D’ Gertrude

Gertrud war ein uneheliches Kind; recht und schlecht schlug sie sich durchs Leben in der Spinnerei, die im ehemaligen Kloster Rupertsweiler eingerichtet war. Als der alte Fabrikant starb, der wie ein Vater mit all seinen Arbeitern stand und die Gertrud immer besonders bevorzugt hatte — 37 Jahre hatte sie fleißig und ehrlich in seiner Fabrik gearbeitet — fanden sich alle Arbeiter im Testament bedacht. Auch die Gertrud hatte ein kleines Legat erhalten, und die Möbel aus dem alten Bureau des Herrn, das sie immer selbst in Ordnung gehalten hatte, schenkte ihr die Witwe des Fabrikanten noch dazu. Ein Tisch, ein Schreibpult, zwei Stühle und ein bequemer Fauteuil wurden ihr Eigentum. Die Fabrik wurde zu einer Aktiengesellschaft umgewandelt, und die Gertrud nahm ihre Entlassung. Sie hatte mit ihren 50 Jahren nicht Lust, sich an andere Verhältnisse zu gewöhnen und sah jetzt die Möglichkeit, einen alten Traum zu verwirklichen.

Oberhalb des Dörfchens, da wo früher die Grenzen des Klosterwaldes waren und die Stadtwaldungen anfingen, stand noch aus Klosterzeiten eine Art Holzhauerhütte. Der Fabrikant hatte sie mitgekauft zur Zeit, als man die Klostergüter im Badischen beinah geschenkt erhielt, und seither stand sie leer und vergessen. Nur die Gertrud war manchmal an freien Tagen hinaufgewandelt, hatte das kleine Gärtchen notdürftig vor gänzlicher Verwilderung bewahrt; Stachelbeeren, Johannisbeeren, Himbeeren wuchsen da in üppiger Fülle, hier und da eine Sonnenblume, etwas Flox, Jungfer im Grün, leuchtende Mohnblumen; die hatte die Gertrud ausgesät, den Samen hatte sie da und dort aus den Bauerngärten geholt. An den Abenden, wenn sie sich müde geschafft, hatte sie sich manchmal auf die kleine Galerie gesetzt, die an der Vorderwand des Häuschens hinlief, und hatte gar gerne in die schöne Landschaft still hinausgeblickt. Direkt unter ihr das Dörfchen mit der wuchtigen Kuppel der Klosterkirche, den spitzen Giebeln der alten Klostergebäude, den vereinzelten Holzhäusern mit den silberigen Schindeldächern, rings eingeschlossen von hochragendem Tannenwald, nach Westen die Talöffnung weit sich ausbuchtend, begrenzt in der Ferne durch die schwachen Linien der Vogesen. Jetzt, wo sie Kapitalistin war, konnte ihr stiller Traum, Herrin des Häuschens zu werden, in Erfüllung gehen, wenn die Witwe des Fabrikanten noch einmal gütig sein wollte. Sie hatte nie in ihrem Leben gebettelt, die Gertrud, und der Gang zur Fabrikantenvilla, wo die Witwe bis zur Übersiedlung nach der Stadt noch lebte, wurde ihr schwer. Aber sie war entschlossen, das ganze Legat und ihre paar Sparpfennige zu opfern, geschenkt wollte sie eigentlich nichts haben. Die Witwe redete der Gertrud zu, das Häuschen gegen einen geringen Mietzins zu beziehen, aber die Gertrud wollte Gärtchen und Häuschen zu eigen haben, und so willigte die gütige Frau denn ein, ihr den Besitz für 800 Mark zu lassen. 500 Mark zahlte die Gertrud an, 300 Mark ließ die Witwe als Hypothek gegen geringen Zins auf dem Häuschen stehen. Und so konnte die Gertrud einziehen. Eine Küche und ein großes Zimmer enthielt das Häuschen und oben zwei geräumige Bodenkammern. Gleich fing die Gertrud an zu zimmern und zu nageln und die gröbsten Reparaturen zu machen. Und dann lieh sie sich einen Karren und holte ihre Möbel vom Burgertoni ab, wo sie bis zu diesem Tage in einem kleinen Dachkämmerchen gehaust hatte.

War es nun die größere Einsamkeit, in der sie jetzt lebte, oder die herrschaftlichen Möbel, oder die Ruhe von der Fabrikarbeit, die in ihr aufweckten, was geschlummert hatte, die Gertrud, die bis jetzt in nichts sich von den andern Weibern des Dorfes unterschieden hatte, wurde „a Bsunderi“, eine die sich absondert. Zunächst fiel den Leuten auf, daß die Gertrud so sehr eifrig betete in der Kirche. Die bis jetzt immer peinlich saubere Person wurde fast verlottert und schmierig im Anzug, weil sie jeden freien Augenblick dazu verwendete, in die Kirche zu eilen und jeden überflüssigen Pfennig für Heiligenbildchen oder Traktätchen, die die Händler ins Haus brachten, ausgab. Ihr Zimmer sah bald bunt genug aus. Am Fußende des Bettes hatte sie das Myrtenkränzchen unter Glas und Rahmen aufgehängt, das sie bei ihrer ersten heiligen Kommunion getragen, darunter waren Bilder ihrer Namensheiligen und von Maria und Joseph angebracht; an der Wand, wo ihr Bett stand, hingen die vierzehn Nothelfer, alle mit ihren Marterwerkzeugen in den Händen, schön bunt gemalt. Auf dem Schreibpult lagen in ganzen Stößen die Heftchen und Aufrufe der Missionen, die sie mühselig genug durchbuchstabierte. Gerne saß sie im Sommer, wenn die Betglocke geläutet hatte, auf der Bank vor der Türe, und bald sammelten sich von den Nachbarhöfen die Bauern um sie, denen sie von den lieben Heiligen oder überhaupt so von der Weltordnung, wie ihr es aufgegangen war, erzählte. Und die Bauern, Männer und Weiber, hörten ihr gerne zu, sie wußte für alles einen Rat und für die vielen unerklärlichen Dinge, die den Bauern aufstießen, immer eine gar einleuchtende Erklärung. Besonders beredt wurde sie, wenn vom Mond die Rede war, von seinem Wechsel und seinem Einfluß auf Pflanzen, Menschen und Tiere.

„Der hät halt si ganzi Kraft vu der Sonn, un wenn er witersch fort isch vu dere, no verliert er alli sini Kräfte un schrumpft grad i, dös könne mer jo an de Pflanze grad au sehe, wenn mer dene kei Sonne zulaßt; wenn er aber wieder in d’Nähi vu der Sonn kummt, — des hän die Aschtrinome so usgrechnet, wie des kummt, daß er bald ä so, bald andersch schtoht — no wird er schtark un kann gra gar nit alli Kraft ufbruche, die er kriegt, no laßt er vu sinere Kraft i de Nächte alles zu uns abi, uf d’Pflanze bsunders, aber wenn ä Mensch in dene Zite vum Mond sich bschiene loßt, no sieht er au Sache, die er suscht mit sim eifache Verstand nie nit sehe tät, der Mond hät em vu sinere Kraft gäh.“ Aber ebenso genau und gut wußte sie auch auf dieser Erde Bescheid.

Des Stollenbauers Kuh gab seit einiger Zeit ohne ersichtlichen Grund fast keine Milch mehr, und er fragte die Gertrud, was sie davon halte. Genau ließ sie sich den Zustand des Tieres beschreiben, dann zögerte sie aber auch nicht mit ihrem Rat: „Jetzt ganget Ihr am früha Morga nach em Neumond in de Diesedobel, am Bächli dort wachst die schönscht Brunnekresse vu der ganze Gegend, do pflücket er ä Hampfle voll ab und sagt derzu schön andächtig nach em heilige Kreuzzeiche:

Heiliger Wendelin gib Kraft,

Dene Blätter gib Saft,

Daß der Kuh geht fort

Die Krankheit vom Ort,

Heiliger Wendelin steh bei,

Treibs Übel vorbei.

Des müsset’r dreimol sage, un dann machet’r wieder ’s heilige Kreuzzeiche un ganget nach Hus un gebet a Hampfle voll der Kuh uf einmol ins Mul. Ihr weret säh, am Obig ischt d’Kuh gsund.“

Der Erfolg, den Gertrud mit diesen und ähnlichen Ratschlägen hatte, stachelte sie an, und sie verlegte sich aufs Studieren. Die Sympathie durchzustudieren, war nun ihr Ziel. Sie steckte Heiligenbilder und Traktätlein in ihre Tasche und wanderte von Bauernhof zu Bauernhof. Überall ein gerngesehener Gast, da sie für ihre Ratschläge nie Geld nahm, und in Eiern und Chriesewasser zahlt der Bauer im Schwarzwald immer gern ohne zu rechnen. Wo sie nun einen alten Kalender oder gar ein Sympathiebuch aus Großvaters Zeiten vorfand, da versuchte sie einen kleinen Tauschhandel. Gegen ihre bunten Heiligenbilder oder löschpapiernen Heiligengeschichten handelte sie die alten Schmöker ein. Stieß sie doch mal auf Widerstand, so „verdlehnte“ sie doch wenigstens das Buch zum Durchstudieren. Großen Wert legte sie scheinbar gar nicht auf die alten „Fetze“. „Wissen ’r,“ pflegte sie zu sagen, „wenn mer halt au gar so allei z’ Hus hockt am ä Obig, no ka mer halt au nit immer de Rosekranz bette, no liest mer halt menchmol gern so Gschichtli.“ Und meistens erreichte sie ihren Willen, und verstohlen schmunzelnd schob sie die alten Bücher in ihre tiefe Tasche. Zu Hause versenkte sie sich dann in die Weisheit der alten Kalender, besonders die astronomischen Tafeln versuchte sie mit heißem Eifer sich anschaulich zu machen. So eifrig war ihr Studium, daß die Kirchgänge bald anfingen darunter zu leiden. Werktags wurde sie überhaupt nicht mehr in der Kirche gesehen. Am Fenster ihrer Stube saß sie im Winter, im Sommer unter dem Holunderbaum ihres Gärtchens auf einer Bank, die der Burgertoni ihr gezimmert hatte, als Dank für Befreiung von Zahnschmerzen durch ihre Sprüchlein. Immer strickend und lesend; nur wenn das Studieren ganz besonders schwierig wurde, ruhten die Nadeln; dann kraute sie sich wohl minutenlang mit der kühlen Stahlnadel die immer noch starken Haare an der Schläfe und las immer wieder mühsam und langsam die gar so schweren Worte. Aber einen Sinn fand sie immer heraus, und oft verblüffte sie dann am Abend die Bauern auf der Hausbank mit ihrer neuen Weltanschauung. Aber das Studium war schwer, immer mehr Zeit brauchte sie, und in ihrem Eifer saß sie bald auch an Sonn- und Feiertagen hinter ihren Kalendern und Sympathiebüchern und versäumte Messe und Predigt.

Drei, vier Wochen sah der Pfarrer geduldig zu. Aber dann, als er sie einmal abends eifrig disputierend auf der Hausbank sitzend traf, blieb er einen Moment stehen, nicht ohne Erstaunen über die Gesellschaft, die um das alte Weiblein versammelt war. Seine besten Bauern saßen und standen um sie herum. Er fand die Gelegenheit gerade günstig, ein Wörtlein mit seinem saumseligen Schäflein zu reden. „No,“ meinte er nach dem üblichen Gruß, „ich hab gmeint, die Gertrud wär krank, weil sie gar nicht mehr in die Kirch kommt.“ Aber der Gertrud paßte die Vermahnung vor all den Zuhörern gar nicht, nur alter Respekt band ihr die Zunge. „’s zieht au so fürchterli in der Kirche,“ murmelte sie, „i han halt s’ Riße in de Glieder.“ Der Pfarrer hatte eine Entschuldigung oder Erklärung erwartet, die gegebene klang doch gar zu sehr nach Lüge. „Ich mein doch,“ hub er deshalb noch einmal an, „Eurem Reißen tät die Kirch besser als das Herumlaufen zu Nacht in den Wäldern.“ Das hatte die Gertrud wirklich öfters in letzter Zeit in mondhellen Nächten getan. Sie wollte die „Kraft vom Mond“ in sich aufnehmen, und auch allerlei Kräuter sammelte sie, und Rezepte aus ihren Sympathiebüchern probierte sie aus dabei. Die Pfarrköchin hatte das dem Pfarrer erzählt. Nun wurde aber die Gertrud zornig, der Pfarrer brauchte ihr keine Vorwürfe zu machen. Resolut hob sie den Kopf und sah dem Geistlichen scharf in die Augen: „Was i scho lang hab frage wolle, Herr Pfarrer,“ sagte sie laut, „hän die Lüt uf dene andere Schterner au sonigi Kirche — und so Pfarrer?“ setzte sie in ihrem Ärger halb für sich noch zu. Dem Pfarrer gab’s einen kleinen Ruck, und die Bauern sahen sich mit eingekniffenen Augen an, nur einander, beileibe nicht den Pfarrer. Einer stellte sich breitbeinig, die Hände in den Hosentaschen, einen Schritt aus dem Kreis heraus, einer spuckte aus und zertrat die Sache mit großer Sorgfalt im Grund. Stolz auf die Gertrud lag in der Luft und gespannte Erwartung auf des Pfarrers Antwort. Der kannte seine Leute wohl, aber er sah doch nicht ein, wieviel von seiner Antwort abhing; er dachte nicht, wie oft die Gertrud schon unentgeltlich in Viehstall und Familie geholfen hatte, wo er und seine Gebete versagt hatten. Es schoß ihm durch den Kopf, daß er in eine seiner nächsten Predigten wohl einmal über diese neuen Theorien ein paar Sätze einflechten könne, aber laut sagte er nur: „Aber Gertrud, wo habt Ihr denn den Blödsinn aufgeschnappt. Bewohnte Sterne! Und gar schon viele! Davon versteht Ihr nun wirklich nichts, sonst müßtet Ihr wissen, daß kein Himmelskörper, außer unserer Erde, die physikalischen Bedingungen erfüllt, die es Menschen ermöglichten, darauf zu leben. Der Mond ist wie ein ausgebrannter Krater, und viele andere Sterne sind in halbflüssig feurigem Zustande. Nein, nein,“ unterbrach er sich, „schlagt Euch das aus dem Kopf, das ist dummes Zeug. Kommt fleißig in die Kirche und betet, das ist besser für Euch.“ Er rührte an den Hutrand und ging mit einem „Gutnacht miteinander“ weiter. Ein paar gemurmelte „Gelobt sei Jesus Christus!“ und „Gutnacht au Herr Pfarrer!“ folgten ihm nach. Dann setzte aber sofort wieder die Stimme der Gertrud ein: „So meinet ’r i wär jetz ufs Mul gschlage, meinet ’r des wär a Antwort gsi? Blödsinn aufgschnappt? Jo weggerle, e schöner Blödsinn. I han’s glese in äme Buch, ä langi Gschicht vu nem Professor gschriebe, die sin halt doch noch andersch glehrt als unser Pfarrer; der saits und bewist’s, ä Kuh könnt’s verschtoh, daß uf em Mars, wisse ner, des isch der Schtern, der als am Obig gege d’Rhinebene zu so rot ufblitzet, jo der isch bewohnt, un mit große Lichter hen d’Lüt dort uns scho Zeiche gä, durch d’Ferngläser hät mer’s gsähe. Sie wisset nur no nit recht, die Professore, wie mer soll än Antwort gä. Große Lichter hän sie au scho anzunde, aber’s schint, sie sin nit hell gnua. Jo, un jetz hän ’r ghört, was der Pfarrer gsait hät: In halbflüssig feurigem Zuschtand wäre die Schtern! Jetz denket doch au nur selber, wenn des wohr wär, no täte se jo doch runtertroppe. Hänget Sie doch ämol ä Honigkugle an der Himmel ufi, Herr Pfarrer!“ Ein beifälliges Murmeln erhob sich. Der Stollenbauer sagte: „Ihr hän bigelt ä dundersgschite Kopf, Gertrude.“ Aber der bedächtigere Burgersepp meinte doch: „Aber der Pfarrer hät doch die Sach au schtudiert.“ Die Gertrud war aber mutig heute, und angefeuert von der Anerkennung des angesehenen Stollenbauers trumpfte sie nun auf: „Wissener, im Vertrauen gsait, die Pfarrer schtudiere halt doch nit so älles, die hän d’Bibel immer vor der Nase, und do schtohn doch au gar bsunderi Sache drin ...“ Sie merkte die Mißbilligung dieser ihrer Behauptung, aber nun war sie im Zug: „Im Vertraue gsait, wissener, so um Wihnächte rum hät der Pfarrer ämol uf der Kanzel so ä Schtückle us der Bibel verzellt vom Josua, uf dem sei Gebet d’Sonne schtillgschtande isch; wissener ’s no?“ „He jo“, murmelten die Zuhörer. „No also,“ fuhr die Gertrud fort, „do driber han i mänchi schloflosi Nacht nachsinniert. ’s klingt au gar so gwaltig, aber wenn i mers so recht eindringli vorgschtellt hab, no isch mer’s immer mehr wie ä Lug vorkomme, akkurat so wie uf em Jahrmärkt der Mann mit em Kitt immer schreit: Wenn ihr eure zerbrochene Häfe mit dem Kitt leimt, so kann ein Riese sie nit mehr auseinanderbreche. Un wenn mer denn so ä Fläschle voll nach Hus nimmt un ä zerbrochene Vase mit kittet, no hängt’s z’samme wie ä liderliche Noht. Ma ka höchschtens no trockeni Blume in d’Vase neischtelle.“ „He aber au Gertrude, wie schwätze ner denn au,“ tadelte der Burgersepp wieder, „unser Herrgott kann doch ä Wunder tue.“ Die Gertrud gab keine Antwort. Nach einer kleinen Weile sagte sie: „Hän Ihr schon emol in äre Uhr ei Rädle aghalte, ei einzigs? Was meint ’r, goht d’Uhr dann no witers? Oder schtoht alles schtill, ’s ganz Werk? Un i mein alls, d’Sonn wär au so ä Rädli“, schloß sie nachdenklich. „Aber jetz isch gnua dischputiert,“ setzte sie hinzu und stand auf; „’s isch schpot. Gutnacht mitenander, än andersmal wieder.“

Sie zog sich in ihr Zimmer zurück, das jetzt ein ganz anderes Aussehen hatte, als in den ersten Monaten ihres Darinhausens. Die Heiligenbilder waren von den Wänden verschwunden, nur ein Marienbild und die heilige Gertrud hingen noch über dem Myrtenkränzchen. Statt dessen waren die Wände voller astronomischer Karten, ausgeschnitten aus Kalendern, schön säuberlich auf Pappe aufgezogen. Aus einem neueren Kalender hatte sie sogar eine der Schiaparellischen Marskarten mit den Kanälen ausgeschnitten und, mit den Köpfen von Schiaparelli und Flammarion auf einem Blatt vereinigt, in einen der Rahmen eingefügt, die früher ein Heiligenbild enthielten. An der Kaminwand hingen Dutzende von Kräuterbündeln, in den Fensterchen nach Osten standen Medizinflaschen, worin Kräuter, einzelne Tiere, besonders Spinnen, auch eine Eidechse, im Spiritus unter dem Einfluß der Sonne „ihren Geist“ einfangen lassen sollten. Und das Schreibpult lag nicht mehr voller Traktätlein und Heiligenlegenden, sondern Kalender und altaussehende dicke Bücher waren da aufgehäuft und eine Unzahl von Steinen, die wohl wegen des Katzengolds, das sie enthielten, gesammelt zu sein schienen.

Die Gertrud war sehr eifrig, als sie in ihr Zimmer gekommen war. Heute hatte sie noch einen großen Hauptschlag vor. ’s Annemai, die arme Witwe eines Holzhauers, war von einer Mücke gestochen worden, der Arm angeschwollen, eine böse Blutvergiftung war in dem entkräfteten Körper ausgebrochen, und morgen in der Frühe sollte sie in die Klinik geholt werden, man wollte ihr den Arm abnehmen. Und ’s Annemai hatte gar nicht an ihre Schmerzen gedacht, nur immer an ihre drei kleinen Kinder, und hatte gejammert und sich gewehrt; nur nicht den Arm ihr abnehmen, lieber wolle sie sterben, dann kämen die Kinder doch ins Waisenhaus, aber wenn sie, die Mutter, am Leben und nur noch den linken Arm habe, wie solle sie dann die Kinder ernähren; jetzt mit ihren fleißigen zwei Armen könne sie nur grad ’s trockene Brot und Kartoffeln aufbringen. Und Bettelleute wollten sie nicht werden. Die Gertrud hatte von dem Jammern der Annemai ganz das Herz schwer, und schließlich schlich sie sich heimlich zu ihr. „Annemai, wenn Ihr den Glaube an mich hän, könnt i Euch scho helfe; aber bschraue darf’s nit werde. Wenn Ihr niemand was verzehle wollt, no komm i in der Nacht un kurier Euch.“ ’s Annemai griff mit Jubel zu. „Jo Gertrude, Ihr könnt mir sicher andersch helfe als die Professore. Nei, gwiß sag i niemend nix, kommet jo au gwiß un vergelt’s Gott tusigmol.“ Und die Gertrud war nach Hause geeilt und hatte gekocht und geprozelt und unter ihren Kräutern gewählt und immer wieder in dem Buch nachgesehen, wo das unfehlbare Rezept stand: gegen verdorbene Säfte und bösartige Geschwülste. Und jetzt war der Kräutersaft fertig und ausgekühlt. Sie steckte das Fläschchen zu sich, wählte noch einige Farrenkräuter aus einem Bündel, und mit dem Buch zusammen steckte sie alles in ihre Tasche. Nun noch in den Wald an eine feuchte Stelle, die sie kannte, wo die großen Huflattichblätter wuchsen. Drei große Blätter wählte sie aus. Kein Insektenstich durfte daran sein, und lange mußte sie suchen, bis sie ganz tadellose Exemplare fand. Jedes einzelne leuchtete sie genau mit ihrer kleinen Laterne ab, und feierlich murmelte sie beim Pflücken:

„Huflattich du kalter,

Du Hitzezerspalter,

Üb’ deine Kraft,

Halt’ deinen Saft

Zur Kühlung der Wunde,

Daß ’s Annemai gesunde.“

Dann löschte sie ihr Laternchen, denn sie wollte nicht gesehen werden, und eilte zur Wohnung der Annemai. Beim Eintritt in deren Kammer legte sie den Finger auf den Mund, gesprochen durfte jetzt nicht werden. Rasch löste sie den Umschlag, der auf dem kranken Arm befestigt war. Drei Kreuzzeichen machte sie über sich, drei über den kranken Arm der Annemai, dann rieb sie den dunkelgrünen, zähflüssigen Kräutersaft auf den geschwollenen Arm und sprach:

„Sieben Kräuter,

Sieben Schmerzen,

Maria hilf.

Bilsenkraut und Erdbeerblüten,

Müßt des Herzens Schlagen hüten.

Knabenkraut und Eisenhut

Schüttet Kraft ins kranke Blut.

Holderblüt und Minzekraus

Treibt das Fieber mir hinaus.

Mit Johanniskraut so lind

Hilf Maria deinem Kind.

Sieben Kräuter,

Sieben Schmerzen,

Maria hilf.“

Dann legte sie kreuzweise um den Arm zwei Huflattichblätter und band sie mit einem weißen Faden fest. Das dritte Blatt legte sie der Kranken aufs Herz. Nun holte sie noch aus der Tasche die Farrenkrautblätter und schob sie unter das Kopfkissen mit dem gemurmelten Spruch:

„Farrenkraut den Schlaf dir schafft

Durch des Schlangensamen Kraft.

Wenn Schlangenmutter dich bewacht,

Hat kein böser Dämon Macht.“

Nun hat sie das Ihre getan. „So Annemai,“ meint sie nun in ihrem gewöhnlichen Ton, „jetz müsset ’r schlofe. Schlofe!“ wiederholt sie noch einmal nachdrücklich, und die erschöpfte Frau, die mit ängstlicher Spannung den geheimnisvollen Worten und Manipulationen gefolgt war, schloß auch willig die Augen und versank in ein dämmerndes Schlummern.

Die Gertrud saß Stunde um Stunde am Fensterchen der engen Stube und lauschte den immer ruhiger werdenden Atemzügen ihrer Patientin. Mit dem ersten Hahnenschrei wachte das älteste, siebenjährige Mädele, ’s Liesele, auf und sah mit Angst nach der Mutter hinüber. Bis jetzt hatten die drei Kinder eng gekauert in ihrem kleinen Bettchen am Ofenwinkel geschlafen; nun wurden sie unruhig. Die Gertrud schlich sich leise zu ihnen hin und redete dem Liesele zu: „Ihr müsset ganz schtill si, d’Mutter derf nit ufwache. Lieget ganz schtill un bettet au für d’Mutter.“ Und die verängstigten Kinder lagen mäuschenstill in dem Bettchen, falteten die Händchen und flüsterten leise, leise ihre kleinen Gebetchen, bis sie wieder einschliefen. Die Gertrud saß wie aus Holz geschnitzt am Fenster und sah dem lichter werdenden Himmel entgegen. Um fünf Uhr wurde es lebhaft im Häuschen. Die Bäuerin, bei der ’s Annemai zur Miete wohnte, rumorte im Stall, die Kühe brüllten, nun ließen sich auch die Kinder nicht mehr halten. Das Kleinste weinte, und die Kranke wachte auf. Und die Gertrud sprang geschäftig hin und her, die Kinder anziehen, die Milch wärmen, das Zimmerchen herrichten; flink ging ihr alles von der Hand. Dann erst nahm sie vorsichtig die Huflattichblätter vom Arm. Sie hätte beinah geheult vor Rührung, als sie sah, daß die Röte am Arm wirklich etwas geschwunden war und die Haut sich auch gar nicht mehr so prall und heiß anfühlte. „I mein alls,“ sagte sie bedächtig, „Ihr bruchet nit in d’Schtadt. D’Gschwulscht isch scho e weng ufgsoge. Wenn Ihr mir glaubet, no trinket Ihr jetz no ä Holdertee un derno schwitzener, un morge schtohn Ihr gsund uf.“ ’s Annemai hatte die Augen voll Tränen: „Jo, Gertrude, vergelt’s Euch Gott, i tua, was Ihr saget, i gschpür selber, daß es mir besser goht. Ihr hän meine Kinderle d’Mutter grettet, durchs Feuer ganget i für Euch.“ Die Gertrud war geschäftig fortgeeilt, um Tee zu kochen, und was an Federbetten aufzutreiben war, das wurde dann aufgetürmt über die geduldige Annemai. Nun dauerte es nicht mehr lang und man hörte Wagengerassel draußen. Dann ein energisches Klopfen an der Tür, und ein Krankenwärter mit einer Schwester traten herein. „Die Frau Annemaria Kohler sollen wir holen. Sind wir hier recht?“ fragte die Schwester. „Sell schon,“ antwortete Gertrud, „die Frau Annemaria Kohler tät schon hier wohne, aber hole, sell bruchen ’r nit.“ Die Schwester sah auf. „Gestorben?“ fragte sie leise. „Nei, sell nit,“ meinte wieder die Gertrud, die breitspurig den Eingang ins Zimmer versperrte, „aber gsund isch sie oder wird sie, in d’Klinik brucht sie nit un will sie nit.“ Die Schwester sah den Wärter an, der Wärter die Schwester. „Wir haben den Auftrag und — ja, gute Frau, was wissen Sie denn, ob die Frau gsund ist“, meinte die Schwester. „Weil i nit blind bin, do drum weiß i’s,“ entgegnete grob die Gertrud, „un zwinge könnet Ihr die Frau nit un sie will nit in d’Klinik. Annemai,“ rief sie mit lauter Stimme, ohne sich von der Tür verdrängen zu lassen, „saget’s au selber, daß Ihr dobliebe wollet.“ „I dank au für d’Müh,“ kam die schwache Stimme aus den Federbetten, „aber gwiß nit will i do furt, nit in d’Klinik“, steigerte sie sich voller Angst. „Aber Frau Kohler,“ rief nun die Schwester, die absolut nicht an der stämmigen Gertrud vorbeikam, „überlegen Sie sich’s doch, Sie wollen doch gesund werden! Das können Sie doch nur bei uns in der Klinik.“ „Nei,“ schrie die Kranke, „nei, i laß mer der Arm nit abschnide, lieber will i schterbe, aber mit meine beide Ärm. Wenn i schterbe soll, mit meine beide Ärm, no kann i doch d’Mutter Gottes mit beide Ärm anflehe, daß sie mir meine Kindli bschützt. Nei, i gang nit. Un wenn’s Gotts Wille isch, no werd i au do gsund. Un dobliebe will i, dobliebe“, jammerte sie still für sich weiter. Die Gertrud griff die Schwester fest am Arm: „Kommet usi in de Gang, i will Euch was sage, Schwester,“ flüsterte sie rasch; und als sie Schwester und Wärter draußen hatte, und die Tür hinter ihr einschnappte, sagte sie: „Jetz fahret nur mitenander wieder in d’Schtadt un saget dene Herre vergelt’s Gott, un i sag Euch au für’s Annemai vergelt’s Gott, aber mitgoh tut sie nit, sie will nit und i lids nit. Un i weiß, morge isch sie gsund un hät ihre Ärm, un doderzue brauche mer keine gschtudierte Herre. Mit Gwalt kenne ner sie nit fortführe, un gutwillig goht sie nit.“ Nach einigem Zögern und Reden fuhren die beiden denn auch wieder zurück, und die Gertrud sah ihnen vom Trippel des Hauses sehr befriedigt nach. Und dann eilte sie zur Kranken zurück, ermahnte sie zur Ruhe und predigte dem Liesele, sie solle ja keinen Menschen ins Zimmer lassen: „Wenn einer nit höre will un doch in d’Schtube will, no schrausch, daß i’s im Wald obe hör, i gang nit wit weg, i hol nur drei neue Huflattichblätter, die kühlet no gar de Brand usi.“ Und eilig wuschelte sie fort. Als sie nach einer knappen Viertelstunde zurückkam, stand der Pfarrer aufgeregt schimpfend im Zimmer, dem hatte das Liesele doch nicht den Eintritt zu weigern gewagt. Auch zu schreien nach der Gertrud wäre ihr als Sünde erschienen. Die Ehre! Kaum war die Gertrud im Zimmer, drehte sich der Pfarrer scharf nach ihr um: „Da wäret Ihr ja,“ polterte er sie an, „höret emal Gertrude, jetzt hab ich Eure Narrenspossen aber satt, das geht denn doch zu weit. Was fällt Euch denn ein, die Frau da ohne Hilfe sterben zu lassen, eigenmächtig die Leute aus der Klinik fortzuschicken?“ Der Pfarrer schöpfte Luft, und die Gertrud fiel ihm schnell ins Wort: „I mein alls, Herr Pfarrer, vor Ihr so schimpfet, guckener Euch ’s Annemai erscht emol a. Gsund wird sie, un ihr Arm behaltet sie un ....“ „Unsinn,“ wehrte der Pfarrer ihr eifriges Reden ab, „Ihr meint, Ihr wärt der einzig gscheite Mensch auf der Welt, so scheint mir. Macht meinetwegen Eure Teufelskuren bei den Kühen und Schweinen der Bauern; wenn die so dumm sind, ist das ihre Sache, aber von Menschen habt Ihr Eure Finger zu lassen. Seid froh, wenn ich Euch nicht anzeige, ins Zuchthaus könntet Ihr kommen. Und wie Ihr das Menschenleben, das Ihr da in Lebensgefahr gebracht, vor dem lieben Gott verantworten wollt, das weiß ich nicht. Ich hab den Löwenwirt gebeten, den Wagen anzuspannen, er wird bald hier sein, und daß Ihr mir dann nicht wieder Geschichten macht, das rat ich Euch, sonst bekommt Ihr’s mit mir zu tun.“ „Liesele,“ wandte sich die Gertrud an das Mädele, „geh, lauf zum Löwewirt, was de laufe kahsch, wenn de dei Mutter lieb häsch, un sag em, ’s brucht de Wage nit, der Herr Pfarrer heb sich g’irrt.“ Und sie schob das zögernde Kind mit einem harten: „Lauf, oder wilsch, daß dei Mutter uf der Gottesacker kommt?“ zur Tür hinaus. Dem Pfarrer hatte es die Sprache verschlagen. Jetzt wetterte er los: „Ins Zuchthaus kommet Ihr. Meint Ihr, so kann man mit Menschenleben umspringen und mit Eurer geistlichen Obrigkeit? Meint Ihr, Ihr könnt mit Euren Hexenkünsten das ganze Dorf rebellisch machen? Ich hab den Geist des Aufruhrs schon an allen Ecken bemerkt, das geht von Euch aus. Meint Ihr ich sei blind? Aber das Handwerk soll Euch gelegt werden, Ihr Hexe Ihr. Ins Zuchthaus mit solchem Gesindel wie Ihr.“ „I han Euch rede lo, Herr Pfarrer,“ sagte die Gertrud nun sehr ruhig; „aber ’s wird Euch g’raue, was Ihr gsagt hän. Im Beichtschtuhl könnet Ihr mir meintswege der Marsch mache, wenn i zu Euch kumm no mol, aber hier hän Ihr kei Recht uf mi z’schimpfe, hier in dere Schtube han i mehr Recht als Ihr. I han im Annemai gholfe, un mit Gotts Hilf han i ner gholfe, un nit mit Hexekünschte. Un des isch Husfriedensbruch un Beleidigung, soviel weiß i au no vom Recht. Un wenn’s druf akummt, mein i alls, Ihr hänt Dreck am Schtecke un nit i. Un i mein alls, Ihr hänt hier nix verlore. ’s Annemai hät nit nach Euch verlangt, un händle am e Krankebett tu i nit.“ Sie machte dem Pfarrer höflich die Tür auf und stand wartend da. Der hob drohend die Faust. „Ich gehe, ich gehe Euerm ungewaschenen Mundwerk aus dem Weg, aber das sollt Ihr mir büßen.“ Und ohne einen Blick nach der Kranken, ohne einen Gruß ging er.

Als wäre nichts geschehen, wickelte die Gertrud der Kranken die neuen Huflattichblätter um den Arm, legte das dritte ihr aufs Herz und beruhigte die leise Jammernde: „Schauet nur, d’Gschwulscht isch scho fascht völlig gschwunde, i sag Euch, morge seid Ihr gsund.“ Und die Kranke fühlte selber, wie sehr der Arm besser geworden war, und lag schließlich mit glücklichen Tränen in den Augen beruhigt unter ihren Federbetten.

Am Nachmittag kam der Doktor aus der Stadt, und wenn er auch wetterte und fluchte auf die Altweiberwirtschaft, er mußte doch zugeben, daß jede Gefahr für die Kranke vorüber war. Er zuckte die Achseln, sprach von Selbsthilfe der Natur und verließ kopfschüttelnd die Stube. Draußen fing ihn die Bauersfrau auf und erzählte ihm, was die Gertrud gewagt hatte, denn sie hatte natürlich an der Türe gehorcht bei dem Disput mit dem Geistlichen. Der Arzt hörte ihr zuerst etwas ungeduldig zu, dann aber lachte er doch laut auf, als die Bäuerin die resoluten Worte der Gertrud wiedergab, und er klinkte die Tür noch einmal auf und rief fröhlich der Annemai zu: „Ich laß auch die Gertrud schön grüßen.“ Und immer noch lachend sprang er die Treppe hinunter in seinen Wagen und fuhr davon.

Als ’s Annemai am dritten Abend richtig bei der Gertrud auf der Bank saß, da hätte die Gertrud nicht mit einer Königin getauscht. Die Bauern machten nicht viel Worte, aber sie wußte, sie war die Erste im Dorf jetzt, und ohne ihren Rat und ihre Hilfe geschah nichts mehr, und wenn einer den Pfarrer erwähnte oder ängstlich fragte: „Wird er wirklich d’Gertrude verklage?“, dann sagte sie nur mild: „Der arm Tschole.“ Und bei den Bauern, die von Anfang an zu ihr gehalten hatten, fügte sie wohl noch hinzu: „Es wundert mi eigentli doch, daß Ihr Euch so ä bschränkte Mensch als Pfarrer gfalle losset. ’s Dorf hätt au ä anders Ansehe, wenn mer e weng ä gschitere Herr hätte.“

Der Pfarrer, der ein etwas cholerischer Mann war, sonst aber gern seine Ruhe hatte, unternahm nichts gegen die Gertrud, was die natürlich auf ihre Weise den Bauern ausdeutete: „Gellener,“ sagte sie, „der hüt sich, er hät Angscht.“ Die Bauern glaubten’s gern, und der Pfarrer hatte nur noch wenig Anhänger im Dorf. Denn wenn sie auch alle einen großen Respekt vor Gertruds Weisheit hatten, daß der Pfarrer sich auch vor der Gertrud zu fürchten schien, das schadete seinem Ansehen doch sehr. Und die Gertrud herrschte immer unumschränkter im Dorf, die Kirche wurde immer leerer, und selbst die Feldprozessionen, die sonst immer mit großem Zulaufe abgehalten worden waren, waren dieses Jahr armselig: ein paar Kinder, die von Zwangs wegen mitmußten und ein paar alte Männlein und Weiblein. Die Bauern erwarteten viel mehr vom Spruch der Gertrud, die auf Bitten hin gerne in Mondscheinnächten über die Felder ging und den Bauern volle Scheunen herabzog mit dem kräftigen Mondsprüchlein, das da heißt:

„Mondsichel steige,

Belade die Zweige

Mit quellender Frucht.

Wenn du rundest dich wieder,

So falle hernieder

Der silberne Tau

Auf die blühende Au.

Bis im Dunkeln du ruhst,

Behüte den Blust.“

Im Dorfe gärte es immer mehr, und die Gertrud triumphierte immer bescheidener. Der Pfarrer, dem die gute, bequeme Pfründe ans Herz gewachsen war, wetterte gelegentlich von der Kanzel, aber wenn er seinem Zorn wieder Luft gemacht hatte, dann ließ er seine rebellische Gemeinde laufen, wie sie wollte. Aber der Pfarrköchin, der Fräulein Martha, der brach’s schier das Herz, daß ihr Herr so wenig Macht und Ansehen mehr hatte; man kam ja kaum mehr zu ihr ins Pfarrhaus um Rat und Hilfe zu bitten, was hatte sie denn jetzt von ihrem Pfarrköchinnentum. Jede simple Bauersfrau hatte genau soviel Einfluß wie sie, und da war nur diese gottlose Schwäche ihres Herrn daran schuld. Das wollte ein Diener der heiligen Kirche sein! Sie, die einfache, bescheidene Pfarrköchin, sie wußte besser, was der liebe Gott und die heilige Kirche verlangten. Nicht umsonst sollte sie der Bischof bei der heiligen Firmelung zum Streiter Gottes geweiht haben; wenn ihr Herr das vergessen konnte, dann mußte sie eben kämpfen. Das war sie unserer lieben Mutter, der Kirche schuldig. Soviel war ihr in diesen Wochen der Vernachlässigung klar geworden. Nun hieß es zunächst, unauffällig sich dem Feinde nähern und dessen Position kennen lernen. Dann würde ein Feldzugsplan ihr schon klar werden. Sie wollte sich krank stellen und scheinbar um Hilfe bitten; irgend eine Blöße, wo sie angreifen konnte, würde die Gertrud ihr dann schon bieten.

So ging sie denn mutig an einem hellen Nachmittag zur Gertrud ins Häuschen. Sie begrüßten sich ein wenig feierlich, die entthronte Fürstin und die regierende Fürstin, sie reichten sich die Hände, und die Gertrud schob dem Gast den geerbten Lehnsessel hin und setzte sich erst auf einen Holzstuhl, als die Fräulein Martha wohl plaziert war. Dann wartete sie auf die Eröffnung des Kampfes; denn daß es sich darum handelte, war ihr schon gleich klar geworden, als sie die Pfarrköchin auf ihr Häuschen zukommen sah.

„Behaglich und gar still habt Ihr’s aber hier,“ eröffnete Fräulein Martha das Gespräch, „wer doch auch so in beschaulicher Ruhe leben könnte.“ Die Gertrud verzog keine Miene. „Jo, i bin scho z’friede,“ hielt sie für eine genügende Antwort. „Ich wär schon lang gern komme, Euch in Euerm neue Häusle zu besuche, aber Ihr wißt ja, unsereins, man ist halt nicht sein eigener Herr.“ „He jo frili,“ schaltete die Gertrud ein. Fräulein Martha unterdrückte einen ungeduldigen Seufzer. So kam sie nicht vorwärts. Sie gab sich einen Stoß und meinte: „Ihr werdet lache und denke, so sind die Mensche, und Ihr habt eigentli recht, wenn ihr schimpfet: erst die Not treibt mich zu Euch.“ „He des wär,“ nahm die Gertrud teil. „Ja,“ beteuerte Fräulein Martha, „i weiß mer nimmer z’helfe, und Ihr wißt ja: wenn die Not am höchsten, ist die Hilfe am nächsten, das kann man hier wohl sagen. Ihr seid mir eingefallen in meiner Not, i kenn ja Euer gscheite Kopf von früher her, und da hab i mir denkt, wenn einer helfe ka, wenn’s Gotts Wille isch, dann isch es die Gertrud.“ Wenn das Fräulein Martha in Eifer kam, vergaß sie manchmal ihr Hochdeutsch, und sprach gut Rupertsweilerisch. „Ja, aber des wär,“ meinte wieder die Gertrud, „was könnt denn ’s Fraile Martha drucke, wo sie doch die bescht Hilf im Hus hät; un wenn einer e gute Rat brucht hät, no hät er doch nur zum Fraile Martha z’goh g’het, un g’holfe war em.“ Fräulein Martha schluckte etwas an dieser Vergangenheit in Gertruds Satz; aber Gertruds Ernst und das Geheimnisvolle im Häuschen, der starke Duft der Kräuter, die Tiere in den Spiritusflaschen, die merkwürdigen Zeichnungen an den Wänden, all das fing an, auf Fräulein Martha zu wirken. Gertrud erschien ihr stark, wie noch nie, als die Mächtige, in deren Händen wirklich das Wohl und Wehe des Dörfleins ruhte. Das ward ihr klar, mit List war da nichts zu erreichen. Helfen konnte die Gertrud, das fühlte sie, aber nur wenn sie gerne helfen wollte. Und so verwarf sie mit einem Ruck ihren ganzen vorsichtigen Plan, sie fühlte sich zu unsicher, und die abwartende Ruhe der Gertrud brachte sie ganz aus der Fassung. Wirkliche Tränen kamen ihr in die Augen, und sie ergriff Gertruds Hand und bat: „Gertrude, helfet us.“ Gertrud horchte auf, das klang ehrlich. „Gertrude,“ begann die Pfarrköchin noch einmal, „schau, Ihr seid doch so e gscheite Person, Ihr mißt doch des selber isehe, des kann kei guets End nehme. Der Pfarrer im Ort darf doch nit alle Reschpekt verliere; wenn seine Pfarrkinder lache über de Pfarrer, no isch’s us, und er ka nimmi zu Gottes Ehre wirke in sim Dorf. Un entweder die Lüt verkomme grad im Dreck un Elend, oder er muß halt go. Un schau, Gertrude, wenn unser Herr fortgeht, was hän Ihr denn eigentli gwonne? Es kummt jo nur ä anderer, un ob ä bessere, des wisse mer au nit. Un Ihr seid doch immer fromm gwese, un habt doch sicher nix gege unsere heilige Kirche. Denket au, wenn’s emol ans Schterbe got, ’s schtirbt sich doch au viel lichter, wenn mer sei Pfarrer bei sich hät, bei dem mer sei erschte heilige Kommunion gnomme hät, der eim au kennt. Ihr könntet unserm Herr sei Ansehe wiedergebe, wenn Ihr nur wolltet. Gellener Gertrud, Ihr helfet?“ Die Gertrud hatte die ganze Rede mit unbeweglichem Gesicht über sich ergehen lassen. Nun stand sie auf und ging, an ihrem Pult ein Buch langen. Sie fürchtete, der Schalk in ihrem Auge könnte sie verraten. Ihr kam die Bitte der Pfarrköchin gar nicht so ungelegen. Sie hatte sich selber schon gefragt, wozu das alles führen sollte. Ihr wuchs die Bewegung über den Kopf. Sie wollte den Pfarrer ja eigentlich gar nicht aus dem Dorf forthaben. Sie hatte nur den Weg nicht gefunden, mit Anstand zurückzugehen. Den bot ihr nun die Pfarrköchin, und sie stand noch groß da als Helferin und großmütige Feindin. Und einen kleinen Schabernack wollte sie dem Pfarrer schon noch antun. Als sie ihre Miene wieder in der Gewalt hatte, kam sie zu der in ängstlicher Atemlosigkeit harrenden Pfarrköchin zurück. „Fraile Martha, i will Euch was sage. Des was Ihr mir do verzählt, des han i mer alles scho lang gsait. I hät scho lang gern e Sympathiemittel angwendet, um unsere Herr wieder wohlan si zlasse bei de Bure, aber i ka’s nit allei mache. Un daß Ihr zu mir komme sin, des isch grad e Fügung Gottes. Aber —“ und sie zögerte lange — „aber, aber i sag Euch glei, Fraile Martha, ’s isch e schweri Sach un ob Ihr’s werdet durchführe könne —?“ Die Fräulein Martha fuhr eifrig auf: „’s mag si was es will, i werd ’s scho mache.“ „Wenns nämli nit ganz gnau durchgführt wird,“ meinte die Gertrud eindringlich, „no bfallet den Betreffende, für den mer’s tut, böse Schmerze, un d’Sach schtoht schlechter als vorher. ’s erscht wär licht. Ihr müsset nur von der Kirche, vom Schulhus, vom Rathus un von de angsehnschte Burehüser ä Schnipfeli Holz abschnide. Sell könnet er licht so nach un nach mache.“ „Ja natürlich,“ nickte die Fräulein Martha voller Spannung. „Wenn Ihr denn alle bienander hänt,“ fuhr die Gertrud fort, „no müssener domit in der Fruah ’s Herdfüer azünde un im Pfarrer druf si Kaffee koche, ’s derf aber niemed suscht vu dem Kaffee trinke. Un e weng vom Wasser hebener uf un traget’s unbschraue in d’Kirche un schüttet’s ins Wihwasser.“ „Ja, ja, das will ich schon gewissenhaft ausführe“, sagte zögernd das Fräulein Martha. „Jo weggerle, wenn Ihr jetzt scho zappelt,“ meinte schmunzelnd die Gertrud, „des isch’s Lichtescht an dere Sach. Also höret: Drei Nächt lang, bschtimmti Nächt, wenn Vollmond isch, muß der Pfarrer im Bett von ere Jungfrau schlofe. Jo bhüt Gott,“ wehrte sie der entsetzt aufspringenden Pfarrköchin, „bhüt Gott, daß i was Unrechts mein; natürlich im ä Bett, wo e Jungfrau drin gschlofe hät; was denkener denn au.“ Die Pfarrköchin setzte sich tief aufatmend. „Grad in dem Fall isch ’s meini gar nit so schwer zmache, Fraili Martha, Ihr weret scho irgend e Usred finde, daß der geischtlich Herr drei Nächt in Euerer Kammere schloft.“ Die Pfarrköchin nickte und meinte nachdenklich: „Jo jo, das ging schon z’ mache.“ „Un des isch grad bsonders gut, wie sich des in Euerm Fall trifft,“ fuhr Gertrud fort, „denn wissener, sunscht hät i schier Angscht des zrote. Denn im Buch schtoht mit menge Bischpiel, wenn’s ebe kei reine Jungfrau isch, no schtirbt der Ma im nächschte Mond.“ Wieder drehte sich die Gertrud geschäftig nach ihrem Pult um und blätterte in einem Buch. Fräulein Martha saß versunken in Gedanken. Nun hob sie den Kopf und sprach zu dem breiten Rücken der Gertrud hin: „Meinet Ihr, des mit dem Verbrenne von de Spänli dät nit allei scho helfe?“ „Jo bhüt,“ sprach die Gertrud, „Ihr wisset jo, was e reine Jungfrau für e bsunderi Kraft un Gwalt im Himmel un uf der Erd hat, un die Kraft muß in der Pfarrer übergoh, daderdurch, daß er drei Nächt in dem Bett schlofet; sunscht hilft die ganzi Sympathie nix. Un wie i scho gsait hab, in Euerm Fall ...“ „Ja,“ unterbrach die Pfarrköchin, „sell scho. Natürli könnt i des scho so einrichte ...“ Sie wand sich auf ihrem Stuhl, zupfte imaginäre Stäubchen von der Armstütze ihres Sessels; endlich fiel ihr ein triftiger Grund ein: „Aber denket au, die böse Müler! Wir Pfarrköchinnen könne nit vorsichtig genug sei. Wenn jemand davon erführ, der Herr in meim Zimmer sehe tät, mei Zimmer liegt nach der Straße zu. Nein, das geht nicht.“ Die Gertrud blätterte immer noch in ihrem Buch. „Ja, wie denket Ihr des sonscht zmache,“ meinte sie nun, „in änem fremde Hus, do wird’s halt schwer zmache si. Un des Mittel isch e so sicher. Do lies i grad e Bischpiel, wie si e Bürgermeischter in äre große Stadt grad uf Hände trage hänt, nachdem er die Sympathie angwendet hät, un vorher hen sie em d’Fenschter igschmisse.“ Fräulein Martha schlug auf die Lehne ihres Sessels: „So goht’s, so mache mer’s.“ Gertrud spitzte die Ohren. „Wissener,“ erklärte Fräulein Martha, „mei Bäsle, ’s Eva, siebzehn Jahr isch’s alt. I hab’s in d’Schtadt in d’Nähschul tue. Da leg i d’Hand ins Feuer, eine reine Jungfrau isch es noch. Scho als kleins Mädele hat sie für kei andere Mensche so viel übrig ghabt, wie für unsere Lehrer, vor eme Jahr scho hätet sie sich gern ghürotet, die zwei; deshalb hab i sie in d’Schtadt tue. Der Herr will’s nit ha, der Lehrer isch so e Liberaler; sonscht e ordentlicher Mensch. I hät’s dene zwei gunnt, daß sie e Pärle worde wäret. Wenn i der Eve schreib, sie dürf auf e paar Woche heimkomme, die isch selig. Un derno, wenn sie ä paar Tag da isch, dann kann ich ja in des Herrn Zimmer irgend eine Reparatur mache lasse, und ihn ins Ev sei Zimmer umquartiere, des geht scho.“ Die Gertrud hatte sich umgedreht und große Zufriedenheit strahlte aus ihrem Gesicht. „Nei, Fraile Martha, Ihr hän der Kopf am rechte Fleck, des isch gar ä gute Ifall. Natürli, ’s Ev. Aber hörener, im Ev si Kammere isch jo nur vom Garte us übers Trippel zugängli.“ „Ja,“ nickte Fräulein Martha erstaunt. „No müsset Ihr’s irgend dem Herr bibringe, daß er jo recht heimli in d’Kammere goht, ’s derf niemet sehe, ’s derf niemet dervu wisse. Soviel wissener jo au vu dene Sache. Bschraut mer si, no isch’s vorbi mit aller Kraft un allem Sege.“ „Jo, i muß halt dem Herrn sage, daß er wege de Leut vorsichtig sei soll; des mach i denn scho,“ beruhigte die Pfarrköchin. „Hejo,“ beschloß Gertrud, „mehr kann i nit dabei tue. Ihr müsset Spänli sammle und im Bäsle schribe, un derno sag i die Nächt, die mer wähle müsse. In vierzehn Täg hän mer Vollmond, derno isch die recht Zit. Aber redet nit drüber. Un wenn’s Gotts Wille isch, no goht alles guet us.“ Fräulein Martha hatte sich erhoben und schüttelte der Gertrud dankbar die Hand. „Vergelt’s Gott tusigmol, und an mir soll’s nit fehle. Ich bin nur froh, daß ich den Mut gefaßt hab, Euch meine Sorgen zu klage. Bei Euch findet man immer Hilfe.“ „Gern gschähe isch’s, gern,“ versicherte die Gertrud und begleitete ihren Besuch bis vors Häusle. Und dann sah sie der eilig Davoneilenden noch lange mit sehr vergnügtem Schmunzeln nach. „So, Herr Pfarrer, ne kleine Denkzettel krieget Ihr jetzt doch noch, oder i will nit d’Gertrude heißen. Aber dann isch Friede.“ Sie nickte sich selbst bestätigend eifrig mit dem Kopf, und ging ins Häusle zurück an ihre Arbeit.

Das Bäsle kam ins Dorf, und in dem Lehrer wachte die Hoffnung wieder auf, seine Ev doch noch zu erringen, und gar gefühlvoll spielte er die Orgel am Sonntag, so daß der Pfarrer ganz freundlich ihn grüßte nach dem Gottesdienst, denn schöne Musik liebte er auch. Der Vollmond kam, und Fräulein Martha hatte der Gertrud noch einen Besuch im Häusle gemacht. Und am Morgen nach der Vollmondnacht traf die Gertrud den Lehrer an der Kirchhofsmauer, sie kam scheinbar vom Wald zurück, sie hatte große Kräuterbündel im Arm. Der Lehrer wollte, noch bevor er in die Schule ging, den Pfarrgarten, der an den Kirchhof stieß, ein bißchen inspizieren, ob er keinen heimlichen Gruß von seiner Eva erhaschen könnte. Die beiden begrüßten sich, und die Gertrud knüpfte geschickt ein Gespräch an. Ganz gelegentlich kam dann die Frage: „Han se eigentli im Pfarrhus Herrebsuch?“ „Nit daß ich wüßte,“ meinte der Lehrer. „So, so,“ sagte die Gertrud, „i han geschtern Obig, ’s war scho arg schpot, han i e Mannsbild uf em Trippele gseh un in d’Fremdekammer ni goh.“ Der Lehrer lachte. „Aber Gertrud, ich glaub gar, Ihr seht Gspenster. ’s Ev ist doch da, die wohnt doch oberm Trippel.“ „So, so, ’s Ev,“ murmelte die Gertrud scheinbar mißtrauisch, „aber blind bin i nit,“ setzte sie trotzig zu. „Des war nit d’Ev, geschtern z’Nacht.“ Dann, als sie den Argwohn im Gesicht des Lehrers aufleuchten sah, sagte sie harmlos schelmisch: „Herr Lehrer, Herr Lehrer, so, ’s Ev wohnt da; no i will nix gseh habe.“

Und lächelnd und kopfschüttelnd ging sie eilig fort und ließ den armen Lehrer mit seiner Eifersucht stehen. Und es kam, wie sie erhofft hatte. Am Abend stand der Lehrer Schildwache, sie beobachtete ihn, gedeckt hinter einem Stein des Friedhofs. Bald darauf sah sie den Pfarrer schnell und scheu um die Ecke huschen und die kleine Treppe hinaufeilen. Erkennen konnte man ihn nicht; plötzlich war er aufgetaucht und schnell schon hinter der Tür verschwunden, und die Seite des Hauses lag im tiefen Schatten der großen alten Nußbäume. Dann sah Gertrud den Lehrer über die Mauer klettern und nach dem Trippel zueilen. Erst fürchtete sie, er würde Lärm schlagen, aber die Eifersucht machte den armen Kerl klug. Er duckte sich in den Schatten und setzte sich auf die Bank unter dem Trippel. Wieder hatte die Gertrud richtig gerechnet. Der Lehrer wollte den Eindringling abpassen, und der derbe Knotenstock, den er in der Hand hielt, der würde wohl dann mitsprechen. Die Gertrud beschloß auch zu warten. Ihr machte das gar nichts, eine kurze Sommernacht im Mondschein zu sitzen. Ihre Gedanken würden sie schon wachhalten, und dem Lehrer gönnte sie die Qual dieser Stunden, er hatte doch manchmal etwas hochmütig zu ihr gesprochen. Und der Mond ging langsam nach Westen und bald erhob sich ein leiser Wind, im Osten flammte lichte Röte auf, und der rosige Schein verschlang die bleiche Kugel im Westen, bis sie nur noch wie ein helles Wölkchen über dem Horizont stand. Da erklang auch schon die Betglocke im Kirchturm, und andächtig faltete Gertrud die Hände. Friede sollte heute werden zwischen ihr und dem Pfarrer, Friede in der ganzen Gemeinde. Sie wollte es ganz dem lieben Gott anheimstellen, ob der Lehrer den Pfarrer rechtzeitig erkennen würde, ober ob ein paar Hiebe noch erst den unschuldigen geistlichen Herrn treffen würden. Das stellte sie in Gottes Hand, ob er das Unrecht, das ihr, der Gertrud, geschehen war, noch strafen wollte, oder ob er dem Lehrer die Augen noch früh genug öffnen würde. Aber dann würde sie dazwischentreten und alles erklären und versöhnt fortan dem Pfarrer sein Recht einräumen im Dorf. Die Betglocke verklang, und gespannt richtete sich die Gertrud auf, nach dem Pfarrhaus zu sehen. Der Pfarrer mußte jetzt jeden Augenblick heraustreten, es wurde bald Zeit zur Frühmesse. Der Lehrer hatte sich ganz in die Ecke des Lattenwerks unter dem Holzgang gedrückt, kaum konnte sie ihn erkennen. Da knarrte oben die Tür, und eiligen Schrittes stieg der Pfarrer die Stufen herunter. Er war in Hemdsärmel und Hosen, die Soutane hatte er über dem Arm hängen. Gerade wollte er um die Ecke biegen, als er von hinten gefaßt wurde und eine von Erregung heisere Stimme aufbrüllte: „Hab ich dich, du Lump du!“ Und ein derber Hieb mit dem Knotenstock saß da auf dem breiten Rücken des Pfarrers. Der versuchte vergebens sich frei zu machen, sein unbekannter Gegner hielt ihn mit eiserner Faust im Genick fest. Bevor aber noch ein zweiter Hieb fiel, stand die Gertrud wie aus dem Boden gewachsen vor dem ergrimmten Lehrer: „Ums Jesu Wille, Herr Lehrer, was machet Sie au!“ schrie sie den Verblüfften an. „Was packet Sie de Herr Pfarrer, so kommet doch zu Euch.“ Der Lehrer war aber durch die Erklärung, wer der nächtliche Besucher im Zimmer seiner Ev sei, keineswegs beruhigt. Er ließ allerdings los und trat zurück, aber sein Gesicht sah finster genug aus. Der Pfarrer rieb sich ergrimmt die schmerzende Schulter und suchte nach Worten, seine Entrüstung zu äußern. Aber die Gertrud war schneller bei der Hand. „Ihr Hansnarr Ihr,“ sprudelte sie den Lehrer an, „schämet Euch au, von unserm Herrn Pfarrer so zdenke. Un au no mit der Ev, wo doch sei ... Ihr wisset jo. Un von der Ev, von Euerm Bräutle. — Ganget doch ufi ins Kämmerle, wenn Ihr mir nit glaube went, da isch die Ev nit. Wenn Ihr nit so hochnäsig wäret un au mit de Leut rede tätet, no wüßtet Ihr, wie mir alle im Dorf, daß im Pfarrer sim Zimmer sit zwi Täg der Schriner isch, die Diele sind ufgrisse, un so isch er usquartiert worde ins Bäsle sei Kammer. Un ’s Bäsle schloft bei der Fraili Martha. He, ’s isch nur au grad e Schickung, daß i vom Kräutersammle grad zrück kumme bi un Euer Schraue ghört hab, ’s het jo grad e Unglück passiere könne.“ Der Pfarrer schaute ziemlich verdutzt drein, er verstand von der Sache sehr wenig und der Lehrer wußte auch kaum, was nun tun. Da kam, von dem erregten Sprechen angelockt, Fräulein Martha und die Ev aus dem Haus heraus und sahen mit Staunen die drei Menschen da stehn. Dem Lehrer schwanden nun die letzten Zweifel, und verlegen und sehr herzlich bat er den beleidigten Pfarrherrn um Verzeihung ob des Überfalls. Die Gertrud erklärte mit ein paar rasch geflüsterten Worten dem Fräulein Martha soweit möglich den Vorfall und gab ihr noch ein paar weitere Verhaltungsmaßregeln. So ging denn Fräulein Martha und half die beiden versöhnen und äußerte zum Schluß: „Aber Herr Lehrer, ich hoffe doch, wir dürfen uns auf Ihre Diskretion verlassen, davon darf nichts in die Öffentlichkeit dringen.“ Und da die Gertrud Gelegenheit gehabt hatte, dem Lehrer auch zwei Worte ins Ohr zu flüstern, so verstand er auch, wie er die Lage zu seinem Vorteil wenden konnte. Er trat noch einmal zu dem Pfarrherrn vor und machte einen ehrerbietigen Kratzfuß: „Herr Pfarrer, Sie haben ’s Eve mir emal abgeschlagen, ich mein alls, wenn ich Ihr ... wenn Sie mir ’s Bäsle von der Fräulein Theres zur Frau geben würden, dann wäre diese ganze traurige Sache am besten begraben. Als Ihr ... als Mann vom Bäsle von der Fräulein Martha können Sie doch meiner ganz sicher sein, und meiner Treue und Ergebenheit.“ Die Fräulein Theres stupfte den Pfarrer in die Rippen, und der zögerte auch nur eine ganz kleine Weile, dann reichte er der Ev die Hand und zog sie zum Lehrer und legte die Hände der beiden ineinander. „Meinetwegen, meinen Segen habt ihr.“ Er rieb sich noch einmal die schmerzende Stelle und fügte dann hinzu: „Und wenn’s mal not tut, dann verteidigt mich auch so tapfer wie ihr ...“ Auf einen erneuten Rippenstoß von Fräulein Martha schluckte er den Satz hinunter. „’s isch höchste Zeit zur Frühmesse,“ schaltete Fräulein Martha eilig ein, „nachher sprechen wir weiter; der Herr Lehrer ist ja doch unser Gast beim Mittagessen, und ich mein, auch die Gertrud gehört heute dazu.“ Die Fräulein Martha wußte, was sich schickte. Mit einem Knicks bedankte sich die Gertrud, und „Vergelt’s Gott, und b’hüt’s Gott miteinander“ murmelte sie noch, und dann eilte sie ihrem Häuschen zu.

Am Abend war der Zulauf zu ihrer Bank besonders stark; denn die Ehre, die der Gertrud widerfahren war, hatte sich schnell herumgesprochen. In ihrem höchsten Staat war Gertrud um die Mittagszeit in den Pfarrhof gewandert und erst um zwei Uhr wieder fortgegangen, in heiterm Gespräch mit dem Herrn Lehrer, der dann hell lachend in das Schulhaus verschwand. Und nur am Abend erzählte die Gertrud von der Verlobung im Pfarrhaus, die nun kein Geheimnis mehr war. „Un wissener,“ schloß sie ihren Bericht, „unser Pfarrer isch recht, alles was recht isch, mer ka nit anders sage. Er isch in dere letzschte Zit e weng ufg’hetzt gsi vo dene ganz Schwarze in der Stadt un het nimme recht gwußt, wonaus und wonei. Aber mir hän üs usgschproche, un wie gsait, alles was recht isch, ’s isch e braver Herr. Un daß er ’s Ev em Lehrer gibt, der doch e Liberaler isch, do sehener doch, daß er e guts Herz hät un kei so stockvernagelte Schwarze isch, wie mer gmeint hät. Wie gsait, mir hen üs so recht usgsproche hüt, dodrum hät er mi emol im Pfarrhus ha wolle, daß mer so recht gmütli dischkuriere könne, un i kann nur sage: ’s isch e rechte, brave Herr. Jetz wo er wieder weiß, weller Weg er geh soll.“

Und die Rupertsweiler fügten sich ihrem Urteil, und bald genug hieß es einstimmig im Dorf: „Unser Pfarrer? Jo des isch e rechte, brave Herr.“