Drittes Kapitel.

Wachsendes Verlangen nach Gedankenaustausch. — Laura Bridgman und Dr. Howe. — Reise nach Baltimore zu einem Augenarzte. — Besuch bei Alex. Graham Bell. — Herr Anagnos in Boston findet eine Lehrerin.

Inzwischen wuchs mein Verlangen, meinen Gedanken genügenden Ausdruck zu geben, von Tag zu Tag. Die wenigen Zeichen, deren ich mich bedienen konnte, wurden immer unzureichender, und das Fehlschlagen meiner Versuche, mich verständlicher zu machen, war stets von einem Ausbruche der Leidenschaft begleitet. Es war mir, als hielten mich unsichtbare Hände, und ich machte verzweifelte Anstrengungen, mich zu befreien. Ich kämpfte — nicht als ob dieser Kampf mir etwas genützt hätte, sondern weil der Geist des Widerstandes in mir lebendig war; ich brach auch in der Regel weinend und in völliger physischer Erschöpfung zusammen. War meine Mutter zufällig in der Nähe, so flüchtete ich mich in ihre Arme, zu elend, um mich auch nur der Ursache des Sturmes entsinnen zu können. Nach einiger Zeit wurde das Bedürfnis nach Verständigungsmitteln so dringend, daß diese leidenschaftlichen Auftritte alltäglich, bisweilen sogar allstündlich erfolgten.

Meine Eltern waren tief bekümmert und völlig ratlos. Wir wohnten weitab von jeder Blinden- oder Taubstummenschule, und es schien ausgeschlossen, daß jemand nach einem so abgelegenen Orte wie Tuscumbia kommen sollte, um ein Kind zu unterrichten, das sowohl blind wie taubstumm war. In der Tat zweifelten meine Verwandten und Bekannten mitunter an der Möglichkeit eines Unterrichts für mich. Meiner Mutter einziger Hoffnungsstrahl entsprang der Lektüre von Dickens’ »Amerikanischen Skizzen«. Sie hatte seinen Bericht über Laura Bridgman gelesen und entsann sich undeutlich, daß diese taubstumm und blind gewesen war und doch eine Erziehung erhalten hatte. Aber sie erinnerte sich in hoffnungslosem Schmerze auch daran, daß Dr. Howe, der Mittel und Wege entdeckt hatte, blinde Taubstumme zu unterrichten, seit mehreren Jahren tot war. Seine Methoden waren vermutlich mit ihm gestorben, und wenn dies nicht der Fall war, wie war es möglich, daß ein kleines Mädchen in einem weltabgelegenen Städtchen Alabamas einen Nutzen von ihnen haben konnte?

Als ich etwa sechs Jahre alt war, hörte mein Vater von einem berühmten Augenarzt in Baltimore, der in vielen anscheinend hoffnungslosen Fällen noch Erfolge erzielt hatte. Meine Eltern entschlossen sich sofort dazu, mit mir nach Baltimore zu reisen, um zu sehen, ob sich etwas für meine Augen tun ließe.

Die Reise, auf die ich mich noch gut entsinnen kann, machte mir viel Vergnügen. Ich befreundete mich während der Eisenbahnfahrt mit vielen Leuten. Eine Dame schenkte mir eine Schachtel mit Muscheln. Mein Vater durchbohrte sie, sodaß ich sie aufreihen konnte, und lange Zeit war ich glücklich und zufrieden über diese Beschäftigung. Auch der Schaffner war freundlich zu mir. Oft, wenn er seine Runde machte, klammerte ich mich an seine Rockschöße, während er die Fahrkarten einsammelte und durchlochte. Seine Zange, mit der er mich spielen ließ, war ein wunderbarer Zeitvertreib. Zusammengekauert in einer Ecke des Wagens vergnügte ich mich stundenlang damit, kleine Löcher in Pappe zu knipsen.

Meine Tante machte mir eine große Puppe aus Taschentüchern. Es war das komischste, formloseste Ding, diese improvisierte Puppe, ohne Nase, Mund, Augen oder Ohren, kurz es war nichts da, was selbst die Phantasie eines Kindes in ein Gesicht hätte umschaffen können. Seltsamerweise störte mich das Fehlen der Augen mehr als alle übrigen Mängel. Ich suchte dies allen Anwesenden beharrlich klarzumachen, aber niemand schien imstande zu sein, die Puppe mit Augen zu versehen. Plötzlich schoß mir ein Gedanke durch den Kopf, und die Aufgabe war gelöst. Ich sprang von meinem Sitze auf und suchte so lange, bis ich den Mantel meiner Tante fand, der mit großen Knöpfen besetzt war. Ich riß zwei Knöpfe ab und bedeutete ihr, sie möchte mir diese an meine Puppe nähen. Sie legte mit einer fragenden Gebärde meine Hand an ihre Augen, und ich nickte energisch. Die Knöpfe wurden an der richtigen Stelle angenäht, und ich konnte mich vor Freude nicht lassen, verlor jedoch augenblicklich alles Interesse an der Puppe. Während der ganzen Reise hatte ich keinen einzigen meiner gewöhnlichen Anfälle, denn es waren zu vielerlei Dinge da, die meinen Geist und meine Finger beschäftigten.

Als wir in Baltimore anlangten, empfing uns Dr. Chisholm mit großer Liebenswürdigkeit; er konnte aber nichts tun. Doch erklärte er, ich könne Unterricht erhalten, und wies meinen Vater an Dr. Alexander Graham Bell in Washington, der in der Lage sein würde, ihm nähere Auskunft über Schulen und Lehrer für blinde oder taubstumme Kinder zu erteilen. Dem Rate des Arztes zufolge reisten wir sofort nach Washington weiter, um Dr. Bell aufzusuchen, mein Vater mit Trauer und Zweifel im Herzen, während ich keine Ahnung von seinem Schmerz hatte und an der Aufregung des Reisens von Stadt zu Stadt Vergnügen fand. In meinem kindlichen Sinne empfand ich sofort das liebevolle, gütige Wesen, mit dem sich Dr. Bell so vieler Herzen gewann, wie er durch seine staunenswerten Erfolge aller Welt Bewunderung einflößte. Er hielt mich auf seinen Knien, während ich mit seiner Uhr spielte, die er für mich schlagen ließ. Er verstand meine Zeichen, und ich wußte dies und gewann ihn sofort lieb. Aber ich ließ es mir nicht träumen, daß diese Unterredung das Tor sein sollte, durch das ich schließlich aus der Finsternis zum Licht, aus der Vereinzelung zur Freundschaft, zur Gemeinschaft mit anderen, zur Erkenntnis, zur Liebe gelangte.

Dr. Bell riet meinem Vater, an Herrn Anagnos, den Direktor des Perkinsschen Instituts in Boston, zu schreiben, desselben, in dem Dr. Howe so segensreich für die Blinden gewirkt hatte, und bei ihm anzufragen, ob er einen Lehrer hätte, der imstande wäre, meine Erziehung in die Hand zu nehmen. Dies tat mein Vater sofort, und nach einigen Wochen traf ein liebenswürdiger Brief von Herrn Anagnos ein, mit der tröstlichen Zusicherung, daß eine Lehrerin gefunden sei. Dies war im Sommer 1886. Aber Fräulein Sullivan langte erst im folgenden März an.

So ward ich aus Aegyptenland geführt und stand vor dem Sinai; eine göttliche Macht berührte meinen Geist und machte ihn sehen, sodaß ich vieles Wunderbare wahrnehmen konnte. Und von dem heiligen Berge her hörte ich eine Stimme, die sprach: Wissen ist Liebe und Licht und Sehen.