Fünftes Kapitel.
Allmähliches Erwachen der Seele. — Unterricht im Freien. — Freude an der Natur. — Schrecken der Natur. — Gewitter. — Schönheit des Mimosenbaumes.
Ich entsinne mich vieler Ereignisse des Sommers 1887, der auf das Erwachen meiner Seele folgte. Fortwährend tastete ich mit meinen Händen umher und lernte die Bezeichnung für jeden Gegenstand, den ich berührte, kennen, und je mehr ich mit den Dingen bekannt wurde und ihre Bezeichnungen und ihre Zwecke kennen lernte, desto freudiger und stärker wurde das Bewußtsein meiner Verwandtschaft mit der übrigen Welt.
Als die Zeit der Maßliebchen und Butterblumen gekommen war, führte mich Fräulein Sullivan an ihrer Hand durch die Felder zu den Ufern des Tennesseestromes, und hier, auf dem warmen Grase sitzend, erhielt ich meinen ersten Unterricht über die Wohltaten der Natur. Ich lernte, wie die Sonne und der Regen jeden Baum, der „lustig anzusehen und gut zu essen“ war, aus dem Boden emporwachsen ließen, wie die Vögel ihre Nester bauen und von Land zu Land fliegen, wie das Eichhorn, der Hirsch, der Löwe und jedes andere Geschöpf Nahrung und Obdach finden. Je mehr meine Kenntnisse zunahmen, desto stärker wurde mein Entzücken über die Welt, in der ich lebte. Lange bevor ich ein Exempel rechnen oder die Gestalt der Erde beschreiben konnte, hatte mich Fräulein Sullivan gelehrt, in den duftenden Wäldern, in jedem Grashalm, wie in den Linien und Grübchen der Hand meiner kleinen Schwester Schönheit zu entdecken. Sie verknüpfte meine ersten Gedanken mit der Natur und brachte mir zum Bewußtsein, daß „Vögel, Blumen und ich glückliche, gleichberechtigte Gefährten seien“.
Um diese Zeit machte ich eine Erfahrung, die mich davon überzeugte, daß die Natur nicht immer gütig ist. Eines Tages kehrten meine Lehrerin und ich von einem langen Spaziergange zurück. Der Morgen war schön gewesen, aber es war drückend heiß geworden, als wir uns endlich auf den Heimweg machten. Ein paarmal rasteten wir unter einem Baum am Wegesrande. Unser letzter Halt fand unter einem wilden Kirschbaum statt, der in kurzer Entfernung vom Hause stand. Der Schatten war angenehm, und der Baum so leicht zu erklettern, daß ich mir mit Hilfe meiner Lehrerin einen Sitz in den Zweigen zu verschaffen vermochte. Es war so kühl auf dem Baum, daß Fräulein Sullivan vorschlug, hier unser Frühstück einzunehmen. Ich versprach ihr, still sitzen zu bleiben, während sie nach Hause ging, es zu holen.
Plötzlich ging eine Veränderung mit dem Baume vor. Alle Sonnenwärme verschwand aus der Luft. Ich wußte, der Himmel war schwarz umzogen, weil alle Hitze, die für mich Licht bedeutete, fort war. Ein seltsamer Geruch stieg aus der Erde empor. Ich kannte ihn, es war der Geruch, der stets einem Gewittersturm vorherzugehen pflegt, und ein namenloser Schreck krampfte mir das Herz zusammen. Ich fühlte mich ganz allein, abgeschnitten von meinen Freunden und der festen Erde. Das Unendliche, das Unbekannte umfing mich. Ich blieb still und ergeben sitzen; ein furchtbares Entsetzen beschlich mich. Ich sehnte mich nach der Rückkehr meiner Lehrerin; vor allem aber wollte ich von dem Baum herunter.
Es trat eine unheilverkündende Stille ein, dann aber begannen alle Zweige zu rauschen. Ein Zittern rann durch den Baum, und es erfolgte ein so heftiger Windstoß, daß er mich herabgeschleudert haben würde, hätte ich mich nicht mit aller Kraft an einem Aste festgeklammert. Der Baum schwankte hin und her. Kleine Zweige wurden abgerissen und fielen rings um mich her zu Boden. Es ergriff mich ein wildes Verlangen, herunterzuspringen, aber der Schreck hielt mich festgebannt. Ich kletterte bis zur Gabelung des Baumes zurück. Die Zweige schwankten rings um mich her. Ich fühlte das Rütteln, das sich dann und wann erhob, als sei etwas Schweres niedergefallen und die Erschütterung habe sich bis zu dem Aste, auf dem ich saß, fortgepflanzt. Meine Aufregung erreichte den höchsten Grad, und gerade als ich glaubte, der Baum würde samt mir zur Erde geschleudert werden, faßte mich meine Lehrerin an der Hand und half mir herunter. Ich klammerte mich zitternd an sie an, froh, wieder festen Boden unter den Füßen zu haben. Ich hatte etwas Neues gelernt — daß die Natur in offenem Kriege mit ihren Kindern liegt und daß man sich auch bei ihrem sanftesten Streicheln vor ihren heimtückischen Klauen hüten soll.
Nach diesem Ereignis verging eine lange Zeit, ehe ich wieder auf einen Baum kletterte. Der bloße Gedanke daran erfüllte mich mit Entsetzen. Es war der lockende Reiz des Mimosenbaums in voller Blütenpracht, der endlich meine Furcht überwand. Eines schönen Frühlingsmorgens, als ich allein im Gartenhause war und las, drang ein wunderbar feiner Duft zu mir. Ich stand auf und streckte instinktiv meine Hände aus. Es war, als sei der Geist des Frühlings durch das Gartenhaus geschritten. Was ist dies? fragte ich mich, und in der nächsten Minute erkannte ich den Geruch der Mimosenblüten. Ich tastete mich bis zum Ende des Gartens hin, da ich wußte, daß der Mimosenbaum in der Nähe des Zaunes an der Biegung des Weges stand. Ja, hier stand er, im warmen Sonnenscheine, und seine blütenbeladenen Zweige berührten beinahe das hohe Gras. Gibt es etwas Schöneres in der Welt, als diesen Baum? Seine zarten Blüten ziehen sich bei der leichtesten Berührung zusammen; es hatte den Anschein, als sei ein Baum aus dem Paradiese auf die Erde verpflanzt worden. Ich bahnte mir einen Weg durch einen Blütenregen hindurch bis zu dem großen Stamme; dort stand ich eine Minute lang unentschlossen da. Dann setzte ich meinen Fuß in den breiten Raum zwischen den gegabelten Aesten und schwang mich in den Baum hinauf. Ich hatte einige Schwierigkeit, mich festzuhalten, denn die Aeste waren sehr dick, und ich verletzte mir die Hände an der rauhen, rissigen Rinde. Aber ich hatte die köstliche Empfindung, daß ich etwas Außergewöhnliches und Wunderbares tat, und so klomm ich immer höher und höher empor, bis ich endlich einen kleinen Sitz erreichte, den sich jemand vor langer Zeit hier angelegt hatte, sodaß er mit dem Baume selbst verwachsen war. Ich saß hier lange, lange Zeit und hatte die Empfindung, als sei ich eine Fee auf einer rosigen Wolke. Auch später brachte ich noch viele glückliche Stunden auf meinem Paradiesesbaume zu, den Kopf voll herrlicher Gedanken und glänzender Träume.