Vierter Auftritt.

Die Vorigen. Balboa.

Volk.

Dort kommt er! Seht wie groß! O Gott! Nur stille!

(Balboa legt Degen und Ordenskette schweigend auf den Tisch, und setzt sich mit unbedecktem Haupte auf den ihm bereiteten Sitz.)

Jeronimo.

Erkennet, Vasko Nunez Balboa,

Adelantado unsrer heil’gen Krone,

Uns die gesammte hohe Audienz,

Als ein Gericht mit königlicher Vollmacht,

Nach dem Gesetz ihm strenges Recht zu sprechen?

Balboa.

Ich ehre das Gericht, und seine Glieder.

Jeronimo.

Es ist Gericht auf Leben oder Tod!

Erschreckt nicht, Balboa, und sammelt euch,

Besonnen uns zu hören und zu sprechen! —

Balboa.

Nie kannt’ ich Todesfurcht. Auch heute nicht! —

— Vor allem sey die Frage mir vergönnt:

Wer ist mein Kläger?

Jeronimo.

Euer Hauptmann Pinto.

Balboa.

Ha, durch Gewalt! —

Jeronimo.

Aus eignem freien Antrieb.

Balboa.

O Menschen! Menschen!

Jeronimo.

Sprecht! Ist diese Schrift,

Wie Pinto es bezeugt, von eurer Hand?

Balboa.

(zornig und fest.)

Von meiner Hand, und auch von mir verfaßt.

Jeronimo.

Sprecht ruhig. — Ruhe heischet eure Lage.

Auch übereilt ist doch ein Wort gesprochen.

Habt ihr die Schrift bloß als Entwurf verfaßt,

Als flüchtige Gedanken; — oder war’s

Euch voller Ernst, wie Pinto fest betheuert,

Sie nach der Landung schleunig zu verkünden

Als ein Gesetz?

Balboa.

Das letzte war mein Wille.

Jeronimo.

Als ein Gesetz, nach allen seinen Punkten?

Balboa.

Nach allen seinen Punkten. Keinen hätt’

Ich ausgenommen, keinen widerruf’

Ich feige vor Gericht. — Gott sey da vor!

Jeronimo.

Bedenkt euch wohl! Ihr habt in dieser Schrift

Die Theilungen der Wilden untersagt,

Die doch des Königs höchster Wille sind; —

Habt das Gesetz tyrannisch selbst gescholten.

Balboa.

Nicht das Gesetz, wie’s uns der König gab,

Nein, das Gesetz, wie’s frech der Frevel übt;

Das nur, das schalt, und schelt’ ich noch tyrannisch!

Ihr staunet? — Stellt mich vor des Königs Thron,

Mich vor die Welt! — Was wild mein Herz empört,

Soll mir auch grausam heißen. — Laßt das Beil

Mir vor den Augen blitzen, immerhin!

Zwar dieser Kopf kann euerm Streiche fallen;

Doch mich gesellen zu der blut’gen Schar,

Die Fluch, die Tod auf diese Fluren wälzt;

Das könnt ihr nicht, mit allen euren Beilen! —

So ehr’ ich meinen König und mich selbst!

Jeronimo.

Bezähmt den Zorn, und sprecht gefaßt, gelassen.

Was von Verdrehung des Gesetzes ihr

Jetzt unbestimmt, verworren nur gesagt,

Das zeiget klar. Hier gilt Bewies’nes nur.

Balboa.

Nicht von des Zornes eigensücht’ger Gluth,

Vom edlern Feuer flammt’s mir auf im Busen,

Der Menschheit Anwald steh’ ich vor euch da,

Und ihre Vollmacht ist’s, die mich erhebt. —

Nein, was im Busen mir lebendig wogt,

In enge Formeln läßt sich das nicht dämmen.

Gönnt mir Gehör! — Wohl hat schon Ferdinand

Die Theilungen der Wilden uns befohlen;

Vergeßt die Absicht nicht; Sie ist Gesetz!

Als Hausgenoss’ne, Brüder sollten wir

Mit Liebesruf’ an uns die Armen locken;

Daß sich ihr scheu Gemüth’ an uns gewöhne,

Der Sittlichkeit die Herzen willig öffne,

Daß dann zur hellen Einsicht heil’ger Wahrheit

Der Wilde reif in die Gemeinde trete,

Im Leben froh, im Tode selig werde. —

O menschliches, o himmlisches Gesetz; —

Ein Höllenantlitz lieh die Hölle dir!

Ihr hättet liebend, freundlich sie gelockt,

Als Brüder unter euch zu weilen? — Gott!

Es krümmt ihr Rücken unter Lasten sich,

Der Dränger treibt die arme Menschenheerde,

In Mittagsgluth, die diese Nackten sengt,

Euch Nahrung aus der Erde zu erzwingen;

Mit Fieberfrost tief in der Berge Schachten

Euch Gold zu holen, euren höchsten Gott! —

Nach Heidensitte habt ihr Sklavenjoch

Unmenschlich auf der Schwachen Hals geladen! —

Unsel’ger Widerspruch der Tyranney! —

Indeß die Geissel schwirrt, die Todestrommel,

Die eines Bruders Schreckenstod verkündet,

Des Wilden Herz mit Angst und Wuth erfüllt:

Da preiset ihr ihm das Gesetz der Liebe!

Ist das des Königs Wille? — — Wagt’s und sagt;

Verbrechen an der Menschheit sey sein Wille!

Ich weiß, ihr wollt zu Thieren sie erniedern,

Und mit der Mißgestalt, die ihr verschuf’t,

Des innern Vorwurfs laute Klage stillen.

Umsonst! Allmächtig ruft das Herz euch zu:

Mensch bleibt doch Mensch, von welcher Farb’ er sey!

Pedrarias (entrüstet).

Soll er noch länger Lästerworte häufen?

Jeronimo (steht auf).

Was ein Beklagter sich zum Schutze spricht,

Das kann, nach milder Uebung der Gerichte,

Ihm nur zum Schutze, nicht zum Nachtheil dienen. —

Vergebt mir Herr, und laßt ihn weiter sprechen.

(setzt sich.)

Balboa.

Vergeb’ auch mir die hohe Audienz!

Mir schwoll die Brust; mir war’s, als sollt’ ich nun

Mein letztes Wort mit lautem Donnerruf’

Der späten Nachwelt noch vernehmlich sprechen. —

Was eine Rotte Ungeheures übt,

Das soll in der Geschichte Rollen nicht

Wild flammen einst, als Wille der Regierung,

Die auch die Wilden ihre Kinder nennt,

Und liebend drückt an ihre Mutterbrust. —

O mildes Licht der heil’gen Majestät,

Uns zu beleben freundlich abgesandt;

Wenn durch den Pestqualm nied’rer Leidenschaft,

Der aus der Tiefe dir entgegendampft,

Dein Strahlenglanz nach uns herniederblickt:

Erscheinst du blutig roth, und bringst uns Tod!

Jeronimo.

Ihr spracht vom argen Mißbrauch des Gesetzes,

Den jeder Edle tief mit euch betrauert.

Ihr aber habt den Mißbrauch nicht allein,

Ihr habt die Vorschrift selbst für null erklärt.

So scheint es mir! Antwortet, ob ich irre!

Balboa.

Wo dies Gesetz noch herrschte, saht ihr auch

Im Sklavenjoch die Wilden unterdrückt;

Zeigt mir den Starken, der dem Mißbrauch wehrt!

Ihn dulden — das, das schien mir, hohe Richter,

An meines Königs Ruhm, am Vaterland’,

An der bedrängten Menschheit Hochverrath,

Vor dem mein Herz, mein tiefstes Wesen bebt!

Jeronimo.

Was vor euch selbst, was einst vor Gottes Thron’

Euch hebt und schützt, das bleib’ euch unbenommen.

Ganz andre Gründe heischt von euch der Richter,

Nach andern Zwecken, und nach seiner Pflicht. —

Gehorsam ist des Staates Fundament;

Er fällt, wenn sich ein kühner Unterthan

Ermessen darf, aus selbstgeschaff’nen Gründen

Die Fugen der Gesetze loszureißen.

Euch kann des Satzes Wahrheit nicht entgeh’n,

Und meine feste Ford’rung nicht befremden:

Habt ihr die Vorschrift, wie ihr schon bekennet,

Nach ihrem ganzen Inhalt aufgehoben:

So zeigt die Vollmacht, die nur kann euch schützen.

Balboa.

Sie liegt in meines Königs großem Herzen,

In seiner Menschenachtung, seinem Hasse

Der schwarzen Höllenausbrut, Sklaverey! —

So kenn’ ich ihn, und sprecht, wer kennt ihn anders? —

Von euch erwart’ ich, hochverehrte Richter,

Daß ihr, wie nun mein Loos auch fallen mag,

Dies mein Verhör vor den Monarchen bringt. —

G’nügt auch mein Wort nicht dieser Audienz,

Einst wird es doch dem Könige genügen.

Er ruft vielleicht vergebens aus dem Grabe

Dann diesen Arm und dieses Menschenherz,

Das er noch als Infant an seines drückte.

Jeronimo.

Ihr fordert nur was uns’re Pflicht erheischt. —

Habt ihr vielleicht vor unsers Königs Throne

Der Wilden Sache schon mit Kraft geführt,

Und harrtet noch auf die Entscheidung?

Balboa.

— Nein!

Jeronimo.

Des Königs Thron steht jedem Bürger offen. —

Hielt euch Gewalt zurück?

Balboa.

Gewalt! Gewalt!

Ich hätte sie vernichtet! —

Jeronimo.

Saget dann,

Was hat zu diesem Schweigen euch vermocht? —

Seyd offen, Balboa, sprecht ohne Rücksicht! —

Die Krone hoffet Vieles noch von euch,

Und Selbsterhaltung sey euch heil’ge Pflicht. —

Laßt falschen Edelmuth euch nicht verleiten! —

Schwiegt ihr vielleicht aus einer zarten Schonung,

Ein theures Herz vor Kränkung zu bewahren?

(Pause.)

Ihr schweigt? — Bei allem, was euch heilig ist,

Bei eurem Leben, eurer Gattin Leben,

Steht mir zur Rede, schweiget länger nicht! —

(Pause.)

Wißt ihr noch etwas, das euch schützen kann;

So bringt es vor.

Balboa.

Ich harre nun des Urtheils.

(Auf einen Wink des Jeronimo entfernt er sich mit der Wache in das Nebenzimmer. Hierauf stehen die Richter auf und entblößen das Haupt.)

Jeronimo.

Habt ihr des Untersuchten Worte nun

Genau erwogen, reiflich überdacht;

Und seyd ihr frei von aller Menschenfurcht;

Und schweigen euch im Busen Lieb’ und Haß;

Und fesselt euer Auge keine Rücksicht,

Daß ihr gerechtes Urtheil sprechen mög’t:

So legt betheuernd eure Hand auf’s Herz,

Und denkt an Gott und an die Ewigkeit!

(Pause.)

Nun werft die Loose: Leben oder Tod!

(Jeder wirft eine Kugel in einen Becher. Jeronimo zuletzt.)

Man rufe den Beklagten vor Gericht!

(Wache bringt den Balboa.)

Seyd ihr gefaßt, das Urtheil zu vernehmen?

Balboa.

Gott wird mich stärken! Sprecht es immer aus!

Jeronimo.

(mit Selbstüberwindung.)

Das Urtheil — der gesammten Audienz —

Gott sey euch gnädig — ist — der Tod durch’s Beil!

Volk.

Gott! Gott!

Einer der Richter.

Nun fort dort oben! Stille! Stille!

(Man sieht Marien sich auf der Galerie händeringend durchdrängen.)

Volk.

Zurück! Zurück! Laßt sie nicht durch! Zu spät!