4. Capitel.
Fischschuppen-Krankheit — Tigerschlange — Schlangenbeschwörer — Gibbon — Kentering — Beri-Beri — Simulanten beim Militär — Mohammedanisches Neujahr — Tochter von Mangkosari — Kopfjagd — Pfeilgift — Genesungsfest — Gesundes Essen — Früchte — Indische Haustoilette — Wüthende Haushälterin — Dysenterie — Gewissenlose Beamte — Missionare.
Eines Tages stand ich vor der Palissade und liess meinen Blick über die Ufer des Baritu schweifen; das Wasser war sehr niedrig; 15 Meter war der Fluss seit früh gefallen; die Schildwacht hatte ihre Aufmerksamkeit vielleicht mehr den Frauen gewidmet, welche in dem schwimmenden Badehause (zugleich Abort) sich befanden, als dem Badehause selbst; endlich riss ein eigenthümliches Knarren ihn aus dem Träumen. Das Badehaus war nämlich mit grossen Rottangs an dem Ufer festgebunden, welche nach dem jeweiligen Stande des Flusses kürzer oder länger angezogen werden mussten; das Wasser war schon so tief gefallen, dass das schwimmende Badehaus mit dem einen Rande am schräg ablaufenden Ufer aufruhte und dadurch eine schiefe Stellung bekam. Sofort schlug die Schildwacht den in der Nähe hängenden Holzblock, einige Soldaten eilten herbei, und es gelang ihnen, das schwimmende Haus vor dem Einsturz zu retten, indem sie die Rottangs vom Ufer lösten und durch einen kräftigen Stoss das Badehaus gänzlich ins Wasser brachten. In finsteren Nächten hat die Schildwacht nur dieses eigenthümliche Geräusch zum Wegweiser, ob unerwartet das Wasser gefallen sei und das Gebäude bedrohe; denn die Schildwacht muss in der Nacht von den Palissaden geschützt sein; wie leicht könnte es sonst geschehen, dass ein oder der andere Dajaker sich heranschliche, um sich ihren Kopf zu holen?
Den Soldaten war es also gelungen, das Badehaus den Soldaten zu erhalten, die Schildwacht ging wieder in schläfrigem Schritt auf und ab, als sie plötzlich in der Tiefe des Ufers einen Kahn anlegen sah und mich darauf aufmerksam machte. Ein Riese stieg nämlich aus dem Kahne, der nur aus einem ausgehöhlten Baumstamme bestand. Bald folgten noch zwei Kähne mit zwei anderen Dajakschen Männern. Trotz der Tiefe des Ufers war seine Grösse so auffallend, dass ich die zwei andern Officiere zur Palissade rief; je höher er stieg und je näher er kam, desto mehr fiel mir neben seiner Grösse sein zerstörtes Wesen auf. Endlich erreichte er das Fort und ersuchte, mit dem Doctor sprechen zu können. Nachdem sie die Mandaus (Kopfmesser) abgelegt hatten und ich die Erlaubniss gegeben hatte, kamen sie zu mir, und ein eigenthümliches Gespräch begann; die drei Männer waren aus verschiedenen Gegenden gekommen und sprachen also drei verschiedene Dialekte; der Eine sprach den von Teweh, war jedoch nicht des Malayischen mächtig; ich liess also erst einen Bewohner von dem gegenüberliegenden Kampong holen, der beide Sprachen beherrschte, und ich hatte unterdessen Zeit, den Riesen näher zu beobachten. Zu Ehren seines Besuches hatte er ein Kopftuch angelegt, unter welchem jedoch die langen schwarzen ungekräuselten dicken Haare herabhingen; es bestand aus Baumbast, welches gefärbt war; nebstdem hatte er aus demselben Stoffe ein Röckchen ohne Aermel und ohne Knöpfe, welches also die Brust nicht bedeckte, und dann hatte er seinen Djawat (den Gürtel); das war also seine Galakleidung; was mich jedoch neben seinen zerstörten Gesichtszügen am meisten interessirte, war die Ichthyosis, d. h. der ganze Körper war mit Ausnahme des Gesichts, der Hände und Fusssohlen mit Schuppen bedeckt.
Wie ich später sah, ist beinahe ein Viertel der männlichen Bevölkerung mit dieser Hautkrankheit behaftet (von den Frauen finde ich in meinen Reisebriefen aus damaliger Zeit nichts diesbezügliches erwähnt). Auch gelang es mir niemals, über die Entstehungsursache dieser Fischschuppenkrankheit etwas zu erfahren; natürlich wurden die Lues, die Unreinlichkeit, der Genuss von Schweinefleisch u. s. w. in der Aetiologie dieser Krankheit genannt, ohne dass ich auch nur die geringste Bestätigung dafür finden konnte. Auch in Europa war mir ja eine Familie bekannt, wo die Fischschuppenkrankheit (= Ichthyosis) bei drei Brüdern vorkam (der vierte war davon befreit geblieben), und zwar ohne bekannte Ursache, die Eltern waren nämlich ichthyosisfrei. (Kaposi beschreibt mehrere Formen der Ichthyosis und nennt sie eine hereditäre Krankheit.) Mir gelang es niemals, eine Ursache für die Ichthyosis der Dajaker zu finden, und sie war so zahlreich, dass ich sie für die Dajaker eine endemische Volkskrankheit nennen musste.
Endlich kam der letzte Dolmetsch, und nach langer Debatte erfuhr ich erst das Folgende: Der lange Dajaker sei von der Quelle der Teweh zu mir gekommen, weil er an blutiger Diarrhoe leide; diese Krankheit hätte sich langsam und allmählich entwickelt, nachdem er vor acht Monaten von einer Tigerschlange (Python) attaquirt worden sei. Er ging nämlich um diese Zeit im Walde und hatte nur einen grossen Korb auf seinem Rücken; plötzlich fühlte er etwas Nasskaltes auf dem Rücken, er griff dahin, und in diesem Augenblicke schlang sich eine Sawahschlange viermal um seinen Thorax. Die Elasticität des Korbes rettete ihn vor einem sichern Tode; denn sie gab ihm Gelegenheit und Zeit, unter den Windungen der Tigerschlange sein Messer zu ziehen und mit raschen und kräftigen Zügen die Schlange — zu durchsägen. Diese Riesenschlangen, welche in Indien fälschlich für Boas gehalten werden, erreichen oft eine ungeheure Länge. In Buntok (zwischen Marabahan und Teweh) hatte eine Python den Stall eines Dajakers überfallen und war mit einer Gans davon geeilt. Durch das Geschnatter der übrigen Gänse aufmerksam gemacht, eilte er hinaus, und es gelang ihm noch, mit seinem Mandau ihr den Kopf abzuschlagen. Als ich den folgenden Tag ins Spital ging, sah ich den Rumpf auf der Strasse liegen; er war 9 Schritte, also mehr als 6 Meter lang; man will selbst Sawahschlangen von 8 Meter Länge gesehen haben. Diese Gans hatte ein sehr trauriges Schicksal, denn allgemein wird in Indien angerathen, Gänse in seinem Garten zu halten, weil sie durch ihr Geschnatter die Schlangen vertreiben sollten, und gerade eine Gans war es, welche sich die hungrige Python zu ihrem Opfer auserlesen hatte. Das beste Mittel jedoch, die Schlangen aus der Umgebung der Häuser fern zu halten, besteht darin, dass man rings um das Haus alles Gras ausrodet; die Schlangen lieben nicht die steinigen Wege, und wenn auch eine sich auf einen solchen Weg verirrt, so sieht man sie und läuft nicht Gefahr, sie zu treten und von ihr gebissen zu werden. Dies ist sehr wichtig; denn keine Schlange greift den Menschen an, und jede Schlange geht dem Menschen aus dem Wege, wenn er sie nicht tritt oder angreift. Man kann neben der grössten und giftigsten Schlange gehen, sie beobachten u. s. w., man bleibt unbehelligt, so lange man sie nur in Ruhe lässt. Ich habe zahlreiche Patienten behandelt, welche von giftigen und ungiftigen Schlangen gebissen waren. Auf mich machte es den Eindruck, dass der Biss einer giftigen Schlange nicht absolut tödtlich sei, und dass es allein davon abhänge, ob das Gift direct in eine Vene eingespritzt werde oder nur das subcutane Gewebe reize; im letzten Falle entsteht nur eine Entzündung mit consecutivem Exsudat, welches mechanisch die Aufnahme des Giftes in die Blutcirculation erschwert oder unmöglich macht. Damit ist natürlich der Process localisirt. Wenn jedoch der Giftzahn seinen Inhalt direct in das Lumen einer Vene entleert, so wird der tödtliche Ausgang nicht lange auf sich warten lassen; wenn nur eine Arrosion eines Blutgefässes ursprünglich stattgefunden hat, welche erst secundär die Wand einer kleinen Vene öffnet und den Uebergang des Giftes in den Blutstrom ermöglicht, ist natürlich noch nach Stunden und selbst nach 1–2 Tagen der Tod durch einen Schlangenbiss möglich. Da a priori diese Verhältnisse nicht erkannt werden können, ist es darum rathsam, sofort nach dem Bisse einer giftigen Schlange die Extremitäten abzuschnüren und die Wunde auszubrennen. (Compressen mit Ammoniak haben natürlich gegen die Aufnahme des Giftes ebenso wenig Erfolg als der inwendige Gebrauch desselben.) Ein Unicum in dieser Hinsicht sah ich im Jahre 1880 in Bantam (Süd-Westen von Java). Eine Frau sah ich mit einem exquisit komischen Stumpf des linken Unterschenkels und Contractur des Kniegelenkes. Auf meine Frage, wie sie dazu gekommen sei, erzählte sie mir, dass sie vor 13 Monaten von einer Schlange in den Fuss gebissen wurde, dass sie die Wunde (landesüblich) mit einer Kupfermünze bedeckt habe, welche wie ein Sieb durchlöchert war, dass die Wunde jedoch nicht heilte, sondern immer grösser und grösser wurde, und dass zuletzt der Fuss abgefallen sei. Da sie die ganze Zeit den Unterschenkel in gebeugter Stellung gehalten hatte, so hatte sich nebstdem die Contractur des Kniegelenkes entwickelt.
Auch hatte ich einmal Gelegenheit, einen Schlangenbeschwörer zu sehen und zu sprechen. Es war in Tjilaljap, wo ein Javane mit zwei lebenden, 2–3 Meter grossen Schlangen zu mir kam, welche sich um seinen Hals und Arme schlangen; natürlich erzählte er mir, dass er eine Medicin (obat) eingenommen habe, welche ihn gegen die Folgen eines Schlangenbisses unempfindlich gemacht habe. Als ich jedoch ihn frug, ob er vielleicht die Giftzähne ausgebrochen hätte und darum den Biss seiner Schlangen nicht fürchte, lächelte er mit verschmitzten Augen und bot sie mir zum Kaufe an. Da ich eine unbenutzte Volière aus Draht in meinem Garten stehen hatte, entsprach ich seinem Wunsche und liess sie dahin bringen. Es war an einem Samstag, an welchem Tage die meisten Männer Abends in den Club gehen, um Whist, L’hombre, Quadrille oder Billard zu spielen. Meine Frau bat mich, diesen Abend das Haus nicht zu verlassen, weil sie der Stärke des Drahtnetzes nicht vertraute. Als ich jedoch bei meiner Absicht verblieb, schloss sie alle Thüren und Fenster des Hauses sofort nach meinem Weggehen und verstopfte überdies noch die Ritzen zwischen Thür und Boden mit Lappen. Um 1 Uhr Nachts kam ich nach Hause, ging sofort nach der Volière, zündete ein Streichhölzchen an, um meine neuen Gefangenen im Schlafe beobachten zu können; ja wohl, »der Vogel war geflogen«, wie ein holländisches Sprichwort sagt. Der Käfig war leer. Im Stillen pries ich natürlich die Vorsichtsmaassregeln, welche meine Frau genommen hatte, und ging zu Bett, ohne meiner Frau etwas von der Flucht der beiden Schlangen zu erzählen. Am andern Morgen rief ich das ganze Personal herbei, den Kutscher, die Bedienten, die Köchin, die Babu (Zofe) und den Gärtner, und theilte ihnen das Vorgefallene mit. An Stelle des Entsetzens und Furcht, was ich von ihnen beim Hören dieser Botschaft erwartete, bekam ich nur die kurze Antwort »baik« = gut, und sie gingen — die Schlangen suchen. Die grössere der beiden lag ruhig am Eingange des Gartens zu schlafen. Der Kutscher nahm einen grossen Bambus, legte an das eine Ende eine Schlinge und näherte sich vorsichtig der schlafenden Schlange (es war eine Python bivittatus, welche auch von den Chinesen gegessen wird). Ebenso schnell als geschickt zog er die Schlinge über den Kopf, zog das freie Ende des Strickes, welches er in der Hand gehalten hatte, an, und der Flüchtling war wieder gefangen. Mit Hurrah wurde sie in den Garten gebracht, und ich liess sofort das Todesurtheil über den Deserteur aussprechen. Es bleibt eine solche Nachbarschaft immerhin gefährlich, weil ihre Bewegungen geradezu geräuschlos sind. In Teweh bekam ich einen solchen Gast sogar einmal ins Schlafzimmer und ins Bett. Es war nämlich Ueberströmung und die Schlangen der Umgebung flüchteten sich aufs Trockene (hinter dem Garten begann nämlich ein kleines Hügelland). Ich hatte oft Gelegenheit, die Schwimmtüchtigkeit der Schlangen zu bewundern. Sollte diese die Sage von der Existenz der Seeschlangen veranlasst haben? Es war die erste Ueberschwemmung (1878), welche ich in Teweh mitmachte. Ich stand vor dem Fort, wo das Wasser schon 1 Centimeter hoch stand. Da sah ich ruhig und gelassen eine Schlange sich uns nähern. Ich stellte mich zur Seite, und kaum war sie auf dem trockenen Ufer angelangt, als ich mich niederbückte und mit einem kräftigen Schlage meines Stockes ihren Kopf zerschmetterte (??). Die Schlange war ungefähr 2 Meter lang; ich nahm sie auf meinen Stock und schleuderte sie weit in den Fluss; wie überrascht war ich jedoch, als ich sah, dass diese Schlange auf der Oberfläche des Wassers sich erholte, einfach umkehrte und wieder ans Ufer schwamm.
Bei dieser Ueberschwemmung sah ich zahlreiche Schlangen, welche aufs Ufer kamen, um Nahrung zu suchen. Eines Abends jedoch lag ich schon im Bett und las, als von dem Dachraum herab eine Schlange auf das Zelt meines Bettes sich fallen liess und mich mit fragenden Augen anblickte. Ich sprang aus dem Bett, holte ein grosses Hackemesser, und es gelang mir, mit einem Schlage den Kopf abzuschlagen.
Wenn ich auch die Furcht vor den Schlangen auf ihr richtiges Maass zurückführen will, weil keine einzige ungereizt den Menschen angreift, so muss ich doch vor diesen Reptilien warnen, weil man eben zufällig, und ohne es zu beabsichtigen, eine Schlange treten kann. Unser Fort stand auf Pfählen, und bei jeder Ueberströmung krochen kleine Schlangen, welche sich auf das Trockene flüchteten, auf den Pfählen des Hauses hinauf und kamen auf diese Weise auch in die Wohnung; dies waren die gefährlichen Ular (Schlange) welang und die Ular dedor; es sind dies kleine niedliche Schlangen von 20–40 cm; ihr Gift ist aber nach den Mittheilungen der Eingeborenen ausserordentlich lebensgefährlich.
Fig. 4. Mein erster Hausfreund.
Sehr bald hatte ich zwei junge Orang-Utangs und zwei Gibbons (Hylobates concolor) domesticirt in meinem Hause; der Orang ist ein Phlegmaticus, der Gibbon ist ein ausgelassener Junge, welcher den ganzen Tag nur auf tolle Streiche denkt und Mann und Frau, Alt und Jung, Thier und Mensch necken oder plagen will. Manchmal wurden seine tollen Streiche lästig, aber noch öfters musste selbst der grösste Hypochonder über ihn lachen. Ich hatte z. B. einen kleinen Honigbär (Ursus malayanus), welcher in einem eisernen Käfig lebte; er war ein gutmüthiges Thier, welcher seinen Reis sehr gerne mit den kleinen Hühnern theilte; wenn jedoch die alte Henne vor dem Käfig angstvoll gluckte, um ihre Jungen vor dem Gastherrn zu warnen, so fand sie kein Gehör bei den Küchlein; aber der kleine Bär hatte Mitleiden mit der besorgten Mutter; er wollte ihr helfen und zwischen den Stäben des Gitters die alte Henne hineinziehen. Die Henne schrie aus Leibeskraft, er liess sie jedoch nicht los und wollte sie mit seiner Pfote hineinzwängen, wodurch oft nicht nur Federn, sondern auch ein Stückchen Haut mitgerissen wurde. Hin und wieder gab ich ihm die Freiheit, und gerne trottelte er dann in die Küche. um bei den Dienstboten ein Stückchen Zucker zu holen. Weh ihm jedoch, wenn mein Gibbon ihn erblickte! Aufrecht kam dieser gelaufen ([Fig. 4]), die langen Arme hielt er in die Höhe, die Schenkel im Knie ein wenig gebogen und nach Aussen rotirt. So konnte ich meinen Gibbon langsam auf der Erde dem Bären nachlaufen sehen, der die Gefahren, welche ihm drohten, kannte und brummend weglief. Vergebliche Mühe; denn der Gibbon hat ihn sehr bald ereilt, springt ihm auf den Rücken, giebt ihm einen guten Biss und eilt schnell davon, wobei er dann auch seine Hände gebraucht. Der Bär ist wüthend und läuft dem Plaggeiste nach, brummend und heulend. Der Gibbon wartet geduldig ab, bis der Bär nahe ist, springt ihm wieder auf den Rücken, beisst ihn in die Ohren und springt auf den nächsten Baum oder auf einen Pfeiler der Küche. In seiner Wuth klettert ihm der Bär nach, ohne zu ahnen, welche Streiche der Gibbon ersinnt, um ihn noch mehr zu plagen. Ruhig bleibt er auf dem Aste sitzen, blickt auf den Bär, welcher brummend und langsam heraufklettert, mit vornehmer Ruhe herab, und wer, wie ich, seinen Blick kannte, konnte schon aus seinem Zucken der Augenlider wissen, dass der Gibbon verrätherische Pläne schmiedete. Endlich ist der Bär in seiner Nähe, der Affe schwingt sich mit seinen langen Armen, während die Fusse den Ast festhalten, unter dem Bären auf den Stamm des Baumes, lässt seine Füsse los und fasst jetzt die Hinterfüsse des Bären. Wie dieser auch brummt und heult, sein Plaggeist lässt die Füsse nicht los; er zieht so lange, bis das arme Schlachtopfer endlich dem Zuge nachgiebt und, gezogen von dem Affen, endlich den Boden erreicht. Noch einmal beisst ihn der Affe und verschwindet mit Windeseile im Fort.
Ein grosses Beobachtungsmaterial boten mir meine Hausgenossen aus der Thierwelt, und manches Mittheilenswerthe enthält darüber mein Tagebuch. Soweit es in den Rahmen einer Reisebeschreibung passt, werde ich sie in den folgenden Capiteln mittheilen, und jetzt vorläufig wieder dem Arzt oder vielmehr der Hygiene einige Seiten einräumen.
Im Allgemeinen tritt in Borneo die trockene Zeit (der Ost-Monsun) viel später ein als auf Java. Im ersten Jahre meines Aufenthaltes auf dieser Insel (im Jahre 1877) war sogar erst im August die erste regenfreie Woche eingetreten. Mit dem Eintritt der Monsune steht geradezu in einem Causalnexus der Gesundheitszustand von Menschen und Thieren. Welcher Theil des Jahres in den Tropen jedoch der gesunde oder der gesündere zu nennen sei, lässt sich im allgemeinen nicht behaupten; locale Ursachen spielen hierbei eine grosse Rolle. Was Teweh betrifft, so lag es nicht mehr in der Ebene des angespülten Landes. Aber das Bett des Baritu und des Nebenflusses Teweh, an deren Ufern unser Fort stand, war vorherrschend Lehmboden. Ein steter Wechsel des Wasserstandes charakterisirt diesen Strom auch noch in Teweh, wo die Ebbe und Fluth des Meeres nicht mehr merkbar ist; 10–15 Meter Unterschied im Niveaustande war eine häufige Erscheinung. Das Wasser bringt aus den Bergen eine Schlammmasse, welche reich an vegetabilischen und thierischen Stoffen ist, und lagert es (beim Sinken) auf den seicht absteigenden Ufern ab. Diese Schlammmassen sind die Brutstätte der todbringenden Miasmen. In der Regenzeit, wenn es täglich einige Stunden stark regnet, bleibt der Wasserstand hoch und bedeckt die sedimentirten Schlammmassen, und verhindert also gewissermaassen mechanisch das Entstehen der fieberbringenden Plasmodien. Aber auch in der trockenen Zeit können alle Bedingungen zur Existenz der Malaria, Beri-Beri u. s. w. fehlen. Wenn Tage oder Wochen lang, oder selbst Monate lang kein einziger Tropfen Regen fällt, wenn durch den niederen Wasserstand die Ufer Wochen oder Monate lang den versengenden, aber auch bactriciden Sonnenstrahlen ausgesetzt sind, und wenn selbst grosse Sprünge und Risse in den ausgetrockneten Lehmboden des Flussbettes kommen, auch dann fehlt den Miasmen jede Basis der Entwicklung.[7] In der Uebergangszeit zu beiden Monsunen (Kentering) sind jedoch im Gegentheil alle Factoren zu einer üppigen Entwicklung der Miasmen gegeben: Feuchtigkeit, Wärme und organische Stoffe. Ueberraschend gross war auch der Unterschied des Krankenstandes im Fort zu den verschiedenen Jahreszeiten. Während des Höhepunktes des Ostmonsuns, und noch mehr während des Westmonsuns, hatte ich oft Tage lang keinen einzigen Patienten. Sobald jedoch während des Ostmonsuns in der Woche ein- oder zweimal es regnete, oder sobald in der Regenzeit in der Woche einige Tage frei vom Regen blieben, meldeten sich alle Soldaten, welche früher schon an Intermittens gelitten hatten. Aber nicht allein die Malaria forderte in der Kentering ihre Opfer; auch die Beri-Berifälle bekamen ihre Recidiven zu dieser Zeit. Ich sehe noch den ersten Beri-Berifall vor mir, welcher sich in Teweh bei mir meldete; es war ein Soldat, welcher den ganzen Tag seinen Dienst verrichtet hatte und gegen den Abend unwohl wurde und mich nur um ein Linimentum ersuchte, weil er so schwere Füsse hätte. In der Absicht, den folgenden Morgen ihn eventuell zu untersuchen, liess ich ihm durch den Krankenwärter Spiritus camphoratus geben, ohne weiter mich mit ihm zu beschäftigen. Wie erschrak ich aber, als ich zu demselben Patienten in derselben Nacht gerufen wurde und ihn mit den stärksten und ausgesprochenen Erscheinungen der Herzparalyse sterbend sah. Es ist vor einigen Jahren in Atjeh geschehen, dass ein Beri-Beri-Patient als geheilt das Spital verliess und auf dem Wege nach der Caserne todt niederfiel. Ein solcher plötzlicher Tod scheint bei dieser Krankheit selbst häufig vorzukommen. Im Jahre 1880 hatte ich im grossen Militärhospital in Batavia »die Wacht«; in der Nacht wurde ich zu einem Beri-Beri-Patienten gerufen, welcher mit einer schweren Hydrops pericardii darniederlag; ich entschloss mich, ihm eine subcutane Injection von Pilocarpin zu geben, und schrieb das Recept auf die »Krankenliste«, welche für jeden Patienten angelegt wird und neben der Behandlung auch die Krankheitsgeschichte enthalten soll. Mit der »Liste« wurde das Pilocarpin aus der Apotheke geholt, und die übrigen Patienten des »Saales« umstanden das Bett, als ich ihm die Injection machte. Einer dieser Zuschauer hielt mir auch den Leuchter mit der Kerze (das Spital hatte zwar schon damals Gasbeleuchtung; aber dieser »Saal« war als temporärer Pavillon noch mit Oel beleuchtet). Hierauf ging ich wieder schlafen, und zwei Stunden später kam mir ein Krankenwärter melden: »Der Patient ist gestorben.« Ich nahm ihm die »Liste« ab, um die Stunde seines Todes aufzuschreiben, bevor ich mich angekleidet hatte, um bei diesem Opfer der Beri-Beri den Tod zu constatiren. Ich glaubte jedoch eine unrichtige »Krankenliste« zu haben, weil ich die Notirung vor der Injection darauf nicht sah; auf meine diesbezügliche Frage erwiderte mir der Krankenwärter, nicht Sidin, dem ich Pilocarpin eingespritzt hätte, sondern Amat, der mir bei dieser Gelegenheit die Kerze gehalten hatte, sei plötzlich gestorben!! Diese miasmatische Krankheit, welche mit der Malaria die indische Armee decimirt (die Beri-Beri sucht die meisten Opfer unter den Eingeborenen), wird im zweiten und dritten Theil noch ausführlicher besprochen werden müssen. Solche plötzliche Todesfälle aber geben dem jungen Militärarzte einen Wink, mit der Diagnose »Simulation« vorsichtig zu sein. Besonders die moderne Schule, welche nur Krankheiten und nicht den Kranken behandelt, hat an solchen irrigen Beschuldigungen eines unglücklichen Patienten oft genug Schuld; der junge Arzt baut in erster Reihe seine Diagnose auf den Befund durch Stetoskop, Harn u. s. w. Der Visus practicus fehlt ihm in Indien wie überall; Missgriffe sind also unvermeidlich; dies muss ihn also zur Vorsicht mahnen, die Diagnose »Simulation« nicht leichtfertig zu stellen. Ich weiss sehr gut, dass beim Militär damit grosse Schwierigkeiten verbunden sind; aber es ist nicht so arg, als man annimmt; herrscht ein guter Geist und Disciplin unter den Soldaten, sind, wie wir sehen werden, auch in Friedenszeiten die Fälle der Simulation nicht häufig, besonders wenn der Arzt sich nicht foppen lässt, und zur Zeit des »Ausrückens« noch weniger. Am 4. April 1887 sollte der Marsch nach Kotta-radja Bedil in Atjeh stattfinden, und an diesem Tage hatte sich kein einziger Soldat krank gemeldet!! Dass in ruhigen Zeiten die petites misères de la vie sich fühlbar machen, besonders wenn z. B. von einem Korporal oder Sergeant »Theorie« über die Handgriffe des Gewehres oder über die Bestandtheile der Kanone gehalten wird, dass dann die Soldaten Hülfe für ihre kleinen Qualen bei dem Doctor suchen, um eventuell »Frei vom Dienste« zu bekommen, spricht nicht gegen den »guten Geist unter den Soldaten«, sondern ist — begreiflich. Natürlich giebt es auch einige echte Simulanten in der indischen Armee. Einen solchen Fall hatte ich in Teweh zur Behandlung bekommen, und weil er ein Unicum in seiner Art ist, an den van Hasselt in seinem Buche über Simulation nicht einmal gedacht hat, will ich ihn etwas ausführlicher mittheilen. Ein Franzose, Namens Daudu, kam nach Teweh und meldete sich schon den andern Tag krank, »weil er so viel durch seinen Bauch leide«. Er stand vor mir als der Typus eines kräftigen, gesunden und schönen Mannes, hatte aber einen Bauch wie eine — schwangere Frau. Ich untersuchte alle Organe der Brust, sie waren gesund; der Puls regelmässig, die Schleimhäute waren normal gefärbt, der Stuhlgang, das Uriniren und der Appetit waren, wie er selbst mittheilte, normal; aber der Bauch war wie eine Trommel gespannt; es war unmöglich, durch Percussion Leber, Milz oder Nieren zu untersuchen; natürlich ergab auch die Palpitation ein negatives Resultat. — Ich kann und will nicht alle Details der Untersuchung und nur das Eine mittheilen: Nichts Objectives war zu finden, und keine andere subjective Klage äusserte der Patient (?) als: »j’ai tant de mal au ventre« oder »je souffre horriblement«.
Schmerzen für die Dauer zu simuliren, ist beinahe unmöglich, denn der Schmerz schreibt eine deutliche Schrift in den Zügen der Patienten; das erfahrene Auge unterscheidet den erheuchelten und den wirklichen Schmerz. Nun, der Schauspieler simulirt auch Schmerz, aber Tage oder Wochen lang die Rolle einer Mater dolorosa ununterbrochen zu spielen, wird wohl der grössten Künstlerin unmöglich sein. Dieses mochte wohl unser Freund Daudu gewusst haben und gab sich auch nicht einmal Mühe, durch ein leidendes Aussehen auf mein Mitleid Einfluss zu nehmen. Er hoffte alles von seinem grossen Bauch. Ich wusste mir also nicht anders zu helfen, als dass ich ihn zur Beobachtung ins Marodenzimmer aufnahm. Durch die Krankenwärter ihn observiren zu lassen, dazu hatte ich keine Lust; oder besser gesagt, zu wenig Vertrauen in die Ehrlichkeit und den Muth dieser Soldaten. Der europäische »Bediende« würde als Verräther wenn nicht durchgeprügelt, so doch boycottirt worden sein; und die eingeborenen »Handlanger« hätten gewiss ein gleiches Schicksal erfahren. Ich selbst kam natürlich so oft als möglich in den Krankensaal, und immer stand Daudu wie eine Säule in strammer Haltung vor seinem Bett und mit einem Bauche, als ob eine Pauke angebunden gewesen wäre. Kam ich in der Nacht und lag er, was sehr selten geschah, auf dem Rücken, so war das vorsichtigste Zurückziehen der »Sprey«, in welche er eingewickelt war, hinreichend, um ihn aufzuwecken, und der Bauch hatte sofort seine alte Haltung.[8] Ich gab ihm bei der Morgenvisite eine Morphiuminjection von 10 mg; er schlief jedoch nicht ein, weil er durch forcirtes Auf- und Abgehen und durch Kaffeetrinken die Wirkung des Morphium zu neutralisiren suchte. Zur Chloroformnarcose meine Zuflucht zu nehmen, konnte ich mich nicht entschliessen, weil ich keine Assistenz hatte. Sein Zustand blieb unverändert, d. h. er ass gut, trank, bewegte sich und lebte wie jeder andere gesunde Soldat, und jede Untersuchung ergab negatives Resultat. Unter diesen Verhältnissen musste das Vermuthen von Simulation in mir auftauchen, und zwar musste ich daran denken, ob er nicht ein »Luftschnapper« sei, der, wie gewisse hysterische Patienten, Luft in grosser Menge verschlucken können, oder aber, ob er nicht wie die Bauchredner gelernt hätte, in der Inspiration zu sprechen. Mit palliativen Mitteln mich aus dieser schwierigen Lage herauszuhelfen, wäre auch möglich gewesen; ihn z. B. frei zu stellen von allen schweren Arbeiten, als Corvédienste, Schildwache stehen u. s. w.; dies wollte ich nicht thun, weil ich damit direct oder indirect ihn für krank erklärt hätte, also ... ich wartete. Diesmal, wie späterhin sehr oft, brachte das Warten die erwünschte Aufklärung. Daudu wurde nicht müde mit seiner künstlichen Auftreibung des Bauches, aber er ging in die Falle, die ich ihm legte. Ich musste nämlich die Apotheke in Ordnung bringen; zu diesem Zwecke liess ich von Daudu neue Signaturen schreiben u. s. w. In der Apotheke stand auch, stets gefüllt, die »Feldverband-Kiste« und die »Feldmedicinen-Kiste«, welche je 30–50 Kilo wogen und beim Ausrücken von zwei Kulis mit grossen Bambusstangen auf den Schultern getragen werden sollten. Mit bewunderungswürdiger Leichtigkeit und Geschicklichkeit hantirte er mit diesen Kisten, als ob sie nicht einmal 5 Kilo wogen. Ich beneidete ihn oft um seine Körperkraft, die ihn dazu in Stand setzte; aber das Vermuthen, dass sein Zustand kein pathologischer sei, bekam dadurch beinahe Gewissheit. Ich sorgte dafür, dass der militärische Commandant auch Gelegenheit bekam, diese seine Körperkraft beobachten zu können, und zwar nicht nur momentan, sondern ich liess ihn oft stundenlang die schwersten Arbeiten in der Apotheke verrichten, z. B. die grossen Töpfe, Büchsen und Kisten einen ganzen Vormittag von einem Kasten in den andern überbringen u. s. w., so dass ich die Ueberzeugung bekam, dass Daudu nicht krank und dass sein Zustand ein artificieller sei. Nach zwei Monate langer Beobachtung hatte ich mir also die Ueberzeugung geschafft, dass sein Zustand ihm nicht hinderlich im Verrichten seines Dienstes sein könne (per analogiam). Der Zufall wollte es auch, dass um diese Zeit ein Transport mit militärischen Utensilien nach Bandjermasing gehen sollte. Daudu ersuchte mich, den Transport mitmachen (dies geschah zu Wasser in einem Boote) und zugleich von Bandjermasing nach der Superarbitrirungscommission zu Surabaja gesendet werden zu können. Mit der grössten Ruhe sagte ich ihm, dass dazu keine Ursache wäre, dass er nicht krank sei, dass er ganz gut seinen Dienst thun könne, und dass er also den folgenden Morgen das Marodenzimmer verlassen müsse. In der ersten Ueberraschung sprach er nur »C’est impossible, mon Doctor major«, und ich entliess ihn nur mit den Worten: »je l’ai vu que vous pouvez faire votre service.« Die Sache nahm natürlich den erwarteten Verlauf. Den andern Tag meldete er sich wieder krank, der Militär-Commandant frug mich brieflich (gemäss einer gegenseitigen Absprache), nicht ob er krank sei, sondern ob er seinen Dienst verrichten könne, was ich mit gutem Gewissen bejahen konnte; Daudu wurde bestraft, er reclamirte bei dem militärischen Commandanten in Bandjermasing, der mich ebenfalls um mein Gutachten officiell ersuchte; ich blieb bei meiner Behauptung, dass der Reclamant seinen Dienst verrichten könne; er wandte sich an das Kriegsgericht, und auch dieses verurtheilte ihn wegen Unwilligkeit und wegen Mangel an Achtung gegen seine Vorgesetzten, und endlich ... machte er alle seine Dienste. Zu gleicher Zeit wollte er sich in einem hochelegant französisch geschriebenen Brief, den ich noch heute besitze, an den Unterkönig wenden, in welchem er sich als das Opfer der mangelhaft entwickelten Wissenschaft der Medicin hinstellt, da nicht einmal so ein ausgezeichneter Arzt als Dr. Breitenstein seinen Zustand beurtheilen könne; er hat ihn aber auf mein Anrathen inhibirt. Einige Monate später musste ich einen Brief begutachten, welcher auf dem Wege der Gesandtschaft von seinem Bruder, einem Advocaten in Paris, an den Unterkönig geschickt wurde. In diesem frug dieser Advocat nur, wie es mit dem Magenleiden seines Bruders gehe. Ich begnügte mich, mitzutheilen, dass mir von einem Magenleiden des Daudu gar nichts bekannt war, da er während seines zweimonatlichen Aufenthaltes im Marodenhause zu Muarah Teweh sich eines solch guten Appetits erfreut hat, dass er nicht einmal an der gewöhnlichen Ration der Soldaten-Menage genug hatte, sondern sich oft noch Reis u. s. w. dazu kaufte. In einer ebenso feigen als läppischen Weise hat aber Daudu sich dafür an mir gerächt. Als ich im October 1880 Borneo verlassen musste, war ich gezwungen, einige Tage in Bandjermasing auf die Ankunft des Schiffes zu warten. Täglich ging ich nach dem Spital, welches im Fort lag, und passirte bei dieser Gelegenheit die Caserne der Artilleristen. Eines Tages stand Daudu in der Veranda, und gerade als ich vorbeiging, bog er so seinen Oberleib, dass ich nur das Ende des Rückens zu sehen bekam! Wohlweislich sprach ich ihn dafür nicht an, denn er hätte gewiss mit dem unschuldigsten Gesicht der Welt versichert, mich nicht kommen gesehen zu haben.
Solche seltene Fälle von Simulation sind in gewisser Hinsicht natürlich nicht gefährlich; d. h. wenn man aus Unsicherheit der Diagnose oder aus zu grosser Gewissenhaftigkeit hineinfällt, so wird nicht leicht ein zweiter Soldat es wagen, ein solches Leiden zu simuliren; aber bei anderen simulirten Krankheiten geschieht dies häufig; denn dem Soldaten macht es immer Freude, seinem Vorgesetzten ein Schnippchen schlagen zu können. Im Jahre 18.. kam z. B. ein Soldat mit Schmerzen in dem rechten Oberarm ins Spital zu M.... Per exclusionem zweifelte ich keinen Augenblick, dass dieser Patient einige Tage im Spitale ausruhen wollte, und theilte dies dem jüngeren Arzt mit, dem ich meinen Dienst übergab, weil ich auf Urlaub ging. Dieser wusste es natürlich (?) besser als ich, diagnosticirte: Neuritis brachialis, und als ich zurückkam, waren drei solche Fälle, und zwar von demselben Bataillon und von derselben Compagnie im Spital. Sogar ein vierter meldete sich mit dieser Krankheit; ich untersuchte ihn nach den Regeln der Kunst und schrieb ihn schon den folgenden Tag aus dem Spitalstande. Es kam kein neuer Fall von Neuritis brachialis mehr zur Behandlung, und auch die übrigen drei verliessen in einigen Tagen geheilt(?) das Spital.
Den 6. October (1877) war das mohammedanische Neujahrsfest (1294). Die Mohammedaner feiern diesen Tag mit allem Luxus, der ihnen zu Gebote steht; Jeder geht in seinem neuen Kleide in die Moschee, spazieren und Visite machen; auch zu uns kamen sie ins Fort und zwar unter einem fürchterlichen Raketenfeuer. — Ueberall wird Feuerwerk (mortjon) an diesem Tage angezündet, und je stärker das Donnern und Poltern desselben ist, desto grösser ist das Vergnügen dieser Menschen. Wenn man am mohammedanischen oder chinesischen Neujahr durch die Strassen einer grossen Stadt Javas fährt, hält man sich krampfhaft das Herz, weil man fürchtet, dass die Pferde durch das tolle Schiessen, oder getroffen von den Funken des Feuerwerkes scheu werden; sie gewöhnen sich jedoch so daran wie die Menschen. Dass natürlich die europäische und halbeuropäische Jugend an diesem lauten Vergnügen activ Theil nimmt, ist selbstverständlich. Wie viel tausend Gulden an einem solchen Tage für dieses Freudenschiessen verschleudert werden, weiss Gott. Sehr selten hört man jedoch von einem Unglück bei dieser Gelegenheit. Ich selbst hatte nur im letzten Jahre meines Aufenthaltes in Indien eine kleine unangenehme Ueberraschung durch die Mortjon zu erleiden. Ich fuhr nämlich in meiner Equipage von Samarang nach Tjandi und suchte so viel als möglich dem Feuerwerke aus dem Wege zu gehen; kaum war ich jedoch auf der grossen Strasse, als ein Knabe sein Bündel mit brennenden Mortjons in die Luft warf; ohne darauf zu achten, fuhr ich weiter. Wenige Minuten darauf jedoch stieg auf meiner Seite eine kleine Rauchwolke und eine Flamme in die Höhe. Das Mortjon hatte die offene Rücklehne getroffen und in Brand gesetzt.
Fig. 5. Erste Begegnung mit der Tochter des Fürsten Mangkosari.
Zu den Besuchen, welche wir damals erhielten, gehörte auch die Tochter Mangkosari’s, welche natürlich nicht zu uns selbst, sondern zu unseren Haushälterinnen kam. Ein langer Zug von 20–25 Frauen zwischen 15–25 Jahren näherte sich dem Fort. An der Spitze des Zuges ging jene stolz wie eine Juno und schön wie eine Venus. Mit ihren feuersprühenden Augen und elfenbeinernen Zähnen verrieth sie in ihrem gemessenen Schritt und der ihrer hohen Abkunft bewussten Haltung ihre fürstliche Abstammung. Bei ihrem Eintritt legte sie ihre kleine, weiche Hand in die meinige mit den Worten slamat taon Baru = glückliches Neujahr, ging stolzen und erhobenen Hauptes bei mir vorbei in das hintere Zimmer, wo meine Haushälterin auf dem Boden sass, und liess sich ebenfalls nieder, während das Gefolge in gemessener Entfernung ein Gleiches that. Natürlich war der Boden mit (Singaporschen) Matten bedeckt, und meine Haushälterin, welche von der Ankunft dieser Fürstentochter verständigt war, hatte für Gebäck, Zuckerwerk und Thee gesorgt. Ihr zurückhaltendes Benehmen gegen mich hatte seine gute Ursache. Täglich machte ich nämlich vor Sonnenuntergang einen Spaziergang zwischen dem Fort und der Wohnung ihres Vaters, welche am rechten Ufer des Tewehflusses lag; ich ahnte nicht, dass jedesmal ein Paar schwarze, feurige Augen mich auf meinem Spaziergang beobachteten. Eines Tages jedoch kam ich an das Ende der Strasse, und sieh’ da! zwei schöne Frauen sassen auf einem gefällten Baume, welcher vor dem Hause Mangkosari’s lag. Die eine der beiden kannte ich bereits; es war die (halbchinesische) Frau des chinesischen Lieferanten des Forts; die zweite wurde mir als die Tochter Mangkosari’s vorgestellt. Selten habe ich ein so schönes Mädchen gesehen, und niemals mit einer schöneren Frau, als diese war, gesprochen. Im Laufe des Gespräches (in malayischer Sprache) bot sie mir ([Fig. 5]) Früchte aus dem Körbchen an, welches sie in der Hand hielt; einen Augenblick zögerte ich, diese Liebesgabe anzunehmen — die Frauen standen auf und mit einem kurzen und gemessenen Tabeh (Gegrüsset) verliessen sie mich. Nur zweimal noch bekam ich hierauf während meines dreijährigen Aufenthaltes in Teweh die Tochter Mangkosari’s zu sehen, und zwar beim erwähnten Neujahrsfest und 1½ Jahr später, als die Frau des Mangkosari schwer erkrankte und mich um Hülfe ersuchen liess.
Den 3. Mai 1878 hatte ein Dajakscher Jüngling in unserer nächsten Nähe sich seinen Brautschatz geholt. Ungefähr 500 Schritte hinter dem Fort waren einige Malayen mit dem Fischfang beschäftigt, plötzlich sprangen einige Dajaker aus dem Gebüsche; vier von ihnen gelang es, je einen Malayen beim Kopfhaar zu fassen und ihm mit dem Mandau mit einem Schlag den Kopf abzuschlagen. Ebenso schnell als sie gekommen waren, wussten sie auch zu entfliehen, bevor die übrigen Fischer sich von ihrem Schrecken erholt hatten. Nur die kopflosen Leichen ihrer Kameraden und die Blutspuren, welche in den Urwald führten, waren die traurigen Ueberreste dieser Kopfjagd. Die Kopfjäger schnitten mit den kleinen Messern, welche sich auf der Scheide der Mandaus befanden, das Fleisch von den Köpfen ab, die langen Haare derselben banden sie an die Griffe ihrer Schwerter, und frohlockend zogen sie weiter, in der Ueberzeugung, mit ihren Schätzen jedes spröde Frauenherz erobern zu können. Die Werthscala eines Kopfes ist folgende: Sclave, Kind, Frau, Dajaker, Malaye, Chinese und Europäer. Die Leiche des einen Opfers wurde mir als corpus delicti des Verbrechens zur Obduction gebracht. Ich habe seitdem keine Gelegenheit mehr gehabt, eine solche Leiche zu obduciren; ich weiss also nicht, ob es Zufall war, oder ob es immer geschieht: am Rumpfe befand sich nur ein Schnitt, der den Zwischenraum zweier Halswirbel durchzogen hat. Was ich darüber bei Perelaer und Schwaner gelesen habe, und was mir darüber von den Eingeborenen erzählt wurde, stimmt damit überein, d. h. der Kopfjäger liegt im Hinterhalt, springt im gegebenen Augenblick auf sein Opfer, fasst es bei den Haaren, und mit einem Schwunge seines Mandaus trennt er den Kopf vom Halse. Diese Trophäen sind den Dajakern das Zeichen des persönlichen Muthes, und darum wurden sie damals von den Bräuten von ihren Freiern gefordert. Mittheilenswerth ist die Erzählung, welche Perelaer in Nr. 11 vom Militär-Spectator 1864 bringt. Im Jahre 1860 reiste Harimaung nach Kwala Kapuas und schloss mit den Beamten dieser Gegend ein Bündniss und beschwor, die Kopfjagd aufzugeben und auch in seinem Reiche die Kopfjagd zu verbieten. Viele Jahre hielt er sein Wort, bis ihn die Liebe wortbrüchig machte, obwohl sein Vater und seine Freunde ihn als Feigling behandelten und beschimpften. Er ging auf Freiersfüssen, ohne jedoch seine Braut heimführen zu können, weil er noch keinen Kopf erbeutet hatte, ja noch mehr, sie bot ihm den saloi (den kurzen, bis zum Knie reichenden Sarong) mit den Worten an: »Du bist kein Mann, Du musst Frauenkleider tragen.« Auch diesen Schimpf ertrug er, um dem Wort treu zu bleiben, das er dem Commandanten von Kwala Kapuas gegeben hatte. Als aber seine Geliebte einem berühmten Kopfjäger aus Miri (Kahajan) Gehör gab und selbst als Bräutigam annahm, da schwanden seine guten Vorsätze. Eines Tages verschwand er plötzlich und kehrte nach einigen Tagen zurück, mit seinem Korb auf dem Rücken, welcher vier Köpfe enthielt. Der süsseste Liebeslohn strahlte aus den Augen seiner Geliebten, als er den Korb vor ihren Füssen hinstellte und die Schädel herausrollen liess. Er aber blieb ruhig stehen und streckte seine Hand nach dem auf dem Boden liegenden Liebeslohn. Es waren die Köpfe ihres Vaters, ihrer Mutter, ihrer Schwester und ihres — Bräutigams. »Du hast Köpfe gewünscht,« fügte er hinzu, »hier sind sie; ich habe meinen Eid gebrochen; ich darf nicht mehr unter die Augen des Commandanten von Kwala Kapuas kommen; sei verflucht!« Er floh in die Urwälder, welche er seitdem nicht mehr verlassen hat.
Natürlich giebt sich die Holländische Regierung alle Mühe, nicht nur unter ihren eigenen Unterthanen, sondern auch über die Grenze ihres Gebietes hinaus dieser grausamen Sitte zu steuern; abgesehen davon, dass die Sitten durch einen solchen Gebrauch nie milder werden können, ist die Kopfjagd eine der Ursachen, dass Borneo so schwach bevölkert ist.
Nach einer solchen Kopfjagd, wie sie Harimaung übte, bleibt natürlich die Blutrache nicht aus. Die Familie seiner Geliebten nahm Rache; sein ganzes Vaterhaus wurde ausgemordet und dessen ganzes Vermögen wurde zersplittert, und er selbst blieb — in den Urwäldern Borneos.
Lieutenant X., welcher gleichzeitig der Vertreter der Regierung gegenüber der Bevölkerung war (civile gezagvoerder), liess den Districtshäuptling Dakop kommen und gab ihm den Befehl, den Mörder auszuforschen, einzufangen und der Regierung auszuliefern. Unterdessen kam schon Mangkosari sich bei dem Commandanten melden und bot sich an, den Mörder zu suchen. Ich erinnere mich nicht mehr, ob Lieutenant X. sein Anerbieten annahm, denn es war noch keine Antwort auf sein Gnadengesuch eingelaufen, oder ob dieser Häuptling trotz des Verbotes des Militär-Commandanten diesen Kriegszug unternahm; genug an dem; einige Stunden später, während Dakop noch am Berathschlagen war, sah ich Mangkosari mit ungefähr 100 Mann den Baritu stromaufwärts fahren. Den andern Tag um 9 Uhr Abends sassen wir drei Officiere an der Whisttafel, als ein weihevoller Gesang an unser Ohr drang; wir traten zur Palissade; gellende Hurrahrufe mengten sich unter das gedehnte illa—la—lah há; eine ägyptische Finsterniss bedeckte die Landschaft, so dass wir nur einige Lämpchen wie Irrlichter auf dem Wasser schweben sahen; ein Blitzstrahl zuckte und zeigte uns vielleicht 40 kleine Kähne, welche sich unserem Fort näherten. Einer von ihnen blieb stehen, zwei Männer stiegen aus, wovon der Eine eine Laterne trug; als sie der Palissade nahe waren, erhob der Eine die Laterne, ein hundertstimmiges Hurrah drang zu unseren Ohren und wir sahen den zweiten Mann — ich glaubte, dass es Mangkosari selbst war — einen Schädel in die Höhe bringen, welcher, beleuchtet von der Laterne des zweiten Dajakers, uns den Mörder zeigen sollte, welcher mit seinem Kopfe sein Verbrechen gebüsst hatte. Wahrlich! eine eigenthümlich pittoreske Scene, die sich uns damals darbot! (Wer weiss, welchem unschuldigen Mann Mangkosari den Kopf abgeschnitten hat, um nur einen Beweis für seine Tüchtigkeit als Polizeimann zu geben.)
Noch dreimal hat während meines 3½ jährigen Aufenthaltes auf Borneo die Regierung von einer solchen Kopfjagd Nachricht bekommen. Der Einfluss der europäischen Civilisation macht sich natürlich, wenn auch langsam, doch sicher geltend, so dass heut zu Tage dieser grausame Gebrauch nicht so häufig geübt wird als früher. Dazu trägt auch die neue Waffe das ihrige bei. Als vor ungefähr 25 Jahren in der indischen Armee die Hinterlader eingeführt und die zurückgestellten alten Vorderlader auf Auction gebracht wurden, blieb kein einziges dieser alten Gewehre unverkauft. Auch unter den Dajakern befanden sich zahlreiche Käufer, welche die neue Waffe sehr gut zu gebrauchen lernten. Ich ging damals oft auf die Jagd und nahm einen Dajaker aus dem Gefolge Mangkosari’s mit, welcher mir das Gewehr trug. Bald wurde er ein geübter Schütze, der seinen Lehrmeister bei weitem übertraf. Vom oberen Laufe des Baritu kamen Ende 1879 die Fürsten von Murong und Siang nach Teweh und sahen damals zum ersten Male einen Dampfer und die neuen Beaumont-Gewehre; das Dampfschiff erregte mehr ihre Neugierde als Erstaunen; aber als sie das Hinterladergewehr gebrauchen sahen, sprangen sie wie Besessene vor Bewunderung. Ueber die Waffen der Dajaker, welche noch nicht von der Cultur beleckt sind, d. h. welche nur den Mandau, Schild, Pfeile und Blasrohr gebrauchen, ausführlich zu schreiben, würde überflüssig die Grenzen dieses Buches überschreiten.
Nur will ich mittheilen, dass ich mit dem Ipoh, dem Pfeilgift der Dajaker, einige Experimente gemacht habe. Ich habe nämlich 1 Gran = 65 Milligramm Ipoh in Wasser gemischt einem kleinen Affen ins Rectum eingespritzt. Obwohl ungefähr die Hälfte sofort wieder ausfloss und ich den Affen (Cercopithecus cynomolgus) nach Angabe der Dajaker sofort unter Wasser tauchte, bekam er doch nach ungefähr 10 Minuten Krämpfe und starb. Zweimal habe ich ein Schuppenthier (Manis pentadactyla) durch Ipoh getödtet; das erste Mal in Teweh und das zweite Mal, 16 Jahre später, in Java. Mit dem Messerchen gab ich zwischen zwei Schuppen einen Stich und steckte hierauf einen Pfeil in die Wunde. Im ersten Falle starb das Thier beinahe sofort nach der Operation, während es im Jahre 1896 doch noch ¼ Stunde dauerte, bis das Thier unter Convulsionen erlag. Nach Perelaer stamme das Gift von zwei Sorten Gewächsen; das eine, das Siren, stamme von einem Baume, und das andere, Ipoh, von einem Strauche. Nach meinen Untersuchungen dürfte in dem Theile Borneos, welchen ich bewohnt habe, Strychnos Tieuté Lechenault, und in Kapuas, Antiaris toxicaria die Quelle des Pfeilgiftes gegeben haben. Dass jedoch, wie Wefers Bettink behauptete, »das Pfeilgift von Borneo keine Spur von Strychnin enthalte«, kann ich, soweit es die Pfeile betrifft, welche ich in Teweh erhielt, nicht unterschreiben. Der verstorbene Professor Stricker in Wien schrieb mir seiner Zeit nämlich, dass das von mir gesendete Ipoh eine Strychninsorte sei.
»Greift nur hinein in’s volle Menschenleben, und wo ihr’s packt, da ist’s interessant.« So ging es auch mir während meines Aufenthaltes auf der Insel Borneo. In dem engen Raume des kleinen Forts herrschte Monotonie des ganzen täglichen Lebens. Als Arzt konnte ich nicht viel zu thun haben, weil hundert Soldaten, welche doch in der Kraft ihres Lebens stehen, nicht oft erkranken; als Mensch und als Officier kostete ich den Kelch eines der civilisirten Welt entrückten Bestehens bis auf die Neige, weil ich nur zwei Kameraden hatte, d. h. weil nur zwei Officiere und sonst niemand sich im Fort befand, mit denen ich verkehren konnte, und doch hatte ich keine Langeweile. Denn so oft als möglich (und natürlich immer auf eigene Verantwortung) verliess ich das Fort, um zu jagen, um Käfer zu sammeln, um einem dajakischen Feste beizuwohnen oder um an der Grenze des Urwaldes seltene Orchideen zu pflücken u. s. w.
So geschah es auch, dass ich den 25. Februar 1878 mit dem Bezirkshäuptling Dakop über den Baritu setzte, um hinter dem Kampong des Demong Djatra zu jagen. Der alte Kamponghäuptling war seinem Blasenkrebs erlegen, und sein Sohn Demong Djatra, der Nachfolger in dieser Würde, ist mein Freund (?) geworden. So oft als möglich besuchte er mich, d. h. so oft er Pulver für sein Gewehr nöthig hatte, und brachte mir hin und wieder auch kleine Geschenke, z. B. Früchte mit. Sein Gesichtsausdruck war der eines hinterlistigen Mannes, und vielleicht war dies die Ursache, dass mein Wau Wau ihn jedesmal attaquirte, wenn er zu mir ins Zimmer trat. Entweder riss er ihm wüthend das Tuch vom Kopfe oder er hing sich an seine Füsse und zerriss ihm die Hose (welchen Luxus er sich immer erlaubte, wenn er ins Fort kam), oder er sass zwischen den Spitzen der Palissade und riss ihn en passant, mit einem Ausdruck voller Wuth, bei dem Kragen, kurz und gut, er hasste den Demong Djatra. Dies war darum so auffallend, weil es der einzige Dajaker und der einzige Mensch war, dem mein Wau Wau solche unzweideutigen Beweise seiner Feindschaft gab, und weil thatsächlich Falschheit die Physiognomie dieses Häuptlings zeigt. Dass er zwei Jahre später das Haupt des Aufstandes war, will ich nur per parenthesim erwähnen, weil noch andere unserer »Freunde (sobat)« daran Theil genommen hatten, ohne dass sie einen solchen listigen Ausdruck gehabt hatten.
Als wir uns seinem Kampong näherten, sahen wir eine eigenthümliche Scene. Im Wasser stand mein »Freund« Djatra, vor ihm lag ein Boot, hinter ihm standen drei Männer in feierlicher Haltung und neben diesen eine Miniatur-Hütte, welche auf einem Gestell umgeben mit Wachslichtern ruhte. Im Hintergrunde standen die übrigen Bewohner des Kampong als Zuschauer. Unter den Frauen waren einige junge, welche über dem Knöchel eine Schnur mit kleinen Glasperlen hatten. Auf meine Frage, warum nicht alle Frauen diese Glasperlen über dem Knöchel tragen, theilte mir Dakop mit, dass nur jene Frauen oder Mädchen diesen Schmuck anlegen, welche zu heirathen wünschen. (Also eine dajakische Heirathsannonce!) Die drei Männer murmelten ihre Gebete und besprengten den Djatra mit Reis. Nun kam dessen Frau und kletterte auf einen Baum, der vor dem Boote im Wasser stand. Djatra nahm sein Mandau und hieb so lange darein, bis der Baum mit seiner Frau ins Wasser fiel. Jetzt stiegen Mann und Frau in den Kahn, welcher nichts mehr als ein ausgehöhlter Baumstamm war, und der älteste der drei Bliams fasste ihn mit den Händen und platsch! beide liegen im Wasser; das Boot wird, während die beiden das Wasser von sich abschütteln, gut mit Wasser abgespült, und diese Procedur wird dreimal wiederholt. Nach dieser Taufe eilen Mann und Frau an den Wall und kriechen in eine zu diesem Zwecke bereitete Grashütte. Burschen bringen brennende Fackeln herbei, eine zweite Frau (garde-dame!) leistet dem Paare in der niedrigen Hütte Gesellschaft, es stürmen die drei Priester mit Lanzen gegen die Hütte, umtanzen sie schreiend und mit den Lanzen schwingend und drohend; mit Hurrah springen die drei Insassen aus der Höhle und im folgenden Moment verbrennen die Flammen die Grashütte. Jetzt ist Djatra, welcher Reconvalescent nach einer schweren Krankheit war, vollkommen gereinigt und das Genesungsfest abgelaufen.
Zahlreich sind die Krankheiten des Magens, der Leber und der Därme, an welchen die Europäer in Indien leiden. Natürlich wird dem Klima die Schuld gegeben, die Ursache dieser zahlreichen Krankheiten zu sein, ob aber mit Recht, das ist noch die Frage. Denn in Indien wird zu viel gegessen und zu viel getrunken. Woher soll der Magen die hinreichende Menge des sauren Magensaftes nehmen, wenn er durch eine zu grosse Menge von Speisen überfüllt wird. Man hilft sich zwar dadurch, dass man zu den Speisen gewisse Gewürze zusetzt, welche eine grössere Production von sauerem Magensaft anregen sollen; aber dieses hat seine Grenze.
Zuletzt kann keine grössere Menge gesunden Magensaftes erzeugt werden; die grosse Menge aufgenommener Speisen wird nicht zur gehörigen Zeit verdaut in den Zwölf-Fingerdarm geschafft, weil der Magen atonisch geworden ist. Es muss Dyspepsie eintreten, weil nicht genug saurer Magensaft vorhanden ist, um die Fermentation der Speisen zu ermöglichen, und auch Plethora stellt sich ein, welche zu Congestionen der Leber und der anderen Baucheingeweide und zum Entstehen der Hämorrhoiden Anlass giebt.
Es lässt sich zwar nicht leugnen, dass in Indien die Flora und Fauna aussergewöhnlich üppig sind und dass also auch das Reich der Bacterien durch die immer herrschende Wärme und grosse Feuchtigkeit der Luft einen günstigen Boden zur Entwicklung hat; aber auch in Indien ist der sauere Magensaft im Stande, die Bacterien des Magens und des Darmes zu verzehren, wenn er in hinreichender Menge vorhanden ist. Daran denkt man in der Regel nicht, obzwar unter den Tropen der Stoffwechsel lange nicht so energisch ist, als in Europa. Jeder von uns weiss ja, dass in den kalten Wintermonaten der Appetit grösser als im Sommer ist, und doch wird in Indien, wo das ganze Jahr hindurch eine Temperatur von 25–40° herrscht, nicht nur nicht weniger gegessen und getrunken als in Europa, sondern sogar mehr. Zur Illustration dieser Behauptung will ich jetzt eine Beschreibung der Diners folgen lassen, welche man z. B. in Batavia in einem Hotel ersten oder zweiten Ranges erhält. (Wegen Mangel an Restaurationen und Kaffeehäusern bekommt man in den Hôtels auf Java die ganze Verpflegung und zwar für 4–6 fl. per Tag.) Beim Aufstehen des Morgens erhält man eine Schale Kaffee, welcher, so unglaublich es ist, nicht schlechter sein kann, als er ist. Zwischen 7–8 Uhr geht man zum ersten Frühstück.
Man erhält Thee oder Kaffee, zwei Eier, Butterbrot, Käse, Salami und Beefsteak. In Indien geborene Europäer nehmen gerne beim Frühstück einen Teller voll Nassi Gôrèng, d. i. Reis mit klein gehacktem Fleisch, Zwiebeln und Lombok (Paprika) in Cocosöl gebacken und mit zwei Spiegeleiern garnirt. Ich pflegte bei meinem Aufenthalt in Indien dabei zu bemerken, dass in Europa nicht einmal der Fürst von Reuss-Greiz-Schleiz-Lobenstein ein so reiches Frühstück habe, als ein einfacher Lieutenant in Indien. Vorläufig muss man damit bis 1 Uhr Nachmittags zufrieden sein. Um jedoch zu dieser Hauptmahlzeit (Rysttafel genannt) den nöthigen Appetit mitzubringen, steht vor dem Essen die Caraffe mit Genever und Bitterextract den Gästen à discrétion. Wie der Magyar seinen Sliwowitz, so nimmt der Holländer vor Tisch ein, zwei oder drei Gläschen »Bitter«.
Die »Rysttafel« führt insofern diesen Namen mit Recht, weil des Mittags täglich der Reis die Hauptrolle spielt. Aber wie gross ist die Zahl der Nebenrollen! Zunächst wird der Reis mit zwei Saucen begossen. Die eine, Kerry genannt, besteht aus Cocosmilch, Bouillon und zahlreichen Gewürzen mit Stücken von Huhn, Fisch, Krabben u. s. w. Die zweite Sauce besteht aus Bouillon und verschiedenen Sorten Grünzeug, worin ebenfalls die Extremitäten eines Huhnes, der Kopf eines Fisches u. s. w. schwimmen. Auf einem zweiten Teller werden aufgehäuft zwei bis drei Sorten Rindfleisch, zwei bis drei Sorten Huhn, Fisch, Krabben, ein bis zwei Sorten Eier, und niemals fehlt ein Stück gehacktes Fleisch (Fricadell). Dazu werden noch verschiedene Grünzeuge mit Lombok zubereitet gemischt.
Damit ist aber das Mittagsmahl noch lange nicht beendigt. Jetzt folgen noch Beefsteak, Erdäpfel und Salat, Käse mit Butterbrod, Früchte und Kaffee.
Die »Rysttafel« bekommt der Passagier nur auf den holländischen Dampfern, und zwar sofort hinter Aden, d. h. bei der Einfahrt in den Indischen Ocean. Auf den Schiffen der Franzosen und Engländer wird diese nur in einer Miniaturausgabe geboten. Ebenso wie wir es in den Hôtels auf Ceylon und Singapore sahen, wird nämlich auf diesen Schiffen nach der Hauptmahlzeit Reis mit einer Kerrysauce servirt.
Bevor ich die weiteren täglichen Mahlzeiten auf Java mittheile, muss noch erwähnt werden, dass Jeder, der es thun kann, nach diesem üppigen Mittagmahle Siesta hält. Zwischen 4–5 Uhr wird aufgestanden, ein Schiffsbad genommen, eine Schale Thee getrunken, ein Spaziergang gemacht, und um 7 Uhr Abends beginnt das gesellschaftliche Leben, d. h. man empfängt und macht um diese Zeit seine Visiten. Darnach nimmt man ein paar Gläschen Genever oder Portwein, und um halb 9 Uhr geht man an das Abendessen. Curiosums halber will ich die Abschrift des Menu geben, welches am 17. Jänner 1897 (ich glaube es war ein Sonntag) im Hôtel du Pavillon in Samarang (Java) den Gästen geboten wurde:
Caviar. — Bruinsoep (braune Suppe). — Croustades. — Visch met wortelen (Fisch mit jungen Rüben). — Rolade met celleri (Sellerie) au jus. — Eend (Ente) met doperwten (Zuckererbsen). — Compôte. — Gebak (Torte). — Nougaijs (Nougat-Gefrorenes). — Vruchten (Obst). — Koffie.
Es kann wohl vorkommen, dass die Gäste hin und wieder eine oder die andere Schüssel passiren lassen, ohne etwas davon zu nehmen, aber ich kann auch behaupten, dass in Europa auf keiner Table d’hôte den Gästen soviel geboten und von ihnen soviel gegessen wird als in Indien, und zwar nicht nur in den Hôtels, sondern auch am häuslichen Herd. Kann es also Wunder nehmen, dass die Europäer im Indischen Archipel so oft an Krankheiten des Magens, des Darmes und der Leber leiden? Wir wollen keine strengen Richter sein, schon darum nicht, weil die indischen Früchte und Gewürze gar so herrlich sind. Ich habe eine Zeit gekannt, dass ich dreimal des Tages die »Rysttafel« hätte essen wollen.
Von den zahlreichen Früchten, welche besonders saftreich sind, und deren Aroma oft von keiner einzigen europäischen Frucht übertroffen wird, will ich nur einige erwähnen, und zwar jene, welche mir am besten mundeten: die Ananas (A. sativa), Djambu (Anacardium occidentale), die Papaja (Carica papaya), Nonafrucht (Anona reticulata), Durian (Durio zibethinus), Mangistan (Garciana mangostana), Duku (Lantium domesticum), Mangga (Mangifera indica). Von den zahlreichen Gewürzen (Hass-Karl spricht von 119 allein aus dem Pflanzenreich) und ihren Zusammensetzungen, z. B. Kerry, Ketjab (Soja) kann ich nur dasselbe sagen; sie sind herrlich.
In den Hôtels habe ich natürlich von diesen herrlichen Speisen täglich genug bekommen, ohne dass ich damals mich an dem »zu viel« versündigt hätte, obzwar die alte Phrase: »in Indien muss man sich kräftig nähren« und »flink trinken« in den verschiedensten Variationen mir vorgeleiert wurde von Aerzten und auch von Laien, welche »in Indien geboren sind und darum am besten wissen müssen, was in »de Oost« gegessen werden muss, wenn sie auch keine Aerzte seien«. Es bleibt eine Phrase zu sprechen von der Wahl einer »nahrhaften Speise«, wenn man vielleicht 10–20 Schüsseln oder Schüsselchen mit eiweissreichen Speisen vor sich stehen hat. Für die Frage einer zweckmässigen Volksspeise, oder für die Ernährung eines Soldaten auf dem Kriegszuge, oder für arme Leute, welche keine Wahl haben, oder für Kranke, welche nur gewisse Speisen vertragen, für diese Probleme ist es nöthig, genau zwischen nahrhaften und nicht nahrhaften Speisen zu unterscheiden. Aber für das Gros der Bevölkerung ist in Indien diese Frage schon erledigt. Dem Eingeborenen ist der Reis eine bessere und gesündere Nahrung, als dem Proletarier in Europa der Erdapfel; denn nach Horford und Krocker hat der Reis nur 15·1% Wasser (und 6·3% Albumin, 73·6% Stärke, 4·6% Cellulose und 0·3% Salze), während die Erdäpfel nach Moleschot 0·5–2·5% Eiweiss, 0·4–1% Cellulose, 9–23% Stärke und 69–81% Wasser haben. Wenn der Malaye und Javane mehr Fleisch gebrauchen würde, dann wäre seine »Volksnahrung« gewiss eine zweckentsprechende und »gesunde« zu nennen.
Die europäischen Soldaten bekommen aber so viel Reis (0·5 Kilo) und so viel Fleisch (0·27–0·4 Kilo) und 30 Gramm Butter u. s. w., dass die zweite Frage die Hauptsache wird, nämlich: ob genug Abwechslung geboten wird und auch genug aufgenommen und verzehrt wird, oder ob nicht vieles geradezu für den Organismus verloren gehe. Die zahlreichen Gewürze haben zwar den Zweck, den Magen zur grösseren Production des Magensaftes anzupeitschen; dieses gelingt zwar eine Zeit lang, aber es dauert nicht lange. Auch Dr. Pollitzer, welcher fünf Jahre am Mississippi wohnte, sprach als seine Ueberzeugung aus, dass mehr als die Hälfte der Magen- und Darmleidenden nicht dem Tropenklima, sondern der unzweckmässigen Lebensweise ihre Krankheit zuschreiben müssen, weil, wie schon oben erwähnt, bei zu grosser Menge der aufgenommenen Nahrung der Magen nicht genug sauern Magensaft erzeugen könne.
Auch mir ging es in Teweh nicht besser. Ich hatte grössere Sorgen, etwas zu essen zu bekommen, das ich gerne ass, als eine »nahrhafte Speise« am Tisch stehen zu sehen; im Gegentheil, diese »nahrhafte Speise« bekam ich zum Ueberdruss und zwar: Beim Frühstück Beefsteak, nach dem Reis Beefsteak und Abends Beefsteak; nebstdem jeden Morgen zwei oder vier Eier; zu guterletzt konnte ich kein Ei mehr sehen und schon der Geruch der Beefsteaks nahm mir allen Appetit. Glücklicher Weise schmeckte mir damals die »Rysttafel« so gut, dass ich mich beim Mittagsmahl für den ganzen Tag satt essen konnte. Denn nur zu oft geschah es, dass das Brod von dem Lieferanten ungeniessbar war und er uns dafür den zweifachen Geldbetrag erstatten musste; für jeden Soldaten war dies ein Freudenfest, er konnte dafür eine halbe Fl. Bier, Genever oder Aehnliches kaufen und ass dafür sein Surrogat, Reis u. s. w. Für uns Officiere war es jedoch jeder Zeit eine arge Enttäuschung, des Morgens kein Brod zu haben. Keine Erdäpfel zu haben, — das waren wir gewöhnt; als im Jahre 1878 durch aussergewöhnlich niederen Stand des Flusses sechs Monate lang niemand zu uns kommen konnte, und zwar nicht nur kein Dampfer, sondern auch kein Transportboot mit Lebensmitteln, so dass z. B. kein einziges Schächtelchen Streichhölzchen auf ganz Teweh zu kaufen war, da fühlten wir erst recht unsere Einsamkeit. Nur die Post, welche auf einem Kahn, der nichts anderes als ein ausgehöhlter Baumstamm war, jede Woche uns gesendet wurde, war das Band zwischen uns und der ganzen übrigen Welt. Mit Angst sahen wir dem Tage entgegen, dass unser Vorrath an Kaffee, Bier, Wein und Genever ausgehen sollte. An »nahrhaften Speisen« hatten wir genug grossen Vorrath; denn der Lieferant musste stets für sechs Monate bei sich und für einen Monat im Fort an Vorrath haben: Reis, lebende Rinder, Petroleum, Salz u. s. w. Von diesen Lebensmitteln hatte der Lieferant vor dem Eintritt der trockenen Zeit zufällig für sechs Monate das verpflichtete Quantum in seinem Magazine aufgespeichert, so dass wir keinen Hunger zu leiden brauchten. Ist die Noth am grössten, ist die Hülfe am nächsten; es begann zu regnen, und der Fluss begann zu steigen, als die Cigarren, Wein, Genever, Streichhölzer und Butter nur noch in ganz kleinen Mengen in Teweh zu bekommen waren und zwar nur bei dem chinesischen Lieferanten der Armee. Ein anderes Geschäft bestand natürlich in Teweh nicht. Endlich konnte ein Dampfer wieder zu uns kommen, und ein Stein fiel uns vom Herzen, als wir ein Glas Bier erhielten und ein Päckchen Streichhölzchen in unserer Vorrathskammer geborgen werden konnte.
Die Worte »gesundes Essen« werden jedoch mit mehr Recht gebraucht als »nahrhaftes Essen«; es wird am häufigsten gebraucht bei der Wahl von Grünzeug, Früchten und gewisser nur in Indien gebrauchter Zuspeisen. Zu den letzten gehört die »Rudjak«, das sind Scheiben von meistens unreifen Früchten, welche mit einer dicken Sauce von Lombok, Zucker und »Trassi« gegessen werden. Verschiedene Sorten von kleinen Fischen werden mit Garneelen in Wasser und Salz in einem irdnen Topf zum Gähren gebracht und darin gelassen, bis ein Brei daraus geworden ist; das Wasser wird danach weggegossen, und der Brei wird zu kugelförmigen Stücken getrocknet. Diese stinkende Zuspeise (Trassi) wird von manchen Europäern und allen Eingeborenen sehr gern bei der »Rysttafel« gebraucht. »Rudjak« wird ohne Löffel oder Gabel und nur mit den Fingern gegessen. Ein Stück rauhe Gurke, Manga, Papaya u. s. w. wird in die oben erwähnte Sauce getaucht, gegessen und — als »gesundes Essen« gepriesen, d. h. von den halbeuropäischen Damen. Ueber die Frage, ob Grünzeug ein »gesundes Essen« sei, lässt sich weniger streiten; denn wenn auch Fleisch (in allen Sorten) ein gesundes Essen ist, so regt es zu wenig die Peristaltik des Darmes an, natürlich in gebräuchlicher Menge; darum ist es gut, neben dem Fleische auch andere Speisen zu nehmen, welche, wenn auch nicht reich an nahrhaften Stoffen, doch für eine hinreichende Bewegung des Darmes sorgen. Von diesem Standpunkte aus muss theilweise auch der Gebrauch der Früchte beurtheilt werden. Andererseits sind die Früchte so mannigfaltig, und es giebt von vielen Früchten so zahlreiche Sorten, dass es schwer fällt zu generalisiren, d. h. sie im Allgemeinen zu den »gesunden« oder »ungesunden« Essen zu rechnen. Es darf aber nicht vergessen werden, dass der Zuckergehalt gewisser Früchte und ihr Reichthum an Cellulose im Darme ungeheure Massen von nicht pathogenen Bacterien entstehen lassen, welche gewiss ein kräftiges Agens gegen die Entwicklung vom Krankheitserreger unter Umständen sein können. Wenigstens auf diese Weise erklärt Loebisch in Innsbruck den günstigen Erfolg einer Traubencur bei gewissen Erkrankungen des Darmes. Uebrigens hat die Früchtecur, von Sonius gegen die »Indische Spruw«[9] in Java eingeführt, wahrscheinlich derselben Ursache ihre günstigen Erfolge zu verdanken.
Die Zahl der Früchtesorten in Indien ist zu gross, um sie an dieser Stelle hinsichtlich ihres Nährwerthes zu beschreiben; aber ich kann nicht umhin, die am meisten gebrauchten Früchte mit einigen Worten zu besprechen:
Die Pisang, von welcher wir auf [S. 16] bereits sprachen, kommt in zahlreichen Varietäten auf den Tisch der Europäer; wegen ihres reichen Gehaltes an Amylum (±70%) wird von ihr niemals bezweifelt, dass sie »ein gesundes Essen« sei.
Die Ananas (Ananassa sativa) erfreut sich diesbezüglich schon mehr eines zweifelhaften Rufes; sie ist nämlich sehr saftreich und wird daher nicht von Menschen mit Hyperacidität vertragen; auch die Frauen fürchten manchmal diese süss-säuerlich aromatische Frucht, weil sie den weissen Fluss verstärken, die Menstruation zu stark anregen solle und das Fleisch ihrer Frucht wegen des grossen Gehaltes an Cellulose schlecht verdaut werde. Es ist gewiss überflüssig, das Fleisch der Frucht zu essen, und ich habe mich immer mit ihrem herrlichen Saft begnügt. (Dass sie jedoch, wie behauptet wird, auch ein Diureticum sei, weiss ich nicht aus eigener Erfahrung.)
Djambu ist, ich möchte sagen, ein Sammelname für Früchte aus den verschiedensten Pflanzenfamilien. Die Djambu bidji (Psydium guajava) kann leicht gelb oder roth sein; diese letztere mit Zucker bestreut, giebt den Geschmack von Himbeeren; sie ist so reich an Samenkörnchen wie die Ribisel, die Körnchen sind aber etwas grösser und haben ihr daher den schlechten Ruf besorgt, dass sie den Darm reizen, Proctitis und sogar den Tod unter Cholera ähnlichen Symptomen zur Folge haben könne. Kirschenkerne haben auch schon manchmal eine Apendicitis verursacht, ohne dass man darum die Kirsche selbst in den Bann gethan hätte. Die herrliche aromatische Djambu verdient diesen schlechten Namen schon darum nicht, weil ihre Körner vielleicht nicht einmal ⅙ der Grösse eines Kirschkerns haben. Die holländische Djambu (Persea gratissima) wird auch advocat genannt; sie stammt aus Westindien und soll dort Apocata heissen, woraus das indische Wort advocat entstanden ist. Sie hat die Grösse eines sehr grossen Apfels, ist eine Fleischfrucht und wird gegessen, indem man ohne Schale die Frucht zerreibt und mit Portwein mengt. Der feinste Mandelgeschmack ist nicht so fein und so angenehm, als von diesem Brei.
Die Papaja (Carica papaya) hat seit einigen Jahren in den europäischen Laboratorien Eingang gefunden, weil der weisse Saft der weichen Schale einen Verdauung befördernden Extract giebt: das Papajin. Diese Fleischfrucht erreicht oft die Grösse eines Kindskopfes und hat in ihrem Innern eine grosse Menge schwarzer Samenkörner, welche als Heilmittel manchmal gebraucht werden; sie ist sehr angenehm (besonders die Riesenpapaya) und aromatisch und wird beschuldigt, bei den Männern temporäre Impotens und bei den Frauen Fluor albus zu veranlassen; ich glaube weder an das Eine noch an das Andere. Sie wird roh mit Zucker und Wein gemischt oder in Zucker eingemacht gegessen. Auch Icterus (Gelbsucht) soll sie erzeugen.
Die Nonnafrucht (Anona reticulata) hat in früheren Zeiten als Aphrodisiacum gegolten, wie Bontius erzählt; aber heute ist diese mehlige, süsse Frucht trotz ihrer zahlreichen Samenkörner eine gern gesehene Frucht auf dem Tische der Europäer, ohne dass man an ihren Liebeszauber denkt oder glaubt. Die Anona muricata wird oft so gross als der Kopf eines Mannes und hat auch einen sehr angenehmen, sehr stark sauern Geschmack; ihr Fleisch wird zerrieben und durch ein Sieb gepresst, weil die Cellulose unangenehm im Munde ist.
Die Durian (Durio zibethium) erreicht die Grösse einer grossen Melone und kann dem sorglosen Wanderer gefährlich werden, wenn sie reif abfällt und den Kopf des Zerstreuten trifft; sie stinkt nach faulen Zwiebeln so stark, dass sie das ganze Haus verpestet, wenn man sie nicht im Hofraume, sondern im Hause öffnet; ihr Geschmack soll jedoch den aller übrigen Früchte der Welt an Feinheit übertreffen und wird von jedem gepriesen, dem es gelingt, sich an den fürchterlichen Gestank zu gewöhnen. Mir gelang es nicht.
Die Manggis (Garcinia mangostana) ist nach meinem Geschmack die beste der indischen Früchte und wird nach »van der Burg« selbst von Bontius durch folgendes Dystichon verherrlicht:
Cedant Hesperii longe hinc, mala aurea, fructus;
Ambrosia pascit mangostan et nectare divos.
Sie sieht wie ein Lederapfel aus, birgt jedoch hinter der fingerdicken, tanninreichen Schale grosse Körner mit schneeweissem Fleisch, welches einen süss-säuerlichen aromatischen Geschmack hat.
Die Mangga (Mangifera Indica), die Rambutan (Nephelium lappaceum), die Djeruks (Citrus), welche jedoch bei weitem nicht so aromatisch sind, als die europäische Orange, die Duku’s, Langsat, die Labu (Lagenaria idolatria), die Samangka (Wassermelonen) u. s. w., alle diese zahlreichen Früchte werden bald »ein gesundes«, bald »ein ungesundes Essen« genannt; die einen werden ein Diureticum genannt, die andern hätten einen scharf reizenden Saft u. s. w.; wir werden uns im zweiten und dritten Theil noch mehr mit ihnen beschäftigen und wollen darum jetzt wieder zu unseren Erlebnissen auf Borneo zurückkehren.
Von den indischen Frauen, oder besser gesagt, von den Frauen in Indien, zu schreiben, ist eine dankbare Sache. Das Geistesleben aller Frauen Indiens, von der hochgebildeten europäischen Frau angefangen bis herab zu der Wilden, zeigt einen festen Punkt, die Liebe; aber wie die übrigen Fragen und Phasen des täglichen Lebens zu dieser Cardinalfrage sich verhalten, giebt den verschiedenen Frauen den eigenthümlichen Typus, welcher am besten mit dem Worte Charakter bezeichnet wird. Dass natürlich die Verhältnisse des Tropenlebens, die Erziehung, die gesellschaftlichen Verhältnisse auf die Formung des Charakters einen grossen Einfluss nehmen, ist selbstverständlich. Ob aber dieser Einfluss grösser oder kleiner sei als der, welcher bedingt ist durch die Abstammung, d. h. in unserem Falle durch die Vermischung mit den Kindern des Landes, wage ich nicht zu entscheiden. Oft gehen nämlich Kinder aus gemischter Ehe in einem Alter von wenigen Monaten nach Europa, geniessen eine europäische Erziehung und kehren erst als Erwachsene nach Indien zurück. »Sofort klettern sie auf die Palmen,« sagt der Malaye und deutet damit an, dass diese leichter wie die in Europa geborenen, und ebenso leicht als die in Indien erzogenen Europäer die Sprache, Sitten und Gebräuche des Landes annehmen. Die in Indien geborenen Europäer werden Kreolen genannt und zeigen in ihrem Charakter dieselben Eigenthümlichkeiten, als die der gemischten Rasse, wenn auch die Hautfarbe weiss ist und das Jochbein und Oberkiefer nicht so stark prominiren als bei den »Halbeuropäern«. Darum mag in diesem Buche der Ausdruck »indische Damen« alle europäischen Frauen umfassen, welche in Indien geboren und in Indien erzogen wurden, ohne Unterschied, ob Vater oder Mutter, ob Grossvater oder Grossmutter von Eingeborenen abstammen, oder ob selbst »kein Tropfen Eingeborenen-Bluts in ihren Adern rollt«. (Charakteristisch ist die Thatsache, dass nur sehr vereinzelt der Fall dasteht, dass ein Eingeborener eine europäische Frau heirathet, während das Umgekehrte nicht selten geschieht und zwar dass ein Europäer »die Mutter seiner Kinder« zum Altar führt.) Bei den »indischen Damen« zeigt sich die Vorliebe für die indische Toilette geradezu als Charaktereigenthümlichkeit; keine europäische Dame z. B. wird gegenwärtig in indischer Toilette im Salon erscheinen oder Abendgesellschaften aufsuchen. Die »indische Dame« jedoch sieht darin nichts Indecentes.
Zu D... sollte eines Abends grosser Empfang beim Residenten sein; der Militär-Commandant erschien mit seinem Officier um 7 Uhr in Galatenu und fand die Frau des Residenten in — indischer Toilette, weil sie mit ihren Freundinnen beim Kartenspiel vergessen hatte, dass an diesem Tage ihr Mann, der Resident, seinen »jour« habe. Um nicht die Gäste warten zu lassen, blieb sie in ihrer Haustoilette. Die militärischen Gäste verliessen jedoch auf Antrag ihres Chefs sofort das Gebäude. Dieser Fall ist allerdings vereinzelt. Eine europäische Dame hätte natürlich lieber die Gäste warten lassen, bis sie die Haustoilette abgelegt hatte, als in solcher Toilette zu »empfangen«. Denn diese besteht nur aus einem bunten Rock, der um den Unterleib geschlungen und mit einem Bande befestigt wird; ein Leibchen, mit mehr oder weniger Spitzen garnirt, bedeckt den Oberleib; die »indischen Damen« haben unter dem Leibchen (Kabaya genannt) ein Unterleibchen (Kutang), welches die Rolle eines Mieders vertritt und weiter nichts. Ein indiscreter Wind wird nicht gefährlich, weil der bunte Rock, Sarong genannt, eng anschliessend ist, und es darum nicht viel Geschicklichkeit erfordert, den Sarong nach dem Winde zu drehen. Ist der Sarong aber von schlechter Qualität und die Sonne fällt auf ihn, dann sieht man nicht nur die äusseren Conturen des Körpers, sondern die schwach durchfallenden Sonnenstrahlen geben oft ein sichtbares, wenn auch schwaches Bild der schlecht verdeckten Theile. Nicht nur aus Schicklichkeitsgründen, sondern auch aus hygienischen ist es darum zu empfehlen, dass die Damen Unterhosen tragen; man transpirirt stark in Indien, der Landwind ist oft kühl, er spielt oft unter dem Sarong, dass es Mühe kostet, ihm (dem Winde) den Eintritt zu wehren; Darmkrankheiten in Folge Erkältungen sind dann unvermeidlich. Eine sehr zweckmässige Haustoilette sind Sarong und Kabaya, wenn darunter Unterhose und Flanellhemdchem (mit oder ohne Aermel) getragen werden, sie ist eine sehr praktische Nachttoilette für die Damen; auf die Strasse oder in den Empfangssalon gehört sie jedoch nicht. Ich weiss, dass diese meine Worte keinen Einfluss haben werden, denn die »indischen« Damen sind noch conservativer als die holländischen. Die indische Toilette entspricht zwar einem Bedürfniss. Wir würden in Europa im Hochsommer auch eine leichtere Kleidung für wünschenswerth finden; wir tragen aber der Schamhaftigkeit Rechnung und gewöhnen uns daran. Eine Unterhose und eventuell ein Flanellhemdchen unter der Kutang zu tragen, ist ja nicht so schwer, und es wäre damit dreierlei Vortheil erreicht: der Genuss einer leichten Toilette wäre verbunden mit der Schamhaftigkeit und dem hygienischen Vortheil eines Präservativs gegen Erkältung. — Dies ist auch die Toilette der eingeborenen Frauen, mit dem Unterschiede jedoch, dass die Kabaya sehr oft aus hell gefärbten Stoffen und nicht aus Leinwand mit Spitzen besteht; die Sonnenschirme und Kabaya sind schreiend roth, grün oder blau in allen möglichen Nuancen. Oft bestehen diese Kabayen aus Seide oder ähnlich glänzenden Stoffen, so dass das Auge von diesen grellen Farben — man sollte meinen — beleidigt, nein, im Gegentheil befriedigt wird. Gerade im Lande des ewigen Sommers mit dem hellen und scharfen Sonnenlicht gefiel mir dieses farbenreiche Kaleidoskop besser als in Europa, vielleicht, weil dieser »bäuerische« Geschmack dem ganzen Wesen der Malayen entspricht.
Von den Frauen der Dajaker werden ebenfalls bunte Kabayen getragen, und zwar bei ihren zahlreichen Festen; in ihrer Häuslichkeit ist der »saloi«, der kurze Sarong, ihr einziges Kleidungsstück, der von der Mitte des Unterleibes bis zum Knie reicht; bei einem Feste, welches mir zu Ehren gegeben wurde, erschienen sie jedoch in ihrem Galatenu, d. h. im sarong und badju (Leibchen ohne Aermel). Es wurde ein Ladang angelegt, d. h. ein trockenes Reisfeld. Wochen vorher wurde hinter dem Kampong ein niedriger Hügel durch Fällen der Bäume und Verbrennen der Reste von allen Pflanzen befreit. Zu der Aussaat des Reises wurde ich eingeladen. Eine Reihe von Männern bohrte mit einem zugespitzten Bambusstock Löcher in den Boden, und hinter ihnen stand eine Reihe von Mädchen und Frauen, welche einen Selindang nach malayischer Sitte trugen, ein Umschlagtuch, welches von der rechten Schulter zur linken Seite gezogen und befestigt wird, und darin war ein Körbchen mit dem Reis für die Aussaat. Endlich siegte die Natur über die Etiquette; die Mädchen und Frauen warfen Selindang und badju weg und rückten den Sarong in die Mitte des Bauches. Der Bildungsgrad dieser Frauen kann natürlich nicht mit europäischem Maassstab gemessen werden; sie spielen die Flöte, sie singen ihre Helden- und lyrischen Lieder und tanzen in anmuthigen Bewegungen ihre Chorreigen; im Uebrigen — lieben sie. Manche von ihnen hat auch in der Geschichte eine Rolle gespielt, wie z. B. Induambang, welche im grossen Aufstande gegen die Holländer im December 1859 die Dajaksche Helena war. Vor der Ehe führen sie ein so liederliches Leben, dass kaum jemals eine virgo intacta das Ehebett bestiegen hat. Kinder zu bekommen ist für solche Mädchen keine Schande; ehrlos ist sie jedoch, wenn der Vater nicht bekannt ist oder der Geliebte die Vaterschaft verleugnet.
Höher stehen natürlich die malayischen Mädchen und Frauen; von ihnen sind allerdings gewiss noch 95% Analphabeten, weil nur die Töchter der Häuptlinge die Schule besuchen, und zwar entweder die malayische oder die holländische Schule; läuft das malayische Mädchen von Borneo von 2–3 Jahren nackt auf der Strasse, mit einem silbernen Feigenblatt vor den Schamtheilen, welches mit einer Schnur um die Hüften gebunden wird, und Ringen an Händen und Füssen, so geht sie doch mit 7–8 Jahren schon mit einem Sarong und bunter Kapaya gekleidet, wenn sie die Schule besucht oder am Neujahrstag ihre Gratulationsvisite abstattet; sonst ist ihre Toilette der Sarong, welcher unter den Achseln befestigt wird; ihre Reife bekundet sie durch die Beschneidung, welche den meisten Europäern unbekannt ist, weil sie von einer Dukun (Hebamme) ohne Festlichkeiten ausgeführt wird. (Bei den Knaben hat die Beschneidung, wie wir sehen werden, immer einen mehr oder weniger öffentlichen Charakter.) Nach der Beschneidung tritt sie in alle Rechte einer heirathsfähigen Frau. Besonders die Häuptlinge auf den Inseln heirathen gerne eine junge Frau, um sicher ihres Kaufes zu sein, d. h. dass physisch und geistig der zarte Thau der Virginität erhalten sei; sie bezahlen auf Borneo 50–150 fl. Brautschatz; nur zu oft entläuft die junge Braut ihrem ältlichen Bräutigam, weil seine leidenschaftlichen Umarmungen schmerzhaft sind. Sie wird von ihren Eltern wieder in die Wohnung des Mannes gebracht, bis endlich dieser sein Ziel erreicht. Solche junge Frauen von 13–14 Jahren gehören bei den malayischen Häuptlingen Borneos zur Regel; sie sind dann auch zärtliche Frauen und finden sich recht gut in diese Rolle. Das ganze Aeussere ist bis auf die plattgedrückte Nase ein angenehmes, wenn sie kein Sirih kaut, die Zähne nicht schwarz färbt und nicht abfeilt. Das letzte ist natürlich Regel, weil es Volkssitte ist, aber oft unterlassen dieses jene Frauen, welche durch den Umgang mit den Europäern auch eine andere Geschmacksrichtung angenommen haben. So eine junge malayische Frau hat zierlich schöne Füsse, magere Hände mit langen, mit bunten Ringen geschmückten Fingern, welche etwas hyperextendirt, d. h. nach dem Rücken der Hand gebogen sind, eine schöne Büste, glänzend schwarze Haare und Augen, die Lippen sind etwas dick und die Ohrläppchen haben Oeffnungen von der Grösse einer Krone, welche ausgefüllt werden mit einem Cylinder, verziert mit zahlreichen Diamanten.[10] Das lange Haar wird auf dem Hinterkopf in einen grossen Knoten gebunden und trägt reiche Haarnadeln; der Sarong wird mit einem silbernen oder goldenen Gürtel über den Hüften, und die Kabaya mit 2–3 Nadeln, welche mit zierlichen Ketten verbunden sind, geschlossen. Auf den Armen tragen sie Armbänder.
Alle unsere drei Haushälterinnen waren Malayische Frauen, welche ihre Scepter im Hauptgebäude des Forts schwangen; nicht nur von den übrigen Soldatenfrauen, sondern auch von den Frauen und Männern des Kampongs wurde ihre Stellung sehr hoch geschätzt; die Eine fühlte sich als die Haushälterin des »Militär-Commandanten« als die höchste Person des Forts; die zweite fühlte sich in noch höherer Position, weil ihr »Mann« in der Caserne die höchste Autorität sei, und die dritte wollte von der gewichtigen Stellung ihrer zwei Colleginnen nichts wissen, weil sie die Tochter eines Hadji’s war und weil »ihr Mann« ein Doctor sei, von dem alle beide in allen täglichen Fragen des Lebens ganz und gar abhängig seien, und weil er den grössten Gehalt beziehe. Solche Debatten nahmen oft eine gefährliche Heftigkeit an; ich kam einst zu einer solchen thätlichen Scene; die Eine behielt ein Bündel Haare ihrer Nachbarin in Händen, während die dritte die Spuren eines Bisses im Oberarm für Wochen lang davon trug.
Während meines Aufenthaltes in Teweh, also vom April 1877 bis 1. Januar 1880, habe ich keine europäische Dame gesehen und gesprochen, und in Buntok, d. i. bis Oktober des Jahres 1880, habe ich im Ganzen nur mit drei europäischen Damen verkehren können. Die erste war eine »indische Dame«, und zwar die Frau des Controleurs, welcher in Buntok seinen Standplatz hatte und einige Wochen nach unserer Uebersiedelung von Teweh (1. Januar 1880) seine Frau zu sich kommen liess, weil er hoffte, durch die gleichzeitige Anwesenheit von Officieren seiner Frau wenigstens einige Gesellschaft und »Ansprache« bieten zu können. Die zwei andern Damen waren die Frauen von zwei Missionären, welche im Osten von dem Barituflusse, und zwar in Telang und Tamejang Layang, auf Kosten der Barmer Missionsgesellschaft der Bekehrung und Civilisirung der Dajaker sich gewidmet hatten. Späterhin habe ich nie mehr Gelegenheit gehabt, mit Missionären zu verkehren, und ich kann mir daher über die Arbeit dieser Männer im Allgemeinen aus Autopsie kein Urtheil erlauben. Von diesen zwei Männern jedoch bekam ich einen so ungleichen Eindruck, dass ich noch weniger das Thun und Lassen der Missionäre in Holländisch-Indien im Allgemeinen beurtheilen kann. Folgender Anlass gab mir Gelegenheit, diese zwei protestantischen Familien im Innern Borneos aufzusuchen: Im Osten der Insel lebte der Sohn Suto-Ono’s, jenes Dajakers, welcher im Kriege der Jahre 1859–1863 ehrlich und treu der Holländischen Regierung zur Seite stand. Es war ein fürchterlicher Aufstand; die Kohlenminen von Pengaron wurden geplündert, der europäische Ingenieur ermordet; das Kriegsschiff »Onrust« mit Mann und Maus ausgemordet (auf seinem Kessel stand ich noch im Jahre 1878); der kleine Kreuzer No. 42 fiel ebenfalls in die Hände der Dajaker; Puhi Petak und die Schanze von van Thuyll wurden erobert u. s. w. Die malayische Bevölkerung, welche den Aufstand begonnen hatte, ermüdete bald im Kampfe mit den Holländern; Antasari war gestorben, Hidajat nach Java verbannt und Demang Lehmann zum Tode verurtheilt; doch die Dajaker setzten den Kampf fort, bis endlich die Uebermacht der europäischen Strategie und Waffen im Jahre 1864 dem Krieg ein Ende machte und das Sultanat von Bandjermasing beseitigte.[11]
Der Sohn des treuen Häuptlings Suto-Ono folgte in seiner Würde, und in dieser Eigenschaft schrieb er mir im Jahre 1880 einen Brief, und zwar in malayischer Sprache. Er theilte mir mit, dass in seinem Bezirke eine Dysenterie-Epidemie ausgebrochen sei, d. h. er gebrauchte diesen Ausdruck nicht; aber mit wenigen und doch so glücklich gewählten Ausdrücken beschrieb er die Symptome der unglücklichen Patienten, dass mir sofort das Bild der septischen Dysenterie deutlich wurde, und dass ich diese präcise und deutliche Schreibweise dieses Dajakers bewundern musste. Buntok lag in der Nähe der inficirten Gegend; ich fürchtete, dass die Epidemie unser Fort erreichen könnte, wenn sie in ihrem Fortschreiten nicht aufgehalten würde. Ich ging also mit diesem Brief zu dem Controleur, der ungefähr den Wirkungskreis eines Kreishauptmanns hat. Diesem routinirten Beamten kam der Brief sehr ungelegen, weil er in seinen stereotypen Bulletins: »Gesundheitszustand günstig, politische Verhältnisse günstig« Veränderung bringen sollte. »Wozu lassen Sie mich diesen Brief lesen?« frug er mich. »Vielleicht kann man diesen armen Dajakern Hülfe in ihren schweren Leiden bringen; vielleicht können die hygienischen Verhältnisse verbessert werden, so dass die Epidemie bald ein Ende nehme; nebstdem fürchte ich, dass sie das Fort erreiche, wo in einem relativ engen Raume 150 Menschen beisammen wohnen, und dass es dann zu spät sei, ›den Brunnen zuzudecken, wenn das Kalb schon ertrunken ist‹.« (Holl. Sprichwort.)
»Kennen Sie die Sitten und Gebräuche der Dajaker, dass Sie auch nur den geringsten Nutzen von einer hygienischen Maassregel erwarten?«
»Ja, gerade darum will ich dahin gehen, um nicht nur zu sorgen, dass diese unglücklichen Patienten von ihren so fürchterlichen Schmerzen befreit werden und heilen, sondern auch, dass die Fäcalien ...«
»Ah, jetzt verstehe ich Sie, Doctor! ...« und dabei machte er mit seinen Fingern die Bewegungen des Geldzählens.
Darauf konnte ich nichts anderes erwidern, als dass es mir sehr gleichgiltig sei, wie er über mich denke, dass ich ihn jedoch warne, mir noch einmal solche Insinuationen in’s Gesicht zu sagen, weil ich dann auch meine Finger bewegen würde, und zwar nicht in der Luft, sondern auf seiner Wange.
Zu dieser unparlamentarischen Antwort liess ich mich hinreissen, weil er mit seiner Fingerbewegung andeuten wollte, dass meine Theilnahme für die »unglücklichen« Dajaker nichts anderes als reine Geldspeculation sei.
Ich ging darnach zum Militär-Commandanten, erzählte ihm den Vorfall und bat ihn um einen Privat-Urlaub für einige Tage, um wenigstens etwas gegen diese Epidemie thun zu können. Da er nur für vier Tage die Befugniss hatte, nebstdem in meiner Abwesenheit den ärztlichen Beruf im Fort auf sich nehmen musste, so wollte er noch einmal mit dem Controleur darüber sprechen. Obwohl mit dieser kleinen Expedition grosse Unkosten verbunden waren, bat ich doch den Lieutenant T., von diesem Plan abzustehen, weil ich mit einem solchen Manne überhaupt nicht verkehren wollte, und weil ich fürchten musste, dass ein solcher Mann noch Aergeres im Stande zu thun sei, wenn es gälte, ihn aus seinem Dolce far niente herauszureissen. Ich bekam also meinen Urlaub für vier Tage, miethete einen Kahn mit sechs Ruderern, nahm für vier Tage Lebensmittel mit, und mein Bedienter, welcher einige dajaksche Worte sprach, war mein Dolmetsch, Küchenmeister, Gesellschafter u. s. w.
Der Kahn war so lang, dass ich darin liegen, während die dajakschen Ruderer und mein Bedienter bequem mit gekreuzten Füssen (nach ihrer Gewohnheit) sitzen konnten. Die hintere Hälfte des Kahnes hatte eine Decke aus Atap, welche mich vor Regen und Sonnenschein beschützte; Waffen nahm ich nicht mit, nach dem Princip, dass mir Einzelnen eine Waffe, Revolver oder Säbel, gegen eine Uebermacht unmöglich etwas helfen könnte, und dass »Vertrauen wieder Vertrauen gewinne«. Zwischen Buntok und Mengkatip befinden sich zahlreiche Nebenflüsse und Antassans; auf der Karrauw sollte ich das von der Epidemie heimgesuchte Gebiet erreichen. Dieser Fluss ist befahrbar und giebt den Weg nach dem Osten der Insel, in welcher ein langer Gebirgsstock von Nordwesten nach Südosten zieht. Zwischen ihm und dem Baritu sind zahlreiche Danaus mit ihrem düsteren, schwermüthigen Panorama. Telang war das Ziel meiner Reise, welches an einem kleinen Flusse desselben Namens liegt. Dieser ist wieder ein Nebenfluss des Sungei (kleiner Fluss), Siong, welcher zwischen dem S. Pattai und dem Karrauw (1° 37′ S. B.) in den Baritu sich ergiesst. Seine Ufer haben niedriges Gesträuch; seine Mündung ist mit Treibholz angefüllt, und unvergesslich bleibt mir die Reise, die ich damals auf diesem Wasser machen musste; dreimal habe ich die Kähne wechseln müssen, weil sie zu gross waren, und habe zuletzt ein Djukung, die nicht mehr als ein ausgehöhlter Baumstamm war, benützt. Es schwamm aber so viel Treibholz, dass die Ruderer nicht einmal den kleinen Kahn vorwärts bringen konnten; sie stiegen aus und sprangen auf den Stämmen umher, wie Onkel Tom auf den Eisschollen. Zuletzt war das Wasser nur noch 1 Meter tief, so dass mir die Dajaker den Platz im Kahne gönnten, ins Wasser stiegen und ihn über das Treibholz zogen. Wir waren in einem Antassan, d. h. in einem Wasserkanal, den der Strom in den weichen Alluvialboden gräbt oder vielmehr bohrt. Sein Ende war bald erreicht, und vor mir lag eine schöne, schneeweisse Strasse aus Kalkstein, welche zum Hause des Missionärs F. führte. Hier verblieb ich sechs Tage (inclusive der Tage der Ankunft und Abreise, welche der Militär-Commandant im Interesse der guten Sache nicht rechnete), und wenn auch mein Gastherr klagte, dass nach zehnjähriger Arbeit nur acht Familien den protestantischen Glauben angenommen haben, so machte dennoch seine Arbeit auf mich den günstigsten Eindruck. Die Dajaker lernten Lesen und Schreiben; zur Sonntags-Uebung versammelten sich über 30 Personen in der Kirche und sangen christliche Lieder in dajakscher Sprache, und zu den täglichen Andachtsübungen, im Hause des Missionärs selbst, sangen die dajakschen Bedienten deutsche Lieder. Leider habe ich bei einer solchen Gelegenheit der Frau des Missionärs zu einem unangenehmen Missverständniss Anlass gegeben. Es war ein schönes Genrebild; die Frau F. sass am Phisharmonium, und daneben ihre zwei Kinder mit wahren Engelsköpfen. Hinter ihnen stand ein junges, schönes dajakisches Mädchen. Es herrschte eine gewisse heilige Weihe in diesem Raume, und dieser Zauber erfasste mich mit voller Macht. Als wieder ein deutsches Lied begann, wollte ich die Aussprache der Dajakerin genauer unterscheiden und näherte mein Ohr dem Kopfe des Mädchens. Herr F., der neben mir sass, sah und verstand auch mein Verlangen; die Frau F. jedoch verkannte meine Absichten, und mit lauter drohender Stimme drang das Lied durch das Haus: »Nur Gott ist meine Liebe«, und stärker und stärker fielen die Hände auf die Tasten, bis ich den Wink verstand und den Kopf zurückzog.[12]
Sobald als möglich liess ich mich von dem Districtshäuptling herumführen und fand ein grosses Feld für meine Thätigkeit. Nicht allein, dass ich zahlreiche Patienten behandeln konnte (der Herr F. war Homöopath), sondern auch die Hygiene trat in ihre Rechte. Der Dajaker[13] lässt nämlich die Leiche drei Tage im Hause liegen, bis er sie in den Sarg giebt, welcher aus einem schweren Baum besteht; dieser Sarg bleibt entweder im Hause oder wird auf das Feld gebracht, wo er auf ein Gestell gelegt wird, mit einem Sonnenschirm über seinem Kopfe; in beiden Fällen ist der Sarg mit einem Deckel aus demselben Holze geschlossen und hat in der Mitte des Bodens eine Oeffnung mit einer kleinen Röhre; durch diese läuft ununterbrochen das Wasser ab, oder besser gesagt, die Flüssigkeit, welche beim Faulen der Leiche sich abscheidet. Man corrigirt, wenn die Leiche im Hause bleibt, den damit verbundenen Gestank dadurch, dass in den Topf, welcher die Fäulnissflüssigkeit auffängt, Harz, Oel und Kalk gegeben werden. Ob nun die Leiche auf dem Felde oder im Kampong bleibt, dauert es noch lange, bis das »Todtenfest« den Schlussstein des Begräbnisses besorgt. Man wartet, bis die Leiche ganz ausgetrocknet ist, oder man wartet, bis man das Geld hat, welches das Todtenfest kostet; also es verstreichen oft 1–2 Jahre, bis die Leiche verbrannt oder beigesetzt wird.
Bei meiner Ankunft hatten die meisten Verstorbenen nicht einmal einen Topf unter sich, um die Flüssigkeit der Fäulniss aufzufangen; nun dass dies Zustände sind, welche geradezu das Aufhören einer Epidemie unmöglich machen, bedarf keiner weiteren Erörterung. Natürlich gelang es mir nicht, die sofortige Bestattung der Leichen zu veranlassen, aber sie willigten ein, die Excremente u. s. w. mit Kalk, Schwefel und Asche zu begraben, und die Cadaver nicht im Hause, sondern auf dem Felde den Fäulnissprocess abwarten zu lassen.
Den folgenden Tag zog ich weiter in das Gebiet des Häuptlings und kam nach Tameang Layang, wohin mich der Herr F. begleitete. Auch hier wohnte ein Missionär von der Barmer Missionsgesellschaft mit Frau und Kind. Man kann sich keinen grelleren Contrast vorstellen als diese zwei Männer, welche im Innern von Borneo die Civilisation und das Christenthum verbreiten wollen. Der Eine, ein philosophisch geschulter, geistreicher Mann, welcher den Segen des Christenthums, aber auch den der europäischen Civilisation erkannt hat und für beide das dajaksche Volk gewinnen will; der Andere, dessen Ideenkreis sicher nicht den des dajakschen Districtshäuptlings übertraf, beklagte nur, dass die Dajaker solche verstockte Heiden seien und durchaus das Christenthum nicht annehmen wollten, während der Herr F. mit Genugthuung im erfolgreichen Unterrichte in der Schule schon ein schönes Ziel sah, das er erreicht hat. Jener war früher Schmied; aber noch in Borneo hämmert er nur Einen Amboss, und zwar, dass die Sünde die Ursache aller Uebel sei, und zwar die Sünde im banalsten Sinne des Wortes; sein College konnte mir gegenüber nach solcher banalen Debatte nur kopfschüttelnd beifügen: »Ja, ja, mein College hat viel Amtseifer.« Auch pries er mit überschwänglichen Worten die Verdienste und Talente des Controleurs seines Bezirkes, weil er den Markttag der Dajaker, der früher jeden Sonntag gehalten wurde, auf den Montag verlegt hatte. Umgekehrt war seine Frau eine einfache, geduldige, tolerante Frau, während die Frau des Philosophen etwas fanatisch angelegt war. Ich muss es jedoch wiederholen, dass die sechs Tage, welche ich bei den Missionären verlebt habe, zu den schönsten meines Aufenthaltes auf Borneo gehören.
Einen schönen Schlag der Dajaker sah ich in diesen beiden Orten; an und für sich ist der Dajaker nicht so dunkel als der Malaye an der Küste, und doch fiel mir ihre blanke Hautfarbe auf, so dass ich den Districtshäuptling um Aufklärung ersuchte. Lächelnd zeigte er nur in der Ferne — die Ruinen eines Forts, welches vor zwanzig Jahren dort gestanden hatte. Diese Rasseverbesserung durch europäische Soldaten wird wohl dort ein Unicum gewesen sein, denn in Muarah Teweh hätte zwanzig Jahre später gewiss kein europäischer Soldat es gewagt, mit einer dajakschen Frau ein Liebesverhältniss anzuknüpfen. Eines Tages bekam ich Nachricht, dass im Kampong des Häuptlings Djatra die Blattern ausgebrochen seien. Bevor ich in Bandjermasing das Ansuchen um Vaccinestoff und um einen malayischen Vaccinateur machen wollte, musste ich wissen, ob die Berichte des Häuptlings richtig seien und wie viel Blatternkranke schon vorkämen. Ich machte mich also mit dem Districtshäuptling auf den Weg und kam per Kahn vor den Kampong, bei welchem alle Einwohner zu einem Feste vereinigt waren und, da es schon Nachmittag 5 Uhr war, dem Tuak (schwach alkoholisches Getränk) gut zugesprochen hatten. Kaum hatte ich den Fuss auf das Ufer gesetzt, als zwei junge hübsche Mädchen, nur mit dem Saloi gekleidet, auf mich zukamen. Hinter ihnen aber schwankte ein Dajaker, mit seinem Mandau bewaffnet, den Mädchen halb betrunken nach, streckte die Hand zum Grusse aus und rief wiederholt: Ich kenne Dich (saja kanal samah kowe). Die liebeslüsternen Augen der beiden jungen dajakschen Schönen waren mir zu gefährlich, und ich zog mich in den Kahn zurück und begnügte mich, die Ziffern der Blatternkranken, welche Dakop mitgetheilt hatte, nach Bandjermasing einzusenden. — Auch habe ich zum ersten Male in Telang diese Andeutung gehört, dass die europäischen Soldaten sich mit den dajakschen Frauen abgegeben hätten.
Den sechsten Tag verliess ich also die beiden Missionäre mit dem Bewusstsein, was unter den herrschenden Umständen in so kurzer Zeit zu thun möglich war, auch gethan zu haben; d. h. ich gab den Missionären Winke zur Behandlung der Unglücklichen und zur Verbesserung der hygienischen Zustände. Unterwegs wurde mir ein Sägehai angeboten (Pristis antiquorum), welcher sich bis in die Nähe von Teweh verirrt hatte und dort eingefangen wurde, und zu Hause angekommen, berichtete ich meinem Chef nach Bandjermasing alle Maassregeln, die ich getroffen hatte. Da ich übrigens den Häuptling ersucht hatte, mich durch wöchentlichen Rapport von der Ausbreitung der Epidemie auf dem Laufenden zu erhalten, so erhielt ich ein gutes Bild von ihrem Verlaufe, der mich leider sehr beunruhigte; denn mit jeder Woche bekam ich Rapport aus Kampongs, welche näher dem Fort lagen, und nach zwei Monaten beschloss ich, wieder eine Inspectionsreise zu unternehmen. Ich ersuchte den Militär-Commandanten um einen eintägigen Urlaub, weil ich nur die Kampongs auf dem Ufer des Baritu besuchen wollte, von welchen ich aus dem erhaltenen Rapport den Krankenstand kannte. Den Abend vor meiner Abreise ging ich zu dem Controleur, um ihn davon zu verständigen. Er billigte zu meiner Ueberraschung meinen Plan, rieth mir aber, erst um 8 Uhr aufzubrechen, weil er um 6 Uhr denselben Weg nehmen müsse, um dem Residenten (Statthalter) bis zur Grenze seines Bezirks entgegen zu fahren. Arglos willigte ich natürlich ein, und als ich am folgenden Tage bei allen Kampongs, wo ich anlegte, hörte, dass zwei Stunden vorher der Controleur gewesen sei und dass gar keine Dysenterie-Patienten sich unter ihnen befänden, dass diejenigen, von welchen sie in ihren Rapporten gesprochen hatten, schon gesund oder gestorben seien, und als sich dieses bei jedem Kampong wiederholte, und als ich nebstdem bei den meisten Kampongs oft Minuten lang warten musste, bis sich ein Häuptling oder überhaupt jemand am Anlegeplatz zeigte, da — fielen mir die Schuppen von den Augen. Ich kehrte um, weil ich doch keinen Nutzen von meiner Reise erwartete, und weil denselben Abend der Resident ankommen sollte. Bei dem officiellen Empfange erzählte mir der Schiffskapitän des Dampfers folgenden Dialog zwischen dem Residenten und dem Controleur, welcher in seiner Gegenwart an Deck des Schiffes geführt wurde. Bei Mengkatip wäre der Controleur auf das Schiff gekommen und hätte ein Resumé von den Verhältnissen des Bezirkes gebracht. Zuletzt frug der Resident: »Wie steht es mit der Gesundheit am obern Lauf des Dussons?«
»Gut! Resident! Der Menschenmörder behauptet zwar, dass wir eine Dysenterie-Epidemie hätten, und er ist auch hier in der Nähe »auf Inspection«; aber nach meiner 19jährigen Erfahrung in den Tropen geschieht es immer in den Kenteringen, dass mehr Menschen sterben als sonst.«
»Wer ist das, der Menschenmörder?«
»Der Doctor!«
»So, der Doctor sagt, dass hier eine Dysenterie-Epidemie ist, und Sie sagen: dies hätte keine Bedeutung!! Vorläufig genug darüber!«
Nach dem officiellen Empfang, welcher auf dem Schiffe selbst stattfand, ging der Resident auf’s Land und besuchte zuerst den Militär-Commandanten und dann mich. Nachdem ich alles erzählt hatte, fand er nicht nur Anerkennung für meine Bemühung, sondern forderte mich auch auf zu »declariren«, d. h. für die zwei Reisen, welche ich im Interesse der armen Patienten gemacht hatte, nach dem üblichen Modus die Rechnung einzureichen; in meinem Range konnte ich 6 fl. per Tag Diät und sieben Ruderknechte für 1 fl. per Tag und Kopf in Rechnung bringen, so dass ich keinen Schaden erlitten hatte.
Bald darauf verminderte sich die Zahl der Kampongs, welche Dysenterie-Kranke bekamen, und die Zahl der Todesfälle, und zuletzt war die Epidemie ganz und gar erloschen.
Dieses war die erste, und beinahe möchte ich sagen, die einzige Dysenterie-Epidemie, welche ich in Indien gesehen habe; im Jahre 1895 habe ich in Magelang (Java) auch zahlreiche Dysenterie-Kranke gesehen; aber wie wir im Capitel »Java« sehen werden, kann in diesem Falle von einer Epidemie stricte dictu nicht gesprochen werden. Ja noch mehr, es ist noch die Frage, ob gegenwärtig in Java überhaupt noch Dysenteriefälle vorkommen. Von Laien wird die Diagnose »Dysenterie« sehr häufig gestellt, d. h. immer, sobald Blut im Stuhl sich zeigt; aber diese Diagnose erfordert noch ein wenig mehr. Der Arzt wird aber in gewöhnlichen Verhältnissen auf »Java« kaum alle Jahre einen Dysenteriefall zu Gesicht bekommen; mit Recht wurde sogar vor dem Jahre 1894 bezweifelt, ob überhaupt die Dysenteria tropica auf Java noch vorkomme; denn in der ganzen Armee wurden von 1891–94 12, 10, 9, 14, also durchschnittlich 11 Dysenterie-Kranke behandelt. Dieser Zweifel ist gerechtfertigt gegenüber jenem Theil der Bevölkerung, mit welchem der europäische Arzt in Berührung kommt; denn dieser Theil, mag es ein Europäer oder ein Eingeborener sein, trinkt kein Sawahwasser, ohne es zu filtriren, oder gebraucht nur artesisches Wasser (in den grossen Städten). Ob jedoch in jenen abgelegenen Kampongs, deren Bewohner niemals einen europäischen Arzt zu Rathe ziehen, noch gegenwärtig die Dysenterie vorkomme, weiss ich nicht; in der Armee, welche allein eine Statistik von nennenswerther Bedeutung herausgiebt, waren bis zum Jahr 1894 die Dysenteriefälle immer nur vereinzelt. In diesem Jahre brachte der Krieg auf Lombok mit seinen elenden und traurigen Erlebnissen eine grosse Zahl von Dysenteriefällen, welche nach Java evacuirt wurden; meistens kamen sie nach Magelang, wo auch noch später einzelne Fälle vorkamen, jedoch keine Epidemie sich einstellte. Diese einzelnen Fälle recrutirten sich auch aus Soldaten, welche nicht auf Lombok gewesen waren, wenigstens die letzten Wochen oder Monate vor ihrer Erkrankung, so dass, was übrigens nicht mehr eines Beweises bedarf, der infectiöse Charakter dieser Krankheit constatirt werden konnte.