne Weiße? Bist gar nichts, nicht schwarz, nicht weiß. Will doch lieber 'was sein.«

Miß Ophelia sah, daß hier Niemand zu finden sei, der die Beaufsichtigung des Waschens und Ankleidens übernehmen würde, und fand sich deßhalb genöthigt, es mit einer sehr unfreundlichen und unwilligen Hülfe von Seiten Jane's selbst zu thun.

Es ist nicht für zarte Ohren geeignet, die Einzelheiten der ersten Toilette eines vernachlässigten, mißbrauchten Kindes zu hören. Zahllose menschliche Wesen müssen in dieser Welt in einem Zustande leben und sterben, dessen Schilderung zu stark für die Ohren ihrer Mitmenschen sein würde. Miß Ophelia hatte einen guten, festen, praktischen Willen, und ging deßhalb durch alle ekelhaften Einzelheiten mit heroischer Gründlichkeit, obgleich nicht mit sonderlichem Gefallen daran, — denn Beharrlichkeit war das Einzige, wozu ihre Grundsätze sie bringen konnten. Als sie auf dem Rücken und den Schultern des Kindes die tiefen Narben und Schwielen sah, unverlöschliche Zeichen des Systemes, unter dem es bisher aufgewachsen war, fühlte sie Mitleid für dasselbe.

»Sehen Sie, da!« sagte Jane, auf diese Marken deutend, »zeigt das nicht, daß sie ein Taugenichts ist? Wir werden schöne Arbeit mit ihr haben, glaube ich. Ich hasse alle diese Niggerkinder! sind so ekelhaft! Ich wundere mich, daß Master sie gekauft hat!«

Das »Niggerkind« hörte alle diese Bemerkungen mit unterwürfiger, kläglicher Miene an, die ihm gewohnheitsgemäß zu sein schien, aber unterließ dabei nicht, scharfe, verstohlene Blicke auf den Schmuck zu werfen, den Jane in ihren Ohren trug. Als Topsy endlich reinlich und ordentlich angezogen, und ihr Haar kurz abgeschnitten worden war, sagte Miß Ophelia mit einiger Zufriedenheit, daß sie christlicher aussehe als zuvor, und begann bereits im Geiste Pläne für ihren Unterricht zu entwerfen.

Indem sie sich vor sie setzte, begann sie Fragen an sie zu richten.

»Wie alt bist Du, Topsy?«

»Weiß nicht, Missis,« sagte das Bild mit einem Grinsen, das alle seine Zähne zeigte.

»Du weißt nicht, wie alt Du bist? Hat Dir's denn niemals Jemand gesagt? Wer war Deine Mutter?«

»Hatte nie eine!« sagte das Kind, von Neuem grinsend.

»Du hattest nie eine Mutter? Was meinst Du damit, wo bist Du denn geboren worden?«

»Bin nie geboren worden!« fuhr Topsy mit einem neuen Grinsen fort, welches so koboldartig aussah, daß, wenn Miß Ophelia überhaupt nervenreizbar gewesen wäre, sie sich leicht hätte einbilden können, irgend ein schwarzes Gnomenkind aus dem diabolischen Reiche vor sich zu haben; allein Ophelia war nicht nervenschwach, sondern derb und praktisch, und sagte deßhalb mit einiger Schärfe:

»Du mußt mir darauf antworten, Kind; ich spasse nicht mit Dir. Sage mir, wo Du geboren worden bist, und wer Dein Vater und Deine Mutter waren.«

»Bin nie geboren worden,« wiederhole der Kobold nachdrücklicher; »— habe nie Vater und Mutter gehabt, nichts. Bin von 'nen Händler aufgezogen worden, mit einer ganzen Menge Anderer. Tante Sue zog uns auf und fütterte uns.«

Das Kind war augenscheinlich aufrichtig, und Jane, in ein kurzes Lachen ausbrechend, sagte:

»O Missis, es giebt eine Menge von der Art. Die Händler kaufen sie billig auf, wenn sie klein sind, und ziehen sie auf für den Markt.«

»Wie lange bist Du bei Deinem Master und Deiner Mistreß gewesen?« fragte Miß Ophelia weiter.

»Weiß nicht, Missis.«

»Ist es ein Jahr, oder mehr, oder weniger?«

»Weiß nicht, Missis?«

»O, Missis,« unterbrach hier Jane wieder, — »diese niedrigen Neger wissen so etwas nicht; die wissen nichts von der Zeit; wissen nicht, was ein Jahr ist, und wissen nicht, wie alt sie sind.«

»Hast Du jemals etwas von Gott gehört, Topsy?«

Das Kind sah bei dieser Frage verwirrt aus, aber grinste wieder wie gewöhnlich.

»Weißt Du, wer Dich geschaffen hat?«

»Niemand, was ich weiß,« sagte das Kind mit einem kurzen Lachen. Die Idee schien es besonders zu amüsiren, denn seine Augen blinzelten, und es fügte hinzu: »Ich denke, ich bin gewachsen; 's hat mich Niemand geschaffen.«

»Kannst Du nähen?« fragte Miß Ophelia weiter, indem sie es für zweckmäßig hielt, die Unterhaltung auf etwas Anderes zu lenken.

»Nein, Missis.«

»Was kannst Du denn? — was hast Du für Deinen Herrn und Deine Mistreß gethan?«

»Wasser geholt, und Teller gewaschen, und Messer geputzt, und weißen Leuten aufgewartet.«

»Waren sie gut gegen Dich?«

»Glaube, ja,« sagte das Kind, Miß Ophelia listig von der Seite betrachtend.

Ophelia stand von diesem ermuthigenden Zwiegespräche auf, während dessen St. Clare hinter ihrem Stuhle, sich auf die Lehne stützend, gestanden hatte.

»Du findest hier jungfräulichen Boden, Cousine,« sagte er. »Lege Deine eignen Ideen hinein, — wirst nicht viel auszurotten haben.«

Miß Opheliens Ansichten über Erziehung waren wie alle ihre anderen Ideen bestimmt und geordnet, und aus derjenigen Schule, welche vor ungefähr hundert Jahren in Neu England herrschend war, und noch jetzt in einigen abgelegenen, unverderbten Theilen zu finden ist, wohin keine Eisenbahnen führen. Sie ließen sich ziemlich genau in wenige Worte fassen: »Den Kindern Aufmerksamkeit zu lehren, wenn mit ihnen gesprochen wird; ihnen den Katechismus, Nähen und Lesen zu lehren und sie zu züchtigen, wenn sie Unwahrheiten sagen;« und obgleich in der Fluth von Licht, welches sich jetzt über Erziehung verbreitet, diese Principien natürlich weit in den Hintergrund getreten sind, so läßt sich doch nicht in Abrede stellen, daß unsere Großmütter unter ihrer Herrschaft manche recht brave Männer und Weiber erzogen haben, wie Viele von uns werden bezeugen können. Jedenfalls wußte Miß Ophelia nichts Anderes zu thun, und begann deshalb das Erziehungswerk ihres heidnischen Zöglings mit vollem Eifer.

Das Kind wurde als Miß Ophelia's Mädchen angekündigt und im ganzen Hause so betrachtet; und da Topsy in der Küche mit keinem sehr gnädigen Auge betrachtet wurde, so beschloß Miß Ophelia, ihren Wirkungskreis und Unterricht hauptsächlich auf ihr eigenes Zimmer zu beschränken. Mit einer Selbstverleugnung, welche vielleicht nur wenige von unsern Lesern zu würdigen im Stande sein werden, beschloß sie, statt behaglich ihr Bett selbst zu machen und ihr Zimmer selbst auszufegen und abzustäuben, — was sie bisher stets mit völliger Beiseitesetzung aller Anerbietungen des Kammermädchens im Haushalte selbst besorgt hatte, — sich zu dem Märtyrerthum zu verurtheilen, Topsy diese Verrichtungen zu lehren. Wenn je eine unserer Leserinnen dasselbe that, so wird sie die Größe dieses Opfers zu würdigen wissen.

Miß Ophelia begann mit Topsy damit, daß sie sie am ersten Morgen in ihr Zimmer nahm und einen Lehrcursus in der geheimnißvollen Kunst des Bettmachens anfing. Topsy stand, rein gewaschen und rein geschoren von allen den geflochtenen kleinen Zöpfen, an denen ihr Herz gehangen hatte, in einem saubern Kleide und weißer, gestärkter Schürze, vor Ophelien mit einer so feierlichen Miene, wie sich für ein Leichenbegängniß gepaßt haben würde.

»Nun, Topsy, will ich Dir zeigen, wie mein Bett gemacht werden muß. Ich bin sehr eigen darin; Du mußt lernen, es grade ebenso zu machen.«

»Ja, Madame,« sagte Topsy mit einem tiefen Seufzer und einem schmerzlich ernsthaften Gesichte.

»Nun, Topsy, sieh hier; — dies ist der Saum des Betttuches, — dies ist die rechte Seite und dies die linke: — wirst Du das behalten?« sagte Miß Ophelia weiter.

»Ja, Madame,« wiederholte Topsy mit einem neuen Seufzer.

»Gut, das untere Betttuch mußt Du über das Pfühl ziehen, — so, — und es glatt unter die Matratze einschlagen, — so, siehst Du?«

»Ja, Madame,« sagte Topsy mit gespanntester Aufmerksamkeit.

»Aber das obere Betttuch,« fuhr Miß Ophelia fort, »muß auf diese Weise herabgelegt und am Fußende glatt und fest eingeschlagen werden, — so, — mit dem schmalen Saum unten.«

»Ja, Madame,« sagte Topsy wie zuvor, — allein wir wollen hinzufügen, was Miß Ophelia nicht bemerkt hatte, daß nämlich während der Zeit, wo die gute Dame im Eifer ihrer Verrichtungen ihrer Schülerin den Rücken zugedreht, diese ein Paar Handschuhe und ein Band zu erhaschen gewußt und diese geschickt in ihren Aermel geschoben hatte, worauf sie mit gefalteten Händen wieder so ehrerbietig wie zuvor dastand.

»Nun, Topsy, laß mich sehen, wie Du dies machst,« sagte Miß Ophelia, die Betttücher wieder herabreißend und sich setzend.

Topsy ging hierauf mit großem Ernste und großer Geschicklichkeit durch den ganzen Prozeß zu Miß Opheliens großer Zufriedenheit; sie legte die Betttücher glatt, beseitigte jede Falte, und zeigte während der ganzen Verrichtung einen Ernst, an dem ihre Lehrerin nicht geringes Gefallen fand. Allein aus einer unglücklichen Schlitze ihrer Aermel kam ein Stückchen des Bandes zum Vorschein, grade in dem Augenblicke, als sie ihr Geschäft beendigte und fiel Miß Ophelien in's Auge. Augenblicklich sprang diese darauf zu. »Was ist dies? Du ungezogenes, böses Kind, — Du hast dies gestohlen!«

Das Band wurde aus Topsy's Aermel hervorgezogen, aber Topsy wurde dadurch durchaus nicht außer Fassung gebracht, sondern blickte darauf nur mit einer Miene überraschter Unschuld.

»O, ah, das ist Miß Feely's Band! Wie sich das nur in meinem Aermel hat fangen können?«

»Topsy, Du unartiges Kind, sage mir keine Lügen, — Du hast das Band gestohlen!«

»Missis, ich versichere, ich hab's nicht gethan, — hab's nie gesehen, als jetzt grade in dieser Minute.«

»Topsy,« sagte Miß Ophelia, »weißt Du nicht, daß es sündlich ist, zu lügen?«

»Ich sage nie Lügen, Miß Feely,« sagte Topsy mit tugendhaftem Ernste; »'s ist nur die Wahrheit, was ich jetzt gesagt habe, — nichts Anderes!«

»Topsy, ich werde Dich peitschen müssen, wenn Du lügst.«

»O, Missis, wenn Sie mich peitschen den ganzen Tag, — kann nichts Anderes sagen, gar nicht!« rief Topsy, indem sie zu weinen anfing. »Hab's nie gesehen, — muß sich in meinem Aermel gefangen haben. Miß Feely muß es auf dem Bette gelassen haben und da muß es an meinen Aermel gekommen sein.«

Miß Ophelia war über diese dreiste Lüge so empört, daß sie das Kind ergriff und es heftig schüttelte.

»Sage mir das nicht noch einmal!«

Das Schütteln ließ auch die Handschuhe aus dem andern Aermel auf die Erde fallen.

»Da, Du!« rief Miß Ophelia. »Willst Du mir nun noch sagen, Du habest das Band nicht gestohlen?«

Topsy bekannte jetzt in Bezug auf die Handschuhe, aber fuhr beharrlich fort, das Stehlen des Bandes in Abrede zu stellen.

»Höre, Topsy,« sagte Miß Ophelia, »wenn Du Alles gestehen willst, so will ich Dich für dieses Mal nicht peitschen.«

Auf diese Weise gedrängt, gestand Topsy endlich, mit schmerzlichen Versicherungen der Reue, das Band und die Handschuhe genommen zu haben.

»Nun, sage mir, — ich weiß, Du mußt noch andre Dinge im Hause genommen haben, denn ich habe Dich gestern den ganzen Tag umher laufen lassen, — nun sage mir, was Du sonst noch genommen hast, und ich will Dich nicht peitschen.«

»O Missis! ich habe Miß Eva's rothes Ding genommen, was sie um den Hals trägt.«

»Das hast Du gethan, Du böses Kind! — Wohl, was weiter?«

»Und Rosa's Ohrringe, — die rothen.«

»Geh, und hole beide Stücke gleich hierher.«

»O, Missis, ich kann nicht, — sind verbrannt.«

»Verbrannt? was ist das wieder für eine Lüge! Gehe gleich, oder ich peitsche Dich!«

Topsy blieb mit lauten Versicherungen, und Thränen und Stöhnen dabei, daß sie nicht könne, — daß sie verbrannt seien.

»Weshalb hast Du sie denn verbrannt?« sagte Ophelia.

»Weil ich unartig bin, — bin mächtig unartig; — weiß nicht, kann nicht anders.«

Grade in diesem Augenblicke kam Eva unschuldig und ahnungslos mit dem in Rede stehenden Korallenhalsbande in das Zimmer.

»Wie, Eva, wo hast Du Dein Halsband gefunden?« fragte Miß Ophelia.

»Gefunden? Wie, ich habe es den ganzen Tag getragen,« entgegnete Eva.

»Hast Du es denn gestern gehabt?«

»Gewiß! Und was sonderbar ist, Tante, ich habe es die ganze Nacht um gehabt; ich vergaß gestern, als ich zu Bett ging, es abzulegen.«

Miß Ophelia war vollständig irre, und zwar um so mehr, als grade in diesem Momente auch Rosa, mit einem Korbe frisch geplätteter Wäsche auf dem Kopfe, in das Zimmer trat, und die bewußten Ohrringe in ihren Ohren trug.

»Ich weiß nicht, was ich mit dem Kinde anfangen soll!« sagte sie. »Was in der Welt brachte Dich dazu, Topsy, mir zu sagen, daß Du die Dinge genommen habest?«

»Missis sagte, ich mußte gestehen, und es fiel mir nichts Anderes ein, zu gestehen,« entgegnen Topsy, ihre Augen reibend.

»Aber natürlich habe ich nicht gewollt, daß Du Dinge gestehst, die Du nicht gethan hast,« sagte Miß Ophelia; »es ist eins so gut eine Lüge, wie das andere.«

»So? — ist es?« sagte Topsy, mit der Miene unschuldiger Verwunderung.

»O, da ist keine Spur von Wahrheit in solchen Kreaturen,« sagte Rosa, verächtlich auf Topsy blickend. »Wenn ich Master St. Clare wäre, so wollt' ich sie peitschen lassen, bis das Blut strömte, — sicherlich, sie sollt' es kriegen!«

»Nein, nein, Rosa,« sagte Eva mit einer befehlenden Miene, die das Kind zuweilen annehmen konnte; »Du mußt nicht so sprechen, Rosa! ich kann es nicht hören.«

»O, Miß Eva! Sie sind so gut, Sie wissen nichts davon, wie man mit Niggern umgehen muß. 's gibt kein andres Mittel, als sie derb zu peitschen, — glauben Sie nur!«

»Rosa!« rief Eva, während ihr Auge flammte, und ihre Wangen sich purpurroth färbten, — »still! sprich kein Wort mehr davon!«

Rosa verstummte augenblicklich.

»Miß Eva hat St. Clare'sches Blut, — das ist klar; sie kann grade so sprechen, wie ihr Vater,« murmelte sie, während sie zum Zimmer hinausging.

Eva stand vor Topsy, und betrachtete sie.

Da standen die beiden Kinder als würdige Repräsentanten der Extreme der bürgerlichen Gesellschaft. Das schöne, hoch erzogene Kind mit dem goldenen Lockenkopfe, den tiefen Augen, den geistreichen, edlen Zügen, und den feinen Bewegungen; und daneben sein schwarzer, schlauer, kriechender und doch scharfsinniger Nachbar. Sie waren die Repräsentanten ihrer Geschlechter: des sächsischen, das durch Jahrhunderte von Bildung, Herrschaft, Erziehung, physischer und geistiger Entwickelung gegangen war, und des afrikanischen, das Jahrhunderte in Druck, Unterwürfigkeit, Unwissenheit, Mühe und Laster durchlebt hatte!

Etwas Aehnliches mochte vielleicht in diesem Augenblicke Eva's Gedanken beschäftigen; allein die Gedanken eines Kindes sind nur dunkle und unbestimmte Ahnungen, und in Eva's edler Natur mochten viele solche geistige Regungen thätig sein, für die ihr die Kraft des Ausdrucks fehlte. Als sich Miß Ophelia über Topsy's Ungezogenheit und schlechtes Betragen ausließ, sah das Kind bestürzt und traurig aus, aber sagte sanft:

»Arme Topsy, warum mußt Du stehlen? Du wirst nun unter strenge Aufsicht kommen. Ich wollte Dir lieber Etwas von meinen Sachen schenken, als daß Du es stiehlst.«

Es waren die ersten freundlichen Worte, die das Kind in seinem Leben gehört hatte. Der sanfte, liebevolle Ton machte einen sonderbaren Eindruck auf das wilde, rohe Herz, und der Glanz einer Thräne zeigte sich einen Augenblick lang in dem scharfen, runden Auge; aber gleich darauf folgte wieder das kurze Lachen und Grinsen. Nein! das Ohr, das nie etwas Anderes als Scheltworte gehört hat, glaubt nicht an etwas so Himmlisches wie Güte; und Topsy hielt deshalb Eva's Rede nur für etwas Spaßhaftes, etwas Unerklärliches, — sie glaubte ihr nicht.

Aber was war mit Topsy zu machen? Miß Ophelia wußte es nicht. Ihre Regeln für Erziehung schienen auf das Kind nicht zu passen. Sie dachte, sie wolle sich Zeit nehmen, um den Fall zu überlegen, und schloß deshalb, im Vertrauen auf gewisse, unbestimmte, wirksame Kräfte, die dunkelen Gemächern zugeschrieben werden, Topsy in ein solches ein, bis daß sie zu einem bestimmteren Entschlusse gekommen sein werde.

»Ich sehe nicht ein,« sagte Miß Ophelia zu St. Clare, »wie ich das Kind in Ordnung halten soll, ohne es zu peitschen.«

»Gut, so peitsche es, so viel Du willst. Ich will Dir volle Machtvollkommenheit geben.«

»Kinder müssen immer körperlich gezüchtigt werden,« sagte Miß Ophelia, »ich weiß nicht, wie man sie ohne das erziehen kann.«

»O, natürlich,« sagte St. Clare, »mache es ganz so, wie Du es für am Besten hältst. Nur eine Bemerkung wollte ich mir erlauben. Ich habe das Kind mit der Feuerzange, mit Schüreisen und Schüssel, was grade am nächsten zur Hand war, prügeln und niederschlagen sehen; und da es also an diese Art von Operation gewohnt ist, so müssen Deine Züchtigungen ziemlich energisch eingerichtet werden, wenn sie großen Eindruck machen sollen.«

»Was ist denn aber nun mit ihr zu thun?« fragte Ophelia.

»Du hast eine sehr wichtige Frage aufgeworfen,« sagte St. Clare, »und ich wollte, Du könntest sie beantworten. Was ist mit einem menschlichen Wesen zu thun, das nur durch die Peitsche regiert werden kann, — wenn selbst diese wirkungslos wird? Es ist ein sehr häufiger Fall hier bei uns im Süden.«

»Ich weiß es nicht; ich habe nie ein solches Kind gesehen.«

»Solche Kinder sind bei uns sehr gewöhnlich, und sogar solche Männer und Weiber. Wie sollen die regiert werden?« sagte St. Clare.

»Es ist jedenfalls mehr, als ich zu beantworten vermag,« entgegnete Miß Ophelia.

»Und ich gleichfalls,« sagte St. Clare. »Jene schrecklichen Grausamkeiten, die von Zeit zu Zeit durch die Zeitungen bekannt werden, — solche Fälle, wie zum Beispiel Prue's, — woher kommen sie? In vielen Fällen ist es ein allmähliger Abhärtungsprozeß auf beiden Seiten, — indem der Besitzer immer grausamer, und der Sklave immer unempfindlicher dagegen wird. Peitschen und Mißhandlung sind wie Laudanum; die Dosis muß in demselben Grade erhöht werden, in welchem die Nerven sich abstumpfen. Ich erkannte das sehr bald, als ich Besitzer wurde, und beschloß deßhalb, nie damit anzufangen, weil ich nicht wußte, wann ich aufhören würde. Die Folge davon ist, daß meine Sklaven sich wie verzogene Kinder betragen; aber ich halte es für besser, als wenn wir beiderseits entmenscht wären. Du hast viel über unsere Verantwortlichkeit in Bezug auf Erziehung gesprochen, und deshalb wollte ich, daß Du es mit einem Kinde versuchen möchtest, welches als Beispiel von Tausenden gelten kann.«

»Aber es ist Euer System, welches solche Kinder erzeugt,« sagte Miß Ophelia.

»Ganz richtig, ich weiß das; aber sie sind einmal so, — sie sind da, — und was ist mit ihnen zu machen?«

»Wohl, ich kann nicht sagen, daß ich Dir für diesen Versuch besonders dankbar wäre: allein, da es einmal eine Pflicht zu sein scheint, so will ich darin fortfahren, und thun, was ich kann,« sagte Miß Ophelia, und hielt ihr Wort, denn sie fuhr fort, mir einem Grade von Eifer und Energie an der Bildung ihres Zöglings zu arbeiten, der Achtung verdiente. Sie bestimmte regelmäßige Stunden und Beschäftigungen für das Kind, und versuchte es, sie lesen und nähen zu lehren.

In der erstern Kunst machte Topsy schnelle Fortschritte. Sie lernte die Buchstaben wie durch Zauberei, und war sehr bald im Stande, einfache Schrift zu lesen; aber das Nähen war eine schwierigere Aufgabe. Das Wesen war geschmeidig wie eine Katze, und behende wie ein Affe; und da ihr das Stillsitzen beim Nähen zuwider war, so zerbrach sie ihre Nadeln, und warf sie verstohlen zum Fenster hinaus, oder in Spalten der Wände; sie verwickelte, zerriß und beschmutzte ihren Zwirn, oder warf ein ganzes Knäul verstohlen in einen versteckten Winkel. Ihre Bewegungen waren beinahe so schnell, wie die eines geübten Taschenspielers, und die Herrschaft über ihre Gesichtszüge war eben so groß; und obgleich Miß Ophelia sich nicht denken konnte, daß so viele Zufälle sich nach einander ereignen könnten, so war sie ja dennoch außer Stande, sie ohne eine besondre Wachsamkeit zu ertappen, die ihr keine Zeit zu andern Geschäften übrig gelassen haben würde.

Topsy war sehr bald im ganzen Hause bekannt. Ihr Talent für jede Art von Possen, Grimassen und Nachäffung, — für tanzen, klettern, singen, pfeifen und Nachahmung jedes Tones, der ihr gefiel, schien unerschöpflich. Während ihrer Spielstunden hatte sie regelmäßig sämmtliche Kinder des ganzen Hauses hinter sich, die sie offenen Mundes vor Staunen und Verwunderung anstarrten, — selbst Eva nicht ausgenommen, welche sich von ihren wilden Teufeleien in derselben Weise angezogen fühlte, wie eine Taube zuweilen an dem Glanz und Schimmer einer Schlange Gefallen findet. Miß Ophelia wurde darüber unruhig, daß Eva so vielen Gefallen an Topsy's Gesellschaft fand, und bat St. Clare, es zu verbieten.

»Pah, laß das Kind gehen,« sagte St. Clare, »Topsy wird ihr keinen Schaden thun.«

»Aber ein so verderbtes Kind, — mußt Du denn nicht fürchten, daß sie ihr eine Unart lehre?«

»Sie kann ihr keine Unart lehren; andern Kindern wohl, aber von Eva's Gemüthe rollt das Böse ab wie Thau von einem Kohlblatte, nicht ein Tropfen fällt hinein.«

»Sei dessen nicht zu gewiß,« sagte Ophelia. »Ich würde mein eignes Kind nie mit Topsy spielen lassen.«

»Wohl, Deine Kinder haben's nicht nöthig,« sagte St. Clare, »aber meine mögen es thun. Wenn Eva hätte verdorben werden können, so hätte es schon vor Jahren geschehen müssen.«

Topsy wurde anfangs von den oberen Dienstboten verachtet; allein sie fanden bald Grund genug, ihre Meinung zu ändern. Es zeigte sich, daß, wer sie irgendwie beschimpft hatte, mit Sicherheit darauf rechnen konnte, bald darauf irgend einem unangenehmen Zufalle zu begegnen. Entweder wurden plötzlich ein Paar Ohrringe, oder andrer Lieblingsschmuck vermißt, oder ein Kleidungsstück wurde vollständig ruinirt gefunden, oder die betreffende Person mußte über einen Eimer heißen Wassers stolpern, oder es kam plötzlich, unerwartet und unerklärlich, eine Fluth Spülicht von oben auf sie herab, wenn sie sich grade in vollem Staate befand; — und in allen diesen Fällen fand sich, wenn eine Untersuchung veranlaßt wurde, Niemand, der zu dem Schimpfe Gevatter stehen wollte. Topsy wurde citirt und mußte wiederholt vor allen den häuslichen Richtern erscheinen, aber bestand alle Verhöre mit der erbaulichsten Unschuld. Niemand in der Welt war zweifelhaft über die Thäterschaft; aber auch nicht der entfernteste Beweis ließ sich zur Rechtfertigung des Verdachtes führen, und Miß Ophelia hatte zu viel Gerechtigkeitsgefühl, um ohne einen solchen weiter in der Sache gehen zu wollen. Mit einem Worte, Topsy machte dem ganzen Haushalte begreiflich, daß es am Rathsamsten sei, sie in Ruhe zu lassen, und man ließ sie in Ruhe.

Topsy war in allen Handverrichtungen gewandt, und lernte mit überraschender Schnelligkeit Alles, was ihr gezeigt wurde. In wenigen Unterrichtsstunden hatte sie gelernt, alle Geschäfte für Miß Opheliens Zimmer in einer solchen Weise zu verrichten, daß selbst diese eigne Dame keine Fehler daran finden konnte. Menschliche Hände konnten kein Bettuch glätter, kein Kissen richtiger legen, als Topsy, wenn sie es wollte, — aber sie wollte es sehr oft nicht. Wenn in Miß Ophelien, nach drei oder vier Stunden sorgsamer und geduldiger Ueberwachung, die sanguinische Hoffnung aufstieg, daß Topsy endlich auf den rechten Weg gekommen sei, und sie von ihrer Beaufsichtigung abgehen könne, um sich andern Geschäften zu widmen, so pflegte Topsy einige Stunden lang einen wahren Carneval von Confusion zu halten. Eines Tages fand sie Miß Ophelia mit ihrem besten indianischen Florshawl als Turban um den Kopf gebunden, deklamatorische Vorstellungen vor dem Spiegel geben.

»Topsy!« pflegte sie dann zu ihr zu sagen, wenn alle Geduld am Ende war, »weshalb machst Du solche Streiche?«

»Weiß nicht, Missis, — glaube, weil ich so unartig bin!«

»Ich weiß nicht mehr, was ich mit Dir machen soll, Topsy.«

»Müssen mich peitschen, Missis; meine alte Missis peitschte mich immer; — kann nichts thun, wenn ich nicht gepeitscht werde.«

»Topsy, ich mag Dich nicht peitschen. Du kannst gut und artig sein, wenn Du willst; — warum willst Du nicht?«

»Bin an's Peitschen gewöhnt, Missis; — glaube 's thut mir gut,« entgegnete Topsy.

Miß Ophelia versuchte das Recept, und Topsy verursachte dann regelmäßig einen entsetzlichen Lärm, schrie, heulte und flehte, und saß eine halbe Stunde später auf irgend einem Vorsprunge des Balkons, umgeben von der Heerde ihrer jungen Bewunderer, und drückte die äußerste Verachtung über die ganze Sache aus.

»Pah, Miß Feely peitschen! — bringt keine Fliege um, ihr Peitschen. Hättet sehen sollen, wie mein alter Master 's Fleisch fliegen ließ; — alte Master verstand 's!«

Sonntags pflegte sich Miß Ophelia angelegentlichst damit zu beschäftigen, Topsy den Katechismus zu lehren. Topsy hatte ein ungewöhnliches Wortgedächtniß und lernte mit einer Leichtigkeit und Sicherheit, die für ihre Lehrerin sehr ermuthigend waren.

»Welchen Nutzen erwartest Du davon für sie?« fragte St. Clare.

»Nun, es ist immer für Kinder von Nutzen gewesen. Kinder haben das immer lernen müssen,« entgegnete Ophelia.

»Ob sie es verstehen oder nicht — gleichviel!« sagte St. Clare.

»O, Kinder verstehen es in der Zeit nie; aber wenn sie aufwachsen, kommt die Zeit, wo sie es verstehen lernen.«

»Nun, meine ist noch nicht gekommen, obgleich ich bezeugen kann, daß Du es mir gründlich genug beigebracht hast, als ich ein Knabe war,« entgegnete St. Clare.

»Du warst immer ein guter Lerner, Augustin. Ich hegte damals große Hoffnungen von Dir,« sagte Ophelia.

»So, hast Du denn jetzt keine?« fragte St. Clare.

»Ich wollte, Du wärest so gut, wie Du als Knabe warst, Augustin!«

»Das wünschte ich auch, Cousine,« sagte St. Clare. »Wohl, fahre fort, und katechisire Topsy: vielleicht machst Du doch noch etwas aus ihr.«

Topsy, die während dieser Unterhaltung gleich einer schwarzen Statue, mit demüthig gefalteten Händen da gestanden hatte, fuhr jetzt auf einen Wink von Miß Ophelia fort:

»Unsere ersten Eltern, da sie der Freiheit ihres eignen Willens überlassen blieben, fielen aus dem Stande, in dem sie erschaffen worden waren.«

Topsy's Augen blinzelten, und sie blickte fragend auf Ophelien.

»Was willst Du, Topsy?« fragte Miß Ophelia.

»Bitte, Missis, war es der Stand Kentucky?«

»Was für ein Stand?«

»Der Stand, aus dem sie fielen. Ich hörte Master sagen, daß wir von Kentucky gekommen wären.«

St. Clare lachte.

»Du wirst ihr eine Erklärung geben müssen, oder sie macht sich eine,« sagte er. »Es scheint hier die Theorie der Auswanderung darunter verstanden zu werden.«

»O, still, Augustin!« sagte Miß Ophelia, »wie kann ich etwas thun, wenn Du dabei lachst?«

»Gut, ich will Dich nicht wieder stören, auf mein Wort,« sagte St. Clare, nahm seine Zeitung, und setzte sich nieder, bis Topsy ihre Recitationen beendigt hatte. Diese waren ganz gut, nur daß sie dann und wann, in den wichtigsten Stellen, die Worte auf eine sonderbare Weise versetzte, und bei dem Irrthume aller Gegenvorstellungen ungeachtet beharrte; und St. Clare, trotz aller seiner Versprechungen, fand ein muthwilliges Vergnügen darin, sich diese anstößigen Stellen wiederholen zu lassen, ohne Miß Opheliens Gegenvorstellungen zu beachten.

»Aber wie kannst Du glauben, daß ich mit dem Kinde etwas erreichen kann, wenn Du so fortfährst,« pflegte sie zu sagen.

»Gut, es ist unrecht, — ich will es nicht wieder thun; aber es ist gar zu drollig, das kleine Bild über diese Worte stolpern zu hören.«

»Ja, aber Du bestärkst sie ja in ihrem schlechten Wege.«

»Was macht 's denn aus? Ein Wort ist für sie so gut wie ein anderes.«

»Du willst, daß ich sie gut erziehen soll, und solltest also mit dem Einfluß, den Du ausübst, vorsichtig sein.«

»O Elend! freilich sollte ich das! aber wie Topsy selbst sagt: »ich bin so unartig!««

In dieser Weise schritt Topsy's Erziehung ein oder zwei Jahre fort, während deren Miß Ophelia sich täglich mit ihr plagte, wie mit einem chronischen Leiden, an dessen Beschwerden sie sich endlich so gewöhnte, wie andre Personen an ein Nerven- oder Kopfleiden.

St. Clare fand an dem Kinde dasselbe Vergnügen, wie an den Spässen eines Papagei's oder Hühnerhundes. Topsy dagegen pflegte, wenn sie in irgend einem andern Departement in Ungnade gefallen war, hinter seinem Stuhle Schutz zu suchen, und St. Clare wirkte dann stets auf eine oder die andre Weise Vergebung für sie aus. Von ihm erhielt sie auch so manche kleine Münze, die sie zu Nüssen und Zuckerkant verwendete, um sie mit sorgloser Freigebigkeit unter alle Kinder des Hauses zu vertheilen; denn Topsy war, um ihr Gerechtigkeit widerfahren zu lassen, von Natur gutmüthig und freigebig, und nur bösartig in ihrer eignen Selbstvertheidigung.

Sie ist jetzt in unser corps de ballet genügend eingeführt worden, und wird darin von Zeit zu Zeit, neben den andern handelnden Personen, ihre Rolle spielen.


Einundzwanzigstes Kapitel.
Kentucky.

Unsere Leser sind vielleicht nicht abgeneigt, einen kurzen Rückblick auf Onkel Toms Hütte zu thun, um zu sehen, was unter denen, die er zurückgelassen hat, vorgeht.

Es war spät an einem Sommer-Nachmittage, und die Thüren und Fenster des großen Wohnzimmers in Mr. Shelby's Haus waren alle geöffnet, um jedes frische Lüftchen, das dazu geneigt war, hereinzulassen. Mr. Shelby saß in einer großen Halle, welche mit diesem Zimmer in Verbindung stand, und durch das ganze Haus zu einem am andern Ende befindlichen Balkon lief. Nachlässig in seinen Stuhl zurückgelegt, und seine Füße auf einem andern wiegend, rauchte er seine Nachmittags-Cigarre. Mrs. Shelby saß in der Thür, mit feiner Näherei beschäftigt, und schien etwas auf dem Herzen zu haben, zu dessen Vorbringen sie eine Gelegenheit suchte.

»Hast Du gehört,« sagte sie, »daß Chloë einen Brief von Tom erhalten hat?«

»Wirklich? Tom scheint dort einen Freund zu haben. Was macht der alte Junge?«

»Er muß von einer sehr anständigen Familie gekauft worden sein, sollte ich denken,« sagte Mrs. Shelby, — »er hat sehr gute Behandlung, und nicht viel zu thun.«

»So! nun das freut mich, — wahrlich,« sagte Mr. Shelby mit Herzlichkeit. »Ich hoffe, Tom wird sich an eine südliche Residenz gewöhnen, — und kaum wünschen, hieher zurückzukehren.«

»Im Gegentheil, er fragt mit großer Aengstlichkeit danach, wann das Geld für seine Wiedereinlösung werde aufgebracht werden können.«

»Ich weiß es nicht,« sagte Mr. Shelby. »Wenn die Geschäfte einmal angefangen, schief zu gehen, so hörts nicht wieder auf. Es ist gerade wie durch einen Sumpf von einer trockenen Stelle auf die andere springen; hier borgen und dort bezahlen, und dann wieder borgen, um den Letzten zu bezahlen; — und diese verdammten Wechsel laufen immer ab, ehe ein Mensch Zeit hat, eine Cigarre zu rauchen und sich umzudrehen, — nichts als Mahnbriefe und Drängen und Treiben.«

»Ich sollte denken, mein Lieber, es könnte so Manches geschehen, um unsere Angelegenheiten zu ordnen. Wenn wir zum Beispiel alle unsere Pferde und eine Farm verkauften, um Alles abzuzahlen?«

»O lächerlich, Emilie! Du bist die gescheiteste Frau in Kentucky, aber hast doch nicht Einsicht genug zu sehen, daß Du von Geschäften nichts verstehst; — Weiber verstehen und können davon nie etwas verstehen.«

»Aber könntest Du mich denn nicht wenigstens einen Blick in Deine Verhältnisse thun lassen? mich ein Verzeichniß aller Deiner Schulden und Forderungen sehen, und mich versuchen lassen, ob ich Dir keinen Rath zu ökonomischen Maßregeln geben könnte?«

»O Thorheit! quäle mich nicht, Emilie! — das kann ich nicht. Ich weiß recht wohl, wie meine Sachen stehen, und die lassen sich nicht kneten und drücken und in jede mögliche Form bringen, wie Chloë es mit ihren Pasteten macht. Du verstehst einmal nichts von Geschäften, wie ich Dir schon gesagt habe.«

Da Mr. Shelby keine besseren Gründe anzuführen hatte, so erhob er bei diesen Worten seine Stimme, — eine Art und Weise, die für einen Mann, der mit seiner Frau über Geschäftssachen spricht, sehr bequem und sehr überzeugend ist.

Mrs. Shelby schwieg mit einem Seufzer. Es war außer Zweifel, daß sie, obgleich ein Weib, dennoch einen klaren, energischen, praktischen Verstand hatte, und eine Charakterstärke besaß, die der ihres Gatten bei weitem überlegen war; so daß es keineswegs so sehr abgeschmackt gewesen sein würde, wie Mr. Shelby dachte, sie Theil an den Geschäften nehmen zu lassen.

»Glaubst Du nicht, daß wir auf eine oder die andere Weise Geld aufbringen könnten? Die arme Chloë, sie rechnet so sehr darauf.«

»Das thut mir leid. Ich glaube, ich war etwas zu voreilig mit meinem Versprechen. Ich weiß nicht, ich denke, es ist am Ende der beste Weg, es Chloë geradezu zu sagen, damit sie sich darein findet. Tom wird in ein oder zwei Jahren eine andere Frau haben, und sie thäte am besten, zu einem andern Mann zu gehen.«

»Mr. Shelby, ich habe meinen Leuten gelehrt, daß ihre ehelichen Verbindungen so heilig wie die unsrigen seien. Ich würde mich nie dazu verstehen können, Chloë solchen Rath zu geben.«

»Es ist ein Unglück, Frau, daß Du diese Leute mit der Last einer Moralität beschwert hast, die weit über ihre Verhältnisse und ihre Aussichten hinausgeht. Ich habe immer so gedacht.«

»Es ist nur die Lehre der Bibel,« entgegnete Mrs. Shelby.

»Gut, gut, Emilie, ich will mich in Deine religiösen Ansichten nicht mischen; nur scheinen sie mir für Leute in solchen Verhältnissen durchaus nicht geeignet zu sein.«

»Leider sind sie es nicht,« sagte Mrs. Shelby, »und das ist der Grund, weshalb ich das Sklavenwesen hasse. Ich sage Dir, mein Lieber, ich kann mich von den Versprechungen nicht lossagen, die ich diesen hülflosen Geschöpfen gemacht habe. Wenn ich das Geld in keiner andern Weise aufbringen kann, so will ich Musikunterricht geben. Ich weiß, daß ich Beschäftigung genug bekommen und das Geld bald verdienen würde.«

»Wie, Emilie, Du würdest Dich doch nicht auf diese Weise herabwürdigen wollen? Ich könnte nie meine Einwilligung dazu geben.«

»Herabwürdigen! würde es mich so herabwürdigen, wie wenn ich das Versprechen bräche, was ich Hülflosen gegeben habe? Nein, gewiß nicht!«

»Du bist heroisch und überspannt,« sagte Mr. Shelby; »aber ich dächte, Du thätest wohl, die Sache noch einmal zu überlegen, ehe Du solchen abenteuerlichen Streich unternimmst.«

Hier wurde die Unterhaltung durch die Erscheinung Chloë's am Ende der Veranda unterbrochen.

»Wenn's Ihnen gefällig wäre, Missis,« sagte sie.

»Nun, Chloë, was gibt's?« sagte ihre Mistreß aufstehend und nach dem Ende des Balkones gehend.

»Wenn Missis hier das Geflügel ansehen wollte,« sagte Chloë mit einer Miene ernster Betrachtung, während sie auf einen Haufen Hühner und Enten deutete, bei dem sie stand; »ich dachte, ob Missis vielleicht eine Hühnerpastete haben wollte von diesen da.«

»Das ist mir gleich, Chloë, — richte sie nur zu, wie Du willst,« entgegnete Mrs. Shelby.

Chloë blieb gedankenvoll stehen, während sie das Geflügel einzeln durch ihre Hände gehen ließ; allein es war leicht erkennbar, daß die Hühner nicht der Gegenstand ihrer Gedanken waren. Endlich begann sie mit einem kurzen Lachen, mit dem ihr Geschlecht häufig etwas zweifelhafte Vorschläge einzuleiten pflegt:

»Mein Gott, Missis, warum sollen Master und Missis sich quälen um das Geld und nicht gebrauchen das Recht, was ihnen zukommt?« sagte Chloë von Neuem lachend.

»Ich verstehe Dich nicht, Chloë,« entgegnete Mrs. Shelby, die Chloë's Weise kannte, und deßhalb nicht im Geringsten bezweifelte, daß sie jedes Wort der zwischen ihr und ihrem Ehemanne so eben Statt gehabten Unterhaltung gehört habe.

»O Missis!« sagte Chloë wieder lachend, »andere Leute miethen ihre Nigger aus, und lassen sie Geld verdienen: halten nicht solche Bande, die sie aus Haus und Hof ißt.«

»Wohl, Chloë, wen meinst Du denn, daß ich ausmiethen solle?«

»O, ich meine gar nichts, — nur Sam sagte mir, daß da einer von den Conditorn wäre, in Louisville, der 'ne geschickte Hand für Kuchen und Pasteten brauchte, und der vier Dollars die Woche geben wollte, — sagte er.«

»Nun, Chloë?«

»Ja, so dachte ich, Missis, 's wäre Zeit, daß Sally endlich anfinge, 'was zu thun. Sally ist unter mir gewesen diese ganze Zeit, und kann Alles beinahe eben so gut machen wie ich; und wenn Missis mich wollte gehen lassen, so könnt' ich helfen das Geld verdienen. Fürchte mich gar nicht, meine Kuchen und meine Pasteten neben alle die von 'nem Conditor zu stellen.«

»Aber, Chloë, willst Du denn Deine Kinder verlassen?«

»O, Missis, die Jungens sind groß genug, um zu arbeiten, — fehlt ihnen gar nichts; und Sally soll nach der Kleinen sehn, 's ist so ein munteres Ding, braucht gar nicht viel gewartet zu werden.«

»Louisville ist ziemlich weit von hier.«

»Mein Gott, fürchte mich nicht! — ist's wohl den Fluß hinunter, nahe bei meinem alten Mann vielleicht?« sagte Chloë, die letzten Worte in fragendem Tone sprechend und auf Mrs. Shelby blickend.

»Nein, Chloë, es ist noch viele hundert Meilen davon entfernt,« entgegnete Mrs. Shelby.

Chloë's Gesicht wurde traurig.

»Das thut nichts, Chloë; Du kommst ihm wenigstens näher, wenn Du dahin gehst. Ja, Du magst gehen; und jeder Cent Deines Lohnes soll zu der Wiedereinlösung Deines Mannes zurückgelegt werden.«

Wie wenn ein heller Sonnenstrahl eine dunkle Wolke versilbert, so klärte sich Chloë's dunkles Gesicht augenblicklich auf, — es strahlte förmlich.

»O Herr! wenn Missis nicht zu gut ist! — dachte gerade an dasselbe; denn ich brauche keine Kleider und keine Schuhe und nichts, — könnte jeden Cent sparen. Wie viele Wochen gibt's denn in 'nem Jahre, Missis?«

»Zweiundfünfzig,« sagte Mrs. Shelby.

»Herr! also so viele? und vier Dollar für jede, — wie viel mag das sein?«

»Zweihundert und acht Dollar,« entgegnete Mrs. Shelby.

»Wie!« sagte Chloë mit einem Ausdruck von Ueberraschung und Wonne; — »und wie lange würde 's dauern, bis ich Alles herausgearbeitet hätte, Missis?«

»Vier bis fünf Jahre, Chloë; aber Du sollst nicht Alles allein verdienen, — ich will Etwas dazu legen.«

»Mag nichts davon hören, — Missis Stunden geben. Master hat ganz Recht darin; — würde sich nicht passen. Hoffe, keiner von unserer Familie wird dazu kommen, so lange ich Hände habe.«

»Fürchte nichts, Chloë, — ich will schon Sorge tragen für die Ehre der Familie,« sagte Mrs. Shelby lächelnd. »Aber wann gedenkst zu gehen?«

»O, ich denke Nichts, — nur, Sam, er geht auf den Fluß mit Fohlen, und sagte mir, ich könnte mit ihm gehn; und so machte ich just meine Sachen zusammen. Wenn Missis wollte, so könnt' ich mit Sam morgen früh gehen, — wenn Missis mir 'nen Paß schreiben wollte, und 'ne 'Commendation.«

»Wohl, Chloë, ich will dafür sorgen, wenn Mr. Shelby Nichts dagegen einzuwenden hat. Ich muß erst mit ihm reden.«

Mrs. Shelby ging in das obere Stockwerk und Tante Chloë ging entzückt in ihre Hütte, um die nöthigen Vorbereitungen zu treffen.

»O, Master Georg! Sie wissen nicht, daß ich morgen nach Louisville gehe!« sagte sie zu Georg, als er sie beim Eintreten beschäftigt fand, die Kleidungsstücke ihrer Kinder zu ordnen. »Dachte, ich wollte grade 'mal über diese Sachen sehen und sie in Ordnung haben. Aber ich gehe, Master Georg, — ich gehe, und bekomme vier Dollar die Woche; und Missis will es Alles aufheben und meinen alten Mann damit wiederkaufen.«

»Sieh da!« sagte Georg, »das ist ein gutes Geschäft! Wann gehst Du denn?«

»Morgen, mit Sam. Und nun, Master Georg, — ich weiß — sind Sie wohl so gut und schreiben just an meinen alten Mann, und sagen ihm das Alles, — nicht wahr?«

»Versteht sich,« sagte Georg. »Onkel Tom wird sich freuen, Nachricht von uns zu bekommen. Ich will gleich in's Haus gehen, und Feder und Papier holen; und dann kann ich ihm auch gleich von unsern jungen Fohlen erzählen und von allen andern Sachen, — nicht wahr, Tante Chloë?«

»Freilich, freilich, Master Georg; gehen Sie nur, und ich will Ihnen unterdessen ein hübsches Stückchen Huhn zurecht machen, oder so Etwas; — werden nicht oft mehr bei alte Tante Chloë 'was essen.«


Zweiundzwanzigstes Kapitel.
»Das Gras verwelkt — die Blume verblüht.«

Mit jedem Tage fließt ein Theil unseres Lebens dahin, — und so war es mit Onkel Tom, bis zwei Jahre verflossen waren. Obgleich getrennt von Allem, was seinem Herzen theuer war, und obgleich oft die heftigste Sehnsucht nach seinen Lieben empfindend, fühlte er sich doch eigentlich nie ganz unglücklich; denn so stark ist die Harfe menschlicher Gefühle bezogen, daß nur ein Zerreißen aller Saiten ihre Harmonie gänzlich zerstören kann; und selbst wenn wir auf Zeiten der Trübsal und der Leiden zurückblicken, so können wir uns erinnern, daß fast jede Stunde derselben in ihrem Laufe Abwechslung und Erleichterung mit sich brachte, so daß wir, wenn auch im Ganzen nicht glücklich, doch auch nicht ganz elend waren.

Sein an Chloë gerichteter Brief war, wie dessen bereits im vorigen Kapitel Erwähnung geschehen, von Master Georg in guter Zeit beantwortet worden, und zwar in einer runden, deutlichen Schulknabenschrift, die, wie Onkel sagte, sich beinahe über das ganze Zimmer lesen ließ. Das Schreiben enthielt verschiedene erquickliche Nachrichten über die dortigen Verhältnisse, mit denen unsere Leser bereits bekannt sind: zum Beispiel, daß Tante Chloë an einen Conditor in Louisville ausgedungen worden, wo sie mit der Fabrikation von Pasteten unglaubliche Summen Geldes verdiene, die alle zur Wiedereinlösung Toms zurückgelegt werden sollten; daß Mose und Pete munter aufwüchsen, und daß das Kleine unter Sally's und der ganzen Familie Aussicht bereits im ganzen Hause umhertrabe. Toms Hütte war für jetzt geschlossen worden, allein Georg ließ sich mit großer Wärme über die Verbesserungen und Verzierungen aus, die darin vorgenommen werden sollten, sobald Tom zurückkehre. Der Rest des Briefes enthielt ein Verzeichniß von Georgs Schulstudien und von den Namen der vier jungen Fohlen, welche seit Toms Entfernung gefallen waren, und erwähnte in inniger Verbindung hiermit, daß sich Vater und Mutter wohl befänden. Der Styl des Briefes war entschieden ein sehr bündiger: allein Tom hielt seine Abfassung für eins der vollendetsten Beispiele in der neueren Zeit. Er konnte nie müde werden, das Schreiben zu betrachten, und berathschlagte sogar mit Eva darüber, ob es nicht gut wäre, es unter Glas und Rahmen bringen zu lassen, um es im Zimmer aufhängen zu können; und nur die Schwierigkeit, es so einzurichten, daß beide Seiten des Blattes zugleich sichtbar seien, stand der Ausführung im Wege.

Die Freundschaft zwischen Tom und Eva war in gleichem Schritte mit dem Kinde selbst gewachsen. Es würde schwer sein zu sagen, welchen Platz sie in dem sanften, empfänglichen Herzen ihres treuen Dieners einnahm. Er liebte sie wie etwas Irdisches und Gebrechliches, aber verehrte sie beinahe als etwas Himmlisches und Göttliches. Wie der italienische Seemann auf sein Bild des Jesuskindes schaut, so betrachtete er sie mit einer Mischung von Ehrfurcht und Zärtlichkeit; und sein größtes Vergnügen bestand darin, den kindlichen Einfällen, den tausend kleinen Bedürfnissen zu genügen, die das jugendliche Alter wie mit einem buntfarbigen Regenbogen schmücken. Wenn er Morgens auf den Markt ging, so waren seine Augen stets auf die Blumenlager gerichtet, um seltene Bouquette für sie auszusuchen, und die schönste Pfirsich, die er fand, glitt stets in seine Tasche, um sie ihr zu geben, wenn er nach Hause kam; und der liebste Anblick für ihn war der, wenn er ihren goldlockigen, kleinen Kopf zur Pforte hinaus blicken und auf seine Rückkehr warten sah, und er dann ihre kindliche Frage hörte: »Nun, Onkel Tom, was hast Du heut' für mich?«

Auch war Eva nicht weniger eifrig in freundlichen Gegenleistungen. Obgleich noch Kind, konnte sie dennoch vortrefflich lesen. Ein feines, musikalisches Ohr, eine lebhafte, poetische Phantasie, und ein instinktmäßiges Gefühl für alles Große und Edle machten sie zu einer Bibelleserin, wie Tom nie zuvor etwas Aehnliches gehört hatte. Anfangs las sie nur, um ihrem bescheidenen Freunde gefällig zu sein, aber bald streckte ihre eigene ernste Natur ihre Fühlfäden aus und schlang sie um das majestätische Buch. Und Eva liebte es, weil es ein seltsames Sehnen und mächtige, dunkle Regungen in ihr erweckte, denen sich tieffühlende und mit lebhafter Phantasie begabte Kinder so gern hingeben.

Diejenigen Theile, welche sie am meisten liebte, waren die Offenbarung Johannis und die Propheten, — Theile, deren dunkle, warme und bilderreiche Sprache sie um so mehr ergriff, als sie vergeblich nach einer Deutung suchte, — und sie und ihr schlichter Freund, das junge und das alte Kind, stimmten in dieser Beziehung vollkommen überein. Alles, was sie wußten, war, daß jene Bücher von einer zu offenbarenden Glorie, — einem wunderbaren Etwas sprachen, was noch kommen solle und dessen sich ihre Seelen freuten, ohne zu wissen weshalb. Obgleich es in der Wissenschaft physischer Dinge nicht so ist, so gilt doch für die Religionslehre der Grundsatz, daß das, was nicht verstanden werden kann, nicht immer nutzlos ist; denn die Seele erwacht, ein zitternder Fremdling, zwischen zwei dunklen Ewigkeiten, — der ewigen Vergangenheit und der ewigen Zukunft. Das Licht fällt nur aus einen kleinen Raum um sie her, weshalb sie sich dem Unbekannten zuwenden muß; und die Stimmen und schattenartigen Regungen, die aus der Nebelsäule der Inspiration zu ihr kommen, finden Echo und Antwort in ihrer eignen sehnsüchtigen Natur. Die mystischen Bilder derselben sind ebenso viele Talismane und Gemmen mit unbekannten Hieroglyphen, die sie in ihren Busen schließt und hofft entziffern zu können, wenn sie jenseits des Schleiers tritt.

Um die jetzige Zeit unserer Erzählung befand sich die ganze Familie St. Clare's auf seiner am See Pontchartrain belegenen Villa. Die Sommerhitze hatte Alle, denen es möglich war, die ungesunde Stadt mit ihrer schwülen Atmosphäre zu verlassen, an die Ufer des See's getrieben, um seine kühlen Lüfte zu genießen.

St. Clare's Villa war ein im ostindischen Geschmacke erbautes Landhaus, umgeben von einer hellen Veranda, und öffnete sich nach allen Seiten in Gärten und Luftplätze. Das gemeinschaftliche Wohnzimmer hatte einen Ausgang in einen großen Garten, welcher erfüllt von den Wohlgerüchen tropischer Pflanzen und Blumen jeder Art, seine schlängelnden Pfade bis dicht an die Ufer des See's erstreckte, dessen silberheller Wasserspiegel sich unter den Strahlen der Sonne hob und senkte, — ein Bild, das jede Stunde wechselte, und mit jeder Stunde schöner wurde.

Jetzt grade geht die Sonne in goldener Glorie unter und wirft ihren Schein über den ganzen Horizont, der sich im Wasser abspiegelt. Weiß beflügelte Schiffe fahren auf dem in rosigen oder goldenen Streifen ruhig liegenden See hin und her, und kleine goldene Sterne beginnen allmählig aus dem Abendhimmel auf ihre zitternden Spiegelbilder im Wasser herabzublicken.

Tom und Eva saßen auf einer niedrigen Moosbank in einer Laube am Ende des Gartens. Es war Sonntag Abend, und Eva's Bibel lag aufgeschlagen auf ihrem Knie. Sie las: — »Und ich sah ein gläsernes Meer mit Feuer gemenget.«

»Tom,« sagte Eva, plötzlich inne haltend und auf den See deutend, »da ist es.«

»Was, Miß Eva?«

»Siehst Du denn nicht, — dort?« sagte das Kind, auf das Wasser deutend, welches, fallend und steigend, die Gluth des Himmels abspiegelte. »Da ist ein gläsernes Meer mit Feuer gemenget.«

»Wahr! Miß Eva,« sagte Tom und sang:

»Hätt' ich die Flügel der Morgenröthe,
Ich würde nach Canaan fliegen,
Und Engel würden mich heimwärts tragen
Nach dem neuen Jerusalem.«

»Wo glaubst Du, daß das neue Jerusalem ist, Onkel Tom?« sagte Eva.

»Ueber den Wolken, Miß Eva.«

»Dann glaube ich, daß ich es sehe,« bemerkte Eva. »Blicke in jene Wolken! — sie sehen wie große Thore von Perlen aus; und Du kannst durch sie weiter hinaus sehen — weit, weit — und da ist Alles Gold. Bitte, Tom, singe das Lied von den weißen Engeln.«

Tom sang hierauf die Worte einer wohlbekannten Methodisten-Hymne:

»Ich sehe ein Chor von Engeln stehn,
Des Himmels Freuden schmecken.
Sie tragen alle ein weißes Gewand
Und siegende Palmen in der Hand.«

»Sie kommen zuweilen zu mir im Schlafe, diese Engel,« sagte Eva, während ihre Augen träumerisch wurden, und summte dann mit leiser Stimme:

»Sie alle tragen ein weißes Gewand
Und siegende Palmen in der Hand.«

»Onkel Tom,« sagte sie darauf, »ich gehe dahin.«

»Wohin, Miß Eva?«

Das Kind stand auf, und deutete mit seiner kleinen Hand gen Himmel. Das Abendroth beleuchtete ihr goldnes Haar, und lieh ihren Wangen eine Art überirdischen Glanzes, und ihre Augen blickten mit tiefem, seligem Gefühle hinauf.

»Ich gehe dahin,« sagte sie, »zu den weißen Engeln, Tom; ich gehe dahin — bald.«

Das treue, alte Herz empfand einen plötzlichen Stoß, und Tom dachte daran, wie oft er während der letzten sechs Monate bemerkt habe, daß Eva's kleine Hände dünner, und ihre Haut durchsichtiger und ihr Athem kürzer geworden seien, und wie sie, wenn sie im Garten rannte und spielte, was sie sonst stundenlang gekonnt, jetzt immer so bald müde werde. Er hatte Miß Ophelien oft von einem Husten sprechen hören, den alle ihre Arzneimittel nicht heilen könnten; und selbst in diesem Augenblicke brannten ihre Wange und ihre kleine Hand von hektischem Fieber; und dennoch war ihm nie zuvor der Gedanke gekommen, den Eva's Worte andeuteten.

Gab es je ein Kind, wie Eva? — O ja, es gab deren; aber ihre Namen sind nur auf Grabsteinen zu lesen, und ihr süßes Lächeln, ihre himmlischen Blicke, ihre seltsamen Reden und Weisen gehören zu den tief begrabenen Schätzen trauernder Herzen. In wie vielen Familien hörst Du die Sage, daß alle Güte und Anmuth der Lebenden nichts sei gegen die Liebenswürdigkeit eines Wesens, — das nicht mehr sei! Es ist gerade, als wenn der Himmel ein besonderes Chor von Engeln habe, deren Bestimmung es sei, eine kurze Zeit hier zu weilen und das verkehrte menschliche Herz für sich zu gewinnen, um es dann bei ihrer Rückkehr zum Himmel mit sich hinaufzutragen. Wenn Du jenes tiefe geistige Licht in dem Auge siehst, — wenn die kleine Seele sich in Worten offenbart, die süßer und weicher sind, als die gewöhnlichen Worte von Kindern, — so hoffe nicht, das Kind zu behalten, denn das Siegel seines himmlischen Ursprungs ist ihm aufgedrückt, und das Licht der Unsterblichkeit glänzt aus seinen Augen.

So auch Du, geliebte Eva! schöner Stern Deiner irdischen Heimath! Du gehst, — aber die, so Dich am meisten lieben, ahnen es nicht!

Das Gespräch zwischen Tom und Eva wurde hier plötzlich durch einen Ruf von Miß Ophelia unterbrochen.

»Eva! — Eva! — Kind, der Thau fällt ja, Du darfst nicht mehr draußen sein!«

Eva und Tom eilten hinein.

Miß Ophelia war alt und wohlerfahren im Geschäfte des Wartens und Pflegens, und kannte genau die ersten Symptome jener schleichenden, hinterlistigen Krankheit, die so viele der Schönsten und Liebenswürdigsten dahin rafft, und sie, ehe noch eine einzige Lebensfaser zerstört zu sein scheint, unwiderruflich dem Tode weiht. Sie hatte den leichten kurzen Husten und die täglich zunehmende Röthe der Wange bemerkt; und selbst der Glanz des Auges und die lustige Lebhaftigkeit des Kindes, nur vom Fieber bedingt, vermochten sie nicht zu täuschen.

Sie versuchte, St. Clare ihre Besorgnisse mitzutheilen; allein er wies derartige Andeutungen mit einem unruhigen, erkünstelten Muthwillen zurück, der sehr verschieden von seiner gewöhnlich so sorglosen guten Laune war.

»O krächze nur nicht, Cousine, — ich kann's nicht hören!« pflegte er zu sagen. »Siehst Du denn nicht, daß das Kind nur im Wachsthum begriffen ist? Kinder verlieren immer Kräfte, wenn sie stark wachsen.«

»Aber sie hat den Husten.«

»O Unsinn mit dem Husten! — 's ist nichts; hat sich vielleicht ein wenig erkältet.«

»Ja, ganz auf dieselbe Weise fingen Elisa, Jane, und Ellen und Maria Sanders an.«

»O! ich bitte Dich! höre mir mit den Ammenmärchen auf. Ihr alten Leute werdet so weise, daß ein Kind nicht mehr husten oder niesen kann, ohne daß Ihr Verzweiflung oder Tod darin erkennt. Nimm das Kind nur in Acht; laß es nicht in die Nachtluft gehen und nicht zu angestrengt spielen, und sie wird bald wieder munter werden.«

So sagte St. Clare; aber er wurde ängstlich und unruhig. Er bewachte Eva täglich mit fieberhafter Angst, wie sich deutlich aus der öfteren Wiederholung derartiger Aeußerungen entnehmen ließ, wie: »das Kind sei ganz wohl, — der Husten habe gar nichts zu bedeuten, — er rühre von nichts als etwas verdorbenem Magen her.« Aber er hielt sich von nun an mehr bei ihr auf, als er sonst zu thun pflegte, fuhr öfter mit ihr aus und brachte von Zeit zu Zeit ein neues Recept oder eine stärkende Mixtur für sie mit nach Haus: — nicht, wie er sagte, weil das Kind sie nöthig habe, sondern sie werde ihr keinen Schaden thun.

Was seinem Herzen größere Angst und Unruhe verursachte, als alles Andere, war die beim Kinde täglich zunehmende Reife des Geistes und der Gefühle. Während sie noch das rein kindliche Wesen bewahrte, ließ sie oft unbewußt Worte von einer solchen Tiefe der Gedanken und einer so überirdischen Weisheit fallen, daß man sie für Inspirationen hätte halten können. In solchen Momenten empfand St. Clare ein plötzliches Beben im Herzen; er preßte sie dann in seine Arme, als ob dieser zärtliche Druck sie retten könne.

Des Kindes ganzes Herz und ganze Seele schien an Werken der Liebe zu hängen. Sie war immer sanft und weich von Natur gewesen; allein jetzt zeigte sich bei ihr eine rührende, ächt weibliche Empfindungsweise, die Jedem auffiel. Sie fand noch immer Gefallen daran, mit Topsy und andern farbigen Kindern zu spielen, aber schien jetzt mehr eine bloße Zuschauerin zu sein, als wirklich Theil an den Spielen zu nehmen; sie saß zuweilen halbe Stunden lang und lachte herzlich über Topsy's wunderliche Streiche, — und dann senkte sich ein Schatten über ihr Gesicht, ihre Augen wurden trübe und ihre Gedanken waren weit, weit fort.

»Mamma,« sagte sie eines Tages plötzlich zu ihrer Mutter, »weßhalb lassen wir unsere Dienstboten nicht lesen lernen?«

»Was für eine Frage, Kind! Man thut das nie.«

»Warum thut man denn das nicht?« fragte Eva.

»Weil es für die Leute von keinem Nutzen ist, lesen zu können. Es hilft ihnen nicht, besser zu arbeiten, und zu etwas Anderem sind sie nicht da.«

»Aber sie sollten die Bibel lesen, Mamma, um Gottes Willen kennen zu lernen.«

»O! so viel die davon zu wissen brauchen, können sie sich vorlesen lassen.«

»Es dünkt mich, Mamma, die Bibel sollten alle Menschen selbst lesen; sie brauchen sie sehr oft, wenn Niemand da ist, der sie ihnen vorlesen kann.«

»Eva, Du bist ein altes Kind,« sagte ihre Mutter.

»Miß Ophelia lehrt Topsy auch lesen,« fuhr Eva fort.

»Ja, und Du siehst, welchen Nutzen es ihr bringt. Topsy ist das ungezogenste Geschöpf, das ich je gesehen habe!«

»Da ist die arme Mammy!« sagte Eva. »Sie hat die Bibel so lieb und wünscht so sehr, daß sie lesen könnte! Und was wird sie machen, wenn ich sie ihr nicht mehr vorlesen kann?«

Marie war beschäftigt, den Inhalt einer Kommode umzuwenden, als sie antwortete:

»Natürlich, Eva, nach einiger Zeit wirst Du schon an andere Dinge zu denken haben, als den Dienstboten die Bibel vorzulesen. Nicht, daß es unpassend wäre, — denn ich habe es, als ich noch gesund war, selbst gethan; aber wenn Du dich erst ordentlich anziehen und in Gesellschaft gehen mußt, dann hast Du keine Zeit mehr dazu. Sieh hier!« fügte sie hinzu, »diese Juwelen will ich Dir schenken, wenn Du größer bist. Ich habe sie auf meinem ersten Ball getragen. Ich kann Dir sagen, Eva, ich machte damals Sensation.«

Eva nahm den Juwelenkasten, und hob ein diamantenes Halsband auf. Ihre großen, sinnenden Augen ruhten darauf, aber es war klar, ihre Gedanken waren anderswo.

»Wie gleichgültig Du dabei aussiehst, Kind!« sagte Marie.

»Sind diese sehr viel Geld werth, Mamma?«

»Gewiß! Vater ließ sie mir von Frankreich kommen. Sie sind ein kleines Vermögen werth.«

»Ich wünschte, ich hätte sie,« sagte Eva, »um damit machen zu können, was ich wollte!«

»Was würdest Du denn damit machen?«

»Ich würde sie verkaufen, und einen Platz in den Freistaaten ankaufen, und alle unsere Leute dahin bringen, und Lehrer annehmen, um ihnen Lesen und Schreiben zu lehren.«

Eva wurde durch das Lachen ihrer Mutter unterbrochen.

»Eine Schulanstalt errichten! Wolltest Du ihnen nicht auch lehren, auf dem Piano zu spielen und auf Sammet zu malen?«

»Ich würde ihnen lehren, ihre Bibel selbst zu lesen, und ihre Briefe selbst zu schreiben, und Briefe, die an sie geschrieben worden sind, selbst zu lesen,« sagte Eva ruhig. »Ich weiß, Mamma, es ist recht schlimm für sie, daß sie so etwas nicht selbst thun können. Tom fühlt es, — Mammy fühlt es, — und viele Andere fühlen es. Ich denke, das ist unrecht.«

»O geh, Eva, Du bist nur ein Kind! Du verstehst von allen diesen Dingen nichts,« sagte Marie; »und überdieß macht mir Dein Geschwätz Kopfschmerzen.«

Marie hatte stets Kopfschmerzen bei der Hand, sobald ihr irgend eine Unterhaltung nicht zusagte.

Eva schlich sich fort; aber von der Zeit an gab sie Mammy mit großem Eifer Leseunterricht.


Dreiundzwanzigstes Kapitel.
Henrique.

Um diese Zeit brachte St. Clare's Bruder, Alfred, mit seinem ältesten Sohne, einem Knaben von etwa zwölf Jahren, ein paar Tage bei der Familie am See zu.

Es konnte keinen seltsameren und zugleich schöneren Anblick geben, als diese beiden Zwillingsbrüder. Die Natur hatte, statt zwischen ihnen Aehnlichkeiten zu schaffen, sie zu Gegenstücken in fast jeder Beziehung gemacht; und dennoch vereinigte sie auf geheimnißvolle Weise das Band einer mehr als gewöhnlichen brüderlichen Zuneigung.

Sie pflegten Arm in Arm die Alleen und Gänge des Gartens zu durchschlendern. Augustin, mit seinen blauen Augen, blondem Haar, seiner ätherisch biegsamen Figur und seinen lebhaften Zügen; und Alfred, mit dunklen Augen, stolzem römischen Profile, gedrungenem Baue, und fester Haltung. Sie schalten fortwährend gegenseitig auf ihre so verschiedenartigen Ansichten und Gewohnheiten, und waren dennoch unzertrennlich in ihrer Gesellschaft; kurz, grade ihre Verschiedenheit schien sie an einander zu fesseln, wie Attraktion zwischen verschiedenen Polen des Magnets.

Henrique, der älteste Sohn Alfred's, war ein dunkeläugiger Knabe von edlem Aeußern, und voll von Geist und Lebhaftigkeit; und schien vom ersten Augenblicke seiner Einführung an von den ätherischen Reizen seiner Cousine Evangeline vollständig bezaubert worden zu sein.

Eva besaß ein kleines, schneeweißes Ponypferd. Es war sanft wie eine Wiege, und so ruhig wie seine kleine Herrin. Dieses Pferdchen wurde jetzt durch Tom vor die Veranda geführt, während ein kleiner Mulattenknabe von ungefähr dreizehn Jahren ein kleines, schwarzes, arabisches Pferd heranführte, welches erst kürzlich mit bedeutenden Unkosten für Henrique importirt worden war.

Henrique empfand einen knabenhaften Stolz auf sein neues Besitzthum; und als er sich deßhalb näherte, und die Zügel aus der Hand seines kleinen Reitknechts empfing, blickte er aufmerksam über das Pferd, und seine Stirne wurde finster.

»Was ist das, Dodo, Du fauler, kleiner Hund! Du hast mein Pferd diesen Morgen nicht geputzt.«

»O ja, Master,« sagte Dodo unterwürfig, »den Staub da hat es sich selbst eben angeworfen.«

»Halt Deinen Mund, Du Schlingel!« rief Henrique heftig, seine Reitpeitsche aufhebend. »Wie kannst Du Dich erkühnen, zu reden?«

Der Knabe, ein hübsches, helläugiges Mulattenkind, von Henrique's Größe, mit dunklem Lockenhaar um eine hohe, kühne Stirne, hatte weißes Blut in seinen Adern, wie man deutlich aus der plötzlichen Röthe, die seine Wangen überzog, und dem Funkeln seines Auges erkennen konnte, während er zu sprechen versuchte.

»Master Henrique! —« begann er.

Henrique schlug ihm mit der Reitpeitsche über das Gesicht, faßte einen seiner Arme, und drückte ihn nieder auf die Kniee, und peitschte ihn dann so lange, bis er außer Athem war.

»Da, Du unverschämter Hund! Willst Du lernen, mir nicht zu widersprechen, wenn ich mit Dir rede? Führe das Pferd zurück, und putze es erst ordentlich. Ich werde Dich lehren, was Du zu thun hast!«

»Junger Master!« sagte Tom, »ich denke, was er sagen wollte, war, daß das Pferd sich wälzte, als er es herbrachte vom Stalle, — es ist so muthig; — davon ist es so schmutzig geworden; das Putzen habe ich mit angesehen.«

»Halte Deinen Mund, bis Du gefragt wirst!« sagte Henrique, während er sich auf dem Absatz umwandte, und die Stufen zu Eva hinaufstieg, welche in ihrem Reitkleide in der Veranda stand.

»Liebe Cousine, es thut mir leid, daß dieser dumme Bursche Dich hier so lange aufhält,« sagte er. »Komm, laß uns hier niedersitzen und warten, bis er die Pferde bringt. Aber was ist Dir denn, Cousine? — Du siehst ja so verstimmt aus.«

»Wie konntest Du so grausam und so schlecht gegen den armen Dodo handeln?« sagte Eva.

»Grausam, — schlecht?« sagte der Knabe mit ungekünsteltem Erstaunen. »Was meinst Du, liebe Eva?«

»Ich will nicht, daß Du mich liebe Eva nennest, wenn Du so handelst,« entgegnete Eva.

»Liebe Cousine, Du kennst den Dodo nicht; es ist dies der einzige Weg, um mit ihm fertig zu werden; er ist so voll von Lügen und Entschuldigungen. Man muß ihn gleich ganz zum Schweigen bringen, — ihn gar nicht den Mund öffnen lassen; so macht es Papa.«

»Aber Onkel Tom sagte, es war ein Zufall, und er sagt niemals eine Unwahrheit.«

»Dann ist er ein ganz ungewöhnlicher alter Neger!« sagte Henrique. »Dodo lügt so schnell, wie er nur sprechen kann.«

»Du schüchterst ihn so ein, daß er lügt, wenn Du ihn so behandelst,« sagte Eva.

»In der That, Eva, Du hast eine solche Vorliebe für Dodo gefaßt, daß ich anfange, eifersüchtig zu werden.«

»Aber Du schlugst ihn, — und er hatte es nicht verdient.«

»Gut, so mag es für ein andres Mal gelten, wenn er's verdient, und nicht bekömmt. Ein paar Hiebe thun Dodo nie Schaden, — er ist ein arger Bursche, ich versichere Dich; aber ich will ihn nie wieder in Deiner Gegenwart züchtigen, wenn es Dir unangenehm ist.«

Eva war nicht zufriedengestellt, aber sah, daß es vergeblich sei, ihre Gefühle auszudrücken, da der hübsche Cousin sie nicht verstand.

»Wohl, Dodo, dieses Mal hast Du es besser gemacht,« sagte der junge Master mit gnädigerer Miene als vorher. »Komm nun, und halte Miß Eva's Pferd, während ich sie in den Sattel hebe.«

Dodo kam, und stand bei Eva's Pony. Sein Gesicht war traurig, und seine Augen verriethen, daß er geweint hatte.

Henrique, der sich etwas auf seine Gewandtheit in Allem, was Galanterie betraf, zu gut that, hatte seine hübsche Cousine sehr bald im Sattel sitzen, und nahm sodann die Zügel zusammen, um sie in ihre Hand zu legen. Allein Eva wendete sich nach der andern Seite zu, wo Dodo stand, und sagte, als dieser die Zügel fahren ließ: »So ist's recht, Dodo, — bist ein guter Junge, ich danke Dir!«

Dodo blickte erstaunt in das sanfte, jugendliche Gesicht, das Blut schoß ihm in die Wangen, und Thränen traten in seine Augen.

»Hier, Dodo,« rief sein junger Herr befehlend.

Dodo sprang zu ihm und hielt das Pferd, während Letzterer aufstieg.

»Da ist eine Picayune für Dich, Dodo,« sagte Henrique, »magst Dir Zuckerwerk dafür kaufen.«

Henrique galloppirte die Allee hinab, hinter Eva her, und Dodo blieb stehen, und blickte beiden Kindern nach. Das eine hatte ihm Geld gegeben, und das andere, was ihm mehr Noth that, — ein freundliches Wort. Dodo war nur erst wenige Monate von seiner Mutter entfernt. Sein Herr hatte ihn auf einem Sklavenmarkte seines hübschen Gesichtes wegen gekauft, um zu dem hübschen arabischen Pferde zu passen, und er empfing jetzt von den Händen seines jungen Masters die Dressur.

Die Prügelscene war von den beiden Brüdern St. Clare von einem andern Theile des Gartens aus mit angesehen worden. Augustins Wange glühte vor Unwillen, aber er bemerkte nur mit der ihm eigenthümlichen sarkastischen Nachlässigkeit:

»Ist das vielleicht, was man republikanische Erziehung zu nennen pflegt, Alfred?«

»Henrique ist ein Teufel von einem Jungen, wenn er hitzig ist,« sagte Alfred nachlässig.

»Ich vermuthe, Du hältst dies für eine nützliche Uebung für ihn,« bemerkte Augustin trocken.

»Ich würde es nicht verhindern können, wenn ich's auch nicht thäte. Henrique ist ein wahrer, kleiner Sturmwind; — seine Mutter und ich, wir haben ihn längst aufgegeben. Aber dieser Dodo ist auch ein hartnäckiger Bursche, — kein Peitschen kann ihm Schaden thun.«

»Und bringt Henrique zugleich den ersten Vers seines republikanischen Katechismus bei: ›Alle Menschen sind frei und gleich geboren!‹«

»Puh!« sagte Alfred, »das ist eins von Tom Jefferson's Stückchen von französischem Sentimentalismus und Unsinn. Es ist förmlich lächerlich, daß eine solche Idee noch jetzt unter uns herumspuckt.«

»Ich glaube es auch,« sagte St. Clare bedeutungsvoll.

»Denn,« fuhr Alfred fort, »wir können deutlich genug sehen, daß nicht alle Menschen frei und gleich geboren sind; sie sind sehr verschieden geboren. Was mich betrifft, so halte ich alles dieses republikanische Geschwätz für nichts als Unsinn. Es sind die Gebildeten, die Reichen, welche gleiche Rechte haben sollten, aber nicht die canaille.«

»Wenn Du die canaille von dieser Ansicht überzeugen kannst,« sagte Augustin. »In Frankreich sind sie einmal auch an der Reihe gewesen.«

»Natürlich müssen sie unter Druck gehalten werden, fest und consequent, so, wie ich es thun würde,« sagte Alfred, seinen Fuß fest niedersetzend, als wenn er auf Jemand stände.

»Es verursacht einen fürchterlichen Fall, wenn sie aufstehen,« bemerkte Augustin, — »zum Beispiel in St. Domingo.«

»Puh!« entgegnete Alfred, »dafür wollen wir hier schon sorgen. Wir müssen uns durchaus allen diesen Geschwätzen von Erziehung und Bildung entgegen stemmen, die jetzt überall gehört werden. Die untere Klasse muß keine Erziehung und Bildung haben.«

»Dafür möchte alles Beten nichts mehr helfen,« sagte Augustin; »eine Erziehung werden sie erhalten, und wir haben nur zu sagen, welche. Unser System ist, sie in Rohheit und Unmenschlichkeit zu erziehen. Wir zerreißen alle menschlichen Bande, und machen sie zu nichts als rohen, thierischen Geschöpfen; und als solche werden sie sich zeigen, wenn sie je die Oberhand gewinnen sollten.«

»Sie werden nie die Oberhand gewinnen!« sagte Alfred.

»Das ist recht,« entgegnete St. Clare; »laß den Dampf los, schließe das Sicherheitsventil, setze Dich dabei, und sieh zu, wo Du landen wirst.«

»Gut,« sagte Alfred, »wir wollen sehen. Ich fürchte mich nicht, am Sicherheitsventile zu sitzen, so lange die Dampfkessel stark sind, und die Maschine in Ordnung ist.«

»Der Adel in Louis XVI. Zeit dachte auch so, und Oestreich und Pius IX. denken noch so; und eines schönen Morgens könnt Ihr Euch alle vielleicht in der Luft begegnen, wenn die Dampfkessel gesprungen sind

»Dies declarabit,« sagte Alfred lachend.

»Ich sage Dir,« fuhr Augustin fort, »wenn in unserer jetzigen Zeit irgend Etwas mit der Kraft eines göttlichen Gesetzes offenbart worden ist, so ist es das, daß die Massen aufstehen, und die unteren Klassen an die Stelle der oberen gestellt werden.«

»Das ist etwas von Deinem rothrepublikanischen Unsinn, Augustin! Warum bist Du denn nicht Volksredner geworden? — Du eignest Dich ganz vortrefflich dazu! — Nun, ich hoffe nur, daß ich todt bin, ehe dieses tausendjährige Reich Deiner schmutzigen Massen kommt.«

»Schmutzig oder nicht schmutzig, — sie werden Dich beherrschen, wenn ihre Zeit kommt,« sagte Augustin, »und sie werden grade solche Herrscher sein, als wozu Ihr sie macht. Der französische Adel wollte das Volk als ›sans culottes‹ haben, und er bekam ›sans culottes‹-Herrscher in vollem Maaße. Das Volk in Hayti —«

»O, laß das, Augustin! — als wenn wir nicht genug von den abscheulichen, verächtlichen Haytiern gehört hätten! Sie waren keine Angelsachsen; wenn sie die gewesen wären, so würde die Sache eine andre Wendung genommen haben. Das Geschlecht der Angelsachsen ist das herrschende auf der Erde, und verdient es zu sein.«

»Nun, ich glaube, es ist jetzt eine gute Quantität angelsächsisches Blut unter unseren Sklaven,« sagte Augustin. »Es giebt Viele unter ihnen, die von dem afrikanischen grade nur so viel haben, um unserer berechnenden Ruhe und Sicherheit etwas tropische Wärme zu verleihen. Wenn jemals die St. Domingo-Stunde hier schlagen sollte, so wird das angelsächsische Blut der Führer des Tages sein. Söhne weißer Väter, mit allem unserem Stolze in ihren Adern, werden nicht immer gekauft und verkauft werden, und Gegenstand des Handels sein. Sie werden sich erheben, und das Geschlecht ihrer Mütter zugleich mit.«

»Unsinn!« rief Alfred.

»Gut,« sagte Augustin, »es gibt ein altes Sprichwort, des Inhalts: ›So wie es zur Zeit Noah's war, so wird es wieder sein; — sie aßen, sie tranken, sie pflanzten, sie bauten, und wußten es nicht, bis die Fluth kam und sie verschlang.‹«

»Im Ganzen genommen, Augustin, dächte ich, hättest Du hinreichendes Talent für einen Kunstreiter,« sagte Alfred lachend. »Sei Du nur nicht für uns besorgt; Besitz ist unsere Festung. Wir haben die Macht; und dieses verworfene Geschlecht,« sagte er, mit dem Fuße stampfend, »ist unten, und soll unten bleiben! Wir besitzen Energie genug, um unser eignes Pulver richtig anzuwenden.«

»Söhne, die wie Dein Henrique erzogen sind, werden vortreffliche Aufseher unserer Pulvermagazine abgeben,« sagte Augustin, — »so ruhig und überlegend! Das Sprichwort sagt: ›Wer sich nicht selbst beherrschen kann, ist nicht im Stande, Andere zu beherrschen.‹«

»Es ist da allerdings ein Uebelstand,« sagte Alfred gedankenvoll; »es läßt sich nicht in Abrede stellen, daß unser System nicht sonderlich dazu geeignet ist, Kinder zu erziehen. Es läßt den Leidenschaften zu großen Spielraum, welche in unserem Klima ohnedies schon heiß genug sind. Henrique verursacht mir viel Unruhe. Der Knabe ist edelmüthig, und hat ein warmes Herz, aber ist eine wahre Rakete, sobald er sich in Aufregung befindet. Ich glaube, ich werde ihn nach Norden senden müssen, wo Gehorsam mehr an der Tagesordnung ist, und wo seine Gesellschafter mehr seines Gleichen, und weniger seine Untergebenen sind.«

»Da Kindererziehung ein für das menschliche Geschlecht so wichtiger Gegenstand ist,« sagte Augustin, »so sollte ich denken, daß es einige Betrachtung verdiente, weshalb unser System nicht gut ist.«

»Es ist in manchen Beziehungen mangelhaft,« sagte Alfred, »während es in andern die besten Erfolge hat. Es macht Knaben männlich und muthig, und die Laster eines verworfenen Geschlechtes wirken dahin, in ihnen die denselben entgegengesetzten Tugenden zu stärken und zu befestigen. Ich glaube zum Beispiel, daß Henrique um so mehr Gefühl für die Schönheit der Wahrheit hat, als er Lug und Trug stets als Kennzeichen der Sklaverei gesehen hat.«

»Das ist eine ächt christliche Anschauung der Sache, ohne Zweifel!« sagte Augustin.

»Sie ist wahr, ob christlich oder nicht,« sagte Alfred, »und doch vielleicht eben so christlich, wie viele andre Dinge in der Welt.«

»Das mag sein,« entgegnete St. Clare.

»Unser Gespräch führt zu nichts, Augustin. Ich glaube, wir haben diesen Kreislauf bereits fünfhundertmal gemacht. Was meinst Du zu einer Partie Puff?«

Die beiden Brüder sprangen die Stufen der Veranda hinauf, und saßen bald vor einem leichten Tische von Bambus, mit dem Puffbrette zwischen ihnen.

»Ich sage Dir, Augustin, wenn ich so dächte, wie Du, so würde ich wenigstens Etwas thun.«

»Wahrscheinlich, — denn Du gehörst zu der thätigen Klasse von Menschen, — aber was denn?«

»Ich würde meine eigenen Sklaven zum Muster für Andere erziehen,« sagte Alfred mit einem halb höhnischen Lächeln.

»Du könntest eben so wohl den Berg Aetna flach auf sie stellen, und ihnen heißen, darunter aufzustehen, wie mir rathen, meine Sklaven unter dieser erdrückenden Masse der Gesellschaft zu erziehen. Ein Mann allein kann gegen den Strom einer ganzen Commune nichts thun.«

»Du hast den ersten Wurf,« sagte Alfred, und beide Brüder waren bald in ihr Spiel vertieft, und hörten nichts mehr, bis der Schall von Pferdehufen unter der Veranda erklang.

»Da kommen die Kinder,« sagte Augustin, aufstehend. »Sieh' da, Alf, hast Du jemals etwas so Schönes gesehen?«

Und es war in der That ein schöner Anblick. Henrique mit seiner hohen, kühnen Stirn, seinen dunkelen, glänzenden Locken, und seiner glühenden Wange, lachte heiter, während er sich an seine schöne Cousine wendete, und Beide näher kamen. Eva trug ein blaues Reitkleid, mit einer Mütze von derselben Farbe. Die Bewegung hatte ihren Wangen höhere Farbe verliehen, und ließ ihre wunderbar durchsichtige Haut und ihr goldenes Haar noch eindrucksvoller erscheinen.

»Gott im Himmel! welche blendende Schönheit ist das!« rief Alfred. »Ich sage Dir, August, — wird sie nicht bald schon Manchem das Herz schwer machen?«

»Ja, nur zu sehr, — Gott weiß, ich fürchte es!« sagte St. Clare mit plötzlich bitterem Tone, während er hinunter eilte, um sie herabzuheben.

»Eva, Liebling! bist Du nicht sehr ermüdet?« sagte er, indem er sie in seine Arme nahm.

»Nein, Papa,« entgegnete sie; allein ihr kurzer, scharfer Athem beunruhigte ihren Vater lebhaft.

»Wie konntest Du so scharf reiten, liebes Kind? — Du weißt, es ist Dir so nachtheilig.«

»Ich fühle mich so wohl, Papa, und es gefiel mir so sehr, daß ich es vergaß.«

St. Clare trug sie auf seinen Armen in das Zimmer, und legte sie auf das Sopha.

»Henrique, Du mußt vorsichtiger mit Eva sein,« sagte er, »Du mußt nicht so scharf mit ihr reiten.«

»Ich will sie unter meine Pflege nehmen,« sagte Henrique, setzte sich an das Sopha, und nahm ihre Hand in die seinige.

Eva fühlte sich bald besser. Ihr Vater und Onkel setzten ihr Spiel fort, und die Kinder waren sich selbst überlassen.

»Weißt Du, Eva, es ist recht schade, Papa will nur zwei Tage hier bleiben, und dann sehe ich Dich so lange nicht wieder. Wenn ich hier bliebe bei Dir, würde ich mir rechte Mühe geben, immer gut zu sein, und nie Dodo hart zu behandeln. Ich will Dodo nichts Böses zufügen, aber, siehst Du, ich habe ein so hitziges Temperament. Ich bin nicht immer häßlich gegen ihn; ich gebe ihm manchmal eine Picayune. Ich glaube auch, im Ganzen genommen hat es Dodo recht gut.«

»Würdest Du glauben, daß Du es gut hättest, wenn Dir kein Wesen der Welt nahe wäre, das Dich liebte?«

»Ich? — natürlich nicht.«

»Und Du hast Dodo von allen den Freunden, die er hatte, fortgerissen, und nun hat er Niemanden mehr, der ihn lieb hat; — wer kann unter solchen Umständen gut sein!«

»Nun, ich kann's nicht ändern, ich wüßte wenigstens nicht wie. Ich kann nicht seine Mutter holen, und ich kann ihn nicht selbst lieben, oder irgend ein Andrer, so viel ich weiß.«

»Warum kannst Du nicht?« fragte Eva.

»Dodo lieben? Wie, Eva, das wirst Du doch nicht von mir verlangen! Ich kann ihn wohl ganz gern haben; aber Du liebst doch Deine Dienstboten nicht.«

»Gewiß thue ich das.«

»Wie sonderbar!«

»Befiehlt uns die Bibel nicht, alle Menschen zu lieben?«

»O, die Bibel! Ja, die sagt wohl viele Sachen; aber es denkt wohl Niemand daran, sie zu thun, — das weißt Du doch, Eva?«

Eva antwortete nicht; ihre Augen waren einige Sekunden lang starr und sinnend.

»Auf jeden Fall,« sagte sie endlich, »lieber Cousin, bitte, habe den armen Dodo lieb, und sei freundlich gegen ihn, mir zu Liebe!«

»Dir zu Liebe könnte ich wer weiß was lieb haben; denn, wahrlich, ich glaube, Du bist das liebenswürdigste Wesen, das ich je gesehen habe, liebe Cousine!« sagte Henrique mit einem solchen Ernste und Eifer, daß sein hübsches Gesicht glühte.

Eva empfing diese Erklärung mit vollständiger Einfalt des Herzens, und ohne daß sich ein Zug ihres Gesichtes veränderte. Sie sagte nur: »Das freut mich, lieber Henrique! Ich hoffe, Du wirst es nicht vergessen.«

Der Schall der Mittagsglocke machte hier der Unterhaltung ein Ende.


Vierundzwanzigstes Kapitel.
Vorboten.

Zwei Tage später reiste Alfred St. Clare mit seinem Sohne wieder ab, und Eva, die durch die Gesellschaft ihres jungen Cousin zu Anstrengungen veranlaßt worden war, welche ihre Kräfte überstiegen, begann von nun an schwächer und schwächer zu werden. St. Clare verstand sich endlich dazu, ärztliche Hülfe in Anspruch zu nehmen, wovor er sich bisher immer deßhalb gescheut hatte, weil es das Zugeständniß einer traurigen Wahrheit enthielt. Allein Eva fühlte sich einige Tage lang so krank, daß sie selbst das Haus nicht mehr verlassen konnte, — und so wurde der Arzt gerufen.

Marie St. Clare hatte das allmählige Abnehmen der Gesundheit und der Kräfte des Kindes nicht beachtet, weil ihre ganze Aufmerksamkeit sich darauf gerichtet hatte, zwei oder drei neue Krankheitsarten zu studiren, deren Opfer sie selbst zu sein glaubte. Es war Mariens erster und unumstößlicher Glaubensartikel, daß Niemand so viel leide und leiden könne, wie sie selbst; und aus diesem Grunde wies sie stets alle Andeutungen, daß irgend Jemand ihrer Umgebung krank sein könne, mit Unwillen zurück. Sie war in solchem Falle stets dessen gewiß, daß es nur Trägheit oder Mangel an Energie sein könne, woran Jene litten, und daß sie, wenn sie ein Leiden wie das ihrige zu tragen hätten, sehr bald den Unterschied erkennen würden.

Miß Ophelia hatte mehrmals versucht, ihre mütterliche Besorgniß für Eva zu erwecken; aber vergeblich.

»Ich sehe nicht, was dem Kinde fehlen soll,« pflegte sie zu sagen, »sie läuft ja umher und spielt.«

»Aber sie hat den Husten.«

»Husten! — Sie brauchen mir nicht zu sagen, was Husten ist. Ich habe am Husten gelitten, so lange ich lebe. Als ich in Eva's Alter war, dachten Alle, ich hätte die Auszehrung. Nacht für Nacht mußte Mammy bei mir wachen. O! Eva's Husten ist gar nichts.«

»Aber sie wird immer schwächer, und ihr Athem immer kürzer.«

»Mein Gott! Das habe ich jahrelang gehabt; 's ist nichts als etwas Nervenschwäche.«

»Aber sie hat des Nachts auch so starken Schweiß.«

»So, — habe ich denn den nicht schon seit zehn Jahren? Fast Nacht für Nacht ist meine Wäsche zum Ausringen naß, und das Bettzeug so feucht, daß Mammy es aufhängen muß, um es zu trocknen! Eva's Schweiß ist doch damit nicht zu vergleichen!«

Miß Ophelia sagte eine Zeit lang gar nichts mehr, allein, als Eva endlich bettlägerig geworden und ein Arzt herbeigerufen worden war, nahm Marie plötzlich eine andere Wendung.

»Sie habe es gewußt,« sagte sie, »sie habe es immer gefühlt, daß sie bestimmt sei, die unglücklichste aller Mütter zu sein. Da liege sie nun mit ihrer leidenden Gesundheit, und müsse ihr einziges Kind, ihren Liebling vor ihren Augen zu Grabe gehen sehen.«

»Meine liebe Marie,« pflegte dann St. Clare zu sagen, »sprich nicht so! Du solltest an ihrem Zustande nicht gleich ganz verzweifeln.«

»O Du hast nicht die Empfindungen einer Mutter, St. Clare! Du hast mich nie verstehen können! — und jetzt am allerwenigsten!«

»Aber sprich doch nur nicht so, als wenn alle Hoffnung verloren wäre!«

»Ich kann die Sache nicht so leicht nehmen, wie Du, St. Clare. Wenn Du es nicht fühlst, wenn Dein Kind in einem so hoffnungslosen Zustande ist, — ich fühle es! Der Schlag ist für mich zu hart, mit alle dem, was ich vorher schon gelitten habe.«

»Es ist wahr,« entgegnete St. Clare, »daß Eva von Natur sehr schwächlich ist, und daß ihre Kräfte durch zu schnelles Wachsen in hohem Grade erschöpft sind, und daß ihr Zustand sehr bedenklich ist; allein gerade jetzt ist sie nur durch die Hitze der Jahreszeit auf's Bett geworfen worden, wozu die Aufregung und die Anstrengungen beigetragen haben, die durch den Besuch ihres jungen Cousin verursacht worden sind. Der Arzt sagt, es sei noch nicht alle Hoffnung verloren.«

»Gut, natürlich, wenn Du die Sache noch aus einem günstigen Lichte betrachten kannst, so thue es; — es ist eine Wohlthat in dieser Welt, wenn die Menschen keine tiefen Gefühle haben. Ich wollte, ich hätte auch keine, denn sie machen mich nur noch elender! — Ich wünschte, ich könnte eben so sorglos darüber sein wie Ihr andern alle!«

Eine oder zwei Wochen später zeigte sich plötzlich eine günstige Veränderung der Symptome, — eine jener trügerischen Windstillen, durch die jene unerbittliche Krankheit so oft das angstvolle Herz noch am Rande des Grabes täuscht. Eva's Tritt schwebte wieder durch den Garten, durch die Balkone, — sie spielte wieder und lachte wieder, und ihr Vater erklärte in seinem Entzücken, daß sie bald wieder so gesund sein solle, wie je zuvor. Nur Miß Ophelia und der Arzt schöpften keine neuen Hoffnungen aus diesem trügerischen Wechsel. Und noch ein anderes Herz schlug, das auch dieselbe Gewißheit in sich fühlte, und das war Eva's kleines Herz. Was für eine Stimme ist das, die zuweilen im Herzen so ruhig, so deutlich spricht, daß seine irdische Zeit bald abgelaufen sei? Ist es der geheime Instinkt der vergehenden Natur, oder ist es ein ahnender Herzschlag, wenn die Ewigkeit uns näher rückt? Was es auch sei, in Eva's Herzen war die ruhige, süße, prophetische Gewißheit vorhanden, daß der Himmel ihr nahe sei, und nur der Schmerz um diejenigen, die sie so innig liebten, beunruhigte ihr kleines Herz. Denn das Kind, obgleich es so zärtlich auferzogen worden war, und obgleich sich das Leben vor ihm mit allem Glanze ausbreitete, den Liebe und Reichthum gewähren können, empfand dennoch keinen Schmerz über sein nahendes Scheiden. In jenem Buche, in dem sie mit ihrem schlichten, alten Freunde so viel gelesen, hatte sie das Bild Eines gefunden und in ihr Herz geschlossen, der das kleine Kind liebte; und während sie sann und an ihn dachte, hatte er aufgehört, ein bloßes Bild und Gemälde zu sein, und war eine lebendige, Alles umfassende Wirklichkeit geworden. Seine Liebe umschloß ihr kindliches Herz mit mehr als menschlicher Zärtlichkeit, und zu Ihm, nach Seinem Hause, sagte sie, daß sie gehe.

Aber ihr Herz dachte mit wehmüthiger Zärtlichkeit an alle diejenigen, die sie zurücklassen mußte; zunächst an ihren Vater, — denn, obgleich sie sich dessen nicht deutlich bewußt war, hatte sie dennoch das instinktmäßige Gefühl, daß sie seinem Herzen mehr angehöre, als irgend einem andern. Sie liebte ihre Mutter, weil ihr ganzes Wesen Liebe war, und alle die Selbstsucht, die sie an ihr wahrnahm, verursachte ihr nur Betrübniß und Verwunderung; denn sie hatte das dunkle, kindliche Gefühl, daß ihre Mutter nicht unrecht thun könne. Eben so gedachte sie mit Liebe jener treuen, anhänglichen Dienstboten, für die sie wie Tageslicht und Sonnenschein gewesen war. Kinder generalisiren in der Regel nicht, allein Eva war ein ungewöhnlich reifes Kind, und was sie von den Uebeln jenes Systems gesehen hatte, unter dem jene Unglücklichen lebten, war eins nach dem andern in die Tiefen ihres sinnenden Gemüthes gesunken. Sie empfand ein dunkles Sehnen, irgend etwas für sie zu thun, — ein Sehnen, das in so grellem Gegensatze zu der Gebrechlichkeit ihrer kleinen, körperlichen Hülle stand.

»Onkel Tom,« sagte sie eines Tages, als sie ihm vorlas, — »ich kann es mir erklären, weßhalb Jesus für uns sterben wollte

»Weßhalb, Miß Eva?«

»Weil ich grade dasselbe Gefühl auch habe.«

»Welches Gefühl, Miß Eva? — ich verstehe Sie nicht.«

»Ich kann es Dir nicht beschreiben: aber als ich jene unglücklichen Wesen auf dem Schiffe sah, — Du weißt ja, als wir zusammen hierher fuhren, — von denen einige ihre Mütter verloren hatten, und andere um ihre Männer, und noch andere um ihre Kinder weinten, — und als ich von der armen Prue hörte, — o, war das nicht schrecklich! — da dachte ich, ich würde gern sterben, wenn mein Tod allem diesem Elend ein Ende machen könnte. — Ich würde gern sterben, gewiß, Tom, wenn ich könnte,« fügte sie lebhafter hinzu, indem sie ihre kleine Hand auf die seinige legte.

Tom blickte mit Ehrfurcht auf das Kind, und als es auf den Ruf seines Vaters davon eilte, trocknete er seine Augen viele, viele Male, während er ihr nachschaute.

»'s ist vergeblich, Miß Eva hier behalten zu wollen,« sagte er zu Mammy, der er gleich nachher begegnete; — »sie hat schon das Zeichen des Herrn auf ihrer Stirn.«

»Ach, ja, ja,« sagte Mammy, ihre Hände aufhebend; — »habe immer das gesagt. Sie war nie, wie ein Kind ist, das leben soll, — 's war immer so 'was Tiefes in ihren Augen. Hab's Missis oft genug gesagt, — 's muß wahr werden, — wir sehen's Alle, — das liebe, kleine Lamm!«

Eva trippelte die Stufen der Veranda hinauf zu ihrem Vater. Es war spät am Nachmittage, und die Strahlen der Sonne bildeten eine Art Glorie hinter ihr, während sie sich ihm nahte in ihrer weißen Kleidung, mit dem goldenen Haar, den glühenden Wangen und den vom langsamen Fieber, das in ihren Adern brannte, unnatürlich glänzenden Augen.

St. Clare hatte sie gerufen, um ihr eine kleine Statue zu zeigen, die er für sie gekauft hatte; aber ihre Erscheinung, als sie sich näherte, ergriff ihn plötzlich auf schmerzhafte Weise. Es gibt eine Art hinreißender, aber so gebrechlicher Schönheit, daß wir sie kaum zu betrachten vermögen. Ihr Vater drückte sie heftig in seine Arme, und vergaß beinahe, was er ihr hatte sagen wollen.

»Eva, mein liebes Kind, Du bist jetzt besser, — nicht wahr?«

»Papa,« sagte Eva mit plötzlicher Festigkeit, — »ich habe Dir Etwas sagen wollen — schon seit langer Zeit. Ich will es Dir jetzt sagen, ehe ich noch schwächer werde.«

St. Clare zitterte, während Eva sich auf seinen Schooß setzte. Sie legte ihren Kopf an seinen Busen und sagte:

»Es nützt nichts, Papa, daß ich es noch länger bei mir behalte. Die Zeit naht, wo ich Dich verlassen muß. Ich gehe und kehre nie wieder!« sagte sie schluchzend.

»O nein, meine liebe kleine Eva!« sagte ihr Vater bebend, während er sprach, aber einen heitern Ton annehmend, »Du bist angegriffen und niedergeschlagen, aber Du mußt Dich nicht so düsteren Gedanken hingeben. Sieh' hier, ich habe eine kleine Statue für Dich gekauft!«

»Nein, Papa,« entgegnete Eva, sie sanft bei Seite schiebend, — »täusche Dich nicht selbst! Ich bin nicht besser, ich fühle das recht wohl, — und ich gehe bald. Ich bin nicht angegriffen, — ich bin nicht niedergeschlagen. Wenn es nicht Deinethalben wäre, Papa, und um meiner Freunde willen, so wäre ich ganz glücklich. Ich gehe gern, — ich sehne mich danach!«

»Wie, Kind, was hat denn Dein armes kleines Herz so traurig gemacht? Du hast Alles gehabt, was möglich war, um Dich glücklich zu machen.«

»Ich möchte lieber im Himmel sein, obgleich ich um meiner Freunde willen gern lebte. Es gibt hier so viele Dinge, die mich traurig machen, die mir schrecklich erscheinen; — deßhalb möchte ich lieber dort sein, — aber ich verlasse Dich nicht gern, — es bricht mir beinahe das Herz.«

»Was macht Dich denn so traurig und erscheint Dir so schrecklich, Eva?«

»O, Dinge, die immer und immer geschehen. Unsere armen Leute thun mir leid; sie haben mich so lieb und sind alle so gut gegen mich. Ich wünschte, Papa, sie wären alle frei

»Wie, Eva, glaubst Du denn nicht, daß sie es alle gut haben?«

»Ja, aber, Papa, wenn Dir irgend etwas zustoßen sollte, was würde dann aus ihnen werden? Es gibt wohl wenige Menschen, die so wie Du sind. Onkel Alfred ist nicht so und Mamma ist nicht so; und dann denke nur einmal an die Herrschaft der armen, alten Prue! was für schreckliche Dinge Menschen begehen können!« sagte Eva schaudernd.

»Mein liebes Kind, Du bist zu reizbar. Ich bereue es, daß ich Dich jemals solche Dinge habe hören lassen.«

»O, sieh, Papa, das ist's, was mich beunruhigt. Du willst, daß ich glücklich leben und nie Schmerzen, — nie Leiden haben, — selbst nicht einmal eine traurige Geschichte hören soll, während andere arme Wesen nichts als Schmerz und Kummer ihr ganzes Leben lang haben, — ist das nicht selbstsüchtig? Ich muß solche Sachen hören und darüber denken! Solche Sachen sanken mir immer in's Herz, — tief, tief, und ich habe darüber gedacht und gedacht. Papa, ist denn gar kein Weg möglich, um alle Sklaven frei zu machen?«

»Das ist eine schwierige Frage, Kind. Ohne Zweifel ist ihr jetziges Loos ein sehr trauriges. Viele Menschen denken so und ich selbst denke so. Von Herzen wünschte ich, daß es im ganzen Lande keinen Sklaven gäbe; aber ich weiß nicht, wie das zu erreichen ist.«

»Papa, Du bist so gut und so edel und so freundlich, und weißt Alles so hübsch zu sagen, — könntest Du denn nicht zu allen Leuten herumgehen, und sie zu überreden suchen, dieses Unrecht abzustellen? Wenn ich todt bin, Papa, dann wirst Du an mich denken, und es um meinetwillen thun. Ich würde es selbst thun, wenn ich könnte.«

»Wenn Du todt bist, Eva?« sagte St. Clare leidenschaftlich. »O Kind, sage nicht so etwas zu mir; — Du bist ja mein Alles, was ich auf Erden besitze.«

»Das Kind der armen, alten Prue war auch Alles, was sie besaß, — und dennoch mußte sie es schreien hören und durfte ihm nicht helfen! Papa, diese armen Wesen lieben ihre Kinder eben so sehr wie Du mich liebst. O, thue etwas für sie! Die arme Mammy liebt ihre Kinder auch; ich habe gesehen, wie sie weinte, wenn sie von ihnen sprach. Und Tom liebt seine Kinder, und ist es nicht schrecklich, Papa, daß solche Dinge immer und immerfort geschehen?«

»Still, still, mein Liebling,« sagte St. Clare beruhigend: »beunruhige Dich nur nicht so sehr, und sprich mir nicht von sterben, und ich will Alles thun, was Du willst.«

»Und versprich mir, lieber Vater, daß Tom seine Freiheit haben soll, sobald« — sie hielt inne und fügte zaudernd hinzu — »ich nicht mehr da bin!«

»Ja, mein Kind, ich will Alles — Alles in der Welt thun, um was Du mich bittest.«

»Mein lieber Vater,« sagte dann das Kind, indem es seine brennende Wange an die seinige legte, »wie sehr wünschte ich, daß wir zusammen gehen könnten!«

»Wohin, mein Liebling?« fragte St. Clare.

»Nach der Heimath unseres Erlösers; — da ist Alles so schön, so friedlich, — so liebreich!« Das Kind sprach unbewußt wie von einem Platze, wo es oft gewesen war. »Willst Du nicht mit gehen, Papa?« fügte sie hinzu.

St. Clare drückte sie fester an sich, aber schwieg.

»Du wirst zu mir kommen,« sagte das Kind in einem Tone ruhiger Bestimmtheit, in welchem es oft unbewußt sprach.

»Ich folge Dir, — ich werde Dich nicht vergessen.«

Die Schatten dieses feierlichen Abends legten sich dichter und dichter um sie, während St. Clare schweigend da saß und die kleine gebrechliche Körperform an seinem Busen hielt. Er sah nicht mehr die tiefen Augen, aber ihre Stimme berührte ihn wie eine Geisterstimme, und sein ganzes vergangenes Leben stieg in einem Augenblick vor seinen Augen auf, als sollte darüber Gericht gehalten werden: Die Gebete und Hymnen seiner Mutter; sein eignes früheres Sehnen und Streben nach dem Guten; und zwischen jener Zeit und der gegenwärtigen Stunde Jahre von Weltlichkeit, Ungläubigkeit und was die Menschen anständiges Leben nennen. Wir können viel, sehr viel in einem Augenblicke denken. St. Clare sah und dachte viel, aber sagte nichts. Und als es dunkler wurde, trug er sein Kind in das Schlafzimmer; und nachdem es zur Nachtruhe vorbereitet worden war, sandte er die Dienstboten hinweg und wiegte es in seinen Armen, und sang es ein, bis es entschlummert war.


Fünfundzwanzigstes Kapitel.
Der kleine Evangelist.

Es war Sonntag Nachmittag. St. Clare lag auf einem Sitze von Bambusrohr in der Veranda ausgestreckt und ergötzte sich am Genuß einer Cigarre. Marie lag auf ihrem Sopha, dem Fenster gegenüber, welches nach der Veranda ging, unter einer Dachung von durchsichtiger Gaze gegen die Angriffe der Moskito geschützt, und hielt ein elegant eingebundenes Gebetbuch in der Hand. Sie hielt es in der Hand, weil es Sonntag war, und bildete sich ein, sie habe darin gelesen, — obgleich sie in Wirklichkeit nur, mit dem offenen Buche in der Hand, eine Reihenfolge kurzer Schläfe durchgemacht hatte.

Miß Ophelia, die nach längerem Suchen eine kleine methodistische Versammlung in der Umgegend entdeckt hatte, war mit Tom als Kutscher ausgefahren, um derselben beizuwohnen, und Eva hatte sie begleitet.

»Augustin,« sagte Marie, von einem Schlummer erwachend, »ich sage Dir, ich muß nach der Stadt schicken und meinen alten Doctor Posey holen lassen; ich glaube gewiß, ich habe eine Herzkrankheit.«

»Weßhalb hast Du denn nöthig, nach ihm zu schicken? Der Arzt, welcher Eva behandelt, scheint geschickt und erfahren zu sein.«

»Ich möchte mich ihm doch in einem gefährlichen Falle nicht anvertrauen, und ich fürchte, der meinige wird ein solcher werden! Ich habe seit zwei, drei Nächten darüber nachgedacht. Die Schmerzen, die ich leide, sind unbeschreiblich, und dabei habe ich so sonderbare Empfindungen.«

»O Marie, Du faselst, — ich glaube nimmermehr, daß Du eine Herzkrankheit hast.«

»Natürlich, Du glaubst es nicht,« entgegnete Marie, »ich konnte mir denken, daß Du das sagen würdest. Du kannst sehr besorgt sein, wenn Eva ein wenig hustet oder ihr sonst das Geringste fehlt! aber an mich denkst Du nie.«

»Wenn es Dir besonderes Vergnügen macht, eine Herzkrankheit zu haben, gut, so will ich versuchen, es steif und fest zu glauben,« sagte St. Clare; »ich wußte nicht, daß das der Fall war.«

»Ich will nur wünschen, daß Dir Dein Spott nicht leid thue, wenn es zu spät ist,« sagte Marie, »aber Du magst es glauben oder nicht, meine Angst und Unruhe um Eva, und die Anstrengungen, denen ich mich um dieses lieben Kindes willen unterzogen, haben jetzt vollständig entwickelt, was ich längst gefürchtet habe.«

Worin die Anstrengungen bestanden, deren Marie erwähnte, würde schwer zu bestimmen gewesen sein. St. Clare lieferte sich selbst im Stillen diesen Commentar, und fuhr in seiner Hartherzigkeit fort zu rauchen, bis ein Wagen vor der Veranda erschien, aus welchem Eva und Miß Ophelia ausstiegen.

Miß Ophelia ging geraden Wegs nach ihrem Zimmer, um ihren Hut und Shawl abzulegen, was ihre feststehende Gewohnheit war, ehe sie ein Wort über irgend einen Gegenstand sprach, während Eva auf St. Clare's Ruf zu ihm kam, sich auf sein Knie setzte, und ihm über den Gottesdienst, welchem sie beigewohnt hatte, Bericht erstattete.

Bald darauf hörten sie aus Miß Ophelia's Zimmer, welches gleichfalls nach der Veranda hinausging, laute Ausrufungen erschallen, und heftige Vorwürfe, die an irgend Jemanden gerichtet wurden.

»Was für neue Teufelsstreiche hat Tops ausgeführt?« fragte St. Clare. »Diese Scene rührt von ihr her, — ich will darauf wetten!«

Einen Augenblick später erschien Miß Ophelia in höchster Aufregung und schleppte die Sünderin hinter sich her.

»Jetzt komm' hier herein!« sagte sie. »Ich will es Deinem Herrn sagen!«

»Was gibt's denn nun?« fragte St. Clare.

»Die Sache ist die, daß ich mich nicht länger mit dem Kinde plagen kann. Es geht mit ihr über alle Grenzen der Geduld hinaus; Fleisch und Blut kann es nicht ertragen! Hier, ich schloß sie ein und gab ihr eine Hymne zu lernen; und was thut sie statt dessen? — spionirt aus, wo ich meinen Schlüssel hingethan habe, geht an mein Büreau, und nimmt einen Hutbesatz heraus, und schneidet ihn in Stücke, um Puppenjacken daraus zu machen! Ich habe nie in meinem Leben etwas Aehnliches von einem Kinde gesehen!«

»Ich sagte Ihnen vorher, Cousine,« bemerkte Marie; »daß diese Geschöpfe nicht ohne Strenge aufgezogen werden können. Wenn ich jetzt meinem Willen folgen könnte,« fügte sie hinzu, indem sie vorwurfsvoll auf St. Clare blickte, »so würde ich das Kind fortschicken, und es gründlich auspeitschen lassen, — so lange, bis es nicht mehr stehen könnte.«

»Ich hege keine Zweifel darüber,« sagte St. Clare. »Das ist zarte Weiblichkeit! Ich habe in meinem ganzen Leben nicht mehr als höchstens ein Dutzend Frauenzimmer kennen gelernt, die nicht ein Pferd oder einen Sklaven halb umbringen würden, wenn sie mit ihnen verfahren könnten, wie sie wollten!«

»Deine nichtssagende Behandlungsweise, St. Clare, ist von gar keinem Nutzen,« erwiederte Marie. »Cousine ist ein verständiges Frauenzimmer, und sieht es jetzt eben so deutlich ein, wie ich.«

Miß Ophelia konnte genau zu einem solchen Grade von Unwillen und Aufregung gebracht werden, der bei einer Hausfrau, die ihren Geschäften mit Leib und Seele vorsteht, natürlich ist, und dieser Grad war durch die Arglist und Unart des Kindes vollständig erregt worden; allein Mariens Worte gingen noch viel weiter, und dämpften deshalb Ophelias Hitze.

»Ich möchte das Kind um Alles in der Welt nicht so behandeln lassen,« sagte sie; »aber gewiß ist, Augustin, ich weiß nicht mehr, was ich mit ihr machen soll. Ich habe gelehrt und gelehrt; ich habe ihr Vorstellungen gemacht, bis ich des Redens müde war; ich habe sie gezüchtigt, ich habe sie gestraft auf jede nur denkbare Weise, — und dennoch ist sie nicht ein Haar breit anders, als sie von Anfang an gewesen ist.«

»Komm' hierher, Tops, Du Affe!« sagte St. Clare, das Kind zu sich rufend.

Topsy näherte sich ihm. Ihre grellen, runden Augen glänzten und funkelten von einer Mischung von Furcht und ihrer gewöhnlichen Schalkhaftigkeit.

»Warum beträgst Du Dich so?« sagte St. Clare, der sich über den sonderbaren Gesichtsausdruck des Kindes kaum des Lachens enthalten konnte.

»Denke, 's ist mein schlechtes Herz,« sagte Topsy ganz ernsthaft; »Miß Feely sagt so.«

»Siehst Du nicht, was Miß Ophelia alles für Dich gethan hat? Sie sagt, sie habe Alles gethan, was sie nur habe erdenken können.«

»Ja, Master! alte Missis sagte auch so. Sie peitschte mich ganz anders, und riß mein Haar aus, und stieß meinen Kopf gegen die Wand, — aber 's half nichts. Glaube, wenn sie mir auch alle Haare ausrissen, 's würde doch nichts helfen; — bin so schlecht! bin nichts als ein Nigger, gar nichts!«

»Ja, ich muß sie aufgeben,« sagte Miß Ophelia, »ich kann diese Qual nicht länger ertragen.«

»Gut, ich wollte nur eine Frage an Dich richten,« sagte St. Clare.

»Und welche?«

»Wenn Euer Evangelium nicht kräftig genug ist, ein heidnisches Kind zu erretten, welches Du hier bei Dir allein im Hause haben kannst, welchen Nutzen kann es dann gewähren, ein paar arme Missionäre unter Tausende von derselben Art und Gattung zu senden?«

Miß gab keine unmittelbare Antwort hierauf; und Eva, welche bisher eine stumme Zuschauerin der Scene abgegeben hatte, gab Topsy ein stummes Zeichen, ihr zu folgen. In der einen Ecke der Veranda befand sich ein kleines Zimmer mit einer Glasthüre, welches St. Clare als Lesezimmer zu benutzen pflegte. Dort hinein verschwanden Eva und Topsy.

»Was hat Eva jetzt vor?« sagte St. Clare. »Ich will lauschen.«

Indem er sich auf den Zehen der Glasthür näherte, und den Vorhang, welcher sie bedeckte, aufhob, blickte er hinein. Im nächsten Augenblicke machte er, den Finger auf die Lippen legend, Miß Ophelien ein Zeichen, ihm zu folgen und in das Zimmer zu blicken. Dort saßen die beiden Kinder auf dem Fußboden, während die Seiten ihrer Gesichter den Schauenden zugewendet waren: Topsy, mit ihrer gewöhnlichen Miene drolligen, sorglosen Muthwillens, und ihr gegenüber Eva, glühend im ganzen Gesichte von Gefühl, und mit Thränen in ihren großen Augen.

»Warum bist Du so unartig, Topsy? Weßhalb gibst Du Dir nicht Mühe, gut zu sein? Hast Du denn Niemanden lieb, Topsy?«

»Weiß nichts von lieb haben; habe Zuckerbrod und so 'was lieb, — weiter nichts,« sagte Topsy.

»Aber Du hast doch Deinen Vater und Deine Mutter lieb?«

»Habe nie keine gehabt; — hab's Ihnen schon gesagt, Miß Eva.«

»Ja, ich weiß,« entgegnete Eva traurig; »aber hast Du nie einen Bruder oder eine Schwester oder eine Tante oder —?«

»Nein, keinen, — gar keinen, niemals.«

»Aber Topsy, wenn Du Dir nur Mühe geben wolltest, gut zu sein, so könntest Du —«

»Könnte doch nie 'was Andres sein als ein Nigger, wenn ich auch noch so gut wäre,« sagte Topsy. »Wenn sie mir die Haut abziehen könnten, und wenn ich weiß werden könnte, dann wollt' ich 's versuchen.«

»Aber die Menschen könnten Dich ja doch lieb haben, wenn Du auch schwarz bist, Topsy. Miß Ophelia würde Dich lieb haben, wenn Du gut wärest.«

Topsy ließ ein kurzes, grelles Lachen als Antwort hören, was ihre gewöhnliche Mode war, wenn sie Ungläubigkeit ausdrücken wollte.

»Glaubst Du das nicht?« fragte Eva.

»Nein, sie kann mich nicht leiden, weil ich ein Nigger bin! — sie ließe sich eben so gern von einer Kröte anfassen! Niemand kann Niggers lieb haben, — Niggers können gar nichts thun! Mach' mir nichts draus!« sagte Topsy, indem sie anfing zu pfeifen.

»O Topsy, armes Kind, ich habe Dich lieb!« sagte Eva in einem plötzlichen Ausbruche ihres Gefühls, und legte ihre kleine, dünne Hand auf Topsy's Schulter. »Ich habe Dich lieb, weil Du keinen Vater und keine Mutter und Freunde hast, — weil Du ein armes, mißhandeltes Kind bist! Ich habe Dich lieb, und will gut gegen Dich sein. Ich bin recht krank, Topsy, und ich glaube ich werde nicht mehr lange leben, und es macht mir wirklich Kummer, daß Du so unartig bist. Ich wünschte, Du versuchtest es, artig zu sein, mir zu Liebe; — es ist nur noch kurze Zeit, daß ich bei Dir sein werde.«

Die runden, scharfen Augen des schwarzen Kindes waren von Thränen verdunkelt; große, schwere Tropfen rollten nach einander herab, und fielen auf die weiße, kleine Hand. Ja, in diesem Momente hatte ein Strahl wirklichen Glaubens, ein Strahl himmlischer Liebe die Dunkelheit ihrer heidnischen Seele durchdrungen! Sie legte ihren Kopf zwischen ihre Kniee nieder, und weinte und schluchzte, — während das schöne Kind, sich über sie neigend, wie das Bild eines glänzenden Engels erschien, der sich herabsenkte, um einen Sünder zu erlösen.

»Arme Topsy!« sagte Eva, »weißt Du nicht, daß Jesus alle Menschen gleich liebt? Er ist eben so bereit, Dich zu lieben wie mich. Er liebt Dich so wie ich es thue, — nur noch mehr, weil er besser ist. Er wird Dir beistehen, gut zu sein: und Du kannst endlich in den Himmel gehen, und dort für ewig ein Engel sein, eben so gut, als wenn Du weiß wärest. O, denke daran, Topsy! — Du kannst einer jener glänzenden Engel werden, von denen Onkel Tom singt.«

»O, liebe Miß Eva, liebe Miß Eva!« sagte das Kind; »ich will versuchen, ich will versuchen: — habe früher nie 'was danach gefragt.«

In diesem Augenblicke ließ St. Clare den Vorhang fallen. »Es erinnert mich an meine Mutter,« sagte er zu Miß Ophelia. — »Es ist wahr, was sie mir sagte: wenn wir die Blinden sehend machen wollen, so müssen wir bereit sein, so zu handeln, wie Christus handelte, — sie zu uns rufen, und unsere Hände auf sie legen

»Ich habe immer ein Vorurtheil gegen Neger gehabt,« sagte Miß Ophelia; »es ist wahr, es ist mir immer zuwider gewesen, mich von dem Kinde berühren zu lassen; allein ich glaubte nicht, daß Topsy es gewußt habe.«

»Verlaß Dich darauf, daß jedes Kind das bald entdeckt,« entgegnete St. Clare, »es ist unmöglich, es vor ihnen verborgen zu halten. Aber ich glaube auch, daß alle Bemühungen der Welt, einem Kinde wohl zu thun, und alle Gunstbezeugungen nie eine Regung von Dankbarkeit in ihm erwecken werden, so lange ein derartiges Gefühl von Abneigung im Herzen vorhanden ist.«

»Ich weiß nicht, wie ich das ändern soll,« sagte Miß Ophelia; »sie sind mir einmal zuwider — und besonders dieses Kind, — wie soll ich mich von diesem Gefühle befreien?«

»Es scheint, Eva thut es.«

»Ja, sie ist von Natur so liebreich!« sagte Miß Ophelia. »Ich wollte, ich wäre wie sie; sie könnte mir zum Muster dienen.«

»Es wäre nicht das erste Mal, daß ein kleines Kind einem alten Schüler eine Lehre gegeben hat,« entgegnete St. Clare.


Sechsundzwanzigstes Kapitel.
Der Tod.

Weint nicht um die, so Grabesschleier Am Lebensmorgen uns verbarg.

Eva's Schlafgemach war ein geräumiges Zimmer, welches, wie fast alle übrigen Gemächer des Hauses, sich auf die Veranda öffnete. Auf der einen Seite stand dasselbe mit dem Zimmer ihres Vaters und ihrer Mutter in Verbindung, und auf der anderen mit dem, welches Miß Ophelien überwiesen worden war. St. Clare hatte seinem eigenen Geschmacke gehuldigt, indem er das Zimmer in einer Weise ausmöblirt und geschmückt hatte, die in seltsamer Harmonie mit dem Charakter derjenigen stand, für die es bestimmt war. Vor den Fenstern hingen Gardinen von weißem und rosafarbenem Mousselin herab, und der Fußboden war von einem Teppich bedeckt, welcher nach einem von St. Clare besonders angegebenen Muster in Paris gefertigt worden war, indem ein Kranz von Rosenknospen und Blättern die Einfassung bildete, und im Mittelpunkte sich mehrere ganz aufgeblühte Rosen befanden. Die Bettstelle, Stühle und Sitze waren von Bambus nach besonders geschmackvollen Mustern gearbeitet. Ueber dem Kopfende des Bettes befand sich an der Wand ein Fuß von Alabaster, aus dem ein schön gemeißelter Engel mit gesenkten Flügeln stand, welcher einen Myrthenkranz in der Hand hielt. Von demselben hingen über dem Bette leichte Vorhänge von rosafarbener Gaze herab, welche den für alle Schläfer so nothwendigen Schutz gegen die Moskito's gewährten. Die geschmackvollen Bambussitze waren reichlich mit Kissen von röthlichem Damast versehen, während über denselben ähnliche Vorhänge wie über dem Bett herabhingen. Ein leichter Bambustisch stand in der Mitte des Zimmers, aus welchem eine Vase von parischem Marmor in der Form einer blühenden Lilie stand, die stets mit Blumen gefüllt war. Auf diesem Tische lagen auch Eva's Bücher und kleine Schmucksachen, nebst einem eleganten Schreibzeuge von Alabaster, welches ihr Vater für sie angeschafft hatte, als er bemerkte, daß sie sich bemühte, sich im Schreiben zu verbessern. Auf dem marmornen Kaminsimse stand eine schön gearbeitete Statue, welche Jesus darstellte, wie er die Kinder zu sich rief, und auf jeder Seite derselben befanden sich Marmorvasen, welche Tom jeden Morgen mit frischen Blumen zu füllen sich zum Stolz gereichen ließ. Zwei oder drei ausgewählte Gemälde von Kindern in verschiedenen Stellungen schmückten die Wände. Kurz, wohin das Auge auch blicken mochte, überall begegneten ihm Bilder der Kindheit, der Schönheit und des Friedens. Eva's kleine Augen öffneten sich nie dem Morgenlichte, ohne auf etwas zu fallen, was in ihrem Herzen sanfte, schöne Gedanken erweckte.

Die trügerische Kraft, welche Eva eine kurze Zeit lang aufrecht erhalten hatte, schwand schnell. Seltener und immer seltener wurde ihr leichter Fußtritt in der Veranda gehört, und öfter und immer öfter wurde sie auf ihren Strohsitzen am offenen Fenster liegend gefunden, während ihre großen, tiefen Augen die steigenden und sinkenden Wellen des See's beobachteten.

Es war eines Nachmittags, während sie sich gerade in einer ähnlichen Stellung befand, und ihre durchsichtigen kleinen Finger zwischen den Blättern der halbgeöffneten Bibel lagen, als sie plötzlich die Stimme ihrer Mutter in scharfen Lauten in der Veranda hörte.

»Was ist dies, Du Nickel? — Was ist das für ein neuer Streich? Du hast hier Blumen abgepflückt, he?« und Eva hörte den Schall eines kräftigen Schlages.

»O Missis, — sie sind für Miß Eva,« hörte sie eine Stimme sagen, welche sie als Topsy's erkannte.

»Miß Eva! eine hübsche Entschuldigung! — Du meinst, sie brauche Deine Blumen, Du nichtsnützige Nigger! Fort mit Dir!«

Im Augenblicke war Eva von ihrem Sitze auf und in der Veranda.

»O nein, Mutter! ich möchte diese Blumen gern haben; bitte, gieb sie mir, — ich brauche sie.«

»Wie, Eva? Dein Zimmer ist ja ganz voll von Blumen.«

»Ich kann nicht zu viele haben,« entgegnete Eva. »Topsy, komm, bringe sie mir.«

Topsy, die mürrisch und mit gesenktem Kopfe dagestanden hatte, kam jetzt näher und übergab ihre Blumen. Sie that es mit scheuer, zaudernder Miene, die sehr verschieden von ihrer gewöhnlichen Kühnheit und Keckheit war.

»Es ist ein schönes Bouquet!« sagte Eva, es betrachtend.

Es war etwas sonderbarer Art, denn es bestand aus glänzend scharlachrothem Geranium mit einer einzigen weißen Japonikablume und ihren glänzenden Blättern. Der Gegensatz der Farben war augenscheinlich die Idee bei der Zusammensetzung des Bouquets gewesen, und die Anordnung jedes Blattes war mit besonderer Sorgfalt erfolgt.

Topsy's Gesicht klärte sich auf als Eva sagte:

»Topsy, Du kannst hübsche Bouquette binden. Sieh, hier ist eine Vase, für die ich keine Blumen habe. Ich wünschte, Du könntest mir jeden Morgen einige Blumen dafür sammeln.«

»Nun, das ist sonderbar!« sagte Marie. »Wozu in der Welt, Kind, brauchst Du die nur noch?«

»O, das thut nichts, Mamma; ich weiß, Du hast nichts dagegen, daß Topsy es thut, — nicht wahr?«

»Natürlich nicht; Alles was Du willst, mein Kind! Topsy, Du hörst, was Deine junge Mistreß sagt; — gieb wohl Acht.«

Topsy machte eine kurze Verbeugung mit gesenktem Kopfe; und als sie sich entfernte, sah Eva eine Thräne über ihre dunkle Wange rollen.

»Siehst Du, liebe Mamma, ich wußte, daß die arme Topsy gern etwas für mich thun wollte,« sagte Eva zu ihrer Mutter.

»O Unsinn! sie that's nur, weil sie gern verbotene Dinge thut. Sie weiß, daß sie keine Blumen abpflücken soll, — also thut sie es; das ist das Ganze. Aber wenn Du es gern willst, daß sie sie pflückt, so mag sie es thun.«

»Mamma, ich denke, Topsy ist jetzt ganz anders als sie früher war; sie giebt sich Mühe, gut zu sein.«

»Da wird sie sich noch lange Mühe geben müssen, ehe sie wirklich gut wird,« sagte Marie mit gleichgültigem Lachen.

»Ja, aber Du weißt, Mamma, die arme Topsy! — Alles ist immer gegen sie gewesen.«

»Nicht seitdem sie hier gewesen ist. Wenn ihr nicht vorgesprochen und vorgepredigt, und an sie nicht Alles gethan worden ist, was Menschen vermögen! — und doch ist sie noch gerade eben so häßlich, und wird es immer sein; — nein, es läßt sich nichts mit dem Geschöpfe machen!«

»Aber, Mamma, es ist doch ganz anders, so auferzogen worden zu sein, wie ich es bin, mit so vielen Freunden, und so vielen Dingen, die mich gut und glücklich machen; und dann so aufgebracht worden zu sein, wie sie es die ganze Zeit war, ehe sie hieher kam!«

»Kann sein,« entgegnete Marie gähnend, — »o, wie heiß es ist!«

»Mamma, nicht wahr, Du glaubst auch, daß Topsy ein Engel werden könnte, so gut wie wir, wenn sie eine Christin wäre?«

»Topsy? was für eine lächerliche Idee! Niemand als Du würde jemals an so etwas denken. Aber es ist möglich!«

»Aber, Mamma, ist denn Gott nicht ihr Vater so gut wie der unserige, — und Jesus ihr Erlöser?«

»Wohl, das mag sein. Ich glaube, Gott hat alle Menschen geschaffen,« erwiederte Marie. »Wo ist mein Riechfläschchen?«

»Es ist solch' ein Jammer, — o! solch' ein Jammer!« sagte Eva, auf den fernen See blickend, und halb zu sich selbst redend.

»Was ist ein Jammer?« fragte Marie.

»Daß ein Wesen, welches ein Engel werden und mit Engeln leben könnte, ganz hinab, hinab, hinab gehen soll, ohne daß ihm Jemand hilft! — o, lieber Gott!«

»Wohl, wir können's nicht ändern, Eva; es nützt nichts, sich darum zu grämen! Ich weiß nicht, was zu thun ist. Wir müssen nur dankbar sein für die Vortheile, die wir genießen.«

»Ich kann es kaum sein,« sagte Eva. »Ich bin so traurig, wenn ich an arme Leute denke, die gar keine Vortheile genießen.«

»Das ist sonderbar genug,« sagte Marie; — »meine Religion macht mich dankbar für meine Vorzüge.«

»Mamma,« sagte Eva plötzlich, »ich möchte gern etwas von meinem Haar abschneiden lassen, — recht viel.«

»Wozu?« fragte Marie.

»Ich wollte es an meine Freunde geben, so lange ich noch im Stande bin, es selbst zu thun. Willst Du nicht die Tante bitten, daß sie komme und es für mich abschneide?«

Marie erhob ihre Stimme, um Miß Ophelia aus dem nächsten Zimmer zu rufen.

Als Ophelia in das Zimmer trat, erhob sich das Kind von seinem Lager, und ließ seine langen, goldenen Locken herabfallen, indem es scherzweise sagte: »Komm, Tante, scheere das Schäfchen!«

»Was ist das?« fragte St. Clare, der gerade in diesem Augenblick in das Zimmer trat und Früchte trug, die er besonders für Eva geholt hatte.

»Papa, ich wollte gern, daß Tante von meinem Haar etwas abschnitte; es ist zu lang und macht meinen Kopf so heiß. Auch wollte ich gern etwas davon verschenken.«

Miß Ophelia erschien mit der Scheere.

»Sieh' Dich vor, — verdirb die Locken nicht!« sagte der Vater. »Schneide unterhalb, wo es nicht zu sehen ist. Eva's Locken sind mein Stolz.«

»O Papa!« sagte Eva traurig.

»Ja, und ich will, daß sie in recht hübschem Stande zu der Zeit bleiben, wo ich mit Dir nach Onkels Plantage reisen will, um Cousin Henrique zu besuchen,« sagte St. Clare in heiterem Tone.

»Ich werde nie dahin kommen, Papa, — ich gehe in ein besseres Land. O glaube mir! Siehst Du nicht Papa, daß ich jeden Tag schwächer werde?«

»Warum bestehst Du darauf, Eva, daß ich etwas so Schreckliches glauben solle?« sagte der Vater.

»Nur weil es wahr ist, Papa; und wenn Du es jetzt glauben willst, so wirst Du vielleicht eben so darüber empfinden lernen, wie ich,« entgegnete Eva.

St. Clare schloß seine Lippen, und betrachtete trüben Blickes die langen schönen Locken, welche, sobald sie abgeschnitten waren, in den Schooß des Kindes gelegt wurden. Sie hob sie auf, betrachtete sie ernsten Blickes, und flocht sie durch ihre zarten Finger, und blickte von Zeit zu Zeit ängstlich auf ihren Vater.

»Es ist gerade das, was ich geahnt habe!« sagte Marie; »es ist grade das, was Tag für Tag an meiner Gesundheit genagt und mich dem Grabe nahe gebracht hat, obgleich Niemand es hat beachten wollen. Ich habe es lange vorhergesehen. St. Clare, Du wirst bald sehen, daß ich Recht hatte.«

»Was Dir zu großem Troste gereichen wird, ohne Zweifel!« entgegnete St. Clare mit trockenem, bitterem Tone.

Marie lag auf einem Kanapee, und bedeckte ihr Gesicht mit einem feinen weißen Taschentuche.

Eva's klares, blaues Auge blickte ernst vom Vater auf die Mutter. Es war der ruhige, verstehende Blick einer Seele, die schon halb von ihren irdischen Banden gelöst war, und unverkennbar war es, daß sie den Unterschied zwischen Beiden sah, fühlte und würdigte.

Sie winkte ihrem Vater mit der Hand. Er kam und setzte sich an ihre Seite.

»Papa, meine Kraft schwindet täglich mehr, und ich weiß, ich muß fort. Da sind noch manche Dinge, die ich zu sagen und zu thun habe — die ich thun muß, und Du willst mich nie über diesen Gegenstand sprechen lassen. Aber kommen muß es doch; es ist kein Aufschub möglich. Bitte, laß mich jetzt reden!«

»Mein Kind, recht gern!« sagte St. Clare, seine Augen mit der einen Hand bedeckend, und Eva's Hand in der andern haltend.

»Dann möchte ich alle unsere Leute hier beisammen sehen. Ich habe Etwas, was ich ihnen sagen muß,« sagte Eva.

»Gut,« erwiederte St. Clare im Tone völliger Ergebung.

Miß Ophelia sandte einen Boten ab, und bald darauf wurden sämmtliche Dienstboten in das Zimmer geführt.

Eva lag ausgestreckt auf ihren Kissen, ihr Haar hing unbefestigt um ihr Gesicht, ihre purpurnen Wangen kontrastirten auf schmerzliche Weise mit der durchsichtigen Weiße ihrer Haut und den zarten Linien ihrer Glieder und Züge, und ihre großen, seelenvollen Augen richteten sich mit ernstem Ausdrucke auf jeden Einzelnen.

Die Dienstboten fühlten sich plötzlich ergriffen von ihrem Anblicke. Ihr geisterartiges Gesicht, die langen, abgeschnittenen Locken auf ihrem Schooße, ihres Vaters abgewandtes Gesicht und Marien's Schluchzen machten einen plötzlichen Eindruck auf die Gefühle dieser leicht erregbaren Menschenklasse, und während sie nach einander eintraten, sahen sie sich gegenseitig an, seufzten und schüttelten die Köpfe. Im ganzen Zimmer herrschte eine Stille, wie bei einem Begräbniß.

Eva richtete sich auf, und blickte lange und ernst um sich auf jeden Einzelnen. Alle sahen bange und traurig aus, und viele unter den Weibern bargen ihre Gesichter in den Schürzen.

»Ich habe euch Alle rufen lassen, meine lieben Freunde,« sagte Eva, »weil ich Euch lieb habe. Ich liebe Euch alle, und ich habe Euch Etwas zu sagen, an das Ihr Euch, wie ich wünsche, stets erinnern werdet. — Ich muß Euch verlassen; — in wenigen Wochen werdet Ihr mich nicht mehr sehen —«

Hier wurde das Kind durch einen allgemeinen Ausbruch von Seufzern, Stöhnen und Wehklagen unterbrochen, in denen ihre zarte Stimme vollständig verloren ging. Sie hielt einen Augenblick inne und fuhr dann in einem Tone fort, der das Schluchzen Aller verstummen ließ.

»Wenn Ihr mich lieb habt,« sagte sie, »so müßt Ihr mich nicht auf eine solche Weise unterbrechen. Hört, was ich Euch zu sagen habe. Ich wollte zu Euch über Eure Seelen reden. — Viele unter Euch, fürchte ich, sind sehr sorglos. Ihr denkt nur an diese Welt; aber ich bitte Euch, daran zu denken, daß es eine andere, schöne Welt gibt, wo Jesus ist. Dahin gehe ich, und dahin könnt Ihr gehen. Sie ist für Euch sowohl, wie für mich. Aber, wenn Ihr dahin gehen wollt, so müßt Ihr nicht ein träges, sorgloses und leichtsinniges Leben führen. Ihr müßt Christen sein. Ihr müßt bedenken, daß jeder von Euch ein Engel werden und für ewig bleiben kann. Wenn Ihr Christen sein wollt, so wird Euch Jesus helfen. Ihr müßt zu ihm beten, Ihr müßt lesen —«

Das Kind hielt hier plötzlich inne, blickte mitleidig auf die Umstehenden und fuhr dann traurig fort:

»O, Ihr Armen, Ihr könnt ja nicht lesen, — arme Seelen!« und sie verbarg ihr Gesicht in den Kissen und schluchzte, bis das unterdrückte Stöhnen derjenigen, zu denen sie sprach, und die knieend um sie her lagen, sie wieder erweckte.

»Aber faßt Muth!« sagte sie, ihr Gesicht erhebend, und durch Thränen freundlich lächelnd, »ich habe für Euch gebetet, und ich weiß, Jesus wird Euch helfen, auch wenn Ihr nicht lesen könnt. Bemüht Euch, Alles zu thun, was in Euren Kräften steht; betet jeden Tag; ruft Ihn an, daß Er Euch helfe, und laßt Euch die Bibel vorlesen, wo und wann Ihr könnt, und ich hoffe, daß ich Euch dann alle im Himmel sehen werde.«

»Amen,« war die leise Antwort von den Lippen Tom's und Mammy's, und einiger der Aelteren unter ihnen, welche einer methodistischen Kirche angehörten, während die Jüngeren und Leichtsinnigeren, die für den Augenblick vollständig überwältigt waren, ihre Köpfe auf die Knie niedergelegt hatten und laut schluchzten.

»Ich weiß,« sagte Eva, »Ihr habt mich alle lieb.«

»Ja, o ja! gewiß! Gott segne Sie!« war die unwillkührliche Antwort von Allen!

»Ja, ich weiß es! Es ist kein Einziger unter Euch, der nicht immer liebreich gegen mich gewesen wäre; und ich wollte Euch jetzt Etwas geben, was Euch stets an mich erinnern wird, wenn Ihr darauf blickt. Ich will jedem von Euch eine Locke von meinem Haare geben; und wenn Ihr sie betrachtet, so erinnert Euch, daß ich Euch liebte und in den Himmel gegangen bin, und daß ich Euch alle dort zu sehen wünsche.«

Es ist unmöglich, die Scene zu beschreiben, welche sich jetzt entwickelte, wo Alle unter Thränen und Schluchzen sich um das kleine Wesen sammelten, und aus Eva's Händen das letzte Zeichen ihrer Liebe empfingen. Sie fielen auf ihre Kniee und schluchzten und beteten, und küßten den Saum ihres Kleides, während die Aelteren Worte der Liebe, untermischt mit Gebeten und Segenssprüchen auf sie ausströmen ließen.

So wie Jeder seine Gabe empfing, gab ihm Miß Ophelia, welche von dieser Aufregung nachtheilige Folgen für ihre kleine Kranke fürchtete, ein Zeichen, das Zimmer zu verlassen. Alle waren fort bis auf Tom und Mammy.

»Hier, Onkel Tom,« sagte Eva, »ist eine schöne Locke für Dich. O ich bin so glücklich, Onkel Tom, wenn ich daran denke, daß ich Dich im Himmel sehen werde, — denn ich weiß es gewiß; und Mammy, — meine liebe, gute Mammy!« rief sie, ihre Arme um den Hals ihrer alten Wärterin schlingend, — »ich weiß, Du wirst auch dort sein.«

»O Miß Eva! — weiß gar nicht, wie ich ohne Sie leben kann!« sagte das treue Geschöpf, und verfiel in einen leidenschaftlichen Ausbruch von Schmerz.

Miß Ophelia drängte sie sanft zur Thüre hinaus, und glaubte, es seien nun Alle fort; allein, als sie sich umwandte, stand Topsy noch da.

»Wo kommst Du her?« fragte Miß Ophelia verwundert.

»Ich war hier,« entgegnete Topsy, die Thränen aus ihren Augen wischend. »O, Miß Eva, ich bin immer ein unartiges Mädchen gewesen; aber wollen Sie mir nicht auch eine geben?«

»Ja, arme Topsy, gewiß will ich das. Hier — so oft Du sie ansiehst, denke daran, daß ich Dich lieb hatte und wünschte, daß Du ein gutes Kind sein möchtest!«

»O Miß Eva, ich gebe mir Mühe!« sagte Topsy eifrig; »aber, o Herr, 's ist so schwer, gut zu sein! — bin gar nicht dran gewöhnt!«

»Jesus weiß das, Topsy; er hat Mitleid mit Dir, — er wird Dir helfen.«

Topsy wurde hierauf, indem sie ihre Augen in der Schürze verbarg, von Miß Ophelia schweigend aus dem Zimmer geführt; allein, während sie hinausging, verbarg sie die kostbare Locke in ihrem Busen.

Als Alle fort waren, verschloß Miß Ophelia die Thür. Diese gute Dame hatte während der Scene manche Thräne aus ihrem eigenen Auge hinweggewischt; aber die Besorgniß wegen der aus einer solchen Aufregung für ihren jungen Pflegling möglicher Weise entspringenden Folgen war überwiegend in ihrem Geiste.

St. Clare hatte während der ganzen Zeit, seine Augen mit der Hand bedeckend, in derselben Stellung gesessen. Auch als Alle fort waren, blieb er darin.

»Papa!« sagte Eva sanft, ihre Hand auf die seinige legend.

Er erschrak und ein Schauer überlief ihn, aber er gab keine Antwort.

»Lieber Vater!« wiederholte Eva.

»Ich kann nicht,« sagte St. Clare aufstehend, — »ich kann es nicht tragen! Der Allmächtige ist sehr hart mit mir verfahren!« und St. Clare legte auf die letzten Worte einen besonders bitteren Nachdruck.

»Augustin! hat Gott nicht ein Recht, zu thun, was er will, mit dem, was sein ist?« sagte Miß Ophelia.

»Mag sein; aber das macht es nicht leichter für mich zu tragen,« entgegnete er in harter, trockener, thränenloser Weise, während er sich abwandte.

»Papa, Du brichst mein Herz!« sagte Eva sich aufrichtend und sich in seine Arme werfend; »Du mußt nicht so denken!« Und dabei weinte und schluchzte das Kind mit einer Heftigkeit, die Alle in Bestürzung versetzte, und den Gedanken ihres Vaters schnell eine andere Richtung verlieh.

»Still, Eva, still! mein liebes Kind! Es wäre unrecht von mir, — recht unrecht! Ich will anders denken, — ich will Alles thun, was Du willst, nur beruhige Dich, schluchze nicht so. Ich will ganz gefaßt sein; es war sehr unrecht von mir, so zu sprechen.«

Bald lag Eva wie eine müde Taube in ihres Vaters Armen; und er, sich über sie beugend, bemühte sich, sie durch jedes zärtliche Wort, das er ersinnen konnte, zu beruhigen.

Marie stand auf und ging aus dem Zimmer in ihr eigenes, wo sie in hysterische Krämpfe verfiel.

»Du hast mir keine Locke gegeben, Eva,« sagte ihr Vater mit traurigem Lächeln.

»Sie gehören Dir alle, Papa,« erwiederte sie lächelnd, — »Dir und Mamma, und Du mußt der lieben Tante so viele davon geben, als sie haben will. Ich gab jene nur den armen Leuten selbst, lieber Papa, weil sie möchten vergessen worden sein, wenn ich nicht mehr da bin, und weil ich hoffte, daß es sie erinnern möchte an — Du bist ein Christ, lieber Vater, nicht wahr?« fügte sie dann mit zweifelndem Tone hinzu.

»Weshalb fragst Du mich?«

»Ich weiß nicht. Du bist so gut, Du mußt es sein.«

»Was heißt das, ein Christ sein, Eva?«

»Christus über Alles lieben,« entgegnete Eva.

»Thust Du das, Eva?«

»Gewiß thue ich das.«

»Du sahst ihn aber nie,« sagte St. Clare.

»Das macht keinen Unterschied,« erwiederte Eva. »Ich glaube an ihn und in wenigen Tagen werde ich ihn sehen.« Und bei diesen Worten begann das jugendliche Gesicht vor Freude zu strahlen.

St. Clare antwortete nicht mehr. Es war ein Gefühl, welches er oft an seiner Mutter wahrgenommen hatte, aber wofür keine gleichgestimmte Saite in seinem Innern vibrirte.

Von dieser Zeit ab wurde Eva zusehends schwächer. Es konnte kein Zweifel mehr über den Ausgang herrschen und selbst die kühnste Hoffnung konnte sich nicht mehr täuschen. Ihr schönes Zimmer war ein vollständiges Krankenzimmer geworden; und Miß Ophelia verrichtete Tag und Nacht die Geschäfte einer Wärterin, — und nie hatten ihre Freunde Gelegenheit, ihren Werth mehr zu erkennen als in dieser Eigenschaft. Mit so geübter Hand und richtigem Auge, mit so vollkommener Gewandtheit in der Kunst, Reinlichkeit und Behaglichkeit für die Kranke zu befördern, — mit so genauer Berechnung der Zeit, mit so klarem ruhigem Kopfe, und so gewissenhafter Beachtung jeder Vorschrift des Arztes, war sie ihm Alles. Diejenigen, welche über ihre kleinen Eigenthümlichkeiten, die von der Freiheit der südlichen Sitten so sehr abwichen, die Achsel zuckten, mußten anerkennen, daß sie in ihrem gegenwärtigen Verhältniß gerade die passende Person sei.

Onkel Tom hielt sich viel in Eva's Zimmer auf. Das Kind litt viel an Ruhelosigkeit, und es gewährte ihm große Erleichterung, getragen zu werden. Für Tom war es daher die größte Freude, die kleine zarte Gestalt auf seinen Armen, auf einem Kissen ruhend, bald im Zimmer auf und ab, bald in der Veranda umherzutragen; und wenn die frische Seeluft vom See her wehte, und Eva sich am Morgen wohler fühlte, so pflegte er unter den Orangenbäumen des Gartens mit ihr umher zu wandeln, oder sich auf einen ihrer alten Sitze niederzulassen und ihr ihre Lieblingshymnen vorzusingen.

Ihr Vater that öfters dasselbe; aber sein Körper war weniger kräftig, und wenn er müde war, pflegte Eva zu ihm zu sagen:

»O Papa, laß Tom mich tragen. Der arme Mensch, — er thut es so gern; Du weißt, es ist Alles, was er thun kann, und er möchte gern Etwas thun!«

»Dasselbe ist mit mir der Fall, Eva!« sagte der Vater.

»O Papa, Du kannst Alles thun, und bist mir Alles. Du liesest mir vor, — Du wachst bei mir des Nachts — und Tom hat nur dieses Eine und sein Singen; und dann weiß ich auch, daß es ihm leichter wird als Dir. Er trägt mich so fest und sicher!«

Der Wunsch, Etwas für Eva zu thun, beschränkte sich nicht auf Tom. Jeder Dienstbote des Hauses verrieth dasselbe Gefühl und that nach seiner Weise und seinen Kräften, was er konnte.

Die arme Mammy sehnte sich nach dem Lieblinge, aber fand weder bei Tage noch bei Nacht Gelegenheit, da Marie erklärte, daß ihr Geisteszustand ihr keine Ruhe lasse, weshalb es natürlich gegen ihre Grundsätze war, irgend einem Andern Ruhe zu lassen. Zwanzigmal in der Nacht wurde Mammy gerufen, um ihre Füße zu reiben, ihren Kopf zu waschen, ihr Taschentuch zu suchen, oder nachzufragen, was das Geräusch in Eva's Zimmer zu bedeuten habe, die Fenstervorhänge herunterzulassen, weil es zu hell sei, oder hinaufzuziehen, weil es zu dunkel sei; und bei Tage, wenn sie sich danach sehnte, an der Wartung ihres Lieblings Theil zu nehmen, schien Marie ganz besonders erfinderisch zu sein, um sie überall im Hause oder um ihre Person zu beschäftigen, so daß sie nichts als kurze Blicke oder verstohlene Besuche erlangen konnte.

»Ich halte es für meine Pflicht, jetzt besonders sorgsam für mich zu sein,« pflegte sie zu sagen, — »schwach wie ich bin, und mit der ganzen Sorge der Wartung und Pflege des lieben Kindes auf mir.«

»In der That, meine Liebe?« antwortete St. Clare. »Ich dachte, unsere Cousine Ophelia nähme Dir diese Sorge ab.«

»Du sprichst wie ein Mann, St. Clare, — als ob eine Mutter sich die Sorge um ein Kind in einem solchen Zustande abnehmen lassen könnte. Aber es ist Alles gleich, — Niemand weiß, was ich fühle! Ich kann die Sachen nicht so leicht nehmen.«

St. Clare lächelte. Du mußt ihn entschuldigen, lieber Leser, er konnte nicht anders, — St. Clare konnte noch lächeln; denn so hell und ruhig war die Abschiedsfahrt des kleinen Geistes, — von so sanften, balsamischen Lüften wurde der kleine Nachen den himmlischen Ufern zugetrieben, daß es unmöglich war, zu erkennen, daß es der Tod sei, der sich nahe. Das Kind empfand keinen Schmerz, — nur eine ruhige, sanfte Schwäche, die täglich und fast unmerklich zunahm; und so schön, so liebreich, so vertrauensvoll, so glücklich war es dabei, daß Niemand dem besänftigenden Einflusse der Unschuld und Friede athmenden Luft widerstehen konnte, welche das Kind zu umgeben schien. Auch St. Clare fühlte eine sonderbare Ruhe auf sich niedersinken. Es war nicht Hoffnung, — die war unmöglich; es war nicht Resignation; es war nur ein ruhiges Weilen in der Gegenwart, die so schön erschien, daß er nicht an die Zukunft denken mochte.

Der Freund, welcher am meisten von Eva's Vorstellungen und Ahnungen wußte, war ihr treuer Träger, Tom. Ihm theilte sie mit, womit sie ihren Vater nicht beunruhigen wollte. Ihm vertraute sie jene geheimnisvollen Vorgefühle, welche die Seele empfindet, wenn ihre Saiten sich zu lösen beginnen und sie ihre irdische Hülle verlassen will.

Tom wollte endlich nicht mehr in seinem Zimmer schlafen, sondern lag jede Nacht in der äußeren Veranda, bereit für jeden Ruf.

»Onkel Tom,« sagte Miß Ophelia, »was in der Welt ist Dir eingefallen, daß Du überall liegst und schläfst wie ein Hund. Ich dachte, Du wärest ein ordentlicher Mensch, der gewohnt wäre, in christlicher Weise in einem Bette zu schlafen.«

»Das bin ich, Miß Feely,« sagte Tom geheimnißvoll. »Das bin ich, aber jetzt —«

»Nun, was jetzt?«

»Wir müssen nicht so laut sprechen, — Master St. Clare will nichts davon hören; aber, Miß Feely, Sie wissen, es muß Einer auf den Bräutigam warten.«

»Was meinst Du, Tom?«

»Sie wissen, es heißt in der Schrift: »Zur Mitternacht aber ward ein Geschrei: siehe, der Bräutigam kommt.« Das ist's, was ich jetzt erwarte, Miß Feely, — und ich konnte nicht schlafen, wo ich nicht höre.«

»Wie, Onkel Tom, wie kommst Du auf diesen Gedanken?«

»Miß Eva, — sie spricht mit mir. Der Herr sendet seinen Boten in die Seele. Ich muß dabei sein, Miß Feely; denn wenn das Segenskind in das Himmelreich geht, wird sich das Thor so weit öffnen, daß wir alle einen Blick in seine Glorie hineinthun können, Miß Feely.«

»Onkel Tom! sagte Miß Eva, daß sie sich heute Abend kränker als gewöhnlich fühle?«

»Nein, aber sie sagte mir diesen Morgen, daß sie näher käme, — jene da oben sind es, die es dem Kinde sagen, Miß Feely, — die Engel sind's! — Es ist der Trompetenschall vor dem Anbruch des Tages!« sagte Tom, sich der Worte einer Lieblingshymne bedienend.

Dieses Zwiegespräch fand zwischen Miß Ophelia und Tom eines Abends zwischen zehn und elf Uhr Statt, nachdem sie bereits alle ihre Anordnungen für die Nacht getroffen hatte, und sie, als sie die äußere Thür der Veranda schließen wollte, Tom vor derselben ausgestreckt liegend fand. Sie war weder nervenschwach, noch leicht erregbar, allein Tom's feierlicher, aus dem Herzen kommender Ton fiel Ophelien auf. Eva war an diesem Tage besonders munter und heiter gewesen, und hatte aufrecht in ihrem Bett gesessen, und über alle ihre kleinen Schmucksachen geblickt und die Freunde namhaft gemacht, denen sie gegeben werden sollten. Ihr ganzes Wesen war lebhafter und ihre Stimme natürlicher gewesen als seit vielen Wochen. Ihr Vater war gegen Abend in ihrem Zimmer gewesen und hatte gesagt, daß Eva ihm ihren früheren gesunden Tagen ähnlicher erschienen wäre, als je in ihrer Krankheit, und als er sie zum Abschiede für die Nacht geküßt, hatte er zu Miß Ophelien gesagt: »Cousine, wir können sie vielleicht dennoch behalten, sie ist entschieden besser,« und hatte sich sodann mit leichterem Herzen in sein Zimmer zurückgezogen, als manche lange Woche zuvor.

Aber um Mitternacht, — seltsame, geheimnißvolle Stunde! — wenn der Schleier zwischen der gebrechlichen Gegenwart und der ewigen Zukunft durchsichtiger wird, — dann kam der Bote!

Ein Geräusch wurde hörbar in jenem Zimmer von schnellen, eiligen Schritten. Es war Miß Ophelia, welche beschlossen hatte, die ganze Nacht bei ihrem kleinen Pflegling zu wachen, und um Mitternacht Etwas bemerkt hatte, was erfahrene Wärterinnen bedeutungsvoll »eine Veränderung« zu nennen pflegen. Die äußere Thür wurde schnell geöffnet, und Tom, der außerhalb wachte, war im Augenblick bei der Hand.

»Geh' zum Arzte, Tom! verliere keinen Augenblick!« sagte Miß Ophelia, und eilte durch das Zimmer, um an St. Clare's Thür zu pochen.

»Cousin,« rief sie, »bitte, komm heraus!«

Diese Worte fielen auf sein Herz wie Sandschollen auf einen Sarg. Im Augenblicke war er im Zimmer und beugte sich über Eva nieder, die noch schlief.

Was war es, was er dort sah und sein Herz stocken ließ? Weshalb wurde kein Wort zwischen Beiden gesprochen? Du, liebe Leserin, weißt es vielleicht, die Du denselben Ausdruck auf dem Gesichte dessen gesehen hast, was Dir am theuersten war, — jenen unbeschreiblichen, hoffnungslosen, unverkennbaren Zug, der Dir sagt, daß Dein Geliebtes nicht mehr Dein ist.

Gleichwohl zeigte sich auf dem Gesichte nichts Geisterhaftes, Todtenähnliches, sondern nur ein hoher, beinahe erhabener Ausdruck, — die überschattende Gegenwart geistiger Naturen, der Tagesanbruch eines unsterblichen Lebens in dieser kindlichen Seele.

St. Clare und Ophelia standen so still und betrachteten das Kind so schweigend, daß selbst der Pendelschlag der Uhr zu laut zu sein schien. In wenigen Minuten kehrte Tom mit dem Arzte zurück. Letzterer trat ein, warf einen Blick auf das Kind, und blieb schweigend wie die Uebrigen stehen.

»Wann trat diese Veränderung ein?« sagte er flüsternd zu Ophelien.

»Ungefähr um Mitternacht,« war die Antwort.

Jetzt erschien aus dem nächsten Zimmer Marie in größter Eile, die durch die Ankunft des Arztes erweckt worden war.

»Augustin! Cousine! — O! — was« — begann sie in hastigem Tone.

»Still!« sagte St. Clare mit rauher Stimme, — »sie stirbt!«

Mammy hatte diese Worte gehört und eilte davon, um die Dienstboten zu erwecken. Das ganze Haus war bald munter, — Lichter wurden gesehen, Fußtritte gehört, ängstliche Gesichter drängten sich in die Veranda, und blickten mit thränenvollen Augen durch die Glasthüren; aber St. Clare hörte und sah nichts, — er sah nur den Ausdruck im Gesichte der kleinen Schläferin.

»O, wenn sie nur noch einmal aufwachen und sprechen wollte!« sagte er, und sich über sie niederbeugend, flüsterte er in ihr Ohr: »Eva, Liebling!«

Die großen blauen Augen öffneten sich, — ein Lächeln flog über ihr Gesicht, — sie versuchte ihren Kopf zu erheben und zu sprechen.

»Kennst Du mich, Eva?«

»Lieber Vater!« sagte das Kind, mit letzter Anstrengung seine Arme um den Hals des Vaters schlingend. Im nächsten Augenblicke fielen sie wieder nieder und als St. Clare seinen Kopf erhob, sah er einen Todeskrampf über das Gesicht ziehen; — das Kind suchte angstvoll nach Athem, und warf seine kleinen Hände empor.

»O Gott, das ist schrecklich!« rief er, sich im tiefsten Schmerze abwendend und Tom's Hand drückend, ohne zu wissen, was er that. »O Tom, es bringt mich um!«

Tom hielt die Hand seines Herrn zwischen den seinigen, und während die Thränen über seine dunklen Wangen strömten, schaute er nach Hülfe da hinauf, wohin er immer gewohnt gewesen war, zu blicken.

»Bete, daß dies bald enden möge!« sagte St. Clare, — »es zerreißt mir das Herz.«

»Der Herr sei gepriesen! es ist vorüber, — es ist vorbei, lieber Master!« sagte Tom; — »sehen Sie sie an.«

Das Kind lag erschöpft und schwer athmend auf seinen Kissen, während die großen klaren Augen weit offen vor sich hinstarrten. Was sagten diese Augen, die sich so gerade auf den Himmel richteten? Die Erde und irdischer Schmerz war zurückgelassen; aber so feierlich, so geheimnißvoll war die triumphirende Klarheit dieses Gesichts, daß selbst das Schluchzen des Schmerzes verstummte. Alle drängten sich in athemloser Stille um sie her.

»Eva,« sagte St. Clare sanft.

Sie hörte nicht.

»O Eva, sage uns, was Du siehst! Was ist es?« sagte der Vater.

Ein sanftes, seliges Lächeln schwebte über ihr Gesicht, und sie antwortete in gebrochenen Tönen: »O! Liebe, — Freude, — Friede!« seufzte tief auf, und ging vom Leben zum Tode über.

Lebe wohl, geliebtes Kind! Die glänzenden Thore der Ewigkeit haben sich hinter Dir geschlossen; wir werden Deine sanften Züge nicht mehr sehen. Wehe den Armen, die Deinen Eingang in den Himmel sahen, und, wenn sie erwachten, nichts als den kalten, grauen Lebenshimmel finden, nachdem Du für immer dahin bist.