II.

Die vier satirischen Briefe bilden gewissermaßen ein dramatisches Ganzes, sehr verschiedene Personen sprechen sich über dieselben Ereignisse, jede in ihrer Weise aus. Der rheinbündische Officier, das Landfräulein, der Burgemeister; diesen ironischen Charakteren steht der politische Pescherü mit seinen einfachen Betrachtungen als Chor gegenüber. Der erste Brief ist in kurz abschneidender französirender Standessprache geschrieben. Das Landfräulein schreibt, wie schon der Eingangssatz beweist, in der verschlungenen Weise Kleist’s; architectonisch durchgeführt sind Perioden wie die „Allein, wenn die Ansicht u. s. w.“ oder: „Aber die Beweise, die er mir, als ich zurückkam u. s. w.“, denen die beiden letzten des Briefes, mit ihrem „inzwischen“ und „gleichwohl“ an die Seite gestellt werden können. In dem Schreiben des Burgemeisters (I, 1, 3) gilt es, die pedantische Langstiligkeit amtlicher Erlasse darzustellen; der Wortschwall ironisirt sich selbst, er soll betäuben und über die Schmählichkeit des Inhalts täuschen. Bezeichnend ist die unübersehbare Periode: „Indem wir euch nun diesem Auftrage gemäß u. s. w.“

Der Brief des politischen Pescherü (I, 1, 4) stellt neun genau abgefaßte Fragen auf; in der fünften heißt es: „Ist er es, der den König von Preußen — zu Boden geschlagen hat, und auch selbst nach dem Frieden noch mit seinem grimmigen Fuß auf dem Nacken desselben verweilte“? Diese Bezeichnung vollständigster Vernichtung ist ein Lieblingsbild Kleist’s. Im fünften Auftritt der Penthesilea sagt Asteria:

Den Fußtritt will er, und erklärt es laut,

Auf deinen königlichen Nacken setzen;

im neunten Auftritt wiederholt Penthesilea:

Laßt ihn den Fuß gestählt, es ist mir recht,

Auf diesen Nacken setzen!

Und die Hermannsschlacht beginnt mit den Worten:

Rom, dieser Riese, der —

Den Fuß auf Ost und Westen setzet,

Des Parthers muthgen Nacken hier,

Und dort den tapfern Gallier niedertretend.

Unter 7 heißt es im Briefe: „Ist er es, der — Preußen, den letzten Pfeiler Deutschlands sinken sah“ —? Und in den ersten Versen der Hermannsschlacht:

Und Hermann der Cherusker endlich,

Zu dem wir, als dem letzten Pfeiler uns

Im allgemeinen Sturz Germanias geflüchtet —

Endlich in der neunten Frage wird auf den Kaiser Franz folgendes Gleichniß angewendet: „der wie Antäus, der Sohn der Erde, von seinem Fall erstanden ist, um das Vaterland zu retten.“ In dem Gedichte vom 1. März 1809 an denselben singt Kleist:

O Herr, du trittst, der Welt ein Retter,

Dem Mordgeist in die Bahn,

Und wie der Sohn der duftgen Erde

Nur sank, damit er stärker werde,

Fällst du von Neu’m ihn an.[12]

Die Fabel „die Bedingung des Gärtners“ entspricht in ihrer Fassung den beiden Fabeln, die 1808 im Phöbus erschienen.

In ganz anderem Ton ist das „Lehrbuch der französischen Journalistik“ gehalten. Obgleich die knappe Form dieser geschlossenen Reihe von Erklärungen, Lehrsätzen, Aufgaben und Beweisen der entfalteten Rede keinen Raum gestattet, so haben sich doch auch hier die Lieblingswendungen eingeschlichen. Es ist bekannt, welche Neigung Kleist für diese Darstellungsweise und den strengen Beweis hatte. Wie er zuerst meinte, seine Lebensaufgabe auf dem Gebiete der Mathematik gefunden zu haben, so ist er auch später, namentlich in den Briefen, geneigt, wo die Leidenschaft nicht durchbricht, seine Gedanken in streng logische Formeln zu bringen. Leider ist das Lehrbuch der Journalistik in 25 Paragraphen unvollständig. Wahrscheinlich hatte er es zu Ende geführt, doch sind die letzten Blätter verloren gegangen. Den obersten Grundsätzen und Definitionen folgt im Paragraph 10 die Eintheilung der Journalistik mit dem ersten Capitel: „Von der Verbreitung der wahrhaftigen Nachrichten“ in zwei Artikeln „von den guten und den schlechten Nachrichten“; ein zweites Capitel von der Verbreitung falscher Nachrichten mußte folgen, und dieses fehlt.

In dem „Katechismus der Deutschen“ hat Kleist die Einförmigkeit des katechisirenden Tons, in dem die Antwort das Echo der Frage ist, so zu beleben gewußt, daß er durchaus charakteristisch wird, und einzelne Redewendungen von Vater und Sohn an den dramatischen Dialog, etwa die einfachen Gegenreden Käthchens in der ergreifenden Scene mit ihrem Vater erinnern.[13] Auch andere Anklänge fehlen nicht. Die Schilderung des Erzfeindes findet an mehr als einer Stelle ihr Seitenstück. Sie lautet 7: „Als einen der Hölle entstiegenen Vatermörder, der herumschleicht in dem Tempel der Natur und an allen Säulen rüttelt, auf welchen er gebaut ist.“ Im Käthchen von Heilbronn schleudert der alte Theobald dem Grafen Strahl folgende Worte zu:

Ein glanzumflossener Vatermördergeist,

An jeder der granitnen Säulen rüttelnd,

In dem urewigen Tempel der Natur,

Ein Sohn der Hölle, den u. s. w.

In der Hermannsschlacht sind Raub, Brand und Mord ein „höllenentstiegener Geschwisterreigen“ und in dem Gedichte „Germania an ihre Kinder“ ist es „eines Höllensohnes Rechte“, die das eiserne Joch der Knechtschaft auferlegt. Im Katechismus 9 soll, wer weder liebt noch haßt, wenn es sich um die Freiheit des Vaterlandes handelt, in die tiefste, siebente Hölle, in der Hermannsschlacht der Verräther in die neunte Hölle stürzen. Dort wird die Frage verneint, ob nicht „das Blut vieler tausend Menschen nutzlos geflossen, die Städte verwüstet und das Land verheert worden sei“, wenn man im Kampf unterliege. In dichterischer Sprache wird derselbe Einwand abgewiesen „Germania und ihre Kinder“:

Nicht die Flur ist’s, die zertreten

Unter ihren Rossen sinkt,

Nicht der Mond, der in den Städten

Aus den öden Fenstern blinkt,

Nicht das Weib, das mit Gewimmer

Ihrem Todeskuß erliegt.[14]

Die drei folgenden Stücke (I, 2, 1-3) sind nicht blos ein persönlicher Gefühlserguß, sondern Aufrufe an das Volk, die Kampf und Rache erwecken sollen. Das erste kündet sich als „Einleitung“ einer Zeitschrift an, und ist im Tone der glühendsten vom Hasse eingegebenen Beredsamkeit geschrieben; der Erzherzog Karl ist der volksthümliche Held, „der Bezwinger des Unbezwungenen“, oder, wie er in dem Siegesliede nach der Schlacht von Aspern genannt wird, „der Ueberwinder des Unüberwindlichen.“ Germania soll der Name dieser Zeitschrift sein; „Hoch auf den Gipfel der Felsen soll sie sich stellen, und den Schlachtgesang herabdonnern ins Thal“, wie in dem Gedichte Germania ihren Kindern zuruft:

Mit dem Spieße, mit dem Stab

Strömt ins Thal der Schlacht hinab!

— —

Das Gebirg hallt donnernd wieder —

— —

Und vom Fels herab der Ritter,

Der sein Cherub, auf ihm steht.

Die Germania der Zeitschrift will singen: „Vaterland, — welch ein Verderben seine Wogen auf dich heranwälzt.“ In dem letzten Lied

Kommt das Verderben mit entbundenen Wogen

Auf Alles, was besteht, herangezogen.

Jene will „die Jungfrauen des Landes herbeirufen, wenn der Sieg erfochten ist, daß sie sich niederbeugen über die, so gesunken sind“; und das Lied an den Erzherzog Karl nach der Schlacht bei Aspern singt:

Siehe, die Jungfraun rief ich herbei des Landes,

Daß sie zum Kranz den Lorbeer flöchten.[15]

Der Grundton der Einleitung ist in dem Gedicht Germania zum gewaltigen Schlachtgesang geworden, und kaum wird man sich der Ueberzeugung verschließen können, gerade für die Eröffnung dieser Zeitschrift sei es geschrieben worden. Der Schluß der Einleitung fehlt; dagegen scheint das folgende Stück, das ohne Ueberschrift mit dem aus einer andern Schrift entlehnten Aufrufe „Zeitgenossen!“ beginnt, von Kleist selbst nicht abgeschlossen zu sein, wenigstens die Abschrift ist nicht vollständig, denn mit dem Ausrufe „Was?“ bricht der Text mitten auf der Seite ab. Es sollen diejenigen, die sich auf den Trümmern des Vaterlandes in die bequeme Ruhe der Ungläubigkeit einwiegen, aufgeschreckt und ihnen die Augen über den Abgrund, an dem sie stehen, geöffnet werden. Das Ziel des Kampfes wird bezeichnet in dem Aufruf „Was gilt es in diesem Kriege?“ Wenn es heißt: „Deren (der deutschen Nation) Unschuld selbst in dem Augenblick noch, da der Fremdling sie belächelt oder wohl gar verspottet, sein Gefühl geheimnißvoll erweckt, dergestalt daß“ — so giebt dazu die Hermannsschlacht ein treffendes Beispiel, wo der Römer von dem Deutschen sagt:

In einem Hämmling ist, der an der Tiber graset,

Mehr Lug und Trug, muß ich Dir sagen,

Als in dem ganzen Volk, dem er gehört.[16]

Erst im Zusammenhange mit den früheren Stücken erscheint dieser Aufruf, der weder abgeschlossen noch auch das bedeutendste Stück ist, im rechten Lichte; um so weniger ist zu begreifen, wie Bülow gerade dies zur Probe mittheilen konnte, um dadurch seine Verurtheilung der anderen gehaltreicheren Blätter zu rechtfertigen.

Mit den bekannten politischen Gedichten Kleist’s stehen diese Aufsätze in nächster Verbindung; sie sind der Ausdruck derselben Zeit und Stimmung, wie die Hermannsschlacht von 1808, die Gedichte an den Kaiser Franz und den Erzherzog Karl aus dem Frühjahr 1809, und Germania an ihre Kinder. Der erste satirische Brief ist unter der Einwirkung des beginnenden Krieges von 1809 geschrieben, wie die Hindeutung auf die unglücklichen Kämpfe um und in Regensburg vom 19. bis 23. April beweist; Napoleons siegverkündendes Bülletin, dessen erwähnt wird, ist vom 24. April datirt. Der vierte Brief schließt sich an einen Artikel des Nürnberger Korrespondenten aus denselben Tagen an. Die österreichischen Landwehren, welche die Fabel anredet, waren durch Erlaß vom 9. Juni 1808 ins Leben gerufen; die Erhebung der Spanier, auf welche die Ueberschrift des Katechismus anspielt, hatte im Mai 1808, der Tiroler, deren im Text gedacht wird, am 9. April 1809 begonnen. Dagegen findet sich nichts, was auf den Sieg von Aspern am 21. und 22. April 1809 hinwiese. Also diese fünf Stücke werden Ende April oder Anfang Mai entstanden sein. Ganz anders lautet der Ton nach der Schlacht von Aspern in der Einleitung zur Germania; der erste Athemzug der deutschen Freiheit sollte diese Zeitschrift sein. Derselben Zeit gehören auch die beiden andern Nummern an. Da folgte die Schlacht von Wagram, und Sieg und Hoffnung, Muth und Zuversicht, Kraft und Begeisterung sind wiederum mit einem Schlage vernichtet.

Den Versuch, den Kleist in Prag 1809 machen wollte, durch eine Zeitschrift auf die Volksstimmung zu wirken, hat er einmal vorher 1808 in Dresden, ein anderes Mal nachher 1810 in Berlin wirklich gemacht. Dort sollte es eine künstlerisch wissenschaftliche, hier eine vaterländische sein. Jenes ist der Phöbus, „ein Journal für die Kunst,“ zu dessen Herausgabe er sich mit Adam Müller und dem Maler Ferdinand Hartmann verbunden hatte, dieses die „Berliner Abendblätter.“ Prächtig ausgestattet, auf weißem Papier in Quart, groß gedruckt, mit kupfergestochenen Umrissen erschien der Phöbus in monatlichen Heften, auf deren Umschlag der emporsteigende Sonnengott mit seinem Viergespann zu sehen war. Kleist erblickte wirklich eine neue Hoffnungssonne in diesem Unternehmen. Aus der Zeitschrift sollte eine Buch-, Karten- und Kunsthandlung erwachsen, in die er und seine Freunde nach dem Vorbilde der Fugger und Medici alles hineinwerfen sollten, was man auftreiben könne. Dichter und Buchhändler zugleich zu sein, darin lag die Hoffnung des großen Looses; außerdem war Novalis Nachlaß, Beiträge von Goethe und Wieland zugesagt. Ruhmredig pries Adam Müller seinem Freunde Gentz, daß es wohl noch keine ähnliche Verbindung der Poesie und Philosophie und der bildenden Kunst gegeben, und meinte jede Vergleichung mit den Horen, als „einer Art von sonntäglicher Retraite oder Ressource“, und selbst mit dem Athenäum abweisen zu können. Dennoch war es kein Treffer; die gehofften Mittel und Beiträge blieben aus, mit der Mißgunst der Buchhändler waren die noch mißgünstigeren Zeitumstände im Bunde, und schon im August 1808 ward es Kleist deutlich, das Journal werde sich auf die Dauer nicht halten. Am Ende war man zufrieden, es der Waltherschen Buchhandlung in Dresden überlassen zu können, und mit dem zwölften Monatshefte des Jahres 1808 hörte es auf. Für uns liegt der überwiegende Werth desselben darin, daß Kleist es zur ersten Niederlage seiner bedeutendsten Dichtungen gemacht hat.[17]

In dem unscheinbarsten Gewande, der Zeit angemessen, wo man alle Veranlassung hatte, geräuschlos zu wirken, traten die Berliner Abendblätter seit dem 1. October 1810 auf. Klein Octav, graues Löschpapier, stumpfe Lettern, die von mittlerer Größe, unter Anwendung aller Hülfen der Raumersparniß, bis zu den kleinsten Augentödtern hinabstiegen, durch zahllose Druckfehler entstellt, bieten sie einen ungemein kümmerlichen Anblick dar; äußerlich stehen sie auf einer Stufe mit dem bekannten Berliner Localblatte, der Beobachter an der Spree. Kein Programm war vorangeschickt, das über den Zweck des Blatts Andeutungen gegeben hätte, selbst in der ersten Nummer nannten sich weder Redacteur noch Buchdrucker, und erst unter dem 22. October trat Kleist in einer von ihm unterzeichneten Erklärung aus dem Dunkel hervor, während die buchhändlerische Spedition von J. E. Hitzig übernommen wurde. Diese dürftigen Blätter haben einige bekannte Dichtungen Kleist’s in die Welt zuerst eingeführt; sie enthalten aber noch weit mehr, theils unter seinem Namen, theils unter verschiedenen Zeichen, was nachher im Sturm eines halben Jahrhunderts verweht und vergessen worden ist. Damals wenig beachtet, sind sie jetzt ein wichtiges Hülfsmittel zur Litteratur und Würdigung des Dichters. Doch gehört ein vollständiges Exemplar zu den größten Seltenheiten des Büchermarkts. Tieck muß sie bei der Herausgabe des Nachlasses noch gehabt haben; in der Vorrede sagt er, daß sie „ungleich und oft flüchtig von verschiedenen Verfassern geschrieben, doch manches Erfreuliche von ihm (Kleist) enthalten,“ doch geht er auf eine Ausscheidung desselben nicht ein.[18] Bülow erhielt beim Abschlusse seines Buchs, wie er in der Vorrede sagt, noch ein Exemplar; doch ist es entweder nicht vollständig gewesen oder von ihm nicht vollständig benutzt worden, denn in dem Anhange giebt er nur zwei Stücke „über das Marionettentheater“ und „eine Anekdote aus dem letzten preußischen Kriege“; das Uebrige bezeichnet er „als unbedeutende gelegentliche Aufsätze und Bemerkungen.“[19] Auch der neueste Herausgeber Julian Schmidt hat der Abendblätter nicht habhaft werden können. Ich würde mich in gleicher Lage befinden, wenn mich nicht Herr Freiherr W. v. Maltzahn durch die freundschaftliche Mittheilung derselben aus seinem reichen Bücherschatze in den Stand gesetzt hätte, diese verschüttete Quelle durch eigene Untersuchung wieder zu öffnen. Vor mir liegen 75 Blätter vom 1. October bis 28. December 1810, ein volles Quartal. Aber wie sich aus dem Briefe Kleist’s an F. v. Raumer vom 21. Februar 1811 in dessen kürzlich erschienenen Lebenserinnerungen und Briefwechsel ergiebt, sind die Abendblätter erst gegen Ende dieses Monats eingegangen; die letzten Nummern scheinen ganz verschollen zu sein. Mitarbeiter waren Adam Müller, A. v. Arnim, Brentano, Friedrich Schulz, Fouqué und einige andere. Doch litt das Unternehmen an innerer Planlosigkeit, es brachte bunt zusammengewürfelte Artikel über Fragen der innern Politik und das Theater, dichterische Beiträge und Polizeiberichte, und scheiterte zuletzt an dem Zerwürfniß mit den obersten Staatsbehörden, auf deren Unterstützung Kleist nicht ohne Selbsttäuschung gerechnet hatte, wie seine leidenschaftliche Anklage F. v. Raumers beweist.

Er selbst hat zahlreiche und sehr verschiedenartige Beiträge geliefert. Aus der Ermittelung und Zusammenstellung derselben wird sich eine nicht ganz geringe und kaum noch gehoffte Nachernte ergeben, die ich mit den vorher besprochenen handschriftlichen Bruchstücken zu einem Ganzen verbinde.

Einiges steht durch die Unterzeichnung, anderes durch den Inhalt fest. Durch sein offenkundiges H. v. K. bekennt er sich am 5. October zu der „Ode auf den Wiedereinzug des Königs im Winter 1809“; am 17. October zu dem Artikel „Theater. Unmaßgebliche Bemerkung“; am 12. December zu dem Aufsatze „über das Marionettentheater.“ Anerkannt hat er durch Aufnahme in den zweiten Band der Erzählungen 1811 „das Bettelweib von Locarno“ vom 11. October, und „die heilige Cäcilie oder die Gewalt der Musik, eine Legende“ hier mit dem Zusatze „Zum Taufangebinde für Cäcilie M....“ vom 15. November, die erste mit mz, die andere yz unterzeichnet. Er wandte also verschiedene Schriftstellerzeichen an, je nachdem er erkannt, errathen oder verborgen bleiben wollte. Die Wahl solcher Chiffern ist freilich durchaus willkürlich, und der Versuch ohne anderweitige Bürgschaft aus ihnen einen Schluß auf den Verfasser zu ziehen, wäre sehr mißlich. Doch sollte der Schriftsteller in diesen Dingen auch kein entschiedenes System gehabt haben, dennoch wird man irgend eine Art von Folgerichtigkeit annehmen dürfen; wahrscheinlich werden die einmal gebrauchten Zeichen, sei es in etwas abweichender oder derselben Verbindung wiederkehren. Auch Kleist wird die Buchstaben m, x, y, z wiederholt angewendet haben, und wenn ihnen Auffassung und Darstellung zustimmen, wird man mit annähernder Gewißheit aussprechen können, ob ein Stück von ihm sei oder nicht.

Zunächst nach diesen äußeren Zeichen stelle ich die Aufsätze zusammen: xy ist unterzeichnet der Artikel „Theater“ vom 4. October (I, 4, 4 dieser Nachlese). x: die „Einleitung, Gebet des Zoroaster“ vom 1. October (I, 2, 4); „Anekdote aus dem letzten Kriege“ vom 20. October (I, 3, 6); „von der Ueberlegung, eine Paradoxe“ vom 7. Decbr. (I, 2, 5). y: „Brief eines Mahlers an seinen Sohn“ vom 22. October (I, 4, 2); „Schreiben aus Berlin vom 28. October“ unter dem 30. Oct. (I, 4, 6); „Brief eines jungen Dichters an einen jungen Mahler“ 6. November (I, 4, 3). z: „Betrachtungen über den Weltlauf“ 9. October (I, 2, 6). xyz: „Der Branntweinsäufer und die Berliner Glocken, eine Anekdote“ 19. October (I, 3, 7). Das Zeichen mz erscheint in Verbindung mit r. rmz ist gezeichnet „Nützliche Erfindungen, Entwurf einer Bombenpost“ 12. Octbr. (I, 5, 2); rm „Aëronautik“ 29., 30. October (I, 5, 4). rz: „Der verlegene Magistrat, eine Anekdote“ 4. October (I, 3, 9). r: „Muthwille des Himmels, eine Anekdote“ 10. October (I, 3, 5). Ein anderes Mal gesellt sich zu x noch p. xp erscheint unter drei Epigrammen, 24., 31. October (II, 3, 3).

Hier verlassen uns diese Spuren; doch nehme ich für Kleist noch eine Anzahl Stücke, die entweder völlig abweichende oder gar keine Zeichen haben, aus inneren Gründen in Anspruch. Zwei gereimte Epigramme, 12., 30. Octbr. (II, 3, 3) unter st. Zu dem Aufsatz „Empfindungen vor Friedrich’s Seelandschaft“ (I, 4, 1) cb unterzeichnet, hat er sich in der folgenden Erklärung vom 22. October selbst bekannt: „Der Aufsatz der Hrn. L. A. v. A. und C. B. über Hrn. Friedrich’s Seelandschaft (S. 12te Blatt) war ursprünglich dramatisch abgefaßt; der Raum dieser Blätter erforderte aber eine Abkürzung, zu welcher Freiheit ich von Hrn. A. v. A. freundschaftlich berechtigt war. Gleichwohl hat dieser Aufsatz dadurch, daß er nunmehr ein bestimmtes Urtheil ausspricht, seinen Charakter dergestalt verändert, daß ich zur Steuer der Wahrheit, falls sich dessen jemand noch erinnern sollte, erklären muß: nur der Buchstabe desselben gehört den genannten beiden Hrn.; der Geist aber und die Verantwortlichkeit dafür, so wie er jetzt abgefaßt ist, mir. H. v. K.“

In dieser Erklärung liegt ein Widerspruch. Hatte er Arnim’s und Brentano’s Dialog (denn das allein kann mit der „dramatischen“ Form gemeint sein) in diese Betrachtung umgesetzt, so gehörte ihm sicherlich auch der Buchstabe an; sein Stil ist es unverkennbar. Durch das Zeichen cb wollte er, wie es scheint, Clemens Brentano’s Autorschaft wahren.

Kleist gehören ferner an: vaa bezeichnet die Erzählung „Warnung gegen weibliche Jägerei“ 5., 6. November (I, 3, 1); ava, eine Umstellung des vorigen, „die sieben kleinen Kinder“ 8. Nov. (I, 4, 7); M. F. die beiden Erzählungen „die Heilung“ vom 29. November und „das Grab der Väter“ 5. December (I, 3, 2. 3); und „Allerneuester Erziehungsplan“ unterzeichnet Levanus 29. October (I, 5, 1). Ohne jedes Zeichen sind folgende Stücke: „Der Griffel Gottes“, eine Anekdote 5. October (I, 3, 4); „Anekdote aus dem letzten preußischen Kriege“ 6. October in Bülow’s Nachtrag; „Charité-Vorfall“ 13. October (I, 3, 10); „Schreiben aus Berlin“ 15. October (I, 5, 3); „Anekdote“ 24. October (I, 3, 11); „Räthsel“ eine Anekdote, 1. Novbr. (I, 3, 12); „Tages-Ereigniß“ 7. Novbr. (I, 3, 8); „von einem Kinde, das kindlicher Weise ein anderes Kind umbringt“ 13. November (I, 4, 8); „Legende nach Hans Sachs. Gleich und Ungleich“ 3. November; und „Legende nach Hans Sachs. Der Welt Lauf.“ 8. December (II, 1, 2); endlich zwei Anekdoten, 22. November und 27. November (I, 3, 13. 14).

Diese Aufsätze, nach Werth und Inhalt sehr ungleich, gehen von der höchsten Betrachtung bis zur niedrigen Tagesanekdote hinab. Mit manchem Beitrag ist es ihm durchaus Ernst, andere sind nichts als Raumfüller und Lückenbüßer. Um den Beweis anzutreten, sie alle seien von einem Verfasser, und zwar von Kleist, war es nöthig, das Gleichartige in eine Klasse zu bringen; schon daraus mußte sich manches ergeben, was für die innere Zusammengehörigkeit spricht. Ich habe sie nach der prosaischen und dichterischen Form in zwei Abtheilungen geschieden, deren erste enthält: 1. Politische Satiren, 2. Politische Aufrufe und Betrachtungen, 3. Erzählungen und Anekdoten, 4. Kunst und Theater, 5. Gemeinnütziges; worauf die wenigen versificirten Stücke unter dem zweiten Haupttitel folgen.

Zu dem Politisch Historischen gehören drei Beiträge: die „Einleitung, Gebet des Zoroaster“, „von der Ueberlegung, eine Paradoxe“ und „Betrachtungen über den Weltlauf“ (I, 2, 4-6). Daß der Führer des Blattes die Einleitung geschrieben habe, läßt sich ohne Weiteres annehmen; sie athmet ganz seinen Geist in dem Ingrimm über das Elend des Zeitalters, die Erbärmlichkeit, Halbheit, Unwahrhaftigkeit und Gleißnerei, zu deren Bekämpfung er um Kraft betet. Denselben praktischen Zweck hat die Paradoxe; sie gilt den Deutschen, und findet im Gegensatze zu den Franzosen den Quell ihres Elends in dem unverhältnißmäßigen Uebergewicht der gepriesenen Ueberlegung, die den lähmenden Zwiespalt zwischen Denken und Handeln hervorruft. Wie im Katechismus richtet ein Vater diese Rede an seinen Sohn. „Die Ueberlegung,“ sagt er „scheint nur die zum Handeln nöthige Kraft, die aus dem herrlichen Gefühle quillt, zu verwirren, zu hemmen und zu unterdrücken.“ Aehnlich im Katechismus 9: „Sie (die Deutschen) reflectirten, wo sie empfinden, oder handeln sollten, meinten alles durch ihren Witz bewerkstelligen zu können, und gäben nichts mehr auf die alte geheimnißvolle Kraft der Herzen.“ Dort wie hier spielt das Gleichniß vom Ringer durch. In der Paradoxe heißt es: „Der Athlet kann in dem Augenblick, da er seinen Gegner umfaßt hält, schlechterdings nach keiner andern Rücksicht — verfahren — aber nachher, wenn er gesiegt hat oder am Boden liegt, mag es zweckmäßig sein — zu überlegen, durch welchen Druck er seinen Gegner niederwarf.“ Und im Katechismus 7: „Das wäre ebenso feig, als ob ich die Geschicklichkeit, die einem Menschen im Ringen beiwohnt, in dem Augenblick bewundern wollte, da er mich in den Koth wirft und mein Antlitz mit Füßen tritt.“ Derselbe Gedanke endlich, Kraft und That seien früher als Erkenntniß und Betrachtung, das politische Handeln älter als dessen Darstellung durch die Kunst, die Reflexion das Zeichen des Verfalls und der Ohnmacht, erhebt sich in den „Betrachtungen über den Weltlauf“ zur geschichtsphilosophischen Höhe. Stilistisch sprechen die langen Perioden, in dem letzten Stück der indirecte Satz mit seinem fünfmaligen — „daß“ — für Kleist.

Unter I, 3, 1-3 folgen drei etwas ausgeführtere Erzählungen „Warnung gegen weibliche Jägerei“ vaa, „die Heilung“ und „das Grab der Väter“, beide M. F. gezeichnet. Das könnte etwa auf Fouqué zu deuten scheinen, doch hat dieser nur wenige unbedeutende Zeilen unter d. l. M. F. beigesteuert; auch hat der Stil durchaus nichts von seiner Manier. Diese drei Erzählungen gehören zusammen, sie sind von einem Verfasser; in allen dieselbe Anschaulichkeit, dieselbe Lebendigkeit der Darstellung, verschlungene Perioden und indirect wiederholte Reden und Betrachtungen. Mit ungemeiner Kraft, höchst ergreifend ist in der „Heilung“ die Spitze der ganzen Begebenheit in eine einzige Periode zusammengedrängt: „Wie mußte nun dem Leichtsinnigen zu Muthe werden“, u. s. w. die in wenigen Strichen ein Grauen erregendes Bild vorführt. Auch „dergestalt daß“ fehlt hier nicht. In gleicher Weise wird in dem „Grab der Väter“ die Summe des Ganzen in einem Bilde, in einer Periode ausgesprochen. „Da standen sie aber plötzlich“ u. s. w. Die erste Erzählung ist mehr humoristischer Natur. Alle drei stehen auf der Grenze der Erzählung und Anekdote und schließen sich insofern dem „Bettelweib von Locarno“ an, einer Anekdote spukhaften Inhalts, welche die Reihe dieser kleinen Skizzen, die den Rahmen des Blattes füllen, eröffnet.

Es folgt eine Gallerie von elf Anekdoten verschiedenen Inhalts, zum Theil als solche bezeichnet; einige sehr charakteristisch und unmittelbar dem Leben entlehnt, der Form nach Papierschnitzel, die nebenher vom Schreibtisch abgefallen waren. Manche mochten Züge sein, die zu künftiger Verwendung in irgend einem größeren Bilde vorläufig hingeworfen waren. „Der Griffel Gottes“ (I, 3, 4), ohne Unterzeichnung, trägt das Gepräge einer solchen Notiz zu einer später auszuführenden Erzählung. Ins Lächerliche wird das Grausige verkehrt in der Anekdote „Muthwille des Himmels“ r., in der man Kleist’s Feder wieder erkennen wird. Auch spricht der Schauplatz dafür, seine Vaterstadt Frankfurt an der Oder, wo er dies Geschichtchen gehört haben mochte. Es ist wie die folgenden 6 bis 9 eine der beliebten Militairanekdoten. Kleist war diesen Kreisen, seiner abweichenden Denk- und Lebensweise ungeachtet, nicht entfremdet; noch 1810 war von seinem Rücktritt in den Dienst in allem Ernst die Rede.[20] Bei der lebhaften Theilnahme, die man nach altpreußischer Ueberlieferung an militairischen Dingen nahm, und der Beschränkung, der die Tagesblätter damals doppelt unterlagen, war es nicht zu verwundern, wenn kleine Soldatengeschichten, Witze und Disciplinarfälle einen willkommenen Stoff darboten. War doch der Soldat neben dem Schauspieler der einzige öffentliche Charakter! Eine eigenthümliche Art dieser Anekdoten bilden die Züge der Tapferkeit Einzelner, die man aus den Nachrichten des letzten Krieges zu sammeln begann. Zum Troste über die Vergangenheit, daß der alte Geist wieder erwachen werde, suchte man sie auf. In dem Sinne nahm Kleist diese kleinen Geschichten; den unter der Asche glimmenden Funken dachte er wohl mit solchen Erinnerungen, soweit er vermochte, zu unterhalten. Von den beiden Anekdoten aus dem letzten preußischen Kriege ist die erste, die Bülow bereits mitgetheilt hat, gar nicht, die zweite x unterzeichnet. Mit dieser dramatischen Lebendigkeit konnte nur Kleist den preußischen Husaren vorführen, der in der Nähe des siegreichen Feindes seinen Danziger mit größter Seelenruhe trinkt, sich schnäuzt, die Pfeife anzündet, über die Feinde herfällt, daß sie die „Schwerenoth kriegen“ sollen, und auf drei französische Chasseurs „dergestalt“ einhaut, „daß“ sie aus dem Sattel stürzen. Die Umständlichkeit des dramatisch gehaltenen Gesprächs, das regelmäßig wiederkehrende „spricht er“ für „sagte er“ erinnert lebhaft an den Dialog zwischen Eva und dem Dorfrichter in der zweiten Bearbeitung des zerbrochenen Krugs. Wenn er sagt, auf der Reise nach Frankfurt habe er diese Geschichte in einem Dorfe bei Jena gehört, so konnte das damals geschehen sein, als er im Frühjahr 1807 nach Joux als Gefangener geführt wurde. Verwandt (und wieder nicht ohne „dergestalt daß“) aber cynisch und hoch humoristisch ist die Anekdote 6. Gleichgültiger sind die drei folgenden Geschichten, militairische Disciplinarfälle; 7 xyz, 8 ohne Zeichen, 9 rz. Komischen Inhalts sind die fünf letzten Anekdoten; 10, eine Tagesneuigkeit, zugleich eine Satire auf die Aerzte; 11 bis 14 sämmtlich ohne Zeichen, doch durch „gleichwohl“ und „dergestalt daß“ hinreichend kenntlich gemacht.

Der vierten Abtheilung „Kunst und Theater“ gehören acht Nummern an. Die beiden Briefe „eines Mahlers an seinen Sohn“, und „eines jungen Dichters an einen jungen Mahler“, mit y bezeichnet, gehören zu einander. Der erste, der ironisirend in dem einfachen Stil des kunstliebenden Klosterbruders beginnt, um cynisch zu enden, ist ein Ausfall gegen die junge Malerschule, der Gemüth und Andacht, Beruf und Studium ersetzen soll. Im zweiten fordert der Dichter den Maler auf, von dem verhimmelnden Nachbilden alter Meister abzustehen, weil der Künstler sein eigenes Innerste zur Anschauung bringen solle, da das wesentlichste Stück der Kunst „die Erfindung nach eigenthümlichen Gesetzen“ sei. Die Dichtung soll mit der Malerei auseinandergesetzt werden. Schon im Phöbus hatte Kleist in einer Anmerkung zu dem Gedichte nach Hartmanns Gemälde „der Engel am Grabe des Herrn“ etwas Aehnliches angekündet; er wollte in dieser fortgesetzten Verbindung zweier so verschiedener Kunstleistungen eine Sammlung von Beispielen geben, an denen vielleicht die alte wichtige Frage von den Grenzen der Malerei und Poesie erörtert werden könne.[21] Die folgenden Nummern dieses Abschnitts sind, mit Ausnahme der letzten Abhandlung „über das Marionettentheater“, gelegentliche Bemerkungen, die durch das Berliner Theater veranlaßt wurden. Die erste „Theater“ xy (I, 4, 4) ist eine feine Kritik Iffland’s, der sehr vorsichtig als Manierist bezeichnet wird. Die Hinweisung auf Kant’s Kritik der Urtheilskraft an dieser Stelle läßt den Kantianer Kleist sogleich errathen. In der „unmaßgeblichen Bemerkung“ (I, 4, 5) tritt er in seinem H. v. K. mit einem Angriffe auf die Theaterleitung offen hervor. Die Direction soll wahre Kritik üben; ist sie geneigt, der Menge zu schmeicheln, muß sie unter die Aufsicht des Staats gestellt werden. Nicht ohne Gereiztheit spricht er gegen Iffland, dem er in Folge der Zurückweisung des Käthchen von Heilbronn schon am 12. August 1810 einen sarkastisch bittern Brief geschrieben hatte. Das „Schreiben aus Berlin 28. Oktober“ y („dergestalt, gleichwohl“) bei Gelegenheit der Oper Aschenbrödel; „die sieben kleinen Kinder“ ava, worin vom Theater größere Berücksichtigung des Volksthümlichen, besonders norddeutscher Dialecte gefordert wird; der Artikel ohne Zeichen „Von einem Kinde, das kindlicher Weise ein anderes Kind umbringt“, der an eine Anekdote geknüpft eine anerkennende Erwähnung des Vierundzwanzigsten Februar von Z. Werner enthält; das Alles sind mehr oder weniger Anklagen der Direction des Berliner Theaters, in denen sich das feindliche Verhältniß Kleist’s und Iffland’s abspiegelt.

Endlich gemeinnützigen Inhalts sind die vier Nummern der fünften Abtheilung: „Allerneuester Erziehungsplan“, „Entwurf einer Bombenpost“ rmz („dergestalt daß“), „Schreiben aus Berlin 15. Oktober“ ohne Zeichen („gleichwohl“), „Aëronautik“ rm („dergestalt daß“). Der erste Aufsatz trägt freilich nur die Maske der Gemeinnützigkeit, denn er ist eine Satire gegen die neuesten Erziehungsreformatoren; gegen Ende werden Pestalozzi und Zeller namentlich genannt. Schon in seinem Epigramme hatte Kleist den Pädagogen das bittere Wort gesagt:

Setzet, ihr träft’s mit eurer Kunst und erzögt uns die Jugend

Nun zu Männern wie ihr: lieben Freunde, was wär’s?

Hier stellt er allen Plänen, die zum Heil der Menschheit gemacht werden, den originellen und humoristischen Gedanken entgegen, statt der Tugendschulen zur Abwechselung einmal Lasterschulen zu gründen und durch die Macht des Gegensatzes zu wirken. Daß Kleist der Verfasser sei, obgleich er in den einleitenden Worten und in den Anmerkungen als Kritiker dieser „abentheuerlichen Unternehmung“ spöttisch und vorsichtig auftritt, beweist unzweifelhaft der periodisch ausgeführte Stil, namentlich in den erzählenden Episoden, wo er einmal sogar auf sein zeitweiliges Zusammenleben mit seiner Schwester anspielt. Die Unterschrift Levanus ist eine ironische Hinweisung auf Jean Paul’s Levana, das Ganze kein geringer Beweis für seine satirische Ader. In den drei folgenden Aufsätzen werden Telegraphie und Post, die Frage, ob der Luftballon gelenkt werden könne, besprochen. Es sind Actenstücke zu Kleist’s Leben, der als Techniker und erfindungslustiger Planmacher seine früheren Studien auf dem Gebiete der Naturwissenschaften praktisch zu verwenden sucht.

Eine viel geringere Ausbeute bieten die Abendblätter für die zweite Hauptabtheilung; Beiträge in Versen sind die Ausnahme. Unter den drei Stücken, als deren Verfasser ich Kleist erkenne, sind die beiden Legenden nach Hans Sachs „Gleich und Ungleich“ und „der Welt Lauf“, ohne Zeichen, Holzschnitte in der Art des alten Meisters, dem nur die Grundzüge angehören, und deren freie Behandlung nicht minder meisterhaft ist.[22] Diese Verse erinnern an das Gedicht der Engel am Grabe des Herrn; nur sind sie, dem Stoffe gemäß, in den humoristischen Ton umgebogen. Der Dialog mit dem regelmäßig eingeschalteten „spricht er“, die dramatisch lebendigen Gestalten des tölpelhaften Knechts und der flinken Magd lassen Kleist’s Hand nicht verkennen. In den fünf Epigrammen xp und st wechseln, wie in seinen anerkannten, Frage und Antwort; die Distichen sind metrisch hier wie dort gleich unbeholfen.

III.

Ueberblickt man diese Nachträge, so gehören sie, mit Ausnahme der dramatischen, allen Stilgattungen Kleist’s an; es sind Erzählungen in Prosa und Versen, Dialoge, Briefe, Betrachtungen. Von einer neuen Seite als Kritiker, bedeutender als Satiriker zeigt er sich; die Grundlage seiner Satire ist der Patriotismus. Für Auffassung komischer Contraste war er kaum minder befähigt als für die Behandlung des tragischen Conflicts, nur ist seine Darstellung des Komischen schroff und gewaltsam wie seine Tragik, es fehlt ihr die Ruhe und Behaglichkeit, die er auf dem Gebiet der Erzählung so trefflich zu bewahren weiß, sie wird für die Charaktere vernichtend, wie im zerbrochenen Kruge, wo man zweifeln kann, ob der Hauptträger des Lustspiels noch komisch sei. Auch hier zeigt sich eine Leidenschaftlichkeit, die zum Ingrimm steigt, sobald persönliche Beweggründe hinzukommen. Wenn ihn die sittlichen Anforderungen, denen gegenüber die Welt so klein und elend erschien, auf die Satire hinleiteten, so drängte ihn seine Leidenschaft darüber hinaus zum Pasquill. Seine Epigramme sind meist rein persönlicher Natur, zu Schutz und Angriff für seine Dichtungen gegen die Kritiker gerichtet; sie sind bitter und heftig. Nach der ungünstigen Aufnahme der Penthesilea und des zerbrochenen Kruges schonte er weder Weimar noch Goethe. Ein Pasquill sondergleichen war sein Brief an Iffland, ein „ungeheurer Witz“ von der Art, wie er ihn in der Anekdote aus dem letzten Kriege erzählt hat. Um wie viel tödtlicher mußten seine Pfeile sein, wenn der Zorn für das Vaterland sie entsandte, wenn er die ganze Wucht des Hasses auf den Feind seines Volkes schleuderte.

Wenn man sagen darf, der Mensch trage sein Schicksal in der eigenen Brust, in seinen Anlagen sei es ihm beschieden, so gilt das von ihm. Sehr verschiedene Elemente lagen in seiner Seele neben einander, er bestand gewissermaßen aus mehreren Menschen; bald trat dieser bald jener hervor, oder sie führten unter einander einen dämonischen Krieg, dem er mit einer eisigen Selbstentäußerung zusehen konnte, als sei es ein Spiel fremdartiger Gewalten. Und doch war die Gesammtheit dieser ringenden Kräfte nichts anderes als er selbst. In doppeltem und dreifachem Gegensatze fühlte er sich gegen Welt und Menschen, die er abwechselnd mied, verachtete, haßte und bekämpfte. Eine rastlose Unruhe trieb ihn zum Wirken in welcher Gestalt auch immer; aber ebenso zog es ihn in die abgeschiedenen Räume rein geistiger Arbeit, die ihre Welt aus sich auferbaut. Da lagen wieder zwei Wege vor ihm, beide gleich einladend; für den einen drängte sich ihm der Verstand als Führer auf, während Herz, Gefühl und Phantasie ihn auf den andern locken wollten. Er hatte eine entschiedene Lust am Abstracten, die Dinge sich durch den Schematismus des Verstandes zu unterwerfen, schien ihm der einzig würdige Beruf, und während seine scharfe überall ins einzelne dringende Beobachtung ihm die Welt als eine Masse zusammenhangsloser und doch unfreier Atome zeigte, setzte er ihr den Stolz des unabhängigen Denkers entgegen, der, auf die Allmacht des Gedankens trotzend, sich seine Stelle erobern will. Er ist überzeugt, es sei möglich, das Schicksal zu leiten, aus sich heraus will er seinen Lebensplan bilden; das Kennzeichen eines freien Menschen, der nach sichern Principien handelt, ist Consequenz, Zusammenhang und Einheit des Betragens. Wer keinen Lebensplan hat, schwankt zwischen unsichern Wünschen und ist eine Puppe am Drahte des Schicksals. Dieser Zustand scheint ihm verächtlich, bei weitem wünschenswerther wäre ihm der Tod. Er wählt die Wissenschaft als Führerin, und welche eher als die Philosophie, die dem bildungsgierigen Jünger Sicherheit des Erkennens und Handelns zugleich verheißt? Aber die Wissenschaft erscheint doch nicht als Philosophie allein, sie spaltet sich in viele Wissenschaften, und seines ersten Entschlusses ungeachtet verfällt er bald dem Zweifel. Am Ende ziehen alle ihn in gleicher Weise an. Soll er nur einer folgen? Aber er kann sich nicht vergraben wie der Maulwurf im Loch, wie die Raupe einspinnen im Blatt. Soll er ruhelos von einer zur andern gehen? Aber ebenso wenig vermag er stets auf der Oberfläche zu schwimmen. Er leidet Tantalusqualen, weil er in seinem Heißhunger nicht alles zugleich verschlingen kann, und voll Widerwillen stößt er die ganze Mahlzeit von sich.

Er sucht die Wahrheit, weil sie Wahrheit ist. Aber ist sie auf diesem Wege zu finden? Was hat ihm die abstracte Wissenschaft nicht verheißen, und was hat sie gehalten? Er wird ein Opfer der Zweifel, die sie erweckt, es scheint ihm unmöglich irgend etwas zu wissen, irgend ein Eigenthum zu erwerben, das uns über das Grab folgt, alles Mühen und Ringen ist vergeblich; ihn ekelt vor Büchern und allem was Wissenschaft heißt, möge man aufgeklärt oder unwissend sein, man hat dabei ebensoviel verloren als gewonnen. Er beklagt die traurige Klarheit, die ihm geworden, die ihm alles, was ihn umgiebt, und ihn selbst in seiner armseligen Blöße zeigt. Der Verstand, die nagende Skeptik haben sich selbst vernichtet: „Jede erste Bewegung, alles Unwillkürliche“, ruft er aus, „ist schön, und schief und verschroben alles, sobald es sich selbst begreift. O, der Verstand, der unglückliche Verstand! Studiere nicht zu viel, folge dem Gefühl!“ Hatte er doch schon früher bei seinen logischen Studien geseufzt: „nur im Herzen, nur im Gefühle, nicht im Kopfe, nicht im Verstande wohnt das Glück, es kann nicht wie ein mathematischer Lehrsatz bewiesen werden.“[23]

Aber noch ein Mittel giebt es, welches den Mann groß macht und über alle Zweifel hinweghebt, es ist Handeln, das besser ist als Wissen; denn „es liegt eine Schuld auf dem Menschen, die wie eine Ehrenschuld jeden, der Ehrgefühl hat, unaufhörlich mahnt.“ Auch ihn treibt der Ehrgeiz, dieses gefährliche Ding, dessen Folgen für ein empfindliches Gemüth nicht zu berechnen sind. Er durstet nach Thaten und Erfolgen auf irgend einem Felde. Aber wie soll man handeln, wenn man nicht weiß, was recht ist? Wird sich für ihn eine Stelle finden, wo Pflicht und Neigung, That und Einsicht zusammengehen? Umsonst sieht er sich danach um; umsonst klagt er sich des allgemeinen Fehlers der Deutschen an, „deren Verstand durch einige scharfsinnige Lehrer einen Ueberwitz bekommen habe, der sie die alte geheimnißvolle Kraft der Herzen verachten läßt.“ Umsonst sagt er sich und seinen Lebensplänen zum Trotz: „die Ueberlegung findet ihren Zeitpunkt weit schicklicher nach als vor der That“; die Menschen machen einen falschen Gebrauch von ihr; während sie das Gefühl für künftige Fälle reguliren soll, hemmt sie jetzt nur die That, die sich aus der augenblicklichen Eingebung, nicht aus der Berechnung ergiebt. Er hat Recht, denn die That ist unmittelbar eins, wie Blitz und Schlag; wer wirklich handelt, hat keine Zeit zu rechnen, und wer berechnet, handelt nicht. Doch zum stoßweisen ja gewaltsamen Handeln gebricht es ihm weder an Entschluß noch Kraft; mit dem rasenden Muthe eines verzweifelnden Spielers will er dann alles auf eine Nummer setzen, er greift über sein Ziel hinaus, und was anfangs sorgliche Ueberlegung war, endet als klägliche Uebereilung. Denn was kommt bei allen Erfahrungen heraus? Eines ganzen Lebens bedarf man, um leben zu lernen, Niemand ahnt den Zweck seines Daseins, und die Vernunft reicht nicht hin, die Seele und die Dinge zu begreifen. Und an dieses räthselhafte Ding, „das wir besitzen, wir wissen nicht von wem, das uns fortführt, wir wissen nicht wohin, ob wir darüber schalten dürfen, eine Habe, die nichts werth ist, wenn sie uns etwas werth ist, ein Ding, wie ein Widerspruch, flach und tief, öde und reich, würdig und verächtlich, vieldeutig und unergründlich“, an dieses Ding ist der Mensch gefesselt durch Naturnothwendigkeit! Da giebt es keine Verantwortlichkeit, wir mögen thun, was wir wollen, wir thun recht! Fürwahr jene orakelhaften Verse, die in Thun über der Hausthüre zu lesen waren, und die Kleist so liebte:

Ich komme, ich weiß nicht von wo,

Ich bin, ich weiß nicht was,

Ich fahre, ich weiß nicht wohin;

waren sein Lebenszeichen, nur der vierte Vers:

Mich wundert, daß ich so fröhlich bin!

paßte auf ihn nicht.[24]

In der Knechtschaft der Schulmeinungen, die er sich auferlegt hat, vermag sich seine reiche Natur nicht zu entfalten; nun er sie abgeworfen hat, und die Skeptik ihm auch das Handeln verleidet, durchbrechen Gefühl und Phantasie, so lange gewaltsam zurückgehalten, jeden Damm um so mächtiger. Nur seinem Herzen will er folgen, er ist überzeugt, wenn ein Werk nur recht frei aus dem Schooße des menschlichen Gemüths hervorgehe, dann müsse es auch der ganzen Menschheit angehören. Vergessene oder ungeahnte Kräfte regen sich, aus der Fülle lebendiger Anschauungen beginnt die Phantasie ihre schaffende Thätigkeit, er fühlt sich als Schöpfer ideeller Gestalten. Als Künstler winkt ihm jetzt ein höchstes Ziel, der Lorbeer des Dichters, und seinem Namen soll ein Platz unter den Sternen nicht fehlen. Es gehört zu den Dunkelheiten in Kleist’s Leben, daß die Zeit, wo er sich der Dichtung entschieden zuwandte, nicht mit Sicherheit festzustellen ist. Im Sommer 1801 in Paris, wohin er vor seinen abstracten Studien geflohen war, angeblich um praktische Zwecke zu verfolgen, einsam im endlosen Menschengewühle, versenkt er sich in seine Phantasien; wie ein stiller Tag nach dem Sturme steigt die Ruhe in seiner Seele wieder auf, und zum ersten Mal verräth er, daß er ein dichterisches Geheimniß habe. Aber der Friede ist nur von kurzer Dauer. Rastlos arbeitet er. Während ihm angstvoll das Höchste zu erreichen, der Schweiß von der Stirne rinnt, und er jeden Blutstropfen seines Herzens für den Buchstaben geben möchte, entflieht die Begeisterung, der Verstand schleicht herbei, und indem er einzelne Mängel aufdeckt, flüstert er ihm hämisch und selbstquälerisch ins Ohr, Vollendung sei ihm doch nicht gegeben. Was soll er länger die Kraft an ein Werk setzen, das ihm zu schwer ist? Am Einzelnen geht das Ganze zu Grunde, verzweifelnd zerstört er mit eigener Hand ein Dichterwerk, das auf den höchsten Ruhm Anspruch hat, kaum in irgend einem Augenblicke seines Lebens stolzer als jetzt, wo er vor keinem lebenden Dichter aus den Schranken weicht, sondern sich vor der Größe eines kommenden, ein Jahrtausend im Voraus beugt. Demjenigen, der das ausspricht, was er gewollt hat, ist ein Denkmal gewiß![25]

Doch irgendwo muß es auch für ihn einen Balsam geben; schon der bloße Glaube daran stärkt ihn. Aber wo? Mit dem Waffenhandwerk und der Kantischen Philosophie hat er es versucht, mit Hebeln und Schrauben will er die Natur bezwingen, er ist Dichter und will Bauer werden, er will sich frei selbst bestimmen, das Schicksal leiten, und fühlt sich bald als eine jener Drahtpuppen, die er so tief verachtet; überall tritt seinen Plänen ein dunkles Etwas entgegen, das sie mit furchtbarer Dialektik in ihr Gegentheil umwendet und ihn selbst hin- und widerwirft. Mit dem Forschen, Dichten, Handeln hat er es versucht, überall Stück- und Flickwerk gefunden, während seiner Seele das Ganze vorschwebt; abhängig, bedingt in allem fühlt er sich, und nach dem Letzten, Unbedingten geht sein Streben. Da er es nicht findet, stürzt er, der strenge Realist, sich in den Abgrund des mystischen Geheimnisses, wo er das Ganze in seinem Urzusammenhange zu erfassen meint.

Auch das ist ein Räthsel in Kleist’s Leben, wann er sich dieser dunkeln Richtung, die ein Ergebniß seiner wachsenden Hoffnungslosigkeit war, zuerst überlassen habe. In den vertraulichen Briefen findet sich kaum eine Spur davon, sie sind nach wie vor im Tone bitterer Verachtung oder rationell scharf gehalten. Auch seine ersten Dichtungen sind weit davon entfernt, die Schroffensteiner in ihrer grausigen Härte durchaus realistisch, ebenso Penthesilea, Robert Guiskard. Nach dem Unglück von 1806 schrieb er noch seine beiden Lustspiele und gleichzeitig die Marquise von O. Dagegen zeigt sich dieser dunkle Schatten zuerst im Kohlhaas, milder im Käthchen von Heilbronn, dessen erste Bruchstücke im Mai 1808 erschienen, und in voller Stärke in den Beiträgen zu den Abendblättern. Der Wendepunkt mag die Gefangenschaft in Frankreich im Frühjahr 1807 gewesen sein; auch hier, in der Einsamkeit seiner Zelle, beschäftigt er sich dichterisch. Aber immer düsterer scheinen sich die Wolken um ihn zusammengezogen zu haben. So zerrten ihn abstracter Verstand und verzehrendes Gefühl, trockner Schematismus und glühende Phantasie, gemeine Deutlichkeit und dunkle Mystik, himmelstürmender Muth und ermattende Verzagtheit einer willenlosen Beute gleich hin und her. Die Phantasie verdunkelte den Verstand, der Verstand hemmte die Phantasie, beide lähmten die Kraft des Handelns, gegenseitig verdarben sie ihr Spiel. Jede allein hätte einen tüchtigen Menschen ausstatten können, sie alle in diesem Maße vereinigt, vernichteten den Besitzer, der für sein Glück zu viel oder zu wenig hatte. Das fühlte er nur allzuwohl; in schmerzlicher Verzweiflung ruft er aus: „Die Hölle gab mir meine halben Talente, der Himmel schenkt dem Menschen ein ganzes oder gar keins!“ So ward er immer bitterer gegen die Menschen, die ihn nicht verstehen, nicht verstehen können, denn er versteht sich selber nicht![26] Hätte Kleist, wenn man dieser Betrachtung nachgehen darf, eine große sittliche Kraft in sich getragen, er hätte den Streit seines Innern durch Unterwerfung unter ein oberstes Gesetz zur Ruhe gebracht; hätte er die Selbstbescheidung besessen, ein Talent still anzubauen, sei es, der wissenschaftlichen Forschung, oder, wozu er gewiß viel höhern Beruf hatte, allein der Poesie zu leben, vielleicht daß er gerettet worden wäre!

Diesen Zwiespalt, den er überall wiederfand, hat er in seinen Dichtungen unter verschiedenen Formen dargestellt, jene geheimnißvolle Wandelung, wie Menschen und Verhältnisse in räthselhafter Verkettung ihre ursprüngliche Natur und Freiheit verlieren, um zu werden, was sie nicht werden wollen; Tugenden verkehren sich in Laster, aus der besten Absicht wächst das Verderben empor, und wie zum Hohne menschlicher Weisheit, führt der Frevel zur Versöhnung. Durch den abgeschmackten Aberglauben eines einfältigen Mädchens gehen blutsverwandte Familien in den Schroffensteinern zu Grunde; Penthesilea’s heiße Liebe verzerrt sich zum todbringenden Vampyrismus; Kohlhaas wird durch sein Rechtsgefühl zum Verbrecher und Landschädiger, und für zwei Pferde fallen Menschen und Städte als Sühnopfer; die Selbstverleugnung der jungen Creolin bringt ihr den Tod von der Hand des Geliebten; der ritterliche Kämpfer für Tugend und Recht erliegt im feierlichen Gottesgericht; und im Findling wird der väterliche Wohlthäter von der Schlange, die er im Busen erwärmt hat, zu Tode gestochen. Umgekehrt wird der thierische Frevel in der Marquise v. O. wider aller Menschen Erwarten zur sühnenden Liebe; im Erdbeben von Chili werden durch den Untergang Tausender in einem plötzlichen Naturereigniß im Augenblicke des Todes der Inquisition ihre Opfer entrissen, freilich um ihn gleich darauf während des Dankgebetes für die wunderbare Rettung desto furchtbarer zu erleiden; und in der heiligen Cäcilie werden die Sünder zu Boden geschmettert, als sie die Hände zum Tempelraube erheben. In der Heilung (I, 3, 2) wird der Wahnsinn durch den Wahnsinn geheilt; und im Grabe der Väter (I, 3, 3) eine Ehe im Grabe geschlossen. Satirisch gewendet erscheint dieselbe Ansicht in dem „allerneuesten Erziehungsplan“ (I, 5, 1), der eine Schule der Tugend durch das Laster zu errichten vorschlägt. Milder sind Käthchen von Heilbronn und der Prinz von Homburg. Dort wird der ritterliche Starrsinn durch die reine Natur des einfachen Mädchens unterworfen, hier wird der Prinz träumend ein rettender Schlachtenheld, um wachend in eisiger Todesfurcht zu verzagen. Eine großartige Wendung erhält dieser Gedanke in der Hermannsschlacht; aus der tiefsten Knechtschaft erwächst die Freiheit, darin liegt hier zugleich die Versöhnung. Aber überwiegend sind es Nachtstücke, fern von allem Idealismus der classischen Periode.

Ueberhaupt steht Kleist in entschiedenem Gegensatze zu Goethe und Schiller. Ihrer ausgleichenden Classicität setzte er mit kühner Hand den schreienden Zwiespalt, das Grausige in seiner Nacktheit entgegen, den allgemeinen idealen Gestalten derb realistische, dem Antiken das volksthümlich Deutsche, Provinzielle, unbekümmert ob seine Dissonanzen das verwöhnte Ohr zerschnitten, und seine lebenswahre Grobheit dem classisch gebildeten Sinne brutal schien. Goethe’s und Schiller’s Dichtung war in ihrer Wurzel deutsch, aber doch kosmopolitisch vielseitig; Kleist hat seine Räthsel in deutsche Stoffe und Charaktere hineingelegt, er war volksthümlich und einseitig. So griff er als vaterländischer Dichter in den großen Kampf der Befreiung ein.

Tiefer Schmerz erfaßte ihn, als er den ungeheuern Sturz aller Verhältnisse überschaute. Schon im Herbst 1806 rief er seiner Schwester zu: „Es wäre schrecklich, wenn dieser Wüthrich sein Reich gründete! Nur ein sehr kleiner Theil der Menschen begreift, was für ein Verderben es ist, unter seine Herrschaft zu kommen. Wir sind die unterjochten Völker der Römer.“ In diesen Worten liegt der Keim seiner Hermannsschlacht. Er selbst fällt in die Hand des Feindes, mit jedem Siege wächst das Verderben, er zweifelt, ob in hundert Jahren noch Jemand im deutschen Norden deutsch sprechen werde.[27] In dem einen Leiden des Vaterlandes geht jetzt alles Leid, auch das seine auf. Der Ingrimm, der an seinem Herzen wie ein Geier nagt, wendet sich von den kleinen Menschen und Verhältnissen auf die großen und größten, auf den Dämon der Zeit, auf Napoleon den Korsenkaiser. In der erstarkenden Liebe zum alten Vaterlande sammelten sich seine Kräfte noch einmal. Sie war nicht blos ein verneinender Haß gegen das Fremde, für ihn ward sie eine Läuterung, aus der seine Dichtung reiner hervorging, und seine drei großen vaterländischen Dramen erwuchsen. Er hatte wieder ein Ziel gefunden; es war kein willkürliches, durch die großen Ereignisse ward es ihm gegeben, es war die Wiedererweckung des erstorbenen Gefühls für Freiheit und Volksehre. So dichtete er die Hermannsschlacht, ein gewaltiges politisch historisches Doppelbild, das in der Vergangenheit das Unheil der Gegenwart und das Heil der Zukunft im Spiegel der Poesie erscheinen ließ. Seine Römer und Germanen bedeuten Franzosen und Deutsche, und doch sind sie nichts weniger als Typen; es sind Menschen aus dem Volke der Welteroberer und der Urgermanen; gerade hier hat sich die Dichterkraft glänzend bewährt.

Rom und sein Augustus will in Deutschland nur einen Fürsten dulden, „der seinem Thron auf immer sich verbinde.“ Es kennt diese kleinen Herren, die um ein Wort, einen leeren Vorzug, eine scheinbare Selbständigkeit, die nur durch Demüthigung vor dem fremden Herrscher erkauft werden kann, streiten, und lieber diesem als einem aus ihrer Mitte sich unterwerfen. Sie fallen sich „wie zwei Spinnen“ an, und

— Es bricht der Wolf, o Deutschland,

In deine Hürde ein, und deine Hirten streiten

Um eine Hand voll Wolle sich!

Aber das römische Bündniß wird Unterdrückung, die verheißene Freiheit Knechtschaft, das Gebiet der Neutralen wird schonungslos verletzt, „es wird jedwedem Gräuel des Krieges Preis gegeben“, und die Abtrünnigen um den Lohn der fluchwürdigen Feigherzigkeit betrogen. Ausgepreßt wird das deutsche Land bis auf den letzten Blutstropfen, denn „für wen erschaffen ward die Welt, wenn nicht für Rom?“ Wie Elephant und Seidenwurm zu Roms Schmuck hergeben müssen, was die Natur ihnen verlieh, so der Deutsche; er ist eine Bestie, „die auf vier Füßen in den Wäldern läuft“, und ausgeweidet und dann gepelzt wird. Wer erkennte nicht in dem Latier, „der keine andere Volksnatur verstehen konnte und ehren als nur seine“ den Franzosen? Napoleon’s höhnende Politik, die mit zweizüngiger List die Schwachen umgarnt, Krieg führt mitten im Frieden, das Markten deutscher Fürsten in Paris um Fetzen deutschen Gebiets, das Anfachen der Eifersucht Oesterreichs und Preußens, die Kriecherei der Rheinbündler, das Hinzerren der Schwäche Preußens, die blutige Verwüstung Hessens, Thüringens, der preußischen Lande? Varus mit seinem schneidenden Wort:

Was bekümmerts mich? Es ist nicht meines Amtes

Den Willen meines Kaisers zu erspähn.

Er sagt ihn, wenn er ihn vollführt will wissen;

ist das lebendige Ebenbild jener eisernen Marschälle, Mortier, Ney, Davoust; und Ventidius, der galante Friseurkünste treibt, einer der jüngeren französischen Officiere, die im Boudoir der Damen die gefährlichste Politik geheimer Verführung trieben.[28]

In derselben Stimmung sind die satirischen Briefe entstanden. Nicht entschieden genug können die offnen oder geheimen Bundesgenossen der Feinde im Vaterlande selbst der Verachtung preisgegeben werden. Der rheinbündische Officier, der sich mit dem elenden Troste entschuldigt, ein Deutscher könne seinen Landsleuten im Hauptquartier Napoleon’s durch Milderung der Einquartirung die besten Dienste leisten; das Landfräulein, wie Kleist von seiner Thusnelda sagte, eins von den Weiberchen, die einfältig genug sind, „sich von französischen Manieren fangen zu lassen“, das den Verführer heirathen will, an dessen Rock das Blut ihrer Brüder und Verwandten klebt; der Festungscommandant, der die Häuser der Bürger verbrennt und die Vertheidigungsmittel aus der Stadt schafft; sie alle waren nur zu getreue Abbilder ganzer Classen von Verräthern. Man wußte ja, welche schmachvollen Eroberungen die Franzosen in den Familien gemacht hatten, und mochten auch manche Schilderungen böswillig übertrieben sein, so war es doch z. B. eine amtlich festgestellte Thatsache, daß eine sechszigjährige Wittwe einen zwanzigjährigen französischen Soldaten heirathete, und zu dessen Gunsten ihren eigenen Sohn enterbte. Was will des Dichters Satire bedeuten gegen diese furchtbarste Satire der Thatsachen? Die Commandanten von Cüstrin und Magdeburg hatten ja kurz vor der Capitulation die Vorstädte niederzubrennen gedroht oder wirklich niedergebrannt; und in dem Königlichen Publicandum vom 6. December 1806 waren sie, und diese ganze Gattung, bezeichnet worden als Knechte, „die ihre Pferde absträngen, um davonzujagen.“[29]

War diese Satire zermalmend, so war der Gedanke, die Trugpolitik des Feindes als System darzustellen und die Lügenkünste der französischen Journale nach Lehrsätzen zu entwickeln, vielleicht der geistvollste, den Kleist in dieser Ideenverbindung hatte. Er war im Sinne Swift’s gefaßt. Was ein politischer Weiser, der dies Treiben an der Quelle studiert hatte, der Graf Schlabrendorf davon sagte, stellte Kleist systematisch dar: „Es ist gar keine Kunst, eine Unwahrheit zu erfinden. Jeder Flachkopf kann das. Die eigentliche Kunst besteht darin, aus zweien Sätzen, die, jeder einzeln, wahr sind, durch arglistige Zusammenstellung einen dritten herauszubringen, der eine Lüge ist. Das ist die vornehmste Art der Rabulisterei, aber auch zugleich die gemeinste.“ Oder wie Kleist die Aufgabe stellt: „Alles was in der Welt vorfällt, zu entstellen, und gleichwohl ziemliches Vertrauen zu haben.“ Mit sarkastischer Folgerichtigkeit entwickelt er den ganzen Vorrath von Trug- und Gewaltmitteln, und der letzte Zweck ist: „die Regierung über allen Wechsel der Begebenheiten hinaus sicher zu stellen, und die Gemüther, allen Lockungen des Augenblickes zum Trotz, in schweigender Unterwürfigkeit unter das Joch derselben niederzuhalten.“[30]

Diesen geheimen Künsten des Feindes gegenüber konnte dem Volke nicht eindringlich genug wiederholt werden, was es zu thun habe, um sich aus dem Elende zu retten. Keine Form war dem furchtbaren Humor geeigneter als der Katechismus, der die christlichen Grundwahrheiten als Gebote Gottes lehrt, und in dem Alte und Kinder Trost und Heil suchen. Einige Jahre früher hatten die Gründer der romantischen Schule gar manches zur Religion machen wollen; hier sollte mit der Vaterlandsliebe als Religion Ernst gemacht werden. Hatte der Kosmopolitismus sich der religiösen Weihe gerühmt, so war auch das Volk, das deutsche Volk, die lebendige Darstellung eines Gedankens aus dem göttlichen Geiste, und die Heils- und Rettungslehre vom Vaterlande sollte Alten und Jungen eingeprägt werden.

Ein Mann wie Kleist konnte nur der Partei angehören, die Preußen je eher je besser in den Kampf führen, alles an alles setzen und lieber ruhmvoll untergehen, als schmählich leben wollte. Nur zu Stein, Scharnhorst, Gneisenau konnte er stehen, zu den sogenannten Exaltirten, wie damals die deutsche Partei genannt wurde. Volksbewaffnung, Volkskrieg war ihr Gedanke; der Norddeutsche konnte so gut, wie Spanier und Tiroler, sein Joch zertrümmern, Katt, Dörnberg, Schill erhoben sich, das Maß war übervoll, das Volk genug geknechtet, geschmäht, getreten, um endlich in voller Wuth hervorzubrechen. Was Staatsmänner beriethen und Generale vorbereiteten, sprach er 1808 in der Hermannsschlacht als letztes Rettungsmittel aus; wie Gneisenau wollte sein Hermann, die Germanen sollten Weib und Kind zusammenraffen, ihre Güter verkaufen, die Fluren verwüsten, die Heerden erschlagen, die Plätze niederbrennen, denn der That bedarf es, nicht der Verschwörung, Schwätzer mögen Deutschland zu befreien mit Chiffern schreiben und einander Boten senden, die die Römer hängen, er will einen Krieg

Entflammen, der in Deutschland rasselnd

Gleich einem dürren Walde um sich greifen

Und auf zum Himmel lodernd schlagen soll!

— —

Die ganze Brut, die in den Leib Germaniens

Sich eingefilzt, wie ein Insectenschwarm,

Muß durch das Schwerdt der Rache jetzo sterben.

— —

Die Guten mit den Schlechten. Was! Die Guten!

Das sind die Schlechtesten! Der Rache Keil

Soll sie zuerst vor allen Andern treffen!

Und das sollte von der Bühne herab verkündet werden; am 1. Januar 1809 sandte Kleist die Hermannsschlacht dem Wiener Burgtheater; sein Schauspiel schien ihm des Erfolges sicher zu sein. Das ist auch der Grundton seines Katechismus.[31]

In sechszehn Capiteln spricht er von Deutschland überhaupt, von der Liebe zum Vaterlande, von der Zertrümmerung des Vaterlandes, vom Erzfeind, von der Erziehung der Deutschen, der Verfassung der Deutschen, den freiwilligen Beiträgen, den obersten Staatsbeamten, vom Hochverrathe. Die fehlenden Capitel handelten augenscheinlich von den Mitteln, den Erzfeind zu bekämpfen, von der Organisation des Kampfes, vom Aufstande des Volks. Auch hier geht er von der Gegenwart aus. Auf der Karte giebt es seit 1805 kein Deutschland mehr. „Wo find ich dies Deutschland? wo liegt es?“ lautet die bittere Frage. Dennoch hat es ein unverlierbares Dasein in der Liebe derer, die ihm anhangen, weil es das Vaterland ist. Aber es ist zertrümmert worden von dem Korsenkaiser, den die Deutschen nie beleidigt haben, und der sie mitten im Frieden unterjocht. Und warum that er es? „Weil er ein böser Geist ist, der Erzfeind, der Anfang alles Bösen, das Ende alles Guten!“ So braust der Strom eines vernichtenden Zornes hin, der umsonst nach Ausdrücken und Bildern sucht, durch die seine ganze Fülle sich ergießen könne. Der Deutsche soll sich vergegenwärtigen, was er gelitten habe, des Morgens, wenn er sich vom Lager erhebt, des Abends, wenn er zur Ruhe geht; die höchsten Güter, die Gott dem Menschen verliehen, „Gott, Vaterland, Kaiser, Freiheit, Liebe und Treue, Schönheit, Wissenschaft und Kunst“ soll er wieder erringen, den Erzfeind hassen, aus allen Kräften bekämpfen, alles entbehren, alles opfern, und wenn auch kein Mensch am Leben bliebe, dennoch müßte gekämpft werden, „weil es Gott lieb ist, wenn Menschen ihrer Freiheit wegen sterben, weil es ihm ein Gräuel ist, wenn Sclaven leben!“

So predigte er die Religion der volksthümlichen Selbständigkeit, des nationalen Hasses, so dachten und sprachen Stein, Blücher, Fichte. „Man muß der Nation das Gefühl der Selbständigkeit einflößen“, schrieb Scharnhorst an Clausewitz, „man muß ihr Gelegenheit geben, daß sie mit sich selbst bekannt wird, daß sie sich ihrer selbst annimmt; nur erst dann wird sie sich selbst achten, und von Andern Achtung zu erzwingen wissen!“ Und Stein an Wittgenstein: „Die Erbitterung nimmt in Deutschland täglich zu, und es ist rathsam, sie zu nähren und auf die Menschen zu wirken. — Die spanischen Angelegenheiten machen einen sehr lebhaften Eindruck und beweisen handgreiflich, was wir längst hätten glauben sollen. Es wird sehr nützlich sein, sie möglichst auf eine vorsichtige Art zu verbreiten.“ Endlich Blücher: „Mein Rath ist zu den Waffen unsere und die gantze deutsche Nation aufzuruffen, den vaterländischen boden zu verteidigen, die waffen im allgemeinen nicht ehender nieder zu legen, bis ein Volck, daß uns unterjochen wollte, vom dießseitigen Reinufer vertrieben sei; jeder deutsche der mit den waffen wider uns getroffen werde, habe den Tod verwürkt; ich weiß nicht, warum wihr uns nicht den Tihrollern und Spaniern gleich achten wollen!“ So der Held, der Staatsmann, der Dichter.

Doch dazu waren in Preußen die Dinge noch nicht reif; aber um so mächtiger erhob sich Oesterreich, das, seiner alten Natur entsagend, sich an die Kraft des Volkes wandte. Wie zündende Funken schlugen die Aufrufe des Kaisers und des Erzherzogs Karl ein, als deren Verfasser man Friedrich Schlegel und Gentz nannte. „Wir kämpfen“, sagte der Erzherzog in seinem Aufruf an die deutsche Nation, „um die Selbständigkeit der österreichischen Monarchie zu behaupten, um Deutschland die Unabhängigkeit und National-Ehre wieder zu verschaffen, die ihm gebühren. Dieselben Anmaßungen, die uns jetzt bedrohen, haben Deutschland bereits gebeugt. Unser Widerstand ist seine letzte Stütze zur Rettung. Unsere Sache ist die Sache Deutschlands!“ Und in einem andern: „Die Masse der Nation selbst hat sich in ihrem gerechten Unwillen erhoben und die Waffen ergriffen! — Der jetzige Augenblick kehrt nicht zurück in Jahrhunderten! Ergreift ihn, damit er nicht für Euch auf immer entfliehe! Ahmet Spaniens großes Beispiel nach! — Zeiget, daß auch Euch Euer Vaterland und eine selbständige deutsche Regierung und Gesetzgebung theuer sei, daß Ihr Entschluß und Kraft habt, es aus der entehrenden Sclaverei zu reißen, es frei, nicht unter fremdem Joche erniedrigt, Euren Kindern zu hinterlassen.“[32] Noch einmal erhoben die Habsburger das Banner des deutschen Volkes, sie gaben das Zeichen zum Kampf, und noch einmal leuchteten das alte Kaiserthum, das alte Reich in einem zauberischen Glanze volksthümlicher Größe, den sie seit dem Untergange der Hohenstaufen in Wirklichkeit nie gehabt hatten. Die Vergangenheit enthielt was die Zukunft versprach, was der Gegenwart fehlte. Daher, wie bei vielen Andern, die zum österreichischen Heere eilten, auch bei Kleist, dem Brandenburger, die Begeisterung für Oesterreich, für Franz den Zweiten, den alten Kaiser, den Vormund, Vater und Wiederhersteller der Deutschen, „der den großmüthigen Kampf für das Heil des unterdrückten und bisher noch wenig dankbaren Deutschland unternommen hat“; für den Erzherzog Karl, der „die göttliche Kraft das Werk an sein Ziel hinaus zu führen dargethan hat.“

Wohin dieser Kampf für Gottes heilige Ordnung endlich führen mußte, ahnte er; wie der Deutsche zum Deutschen zurückkehren, alle sich gemeinsam umwenden würden gegen den Feind, den Rhein ereilen, um „dann nach Rom selbst aufzubrechen, wir oder unsere Enkel“, damit der Weltkreis endlich Ruhe gewinne. Ueber diese Erfüllung hinaus sah er einen Herrscher an der Spitze des Vaterlands, von dem er im Prinzen von Homburg sagte:

Das wird sich ausbaun herrlich, in der Zukunft,

Erweitern unter Enkels Hand, verschönern,

Mit Zinnen, üppig, feenhaft, zur Wonne

Der Freunde und zum Schrecken aller Feinde.[33]

So eilte sein Seherblick über fünf verhängnißvolle Jahre fort; in seinem Prinzen von Homburg ahnte er den künftigen York und nahm die Siege von 1813 und 1815 voraus. Doch nicht so gut wie seinem Helden ward es ihm selbst. Den Glauben an den Sieg der ewigen Mächte, der den Dichter begeisterte, vermochte der Mensch nicht festzuhalten, und sein Zweifel führte ihn in den Tod. Weil sein Dichterglaube der Zeit voraneilte, verließen ihn die Zeitgenossen; und kraftlos schien sein Wort zu verhallen. Die Hermannsschlacht, der Prinz von Homburg kamen nicht zur Darstellung, nicht einmal zum Druck; seine Aufrufe, die ganz Deutschland galten, mußte er bei verschlossenen Thüren vorlesen, dann wurden sie vergessen. Er hatte gehofft, jetzt werde Deutschland sich erheben, es erhob sich nicht; er hatte gehofft, jetzt werde Oesterreich siegen, es ward geschlagen. Auch die Hoffnung auf die Rettung des Vaterlandes, an der er sich noch einmal aufgerichtet hatte, scheiterte, und er mit ihr. Hätte er sterben können auf dem Schlachtfelde, mit dem Degen in der Faust, wie sein Vorfahr Ewald von Kleist, wie Theodor Körner, er wäre glücklich gewesen. Er ist gefallen wie Schill, weil es noch nicht an der Zeit war; aber nicht wie der Held, dessen Untergang noch ein Sieg ist, sondern im Streite mit sich selbst. Zu seinem Verderben reichen sich jetzt Phantasie und Verstand die Hände, die Verzweiflung, die ihm von jener ausgemalt wird, beweist ihm dieser, und mit trügerisch kalter Ueberlegung, die er unaussprechliche Heiterkeit nennt, wird er fremden Blutes schuldig und giebt sich dann den Tod. Voreilig greift er in sein Geschick, beraubt sich des Höchsten, was er ersehnt hat, und in tragischer Ueberstürzung endet der tragische Dichter.

Kleist hat sich selbst gerichtet, aber seine Stelle in der Litteratur und Geschichte unseres Volkes bleibt ihm unvergänglich. Jene Zeit hat seinen Mahnruf überhört; desto eindringlicher tönt er zu uns herüber; es ist die Stimme des Propheten, die sich nach mehr als fünfzig Jahren warnend aus dem Grabe erhebt. Oder hätten wir etwa Veranlassung, sie heute zu überhören? Wäre sie wirklich nur ein geschichtliches Zeugniß vergangener Zeiten? Wollte Gott, wir könnten es sagen! Noch ist der Ueberwitz bei uns zu Hause, noch treiben wir Handel und Wandel im Schweiße des Angesichts, während andere die Früchte deutscher Arbeit genießen; noch hadern die Hirten um eine Hand voll Wolle, noch gilt das Ganze als Verrath am Einzelnen, und jeder Zoll will ein König sein. Wieder haben sich die Epigonen der Eroberer erhoben und werfen ihre lüsternen Blicke auf die deutsche Erde, wieder spinnt die Trugpolitik die unsichtbaren zähen Fäden ihres Netzes, wieder heulen die Wölfe an den deutschen Marken. Sollte das alte Chaos je wiederkehren? Wäre das möglich nach so vielen Opfern, schweren Kämpfen und schmerzlichen Erfahrungen? Nimmermehr! Auch Völker lernen aus der Geschichte, nur langsamer als der Einzelne; schwerer hat keines dafür gezahlt, als das deutsche. Möge es durch die That zeigen, es habe Kleist’s großes Wort endlich erkennen gelernt:

„Vergebt, vergeßt, versöhnt, umarmt und liebt euch!“

Nachtrag
zu
Heinrich von Kleist’s Werken.

I. Prosa.