Dreiundzwanzigstes Kapitel.

Beglückendes Gefühl der Freundschaft. — Bischof Brooks. — Kein Verlangen nach dem Jenseits. — Henry Drummond. — Dr. Oliver Wendell Holmes. — Whittier. — Dr. Edward Everett Hale. — Dr. Alexander Graham Bell.— Charles Dudley Warner. — Mark Twain u. a. — Schlußwort.

Ich wollte, ich könnte in dieser Skizze die Namen aller derer aufführen, die zur Erhöhung meines Glückes beigetragen haben! Teils würde man sie in den Annalen unserer Literatur aufgezeichnet finden, vielen Herzen teuer, während andere den meisten meiner Leser völlig unbekannt sein dürften. Aber der Einfluß ihrer Persönlichkeit wird, obgleich nichts von ihm verlautet, in dem Dasein derer, die durch ihn gebildet und veredelt worden sind, eine unvergängliche Rolle spielen. Das sind Festtage in unserem Leben, wenn wir Menschen begegnen, die auf uns wirken wie ein schönes Gedicht, Menschen, deren Handschlag voller unausgesprochener Sympathie ist und deren milde, reiche Naturen unserem ungestümen, ungeduldigen Gemüte eine wunderbare Ruhe mitteilen, die im innersten Kerne ihres Wesens göttlichen Ursprunges ist. Die Rastlosigkeit, die Erbitterung, die Qual, die uns verfolgt haben, verschwinden wie böse Träume, und wir erwachen, um die Schönheit und Harmonie von Gottes wirklicher Welt mit neuen Augen zu erblicken und mit neuen Ohren zu vernehmen. Die leeren Förmlichkeiten, die unser Alltagsleben ausfüllen, gewinnen plötzlich eine höhere, tiefere Bedeutung. Mit einem Worte, in der Nähe solcher Freunde fühlen wir, daß alles gut ist. Vielleicht haben wir sie nie zuvor gesehen, und vielleicht werden sich unsere Lebenspfade nie wieder kreuzen, aber der Einfluß ihrer ruhigen, milden Naturen wirkt wie ein kühlendes Bad auf unsere Unzufriedenheit, und wir spüren die von ihm ausgehende heilkräftige Erquickung, wie der Ozean die Bergströme spürt, die seine Fluten erfrischen.

Ich bin oft gefragt worden: „Werden Sie von den Leuten nicht belästigt?“ Ich verstehe nicht ganz, was dies heißen soll. Ich glaube, die Besuche beschränkter und neugieriger Menschen, namentlich die der Zeitungsberichterstatter, sind stets unbequem. Auch liebe ich Leute nicht, die sich im Gespräch zu meinem Standpunkt herabzulassen bemühen. Sie gleichen denen, die, wenn sie neben uns hergehen, sich bemühen, ihre Schritte zu verkürzen, um sie den unsrigen anzupassen; die Heuchelei wirkt in beiden Fällen gleich erbitternd.

Die Hände der Menschen führen für mich eine beredte Sprache. Die Berührung mancher Hände ist eine Beleidigung. Ich bin Leuten begegnet, die so bar aller Lebensfreude waren, daß, wenn ich ihre eisigen Fingerspitzen berührte, es mir vorkam, als reiche ich einem Nordoststurm die Hand. Es gibt andere, deren Hände gleichsam Sonnenstrahlen an sich tragen, so daß mir ihre Berührung das Herz erwärmt. Es braucht nur der Druck einer Kinderhand zu sein; aber für mich liegt darin ebensoviel erquickender Sonnenstrahl wie für andere in einem Liebesblicke. Ein herzlicher Händedruck oder ein freundlicher Brief macht mir stets Freude.

Ich habe viele Freunde in der Ferne, die ich nie gesehen habe. In der Tat sind ihrer so viele, daß ich oft außer stande bin, ihre Briefe zu beantworten; ich wünsche ihnen jedoch hier zu sagen, daß ich ihnen stets für ihre gütigen Worte dankbar bin, so unzulänglich auch die Anerkennung meinerseits ausfallen mag.

Ich rechne es zu den angenehmsten Erinnerungen meines Lebens, viele bedeutende Männer kennen gelernt zu haben und mit ihnen in persönliche Berührung gekommen zu sein. Nur wer Bischof Brooks kennt, vermag zu ermessen, wie wertvoll seine Freundschaft für die ist, die sie besitzen. Als Kind liebte ich es, auf seinen Knien zu sitzen und meine kleine Hand auf seine große zu legen, während Fräulein Sullivan mir in die andere seine herrlichen Worte über Gott und das Jenseits buchstabierte. Ich hörte ihm mit kindlichem Staunen und Entzücken zu. Mein Geist konnte dem Fluge des seinigen nicht folgen, aber er lehrte mich wahren Lebensgenuß, und ich verließ ihn nie, ohne einen erhebenden Gedanken mit mir davonzutragen, der an Schönheit und Tiefe der Bedeutung zunahm, je mehr ich heranwuchs. Als ich einst über die große Menge der Religionen verwirrt war, sagte er zu mir: „Es gibt nur eine Weltreligion, Helen — die Religion der Liebe. Liebe deinen himmlischen Vater von ganzem Herzen und mit ganzer Seele, liebe jedes Kind Gottes, so innig du es nur kannst, und erinnere dich daran, daß das Gute eher Aussicht auf Verwirklichung besitzt als das Böse, und du hast den Schlüssel zum Himmelreich.“ — Und sein Leben bildete ein treffliches Beispiel zu dieser großen Wahrheit. In seiner edlen Seele standen Liebe und das umfassendste Wissen im Bunde mit dem Glauben, der zur Erkenntnis geworden war. Er erblickte

Gott in allem, was erhebt, befreit und tröstet,

So auch in allem, was uns niederdrückt.

Bischof Brooks lehrte mich kein besonderes Glaubensbekenntnis oder Dogma; allein er prägte meinem Geiste zwei große Ideen ein — die Eigenschaft Gottes als Vater und die der Menschen als Brüder — und setzte mir auseinander, daß diese Wahrheiten allen Glaubensbekenntnissen und Kulturformen zugrunde liegen. Gott ist die Liebe, Gott ist unser Vater, wir sind seine Kinder; daher werden sich die dunkelsten Wolken dereinst zerteilen, und obgleich das Recht mit Füßen getreten werden kann, so soll das Unrecht doch nicht triumphieren.

Ich bin hier auf Erden zu glücklich, um viel an das Jenseits zu denken, abgesehen davon, daß ich mich erinnere, daß geliebte Freunde im Himmelreich meiner warten. Trotz der Reihe von Jahren scheinen sie mir doch so nahe zu sein, daß ich mich keinen Augenblick wundern würde, wenn sie meine Hand ergriffen und zärtliche Worte sprächen, wie sie dies vor ihrem Hinscheiden zu tun pflegten.

Seit Bischof Brooks’ Tode habe ich die Bibel von Anfang bis zu Ende gelesen, ebenso einige philosophische Werke über Religion, unter ihnen Swedenborgs »Himmel und Hölle« und Drummonds »Ascent of Man«; ich habe jedoch kein Glaubensbekenntnis oder System gefunden, das mich mehr befriedigt hätte als Bischof Brooks’ Religion der Liebe. Ich kannte Herrn Henry Drummond persönlich, und bei der Erinnerung an seinen kräftigen, warmen Händedruck ist es mir, als erteilte er mir seinen Segen. Er war der angenehmste Gesellschafter, den man sich denken kann. Er besaß ein so reiches Wissen und war so geistvoll, daß er jedermann mit sich fortriß.

Ich erinnere mich noch sehr gut meines ersten Zusammentreffens mit Dr. Oliver Wendell Holmes. Er hatte Fräulein Sullivan und mich eingeladen, ihn eines Sonntagnachmittags zu besuchen. Es war zu Beginn des Frühjahrs, kurz, nachdem ich sprechen gelernt hatte. Wir wurden sofort nach der Bibliothek gewiesen, wo wir ihn in einem großen Armstuhl bei einem offenen Feuer, das im Kamin glühte und prasselte, sitzen fanden, in Erinnerungen vergangener Zeiten versunken, wie er sagte.

„Und zugleich in das Rauschen des Charlesflusses“, — fügte ich hinzu.

„Ja,“ — antwortete er, „der Charlesfluß erinnert mich an viele glückliche Stunden.“ — Es herrschte ein Geruch von bedrucktem Papier und Leder in dem Raume, der mir sagte, daß es voller Bücher sei, und ich streckte unwillkürlich meine Hand aus, um sie zu suchen. Ich ergriff eine schöne Ausgabe von Tennysons Gedichten, und als mir Fräulein Sullivan gesagt hatte, was es für ein Buch sei, begann ich zu rezitieren:

Break, break, break

On thy cold gray stones, O sea!

Aber ich hielt plötzlich inne. Ich fühlte Tränen auf meiner Hand. Ich hatte meinen geliebten Dichter zum Weinen gebracht und war ganz untröstlich darüber. Er nötigte mich in seinen Armstuhl und brachte mir verschiedene interessante Dinge zum Befühlen, und auf seine Bitte deklamierte ich ihm auch »The Chambered Nautilus«, das damals mein Lieblingsgedicht war. Später besuchte ich Dr. Holmes noch öfters und lernte in ihm sowohl den Menschen wie den Dichter lieben.

An einem schönen Sommertage, nicht lange nach meiner ersten Begegnung mit Dr. Holmes, besuchten Fräulein Sullivan und ich Herrn Whittier in seinem stillen Heim am Merrimac. Seine Ritterlichkeit und seine gewählte Ausdrucksweise gewannen ihm sofort mein Herz. Er besaß einen Band seiner Gedichte in Hochdruck, aus dem ich »In School Days« las. Er war entzückt, daß ich die Worte so gut aussprechen konnte, und sagte, es sei ihm nicht schwer gefallen, mich zu verstehen. Dann richtete ich einige Fragen betreffs des Gedichtes an ihn und las seine Antwort ab, indem ich ihm meine Finger auf die Lippen legte. Er erklärte, er selbst sei der kleine Knabe in dem Gedicht, der Name des Mädchens sei Sally gewesen und noch mehr dergleichen, was ich aber vergessen habe. Ich deklamierte auch »Laus Deo«, und als ich die Schlußworte sprach, legte er mir die Statue eines Sklaven in die Hände, von dessen zusammengekrümmter Gestalt die Ketten abfielen, gerade so wie sie von Petrus’ Gliedern abfielen, als der Engel ihn aus dem Kerker herausführte. Später gingen wir in sein Studierzimmer, und hier schrieb er ein Autogramm[12] für meine Lehrerin nieder und drückte ihr seine Bewunderung über das, was sie getan hatte, aus, indem er zu mir sagte: „Sie ist deine geistige Befreierin“. Dann geleitete er mich bis zur Gartenpforte und küßte mich zum Abschiede zärtlich auf die Stirn. Ich versprach ihm, ihn im folgenden Sommer wieder zu besuchen; er starb aber, ehe ich mein Versprechen erfüllen konnte.

Dr. Edward Everett Hale ist einer meiner allerältesten Freunde. Ich kenne ihn seit meinem achten Lebensjahre, und meine Liebe zu ihm hat zugenommen, je älter ich wurde. An seiner weisen, liebevollen Teilnahme haben Fräulein Sullivan und ich uns in den Tagen der Prüfung und Trübsal aufgerichtet, und seine starke Hand hat uns über manche steile und steinige Strecke unseres Pfades hinweggeholfen, und was er für uns getan hat, das hat er für tausend andere getan, die schwierige Aufgaben zu erfüllen haben. Er hat die alten Schläuche des Dogmas mit dem neuen Wein der Liebe gefüllt und den Menschen gezeigt, was es heißt, zu glauben, zu leben und frei zu sein. Was er gelehrt hat, das haben wir in seinem Leben auf das schönste ausgedrückt gefunden — Vaterlandsliebe, Güte dem geringsten seiner Brüder gegenüber und ein aufrichtiges Verlangen, sich über das irdische emporzuschwingen. Er ist ein Prophet und Herzenskündiger gewesen, ein mächtiger »Täter des Worts«, der Freund seines ganzen Geschlechtes — Gott segne ihn!

Meine erste Begegnung mit Dr. Alexander Graham Bell habe ich schon erwähnt. Seitdem habe ich viele glückliche Tage mit ihm in Washington und auf seinem schönen Landsitz im Innern von Cape Breton Island verlebt, in der Nähe von Baddeck, dem durch Charles Dudley Warners Buch berühmt gewordenen Dorfe. Hier habe ich in Dr. Bells Laboratorium oder auf den Feldern am Ufer des großen Bras d’Or viele genußreiche Stunden zugebracht, in denen er mir von seinen Experimenten erzählte und ich ihm bei dem Steigenlassen von Drachen half, mittels deren er die Gesetze, die die Luftschiffahrt der Zukunft beherrschen werden, zu ergründen hofft. Dr. Bell hat bedeutende Leistungen auf vielen wissenschaftlichen Gebieten aufzuweisen und besitzt die Gabe, alles, was er in die Hand nimmt, interessant zu machen, selbst die verwickeltsten Fragen. Man hat bei ihm das Gefühl, daß, wenn man nur ein wenig mehr Zeit hätte, man auch ein Erfinder sein könnte. Dazu hat er eine humoristische und eine poetische Seite. Seine Hauptleidenschaft ist seine Liebe zu Kindern. Nie ist er so durchaus glücklich, als wenn er ein kleines taubstummes Kind in seinen Armen hält. Seine Arbeiten zum Besten der Taubstummen werden fortleben und noch über künftige Generationen von Kindern Segen verbreiten, und wir lieben ihn ebenso für das, was er selbst geleistet, wie für das, wozu er andere angeregt hat.

In den zwei Jahren, die ich in New York verlebte, hatte ich oft Gelegenheit, mit hervorragenden Männern zu sprechen, deren Namen ich oft gehört, mit denen ich aber niemals zusammenzutreffen gehofft hatte. Zum größten Teile lernte ich diese in dem Hause meines lieben Freundes Herrn Laurence Hutton kennen. Es war eine große Vergünstigung, ihn und die liebe Frau Hutton in ihrer reizenden Villa besuchen zu dürfen, ihre Bibliothek zu besichtigen und die herrlichen Empfindungen und glänzenden Gedanken zu lesen, die begabte Freunde für sie niedergeschrieben hatten. Man hat mit Recht gesagt, Herr Hutton besitzt die Fähigkeit, aus jedem die besten Gedanken und die zartesten Empfindungen herauszulocken. Man braucht nicht die Erzählung »A Boy I Knew« zu lesen, um ihn zu verstehen — den mit dem reinsten, kindlichsten Gemüt begabten Mann, den treuen Freund in allen Lebenslagen, der sowohl das Leben der Hunde wie das seiner Mitmenschen liebevoll verfolgt.

Frau Hutton ist eine aufrichtige, bewährte Freundin. Vieles, was ich für das Beste und Wertvollste halte, verdanke ich ihr. Oft hat sie mir während meines Universitätsstudiums mit Rat und Tat beigestanden. Wenn ich meine Lebensaufgabe schwer und entmutigend finde, so schreibt sie mir Briefe, die mich wieder froh und tapfer machen; denn sie gehört zu denen, von denen wir lernen können, daß die Erfüllung einer mühevollen Pflicht die Erfüllung der nächsten einfacher und leichter macht.

Herr Hutton führte mich bei vielen seiner literarischen Freunde ein, von denen die bedeutendsten Herr William Dean Howells und Mark Twain sind. Auch mit Herrn Richard Watson Gilder und Herrn Edmund Clarence Stedman traf ich zusammen. Auch Herrn Charles Dudley Warner lernte ich kennen, den reizendsten Erzähler und liebenswürdigsten Freund, dessen Gutherzigkeit so umfassend war, daß man von ihm in Wahrheit sagen konnte, er liebte alle lebenden Wesen und seinen Nächsten wie sich selber. Einmal stellte mir Herr Warner den Dichter der Wälder, — Herrn John Burroughs, vor. Sie waren alle liebenswürdig und sympathisch, und ich wurde mir des Zaubers ihrer Persönlichkeit ebenso bewußt, wie ich früher die Schönheit ihrer Abhandlungen und Gedichte bewundert hatte. Ich konnte nicht Schritt halten mit all diesen Schriftstellern, wie sie von einem Gegenstand zum anderen übersprangen und sich in tiefsinnige Disputationen einließen oder in der Unterhaltung ihren Witz glänzen ließen. Ich glich dem kleinen Ascanius, der mit seinen trippelnden Füßchen den heroischen Schritten seines Vaters Aeneas auf seinem Lebenswege, der ihn mächtigen Geschicken entgegenführte, folgte. Aber sie teilten mir viel Interessantes mit. So erzählte mir Herr Gilder von seinen Reisen im Mondschein durch die weite Wüste zu den Pyramiden, und in seinem Briefe, den er mir schrieb, drückte er unter der Unterschrift seinen Stempel so tief in das Papier hinein, daß ich ihn fühlen konnte. Dies erinnert mich daran, daß Dr. Hale seinen Briefen an mich einen persönlichen Zug verlieh, indem er seine Unterschrift in Brailleschrift gab. Von Mark Twains Lippen las ich ein paar seiner prächtigen Erzählungen ab. Er hat seine eigene Art, zu denken, zu sprechen und zu handeln. Ich fühle das Zwinkern seines Auges in seinem Händedrucke. Eben dadurch, daß er seine cynische Weisheit in einer unsagbar drolligen Weise vorbringt, erweckt er die Empfindung, daß sein Herz voll des tiefsten, innigsten Mitgefühls ist.

Es gibt noch eine Menge anderer interessanter Leute, mit denen ich in New York zusammengetroffen bin: Frau Mary Mapes Dodge, die beliebte Herausgeberin vom »St. Nicholas-Magazine«, und Frau Riggs (Kate Douglas Wiggin), die anmutige Verfasserin von »Patsy«. Ich erhielt von ihnen Geschenke, bei deren Auswahl das Herz mitgesprochen hat, Bücher mit ihren eigenen Gedanken, seelenvolle Briefe und Photographien, die ich mir immer und immer wieder beschreiben lasse. Allein mir fehlt der Raum, hier aller meiner Freunde zu gedenken, und in der Tat gibt es in Bezug auf sie Dinge, die sich hinter Cherubsschwingen bergen, Dinge, die zu heilig sind, um in kalte Druckschrift umgesetzt zu werden. Nur mit innerem Widerstreben habe ich soeben von Frau Laurence Hutton gesprochen.

Ich will noch zwei weitere befreundete Personen erwähnen. Die eine ist Frau William Thaw in Pittsburgh, die ich oft auf ihrem Landsitze in Lyndhurst besucht habe. Sie ist stets damit beschäftigt, jemand glücklich zu machen, und all die Jahre über, die meine Lehrerin und ich sie kennen, haben wir stets bei ihr großmütige Hilfe und weisen Rat gefunden.

Auch meinem anderen Freunde bin ich zu tiefem Danke verpflichtet. Er ist wegen seiner mächtigen Hand, mit der er große Unternehmungen leitet, weit und breit bekannt, und seine bewundernswerten Eigenschaften haben ihm die allgemeine Achtung erworben. Freundlich zu jedermann tut er unausgesetzt in der Stille und unbemerkt Gutes. Wiederum berühre ich den Kreis geachteter Namen, die ich nicht nennen darf, aber ich möchte gern seine Hochherzigkeit und seine rege Teilnahme an meinem Geschick hervorheben, die es mir möglich gemacht haben, die Universität zu besuchen.

So haben meine Freunde mein Leben zu dem gemacht, was es ist. Auf tausenderlei Art haben sie meine Gebrechen in herrliche Vorrechte verwandelt und mich in den Stand gesetzt, heiter und glücklich in dem von meinen körperlichen Mängeln geworfenen Schatten zu wandeln.

[12] With great admiration of thy noble work in releasing from bondage the mind of thy dear pupil, I am truly thy friend, John G. Whittier. (Mit der größten Bewunderung für dein edles Werk der Befreiung des Geistes deiner lieben Schülerin von der Knechtschaft bin ich dein aufrichtiger Freund John G. Whittier.)

Zweiter Teil
Helen Kellers Briefe
1887–1901.

Briefe (1887–1901).
(Auswahl.)

Erste Schreibversuche. — Zwei Briefe an die blinden Mädchen im Perkinsschen Institut. — Brief an Herrn Anagnos mit der Schilderung eines Picknicks im Walde. — Brief an Onkel Morrie über den Ausflug nach Plymouth. — Brief an Herrn Anagnos mit einigen französischen und griechischen Redensarten. — Brief an Tante Eveline Keller mit Übersetzungen von griechischen, französischen, lateinischen und deutschen Redensarten und Wörtern. — Brief mit astronomischen Angaben. — Briefe an Herrn Anagnos über seine Reise nach Europa. — Brief mit Wiedergabe des Inhalts eines Andersenschen Märchens. — Brief an Fräulein Sullivan. — Brief an Whittier. — Brief an Dr. Holmes. — Brief an Fräulein Sarah Fuller. — Brief an den nachmaligen Bischof Brooks. — Brief über Tommy Stringer. — Brief über die Reise nach dem Niagarafall. — Brief über den Besuch der Weltausstellung in Chicago. — Brief über ein Zusammentreffen mit Mark Twain. — Brief über den Besuch des Bostoner Museums. — Brief über den Eindruck, den das Orgelspiel auf Helen Keller gemacht hat. — Stellen aus verschiedenen Briefen über Leidensgefährten. — Brief an Dr. Hale, geschrieben am Vorabend der Howefeier.

Fräulein Sullivan begann Helen Keller am 3. März 1887 zu unterrichten. Dreieinhalb Monate, nachdem dieser das erste Wort in die Hand buchstabiert worden war, schrieb sie mit Bleistift folgenden Brief:

An Helens Cousine Anna (Frau George T. Turner).[13]

[Tuscumbia, Alabama, 17. Juni 1887.]

helen write anna george will give Helen apple simpson will shoot bird jack will give Helen stick of candy doctor will give mildred medicine mother will make mildred new dress

[Ohne Unterschrift.]

[13] Die ersten Äußerungen Helens sind englisch wiedergegeben worden, weil der in ihnen enthaltene eigenartige Reiz in der Übersetzung vollständig verwischt werden würde. Auf die beiden Briefe an die blinden Mädchen im Perkinsschen Institute wird im dritten Teil ([S. 248]) Bezug genommen, weswegen sie hier im vollständigen Wortlaute mitgeteilt werden. — Das Faksimile der dem Buche vorangeschickten eigenhändigen Widmung Fräulein Kellers gewährt eine Vorstellung von ihrer Handschrift, wie sie jetzt ist.

An Frau Kate Adams Keller.

[Huntsville, Alabama, 12. Juli 1887.]

Helen will write mother letter papa did give helen medicine mildred will sit in swing mildred did kiss helen teacher did give helen peach george is sick in bed george arm is hurt anna did give helen lemonade dog did stand up.

conductor did punch ticket papa did give helen drink of water in car

carlotta did give helen flowers anna will buy helen pretty new hat helen will hug and kiss mother helen will come home grandmother does love helen

good-by

[Ohne Unterschrift.]

Im folgenden September zeigte Helen Fortschritte in Bezug auf vollständigere Satzkonstruktion und reicheren Gedankeninhalt.

An die blinden Mädchen im Perkinsschen Institut in Boston.

[Tuscumbia, September 1887.]

Helen will write little blind girls a letter Helen and teacher will come to see little blind girls Helen and teacher will go in steam car to boston Helen and blind girls will have fun blind girls can talk on fingers Helen will see Mr anagnos Mr anagnos will love and kiss Helen Helen will go to school with blind girls Helen can read and count and spell and write like blind girls mildred will not go to boston Mildred does cry prince and jumbo will go to boston papa does shoot ducks with gun and ducks do fall in water and jumbo and mamie do swim in water and bring ducks out in mouth to papa Helen does play with dogs Helen does ride on horseback with teacher Helen does give handee grass in hand teacher does whip handee to go fast Helen is blind Helen will put letter in envelope for blind girls

good-by

Helen Keller

Ein paar Wochen später ist ihr Stil korrekter und gewandter. Ihre Ausdrucksweise ist besser geworden, obgleich sie immer noch den Artikel ausläßt und die Konstruktion mit »did« für das einfache Imperfektum gebraucht. Es ist dies eine Eigenart, die sich bei Kindern häufig findet.

An die blinden Mädchen im Perkinsschen Institute.

[Tuscumbia, 24. Oktober 1887.]

dear little blind girls

I will write you a letter I thank you for pretty desk I did write to mother in memphis on it mother and mildred came home Wednesday mother brought me a pretty new dress and hat papa did go to huntsville he brought me apples and candy I and teacher will come to boston and see you nancy is my doll she does cry I do rock nancy to sleep mildred is sick doctor will give her medicine to make her well. I and teacher did go to church Sunday mr. lane did read in book and talk Lady did play organ. I did give man money in basket. I will be good girl and teacher will curl my hair lovely. I will hug and kiss little blind girls mr. Anagnos will come to see me.

good-by

Helen Keller.

Mit Beginn des nächsten Jahres wird Helens Ausdrucksweise bestimmter. Sie gebraucht mehr Adjektiva, auch Adjektiva der Farbe. Obgleich sie keine sinnliche Kenntnis von Farben haben kann, so vermag sie doch die Worte in verständiger, zutreffender Weise zu gebrauchen. Der folgende Brief enthält die Schilderung eines Picknicks im Walde und zeigt, in welcher Weise Fräulein Sullivan die Erholungsstunden zur Belehrung auszunutzen wußte.

An Herrn Michael Anagnos.

Tuscumbia, Ala. 3. Mai 1888.

Lieber Herr Anagnos. Ich freue mich, heute an Sie schreiben zu können, da ich Sie sehr liebe. Ich war sehr glücklich, hübsches Buch und niedliche Bonbons und zwei Briefe von Ihnen zu erhalten. Ich werde Sie bald besuchen und viele Fragen über Länder an Sie richten, und Sie werden gutes Kind lieben.

Mutter macht mir hübsche neue Kleider, die ich in Boston tragen werde (to wear in Boston), und ich werde niedlich aussehen, um kleine Mädchen und Knaben und Sie zu besuchen. Freitag gingen Lehrerin und ich zu einem Picknick mit kleinen Kindern. Wir spielten Spiele und aßen Mittagbrot unter den Bäumen, und wir fanden Farne und wilde Blumen. Ich ging in die Wälder und lernte Namen von vielen Bäumen. Es gibt Pappel- und Zedern- und Fichten- und Eichen- und Eschen- und Hickory- und Ahornbäume. Sie werfen einen angenehmen Schatten, und die kleinen Vögel lieben es, sich auf den Bäumen hin- und herzuschaukeln und zu singen. Kaninchen hüpfen, und Eichhörnchen laufen, und häßliche Schlangen kriechen in den Wäldern. Geranien und Jasminrosen sind kultivierte Pflanzen. Ich helfe Mutter und Lehrerin sie jeden Abend vor dem Essen begießen.

Vetter Artur machte mir eine Schaukel in der Esche. Tante Ev. ist nach Memphis gegangen. Onkel Frank ist hier. Er pflückt Erdbeeren für das Mittagessen. Nancy ist wieder krank, neue Zähne machen sie unwohl. Adeline ist gesund, und sie kann am Montag mit mir nach Cincinnati gehen. Tante Ev. will mir eine Knabenpuppe schicken, Harry wird Nancys und Adelines Bruder sein. Kleine Schwester ist gutes Mädchen. Ich bin jetzt müde und will nach unten gehen. Ich sende Ihnen mit Brief viele Küsse und Liebkosungen.

Ihr Lieblingskind

Helen Keller.

Gegen Ende Mai reisten Frau Keller, Helen und Fräulein Sullivan nach Boston. Unterwegs blieben sie ein paar Tage in Washington, wo sie Dr. Alexander Graham Bell und den Präsidenten Cleveland besuchten. Am 26. Mai langten sie in Boston an und begaben sich nach dem Perkinsschen Institut; hier traf Helen mit den kleinen blinden Mädchen zusammen, mit denen sie das Jahr zuvor korrespondiert hatte.

(Vergl. Teil I [S. 43].)

Im Juli besuchte Helen Plymouth. Der folgende, drei Monate später geschriebene Brief zeigt, wie gut sie sich ihres ersten Geschichtsunterrichts erinnerte. Der »Onkel Morrie« ist Herr Morrison Heady aus Normandy (Kentucky), der als Knabe das Gesicht und Gehör verloren hatte. Er hat einige Gedichte geschrieben, die gar nicht übel sind.

An Herrn Morrison Heady.

Süd-Boston, Mass. 1. Oktober 1888.

Mein lieber Onkel Morrie! Ich hoffe, Du wirst Dich recht freuen, einen Brief von Deiner kleinen lieben Freundin Helen zu erhalten. Ich bin sehr glücklich, Dir zu schreiben, weil ich an Dich denke und Dich liebe. Ich lese schöne Geschichten in dem Buche, das Du mir geschickt hast, über Karl und sein Boot und Artur und seinen Traum und Rosa und das Schäfchen.

Ich bin in einem großen Boote gewesen. Es war wie ein Schiff. Mutter und Lehrerin und Frau Hopkins und Herr Anagnos und Herr Rodocanachi und viele andere Freunde gingen nach Plymouth, um sich viele alte Dinge anzusehen. Ich will Dir eine kleine Geschichte über Plymouth erzählen.

Vor vielen Jahren lebten in England viele gute Leute, aber der König und seine Freunde waren nicht lieb und sanft und geduldig mit den guten Leuten, weil der König nicht wollte, daß die Leute ihm ungehorsam waren. Die Leute wollten nicht gerne mit dem König in die Kirche gehen, sondern bauten für sich selbst sehr niedliche kleine Kirchen.

Der König war sehr böse auf die Leute, und sie waren traurig, und sie sagten: Wir wollen nach einem fremden Lande gehen, dort zu wohnen, und liebe teure Heimat und unartigen König verlassen. So legten sie alle ihre Sachen in große Kisten und sagten: Lebewohl. Sie tun mir leid, weil sie sehr weinten. Als sie nach Holland kamen, kannten sie niemand, und sie konnten nicht wissen, worüber die Leute sprachen, denn sie verstanden kein Holländisch. Aber bald lernten sie einige holländische Wörter, aber sie liebten ihre eigene Sprache und wünschten nicht, daß kleine Knaben und Mädchen sie vergaßen und komisches Holländisch sprechen lernten. So sagten sie: Wir müssen nach einem neuen Lande gehen weitweg und Schulen und Häuser und Kirchen bauen und neue Städte machen. So legten sie alle ihre Sachen in Kisten und sagten Lebewohl zu ihren neuen Freunden und segelten in einem großen Boote fort, um ein neues Land zu finden. Arme Leute waren nicht glücklich, denn ihre Herzen waren voller trauriger Gedanken, weil sie nicht viel von Amerika wußten. Ich denke, kleine Kinder müssen sich vor einem großen Ozean gefürchtet haben, denn er ist sehr stark und wirft ein großes Boot hin und her, und dann fallen die kleinen Kinder hin und zerschlagen sich ihre Köpfe. Nachher waren sie viele Wochen auf dem tiefen Ozean, wo sie keine Bäume oder Blumen und kein Gras sehen konnten, sondern nur Wasser und den schönen Himmel, denn die Schiffe konnten damals nicht schnell segeln, weil die Menschen noch nichts von Maschinen und vom Dampf wußten. Eines Tages wurde ein lieber kleiner Knabe (a dear little baby-boy) geboren. Sein Name war Peregrine White. Ich bin sehr traurig, daß der arme kleine Peregrine jetzt tot ist. Jeden Tag gingen die Leute auf Deck, um nach Land auszuschauen. Eines Tages war ein großes Geschrei auf dem Schiff, denn die Leute sahen das Land und waren voller Freude, weil sie sicher ein neues Land erreicht hatten. Kleine Mädchen und Knaben hüpften und klatschten in die Hände. Sie waren alle froh, als sie an einem großen Felsen Halt machten. Ich sah den Felsen in Plymouth und ein kleines Schiff wie die Mayflower und die Wiege, in der der liebe kleine Peregrine schlief, und viele alte Dinge, die in der Mayflower kamen. Es würde Dich freuen, Plymouth einmal zu besuchen und viele alte Dinge zu sehen.

Nun bin ich sehr müde, und ich will mich ausruhen.

Mit vieler Liebe und vielen Küssen von Deiner kleinen Freundin

Helen A. Keller.

Die fremdsprachigen Ausdrücke in den folgenden Briefen, von denen der erste während eines Besuches im Blindenkindergarten geschrieben wurde, hat Helen Monate zuvor kennen gelernt und in ihrem Gedächtnis aufbewahrt. Sie machte sich die Wörter zurecht und bediente sich ihrer, indem sie sie mitunter ganz sinngemäß gebrauchte, mitunter aber auch nur nach Papageienart wiederholte. Selbst wenn sie Wörter oder Gedanken nicht ganz verstand, so liebte sie sie dennoch niederzuschreiben. Auf diese Weise lernte sie Wörter, die einen Gesichts- und Gehörseindruck und mithin Vorstellungen bezeichnen, die außerhalb ihrer persönlichen Erfahrung liegen, richtig gebrauchen. »Edith« ist Edith Thomas.

An Herrn Michael Anagnos.

Roxbury, Mass. 17. Oktober 1888.

Mon cher Monsieur Anagnos.

Ich sitze am Fenster, und die schöne Sonne bescheint mich. Lehrerin und ich kamen gestern in den Kindergarten. Es sind hier sieben kleine Mädchen, und alle sind blind. Ich bin traurig, daß sie nicht viel sehen können. Werden sie einst sehr gesunde Augen haben? Die arme Edith ist blind und taub und stumm. Sind Sie sehr traurig über Edith und mich? Ich werde bald nach Hause gehen, um meine Mutter und meinen Vater und meine kleine gute, süße Schwester wiederzusehen. Ich hoffe, Sie werden nach Alabama kommen, um mich zu besuchen, und ich will Sie in meinem kleinen Wagen zu einer Ausfahrt mitnehmen, und ich hoffe, Sie werden sich freuen, wenn Sie mich auf dem Rücken meines kleinen lieben Ponys sehen... Wenn ich dreizehn Jahre alt bin, will ich in viele fremde und schöne Länder reisen. Ich werde sehr hohe Berge in Norwegen ersteigen und viel Eis und Schnee sehen. Ich hoffe, ich werde nicht fallen und mir den Kopf zerschlagen. Ich werde den kleinen Lord Fauntleroy[14] in England besuchen, und er wird sich freuen, mir sein großes und sehr altes Schloß zu zeigen. Und wir werden zu den Hirschen laufen und die Kaninchen füttern und die Eichhörnchen fangen. Ich werde mich nicht vor Fauntleroys großem Hunde Dougal fürchten. Ich hoffe, Fauntleroy wird mich mitnehmen, damit ich eine sehr freundliche Königin sehe. Wenn ich nach Frankreich gehe, will ich französisch sprechen. Ein kleiner französischer Knabe wird sagen: Parlez-vous français? und ich werde sagen: Oui, Monsieur, vous avez un joli chapeau. Donnez-moi un baiser. Ich hoffe, Sie werden mich mit nach Athen nehmen, um das Mädchen von Athen zu besuchen. Sie war eine sehr liebliche Dame, und ich will griechisch mit ihr sprechen. Ich will sagen: se agapo und pos echete, und ich denke, sie wird sagen kalos, und dann will ich sagen chaere. Wollen Sie die Freundlichkeit haben, mich bald zu besuchen und mich mit nach dem Theater zu nehmen. Wenn Sie kommen, will ich sagen Kale emera, und wenn Sie nach Hause gehen, will ich sagen Kale nykta. Nun bin ich zu müde, um mehr zu schreiben. Je vous aime. Au revoir.

Von Ihrer kleinen Lieblingsfreundin

Helen A. Keller.

[14] Siehe [S. 67.] [ 107 ff.]

An Fräulein Evelina H. Keller.

[Boston, 29. Oktober 1888.]

Meine liebste Tante! Ich werde sehr bald kommen, und ich denke, Du und jedermann wird sehr froh sein, meine Lehrerin und mich wiederzusehen. Ich freue mich sehr, daß ich viel über viele Dinge gelernt habe. Ich studiere Französisch und Deutsch und Lateinisch und Griechisch. Se agapo ist griechisch und heißt: Ich liebe dich. J’ai une bonne petite soeur ist französisch und heißt: Ich habe eine gute kleine Schwester. Nous avons un bon père et une bonne mère heißt: Wir haben einen guten Vater und eine gute Mutter. Puer ist Knabe im Lateinischen und Mutter ist mother im Deutschen. Ich will Mildred viele Sprachen lehren, wenn ich nach Hause komme.

Helen A. Keller.

In einem Briefe an ein Fräulein Bennet, datiert Tuscumbia, den 29. Januar 1889, teilt Helen ihre astronomischen Kenntnisse mit. Es heißt darin unter anderem:

Ich habe in meinem Buche über Astronomen gelesen. Astronom kommt von dem lateinischen Worte astra, das Sterne bedeutet, und Astronomen sind Männer, die die Sterne studieren und uns von ihnen erzählen. Wenn wir ruhig in unseren Betten schlafen, beobachten sie den schönen Himmel durch das Teleskop. Ein Teleskop gleicht einem sehr scharfen Auge. Die Sterne sind soweit entfernt, daß man ohne ganz vorzügliche Instrumente wenig von ihnen erzählen kann. Sehen Sie gern aus Ihrem Fenster und betrachten Sie die kleinen Sterne? Lehrerin sagt, sie kann die Venus von unserem Fenster aus sehen, und dies ist ein großer, schöner Stern. Die Sterne heißen die Geschwister der Erde.

Während des Winters arbeiteten Fräulein Sullivan und ihre Schülerin fleißig in Tuscumbia, und zwar mit gutem Erfolge, denn im Laufe des Frühjahrs nahm Helens Ausdrucksweise echt englisches Gepräge an. Seit dem Mai 1889 finden sich, abgesehen von einigen offenbaren Schreibfehlern, keine Verstöße gegen die Regeln der Sprache; sie gebraucht die Worte richtig und bildet fließende Sätze. So schreibt sie am 18. Mai 1889 in einem Briefe an Herrn Anagnos:

Sie können es sich nicht vorstellen, wie erfreut ich war, gestern abend einen Brief von Ihnen zu erhalten. Es tut mir sehr leid, daß Sie so weit fortgehen. Wir werden Sie sehr, sehr vermissen. Ich würde gern viele schöne Städte mit Ihnen besuchen. Als ich in Huntsville war, traf ich mit Dr. Bryson zusammen, und er erzählte mir, er sei in Rom, Athen, Paris und London gewesen. Er hatte die hohen Berge in der Schweiz erstiegen, schöne Kirchen in Italien und Frankreich besucht und viele alte Schlösser gesehen. Ich hoffe, Sie werden die Freundlichkeit haben, mir aus allen Städten, die Sie besuchen, zu schreiben. Wenn Sie nach Holland kommen, so grüßen Sie bitte die liebliche Prinzessin Wilhelmine herzlichst von mir. Sie ist ein liebes kleines Mädchen, und wenn sie alt genug ist, so wird sie Königin von Holland sein. Wenn Sie nach Rumänien kommen, so fragen Sie, bitte, die Königin Elisabeth nach ihrem kleinen kranken Bruder und sagen Sie ihr, daß ich sehr traurig bin, daß ihr geliebtes Töchterchen gestorben ist. Ich möchte gern Vittorio, dem kleinen Prinzen von Neapel, einen Kuß senden, aber Lehrerin sagt, sie fürchte, Sie könnten so viele Aufträge nicht behalten. Wenn ich dreizehn Jahre alt bin, so werde ich sie alle selbst besuchen.

Der folgende Brief an Helens französische Lehrerin enthält die Wiedergabe eines Märchens von Andersen (vergl. unten [S. 327]).

An Fräulein Fannie S. Marrett.

Tuscumbia, 17. Mai 1889.

Mein liebes Fräulein Marrett! Ich muß an ein liebes, kleines Mädchen denken, das sehr heftig weinte. Sie weinte, weil ihr Bruder sie sehr geärgert hatte. Ich will Ihnen erzählen, was er getan hatte, und ich denke, Sie werden das kleine Mädchen von Herzen bedauern. Sie hatte eine sehr schöne Puppe zum Geschenk erhalten. O, es war eine reizende, zarte Puppe! aber der Bruder des kleinen Mädchens, ein großer Junge, hatte ihr die Puppe weggenommen und sie auf einen hohen Baum im Garten gesetzt und war dann davongelaufen. Das kleine Mädchen konnte die Puppe nicht erreichen und konnte ihr nicht herunterhelfen, und daher weinte sie. Auch die Puppe weinte und breitete ihre Arme zwischen den grünen Zweigen aus und machte ein ganz trauriges Gesicht. Bald würde die finstere Nacht kommen — sollte da die Puppe die ganze Nacht ganz allein auf dem Baume sitzen? Das kleine Mädchen konnte diesen Gedanken nicht ertragen. »Ich will bei dir bleiben,« sagte sie zu der Puppe, obgleich sie nicht allzu beherzt war. Schon begann sie ganz deutlich zu sehen, wie die kleinen Elfen in ihren großen spitzigen Hüten durch die dunkelen Baumgänge tanzten und aus den Sträuchern hervorblickten; und sie schienen näher und näher zu kommen. Das kleine Mädchen streckte ihre Hände nach dem Baume aus, auf dem die Puppe saß, und die Elfen lachten und deuteten mit den Fingern auf sie. Wie erschrocken war das kleine Mädchen! Wenn man aber nichts Böses getan hat, so können einem diese sonderbaren kleinen Elfen kein Leid zufügen. Habe ich etwas Böses getan? Ach ja! sagte das kleine Mädchen. Ich habe über die arme Ente und ihr mit einem roten Lappen umwickeltes Bein gelacht. Sie hinkte, und darüber mußte ich lachen; aber es ist unrecht, über die armen Tiere zu lachen!

Ist das nicht eine traurige Geschichte? Ich hoffe, der Vater hat den unartigen Knaben bestraft...

Im Sommer war Fräulein Sullivan dreieinhalb Monate verreist. Folgender Brief Helens an sie legt Zeugnis von dem herzlichen Verhältnis ab, das zwischen Lehrerin und Schülerin bestand.

Tuscumbia, Ala. 7. August 1889.

Liebstes Fräulein! Ich freue mich sehr, Ihnen heut abend schreiben zu können, denn ich habe den ganzen Tag viel an Sie gedacht. Ich sitze auf der Piazza, und meine kleine weiße Taube sitzt auf der Lehne meines Stuhles und sieht mir zu, während ich schreibe. Ihr kleiner brauner Gefährte ist mit den übrigen Vögeln davongeflogen, aber Annie[15] ist nicht traurig, denn sie leistet mir gern Gesellschaft.

Der kleine Artur[16] wächst sehr schnell. Er hat jetzt ein kurzes Kleidchen an. Cousine Leila glaubt, daß er binnen kurzem gehen wird. Dann will ich seine weiche, dicke Hand in die meinige nehmen und mit ihm im hellen Sonnenschein spazieren gehen. Er wird die größten Rosen pflücken und auf die lustigsten Schmetterlinge Jagd machen. Ich will sehr sorgfältig auf ihn achtgeben, damit er nicht fällt und sich wehtut...

Ein Herr schenkte mir eine schöne Karte. Sie stellt eine Mühle an einem schönen Bache dar. Auf dem Wasser schwimmt ein Boot, und rings um das Boot wachsen duftende Lilien. Nicht weit von der Mühle liegt ein altes Haus, das ganz dicht von Bäumen umgeben ist. Auf dem Dach des Hauses sitzen acht Tauben, und auf der Schwelle liegt ein Hund...

Ich lese täglich in meinen Büchern. Ich liebe sie recht, recht, recht sehr. Ich wünschte, Sie kehrten bald zu mir zurück. Ich vermisse Sie recht, recht sehr. Ich kann vieles nicht verstehen, wenn mein liebes Fräulein nicht hier ist. Ich sende Ihnen fünftausend Küsse und mehr Liebe, als ich sagen kann.

Ihre dankbare kleine Schülerin

Helen A. Keller.

[15] So hatte Helen die Taube nach ihrer Lehrerin genannt.

[16] Helens jüngster Bruder.

Unter ihren Freunden zählt Fräulein Keller in ihrer Selbstbiographie auch den Dichter John Greenleaf Whittier auf (s. oben [S. 138]). Ihr erster Brief an ihn lautet folgendermaßen:

Boston, Mass. 27. Nov. 1889.

Teurer Dichter!

Ich glaube, Sie werden überrascht sein, einen Brief von einem kleinen Mädchen zu erhalten, das Sie nicht kennen, aber ich glaubte, es würde Sie freuen, zu hören, daß Ihre schönen Gedichte mich sehr glücklich machen. Gestern las ich »In School Days« und »My Playmate« und freute mich von Herzen darüber. Ich war sehr traurig, daß das arme kleine Mädchen mit den braunen Augen und den »goldenen Locken« sterben mußte. Es ist sehr angenehm, auf unserer schönen Welt zu leben. Ich kann die lieblichen Dinge nicht mit meinen Augen sehen, aber mein Geist kann sie alle sehen, und so bin ich den ganzen Tag über fröhlich.

Wenn ich in meinem Garten spazieren gehe, so kann ich die schönen Blumen nicht sehen, aber ich weiß, daß sie mich alle rings umgeben; denn ist nicht die Luft mit ihrem süßen Wohlgeruche angefüllt? Auch weiß ich, daß die zarten Glöckchen der Lilien ihren Genossinnen hübsche Geheimnisse zuflüstern, sonst würden sie nicht so glücklich aussehen. Ich liebe Sie von Herzen, denn Sie haben mich soviel Schönes über Blumen, Vögel und Menschen gelehrt. Nun muß ich Ihnen Lebewohl sagen.

Ihre Sie liebende kleine Freundin

Helen A. Keller.

Aus einem Briefe an Dr. Oliver Wendell Holmes[17]

vom 1. März 1890.

... Ich lese jetzt eine sehr traurige Geschichte, »Little Jakey« mit Titel. Jakey war der lieblichste kleine Knabe, den Sie sich denken können, aber er war arm und blind. Als ich klein war und noch nicht lesen konnte, glaubte ich, daß jedermann stets glücklich sei, und zuerst machte es mich sehr traurig, als ich von Schmerz und großem Leide erfuhr; aber jetzt weiß ich, daß wir niemals lernen würden, tapfer und geduldig zu sein, wenn es nur Freude auf der Welt gäbe.

Ich beschäftige mich in der Zoologie jetzt mit den Insekten, und ich habe viel über die Schmetterlinge gelernt. Sie machen keinen Honig für uns wie die Bienen, aber viele von ihnen sind so schön wie die Blumen, auf denen sie ruhen, und erfreuen stets das Herz kleiner Kinder. Sie führen ein fröhliches Leben, flattern von Blume zu Blume und nippen die Tropfen Honigtau, ohne an den morgenden Tag zu denken. Sie sind genau wie kleine Knaben und Mädchen, wenn sie Bücher und Schule vergessen und durch die Wälder und Felder laufen, um wilde Blumen zu pflücken oder nach duftenden Lilien in die Teiche waten, glücklich im strahlenden Sonnenschein.

[17] Vergl. oben [S. 137 ff.]

An Fräulein Sarah Fuller.[18]

Boston, Mass., 3. April 1890.

Mein liebes Fräulein Fuller!

Mein Herz ist an diesem schönen Morgen voller Freude, weil ich viele neue Wörter sprechen gelernt habe und ich ein paar Sätze bilden kann. Gestern abend ging ich in den Hof hinaus und redete den Mond an. Ich sagte: O Mond, komm zu mir! Glauben Sie, daß sich der liebe Mond freute, als er mich sprechen hörte? Wie froh wird meine Mutter sein! Ich kann den Juni kaum erwarten, so sehnlich wünsche ich, zu ihr und zu meiner reizenden kleinen Schwester sprechen zu können. Mildred konnte mich nicht verstehen, wenn ich mit meinen Fingern buchstabierte, aber jetzt wird sie auf meinem Schoß sitzen und ich werde ihr viel erzählen, was ihr gefallen soll, und wir werden so glücklich miteinander sein. Sind Sie sehr, sehr glücklich, daß Sie so viele Menschen glücklich machen? Ich glaube, Sie sind sehr gütig und geduldig, und ich liebe Sie recht von Herzen. Meine Lehrerin sagte mir am Dienstag, Sie wünschten zu wissen, wie der Wunsch in mir aufstieg, mit meinem Munde zu sprechen. Ich will es Ihnen ausführlich erzählen, denn ich erinnere mich ganz genau daran. Als ich ein ganz kleines Kind war, pflegte ich die ganze Zeit über auf meiner Mutter Schoß zu sitzen, weil ich sehr furchtsam war und nicht gern allein blieb. Ich hielt fortwährend meine kleine Hand an ihr Gesicht, weil es mir Spaß machte, zu fühlen, wie sich ihr Gesicht und ihre Lippen bewegten, wenn sie mit anderen sprach. Ich wußte damals noch nicht, was sie tat, denn ich war in allem ganz unwissend. Als ich dann älter wurde, lernte ich mit meiner Wärterin und den kleinen Negerkindern spielen und bemerkte, daß sie ihre Lippen genau wie meine Mutter bewegten; daher bewegte ich auch die meinigen, aber das machte mich mitunter zornig, und ich schlug meine Spielgefährten oft heftig auf den Mund. Ich wußte damals noch nicht, daß dies sehr unartig war. Nach langer Zeit kam meine teure Lehrerin zu mir und lehrte mich, wie ich mich mit meinen Fingern verständlich machen könnte, und ich war glücklich und zufrieden. Als ich dann aber in die Schule nach Boston kam, traf ich mehrere taube Leute, die mit ihrem Munde sprachen wie alle anderen Leute, und eines Tages kam eine Dame, die in Norwegen gewesen war, zu mir, um mich zu besuchen, und erzählte mir von einem blinden und tauben Mädchen, das sie in jenem fernen Lande gesehen hatte und das sprechen und andere verstehen gelernt hatte, wenn sie zu ihr sprachen. Diese guten, fröhlichen Nachrichten entzückten mich über die Maßen, denn jetzt war ich überzeugt, daß ich es auch lernen würde. Ich versuchte Töne hervorzubringen wie meine kleinen Spielgefährten, aber Fräulein sagte mir, die Stimme sei etwas sehr Zartes und Empfindliches und ich würde sie schädigen, wenn ich unrichtige Töne ausstieße, und sie versprach mir, mich mit zu einer gütigen und klugen Dame zu nehmen, die mich lehren würde, sie richtig hervorzubringen. Diese Dame waren Sie selbst. Jetzt bin ich so glücklich wie die kleinen Vögel, denn ich kann sprechen, und vielleicht werde ich sogar singen lernen. Alle meine Freunde werden darüber erstaunt und erfreut sein.

Ihre Sie liebende kleine Schülerin

Helen A. Keller.

[18] Vergl. oben [S. 57 ff.]

Aus einem Briefe vom 14. Juli 1890 an den nachmaligen Bischof Brooks.

... Meine Eltern waren entzückt, mich sprechen zu hören, und ich war überglücklich, ihnen eine so frohe Ueberraschung bereiten zu können. Ich denke mir, es muß ein wohltuendes Gefühl sein, jedermann glücklich zu machen. Warum hält es der liebe Vater im Himmel manchmal für das beste, uns recht großes Leid zu senden? Ich bin stets glücklich, und dies war auch der kleine Lord Fauntleroy, aber des armen kleinen Jakeys Leben war voller Traurigkeit. Gott hatte Jakeys Augen kein Licht geschenkt, und sein Vater war nicht freundlich und liebevoll. Glauben Sie, daß der arme Jakey seinen Vater im Himmel deswegen mehr liebte, weil sein anderer Vater unfreundlich zu ihm war? Auf welche Weise hat Gott den Menschen verkündet, daß seine Heimat im Himmel ist? Wenn die Menschen Böses tun, Tiere quälen und Kinder unfreundlich behandeln, so ist Gott betrübt, aber auf welche Weise will er sie lehren, barmherzig und liebreich zu sein? Ich denke, er wird ihnen sagen, wie herzlich er sie liebt und daß er wünscht, sie möchten gut und glücklich sein, und dann werden sie ihren Vater, der sie so sehr liebt, nicht betrüben und wünschen, ihm in allem, was sie tun, zu Gefallen zu sein, und dann werden sie einander lieben und jedermann Gutes tun und gegen die Tiere freundlich sein.

Bitte, erzählen Sie mir alles, was Sie von Gott wissen. Es macht mich glücklich, viel von meinem liebenden Vater zu erfahren, der gut und weise ist. Ich hoffe, Sie werden Ihrer kleinen Freundin schreiben, wenn Sie Zeit haben.

Tommy Stringer, dessen Name in den Briefen der nächsten Zeit oft vorkommt, wurde im Alter von fünf Jahren blind und taub. Seine Mutter war tot und sein Vater zu arm, um ihn unterrichten zu lassen. Eine Zeitlang war er in dem allgemeinen Krankenhaus in Allegheni untergebracht. Von dort wurde er nach einem Armenhause geschickt, denn zu jener Zeit gab es in Pennsylvania keinen anderen Platz. Helen hörte von ihm durch einen Bekannten, der ihr schrieb, es sei ihm nicht gelungen, einen Gönner für Tommy zu finden. Sie wünschte, daß er nach Boston gebracht würde, und als man ihr mitteilte, es gehöre viel Geld dazu, ihm eine Lehrerin zu halten, antwortete sie: Wir wollen es zusammenbringen. Sie begann Beiträge unter ihren Bekannten zu sammeln und leerte selbst ihre Sparbüchse.

Dr. Alexander Graham riet, Tommy nach Boston zu schicken, und wirkte ihm einen Platz in dem Blindenkindergarten aus.

Inzwischen bot sich für Helen Gelegenheit, eine beträchtliche Summe zu Tommys Erziehung beizusteuern. Den Winter zuvor war ihr Hund Lioneß gestorben, und ihre Freunde faßten den Plan, Geld zu sammeln, um ihr einen neuen Hund zu kaufen. Helen bat, die Beiträge, die aus ganz Amerika und England zusammenflossen, auf Tommys Erziehung zu verwenden. In Anbetracht dieses neuen Zweckes wuchs der Fonds rasch an, und für Tommy war gesorgt. Er wurde am 6. April in den Kindergarten aufgenommen.

Helen hatte sich mit wahrem Feuereifer der Sache angenommen. So heißt es in einem Briefe vom 20. März 1891: Und nun möchte ich Ihnen mitteilen, was die Hundeliebhaber in Amerika zu tun im Begriffe stehen. Sie wollen mir Geld für ein armes taubstummes und blindes Kind schicken. Sein Name ist Tommy, und es ist fünf Jahre alt. Seine Eltern sind zu arm, um den kleinen Kerl in die Schule schicken zu können, und daher wollen die Herren, anstatt mir einen Hund zu schenken, dazu beitragen, Tommys Leben so strahlend und fröhlich wie das meinige zu machen. Ist dies nicht ein schönes Unternehmen? Die Erziehung wird Licht und Musik in Tommys Seele bringen, und dann muß er unbedingt glücklich sein. — Und in einem anderen Briefe vom April 1891 heißt es: Ich wünschte, Sie könnten den kleinen Tom sehen, jenes blinde und taubstumme Kind, das soeben in unserem hübschen Garten eingetroffen ist. Er ist jetzt arm, hilflos und einsam, aber vor Ablauf eines Jahres wird die Erziehung Licht und Heiterkeit in Tommys Leben gebracht haben. — Ferner schreibt Helen in einem Briefe vom 30. April: Sie werden sich freuen, zu hören, daß Tommy jetzt eine freundliche Dame zur Lehrerin hat und daß er ein hübscher, lebhafter, kleiner Bursche ist. Das Umherklettern gefällt ihm allerdings besser als das Buchstabieren, aber dies kommt daher, daß er noch nicht weiß, was für ein wunderbares Ding die Sprache ist. Er kann sich nicht denken, wie sehr, sehr glücklich er sein wird, wenn er uns seine Gedanken mitteilen kann und wir ihm sagen können, daß wir ihn schon so lange geliebt haben.

Auf Helens Bitte eröffnete Bischof Brooks eine öffentliche Sammlung für Tommy, die über 1600 Dollars einbrachte. Helen selbst schrieb Briefe an die Zeitungen und quittierte öffentlich über den Empfang des Geldes. Der vom 13. Mai 1891 datierte folgende Brief ist an den Herausgeber des »Boston Herald« gerichtet: Ich glaube, die Leser Ihrer Zeitung werden sich freuen, zu hören, daß soviel für den lieben kleinen Tommy getan worden ist. Er fühlt sich in der Tat im Kindergarten sehr glücklich, und lernt täglich etwas Neues. Er hat herausgefunden, daß die Türen Schlösser haben und daß kleine Hölzchen und Stückchen Papier sich ganz leicht in die Schlüssellöcher hineinstecken lassen; aber er scheint nicht halb soviel Lust zu haben, sie herauszunehmen wie hineinzustecken. Das Hinaufklettern an den Bettpfosten und das Abschrauben der Dampfventile gefällt ihm allerdings viel besser als das Buchstabieren, aber dies kommt daher, daß er noch nicht versteht, daß die Wörter ihm zu neuen, interessanten Entdeckungen verhelfen werden. Ich hoffe, daß gute Menschen fortfahren werden, für Tommy zu sorgen, bis der Fonds vollständig ist und die Erziehung Licht und Musik in sein kleines Leben gebracht hat.

Im Mai 1892 gab Helen zum Besten des Blindenkindergartens einen »Tee«, der über 2000 Dollars einbrachte. Auf diese Veranstaltung bezieht sich folgender Brief vom 9. Mai 1892 an eine Freundin: Brauche ich Ihnen zu sagen, wie ich mich freute, zu hören, daß Sie sich für meinen »Tee« interessieren? Keinenfalls dürfen wir ihn aufgeben. Sehr bald werde ich weit fortgehen, in mein teures Elternhaus, in den sonnigen Süden, und der Gedanke würde mich für immer glücklich machen, daß das letzte, was meine teueren Freunde in Boston mir zuliebe getan haben, darin bestand, daß sie das Leben so vieler kleiner des Gesichts beraubter Kinder froh und glücklich zu machen halfen. Ich weiß, daß gütige Menschen gar nicht umhin können, liebevolle Teilnahme für die Kleinen zu hegen, die das herrliche Licht nicht zu erblicken vermögen, und es scheint mir, als müsse sich alle liebevolle Teilnahme in Handlungen werktätiger Hilfe äußern; und wenn die Freunde der kleinen hilflosen, blinden Kinder einsehen, daß wir für ihre Glückseligkeit sorgen, so werden sie bestimmt kommen und unserem »Tee« den Erfolg sichern, und ich bin fest davon überzeugt, ich werde das glücklichste kleine Mädchen auf der ganzen Welt sein.

Von der Reise zum Niagarafall (s. oben [S. 74]) handelt folgender Brief Helens vom 13. April 1893 an ihre Mutter:

... Herr Westerfelt[19] gab uns zu Ehren eine Nachmittags-Gesellschaft. Es kam eine große Menge Menschen. Einige von ihnen richteten sehr sonderbare Fragen an mich. Eine Dame schien überrascht zu sein, daß ich die Blumen liebte, da ich doch ihre schönen Farben nicht zu sehen vermöchte, und als ich sie versicherte, ich liebte sie trotzdem, antwortete sie: »Gewiß fühlen Sie die Farben mit Ihren Fingern.« Aber natürlich lieben wir die Blumen, nicht nur ihrer herrlichen Farbe wegen... Ein Herr fragte mich, was der Begriff Schönheit für mich bedeute. Ich muß gestehen, ich war für einen Augenblick verwirrt. Dann aber antwortete ich ihm, Schönheit sei eine Form der Güte — und er verschwand.

[19] Der Leiter einer Taubstummenschule in Rochester.

Ueber den Eindruck, den der Niagarafall selbst auf Helen machte, heißt es weiterhin:

Das Hotel stand so nahe am Flusse, daß ich sein Vorbeirauschen fühlen konnte, wenn ich die Hand an das Fenster legte... Du kannst Dir nicht vorstellen, was ich fühlte, als ich am Niagara stand, ehe Du nicht selbst die nämliche geheimnisvolle Empfindung gehabt hast. Ich konnte mir kaum denken, daß es Wasser sei, was ich mit ungestümer Wut zu meinen Füßen brausen und tosen fühlte. Es kam mir vor, als sei es ein lebendes Wesen, das einem furchtbaren Geschicke entgegeneilte. Ich wünschte, ich könnte den Wasserfall schildern, wie er ist, seine Schönheit und majestätische Größe, das furchtbare, unwiderstehliche Hinabstürzen des Wassers über den Hang des Abgrundes. Man fühlt sich in Gegenwart einer solchen ungeheueren Kraft hilflos und überwältigt. Ich hatte schon einmal dieses selbe Gefühl, als ich am Strande des Ozeans stand und seine Wogen gegen das Ufer anbranden fühlte. Ich glaube, auch Du hast diese Empfindung, wenn Du in der Stille der Nacht zu den Sternen aufblickst, nicht wahr?... Wir ließen uns 120 Fuß in einem Elevator nieder, um die furchtbaren Wogen und Wirbel in der tiefen Schlucht unterhalb des Falles zu beobachten.

Ihren Besuch der Weltausstellung in Chicago schildert Helen in einem Briefe vom 17. August 1893. Es heißt darin unter anderem: Jedermann auf der Ausstellung war sehr freundlich zu mir... Fast alle Aussteller schienen gern bereit zu sein, mich auch die zerbrechlichsten Dinge berühren zu lassen, und sie erklärten mir alles in der liebenswürdigsten Weise. Ein Franzose, dessen Namen ich vergessen habe, zeigte mir die großen französischen Bronzen. Ich glaube, sie machten mir mehr Freude als sonst etwas auf der Ausstellung: so lebendig und wundervoll erschienen sie mir bei der Berührung..... Dann ging ich mit Professor Morse nach der japanischen Abteilung. Ich hatte keine Ahnung davon, was für ein wunderbares Volk die Japaner sind, ehe ich ihre höchst interessante Ausstellung sah. Japan muß in der Tat ein Paradies für die Kinder sein, nach der großen Menge von Spielsachen zu urteilen, die hier angefertigt werden.

Ueber ihre Begegnung mit Mark Twain schreibt Helen Keller im März 1895 an ihre Mutter folgendes:

Lehrerin und ich verbrachten den gestrigen Nachmittag bei Herrn Hutton und waren sehr vergnügt dort!

Wir trafen Mr. Clemens (Mark Twain) und Mr. Howells dort. Ich hatte schon lange von ihnen gehört, aber nie hatte ich gedacht, daß ich die einmal sehen und mit ihnen sprechen sollte. ... Die beiden berühmten Schriftsteller waren sehr lieb und freundlich mit mir, und ich könnte nicht sagen, welcher von beiden mir lieber ist. Mark Twain erzählte uns viele unterhaltende Geschichten und brachte uns zum Lachen, bis wir weinten. Ich möchte nur, Du hättest ihn sehen und hören können. Er erzählte uns, daß er in einigen Tagen nach Europa gehen wolle, um seine Frau und seine Tochter Jeanne nach Amerika zurückzuholen, weil Jeanne, die in Paris studiert, in 3½ Jahren soviel gelernt hätte, daß wenn er sie jetzt nicht nach Hause brächte, sie bald mehr wüßte, als er selber.

Ich finde, »Mark Twain« ist ein sehr passender nom de plume für Herrn Clemens, denn er klingt so komisch und drollig und paßt gut zu seinen lustigen Geschichten, und seine nautische Bedeutung[20] weist auf die tiefsinnigen und schönen Sachen hin, die er geschrieben hat. Ich finde, er ist sehr schön — — —.

(Vgl. oben [S. 141 ff.] [182.])

[20] Mark twain = Ruf des Mississippi-Lotsen bei 2 Faden Tiefe.

Helen Keller »betrachtet« eine Nike-Statuette

Einen Besuch im Bostoner Museum schildert Helen in einem Briefe vom 3. Februar 1899. Sie schreibt darin: Vorigen Montag hatte ich ein äußerst interessantes Erlebnis. Eine Freundin nahm mich an diesem Tage mit nach dem Bostoner Kunstmuseum. Sie hatte mir schon vorher bei General Loring, dem Direktor des Museums, die Erlaubnis ausgewirkt, die Statuen berühren zu dürfen, namentlich die, welche meine alten Freunde aus der Ilias und der Aeneis darstellten. War dies nicht liebenswürdig? Während ich dort weilte, trat General Loring selbst ein und zeigte mir einige der schönsten Statuen, unter denen sich die Venus von Medici, die Athene vom Parthenon, Diana in ihrem Jagdkleide mit der Hand am Köcher und einer Hindin neben ihr, sowie der unglückliche Laokoon nebst seinen beiden Söhnen befanden, die sich in den furchtbaren Umschlingungen zweier riesiger Schlangen winden und unter herzzerreißendem Geschrei ihre Arme zum Himmel emporstrecken. Auch den Apollo vom Belvedere sah ich. Er hat soeben den Python erlegt und steht neben einem großen Marmorpfeiler, die schöne Hand triumphierend über den furchtbaren Drachen ausstreckend. O er ist einfach wundervoll! Venus entzückte mich. Sie sah aus, als sei sie soeben aus dem Schaume des Meeres emporgestiegen, und ihre Lieblichkeit wirkte auf mich wie ein himmlischer Gesang. Auch die arme Niobe sah ich mit ihrem jüngsten Kinde, das sich fest an die anklammert, während sie die grausame Göttin anfleht, ihr nicht auch den letzten Liebling zu töten. Ich weinte beinahe, so lebenswahr und tragisch war dies alles. General Loring zeigte mir auch in liebenswürdiger Weise eine Nachbildung einer der wundervollen Bronzetüren aus dem Baptisterium zu Florenz, und ich befühlte die schönen Pfeiler, die auf den Rücken grimmiger Löwen ruhen. So hatte ich, wie Sie sehen, einen Vorgeschmack des Genusses, den ich eines Tages haben werde, wenn ich Florenz besuche. Meine Freundin versprach mir, später eine Nachbildung der von Lord Elgin nach London gebrachten Parthenonskulpturen zu zeigen. Ich würde es jedoch vorziehen, die Originale an der Stelle zu sehen, für die sie von dem Genius bestimmt waren, nicht nur als Hymnus zum Preise der Götter, sondern auch als Denkmal für den Ruhm Griechenlands. Es scheint mir tatsächlich ein Frevel zu sein, solche geweihte Werke aus dem Heiligtume der Vergangenheit, in das sie gehören, zu entführen.

Ebenso interessant wie das vorstehende Schreiben ist eine Aeußerung Helens in einem Briefe vom 2. Januar 1900 über ihre Empfindungen beim Orgelspiel. Es heißt darin: Am Sonntag gingen wir nach der Bartholomäuskirche... Nach dem Gottesdienste bat der Geistliche den Organisten Herrn Warren, die Orgel für mich zu spielen. Ich stand mitten in der Kirche, wo die von der großen Orgel erzeugten Luftschwingungen am stärksten sind, und fühlte die mächtigen Tonwogen gegen mich anbranden, wie die großen Meereswellen gegen ein kleines Schiff schlagen...

Zum Schluß seien noch einige Aeußerungen Helens über Schicksalsgefährten von ihr angeführt. Am 5. Juni 1899 schreibt sie über Linnie Haguewood, ein taub-blindes Mädchen, das von einem Fräulein Dora Donald erzogen worden war, an Herrn William Wade (vergl. [S. 78]): Linnie Haguewoods Brief interessierte mich sehr. Er scheint mir auf Selbständigkeit und große Sanftmut des Charakters hinzuweisen. Sehr interessant sind ihre Aeußerungen über Geschichte. Ich bedauere, daß sie kein Gefallen daran findet; aber auch ich empfinde es bisweilen, wie dunkel, geheimnisvoll und selbst furchtbar die Geschichte alter Völker, alter Religionen und alter Regierungsformen in Wahrheit ist.

Nun, ich muß offen gestehen, ich liebe die Zeichensprache nicht und glaube auch nicht, daß sie den Taub-Blinden von großem Nutzen ist. Ich finde es sehr schwer, den raschen Bewegungen der Taubstummen zu folgen, und außerdem scheinen die Zeichen ein großes Hindernis für sie bei der Gewöhnung an einen freien, gewandten Gebrauch der Sprache zu sein. Es fällt mir bisweilen schwer, sie zu verstehen, wenn sie mit den Fingern buchstabieren. Im ganzen genommen erscheint mir, wenn sie nicht die Lautsprache erlernen können, das Fingeralphabet als das beste und bequemste Verständigungsmittel für sie. Jedenfalls bin ich fest davon überzeugt, daß die Taub-Blinden es nicht fertig bringen, die Zeichensprache einigermaßen gewandt zu handhaben.

Eines Tages traf ich einen tauben Norweger, der Ragnhild Kaata und ihre Lehrerin sehr genau kennt, und wir unterhielten uns über sie in sehr interessanter Weise. Er erzählte, sie sei sehr fleißig und heiter. Sie spinnt und beschäftigt sich viel mit weiblichen Handarbeiten, sie liest und führt ein angenehmes, nützliches Leben. Aber denken Sie, sie versteht sich nicht auf das Fingeralphabet. Sie liest gut von den Lippen ab, und wenn sie etwas nicht versteht, so schreiben ihre Bekannten es ihr in die Hand, und auf diese Weise unterhält sie sich mit Fremden. Ich kann nichts verstehen, was man mir in die Hand schreibt; daraus können Sie sehen, daß Ragnhild mir in einigen Punkten überlegen ist. Ich hoffe, ich werde sie einmal sehen.

Am 9. Dezember 1900 schreibt Fräulein Keller an denselben Herrin:

... Im vergangenen Oktober hörte ich von einem ungewöhnlich geweckten taub-blinden Mädchen in Texas. Sie heißt Ruby Rice und ist, glaube ich, dreizehn Jahre alt. Sie hat niemals Unterricht erhalten; doch kann sie nähen und hilft anderen bei dieser Arbeit. Ihr Geruchssinn ist wunderbar fein ausgebildet. Wenn sie in einen Laden tritt, geht sie direkt auf die Schaukästen zu; ebenso kann sie ihre eigenen Sachen von fremden unterscheiden. Ihre Eltern wünschen möglichst bald eine Lehrerin für sie. Auch haben sie schon an Herrn Hitz über ihre Tochter geschrieben.

Ebenso kenne ich ein Kind in dem Taubstummen-Institut in Mississippi. Sie heißt Maud Scott und ist sechs Jahre alt. Fräulein Watkins, ihre Erzieherin, hat mir einen sehr interessanten Brief geschrieben. Sie teilte mir mit, daß Maud taub geboren ist und ihr Gesicht schon im Alter von drei Monaten verlor, sowie daß sie bei ihrer vor ein paar Wochen erfolgten Aufnahme in das Institut ganz hilflos war. Sie konnte nicht einmal gehen und konnte auch ihre Hände nur wenig gebrauchen. Als man versuchte, ihr das Aufreihen von Perlen beizubringen, sanken ihr die Händchen herab. Augenscheinlich ist ihr Gefühlssinn nicht entwickelt worden, und bis jetzt kann sie nur gehen, wenn jemand sie bei der Hand faßt; aber sie scheint ein außergewöhnlich gewecktes Kind zu sein. Fräulein Watkins fügt hinzu, daß sie sehr hübsch ist. Ich habe ihr geschrieben, daß, wenn Maud lesen lernt, ich ihr viele Erzählungen schicken werde. Das Herz tut mir weh bei dem Gedanken, wie gänzlich dieses liebe, süße kleine Mädchen von allem abgeschnitten ist, was im Leben gut und wünschenswert ist. Aber Fräulein Watkins scheint gerade die richtige Erzieherin für sie zu sein.

Vor kurzem war ich in New York und traf Fräulein Rhoades, die mir erzählte, sie habe Katie Mc. Gier gesehen. Sie sagte, das arme junge Mädchen spreche und bewege sich gerade wie ein kleines Kind. Katie spielte mit Fräulein Rhoades’ Ringen, zog sie ihr ab und sagte mit einem fröhlichen Lachen: Sie bekommen sie nicht wieder. Sie konnte Fräulein Rhoades nur verstehen, wenn diese von den einfachsten Dingen sprach. Sie wollte ihr einige Bücher schicken, konnte aber keins finden, das einfach genug für sie gewesen wäre! Sie sagte, Katie sei sehr sanft, sei aber in Bezug auf den eigentlichen Unterricht in betrübender Weise zurückgeblieben. Ich war sehr überrascht, all dies zu hören; denn nach Ihren Briefen zu urteilen, muß Katie ein sehr frühreifes Mädchen sein.

Vor ein paar Tagen traf ich Tommy Stringer auf dem Bahnhofe in Wrentham. Er ist jetzt ein großer, starker Junge und wird bald der Leitung eines Mannes bedürfen; denn er ist wirklich zu groß, als daß sich eine Dame noch mit ihm abgeben könnte. Er geht, wie ich höre, in die öffentliche Schule, und seine Fortschritte sollen ganz erstaunlich sein; aber in der Unterhaltung zeigt er dies bis jetzt noch nicht, denn diese beschränkt sich auf ja und nein.

Ferner schreibt Helen in einem Briefe vom 27. Dezember 1890 an eine bekannte Dame: Ein Herr in Philadelphia hat vor kurzem an meine Lehrerin über ein taub-blindes Kind in Paris, dessen Eltern Polen sind, geschrieben. Die Mutter ist Aerztin und, wie er sagt, eine prächtige Frau. Der kleine Knabe konnte zwei bis drei Sprachen sprechen, bevor er sein Gehör durch Krankheit verlor, und ist jetzt erst fünf Jahre alt. Armer kleiner Bursche, ich wollte, ich könnte etwas für ihn tun; aber er ist so jung, meine Lehrerin glaubt, eine Trennung von seiner Mutter würde von zu nachteiligen Folgen für ihn begleitet sein. Frau Thaw schrieb mir kürzlich einen Brief über die Möglichkeit, etwas für all diese Kinder zu tun. Dr. Bell meint, die gegenwärtige Volkszählung würde ergeben, daß sich allein in den Vereinigten Staaten mehr als tausend befänden, und Frau Thaw glaubt, wenn alle meine Freunde ihre Anstrengungen vereinigten, so würde es ein leichtes sein, mit Beginn dieses neuen Jahrhunderts der Wohltätigkeit eine neue Bahn zu eröffnen und die Rettung dieser unglücklichen Kinder zu bewirken.

Am 11. November 1901 wurde Dr. Howes hundertjähriger Geburtstag in Boston feierlich begangen. Am Tage vorher schrieb Helen Keller an ihren Verwandten Dr. Edward Everett Hale (vergl. oben [S. 139]) folgenden Brief:

Cambridge, 10. November 1901.

Meine Lehrerin und ich hoffen morgen der Feier der hundertsten Wiederkehr von Dr. Howes Geburtstag beiwohnen zu können; aber ich bezweifle es sehr, ob wir eine Gelegenheit finden werden, mit Ihnen zu sprechen. Daher schreibe ich Ihnen heut, um Ihnen zu sagen, wie erfreut ich darüber bin, daß Sie die Festrede halten werden; denn ich fühle es, daß Sie besser als sonst jemand, den ich kenne, die aus dem tiefsten Herzen kommende Dankbarkeit derer zum Ausdruck bringen werden, die ihre Bildung, ihre Stellung im Leben, ihr Glück dem verdanken, der den Blinden die Augen geöffnet und den Stummen die Lautsprache geschenkt hat.

Während ich hier in meinem Studierzimmer sitze, umgeben von meinen Büchern, mich der tröstenden und erhebenden Gemeinschaft mit den großen Weisen erfreuend, suche ich mir vorzustellen, was mein Leben wohl gewesen wäre, wenn es Dr. Howe nicht gelungen wäre, die große, ihm von Gott gestellte Aufgabe zu lösen. Hätte er nicht die Verantwortung für Laura Bridgmans Erziehung übernommen und sie aus dem Schlunde des Acheron zurück zu ihrem Menschentume geführt, würde ich dann heut eine Schülerin des Radcliffe College sein — wer vermag dies zu sagen? Aber es ist nutzlos, über das zu grübeln, was in Bezug auf Dr. Howes große Leistung hätte sein können.

Ich glaube, nur diejenigen, welche jenem mehr dem Tode als dem Leben ähnlichen Dasein entronnen sind, von dem auch Laura Bridgman gerettet worden ist, können wissen, wie vereinsamt, wie in Dunkel gehüllt, wie durch die eigene Ohnmacht niedergedrückt eine Seele ohne Denken, ohne Glauben, ohne Hoffen ist. Worte sind zu schwach, um die Oede jenes Kerkers oder die Freude der Seele, die aus ihrer Haft befreit ist, zu schildern. Wenn wir die Dürftigkeit und Hilflosigkeit der Blinden vor dem Beginn von Dr. Howes Tätigkeit mit ihrer gegenwärtigen Brauchbarkeit und Unabhängigkeit vergleichen, so sind wir uns bewußt, daß sich große Dinge in unserer Mitte vollzogen haben. Physische Bedingungen haben hohe Mauern um uns errichtet, aber dank unserem Freunde und Helfer liegt uns die Welt nach oben offen; die Länge, die Breite, die Höhe des Himmels gehören uns.

Es ist ein erhebender Gedanke, daß Dr. Howes edles Unternehmen den ihm gebührenden Tribut der Liebe und Dankbarkeit in der Stadt erhalten soll, die der Schauplatz seiner unendlichen Mühen und seiner glänzenden Siege zum Besten der Menschheit gewesen ist.

Mit den herzlichsten Grüßen, denen sich meine Lehrerin anschließt, bin ich

in treuer Liebe

Ihre Freundin
Helen Keller.