Fünfzehntes Kapitel.

Erster Entwurf der »Lebensgeschichte«. — Zweifel und Unruhe. — Reise nach Washington zur Einführung des Präsidenten Cleveland, nach dem Niagarafall und der Weltausstellung in Chicago.

Den auf den Zwischenfall mit dem »Frostkönig« folgenden Sommer und Winter verlebte ich bei den Meinigen in Alabama. Ich erinnere mich mit Entzücken an jene Heimreise. Alles sproßte und blühte. Ich war glücklich. Der »Frostkönig« war vergessen.

Als der Boden sich mit den goldenen und purpurnen Blättern des Herbstes bedeckte und die würzig duftenden Trauben, die die Laube am anderen Ende des Gartens bedeckten, unter dem Einfluß der Sonnenwärme eine goldigbraune Färbung annahmen, begann ich eine Skizze über mein Leben abzufassen — ein Jahr, nachdem ich den »Frostkönig« geschrieben hatte.

Ich war noch über die Maßen peinlich in betreff jeder Zeile, die ich schrieb. Der Gedanke, daß meine Arbeit vielleicht nicht mein ausschließliches geistiges Eigentum sein könne, quälte mich unausgesetzt. Niemand wußte etwas von diesem Zagen als meine Lehrerin. Eine seltsame Empfindlichkeit hielt mich davon ab, den »Frostkönig« zu erwähnen, und oft wenn mir plötzlich im Laufe der Unterhaltung ein Gedanke kam, buchstabierte ich ihr leise zu: Ich weiß nicht genau, ob er mir gehört. Bisweilen sagte ich mir, während ich gerade einen Satz niederschrieb: Wie, wenn es sich herausstellen sollte, daß dieses alles schon vor langer Zeit von einem anderen gesagt worden ist? Eine unheimliche Furcht lähmte dann meine Hand, sodaß ich an diesem Tage nichts mehr schreiben konnte. Und selbst jetzt fühle ich noch mitunter dasselbe Unbehagen, dieselbe Unruhe. Fräulein Sullivan tröstete und unterstützte mich auf jede erdenkbare Weise; aber die fürchterliche Erfahrung, die ich gemacht hatte, ließ einen bleibenden Eindruck in meinem Geiste zurück, dessen Bedeutung ich erst jetzt zu verstehen beginne. In der Absicht, mein Selbstvertrauen wiederherzustellen, überredete mich meine Lehrerin, einen kurzen Abriß meines Lebens für den Youth’s Companion zu schreiben. Ich war damals zwölf Jahre alt. Wenn ich auf das Widerstreben zurückblicke, mit dem ich diese kleine Arbeit niederschrieb, so kommt es mir vor, als müsse ich eine prophetische Vision von dem Segen gehabt haben, der aus diesem Unternehmen für mich entsprang, sonst würde ich es sicher nicht durchgeführt haben.

Ich schrieb zaghaft, furchtsam, aber entschlossen, von meiner Lehrerin gedrängt, die wohl einsah, daß, wenn ich die Arbeit durchführte, ich mein Selbstvertrauen wiedergewinnen und einen Begriff von meinen Fähigkeiten bekommen würde. Bis zu der Zeit der Episode mit dem »Frostkönig« hatte ich das unbewußte Leben eines kleinen Kindes geführt; nun wandten sich meine Gedanken nach innen, und ich nahm unsichtbare Dinge wahr. Allmählich erwachte ich aus dem Hindämmern, in das mich jene Erfahrung versetzt hatte, mit einem durch praktische Betätigung klarer gewordenen Geist und mit einer richtigeren Erkenntnis des Lebens.

Die Hauptereignisse des Jahres 1893 waren meine Reise nach Washington zur Einführung des Präsidenten Cleveland und meine Besuche des Niagarafalls und der Weltausstellung in Chicago. Unter diesen Umständen wurden meine Studien fortwährend unterbrochen und oft viele Wochen völlig vernachlässigt, sodaß es mir unmöglich ist, einen zusammenhängenden Bericht von ihnen zu geben.

Zum Niagarafalle reisten wir im März 1893. Es läßt sich schwer in Worte fassen, was ich empfand, als ich auf der die amerikanischen Fälle überragenden Platte stand und die Luft erzittern und die Erde erbeben fühlte.

Es erscheint vielen seltsam, daß ich einen Eindruck von den Wundern und Schönheiten des Niagarafalles bekommen haben soll. Sie fragen mich stets: Was ist diese Schönheit und diese Musik für Sie? Sie können die Wogen nicht an das Ufer rollen sehen oder ihr Tosen hören. Was für eine Bedeutung hat dies für Sie? — Es hat im allerbuchstäblichsten Sinne die höchste Bedeutung für mich. Ich kann seine Bedeutung ebensowenig ergründen oder definieren, wie ich die Liebe, die Religion oder die Güte ergründen oder definieren kann.[8]

Im Sommer 1893 besuchten wir in der Begleitung Dr. Alexander Graham Bells die Weltausstellung. Ich erinnere mich noch heute mit durch keinen Mißklang gestörter Freude jener Tage, an denen tausend kindische Wünsche zu schöner Wirklichkeit erwachten. Jeden Tag machte ich eine Reise um die Welt und sah ungezählte Wunderwerke aus den entlegensten Teilen der Erde — staunenswerte Erfindungen, Schätze der Industrie, der Geschicklichkeit und aller Tätigkeiten des menschlichen Lebens tatsächlich unter meinen Fingerspitzen vorübergleiten.

Mit Vorliebe besuchte ich die Schaustellung an dem großen Mittelwege. Hier schienen sich mir die Märchen aus »Tausendund einer Nacht« verkörpert zu haben, so voll von Neuem und Interessantem war alles. Hier befand sich das Indien meiner Bücher in dem zierlichen Bazar mit seinen Shiwas und seinen Elefantengöttern wieder; hier war das Land der Pyramiden in ein Modell von Kairo mit seinen Moscheen und langen Prozessionen von Kamelen zusammengedrängt; dort drüben lagen die Lagunen von Venedig, auf denen wir jeden Abend in einer Gondel umherfuhren, wenn die Ausstellungsgebäude und die Springbrunnen illuminiert waren. Auch an Bord eines Wikingerschiffes ging ich, das in kurzer Entfernung von der kleinen Werft vor Anker lag. Ich war schon vorher, in Boston, auf einem Kriegsschiff gewesen, und es war mir interessant, auf diesem Wikingerschiff zu sehen, wie der Seemann einst alles in allem war — wie er dahinsegelte und Sturm und Windstille mit demselben unverzagten Herzen aufnahm, wie er Jagd auf jedermann machte, der seinen wilden Ruf: Wir sind von der See! beantwortete, wie er mit seinem Kopfe und seinen Sehnen arbeitete, selbstbewußt, selbstgenügsam, anstatt sich durch eine intelligenzlose Maschine in den Hintergrund drängen zu lassen, wie es heutzutage mit unseren Blaujacken der Fall ist. So ist es stets — „Der Mensch ist nur dem Menschen interessant.“

Nicht weit von diesem Schiffe entfernt lag ein Modell der »Santa Maria«, die ich ebenfalls untersuchte. Der Kapitän zeigte mir Kolumbus’ Kajüte und sein Pult mit einem Stundenglase darauf. Dieses kleine Instrument machte den tiefsten Eindruck auf mich, weil es mich daran erinnerte, wie schwer es dem kühnen Seefahrer ums Herz gewesen sein muß, als er den Sand Korn für Korn herunterrinnen sah, während die verzweifelte Schiffsbesatzung einen Anschlag gegen sein Leben plante.

Der Präsident der Weltausstellung, Herr Higinbotham, gestattete mir gütigst, die ausgestellten Gegenstände zu berühren, und mit ebenso unersättlicher Gier, wie sie Pizarro empfunden haben muß, als er von den Schätzen Perus Besitz ergriff, nahm ich die Herrlichkeiten der Ausstellung in meine Hand. Diese weiße Stadt des Westens bildete eine Art von „fühlbarem“ Kaleidoskop. Alles fesselte mich, namentlich aber die französischen Bronzen. Sie waren so lebensvoll, daß ich glaubte, es seien himmlische Visionen, die der Künstler aufgefangen und in irdische Formen gebannt habe.[9]

Auf der Ausstellung des Kaplandes lernte ich viel über die Art und Weise, in der nach Diamanten gegraben wird. Wo es mir irgend möglich war, berührte ich die Maschine, während sie in Gang war, um eine klarere Vorstellung von dem Abwägen, Schneiden und Schleifen der Steine zu erhalten. Ich suchte in der Wäscherei nach einem Diamanten, und fand ihn auch wirklich — den einzigen echten Diamanten, heißt es, der jemals in den Vereinigten Staaten gefunden worden ist.

Dr. Bell begleitete uns überallhin und beschrieb mir in seiner anziehenden Weise die Gegenstände, die das größte Interesse darboten. In der elektrischen Ausstellung untersuchten wir die Telephone, Autophone, Phonographen und andere Erfindungen, und er erklärte mir, wie es möglich sei, eine Botschaft auf Drähten in die weite Welt zu senden, die des Raumes spottet und der Zeit vorauseilt, und, wie es Prometheus tat, Feuer vom Himmel herabzuholen. Ebenso besuchten wir die anthropologische Abteilung, wo mich am meisten die mexikanischen Altertümer interessierten, die rohen Steinarbeiten, die so oft die einzige Erinnerung an ein Zeitalter bilden, die einfachen Denkmäler ungebildeter Naturkinder (wie ich glaubte, als ich sie mit meinen Fingern betastete), die bestimmt scheinen, die dereinst in Staub zerfallenden Schriften von Königen und Weisen zu überdauern. Ebenso fesselten die ägyptischen Mumien meine Aufmerksamkeit, vor deren Berührung ich jedoch zurückschreckte. Von diesen Altertümern habe ich mehr über den Fortschritt der Menschheit gelernt, als ich bis dahin je gehört oder gelesen hatte.

Alle diese Erfahrungen bereicherten meinen Wortschatz mit einer großen Menge neuer Ausdrücke, und in den drei Wochen, die ich dem Besuche der Weltausstellung widmete, machte ich einen gewaltigen Fortschritt von meinem kindlichen Interesse an Märchen und Spielzeug hin zu der richtigen Wertschätzung der realen und ernst arbeitenden Welt.

[8] Vergl. [S. 167 ff.]

[9] Vergl. [S. 168.]