Dritter Auftritt.
Maria. Jeronimo.
Maria.
Ach, wär’ es möglich? Ja fürwahr, er ist’s!
Jeronimo, mein Freund, mein Lehrer, Vater!
Jeronimo.
Verehrte Donna!
Maria.
Nennt mich eure Tochter!
Ich bin’s von jenen Stunden noch gewohnt,
Als ich an euerm Munde horchend hing.
Seyd nicht so fremd, so kalt, Jeronimo!
Setzt euch zu mir, mein hochwillkommner Gast.
O theurer Mann! Wie nun schon heil’ges Silber
Hellglänzend euch die fromme Stirn umflattert.
Laßt mich sie küssen. Viel ja dank’ ich euch.
Jeronimo.
Das seh’ ich wohl — Ihr habt mich nicht vergessen.
Maria.
Vergessen? euch? und hier? und jetzt? — O Gott!
In meinem Herzen hab’ ich euch getragen,
Und meinen Engel täglich angefleht,
Daß er euch schütze mit dem Flammenschilde!
Jeronimo.
Nehmt meinen Segen, gutes, theures Kind!
— Man sagt, ich dürf’ euch nun als Braut begrüßen,
In einer Stunde würdet ihr vermählt?
Maria.
Jeronimo, o mein Jeronimo!
Daß ihr zu uns gekommen, heute, jetzt;
Laut laßt mich diese Himmelsfügung preisen!
Der Mann, dem ich mein tiefstes Weh vertraute,
Er durfte nicht bei meinem Glücke fehlen. —
Oft denk’ ich wohl nach Spanien zurück. —
Wie düster floß dort meine Jugend hin!
Die Menschen quälten mich, ich war nur froh
Verhallt’ ich bei der Laute Klang mein Leid,
Im kühlen Dunkel meines Silberbachs.
Nur, wenn ich weinte, ward mir herzlich wohl.
Jeronimo.
Dann sagt’ ich stets: Das macht euch krank und schwach.
Maria.
Wie alles, alles lebhaft mir erscheint!
Ich seh’ euch noch zu meiner Rosenlaube
Mit Eile nah’n, jetzt freundlich vor mir stehen,
Mit sanft gebeugtem Haupt, mit mildem Blicke; —
Ich hör’ euch fragen: Kind, was fehlt dir nun?
Was weinest Du? — Stets ging das Herz mir auf,
Wenn ihr mich fragtet: Kind, was weinest du? —
Jeronimo.
Vom Herzen kam’s, und traf daher das Herz.
Maria.
Ich klagt’ euch dann mit kindlich offnem Sinne,
Wie rauh, wie ungerecht man mich behandle;
Wie jedes edle, heilige Gefühl,
Als Schwärmerei mir hart verwiesen werde;
Wie selbst mein Vater — — stille! nichts davon. —
Hinweg, so rief ich, fort von dieser Welt!
Ach, gönnet mir ein stilles Heiligthum,
Eh’ Menschenhaß mein junges Herz ergreife!
Da zürntet ihr, wie eine Mutter zürnt,
Wohlwollend, liebevoll! Der sündiget,
So spracht ihr warnend, sündiget an Gott,
Wer frech der Schöpfung Meisterwerk verachtet. —
Viel sind der Edlen, fuhrt ihr sanfter fort,
Nur leben sie zerstreuet. — Gott erzieht
Oft weitentfernt die gleichgestimmten Seelen,
Und führet sie dann wunderbar zusammen,
Wenn sie zur Harmonie vollendet sind. —
War das nicht euer Wort, Jeronimo?
Jeronimo.
Ja wohl.
Maria.
An mir hat sich das Wort erfüllt.
Hier, wo ein Grauen mich vor Menschen faßte,
Wo Mord auf Mord den scheuen Blick entsetzte,
Wo ringend im Gebet vor Gott ich lag,
Daß er durch Tod mich vor Verzweiflung rette:
Hier — fand ich Balboa!
Jeronimo.
O großer Gott!
Maria.
Hier lernt’ ich erst die hohe Menschheit ehren. —
Und was ihr einst von ihrer Herrlichkeit,
In schönen Stunden, lehrend, mir vertrautet:
In ihm hab’ ich lebendig es erkannt. —
Wie angestrahlt vom hehren Himmelsglanze,
Beseligt, hocherhoben, und entzückt,
Rief ich nun endlich aus: Der Mensch ist gut!
Jeronimo.
Vergöttert nicht, was ihr zuvor verachtet!
Maria.
Die Tugend lieb’ ich ja, da ich ihn liebe.
Gibt’s wohl ein Maaß der Liebe für die Tugend? —
Ihr selbst, Jeronimo, habt einst in Spanien
Mir Balboa, mit trunkner Rednerlippe,
Als schönsten Stolz des hohen Vaterlands,
Als frohe Hoffnung unsrer Christenheit,
Als einen Helden, mild und groß, gerühmt;
Und so gerühmt, daß dann mein irrer Blick,
Auf ihn gewendet, sich gefesselt fand. —
Macht euch das Alter nun so ernst und kalt,
Daß ihr, berührt von seines Namens Zauber,
Zum Psalter nicht den frohen Geist erhebt?
Jeronimo.
Die Sorge drücket meinen Geist darnieder. —
Habt ihr in Liebeswonne schon vergessen,
Wie euer Vater Balboa gehaßt?
Maria.
Das war. Das ist vorüber. Gott sey Dank,
Daß es vorüber ist! Nichts mehr davon.
Jeronimo.
Maria! Nimmer quillt aus einer Ehe,
Begonnen ohne Vatersegen, Heil. —
Und hofft ihr ihn zu euerm Ehebund?
Maria.
Würd’ ich sonst heiter seyn, Jeronimo?
Nun seh’ ich wohl, ihr kennt nicht Balboa.
Was euch dahinriß, war ein Schimmer nur
Von seiner Größe; nicht sein ganzer Himmel,
Der strahlend Wonne weit um sich ergießt.
Wie der Magnet das Eisen an sich zieht,
Das widerstrebende: so seine Güte
Des Feindes Herz. — Wer sich dem Hohen naht,
Der widerstehet nicht dem süßen Zuge:
Gebannt in seine milden Lebenskreise,
Fühlt er sich nah’ und näher angezogen,
Und enger bald, dann ganz mit ihm verbunden. —
Und so, durch ihn, veredelt, umgeschaffen,
Ist aus dem Feinde schon ein Freund geworden. —
Auch meines Vaters strengeres Gemüth
Ward doch von seiner Güte Strahl durchdrungen.
Des neuen Bundes freut der Indier sich,
Und fühlet seine Bande schon erleichtert.
Er segnet ihn! — Und diesen Einzigen,
Der mächtig herrschet über alle Herzen,
Ihn nenn’ ich mein! — Mich schauert’s vor dem Glücke!
Dich, Balboa, dich nenn’ ich mein! Dich mein!
Jeronimo.
O wunderbare Täuschung süßer Liebe!
Ihr leiht der ganzen Menschheit das Entzücken,
So still und heimlich eure Brust beglückt.
Maria.
Wie könnt’ ich, Guter, eure Sorgen theilen?
Soll ich des Vaters klarem Wort mißtrauen?
Jeronimo.
Was man sich wünscht, erklärt man aus dem Worte,
Das dunkel oft ganz andern Sinn verbirgt.
O wollte Gott, daß ich euch glauben dürfte;
Doch schwere Zweifel dringen auf mich ein!
Wohl kenn’ ich Balboa und Pedrarias! —
Wer kann zum Einklang diese Herzen stimmen?
Maria.
In eurer Seele walten mächtig noch
Die schwarzen Wolken der Vergangenheit,
Und wollen nicht dem frohen Lichte weichen. —
Wie werd’ ich mich an eurer Wonne freuen,
Wenn ihr nun bald die schöne Gegenwart
Im hellen Spiegel eures Geistes schaut!
Jeronimo.
Wie innig ihr mich rührt! Ach, eure Unschuld
Fühlt sich so glücklich, glaubet sich so sicher,
Sieht noch die Zukunft nur im Rosenlichte. —
O Kind! — Die Lebenswoge fließt nicht immer
Im klaren Strome sanft und ruhig hin.
Weh dem, der dann, wenn wild der Sturm sich hebt,
Unvorbereitet sich ergreifen läßt!
Es bricht mein Herz, allein ich muß euch warnen. —
Der Himmel wache über Balboa!
Schon rüstet sich — o glaubt dem Vielerfahrnen! —
Geheim zur Fehde wider ihn der Haß.
Vom Hinterhalte lauert gift’ger Neid,
Der Freund verläßt ihn, einsam steht er da,
Und hundertköpfig immer sich erneuernd
Umbrüllt an seiner Brust euch rings Gefahr. —
Werft einen Blick in euer Innerstes!
Lebt euch die Kraft im zarten Busen nicht,
An seinem Arm der Hölle Wuth zu trotzen:
Noch ist es Zeit! — Zieht eure Hand zurück!
Maria.
Auch sterbend nicht! — Sein bin ich, bleibe sein!
Jeronimo.
Lebt wohl! Mich ruft die Pflicht zu eurem Vater.
Lebt wohl! —
Noch eines, Donna! Pedrarias
Hat euch doch innig stets geliebt. Das denkt! —
Und wenn sich gleich sein Herz verbittern sollte,
Und würd’ er selbst unfreundlich, ungerecht:
Ertragt’s gelassen! — Oefters hat ja schon
Nachgiebigkeit den stärksten Haß besiegt. —
Wenn ihr durch Sanftmuth euch zu euerm Bündniß
Erringt des Vaters Segen: holde Donna!
Ihr lebt dann freudiger, ihr sterbt einst leichter! —
Maria.
Ihr habt mit Angst mein Innerstes erfüllt.
Balboa.
(ruft innerhalb der Scene.)
Maria hier?
Jeronimo.
Ich muß zu euerm Vater. (ab.)