7. Capitel.

Nach Atjeh — Eine neue Kohlenstation — Uléë Lhöë — Die Strandpalme — In Kuta radja — Auch eine Frauenfrage — Eine Tropenkrankheit.

Dreimal habe ich die Reise von Batavia nach Atjeh[64] unternommen; das erste Mal (im Jahre 1883) und das letzte Mal (1896) war mein Aufenthalt im Norden Sumatras nur auf einige Tage beschränkt, weil ich nur ein Bataillon Soldaten dahin »gebracht« hatte; das zweite Mal jedoch blieb ich zwei volle Jahre in dieser durch den Krieg und durch die Beri-Beri (früher Malaria) seit Jahrzehnten heimgesuchten, heute beinahe bereits unterworfenen Provinz von Nord-Sumatra.

Gewöhnlich ging den 3., 15. und 22. eines jeden Monats damals ein Dampfer von Batavia via Telók Betóng längs der Westküste der Insel nach Atjeh. Wenn sich jedoch das Material oder die Passagiere zu stark angehäuft hatten, welche auf diesen Dampfer warteten, stellte die indische Dampfschifffahrtsgesellschaft einen Extradampfer. Als ich im Juli des Jahres 1886 nach Atjeh transferirt wurde, bekam auch ich den Befehl, mit einer solchen Specialgelegenheit zu reisen und zwar mit der »Tambora« unter dem Commando des Schiffscapitäns Hoffmann. Die Regierung zahlte damals für uns Beide, d. h. für mich und meine Frau. 600 fl. = 1000 Mark; nebstdem erhielt ich allein 3 fl. per Tag für meinen Aufenthalt auf dem Schiffe und Ersatz der Reisespesen der Eisenbahn Weltevreden-Batavia und Uléë-Lhöë-Kuta radja per 39,19 fl. = 65,30 Mark. Die Tarife der gegenwärtigen »Paketvaartmaatschappy« sind mir nicht bekannt, werden aber wahrscheinlich nicht viel niedriger sein. Ich war sechs Tage zu Schiff; die Gesellschaft rechnete also 50 fl. damals per Tag und Kopf für Transport und Verpflegung. Das war ein ganz netter Preis, der durch die zahlreichen Transferirungen der damaligen Zeit der Gesellschaft hohe Dividende sicherte.

Ich war damals so zu sagen noch auf meiner Hochzeitsreise, und dennoch drohte mir die Gefahr, für 1½ Jahr von meiner Frau geschieden zu werden. Jede Officiersfrau muss nämlich vor ihrer Verheirathung einen Revers unterschreiben, in dem sie sich verpflichtet, bei etwaigen Expeditionen ihrem Manne nicht »in das Lager zu folgen«. In Atjeh bestand aber nur (??) de facto Kriegszustand; de nomine war Atjeh eine eroberte Provinz im Friedenszustande, den nur »böswillige Marodeure« hin und wieder stören wollten. Täglich, wie wir später sehen werden, rückten zahlreiche Patrouillen von 40 bis 50 Mann aus, um diese »Banden« aufzusuchen und unschädlich zu machen; häufig mussten zu diesem Zwecke ganze Bataillone das eroberte Gebiet durchsuchen und kamen bald mit drei bis vier Verwundeten oder Todten, bald wieder mit Verlust von zwanzig bis dreissig Mann nach Hause; die Hauptstadt war mit Stacheldraht umgeben, welchen grosse Schildwachen beschützten; die Clubabende, welche Sonnabend Abends gehalten wurden, und die Aufführungen des Officiertheatervereines waren nur möglich, wenn eine Patrouille von zehn Mann für die Sicherheit sorgte; es war also Frieden (??), aber — nicht alle Officiersfrauen durften bei ihren Männern in der Garnisonstadt Kuta radja verweilen. Jeder Officier, welcher nach Atjeh transferirt wurde, musste also vorher von dem commandirenden General (Gouverneur von Atjeh) Erlaubniss erhalten, seine Frau mitnehmen zu dürfen. Diese wurde ertheilt je nach der Zahl der disponiblen Wohnungen für verheirathete Officiere. In einzelnen Fällen war auch das Armeecommando in der Lage, diese Erlaubniss zu geben und zwar mit dem Vorbehalt der späteren Zustimmung des Gouverneurs von Atjeh. In diesem Falle verkehrte ich. Sobald ich das Ziel meiner Transferirung erfuhr, ersuchte ich den Sanitätschef, für mich die Erlaubniss einzuholen, meine Frau mitnehmen zu dürfen; ich erhielt sie; so hat auch meine Frau zwei Jahre im feindlichen Lande verlebt, reich an interessanten, aber auch gefährlichen Episoden, die heute zu ihrer schönsten Rückerinnerung gehören und sie zu der stolzen Behauptung veranlassen, dass sie mehr Kriegserlebnisse hinter sich habe, als der älteste General der ganzen (natürlich nicht der indischen) holländischen Armee.

Fig. 15. Die neue Moschee in Kuta-radja.

([Vide Seite 123].)

Die Fahrt ging durch die »Sundastrasse«, welche ein liebliches und schönes Bild den Reisenden bietet. Wir liessen alle Inseln zur Rechten und durchschnitten mit Leichtigkeit die dünne Bimssteinschicht, welche seit dem Ausbruch des Krakatau (26. bis 27. August 1883) die See bedeckte. Bei dem Tandjong Sleman = Cap flache Ecke begann der Curs längs der Westküste Sumatras, und weit ins Land hinein (3 km) erstreckte sich die Zone, welche von den wüthenden Elementen jener Tage verwüstet worden war. Während der ganzen Reise sahen wir diese Küste und liessen die Inseln Enganon, Nassau, Mentawei, Batu (= Stein), Mansalar und Nias zu unserer Linken. Die Städte Kroë und Benkulen, bei welchen die Dampfer der gewöhnlichen Touren anlegen, bekamen wir nicht zu Gesicht; in Padang, der Hauptstadt des Gouverneurs der Westküste Sumatras, liessen wir zum ersten Male den Anker fallen, und zwei Tage später erreichten wir bei dem »Königspunkte« die Nordküste von Sumatra. Die »Surattepassage« ist ein gefährlicher Weg; zahlreiche Inseln versperren die Einfahrt in diese Strasse; die Inseln Bras (= Reis) und Nassi (= gekochter Reis) sind die bedeutendsten und grössten derselben. Auf der Reisinsel befindet sich ein Leuchtthurm und eine kleine Garnison. Die grösste aller dieser Inseln ist jedoch Pulu (= Insel) Wè, welche gegenwärtig eine Kohlenstation geworden ist und mit Vorliebe von den Franzosen und Russen bei ihren Fahrten nach Ostasien zur Ergänzung ihres Kohlenvorrathes benutzt wird. Wird es ein zweites Singapore werden?[65]

Wenn auch die Einfahrt in diese Strasse wegen der Nähe der Küste und der zahlreichen Inseln die ganze Vorsicht des Steuermannes erfordert, so ist dennoch die Fahrt in der »Malakkenpassage« eine angenehme und schöne. Endlich fuhren wir in den Hafen von Uléë Lhöë, und Arm in Arm stand ich mit meiner Frau auf dem Deck und wir Beide liessen unsere Blicke über das flache Ufer schweifen, dessen Hintergrund vom waldbedeckten Goldberge (1726 Meter hoch) zu unserer Linken und von der lieblichen Bergschlucht zu unserer Rechten begrenzt wurde, welche sich, von sanft absteigenden Hügeln begrenzt, bis zur Küste hinzog. Feindliche Kugeln, Fieber, Cholera und Beri-Beri waren die Gespenster, welche über dem Horizont unserer jungen Ehe ihr graues Haupt erhoben. Das Panorama, welches zu unseren Füssen lag, war ja auch ein düsteres, unfreundliches Bild und zeigte nur zu unserer Rechten durch die sanft absteigenden Hügel mit dem Thale von Lepong eine angenehmere und frischere Abwechslung zu dem monotonen, echt tropischen Strande der Hafenstadt Uléë Lhöë. Vor uns lag ein ungefähr hundert Meter langer Pier; dahinter mattgrünes, von Staub bedecktes Laub, aus welchem die schmutzigbraunen Häuser der Eingeborenen mit nicht weniger schmutzigen Atapdächern sich erhoben ([Fig. 12]). Hin und wieder störte das eintönige Bild eine schlanke dünne Palme, welche mit ihren zerrissenen, herabhängenden Blättern geradezu eine Travestie zu jenem überschwänglich beschriebenen Bilde gaben, welches die Touristen gewöhnlich von den Palmen in ihren Reisebriefen entrollen. Ich habe die gewöhnliche Palme (Cocos nucifera) im Urwalde gesehen, ich wandelte in schön gepflegten und gereinigten Palmengärten, und immer und immer gab ich mir Mühe, das »Schöne und Reizende« der Palme zu suchen und zu sehen. Es soll ungefähr tausend »Palmensorten« geben; darunter sind natürlich einige Species, welche mit mehr oder weniger Recht jedes Künstlerauge befriedigen oder entzücken; ich spreche aber nur von der Cocos- oder Strandpalme, welche unter dem Namen »Klapperbaum« auf den Inseln des indischen Archipels eine so häufige Erscheinung ist, dass sie als Prototyp der Palmensorten dieser Inseln gelten kann. Diese Palme kann ich unmöglich schön nennen. (Vide [Fig. 21].) Es ist ein ungefähr 30 cm dicker Stamm, welcher eine Höhe von 30 bis 40 Metern erreicht; in seiner ganzen Länge ist er ast- und blätterfrei, besitzt nur Ringe, welche von den abgefallenen Blättern stammen, und nur an der Spitze des Baumes befinden sich die jeweiligen zerfetzten und zerrissenen Palmenblätter, zwischen welchen die bis zu Mannskopf-Grösse entwickelten Früchte herabhängen — und manchmal selbst gefährlich werden. Ich selbst sollte dieses im Jahre 1881 erfahren. Ich stand mit dem Controleur von Malimping unter einem »Klapperbaum« im Gespräche, als eine überreife Frucht herabfiel und kaum einen Centimeter entfernt von meinem Kopfe zu Boden fiel. Vor zwei Jahren wurde das Söhnchen meines Collegen, des jetzigen Stabsarztes X., von einer solchen mit grosser Wucht herabstürzenden Cocosnuss getödtet! Anderseits ist allerdings der Nutzen eines solchen Baumes ein so vielseitiger und ein so grosser, dass er in dem Leben der Eingeborenen eine grosse Rolle spielt und die Dichter geradezu zu überschwänglichen Hymnen begeistert. Während meines Aufenthaltes in Magelang (Java) hatte ich einen Kutscher, welcher ein ebenso frommer Mohamedaner, als ein treuer Bedienter war. Seine Frau bekam ein Kindchen, und an demselben Tage bat er mich um die Erlaubniss, in dem Garten, welcher mein Haus umgab, eine »Klapper« pflanzen zu dürfen und diesem symbolischen Acte durch meine Gegenwart die Weihe zu geben. Mich überraschte diese Einladung, weil ich noch niemals gehört hatte, dass ein Malaie auf fremdem Grund und Boden dieses gethan hatte, und ich frug ihn also um Aufklärung für diesen aussergewöhnlichen Vorgang.

»Barangkâli,« erwiderte der Kutscher, »Tuwan Allah kassih.« »Vielleicht giebt es Gott der Herr, dass auch mein Sohn so alt wie dieser Baum wird; und wenn in zehn oder zwanzig Jahren dieser Baum viele Früchte trägt, wird mein Sohn auch so brav und so nützlich wie dieser Baum sein, und ich werde ihm dann erzählen, dass Sie, Herr Doctor! die Saat dem Boden anvertraut haben und dass Sie, Herr Doctor, stets gut gegen seinen Vater gewesen sind. Auch bitte ich Sie, zum Slametan (= Feste) zu kommen, welches ich zu Ehren dieses neugeborenen Kindes geben werde.« Ich versprach ihm, dies zu thun, natürlich mit dem üblichen Vorbehalte, durch ein Geldgeschenk mich davon loszukaufen. Er schickte mir auf einem grossen Tablet die Einladung zu dem Feste. Darauf lagen eine Cocosnuss, zehn Hühnereier, ein Kolben Pisang, zwanzig Mangistan und ein Huhn. Ich gab dem Ueberbringer einen Ryksdaalder (= 4¼ Mark) und meine Glückwünsche, ohne meinen Kutscher durch meine persönliche Anwesenheit bei dem Feste in Verlegenheit zu bringen.

Ueber den vielseitigen Nutzen dieses Baumes will ich kein Wort verlieren, weil dieser im Allgemeinen bereits hinreichend bekannt ist; ich glaube aber, bevor ich den Faden meiner Erzählung wieder aufnehme, die Rolle andeuten zu müssen, welche dieser Baum im Arzneischatze der Malaien spielt. Aus dem Blüthensafte wird Sagower, Tuwakwein und Legèn bereitet, welche mit Lontar-Zucker gemischt gegen Urin-Erkrankungen gegeben werden; die jungen getrockneten Früchte werden innerlich gegen Diarrhoe und äusserlich gegen die Krätze verwendet; die Cocosmilch ist ein Diureticum und der Saft der unreifen Frucht ein Antilueticum und wird auch bei Lungenkrankheiten angewendet; auch der Ausbruch der Masern soll durch das Trinken von Cocosmilch befördert werden. Selbstverständlich wird das aus der Nuss gewonnene Oel in der Pflege der Haut, der Haare und in der Behandlung zahlreicher Hautkrankheiten häufig gebraucht.


Kaum war der Anker gefallen, sah ich einen Kahn mit der Gouvernementsfahne am Steuerruder befestigt sich dem Schiffe nähern, und bald stieg auf der Falltreppe Lieutenant X. auf’s Schiff, um mir mitzutheilen, dass ich in der Hauptstadt = Kuta radja = Königsstadt dem grossen Militärspital zugetheilt, und dass mir eine Wohnung in der Vorstadt Pantej Perak angewiesen sei, welche zwar nicht ganz den Ansprüchen einer Officierswohnung gerecht werde, aber für ein junges Ehepaar, wie er lächelnd hinzufügte, mehr als genug Raum biete; übrigens würde ich für den Mangel an Comfort, welchen die Wohnung gewiss biete, weil sie ganz aus Bambus bestehe, durch den Erhalt von Quartiergeld von 70 fl. = 116 Mark monatlich entschädigt werden.

Meine Frau hatte allerdings in diesem Augenblick keine Ahnung, in welchen Räumlichkeiten sie ihre Flitterwochen zubringen sollte. — Auf sein Anrathen beeilten wir uns, unser Gepäck in seinen Kahn bringen zu lassen, um mit dem nächsten Zug nach der Hauptstadt fahren zu können, weil wir im andern Falle bis in die späte Nachmittagsstunde warten müssten. Vielleicht zwanzig Treppen führten auf den Brückenkopf des Pier, und kaum hatten wir ihn bestiegen, so bemächtigten sich einige chinesische Kulis lärmend unsers Gepäckes und liefen damit zum Stationsgebäude. (Für grössere Waarentransporte geht allerdings vom Stationsgebäude ein Zweig der Eisenbahn bis gegen das Ende des Pier.)

Zu unserer Rechten stand das »Kampement« mit seinen Officierswohnungen, und links zog sich der Seestrand mit seinen Clubgebäuden und einigen europäischen »Tokos« 1 km weit nach Osten. Von dem westlichen Ende des Kampement hatte man eine schöne Aussicht auf den Hafen und über den Sumpf hin auf ein kleines Fort, welches von dieser Seite Uléë-Lhöë beschützen sollte, anderseits mit seinen Kanonen auch das westliche Ende der »Ceinturebahn« bestrich, welche rings um die Königsstadt zog, von sechs Forts in einem Abstand von je 1000 Metern beschützt wurde und bei Pakan Krung Tjut wieder das sumpfige Ufer der See erreichte.

Schon bei dieser ersten Fahrt im feindlichen Lande sollte uns ein kleiner Schrecken nicht erspart bleiben, der glücklicher Weise nur ein blinder Schuss war. Während unser Wagen mit einer Geschwindigkeit von 15 km durch die Sümpfe von Uléë-Lhöë fuhr, öffnete ein Herr plötzlich die Thüre und rief: »Ein Stoss, Acht geben!« Alle Anwesenden verstanden jedoch »ein Schuss«, und mit Blitzeseile waren alle Damen unter den Bänken. Der gepanzerte Waggon hatte nämlich nur zwei Bänke. Gleich darauf erfolgte thatsächlich ein Zusammenstossen mit einem vom Stationsgebäude abgesandten Rangirzug.

Nach einer viertel Stunde erreichten wir die Hauptstadt.[66] Ein niedriges unansehnliches Stationsgebäude empfing uns, wir gingen bei dem schönen Clubgebäude vorbei und kamen auf einen Damm, welcher am rechten Ufer des Atjehflusses lag. Eine Brücke führte auf das jenseitige Ufer und zwar nach Pantej Perak. Der erste Weg in dieser Vorstadt war eine hübsche Allee, welche auf ihrer rechten Seite eine Reihe schöner hölzerner Officierswohnungen mit Dächern aus galvanisirtem Eisen hatte; zur linken Seite standen das Pfarrhaus ([Fig. 13]) und eine Reihe alter verfaulter Wohnungen aus Bambus, von denen eine unser »Heim« werden sollte. Eine Wachstube schloss sich daran an, und zehn Schritte davon entfernt war schon das Gehege aus Stacheldraht, welches die ganze Hauptstadt vor einem unerwarteten Ueberfalle der Atjeer beschützte.

Während wir wehmüthigen Blickes unser »Haus« besichtigten, ertönten hinter uns auf dem Wege, welcher nach dem grossen Militärspitale und nach dem Kampong Kuta Alam führte, die dumpfen Klänge einer Trommel, welche mit einem schwarzen Tuch bedeckt war. Ein eingeborener Sergeant war der Beri-Beri erlegen, und die Hälfte seiner Compagnie begleitete ihn zu seiner ewigen Ruhestätte. Da wir unser Hôtel aufsuchen mussten, wo unterdessen unser Gepäck unter Begleitung unserer Bedienten angelangt sein konnte, folgten wir dem Trauerzuge, nachdem ich — ich war ja in Uniform — dem Sarge den militärischen Gruss gegeben hatte. Wir gingen zurück über die schöne eiserne Brücke und hatten vis-à-vis dem Clubgebäude das Hôtel »Kugelmann« und zwar auf dem Wege nach Gedáh. Der Leichenzug ging hinter dem Stationsgebäude nach dem Kirchhof, welcher in der Nähe des Kunstberges auf dem Terrain des ehemaligen Kampongs Petjut lag.

Im Hôtel fanden wir vorläufig unser Unterkommen, und wir hatten genug Gelegenheit, für die Einrichtung »des Hauses« zu sorgen. Das Hôtel hatte nämlich »einen Toko« = »einen Kaufladen« für alle täglichen Bedürfnisse, und an dieses schloss sich eine Reihe von »Häusern«, in denen sich noch andere europäische Geschäfte befanden, so dass thatsächlich die ganze Einrichtung der neuen Wohnung aus dem Vorrath dieser Geschäfte gedeckt werden konnte. Da wir ja doch das Meiste mitgebracht hatten (selbst ein eisernes Bett mit Mosquito-Netz), so beschränkten sich unsere Einkäufe auf Möbel und Küchengeschirr.

So manche stillen Thränen sind aus den Augen meiner Frau, wie sie späterhin mittheilte, geflossen, als sie zum ersten Male das Innere dieses »Hauses« betrat und nichts als kahle, schmutzige, gelblichbraune, mit Staub und Spinnengewebe bedeckte Wände sah, zwischen welchen sie das trauliche Heim ihrer jungen Ehe gründen sollte. Nicht einmal Fenster hatte die Wohnung; nur Oeffnungen, welche mit kleinen Thüren aus demselben Material geschlossen werden konnten. Wo sollten die zahlreichen Nippessachen, die Hochzeitsgeschenke hingehängt oder aufgestellt werden? Wir hatten einen grossen Spiegel und zwei grosse Stahlgravüren mitgebracht und fanden Wände aus Bambusmatten vor, in welchen Nägel keine Stützen finden konnten.

Die Noth macht erfinderisch. In den Querlatten der Wände wurden lange hölzerne Stifte eingeschoben und daran wurden der Spiegel, die Gemälde und zahlreiche petits riens aufgehängt. Wir hatten ja zwei Zimmer (?) und eine vordere Veranda; hinter dem Hause befanden sich die Küche, das Badezimmer und die Aborte. Das Haus lag tief, ½ Meter unter der Strasse, und stand auf kleinen Pfählen, so dass der Eingang des Hauses im gleichen Niveau des Dammes lag; die Küche hatte jedoch keine Treppe; ihr Flur war die des alluvialen Landes und bestand nur aus Lehm, und sobald es regnete, drang das Wasser sofort in die Küche. Als später im December der Atjehfluss während der Regenzeit aus seinen Ufern trat, stand das Wasser mehr als einen halben Meter hoch in der Küche.

Dennoch gelang es meiner kleinen, aber energischen Frau, aus diesem »Stalle« ein trautes Heim zu schaffen, in welchem wir bis 1. Februar 1887, also sechs Monate, angenehm wohnten.

Es drängt sich hier unwillkürlich eine Frage auf, welche oft bald im Scherz, bald im Ernste von berufener und unberufener Seite besprochen wird, die Frage nämlich, ob überhaupt den Officieren gestattet sein sollte, »ihre Frauen nach Atjeh mitzunehmen«.

Die Gegner dieser Zustände verneinen diese Frage auf Grund folgender Argumente: (Die Zustände haben sich seit dieser Zeit in Atjeh bedeutend gebessert; der Guerillakrieg hat sein Terrain seit vier Jahren weit hinaus über das Gebiet von Kuta radja verlegt; auf anderen Inseln können sich aber diese Zustände wiederholen; es ist also die Besprechung dieser Verhältnisse keine überflüssige!) Der Eine behauptet, dass die Misèren des Lagerlebens überhaupt seiner Frau erspart werden sollten; sie stünde für ihn zu hoch, um sie solchen unwürdigen Verhältnissen auszusetzen; er selbst müsse sich diesen Zuständen unterwerfen, weil es sein Beruf sei; seiner Frau aber wolle er jedwelchen Comfort des Lebens verschaffen, und dieses sei in Atjeh geradezu unmöglich. Andere Officiere motiviren ihr Strohwittwerthum auf empirische Weise. Sehr oft sei es geschehen, dass Kuta radja von einem Anfall der Feinde bedroht wurde. Die anwesenden Officiersfrauen wurden nervös und aufgeregt; hin und wieder sei eine Dame unter dem Schreck der Gefahr ohnmächtig geworden, so dass die Officiere nicht mit Ruhe ihre Maassregeln nehmen konnten. Nur zu häufig sei es geschehen, dass Officiere ihre übliche Patrouille machten, verwundet oder sogar getödtet wurden, und eine Frau unerwartet ihren verwundeten oder getödteten Mann in’s Haus erhielt, wodurch wiederum eine störende »Scene« veranlasst wurde. Endlich giebt es Officiere, welche ein freiwilliges Strohwittwerthum aus praktischen Ursachen auf sich nahmen. Nach der gesetzlichen Bestimmung war ein verheiratheter Officier, welcher seine Frau nicht bei sich hatte, nur zu einem Aufenthalte von vierzehn Monaten in Atjeh verpflichtet und bekam für jeden Fall Quartiergeld ausgezahlt, ob er nun eine standesgemässe Wohnung in Atjeh erhielt, oder eine Bambushütte, wie sie oben geschildert wurde, beziehen musste; ein Lieutenant erhielt nämlich in Atjeh 840 fl. = 1400 Mark, ein Hauptmann 1200 fl. = 2000 Mark u. s. w. Quartiergeld[67] u. s. w. Mit diesem Betrage allein kann in der Regel die in einer Friedensgarnison zurückgebliebene Frau ihren Lebensbedarf decken.

Natürlich giebt es auch Haudegen, welche aus Principien allgemeiner Natur gegen den Aufenthalt der Officiersdamen in Atjeh sind und kurzweg erklären, dass »Frauen in einem militärischen Lager nichts zu thun und zu schaffen hätten und durch ihre Launen und nervösen Charakter und durch ihre Bemühsucht und durch ihre Unbeständigkeit überhaupt den Officierskreisen fern bleiben, für jeden Fall jedoch aus einem militärischen Lager entfernt werden sollten, weil sie eben durch diese genannten Eigenschaften den Officieren in der genauen Erfüllung ihrer Pflichten hinderlich seien«. Ja noch mehr; sie bedauerten es selbst, dass durch Aufhebung der Caution die Ehen der Officiere in schreckenerregender (?!) Weise zugenommen hätten.

Die angegebenen Motive dieses Frauenhasses sind manchmal nur der Deckmantel anderer Ursachen; es giebt ja Officiere, welche ein schweres, ja sehr schweres Ehejoch zu tragen haben; für diese ist eine vierzehnmonatliche Trennung von ihrer besseren (?) Ehehälfte natürlich — eine Erleichterung. Aber gerade diesen unglücklichen Ehekrüppeln spielt das Schicksal den traurigen Streich, dass die eigene Frau die Richtigkeit seiner Argumente nicht anerkennt und darauf besteht, ihn nach Atjeh zu begleiten. Sie behauptet mit mehr oder weniger Recht, dass Eheleute Freud und Leid theilen müssen; wenn er verurtheilt sei, Entbehrungen zu leiden, so könne sie sich unmöglich einem üppigen und luxuriösen Leben in einer Friedensgarnison ergeben. Nebstdem sei er ja zahlreichen Gefahren ausgesetzt; sie selbst werde ja Tag und Nacht von der grauen Sorge verzehrt, dass jeden Augenblick sein Leben bedroht sei; durch die grosse Entfernung werde diese Sorge noch gesteigert; in Atjeh jedoch sehe sie ihn täglich und wisse sich täglich seiner Gesundheit zu erfreuen. Wenn er jedoch krank würde, oder wenn er durch den Klewang (= langes Schwert) oder durch die feindliche Kugel verwundet nach der pflegenden Hand seiner liebevollen, aber abwesenden Frau Verlangen habe, würde es Tage oder Wochen dauern, bis er sein Sehnen erfüllt sehen könne. Die übrigen Argumente des Haudegens lassen sich ebenfalls leicht widerlegen.

Fig. 16. Meine Wohnung in Lambaro.

([Vide Seite 143]. [147].)

Wenn die Regierung seinerzeit durch Abschaffen der Caution das Eingehen der Ehe erleichterte, hat sie vollkommen Recht gehabt. Eine Soldatesca passte nicht in den Rahmen einer Colonial-Politik und noch weniger in das moderne Staatsleben. Der Berufssoldat vertritt in den Colonien den erhaltenden, schützenden und — vermehrenden Theil der europäischen Civilisation. »Die Armee ist das Korkholz, auf dem die ganze Colonialpolitik schwimmt«, und da die Ehe die Basis des ganzen modernen gesellschaftlichen Lebens ist, so müssen auch die Vertreter einer colonisirenden Macht die Ehe in ihr Programm aufnehmen. Nebstdem wird ja nicht immer gekämpft; nur ein kleiner Theil der Armee ist jederzeit auf dem Kriegsfusse; selbst der eingefleischte Haudegen wird den civilisirenden Einfluss der Ehe auf das Individuum nicht ableugnen; warum sollte also der Officier diesem entzogen bleiben? Was den Aufenthalt in einem militärischen Lager betrifft, so ist dieser Haudegen ebenfalls im Streite mit der Erfahrung. Ich habe zwei Jahre in Atjeh gelebt und habe als Arzt nur zu oft Gelegenheit gehabt, hinter die Coulissen des ehelichen und Familienlebens zahlreicher Officiere blicken zu können, und kann also aus eigener Erfahrung mittheilen: Kein einziges Mal hat ein Officier durch die Anwesenheit seiner Frau sich zu einer Pflichtverletzung verleiten lassen. Jener Officier, welcher scheinbar davon eine Ausnahme machte, ist wirklich der Uebermacht erlegen; er war ein zweiter Falstaff, d. h. nur was seinen Körperumfang betrifft; seine Frau warnte ihn immer und immer, den Strapazen des »Ausrückens und des Patrouillirens« sich auszusetzen. Endlich stürzte er einmal auf offenem Felde zusammen, und seine Frau bewies dem behandelnden Regimentsarzte, dass ein Sonnenstich ihn »beinahe getödtet« habe. Seine 113 Kilo Körpergewicht zwangen ihn, Atjeh zu verlassen, und nicht der Einfluss seiner Frau. Ja noch mehr. Wenn ich die Liste der Officiere nachsehen würde, welche während meiner Dienstzeit wegen ihrer Heldenthaten mit dem »Willemsorden« decorirt wurden, so würde ich gewiss die verheiratheten Officiere in grösserer Zahl als die der ledigen finden. Ich kann aber auch aus eigener Erfahrung versichern, dass die Anwesenheit der Frau auf das Pflichtgefühl und den Muth der Männer gar keinen Einfluss nimmt und genommen hat. Die Frau ist ja eitel — wie der Mann, und sie will ihren Mann ob seines Muthes nicht minder geehrt und geachtet wissen, als jeder Officier es nur wünschen kann.

Mit dem wahren Pflichtgefühl ausgerüstet wird kein Officier mit Absicht oder im Leichtsinn einem gefährlichen Unternehmen sich entziehen. Der Muth dazu stellt sich bei dem pflichteifrigen Officier in allen Situationen des Soldatenlebens ein.

Niemand wird also mit Recht behaupten, dass verheirathete Officiere weniger Pflichtgefühl als ledige hätten. Warum sollte also die Regierung das Heirathen der Officiere erschweren? Auch fehlt jede Ursache, den Aufenthalt der Officiersfrauen in einer militärischen Colonie zu erschweren oder zu verweigern. Das »Lagerleben« ohne die gesetzlich getrauten Frauen mag für einige Officiere einen Reiz haben; die Mehrzahl sehnt sich nach des Tages Mühe und Arbeit nach dem ruhigen und gelassenen Familien- und ehelichen Leben.

Die Officiersfrauen fanden ja übrigens, wie wir sehen werden, auch in Kuta radja ihre Rechnung.


Nachdem wir in dem Hôtel uns für einige Tage eingemiethet und ich mich beim Gouverneur von Atjeh, beim Platzcommandanten und beim Spitalschef gemeldet hatte, war es Zeit zur »Rysttafel« und zur Nachmittagssiesta geworden, und um 5 Uhr machten wir unsern Spaziergang, um uns die »Königsstadt« näher anzusehen. Vom Hôtel aus sahen wir vor uns eine kleine Strasse, die »Kratonallee« mit dem Officiersclub zur rechten und der Amtswohnung des Landesingenieurs zur linken Hand. Nebstdem standen noch drei schöne Häuser aus Holz, von denen das eine für den »Garnisonsdoctor« bestimmt war und welches auch ich sechs Monate später bezog. Die beiden anderen »Häuser« wurden von dem Controleur der Hauptstadt und von dem Assistent-Resident von Atjeh bewohnt. Die Jury fand unter dem Vorsitze des Assistent-Residenten gewöhnlich in einem dieser beiden Häuser statt. ([Fig. 14].)

Diese vielleicht 120 Meter lange Allee stiess auf die Mauer des Kraton, während links ein Weg nach Pendéëti und rechts nach dem Stationsgebäude führte. Der Name Kraton[68] stammt aus der Zeit der Eroberung Atjehs durch die Holländer (1873–1874). Hier stand nämlich der Kraton (= Palast) des Sultans von Atjeh. Die ungefähr vier bis fünf Meter hohen steinernen Mauern haben zahlreiche Schiessscharten. Sein Inneres besteht gegenwärtig aus Casernen für zwei Bataillone Soldaten, zahlreichen Officierswohnungen, dem Palaste des »Gouverneurs von Atjeh«, und in der nordwestlichen Ecke stehen noch zwei steinerne Grabmäler früherer Sultane.

Die Mauern des Kraton bilden ein Quadrat und an der Südseite schliesst sich Nesuh an, welches gegenwärtig einen grossen Platz mit zahlreichen »Häusern« für Officiere und Beamte und mit einer Caserne umschliesst. Das Stacheldrahtgehege zog hinter der südlichen Front links nach Petjut mit Kirchhof und der neuen, schönen, von den Holländern erbauten Moschee ([Fig. 15]), nach Gedáh, Penájong, Pántej Perak, Kuta-Alam und Pendéeti zurück zur östlichen Mauer des Kraton und Nesuh.

Mir ist nicht bekannt, ob noch heute alle diese Vorstädte, welche damals in einem grossen Bogen den Kraton umgaben, dieses Gehege aus Stacheldraht besitzen.

In Kuta radja blieb ich ein Jahr in Garnison und hatte im ersten Halbjahre (bis 1. Februar 1887) Spitaldienst, während ich bis zum 1. August als »Garnisonsdoctor« den täglichen Krankenrapport in den Casernen halten, die Frauen, Kinder und Revierkranken behandeln und die hygienischen Zustände der militärischen Gebäude u. s. w. controliren, resp. Vorschläge zu Verbesserungen einreichen musste, welche durch die Hände des Landessanitätschefs gingen. Zur Assistenz hatte ich einen jungen Oberarzt, dem ich den Revierdienst im Kraton und in der Vorstadt Nesuh zuwies, während ich selbst die übrigen Theile der Stadt täglich besuchte; den Officieren liess ich die freie Wahl, mich oder den Oberarzt X. zum Hausarzt zu wählen. Auch allen hygienischen Fragen in dem Kraton und in der Vorstadt Nesuh musste mein junger, lebenslustiger Assistenzarzt die nöthige Aufmerksamkeit schenken, ohne darum die Vertretungen derselben gegenüber dem Landessanitätschef und dem Platzcommandanten auf sich zu nehmen. Einer meiner Vorgänger, Dr. Kobler, von dem sofort noch mehreres mitgetheilt werden muss, hatte nämlich kurz vorher so manche üble Stunde sich dadurch bereitet, dass er den »hierarchikken Weg« verliess und seine Vorschläge zur Verbesserung der hygienischen Zustände direct an den Gouverneur einreichte und dabei, oder vielmehr dadurch seine zwei unmittelbar über ihm stehenden Chefs »passirte«.

Es handelte sich nämlich um die Frage der Contagiosität der Beri-Beri, welche Dr. Kobler damals behauptet hatte, und alle seine Vorschläge der Desinfection fanden bei dem Landessanitätschef nur taube Ohren, während der General Demmeni mit der ganzen Autorität seiner Stellung eine radicale Desinfection von allen Gebäuden, allen Utensilien der Casernen und Spitäler, ja selbst aller Personen auf Vorschlag des Dr. Kobler erzwang.

Man muss sich nur die Situation vergegenwärtigen, um das Vorgehen des Dr. Kobler und des Generals Demmeni zu verstehen und zu — verzeihen. Im Jahre 1885 wurden an Beri-Beri

behandelt und starben

europäische

Soldaten

und

Matrosen

 507

25 = 5%

eingeborene

2369

 357 = 15,1%

Sträflinge

3453

1193 = 34,6%

Frauen

  32

12 = 40%

Die Militärärzte standen dieser Epidemie rathlos gegenüber, weil sie von dem Wesen der Beri-Beri-Krankheit — nichts wussten.

Im Jahre 1886 blieb die Epidemie in ihrer Ex- und Intensität stationär, und die Aerzte thaten wieder — nichts. Da steht nun einer der Militärärzte auf und erklärt, das Geheimniss der Entstehungsweise dieser Krankheit und eine radicale Behandlung gefunden zu haben, und seine Chefs — thun wieder nichts; sie schwiegen aber auch und beantworteten seine Vorschläge nur mit einem Zucken der Schulter oder mit einer spöttischen Bemerkung. Als dies General Demmeni erfuhr, erliess er an den Sanitätschef den Befehl, die Vorschläge des Regimentsarztes Dr. Kobler sofort und genau auszuführen. Es waren ja im Jahre 1886

I. Stand an Beri-Beri erkrankt,

an Beri-Beri gestorben

Europäer

1238

2252 = 181%

 62 = 5%

d.

I.

Standes

Eingeborene

 870

3186 = 366%

224 = 25%

eingeb. Frauen

 780

  42 = 5%

 16 = 2%

eingeb. Kinder

 240

3 

Trotzdem blieb der Landes-Sanitätschef bei seinem passiven Widerstand, den er im Spitale als ausserhalb der Machtsphäre des Generals Demmeni stehend hielt; General Demmeni war jedoch nicht der Mann, um von seinen Untergeordneten passiven Widerstand zu dulden; ich erinnere mich noch heute dieser wirklich eigenthümlichen Scene in allen Details, welche die Folge dieses vielleicht (?) gerechtfertigten Vorganges war; es war an einem Samstag, als um 9 Uhr der General im Spital erschien und den Oberstabsarzt X. aufforderte, ihm zu zeigen, welche Maassregeln genommen worden seien, um im Spitale selbst die Infection durch die anwesenden Beri-Beri-Kranken unmöglich zu machen. Es war nichts geschehen. Ohne nur einen Augenblick aus seiner Ruhe zu kommen gab er folgenden Befehl: Um 11 Uhr komme ich zurück; bis dahin müssen alle Beri-Beri-Patienten isolirt sein; das Magazin für Leibwäsche u. s. w. muss ebenfalls in zwei Theile getheilt sein, um die Leibwäsche dieser Kranken nach dem Gebrauch einer radicalen Desinfection unterwerfen zu lassen. Die Krankenwärter müssten gerade so wie auf den Cholera- und Pockenabtheilungen ihre eigene Wäsche haben u. s. w.

So geschah es auch; die Aerzte mussten nach allen Krankensälen eilen und alle Patienten, welche gleichzeitig an Beri-Beri litten, heraussuchen, sie sofort nach den nördlichen Sälen transportiren lassen, und die Officiere der Administration sorgten für die nöthige Isolirung dieser Krankensäle und für die getrennte Administration und Verpflegung.

Ich war diesbezüglich weniger glücklich in meiner Stellung als Garnisonsdoctor; ich sah in der B.-B. eine miasmatische Krankheit, und niemand hielt es damals der Mühe werth, diese Auffassung auch nur in Betracht zu ziehen.

Es war nämlich auf Ansuchen der Regierung zu dieser Zeit Professor Pekelharing mit zwei Assistenten in Atjeh angekommen, um bacteriologisch die Krankheitsursache der Beri-Beri zu suchen und zu finden. Wenn auch durch diese Untersuchungen erst die Bestätigung für die Kobler’sche Infectionstheorie gefunden werden sollte, so war doch gewissermaassen eine Anerkennung ex cathedra dieser Theorie gegeben, und ich — vertrat eine Theorie, welche unter dem Scepter der alleinseligmachenden Lehre, nämlich der Bacteriologie, nicht einmal einer Discussion würdig gehalten wurde.

Seit dieser Zeit sind 15 Jahre verflossen; die miasmatische Entstehungsweise der Beri-Beri wurde oft geleugnet, ebenso oft anerkannt, um endlich in diesem Kampfe der Ansichten Siegerin zu werden und zu bleiben — es sei, dass die momentan herrschende Entstehungstheorie der Malaria auch auf die Beri-Beri übergehen wird, d. h. dass man Mosquitos, Mücken oder ähnliche Insecten suchen und finden wird, welche die bis jetzt unbekannte Beri-Beribacterie in ihrem Leibe züchten und daher (??) auch die Erreger dieser Krankheit sein sollen.

Von den Theorien, welche das Entstehen der Beri-Beri-Krankheit erklären sollten, verdienen einige gewiss, der Nachwelt überliefert zu werden. So z. B. die des Generalstabsarztes Y., welcher behauptete, diese Krankheit sei nichts anderes als die Folge des Heimweh, weil constatirt wurde, dass die eingeborenen Soldaten von ihrem Leiden befreit wurden, sobald sie den Dienst verlassen haben und in ihre Heimath zurückgekehrt seien. Eine andere vielleicht etwas weniger phantastische Entstehungsursache beschäftigte jahrelang die indische Regierung und zwar, dass der schöne weisse Reis durch den Mangel des »Silberhäutchens« die Beri-Beri-Krankheit errege, während die Kulis und Gefangenen, welche den rothen ordinären Reis täglich verzehren, von dieser Krankheit verschont bleiben sollten??.

Einen wohlthätigen Einfluss hatten die Maassregeln, welche auf Grund der Ernährungsstörung als Entstehungsursache der Beri-Beri genommen wurden. Der Marinestabsarzt van Leent glaubte nämlich beobachtet zu haben, dass die Naturalverpflegung der europäischen Matrosen, welche durch einen grösseren Gehalt von Fleisch und Butter charakterisirt war, bei ihrer Anwendung in der Küche der eingeborenen Matrosen die Zahl der B.-B.-Fälle auf ein Minimum habe fallen lassen. Es wurde also im Jahre 1886 dieses Princip auf die Truppen der Landarmee angewendet; der wohlthätige Einfluss zeigte sich aber nur darin, dass — die grossen Portionen an Fleisch, Butter, Erbsen u. s. w. den Frauen und Kindern der eingeborenen Soldaten zu Gute kamen, welche von der Regierung nur ½ Kilo Reis und 3 Loth Salz pro Tag erhielten.

Ich will mich nicht weiter mit der Theorie der Beri-Beri-Krankheit beschäftigen und nur den Schlusssatz meiner Abhandlung beifügen, welche in der Internationalen Klinischen Rundschau 1887 Nr. 28–33 erschienen war: »Die Beri-Beri ist eine miasmatische Krankheit«.

Ich kann aber nicht umhin, noch einige diesbezügliche Beobachtungen mitzutheilen, weil ich voraussetze, dass auch der Laie einiges über diese interessante und so wenig bekannte Tropenkrankheit gerne lesen wird.

So z. B. kam im Anfange des Jahres 1887 ein Bataillon Hülfstruppen von der Insel Madura nach Atjeh, welches nach den Mittheilungen ihrer eigenen (eingeborenen) Officiere und nach jenen des begleitenden europäischen Arztes niemals Beri-Berifälle aufzuweisen hatte. Nach einem Aufenthalt von einem einzigen Monat waren von diesen 360 Mann 33 = 9½%!! der Beri-Beri erlegen, und als Anfang April der Befehl ertheilt wurde, das Bataillon in seine Heimath zurückzusenden, war es gänzlich durchseucht. Zuvor untersuchte ich auf Befehl des Platzcommandanten als Garnisonsdoctor die in Kuta radja anwesenden Maduresen; ungefähr 100 Mann kamen zur Untersuchung; von diesen hatten 59, also mehr als die Hälfte! ein oder mehrere Symptome der Beri-Beri: Wassersucht, Kachexie (Blutarmuth), grosses Herz, beschleunigten Puls und aufsteigende Gefühllosigkeit (Anaesthesia ascendens). (Keiner von ihnen hatte aber die atrophische oder trockene[69] Beri-Beri.)

Die Degeneration der Nerven beginnt, wie ich schon erwähnt habe, an den unteren Extremitäten und steigt successive nach oben; ich habe mich damals während meines Aufenthaltes im Spitale oft genug bemüht, durch elektrische Untersuchung der einzelnen Nerven frühzeitig die Diagnose zu sichern; die Resultate waren so ungünstig, dass ich zuletzt jeden weiteren Versuch aufgab, obzwar diese Untersuchungsmethode gerade von Pekelharing und seinem tüchtigen Assistenten, dem jetzigen Professor Winkler, geübt und empfohlen wurde. Ich schrieb die mangelhaften Resultate theilweise meiner unentwickelten Technik und theilweise den unbekannten Gesetzen der elektrischen Verhältnisse in den Tropen zu.

Die ausgesprochenen Formen der Beri-Beri werden jedoch durch die klinischen Symptome so leicht diagnosticirt, dass die elektrische Untersuchung überflüssig ist.

Ein Fall von atrophischer Beri-Beri oder trockener Beri-Beri, wie sie von den Malaien genannt wird, welchen ich damals im grossen Militärspital zu Kuta radja beobachtete, betraf einen wirklich beklagenswerthen Sträfling; er war an allen vier Extremitäten gelähmt und die Abmagerung war so stark, dass man zweifeln konnte, ob er denn wirklich Muskelfleisch besessen habe. Nicht einmal soviel Kraft hatte er, dass er die Speisen zum Munde führen konnte; dennoch heilte er in 4 Monaten so weit, dass er nach dem Hochlande der Provinz Padang transferirt werden konnte, wo die meisten Beri-Beri-Patienten sich beinahe bis zur Norm erholten.

Wenn ich auch an dieser Stelle die medicinischen Streitfragen der Beri-Beri nicht ausführlich besprechen kann und will — die Motivirung meiner Behauptung, dass sie eine miasmatische Krankheit sei, kann ja Jeder im oben erwähnten Aufsatze in der Internationalen Rundschau 1887 Nr. 28 ff. finden —, so glaube ich doch noch einige markante Momente aus jener fürchterlichen Beri-Beri-Epidemie mittheilen zu müssen.

Die indische Regierung stand damals (und steht noch heute) im Norden Sumatras auf dem Kriegsfusse. Der Guerillakrieg wüthete schon seit 1873, und in diesen 13 Jahren war durch den ewigen Wechsel des Regierungsprincipes, wie wir noch sehen werden, Holland gezwungen, sich auf den äussersten Punkt im Norden Sumatras und noch einige Küstenplätze zurückzuziehen. Diese wenigen Punkte musste sie, coûte que coûte, besetzt halten, wollte sie überhaupt den Norden Sumatras nicht verlieren und England dadurch zwingen, an ihre Stelle zu treten. Die Atjeer waren ja von jeher die gefürchtetsten Seeräuber, welche nicht nur die Strasse von Malacca stets bedrohten, sondern ihre Raubzüge bis auf den Continent und die entferntesten Inseln des Archipels ausstreckten.

Durch die Concentrirung im Jahre 1885 wurde der Feind aber übermüthig; er wagte es selbst, Kuta radja zu attaquiren; die Garnison musste also eine gewisse Stärke besitzen, sei es zur Vertheidigung, oder sei es, um hin und wieder Ausfälle zu machen und dadurch den Feind in unschädlicher Entfernung zu halten. Dazu gehört eine hinreichend grosse Zahl valider Mannschaften. Das epidemische Auftreten der Beri-Beri decimirte aber die Garnison, und die am Leben Bleibenden waren zu schwach, um Ausfälle oder Patrouillen zu machen. Es war daher ein steter Wechsel der Garnison nöthig. Aus dem ganzen Reiche: von Java, von Borneo, selbst von den Molukken mussten die Truppen nach Atjeh gesandt werden, um die erschöpften invaliden Soldaten abzulösen; im Hochgebirge des westlichen Sumatra oder Java erholten sich diese allerdings in der Regel in 4–5 Monaten; aber im Laufe der Zeit wurde die ganze indische Armee auf diese Weise durchseucht. (Der europäische Theil war gegen die Beri-Beri widerstandskräftiger als die Eingeborenen, und auch die Mortalität war nur unter den eingeborenen Soldaten eine sehr hohe.) Diese Andeutungen sind hinreichend, die Schwierigkeiten erkennen zu lassen, mit welchen diesbezüglich die holländische Regierung zu kämpfen hatte.

Fig. 17. Im hohen Schilderhaus.

([Vide Seite 142].)

Glücklicherweise beherrschte dieses graue Gespenst keineswegs die allgemeine Stimmung der (europäischen) Officiere und ihrer Familien. In Indien muss man Fatalist sein oder es werden, und im Bivouak muss man es bleiben. Der Officiersclub war jeden Abend stark besucht, jeden Sonnabend concertirte die Militärmusik nach dem Nachtmahl (von 9 Uhr ab) für die Freunde des Kartenspiels, und jeden Sonntag spielte die Musik von 6 bis 8 Uhr ihre fröhlichen Weisen für die Jugend und für die Damen. Die Officiere hatten nebstdem einen Dilettantenverein für die Aufführung von Operetten und Lustspielen errichtet, und die Unterofficiere gaben oft genug schöne Tingel-Tangelvorstellungen. Regelmässig hielten die angesehensten Officiere und Beamten ihre festen Empfangsabende, und häufig genug gab der Gouverneur »van Atjeh en Onderhoorigheden« einen Ball, auf welchem bis in die frühe Morgenstunde getanzt wurde, obwohl es nur zu oft geschah, dass um 5 Uhr früh das Alarmsignal die Officiere zum Ausmarsch rief vom Clubgebäude weg, wohin sie sich nach dem Tanze geflüchtet hatten, um das Fest ungestört durch die Anwesenheit von Damen oder Chefs besprechen zu können.

Auch die Freimaurer »arbeiteten«, d. h. sie hielten häufig Vereinsabende und feierten besondere Anlässe. Den 10. März 1887 hielten sie z. B. von 3–6 Uhr eine Trauerloge zur Ehre ihres verstorbenen Präsidenten und Meisters »Civil- und Militär-Gouverneur von Atjeh und Vasallenstaaten, Generalmajor der indischen Armee Henri Demmeni«, welcher zu spät den Schauplatz seiner Thätigkeit verliess und in Paya Combo (im Hochland von Padang) Heilung und Rettung von seiner schweren Beri-Beri vergebens suchte; er starb den 13. December 1886.

»Schwesterlogen« wurden gehalten, z. B. am 18. März 1888, zu denen die Frauen resp. die Töchter der Freimaurer Zugang hatten, und welche hauptsächlich in einem gemeinsamen Souper bestanden. Die Neugierde der Damen wurde dabei natürlich nur in geringem Maasse befriedigt.

Das Gebäude hiess im Volksmunde rumah séthan = das Haus des Teufels, war ein einfaches unansehnliches Haus und stand auf dem Wege nach Gedáh zwischen zwei Tokos (= Geschäftshäusern). Mir war immer unverständlich, welchen Zweck die Loge »Prins Frederik« damals in Kuta radja, am 20. August 1880 constituirt, erfüllen sollte. Damals war die Hauptstadt im Kriegszustande; ein Verkehr mit den Eingeborenen des Landes fand nicht statt; die kosmopolitischen und menschenfreundlichen Principien der Freimaurer können in Kriegszeiten unmöglich ein Feld zur Bethätigung finden. Sollte die Loge also nur den Zweck gehabt haben, den Gesinnungsgenossen den Austausch ihrer Erfahrungen, Ansichten und Zukunftspläne in freundschaftlichem Verkehr (den ersten Mittwoch eines jeden Monats) zu ermöglichen?

Der Krieg auf Sumatra wüthete damals schon seit vierzehn Jahren mit allen seinen Schrecken; aber, wie ich schon oben erwähnt habe, er vermochte nicht, die Officiere in ihrem fröhlichen täglichen Leben zu hindern, und zahlreiche Gelegenheiten wurden gesucht und gefunden, um den Ernst des Lebens durch Feste und Spiele vergessen zu lassen.

Ich und meine Frau betheiligten uns an diesen Festlichkeiten nur als passive Zuschauer; die erste Operette, welche wir in dieser Garnison sahen, war die »Grande Duchesse«, welche wir kurz vorher in Wien von Berufs-Schauspielern aufführen gesehen hatten. Einstimmig war unser Beider Urtheil, dass in Wien nicht schöner gesungen, nicht besser gespielt wurde, und die Ausstattung nicht schöner war, als in Atjeh, im Bivouak von Kuta radja. Auch ein Assaut, welches von Unterofficieren am Geburtstage des Königs aufgeführt wurde, war geradezu vortrefflich vom Stapel gelaufen. Es herrschte wirklich eine fröhliche und zielbewusste gute Stimmung unter uns Allen, obzwar täglich, oft selbst stündlich des Lebens Ernst mit der grössten Anforderung an uns trat. Die Beri-Beri, die Cholera, die Malaria und die Dysenterie mordeten in den Reihen der eingeborenen[70] Soldaten ebenso stark als die feindlichen Kugeln; oft hörten wir an einem Tage sechs bis sieben Mal den Trauermarsch, mit welchem diese Opfer zu Grabe getragen wurden.

Jeden Tag gingen Patrouillen von 40 Mann nach allen Richtungen das Terrain untersuchen, welches sie zwischen Kuta radja und der »Linie«, d. h. der Grenze des eroberten Landes durchstreiften; nur zu oft durchbrachen grosse Schaaren des Feindes die Linie und bedrohten die Hauptstadt. Dies geschah auch am 4. April 1887, ohne dass die Regierung von ihrer Anzahl auch nur eine Ahnung hatte. An diesem Tage kam die Nachricht nach Kuta radja, dass eine Schaar bewaffneter Atjeer sich bei Kuta radja bedil, also nur ungefähr 2–2½ Stunden von der Hauptstadt entfernt, versammelt hätte, um an den alten Sultansgräbern zu beten, und die »befreundeten Atjeer« zur Theilnahme an dem Kriege gegen die »Kâpirs« aufzufordern. Ein Bataillon Soldaten wurde sofort dahin geschickt, um sie anzugreifen und — gefangen zu nehmen. Um 10 Uhr Morgens ging ich von Gedáh nach Kôta álam und passirte den Anfang des Pedirdammes. Hier kam im Laufschritt der Capitain van den Generalenstab, Hauptmann X., athemlos gelaufen und rief mir zu: »Keine Tragbahren, keine Artillerie, 30 Todte, keine Medicamente und 69 Verwundete!« Ein trauriges Ende einer Patrouille, welche ein »paar Fanatiker« gefangen nehmen sollte!

Sofort ging natürlich Hülfe dahin ab, und alle Aerzte bekamen den Auftrag, um 5 Uhr im Spital sich zu versammeln und die heimgebrachten Opfer in Behandlung zu nehmen. — Die Gefangennahme war nicht gelungen. Es wurde Kriegsrath gehalten und beschlossen, in der Nacht eine zweite Expedition dahin zu senden, um Rache zu nehmen. Ich bekam den Auftrag, mit einem Assistenzarzt und der nöthigen Ambulanz die Expedition mitzumachen, und wurde Abends um 9 Uhr eingeladen, mich an dem Kriegsrath zu betheiligen. Es wurde der Plan entworfen, um ½4 Uhr Morgens aufzubrechen, um gerade bei Sonnenaufgang das Lager der Feinde angreifen zu können. Es war ein kühler Morgen; der Himmel war unbedeckt, und die Sterne erhellten hinreichend das Terrain, um ungehindert auf dem Damme marschiren zu können, zu dessen beiden Seiten nur niedriges Alang-Alang den trockenen Sumpfboden bedeckte; um 5¾ Uhr erhob sich die Sonne zu unserer Rechten, und hohes Schilfrohr bedeckte das Terrain der alten Sultansgräber. Oberst Barthelemy, der Commandant der Expedition, liess eine Salve geben, um sich zu vergewissern, dass im Schilfrohr kein Feind sich verborgen halte, und — »der Vogel war geflogen«.[71] Der Feind hatte sich mit dem moralischen Erfolge des vorigen Tages begnügt, die Gewehre der getödteten und verwundeten Soldaten mitgenommen und das Schlachtfeld verlassen — ohne die Truppen »nach Hause zu begleiten«.

Fig. 18. Ein atjeeisches Ehepaar.

([Vide Seite 153].)

Es gingen nämlich jeden Tag regelmässig Patrouillen in der Stärke von 40 Mann von der Hauptstadt aus, um in verschiedenen Richtungen das Terrain innerhalb der »Linie« zu durchsuchen und jeden Atjeer, der bewaffnet war, ohne einen Pass dafür zu besitzen, gefangen zu nehmen; oder aber es zogen grössere Truppenmassen aus, weil der Spionenbericht eingelangt war, dass auf irgend einer Stelle »der Linie« eine Schaar feindlicher Atjeer einen Einfall unternommen habe. Wurden in diesen Fällen feindliche Truppen angetroffen, so blieben sie nicht stehen und wichen so lange aus, bis die Patrouille der Verfolgung ein Ende machen zu müssen glaubte und umkehrte. Dann erst gingen die Atjeer zu dem Anfalle über; entweder griffen sie die letzten Männer der Nachhut mit dem Klewang (grosses Schwert) an oder legten sich in den Hinterhalt und schossen einige aus der Haupttruppe nieder und flüchteten sofort, sobald die Soldaten zum Angriffe übergingen; dieses wiederholte sich so lange, bis die Patrouille sich dem Hauptplatz genähert hatte. Die Atjeer combinirten nämlich ganz richtig, dass diese Patrouillen auf ihrem Rückwege schon ermüdet und übrigens auch weniger vorsichtig als beim Ausmarsch seien; in diesem damals schon 15jährigen Guerillakriege hat dieses »nach Hause begleiten« der Truppen vielleicht gerade so viel Opfer gekostet, als alle grösseren oder kleineren offenen Feldschlachten zusammen. Glücklich hat dieser »kleine Krieg« schon seit einigen Jahren aufgehört, weil die Holländer sich endlich entschlossen haben, ihr Ziel, Atjeh zu unterwerfen, unentwegt vor Augen zu halten, d. h. dem ewigen Laviren in der Weise von Kriegführen ein Ende zu machen. Einer der bedeutendsten Officiere der indischen Armee, der damalige Major Pompe van Meerdervort, theilte mir nämlich mit, dass Holland schon längst in den Besitz von Atjeh hätte sein können, wenn es nur ein einziges Mal an »Einem Princip« einige Jahre lang festgehalten hätte.

Das Princip der »alten ostindischen Compagnie« war ein sehr einfaches: sie eroberte sich an der Küste einer Insel einen Hafenplatz, erbaute ein Fort, errichtete eine Factory und wartete und wartete, bis die eingeborenen Fürsten in ihren ewig dauernden Fehden abwechselnd die Hülfe der Factory anriefen und dann: divide et impera.

Auch die Küste von Gross-Atjeh besass eine grosse Zahl von kleineren oder grösseren Fürsten, die sich von jeher stark bekämpften; ein Sultan, welcher mit Recht Sultan von Atjeh oder sogar von Gross-Atjeh genannt werden könnte, hat niemals existirt. Allerdings erhoben einzelne Sultane von Gross-Atjeh Anspruch auf Souveränitätsrechte von ganz Atjeh, von Deli, Siak, ja selbst von Djohor (auf Malacca); aber die Zahl dieser Prätendenten war zu gross, um praktische Erfolge zu haben; die Fürsten von Pasir, Pedir, Segli, Samalangan und Edi auf der Ostküste und die von Tenom, Analabu, Trunom, Singkel und Baros auf der Westküste Atjehs haben abwechselnd grossen politischen Einfluss gehabt, ohne dass ein Einziger von ihnen de jure und noch weniger de facto Sultan von Atjeh sich nennen konnte. Noch weniger hatte auf diesen Titel jener »Sultan von Kamala« Anspruch, welcher in der gegenwärtigen Zeit das Haupt der feindlichen Opposition auf Atjeh genannt wird.

Es trachteten die Holländer, getreu dem Princip: Divide et impera, die eifersüchtigen Streitigkeiten aller dieser zahlreichen Fürsten zu ihrem Ziele zu gebrauchen, aber über das »Wie« hatte jeder Gouverneur-General von N.-Indien und jeder Gouverneur von Atjeh eine andere Ansicht, und nur der oben erwähnte Pompe van Meerdervoort legte sein Amt nieder, als sich seine Ansichten in Widerspruch mit jenen des Gouverneur-General in Batavia stellten.

Seitdem England durch Tractat vom 2. November 1871 Holland »freie Hand auf Sumatra liess« und Atjeh sich weigerte, nicht nur die Souveränität von Holland anzuerkennen, sondern auch den Sclavenhandel auf der Insel Nias aufzugeben und den Seeraub in der Strasse von Malacca einzustellen, gab sich Holland alle Mühe, auf gütlichem Wege diese drei Bedingungen erfüllt zu bekommen, um endlich den 26. März 1873 den Krieg zu erklären und Atjeh dazu zu zwingen. Die Eroberung von Kuta radja gelang und ebenfalls das Errichten eines Forts in der alten Sultansstadt von Atjeh; aber die Fortsetzung blieb aus; bald bemühte sich Holland, durch Geld die anderen Fürsten zu gewinnen, d. h. die Souveränitätsrechte abzukaufen, bald durch die Waffen; der eine Gouverneur blockirte diesen oder jenen Theil der Küste, um die Ausfuhr der Landesproducte zu verhindern, der andere öffnete alle Hafenstädte und legte einen Ausfuhr-, der andere wieder einen Einfuhrzoll auf; der eine warb bei diesem oder jenem Fürsten Hülfstruppen und gab ihnen europäische Waffen; der andere nahm ihnen wieder alle Gewehre ab und liess ihnen nur das nationale Schwert, den Klewang. Bald wurde eine geringfügige polizeiliche Uebertretung zum Anlass genommen, einen Kampong (Dorf) dafür zu züchtigen, und bald wiederum wurde der Ueberfall einer Patrouille »als vereinzelt stehender« Racheact eines Privatmannes erklärt, welcher vor dem Friedensrichter sich verantworten musste. Die weitestgehende Veränderung der Politik geschah im Jahre 1885, welche, wie wir sehen werden, nach allen Richtungen hin traurige Folgen nach sich zog.


Auch die Elemente brachten, wenn auch nicht angenehme, so doch reichliche und oft interessante Episoden in unser tägliches Leben.

Bekanntermaassen zieht von den Philippinen eine stattliche Reihe von Vulcanen um die Südküste Asiens bis zu der Westküste von Hinterindien. Ob nun Java oder Sumatra »das grossartigste Vulcanenland der Erde« sei, weiss ich nicht; auf Sumatra sollen 60 Vulcane sich befinden, was bei einer Länge von 1117 km eine Durchschnittsziffer von 1 Vulcan auf 18 km Länge geben würde.

Wir hatten während unseres zweijährigen Aufenthaltes im Norden Sumatras also (?) häufig genug Gelegenheit, Erdbeben zu fühlen; aber einen thätigen Vulcan sah ich nicht; das Innere dieser Provinz ist beinahe ganz unbekannt, das Centrum des Erdbebens kam also stets aus einer terra incognita, umsomehr weil, wenigstens damals, auf ganz Atjeh sich kein Seismometer (Erdbebenmesser) befand. In der Regel beunruhigte man sich auf Sumatra sehr wenig durch das Auftreten von Erdbeben; mir selbst hätte ein solches (März des Jahres 1887) beinahe grosse Unannehmlichkeiten bereitet. Ich sass an diesem Tage im Officiersclub neben dem Dr. X., der seine Stellung als Stabsarzt etwas überschätzte. Er spielte L’hombre und meldete ein sans prendre an, welches wirklich sehr schwach war. Er gewann es, und ich wollte ihm das Lob geben, durch gutes Spiel dieses Solo gewonnen zu haben, und schlug ihm mit der Hand auf die Schulter mit den Worten: Jetzt haben Sie gut gespielt. In diesem Augenblicke warf mich ein Erdbeben so stark gegen ihn, dass dieser Schlag auf die Schulter unbeabsichtigt empfindlich wurde. Dr. X. sprang auf und mass mich mit seinen Blicken und rief mir zu: Wie erlauben Sie sich eine solche Vertraulichkeit zu mir? Das Schlingern der Lampen und das Klirren der Gläser bestätigten hinreichend meine unbeabsichtigt etwas stärker ausgefallene Aeusserung der Anerkennung seines guten Spieles und der Friede wurde nicht gestört.

Eine »Bandjir« (= Ueberströmung M.) brachte in der ersten Woche des Monat December (1886) ebenfalls hinreichende Abwechslung des täglichen Lebens und selbst mannigfache Zerstreuung. Damals war ich dem Spitale zugetheilt und wohnte demzufolge in der Vorstadt Pántej-Pérak (= Silberufer? M.) am linken Ufer des Atjehflusses. Ein Damm theilte diese Vorstadt in zwei Hälften; links standen die Kirche und das Pfarrhaus, und daran schlossen sich einige alte Häuser aus Bambus. Das Terrain war der alte angespülte Alluvialboden ohne Erhöhung, sodass das Entrée in dem Hause mit dem Damme in gleichem Niveau lag; am rechten Ufer war das Terrain im Niveau des Dammes, und die Häuser standen auf Pfählen von ein Meter Höhe.

Die Regenzeit des Jahres 1886 war eine ausgesprochene; täglich regnete es einige Stunden lang; der Atjehfluss wuchs täglich, und kaum hatte sein Wasser das Ufer erreicht, stand schon das Terrain links von dem Damme in der Vorstadt Pántej-Pérak unter Wasser; mein Haus hatte, wie gesagt, ½ Meter hohe Pfähle und blieb einige Tage von dem Eindringen des Wassers verschont; aber die Nebengebäude standen direct auf dem Lehmboden. In das Badezimmer, in den Abort und in die Küche konnte man nicht trockenen Fusses gelangen; schon am 1. December stand in diesen Räumen das Wasser 40 cm hoch, ohne dass die Köchin sich in ihrer Arbeit stören liess; sie schürzte einfach ihren Sarong bis zum Knie in die Höhe; dasselbe mussten ich und meine Frau thun, wenn wir die Nebengebäude benutzen wollten. Die Köchin wusste sich noch auf andere Weise zu helfen. In der Küche stand nämlich ein gemauerter Herd mit 5 Oeffnungen für das Holzfeuer; sie stieg einfach auf den Herd und bereitete auf diesem die Speisen in hockender Stellung, die sie ja bei allen ihren Arbeiten einzunehmen gewöhnt war. Bald stieg jedoch das Wasser bis über den Damm und drang auch in unsere Wohnung ein, und am 5. December sahen wir uns gezwungen, die Wohnung zu verlassen und von der Gastfreundschaft Gebrauch zu machen, welche uns von dem Intendanten des Spitals angeboten wurde. Auch das Terrain rechts vom Damme bekam bald eine Wasserschicht von ungefähr ½ Meter Höhe, und die Aerzte, Apotheker und Administratoren des Spitals hatten die Wahl, per Kahn, zu Fuss oder per Grobak täglich dahin zu gehen. Am häufigsten geschah es per Grobak, d. h. in einem Bauernwagen, welcher von einem Büffel gezogen wurde und seine Bestimmung hatte, Utensilien und Lebensmittel für das Spital vom Bahnhofe zu holen oder dahin zu bringen. Konnten wir diese weniger elegante Equipage nicht erhalten, so gingen wir zu Fuss; bekleidet mit der Nachthose, welche bis über die Knie heraufgeschlagen wurde, wateten wir durch das Wasser, und im Spitale erwarteten uns die Bedienten mit Schuhen, Strümpfen und Hosen.

Das Spital selbst lag ebenfalls auf ein Meter hohen Pfählen und bestand aus sieben Pavillons, welche mit einem ungefähr 800 Meter langen und bedeckten Corridor verbunden waren.

Hinter dem Spitale lag eine Caserne in der Vorstadt Kóta âlam, deren Terrain ebenfalls beinahe dreiviertel Meter hoch mit Wasser bedeckt war, so dass der Commandant, der damalige Major Pompe van Meerdervort, sein Pferd in seine Veranda stellen musste; er hatte sich aber einen grossen Kahn zu verschaffen gewusst, welchen die Officiere und die Officiersfrauen zu ihrer Spazierfahrt nach Kuta radja benutzen konnten; oft genug thaten sie diese zu Fuss und hoben ihren Sarong coquet in die Höhe. In den Tropen ist ein solcher Marsch im Wasser gar nicht bedenklich; wenn auch im December in Europa eine Ueberschwemmung gewiss eine Reihe von Erkältungs-Krankheiten oder wenigstens von sehr unangenehmen Zuständen veranlassen würde, auf Sumatra beschränken sich diese Unannehmlichkeiten auf die Verkehrsstörungen und auf das Auftauchen — vieler kleiner, aber sehr giftiger Schlangen, welche sich so viel als möglich auf trockenes Terrain flüchten und dadurch oft in die Nähe der Menschen gelangen; wenn sie auch, wie selbst die grössten Schlangen es nicht wagen, den Menschen zu attaquiren, so werden sie doch sehr gefährlich, weil man sie unbemerkt treten kann — sie sind ja höchstens 25 cm lang — und dann von ihnen gebissen wird.[72]

Fig. 19. Atjeer, welche einen Drachen fliegen lassen wollen.

([Vide Seite 157].)

Der Marabu, welchen ich kurz vor meiner Abreise von Kuta radja erhielt, darf nicht unerwähnt bleiben, wenn ich von meinen Zerstreuungen in dieser Garnisonstadt Ausführliches mittheile; er ist ja ein drolliger, komischer Kauz, so dass es wirklich Mühe kostete, sich über ihn und mit ihm nicht zu amüsiren; in seinem ganzen Thun und Lassen trägt er das Gepräge eines alten Herrn und ist nebstdem geradezu ein nützliches Hausthier; er lebt nämlich von thierischen Abfällen und wird in Indien in den Dörfern darum gerne geduldet; in meinem Garten verscheuchte er die kleinen Schlangen und Frösche, erhielt aus der Küche die Abfälle des Geflügels und jeden Tag seine Portion kleine Fische, welche ich auf dem Markte kaufen liess. Als ich Kuta radja verliess, gab ich ihn einem meiner Freunde zum Geschenk, ohne dass ich mich dazu entschliessen konnte, ihm die schönen weissen Federn herauszuziehen, welche bekanntlich kostbarer als die schönsten Straussfedern sind.