VIII
Darüber dachte Unrat selber nie nach, und nur eines beunruhigte ihn, wenn er sich spät am Abend von der Künstlerin Fröhlich trennte: die Ungewißheit über Kieselack, von Ertzum und Lohmann. Die Furcht vor ihrem Treiben im Verborgenen ließ ihm allmählich das Äußerste tunlich und alle zwischen den Menschen gesetzten Grenzen überschreitbar erscheinen. Draußen im Gäßchen vor dem Blauen Engel hörte er einmal ihre Schritte hinter sich. Er machte den seinigen ganz leicht, damit es ihnen nicht auffiel, wenn er stehen blieb. Hinter der Ecke lauerte er und trat unversehens mit schiefem Kopf auf sie zu. Sie prallten zurück; aber Unrat sagte ermunternd und mit giftigem Blinzeln:
»Nun denn, ich sehe, daß Sie sich – immer mal wieder – einen Kunstgenuß verschafft haben. Das ist ja denn auch recht von Ihnen. Kommen Sie, wir wollen das Gehörte einmal zusammen durchgehn, dabei werde ich dann Gelegenheit haben, mich darüber zu unterrichten, wie weit sie es in diesen Gegenständen schon gebracht haben.«
Da die drei stehen blieben und sich in diese erschreckende Vertraulichkeit mit dem Tyrannen sichtlich nicht hineinfanden, setzte er hinzu:
»Mein hierdurch über den Stand Ihrer allgemeinen Bildung gewonnenes Urteil kann auf Ihr nächstes Zeugnis – wahrlich doch – einigen Einfluß ausüben.«
Darauf nahm er Lohmann an seine Seite und ließ die beiden andern vorangehn. Lohmann kam sehr unlustig mit; aber Unrat begann ohne weiteres von des Sekundaners Lied vom runden Mond.
»Steht deine Liebe und du hörst sie weinen,« sagte er. »Die Liebe, als ein Abstraktum möchte nun zwar nicht weinen können. Da Sie indessen ›die Liebe‹ als eine Personifikation Ihres Seelenzustandes angesehen wissen wollen, und nunmehr dies poetische Wesen aus Ihnen heraustritt, um an dem Ufer eines von Ihnen angenommenen Sees zu weinen, so mag's denn sein. Hinzufügen aber muß der Lehrer, daß besagter Seelenzustand einem Sekundaner und noch dazu einem solchen mit ungewisser Aussicht das Ziel der Klasse zu erreichen, keineswegs wohl ansteht.«
Lohmann, erschreckt und erbittert, weil Unrat ein Stück von seiner Seele zwischen seinen dürren Fingern umwendete:
»Das alles ist poetische Lizenz, Herr Professor, von Anfang bis zu Ende. Ein ganz frivoles Machwerk, l'art pour l'art, wenn Sie den Ausdruck kennen. Hat mit Seele absolut nichts zu tun.«
»Drum denn – mag's denn sein,« wiederholte Unrat.
»Das Verdienst an der gemütvollen Wirkung des Liedes gebührt mithin – traun fürwahr – der vortragenden Künstlerin ganz allein.«
Die Nennung der Künstlerin Fröhlich bewirkte in ihm einen Stolz, den er zurückdrängte, indem er den Atem anhielt. Er lenkte gleich wieder von ihr ab. Er warf Lohmann seine romantische Dichtungsart vor und verlangte eifrigeres Studium des Homer von ihm. Lohmann behauptete, die wenigen, wirklich poetischen Stellen bei Homer seien längst überboten. Der sterbende Hund, bei Odysseus' Heimkehr, befinde sich viel wirksamer in La Joie de vivre, von Zola.
»Wenn Sie davon gehört haben, Herr Professor,« setzte er hinzu.
Schließlich gerieten sie auf das Heinedenkmal, und Unrat rief befehlshaberisch und mit Rachedrang gegen Lohmann, in die Nacht hinaus:
»Nie! Niemals!«
Sie waren beim Stadttor; Unrat hätte nun gleich abbiegen müssen. Statt dessen beschied er, zwischen den dunkeln Wiesen, Kieselack zu sich her.
»Gehen Sie nun denn also mit ihrem Freunde von Ertzum,« sagte er zu Lohmann. Im Augenblick warf sich all seine Besorgnis auf Kieselack. Die Familienverhältnisse dieses Schülers leisteten keine Bürgschaft für ihn. Sein Vater war ein des Nachts beschäftigter Hafenbeamter. Kieselack gab an, er teile sein Heim nur mit einer Großmutter. Unrat bedachte, daß durch solche Greisin Kieselacks nächtliche Bewegungsfreiheit gewiß wenig beschränkt werde. Und das Tor des Blauen Engels stand noch lange offen ...
Kieselack witterte, worauf es Unrat ankomme. Er versicherte:
»Großmutter haut mich.«
Unter Unrats wachsamen Blicken, ein Stück vor ihm auf, ließ von Ertzum seine krampfig geballten Fäuste hängen und sagte dumpf zu Lohmann:
»Er soll es nicht zu weit treiben, das rat' ich ihm bloß. Alles hat 'n Ende!«
»Hoffentlich noch nicht,« erwiderte Lohmann. »Ich finde die Geschichte immer fragwürdiger.«
Ertzum, von neuem:
»Ich will dir was gestehen, Lohmann ... Wir sind hier ziemlich allein, die nächste Laterne und der nächste Schutzmann kommen beide erst bei Witwe Blöß. Wenn ich mich umdreh' und den Menschen niederschlage – ihr werdet mich ja hoffentlich nicht abhalten ... Dies Weib – dies Weib in den Pfoten eines solchen Elenden, einer solchen Krabbe! Ihre Reinheit!... Kerl, du, es geschieht was!«
Von Ertzums Heftigkeit stieg, weil er fühlte, daß er befremde. Aber das machte ihm nichts, und er schämte sich seiner Drohungen nicht mehr, denn heute wußte er sich fähig, sie alle zu vertreten.
Lohmann zögerte.
»Ein Geschehnis wäre es, wenn du ihn totschlügest, das läßt sich allerdings nicht leugnen,« bemerkte er schließlich, müden Tonfalls. »Es hätte doch mal einer eine Geste gewagt – eine Tür aufgerissen; – statt daß unsereiner immer nur dahinter steht, mit Angst ertappt zu werden, wenn sie plötzlich von innen geöffnet würde.«
Lohmann schwieg und wartete gespannt darauf, daß der andere ihm ins Gesicht sage, er liebe Frau Dora Breetpoot. Er spielte in seinem Sinn mit der Flinte, die für solchen Fall bereit lag ... Aber sein Geständnis zerging ungehört in der Luft.
»Eine andere Frage,« und Lohmann verzog den Mund, »ist allerdings, ob du's tust ... Du tust ja auch nichts.«
Von Ertzum machte eine wilde Bewegung rückwärts. Lohmann sah, denn die Laterne der Witwe Blöß war nicht mehr fern, ganz gut einen Schwindel durch seines Freundes Blick streichen. Er packte ihn am Arm.
»Keine Dummheiten, Ertzum!«
Darauf stellte er sich ungläubig.
»So was gibt's doch nicht, das faßt man doch nicht ernstlich ins Auge. Sieh dir den Menschen an, bitte. Ist das einer, den man mordet? Das ist einer, über den man die Achseln zuckt. Hast du Lust, nach geschehener Tat mit dem alten Unrat zusammen in der Zeitung zu stehn? Wie kompromittierend!«
Ertzums schwerblütige Wallung legte sich allmählich. Lohmann verachtete ihn ein wenig, weil er wieder ungefährlich war.
»Noch dazu,« bemerkte er, »hättest du etwas nicht ganz so Unsinniges tun können und hast es nicht getan. Hast du von Breetpoot Geld verlangt?«
»N – ein.«
»Siehst du. Du wolltest vor deinen Vormund hintreten, ihn deine Leidenschaft wissen lassen und deine Entschlossenheit ihr nachzugehn. Daß du ein Mann seist, und daß du lieber zweijährig dienen wollest als zusehn, wie die Geliebte an einen Schubjack verloren gehe. Du wolltest dich um ihretwillen befreien: das wolltest du!«
Ertzum murmelte:
»Wieso?«
»Geld hätte er mir keins gegeben. Er hätte mir die Kandare fester angezogen. Ich könnte Rosa jetzt nicht mal mehr sehn.«
Auch Lohmann hielt ein derartiges Verhalten des Vormunds für wahrscheinlich.
»Ich kann dir dreihundert Mark pumpen,« sagte er nachlässig. »Wenn du also mit ihr durchgehen willst –«
Ertzum antwortete zwischen den Zähnen hervor:
»Danke.«
»Nein? Also nicht.«
Lohmann schlug ein schwaches und böses Gelächter auf.
»Aber du hast ganz recht. Bevor man eine zur Gräfin macht, besinnt man sich doch. Und anders tut sie es wohl nicht.«
»Ich selbst würde es nicht anders gewollt haben,« sagte von Ertzum, gebrochen und schlicht. »Sie aber will nicht ... Ach, das weißt du nicht. Niemand weiß, daß ich seit Sonntag ein verzweifelter Mensch bin. Es ist eigentlich zum Lachen, daß ihr mich behandelt, als wär' ich noch derselbe – und daß ich mich auch so benehme.«
Sie schwiegen. Lohmann war sehr unzufrieden; er fühlte sich geschädigt, in seiner Leidenschaft um Dora Breetpoot verletzt, weil nun auch Ertzum dank dieser lächerlichen Fröhlich in eine tragische Rolle geriet. Ertzum und diese Fröhlich rückten ihm zu nahe.
»Also?« fragte er stirnrunzelnd.
»Ja. Sonntag, auf dem Ausflug nach dem Hünengrab, mit dir, Kieselack und – Rosa ... Rosa ganz für mich zu haben, mal ausnahmsweise ohne Unrat: ich war so froh. Ich war meiner Sache überhaupt ganz sicher!«
»Richtig. Du warst zu Anfang in vorzüglicher Laune. Du hast das Hünengrab sogar nach Möglichkeit kaputt gemacht.«
»Ach ja. Wenn ich daran denke – als ich das Hünengrab kaputt machte, das war vorher, da war ich noch ein anderer Mensch ... Nach dem Frühstück waren wir so gut wie allein im Wald, Rosa und ich; denn du und Kieselack ihr schlieft. Ich faßte mir ein Herz: im letzten Moment hatte ich doch Angst gekriegt. Aber sie hatte mich ja immer gut behandelt, ganz anders als dich ... nicht wahr?... und wartete sichtlich bloß auf meine Erklärung. Ich hatte mein bißchen Geld eingesteckt und glaubte bestimmt, wir würden gar nicht mehr nach der Stadt zurückkommen, sondern gleich durch den Wald an die Station laufen.«
Er verstummte. Lohmann mußte ihn anstoßen.
»Sie liebt dich nicht – genügend?«
»Sie sagte, sie kenne mich nicht hinlänglich. Hältst du das für einen falschen Vorwand?... Sie meinte auch, wir würden ja doch gefaßt; und dann käme sie wegen Verführung eines – Minderjährigen ins – Loch.«
Lohmann kämpfte ingrimmig mit seiner Lachlust.
»Soviel kalte Überlegung,« sagte er mit Anstrengung, »das ist nicht das Wahre. Mindestens ist ihre Liebe nicht auf der Höhe der deinigen. Du solltest dir deinerseits überlegen, ob du von den auf sie gesetzten Gefühlswerten nicht lieber einige zurückziehst ... Hast du nicht die Empfindung, daß sie nach eurer Unterredung beim Hünengrab nicht mehr deine ganze Zukunft wert ist?«
»Nein, die Empfindung hab' ich nicht,« sagte von Ertzum ernst.
»Dann ist nichts zu machen,« entschied Lohmann.
Sie waren am Hause des Pastors Thelander. Ertzum kletterte den Pfeiler hinauf zum Balkon. Unrat stand zwischen Kieselack und Lohmann und sah ihm nach. Als Ertzum in sein Fenster gestiegen war, wandte Unrat sich nachdenklich zum Gehen. Er sagte sich, daß von Ertzum, sobald es ihm einfiele, wieder hinabklettern könne ... Aber er fürchtete von Ertzum wenig; er verachtete seine Einfalt.
Er führte die beiden andern Schüler zur Stadt zurück und brachte Kieselack bis in den Machtbereich seiner Großmutter.
Dann ging er mit Lohmann vor sein väterliches Haus, hörte das Tor sich schließen, sah droben Licht entstehen, wartete peinlich, bis es wieder verlosch und ließ noch eine Weile verstreichen. Es erfolgte nichts mehr.
Da fand Unrat endlich den Mut, sich schlafen zu legen.
IX
Jeden Neugierigen scheuchte Unrat strenge fort von der Tür zur Künstlergarderobe. Die fremden Matrosen glaubten, er sei der »Heuerbas«, der die Artisten gemietet habe. Wer in ihm nicht den Direktor der Truppe sah, hielt ihn für einen Vater. Dazwischen saßen die, die ihn kannten, und grinsten unsicher.
Die ersten Abende hatten sie laut gehöhnt. Unrat sah dann überlegen und unberührt über sie hinweg. Er hatte hier zuviel vor ihnen voraus. Sie fühlten das bald. Sie kamen sich bald selbst gedemütigt vor, sie, die für ihre Nickel dabei saßen und glotzten, – und Unrat machte, mit einer Miene des Einverständnisses, die Tür auf vor der Künstlerin Fröhlich, zu der sie alle die größte Lust hatten. Wider ihren Willen faßten sie Achtung vor Unrat, und ihre Bemühungen, ihn noch lächerlich zu finden, wurden täglich verlegener. Dafür rächten sie sich durch Wispern in den hinteren Kontoren der Großhandlungen. Die ersten Gerüchte über Unrats Lebenswandel fanden dort eine Tür geöffnet nach der Stadt. Die Stadt glaubte ihnen nicht sogleich. Die Schüler des alten Unrat behaupteten heute, er habe seine Wirtschafterin ins Kabuff gesperrt, und morgen etwas anderes. Das war herkömmlich, die Stadt lächelte darüber.
Ein junger Oberlehrer besuchte, unter dem Schutze des ältesten Professors, eines halbtauben Greises, den Blauen Engel und gewann Einblicke in die Wahrheit. Am nächsten Morgen im Lehrerzimmer sprach der taube Professor zu Unrat einige beschwörende Worte über die Würde des Erzieherstandes. Der junge Oberlehrer lächelte skeptisch. Die andern Herren sahen weg; mehrere zuckten die Achseln. Unrat erschrak: er sah sich vor einem schlechthin unglaublichen Eingriff in seine Machtvollkommenheit. Sein Kinn klappte; er brachte hervor:
»Das ist – traun fürwahr – nicht Ihre Sache.«
Er wendete sich nochmals um.
»Meine Würde – aufgemerkt nun also! – gehört mir selbst ganz allein.«
Er schnappte mehrmals und schlich bebend davon. Auf halber Straße zog es ihn noch immer zurück. Es erbitterte ihn tagelang, daß er es bei unklaren Worten gelassen hatte. Er hätte bekennen sollen, die Künstlerin Fröhlich sei würdiger als alle Oberlehrer, schöner als der taube Professor und höher als der Direktor. Sie sei einzig und gehöre an Unrats Seite, hoch über der Menschheit, die gleich sehr frevle, ob sie sich an ihr vergreife oder ihn anzweifle.
Aber die Gänge dieser Meinungen waren noch zu wenig ausgegraben, zu dumpf und zu tief, als daß Unrat die Leute hätte hineinführen können. Diese Meinungen reizten ihn unterirdisch; er hatte in der Stille seines Zimmers Ausbrüche, in denen er knirschte und die Fäuste schüttelte. Und am Sonntag ging er mit dem Artisten Kiepert zur politischen Wahl, an den Kohlmarkt, ins sozialdemokratische Hauptquartier. Es war die Ausführung eines jähen Entschlusses. Die Macht der Kaste, der Lohmann angehörte, war, so entdeckte er, eine zu brechende. Bis dahin hatte er allen Werbungen des Artisten sein höhnisch überlegenes Lächeln entgegengehalten: das Lächeln des aufgeklärten Despoten, der Kirche, Säbel, Unwissenheit und starre Sitte unterstützt und sich über seine Beweggründe lieber nicht äußert. Heute war er auf einmal entschlossen, das alles über den Haufen werfen zu lassen, gemeinsame Sache zu machen mit dem Pöbel gegen die dünkelhaften Oberen, den Pöbel in den Palast zu rufen und den Widerstand einiger in allgemeiner Anarchie zu begraben. Im Dunst des Volksgemüts, der schwer unter der Decke des Wahllokals hing, verfing sich Unrats Besinnung; und er entbrannte in hektischer Zerstörungssucht. Er schlug mit geröteten Knöcheln zwischen die Biergläser und verlangte:
»Vorwärts nun also! Ich bin nicht gewillt, dies alles noch länger zu dulden!...«
Es war ein Rausch; tags darauf bereute er ihn. Überdies erfuhr er, alle die Stunden hindurch, die er beim Umsturz verbracht hatte, sei die Künstlerin Fröhlich aus der Stadt verschwunden gewesen. Augenblicklich dachte Unrat, angstgelähmt, an Lohmann.
Lohmann fehlte seit heute in der Klasse! Welche Verruchtheiten beging er inzwischen? Er verbrachte jeden Augenblick, den Unrat sich abwandte, bei der Künstlerin Fröhlich! Er war endgültig zu ihr entlaufen! Er stak in ihrem Zimmer! Unrat ward von dem Drang ergriffen, ihr Zimmer zu sehen, es zu untersuchen ...
Diese Tage verbrachte Unrat zitternd vor Argwohn. In der Schule wütete er mörderisch in den Laufbahnen von Sekundanern. In der Künstlergarderobe beschuldigte er die dicke Frau eines unheilvollen Einflusses auf die Künstlerin Fröhlich. Die Frau lachte nachsichtig. Die Künstlerin Fröhlich selber antwortete:
»Wenn ich mit Ihre drei Schuljungens 'ne Landpartie sollt' machen – lieber laß ich mich gleich auf 'n Kopf schlagen, als daß ich mich mit Ihre Schuljungens totmopse.«
Er musterte sie entsetzt. Dann, im Drang, sie als unverantwortlich zu behandeln, sie rein zu finden, stürzte er sich zurück auf die Frau.
»Verantworten Sie sich! Was haben Sie mit der Ihnen anbefohlenen Künstlerin Fröhlich gemacht!«
Die Frau sagte, ohne sich aufzuregen:
»Sie werden jetzt überhaupt so komisch.«
Sie machte die Tür auf, kehrte sich nochmals um:
»Von Ihnen wird doch keiner satt.«
Und im Abgehen:
»Und glücklich auch nicht.«
Darauf errötete Unrat wolkig. Die Künstlerin Fröhlich lachte.
»Er kommt nu mal nich drauf,« erklärte sie, obwohl sie mit ihm ganz allein war. Und weiter teilten sie sich nichts mit.
So oft aber die dicken Leute sich zeigten, schwoll Unrat von Streitsucht. Er behandelte sie schon längst mit Strenge. Je wichtiger sich die Künstlerin Fröhlich in seinem Bewußtsein ausbreitete, je stärker er seinen Schutz um sie legte und je einsamer er sie der Menschheit entgegenstellte: desto weniger Platz war auf den Stühlen der Garderobe für die Röcke der dicken Frau und für Kieperts Trikots. Er verdachte ihnen den Beifall, den sie ernteten, und ihre lärmende gute Laune. Er verwies den Artisten nach einer turnerischen Produktion aus der Garderobe, weil er zu sehr schwitze und dies in Gegenwart einer Dame, wie der Künstlerin Fröhlich, sich nicht zieme. Kiepert trollte sich gutmütig, indes er vermutete:
»Sie is woll von Butter, daß die Gerüche in sie einziehn?«
Seine Frau war leicht verletzt, aber sie lachte und stieß Unrat an. Er wischte sich den Ärmel ab. Darauf war sie wirklich beleidigt.
Die Künstlerin Fröhlich kicherte dazu. Sie konnte unmöglich anders als sich geschmeichelt fühlen. Die beiden Dicken ärgerten sie ohnehin mit ihrem immer erfolgreichen Flottenlied. Unrat behauptete wiederholt, eine Künstlerin sei nur sie. Er reizte, ein naiver Intrigant, ihre Eifersucht und zog sie näher an sich, dadurch, daß er sie dazu verführte, aller Welt Geringschätzung zu zeigen; dadurch, daß er sie nötigte, sich auf ihn zu stützen, als ihren unbedingten Ritter. Die allertiefste Verachtung verlangte er von ihr für den Saal voll Menschen, um deren Beifall sie sich abarbeitete, und für jeden einzelnen Zuschauer, dem sie gefallen hatte. Er haßte die dicke Frau besonders deshalb, weil sie immer Nachrichten aus dem Saal mitbrachte von Eindrücken, die die Künstlerin Fröhlich darin hinterlassen hatte.
»Wie! Wäre es möglich!« rief er aus. »Jener Mensch also nun erkühnt sich, den Mund zu öffnen? Derselbe Meyer, der mit neunzehn Jahren das Ziel der Klasse noch nicht erreicht hatte und endlich sich genötigt sah, dreijährig zu dienen!«
Die Künstlerin Fröhlich verbarg unter einem Lächeln ihre Verlegenheit darüber, daß ihr der untergeordnete Meyer nicht mißfiel. Sie wünschte sich, er möge ihr mißfallen. Sie war gelehrig von Natur und empfänglich dafür, daß ein Mann vom geistigen Stande Unrats sie erzieherischer Eingriffe würdigte. Es geschah ihr zum erstenmal. Der dicken Frau, die noch ein Wort zugunsten Meyers versuchte, fuhr sie aufgebracht über den Mund.
Andere Male kitzelte sie Unrat mit Blumen unter der Nase.
»Die angefressene Rose ist von dem kleinen Dicken da gleich hinterm Klavier.«
»Kindchen,« versetzte die Frau, »das is ja der Zigarrenfritze vom Markt. 'n feiner Mann. Kiepert käuft bei ihm. 'n großartiges Geschäft.«
»Was sagt Unrat nu?« fragte die Künstlerin Fröhlich.
Unrat sagte, dieser Schüler sei einer der Schlimmsten gewesen, und als Geschäftsmann könne er auch nicht viel taugen; denn er stelle ihm keine Rechnung aus, ohne seinen Namen das erste Mal mit einem falschen Buchstaben anzufangen. Die Frau meinte, das machte nichts. Unrat log, der Mann gelte für geschäftlich unsicher. Die Künstlerin Fröhlich, die ihn Feuer spritzen sah, drehte sich in den Hüften und roch an der angefressenen Rose.
»Sie haben auch an all und jedem was auszusetzen,« bemerkte die Frau. »Was wollen Sie da eigentlich mit, können Sie uns das woll erzählen?«
Und da Unrat schwieg:
»Sie selber stellen hier doch weiter nischt an.«
»Nee, er kommt auf nischt,« und die Künstlerin Fröhlich schlug sich aufs Knie, indes Unrat sich rosig bewölkte.
»Dann müssen Sie ihn alleine klug reden lassen,« verlangte die Frau, »und sich mit die Dümmern begnügen, die sind auch was wert, und wenigstens das Einfachste fällt ihnen manchmal ein. Sie verstehn, Rosachen. Ich hab' doch meine Gründe, nicht wahr, daß ich Ihnen so 'n Rat gebe, und ewig kann ich auch nich warten.«
Darauf ging sie, um mit Kiepert das Flottenlied zu singen. Die Künstlerin Fröhlich blieb in weinerlicher Erbitterung zurück.
»Hurrgott, die piesackt einen, daß man blaue Flecke kriegt!«
Sie hielt sich die Arme.
»In der Tat,« setzte sie, sich fassend, hinzu, »die Person fällt mir greulich auf die Nerven.«
Stehen bleibend, in Verzweiflung:
»Daß Sie auch gar kein Mitleid kennen!«
Und Unrat fühlte auf einmal die Last einer täglich und fast unbemerkt gewachsenen Schuld auf sich, und gar keine Kraft, sie loszuwerden.
Solange das Flottenlied stieg, bewegte sich die Künstlerin Fröhlich stöhnend durch die Garderobe.
»Gleich hat's geschnappt!... Ich hab' doch immer gesagt, ich verekel' es den Dicken noch mal. Hab' ich das nich gesagt? Nu hat's geschnappt.«
Und kaum hatte das Ehepaar Kiepert den Gesang der deutschen Seehelden geendet, da schritt sie stürmisch hinaus und kreischte in den noch ganz von Patriotismus erschütterten Saal:
»Mein Mann der is 'n Schiffskaptän
Woll auf die deutsche Flott',
Un wenn er duhn nach Hause kommt,
Dann haut er mir die –«
Erst waren alle starr; dann entrüsteten sie sich geräuschvoll; endlich ging das Vergnügen am Kontrast ihnen auf. Die Künstlerin Fröhlich war durchgedrungen mit ihrem Wagnis, sie kehrte frohlockend zurück.
Die dicke Frau war diesmal ernstlich aufgebracht.
»Wir zwei stellen uns auf'n Kopp, damit daß die Leute 'n Begriff vons Höhere kriegen. Un denn kommen Sie un verulken uns die heiligsten Güter. Wenn das nicht 'ne Gemeinheit is!«
Unrat leugnete dies, im Bunde mit der Künstlerin Fröhlich. Er behauptete, jede Richtung sei in der Kunst berechtigt; Kunst sei, was die großen Künstler machten; und das heiligste der Güter sei das Talent der Künstlerin Fröhlich. Sie ergänzte seine Ausführungen durch wenige Worte an die dicke Frau.
»Sie können mir überhaupt –«
Da trat Kiepert ein und schob vor sich her einen untersetzten Mann mit einem rötlichen Haarband rund um das rotfleischige Gesicht. Der zog die Brauen in die Höhe und sagte:
»Gottsdunner, Fräulein, Sie sind jä 'n dolle Deern, sind Sie jä. Huhu! Denn haut er mich auf'n – Ich bin nämlich auch 'n Kaptain, und wenn Sie was mit mich trinken wollen –«
Schon griff Unrat ein.
»Die Künstlerin Fröhlich trinkt – traun fürwahr – mit niemand. Da irren Sie, Mann. Überdies verkennen Sie sichtlich den privaten Charakter dieses Kab–, dieser Garderobe.«
»Herr, Sie spaßen woll,« und der Kapitän zog die Brauen noch höher.
»Mit nichten,« erklärte Unrat. »Vielmehr belehre ich Sie darüber, daß Sie hinausgehn müssen.«
Dem Ehepaar Kiepert ward es zu viel.
»Herr Professor,« sagte der Artist, gekränkt und polternd: »Wenn ich mir 'n Freund mit 'reinbring', mit dem ich eben Brüderschaft getrunken hab', das is woll meine Sache.«
Seine Frau brach endlich los:
»Ob ich mir Sie nu nich bald kaufe! Keinen gibt er hier was zu verdienen, un nischt als Stank macht er un grault uns die Leute weg. Rosa, gehn Sie mal mit'n Kapitän!«
Unrat war fahl, er zitterte.
»Die Künstlerin Fröhlich,« rief er mit einer Stimme aus der Tiefe und schielte giftig vor Angst nach ihr hin, »ist nicht eine Sobeschaffene, daß es ihr anstehen würde, Ihr Bier zu trinken, Mann!«
Sein Blick stach sie; sie seufzte.
»Gehn Sie man wieder weg,« versetzte sie, »da is ja nischt zu machen.«
Und Unrat im Triumph, plötzlich rot auf den Backenknochen, und mit einem Sprung:
»Hören Sie es, Mann? Sie sagt es Ihnen selbst. Die Künstlerin Fröhlich verweist Sie ins Exil. Gehorchen Sie! Vorwärts nun also!«
Er hatte den Kapitän schon gepackt, sich in ihn eingekrallt, ihn zum Ausgang gezerrt. Der starke Mensch ließ den hektischen Ansturm ohne Widerstand über sich gehn. Er schüttelte sich nur, wie Unrat ihn losließ. Aber das war schon jenseits der Schwelle, und die Tür schloß sich heftig vor seinen erstaunten Brauen.
Der Artist schlug gewaltig auf den Tisch.
»Menschenskind, Sie sind woll –«
»Und Sie, Mann –«
Unrat kam pfauchend auf ihn zu. Kiepert bekam Furcht.
»– merken Sie sich – denn also – daß die Künstlerin Fröhlich unter meinem Schutze steht, und daß ich nicht gesonnen bin, sie beleidigen noch auch das Heft mir entwinden zu lassen. Wiederholen Sie sich dies des öftern! Schreiben Sie es sich auf!«
Der Artist brummte etwas, aber er sah bezähmt aus. Allmählich machte er sich davon. Die Künstlerin Fröhlich sah Unrat an und lachte laut auf; dann kam ein viel leiseres Lachen, spöttisch und zärtlich, und so, als dächte sie über ihn nach und über sich selbst: warum sie sich stolz fühlte auf ihn, den sie lächerlich fand.
Die dicke Frau überwand ihr Übelwollen und legte Unrat die Hand auf die Schulter.
»Nu hören Sie mal zu,« sagte sie.
Unrat wischte sich die Stirn, halb abgewendet und völlig besänftigt. Die Panik des Tyrannen, der einer Widersetzlichkeit durch kopfloses Wüten begegnet, sie ließ ihn wieder einmal ziemlich erschöpft zurück.
»Also da aus der Tür geht Kiepert, und da is die Rosa, und da sind Sie, und hier bin ich ...«
Mit eindringlicher Stimme hielt sie ihm die Wirklichkeit vor.
»Und denn war da noch der Schiffskapitän, den Sie 'rausgesetzt haben. Der kommt nämlich aus Finnland und hat 'n glänzendes Geschäft gemacht, weil ihm nämlich sein Schiff untergegangen is, und es war versichert ... Sie haben woll kein Schiff versichert? Nu, das muß ja auch nich sein. Dafür haben Sie andere Geistesgaben. Sie müssen sie bloß mal sehen lassen, das is allens was ich sag' ... Da is also nu die Rosa. Sie verstehn? Der Kapitän hat Geld, is 'n ansehnlicher Mann und gefällt dem Mädchen.«
Unrat blickte verstört auf die Künstlerin Fröhlich.
»Is ja gar nich wahr,« machte sie.
»Sie haben es doch selbst gesagt.«
»Gott, kann sie lügen.«
»Leugnen Sie doch mal, daß Ihnen der eine Schüler von Herrn Professor, der mit der schwarzen Locke auf die Augen, daß der Ihnen 'n ganz ernsten Antrag gemacht hat.«
Unrat fuhr wild auf. Die Künstlerin Fröhlich beschwichtigte ihn.
»Das is ja 'n böswilliger Irrtum. Heiraten will mich bloß der Rote, der aussieht wie 'n besoffener Mond. 'n Graf is er, aber was hab' ich davon, ich mag ihn doch nich ...«
Sie lächelte Unrat zu, kindlich.
»Na meinswegen hab' ich gelogen,« sagte die Frau. »Aber das stimmt doch woll, daß Sie mir zweihundertsiebzig Mark schulden, waschen, Rosachen? Sehn Sie, Herr Professor, man is sonst nich so, und ich beiß mir lieber 'n Finger ab, als daß ich das in Ihrer Gegenwart zur Sprache bring'. Aber schließlich is man sich selbst der Nächste, is doch wahr. Und dafür, daß Sie hier alle andern rausschmeißen, Herr Professor, sei'n Sie man nich böse, dafür bieten Sie nich genug. Von's Geld will ich nich mal reden; aber so 'n junges Ding will auch Liebe und kann sie woll beanspruchen. Da merkt man bei Ihnen gar nichts von, Sie kommen einfach nich drauf. Ich weiß nicht mal, ob ich das peinlich finden soll, oder lachhaft.«
Die Künstlerin Fröhlich rief:
»Wenn ich selber nischt sage, kann es Ihnen auch recht sein, Frau Kiepert.«
Aber die dicke Frau wehrte ab; sie hatte das Bewußtsein, für Moral und Sitte ein vernünftiges Wort eingelegt zu haben; und sie schritt erhobenen Hauptes hinaus.
Die Künstlerin Fröhlich rückte die Schultern.
»Sie is ja nur ungebildet, aber gutmütig. Na laß ihr. Wenn Sie nu man nich glauben, daß ich mit ihr unter einer Decke steck' und Sie bloß 'rankriegen will.«
Unrat sah vom Boden auf. Nein, diese Vermutung hatte ihm fern gelegen.
»Überhaupt steck' ich mit keinem unter einer Decke ...«
Sie lächelte von unten, spöttisch und schüchtern.
»Nich mal mit Ihnen ...«
Nach einer Pause.
»Das is doch wahr?«
Sie mußte mehrmals fragen. Unrat merkte nichts von der Brücke, die ihre Worte ihm bauten. Nur von der entstandenen Stimmung fühlte er sich umfangen, daß ihm schwül ward.
»Mag's denn sein ...« versetzte er und streckte zitternde Hände aus nach der Künstlerin Fröhlich. Sie überließ ihm die ihrigen. Ihre kleinen Finger, ein wenig grau und fettig, schlüpften weich zwischen seine Knöchel. Ihr Haar, ihre Stoffblumen, ihr buntes Gesicht drehten sich ihm als ein farbiges Rad vor den Augen. Er kämpfte sich durch.
»Sie sollen der Frau kein Geld schulden. Ich bin entschlossen –«
Er schluckte hinunter. Es fiel ihm mit Schrecken ein, der Schüler Lohmann möchte ihm in seinem Entschluß zuvorgekommen sein: der Schüler Lohmann, der in der Klasse fehlte und sich vielleicht im Zimmer der Künstlerin Fröhlich verborgen hielt.
»Ich will Ihnen – traun fürwahr – Ihre Wohnung bezahlen.«
»Davon reden wir mal gar nich,« erwiderte sie leise. »Das is bei uns Nebensache ... Übrigens kost mein Zimmer nich viel ...«
In Pausen:
»Es is hier oben im Haus ... Es is ganz schön ... Wollen Sie es mal sehn?«
Sie hielt die Lider gesenkt und sah bestürzt aus, wie man bei der Erklärung eines ernsten Mannes aussehen mußte. Und sie wunderte sich, weil sie gar keine Lachlust verspürte, und weil eine kleine feierliche Wallung ihr Herz aufhob.
Sie erschloß einen ungewöhnlich dunklen Blick und sagte:
»Na, nu gehn Sie man voraus. Die Affen im Saal brauchen es ja nich gleich zu merken.«