III.
„Wer ist es?“
„Mich friert, öffnet mir!“
„Wer seid Ihr?“
„Ginevra.“
„Ginevra ist tot. Geht in Frieden.“
„Sie ist tot, drum kommt sie zu Euch. Lebte sie, sie käme nicht . . . Ihr schweigt?“
„Ich öffne Euch. Tretet ein und folgt mir über die Treppe. Ich hebe das Licht ganz hoch, und Ihr seht, Madonna Ginevra, dies Haus ist Euer. Meine alte Mutter ist taub und sie schläft. Wir sind allein.“
„Aber Ihr geht immer rückwärts vor mir her, Messer Raniero, und laßt mich nicht aus dem Auge. Nun stellt Ihr die Kerze so hin, daß sie mir ins Gesicht leuchtet, begebt Euch bis ans Ende das Zimmers und verschränkt die Arme. Ihr habt Furcht vor mir, auch Ihr! O, ich bin müde, und so kalt.“
„Ich fürchte Euch nicht so sehr, als da Ihr lebtet. Arme Ginevra.“
„Was sagt Ihr? Warum bleibt Ihr also dort hinten? Alles flieht mich, weil ich gestorben bin. Kann ich dafür, daß ich wiederkehre? Ich habe es nicht gewollt. Wer das gedacht hätte, früher in den wimmelnden Gassen, im lauen Gedränge der Kirchen, daß Menschennähe so kostbar werden würde!“
„Wollt Ihr mir die Hand reichen, Madonna Ginevra?“
„Eure Hand ist warm, Verzeiht: Ihr seid gut, daß Ihr mich zu Euch einließt. Draußen war es schlimm. Wie geht es zu, daß Eltern und Gatte mich fortschicken, Ihr aber, Messer Raniero, öffnet der Toten, die Euch doch nichts erwidern kann. Ich habe nie gehört, daß jemand umsonst gibt. Was wollt Ihr?“
„Ich will, Madonna Ginevra, daß Ihr Euch in meinen Stuhl setzt, so, und daß Eure Blicke alle diese Dinge neu und wohltätig machen. Vielleicht wird sich leichter leben lassen zwischen den Wänden, die Eure Stimme vernommen haben? Und dann . . .“
„Warum sprecht Ihr zitternd und werdet so blaß?“
„Und dann laßt es Euch wohl sein im Frieden und kehrt nicht mehr wieder. Denn lieber will ich Euch missen, als daß Ihr um meinetwillen dieselbe Strafe erdulden solltet, wie im Pinienwald bei Ravenna jener nackte und immer gehetzte Geist, der einst eine gegen Liebe grausame Frau war.“
„Das sind Lügen von Messer Giovanni Boccaccio, Ihr müßt ihm nicht glauben. Was wißt Ihr, ob denen, die wiederkehren, hier nicht doch wohler ist als drunten, Ihr habt mich ein wenig erwärmt. Dort ist’s nicht gut sein. Mich schaudert; ich will nicht wieder hinab.“
„Ihr wolltet lieber bei mir bleiben? Madonna Ginevra?“
„Wer hat das gesagt, Messer Raniero? Nur daß Ihr den Dichtern nicht alles glauben müßt, sagte ich. Aber Ihr seid selbst einer, und Ihr stecktet mir im Hof der heiligsten Annunziata, während Messer Fausto einen unverschämten Bettler schalt, Verse in die Hand. Warum seid Ihr nicht eifriger im Geschäft?“
„Ihr habt recht, denn die Verse waren schlecht.“
„Sie waren lügenhaft. Ihr schriebt darin von einer Sklavin, die Euch sehr teuer sei, und die Ihr dennoch um meinetwillen verstoßet, und die darum zugrunde gehe. Was für Lügen, Messer Raniero! Erstens, woher solltet Ihr eine Sklavin haben? Ihr seid der Sohn Messers Guido, der zum Handwerk der Wolle gehörte. Hättet Ihr noch eine Geliebte gehabt, die Frau eines Nobile, und sie, mir zu gefallen, verlassen!“
„Was wißt Ihr, Madonna Ginevra, frage nun ich. Was könnt Ihr wissen. Hört mich an: ich habe Euretwegen so Großes verlassen und verloren, daß niemand Größers erträumen kann. Bevor ich Euch erblickte, waren mir Taten sicher, die von Harnischen glänzten, und bemerkte ich in mir, wenn ich lauschte, das Quellen wundervoller Worte. Keine Frau hatte sich mir verweigert, kein Reich mir widerstanden; ich war ein nie besiegter Sänger und ein Held, dem nichts verboten dünkte . . . Das alles endete, als Ihr mir erschient, in Kleinmut. Ihr waret endlich die, die meine Träume übertraf, vor der ich sie, wie meine arme Magd, verstecken und vertreiben mußte. Ihr schicktet mir das Fieber einer Begierde, so übermächtig, daß ich mich davor fürchtete, sie zu stillen. Ich fühlte mich von einem Fluch geschlagen, lag keuchend da und verwünschte Gott, weil Ihr am Leben waret! Das, Madonna Ginevra, ist Liebe! In mir war’s übervoll von vielem, das Euch entgegenschlug, wie ein Herz, das von einer Armbrust flöge, wie ein Blütenzweig, den eine Hand niedergebeugt hätte und plötzlich schnellen ließe; — aber ich war stumm. Und die heißesten Taten, die in mir geschahen, regten draußen, jenseits meiner Brust, nicht einmal so viel Staub auf, wie ein Hund, der über die Straße läuft. Manchmal trieb ich ein verzweifeltes Spiel, mir selbst zum Hohn, und stellte mich tüchtig. So forderte ich Euren Mann zum Kampf — und ließ ihn unversehrt. Denn als ich ihm gegenüberstand, vernichteten mich Zweifel: wer bin ich, und wie darf es mir einfallen, an Dinge Eures Lebens zu rühren. Wie kann ich gegen Euren Willen Euren Mann töten. Wie Euch meinen eigenen Tod zumuten, diese lächerliche Beleidigung! Muß nur einer Eurer Atemzüge langsamer oder schneller gehn, weil ich Euch liebe? Ich kam mir tot vor, hört Ihr’s? ich, und wie ein kraftloser Schatten. In Schattenspielen raubte ich Euch, durchjagte mit Euch die Welt, tötete, wessen Atem Euch nur anwehte. Seht Ihr den Boden dieses Zimmers etwa voll Blut? Und doch habe ich hier in mancher Nacht gewütet, bis ich selbst, voll Wunden und röchelnd, dahinsank!“
„Und so, Messer Raniero, habe auch ich ganz in irren Tränen abendelang die große Puppe geherzt, die ein von Euch empfangenes Lebendiges sein sollte, habe mich gesträubt und Euch in Sehnsucht gehaßt, bis Messer Fausto mir das Gesicht aus einem Kissen riß und mich schlug. So haben wir dasselbe Leben geführt, Messer Raniero. Ich höre Euch zu mit einer Freude, die mich zerreißt. Ihr seid gewiß noch schlimmer daran gewesen als ich selbst? Ich wähnte, Euch fechte nichts an, und ihr seiet nur dazu eingesetzt, mich zu verderben. Und ich habe unsern Herrn gelästert, weil er mir, nur mir die Liebe auferlegt hatte, für jetzt und ewig; und habe zu meiner Strafe Euch nochmals wiedersehen müssen, als arme Tote. Aber, nicht wahr, auch im Leben habt Ihr es recht schlecht, und nicht ich, die schon starb, bin die Unglücklichere? Sagt mir das! Daß Ihr sehr leidet! Mehr als ich! Dann will ich Barmherzigkeit an Euch üben und Euch lieb haben!“
„Es ist schön, mit Euch zu leiden, o Ginevra!“
„Ist mir das Leiden noch erlaubt? Einer Toten? Dann gebt es mir! O, Ihr gebt es mir! Oder ist es Lust? Ich weiß nicht mehr; ich bin eine irrende Seele.“
„Ihr lebt, Ginevra! Nun die Sonne sich nähert, kann ich es erkennen. Ihr waret ein Schatten, jetzt aber seid Ihr dabei, erweckt zu werden. Ich weiß nicht, wer Euch erweckt.“
„Die Liebe, Raniero, erweckt mich.“
„Ihr tragt, Ginevra, auf Euren Wangen, die sich röten, den Abglanz des Ortes, woher Ihr zurückkehrt. Wie Ihr strahlt! Erzählt doch, was Euch dort geschah!“
„Seine Stimme kam von jenseits eines Feuers, das irgendwie so köstlich schien, daß das Herz darin zu baden wünschte; und er befahl mir, zurückzukehren und sie auf mich zu nehmen, die Liebe. Und sein Urteil klang wie Verheißung, und sang und harfte. Ich sehe das, Raniero! Gleichzeitig sehe ich den Himmel und meinen Geliebten!“
„Nun fühle ich euer Herz schlagen, Ginevra, und Euren warmen Atem und . . . auch das Fleisch Eurer Lippen haben meine gefühlt. Ginevra! So ist es Leben und grenzenlose Erfüllung und soll nicht mehr schwinden? Ihr werdet immer in diesem Hause bleiben, kein Mensch wird wissen, daß Ihr auf Erden seid.“
„Nein, alle sollen mich sehen, und wenn wir zur Kirche gehen, mich lästern und verdammen! Ich trage alles, so will es die Liebe. Ich werde Euch dienen, und Ihr könnt mich vertreiben, wenn Ihr meiner satt seid, wie Eure Sklavin.“
„Hört doch, Ginevra, den klingenden Osterhimmel!“
„Mich töten, wie Eure Sklavin.“
„Vernehmt Ihr meine Stimme, Ginevra? O, lehnt nicht Euren Nacken in Eure verschränkten Hände und haltet nicht Euer goldig überflossenes Gesicht den Überirdischen hin! Seid nicht mit Ihnen, seid mit mir! Ich ängstige mich!“
„Ich weiß jetzt, warum er wiederkehrte, und ich folge ihm nach. Es ist schwer und doch selig. Wir kommen wieder, um uns noch einmal kreuzigen zu lassen; und kämen immer wieder, so oft die schwere und süße Liebe es will.“
„Ihr sinkt um! Ginevra, was ist Euch! Barmherzigkeit! Ihr verspracht sie mir! Euer Herz steht still. Waren denn, die ich fühlte, seine ersten und letzten Schläge? Seid Ihr nur gekommen, damit Ihr mich durch Fortgehen noch elender machen könntet? Hütet Euch, Madonna Ginevra! . . . Wie denn? Ich war von Sinnen, als ich soeben an ihr zweifelte. Ich wußte wohl, daß sie in Tod zurückfallen werde. Sie ist mein, weil sie tot ist. Im Leben war sie meine große Qual, aber ich bin der, dem ihr Schatten hold ist. Sie wird wiederkehren, sich mir jede Nacht aufs neue beleben. Ich will sie nun zurücktragen, bis zur Nacht; und will ganz frohen Mutes sein. Auf der Straße sind Kirchgänger, im leuchtenden, jauchzenden Ostermorgen. Ihr Mädchen, die ihr zum Dom geht! Ihr habt den gleichen Weg wie eine Frau, die in diesem Hause wartet. Sie ist geschmückt, wie ihr; und wie glücklich immer ihr sein mögt, ihr habt euch ihrer nicht zu schämen. Kommt herein und nehmt sie mit!“
Doppelte Heimat
von Heinrich Mann.
Man kann in einem Lande geboren werden, sich dieser Luft verbunden fühlen wie der Baum im Garten, zwischen sich und den Menschen umher keinen Unterschied machen: und allmählich steigen dennoch Zeichen herauf, daß man anders ist als die meisten; daß die Sprache, mit der man aufwuchs, noch nicht die ist, in der man sein Leben lang sich ausdrücken soll; daß hinter diesem Land eine zweite Heimat wartet.
Die Knaben Carlos und Nicolàs[1] sind Argentinier, ihr junges Leben hat argentinischen Inhalt und argentinisches Tempo. Mit ihren Eltern und einem Gesinde von Gauchos, Neapolitanern, Deutschen und Mulatten bewohnen sie ein Landgut in der Pampa. Die unabsehbare Ebene gehört ihnen und ihren Ponys. Sechsjährig, klettern sie aufs Pferd, galoppieren, fallen, werden geschleift und fangen von vorn an, ohne von Gefahr zu wissen. Sie setzen ihr Vertrauen in Erde und Getier. Sie fangen Beutelratten, junge Strauße, Kropfeidechsen, Rehe, und erfüllen die Salons mit Stallgeruch. In den Sümpfen hat ein Tiger gebrüllt, und sie ruhen nicht, bis sie mit in das lecke Boot dürfen, worin ein Tartarin sich auf die Jagd macht. Immer in Bewegung, träumen sie selten, sehnen sich selten. Ihre Phantasie greift gerade so rasch zu wie ihre Hände. Sie sehen auf dem Fluß ein Dampfschiff vorbeifahren, und der Ältere nimmt es sich, um es für ein Fangseil dem jüngeren zu schenken. Einmal im Zuge, schenkt er Land und Herden dazu, soviel der Bruder mag. Alles, fällt ihm ein, hat er erobert. Stolz auf seine Taten, besteigt er sein Pferd und reitet, hoch aufgerichtet, die eingetauschten Riemen über seinem Haupte schwingend, davon.
Nur daß ihm, mit der Besinnung, ein Gefühl kommt, das seine kleinen Landsleute kaum berührt hätte: Reue. Eine der frühesten Regungen ist’s des anderen, das die Knaben in sich tragen, des unter diesem Himmel fremden Keimes. Und eines Tages stellt, nach unheimlicher Erwartung, der sich ein, der diesen Keim in ihnen pflegen soll: der deutsche Hauslehrer. Seine Mittel sind Musik und Milde, Pedanterie und Wohlanständigkeit. Er verlangsamt ihr Tempo: nicht nur, wenn er zu Fuß zwischen ihren Ponys geht, auch indem er ihre Phantasie am Zügel hält. Ihr unbefangenes Verhältnis zur Welt umgarnt er mit Bedenken. Erfinden, Lügen, das ganz natürlich war, ist auf einmal zum schlimmsten Laster geworden und betrübt den Lehrer tödlich. Er hat Furcht, und sie müssen sich hüten; er hat einen schlechten Magen, und sie müssen Diät halten. Er ist der Schwächere; und eigentlich aus Generosität willigen sie ein, „gute Deutsche“ zu werden. Selbstüberwindung ist nötig; denn die Fremden werden herzlich verachtet, und man macht sich lächerlich, wenn man mit Botanisiertrommel, Apotheke und Feldflaschen auf Märsche auszieht. Manchmal lassen sie den Lehrer fühlen, wie viel sie vor ihm voraus haben, und daß sie auf ihrem Grund und Boden sind. In eine der elegantesten Straßen von Buenos Aires mündet eine sehr kotige, und ein totes Pferd mit gedunsenem Bauch liegt darin. Dem Lehrer, der sich die Nase zuhält, versetzt Carlos Schrecken dadurch, daß er sich nach einem Ziegelstein bückt. Den Gestank des Pferdes, wenn es durch einen Wurf zum Platzen gebracht sein wird, kann sich dieser Fremde gewiß nicht vorstellen!
Aber es kommen ihnen, spielt er Klavier, so weiche Gedanken. Und als ein alter General, eine gutromantische Mischung aus Eleganz, Burleske und Grausamkeit, sie zu einem Streich gegen den Lehrer aufstacheln möchte, da können sie ihn nicht tun; und sie schämen sich vor dem General und schämen sich, daß sie niemals gute Argentinier werden können. Der unter diesem Himmel fremde Keim geht mächtig in ihnen auf. Ein verwundetes Pferd, das nicht sterben kann, stürzt sie in Aufregungen des Mitleids, des Dranges, seine Qual zu enden, und der Unfähigkeit, das erlösende Beil fallen zu lassen. Wie Carlos einst von einem Pfirsichbaum mehr Früchte ißt, als der Lehrer erlaubt hat, entsteht eine Tragödie des schlechten Gewissens.
Die Starknervigkeit und die Unbefangenheit ist gebrochen. Carlos und Nicolàs sind reif, übers Meer nach ihrer anderen Heimat zu fahren. Sie werden immer behutsamer empfinden; moderne Ideen werden sie gefangen nehmen. So sehr sie anfangs sich in Freiheit zurückgesehnt haben, bald würden sie die kleinen, wilden Pferde dort drüben nicht mehr besteigen, mit den Menschen wohl noch sprachlich, aber kaum mehr seelisch sich verständigen können. Mit Mühe werden sie die Brücke suchen zu so fremden und erstaunlichen Erinnerungen wie das Erdbeben in jener sonderbaren kleinen Gebirgsstadt mit ihren trägen, verkommenen Bewohnern, oder die Revolution in der Hauptstadt, als sie des Nachts einem in ihr Haus geflüchteten Polizisten die Knöpfe abschnitten, damit er nicht erkannt und von den Dächern herab erschossen werde.
Anders als die hier Landläufigen erhält einen solche Vergangenheit immer. Carlos und Nicolàs werden schlagfertiger und mit fremdem Akzent sprechen, bildlicher denken, bunter leben — und schreibt einer von ihnen ein Buch, wird er seine deutschen Gedanken und Stimmungen in romanische Knappheit fassen. Er wird dem Ahnungsvollen der einen Rasse das klar Sinnliche der anderen verbinden, Groteske und Humor, Phantasie und Seele haben, und wird ein kleines, sehr unterhaltendes, sehr reizvolles, durch ein ungewöhnliches Schicksal und seinen eigentümlichen Ausdruck bemerkenswertes Buch hervorbringen.
[1] Rudolf Schmied: Carlos & Nicolàs. Kinderjahre in Argentinien. München 1906. R. Piper & Co. Inhalt: Die Boleadoras. Der Chinese. Das Brüderchen. Die Tigerjagd. Herr Dr. Bürstenfeger. Ein Tag mit Herrn Dr. Bürstenfeger. Die Reise nach Mendoza. Die Stadt Mendoza. In den Cordilleren. Nach Paraguay. Die Revolution. 3. Tausend. Geh. 2 Mark, geb. 3 Mark.
Druck von Oscar Brandstetter in Leipzig.